Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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FRIEDEN SAMT KRIEG PSYCHOLOGISCH BEWÄLTIGT

1. Wenn man Anhängern der Devise "Psychologie für den Frieden" vor- wirft, wie harmlos die Politik dasteht, wenn sie mit seelischen Mängeln der Politiker erklärt wird: dann heißt die Antwort, so wäre es nie gemeint gewesen. Kein Mensch wollte ernsthaft die po- litische Arbeit der Friedensbewegung durch eine Psychotherapie für Kohl und Genscher ersetzen; und die Psychologie hätte auch nicht den Alleinvertretungsanspruch für Rüstungskritiker. Aber psychologische Analysen des Geisteszustandes der Beteiligten wä- ren eben nicht unnütz, um sich die "Irrationalität" des Atom- kriegs vor Augen zu rühren; und so wären politischer Protest und Widerstand durchaus zu verbinden mit Friedenspsychologie. Das halten wir für grundverkehrt: es handelt sich um u n v e r e i n b a r e Z w e c k e. 2. Seitdem sich die Angst vor dem Krieg öffentlich Gehör ver- schaffte, widmet die Psychologie der "Kriegsgefahr" besondere Aufmerksamkeit. Was im Namen des menschlichen Gefühls als Recht- fertigung dieser Angst begann, hat sich längst zu einer psycholo- gischen Lösung der Kriegsschuldfrage ausgewachsen: der Mensch ist schuld am Krieg, oder genauer: der menschliche Seelenhaushalt, die psychischen Mechanismen, die unbewußt in jedem von uns wir- ken. Diese Erklärung fällt der Psychologie nicht schwer - ihre Theorien leben ohnehin von der Überzeugung, daß die unterschied- lichsten Verhaltensweisen nur die Erscheinungsform einer geheimen Beschäftigung des Individuums mit sich selbst sind. Auf dieser Grundlage diagnostiziert sie mehr oder weniger funktionale "Bewältigungstheorien" des Menschen im Umgang mit seinen Trieben, Konditionierungen, Gefühlen, Konflikten und vielem anderem mehr. Wendet man diese Ideologie auf die Politik an, dann steht fest: die Kriegsvorbereitungen des Staates sind als Ausfluß solcher Disposition seiner Macher aufzufassen, wenn nicht gar gleich als Krankheitssymptom des "modernen Menschen". Dabei ist nichts so offensichtlich wie die Tatsache, daß Kriege nicht von Menschen mit irregeleiteten Bedürfnissen geführt werden. Zu diesem politi- schen Interesse gehört allemal ein Staat, der andere Nationen zur Schranke seines Erfolgs erklärt; und zur Durchsetzung dieses In- teresses gehören Waffen, die von der Produktion bis zum Einsatz die exklusiven Gewaltmittel staatlichen Willens sind und bleiben. 3. "Wie friedensfähig ist der Mensch?" oder "Was läßt ihn so un- friedlich sein?" lauten dann die verkehrten Fragen, welche die psychologischen Disziplinen routiniert beantworten: mit der "Aggression", die sich je nach Theorie bereits im Tierreich oder erst im menschlichen Kinderzimmer beobachten läßt, mit der "Gruppenidentität", die sich das Herdentier Mensch durch Aufbau eines "Feindbildes" geben müßte, oder mit der "Verdrängung", die es dem Individuum vermehrt, sich seine "Angst" vor dem Krieg ein- zugestehen, und "es" genau in den "Rüstungswahnsinn" hinein- treibt, vor dem es Angst hat. Der Unsinn hat Methode. Er wirft nicht nur eine Generalabsolution von Rüstung und Krieg ab; er fordert auch zu einer ebenso generellen Selbstbezichtigung auf. Ein jeder möge sich prüfen und seinen heimlichen Hang zur Gewalt- tätigkeit eingestehen, heißt die Moral. Das soll ausdrücklich eine Empfehlung für die Friedensbewegung sein: Schluß mit der "Verteufelung des politischen Gegners", auf zur gruppentherapeu- tischen Erarbeitung einer psychologisch versierten Schafsnatur! Angeblich ist das die einzige "Chance", die nach der Stationie- rung bleibt. 4. Dieser Interpretation entspricht das sogenannte berufspezifische Selbstverständnis von Psychologen in der Friedensbewegung: "Protest" oder gar "Widerstand" soll nur noch im Übertragenen Sinne demonstriert werden. Die laufenden Kriegsvorbereitungen sind für sie ein Zeichen mangelnder moralischer Verantwortung für das "Schicksal der Menschheit", von der sie Zeugnis ablegen wol- len. In einer Öffentlichkeit, in der Politiker jede ihrer Ent- scheidungen mit der Sorge um den "Weltfrieden" oder der Währung des "inneren Friedens" legitimieren können, rühren Friedenspsy- chologen sich selbst als Vorbilder problembewußten Friedenswil- lens vor. Daher gehören psychologische Kriegstheorien heute auch zu den of- fiziell erwünschten Elementen höherer Bildung. Als Vor- und Nach- kriegsideologie für den kritischen Staatsbürger läßt sich ihre Lehre durchaus gebrauchen. zurück