Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 46, 08.12.1981
       
       Kleine psychologische Beiträge für
       

DAS GEISTIGE RÜSTZEUG DER NATION

Die Kommentierung des Breshnew-Besuchs im bundesdeutschen Blät- terwald hatte einiges zu bieten. Nur eines nicht: eine Analyse dessen, worum es da wirklich ging. Daß der Friedenskanzler seinem Gast da ein reichlich unverschämtes U l t i m a t u m als Ver- handlung präsentierte - ihr entledigt euch eurer Raketen fried- lich oder wir rüsten weiter auf die Aufkündigung des Friedens zu -, macht einen westlichen Pressefritzen nicht nachdenklich über die Friedenspolitik des westlichen Lagers. Umgekehrt: es macht sie alle freudig erregt, daß der Kreml-Führer, auf diese Weise abgefertigt, mit gewissen gütlichen Vorschlägen herausrückt, die an der entschiedenen Unnachgiebigkeit der Deutschen abblitzen. Und alle sind mit der politischen Linie der Nation gegen den Osten so z u f r i e d e n, daß man sie als fingierte Charak- terurteile über unseren Helmut und den Dicken aus dem Osten g e n i e ß t. Was der Diplomatie aus dem Kanzleramt ihre Wucht verleiht, das NATO-Bündnis mit seinen Soldaten und Waffen, er- scheint durch diese Brille als Rechtschaffenheit eines geradlini- gen Charakters Schmidt, der offen und wahrhaftig die ganze Härte des eigenen Standpunkts seinem Gegenüber um die Ohren haut. Daß diese Unerschrockenheit vor dem Feind sich nur ein überlegener gegenüber einem Unterlegenen herausnehmen kann, ist für den na- tionalistischen Standpunkt schon wieder ein Grund zur Freude, daß Breshnew eine unterlegene Nation anfährt, die soeben von einem Kanzler eingeseift wird, dessen Reich (leider) nicht einmal bis zur Memel reicht, übersetzt sich so ein Beobachter in die Klapp- rigkeit und Trotteligkeit eines greisen Russen, der es nicht an- ders verdient. Irgendwie ein angeschossener Bär auf dein abstei- genden Ast - also Vorsicht beim Schlachten. Wenn ein Wissen- schaftler wie der Bremer Psychologe STEMME das Wort ergreift, weil man "kaum etwas (erfährt) von dem, was hinter den Kulissen vorgeht und tatsächlich besprochen wird", dann darf man das nicht so mißverstehen, daß er Erklärungen nachreichen wollte, die dem lesenden Bürger in den offiziellen Besprechungen vorenthalten würden. Denn erstens stellt er sich doof: worüber wie gesprochen wurde in Bonn, nämlich die diplomatische Offensive von West gegen Ost als frankierende Maßnahme der militärischen, ist niemandem ein Geheimnis, der darüber offen in deutschnationale Begeisterung ausbricht. (Wer sich darüber Klarheit verschaffen will, dem emp- fehlen wir MSZ 6/81; vgl. die Anzeige in dieser Zeitung) STEMME will nämlich zweitens mit seinem Blick "h i n t e r die Kulis- sen D e u t u n g e n nachreichen für das politische Urteil der Nation über einen beschlossenen Staatsfeind, die nach Wissen- schaft, also objektiv aussehen. Daß der dafür keinen einzigen Fehler der Psychologie hinzulernen mußte, spricht nicht gegen ihn - aber auch nicht für seine Disziplin: die übersetzt einfach den Stichwortkatalog der nationalen Propaganda in psychologische Ur- teile über den östlichen Menschenschlag am Beispiel des angerei- sten Breshnew. Ein paar Kostproben: "Neu in Funk Uhr Fernsehen besser verstehen Funk-Uhr Autor Fritz Stemme, Professor der Psychologie in Bremen, durchleuchtet interessante Bildschirm-Ereignisse Fast jede Bewegung, jede Geste ist geplant: Wenn der sowjetische Partei- und Staatschef Breschnew nach Bonn kommt, demonstriert er auf Schritt und Tritt Macht. Wie man das in den Fernseh-Szenen vom Staatsbesuch erkennen kann, erklärt hier ein Kenner der ver- schlungenen Kreml-Rituale Die Geheimnisse des Genossen Leonid" 1. Bei den Russen kann doch was nicht stimmen! ---------------------------------------------- "Breschnew weiß, wie man mir bei einem Moskau-Besuch von kompe- tenter Seite versicherte, daß er bei solchen Ansen (wenn er als Staats- und Parteichef auftritt) Staat, Partei, Regierung und Volk der Sowjetunion repräsentieren muß." Wahnsinn! Ob unser Herr Bundeskanzler leicht weiß, wen er reprä- sentiert? Macht aber nichts, STEMME hat den Roten Platz ohnehin nur als Startrampe für einen Himmelausflug benutzt, auf dem er in lichten Höhen "ein Bild wie Ikonostase entdeckt": 2. Heilige Jungfrau! -------------------- Bild ansehen Zwei Bilder, ein Schema... "Den Gläubigen sagt allein die Plazierung, welche Heiligenfiguren auf einer Ikone dargestellt sind. Genauso am 7. November auf dem Lenin-Mausoleum. Ober dem Eingang, der heiligen Pforte in der Kirchenwand vergleichbar, prangen die Buchstaben des Namens Le- nin. Direkt über dem mittleren Buchstaben (unglaublich!) steht das Staatsoberhaupt Breshnew, auf der Ikone ist an dieser Stelle Jesus Christus oder die heilige Maria zu sehen." Das spricht ganz entschieden gegen? Na? Nein, halt: nicht gegen die heilige Jungfrau, die wird ja auch von abendländischen Psy- chologen verehrt. Richtig, gegen das ZK der Russen. Ein braver Professor nimmt doch nicht einfach Anstoß an der M a c h t des Staates. Da müßte er ja auch gegen den Kanzler und seine Zumutun- gen anstinken. Die Macht eines f r e m d e n Staates hat einen guten Deutschen zu stören, und damit er sie von der Macht seiner Bonner Herrscher unterscheiden kann, rückt er die Russen mit sei- nem Ikonenvergleich in die Nähe der A l l macht. Weiß der Teu- fel, worin der Unterschied bestehen soll, aber jetzt hat der alte Knacker ein Wort für die V e r a c h t u n g gefunden - des a n d e r e n Staates. 3. Heilige Einfalt! ------------------- "Breshnews Begleiter folgen dem Staatsoberhaupt in einer festge- legten Ranghierarchie." Ganz anders bei uns: da schleicht der Kanzler betreten hinter seinen Vorkostern und Stenographen hinterher, und ob er oder seine Putzfrau sich vor die Mitte der Mikrophone pflanzt, ist da immer sehr die Frage. Kleines Fazit: -------------- der psychologische Blick auf die Weltpolitik ist nicht nur der Dummheit verwandt. Das Gedankengut solcher Brotgelehrten ist auch eines lupenreinen Bekenntnis zum Imperialismus mächtig, wenn die Politik der Nation danach steht: "Die Symbolik ist bei den Russen unübersehbar. So war es immer, wenn Weltanschauungen, Religionen oder Ideologien versuchten, Stabilität in den Ablauf der Geschichte zu bringen." Erstens hat der Professor s e i n e bescheuerte Ikonen-Symbolik den Russen angehängt. Zweitens stehen sie deswegen als Anhänger von Un-Vernunft da, die mit ihrer Irratio nicht nur die eigenen vier Wände, sondern den "Ablauf der Geschichte" heimsuchen. Drit- tens sind sie bei alledem nicht einfach h a r m l o s e Trot- tel, weil diese Unvernunft auch noch Gewehre hat. Viertens: fer- tig ist die NATO! Wie soll man sonst umgehen mit einer Gewalt, die der (NATO-)Vernunft prinzipiell nicht zugänglich sein kann, nicht wahr, Herr Professor? P.S.: Wer nun einwendet, wir hätten mit Prof. STEMME ausgerechnet einen Flachkopf des psychologischen Gewerbes herausgepickt, das ansonsten viel gehobenere, kritische Blicke "hinter die Kulissen" zu bieten habe, möge seine Behauptung auch belegen. Entsprechen- den Einsendungen an die BHZ-Redaktion c/o Marxistischer Buchla- den, Feldstr. 110 sehen wir erwartungsvoll entgegen. zurück