Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 44, 05.06.1984
Bräuer: Gruppenpsychologie Kommunikation Interaktion
KOHL, ABER NICHT GOEBBELS ZUJUBELN?
Einsamer Höhepunkt jedes gruppenpsychologischen Seminars ist es,
wenn der Herr Professor auf die Massenpsychologie zu sprechen
kommt, um am Beispiel randalierender Fußballfans oder der
'(Volks-)Massen im Faschismus' die 'Untiefen menschlichen Verhal-
tens' auszulosen. So suchte Herr BRÄUER die verselbständigte,
überindividuelle Kraft einer 'Seele des Volkes' folgendermaßen zu
veranschaulichen.
'Masse' kappt 'Ratio'
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Wie sonst als durch das Zusammentreffen großer Massen und einer
entsprechend emotional aufgeladenen Atmosphäre sei es zu erklä-
ren, daß die 1938 im Berliner Stadion versammelte Bevölkerung
Goebbels auf die Frage 'Wollt ihr Kanonen statt Butter' begei-
stert 'ja' zujubelte. Denn hätte man sie später noch einmal al-
leine zu Hause gefragt, ob sie tatsächlich für Krieg seien, so
hätte dies sicherlich manch einer weit von sich gewiesen.
Dieses Beispiel zeige, daß die 'Volksseele' dazu fähig sei,
'individuelle rationale und emotionale Schranken niederzureißen'.
Zwar mag der Sozialpsychologe hier an den Unterschied, den jeder
kennt, appellieren, etwa ein Fußballspiel allein vor dem Fernse-
her oder live im Stadion mitzuerleben. Klar, wenn sich daß Publi-
kum begeistern läßt, dann 'kommt es zu massenhaften Beifalls- und
Unmutsäußerungen, die sich daheim vor dem Bildschirm ziemlich
wirkungslos und überflüssig ausnehmen würden. Die Behauptung, die
'Masse' bzw. die 'Atmosphäre' könne den einzelnen quasi umpolen,
ihn zu Dingen verleiten, die er eigentlich gar nicht will, be-
weist das allerdings nicht. Denn genauso wie die A n z a h l
für sich genommen keinen Aufschluß darüber bietet, warum die Be-
völkerung damals ausgerechnet für 'Kanonen' statt für 'Butter'
plädierte, widerlegt noch jeder Schalkefan im vollbesetzten West-
falen-Stadion, der völlig unbeirrt zu 'seiner' Mannschaft hält,
die Vorstellung, 'der' Mensch sei ein 'labiler Charakter', der
sich jeder gerade vorherrschenden 'Stimmung' anpasse.
Einsichtig kann die vorgetragene Deutung des 'Phänomens Faschis-
mus' eigentlich nur dem sein, der die Unterstellung der Sozial-
psychologie teilt, die Zustimmung zum nationalsozialistischen
Kriegsprogramm könne nur 'irrationalen Kräften' geschuldet sein.
Sicherlich, angenommen, jeder im Stadion habe an sein eigenes
Wohlergehen und das seiner Familie gedacht, so scheint es nicht
gerade vernünftig, einen Krieg zu befürworten. Nur, vielleicht
legte der Einzelne gar nicht d i e s e n Maßstab seiner Ent-
scheidung zugrunde, sondern urteilte als d e u t s c h e r
S t a a t s b ü r g e r? Denn als solcher (und nur als solcher)
kann er durchaus das für ihn persönlich sehr schädliche Interesse
an einer starken deutschen Nation entwickeln, die sich auch mili-
tärisch nach außen behaupten 'muß'. Ein Standpunkt allerdings,
der ohne einige verkehrte Überlegungen nicht zu haben ist.
Da muß er sich schon seine eigene miese Lage als Arbeiter oder
Arbeitsloser falsch erklärt haben. Statt im staatlichen Schutz
des Privateigentums den Zwang zu erkennen, auf einen Kapitalisten
angewiesen zu sein, der den Einsatz seiner Arbeitskraft für loh-
nend befindet oder halt auch nicht, faßt er diese Abhängigkeit
(die sein Leben nicht sichert, sondern ständig mehr oder weniger
in Frage stellt), auf als ein Mittel, das ihm gegeben wäre, um
sein Leben fristen zu können.
So betrachtet, verwandelt sich die staatliche Verpflichtung auf
Lohnarbeit von dem Zwang, den sie tatsächlich für den Arbeiter
bedeutet, zu einer Chance, die ihm der Staat eröffnen würde.
Diese zunächst vielleicht harmlos erscheinende Umkehrung beinhal-
tet allerdings einige harte Konsequenzen. Sie legt nämlich den
Gedanken nahe, eine unmittelbare Existenzbestreitung durch Ar-
beitslosigkeit verdanke sich einer S c h w ä c h e des Staates,
der nicht recht in der Lage sei, seine Ökonomie gegen innere wie
äußere feindliche Einflüsse zu s c h ü t z e n. Nicht mehr die
Politik und die durch sie abgesicherte Wirtschaft macht den Leu-
ten das Leben schwer, nicht mehr der Arbeiter ist bedroht, son-
dern 'sein' Staat und 'unsere' Wirtschaft. Mit der fatalen
Schlußfolgerung, ein bedingungsloser Einsatz zur Stärkung, zur
Verteidigung der Nation sei vonnöten. Ein Krieg, den die Politik
auf die Tagesordnung setzt, ist da allemal mit inbegriffen.
In der Tat kann der Nationalismus eines solchen Bürgers als un-
vernünftig bezeichnet werden, weil er ihm nur schadet. Das Merk-
würdige an dem sozialpsychologischen Urteil, 'irrational' sei das
Verhalten der damaligen Bevölkerung gewesen, ist aber, daß der
Psychologie diese falschen Gedanken heutzutage völlig 'rational'
gelten.
In der Sorge um das 'zarte Pflänzchen Aufschwung' oder um den
durch einen Streik tunlichst nicht zu gefährdenden weltweiten
ökonomischen Erfolg der BRD will sie nicht entdecken können, daß
der Normalbürger hiermit genau wie damals dazu angehalten wird,
sein Interesse dem großen Ganzen zu opfern. 'Irrational' im Sinne
der Sozialpsychologie ist es nämlich nicht, sich bis zum Letzten
für 'seinen' Staat einzusetzen, sondern nur dann, wenn es sich um
den f a l s c h e n Staat handelt.
Ausgangspunkt der psychologischen Interpretation ist also das na-
tionale Vorurteil von heute, der Faschismus sei ein Staat gewe-
sen, für den sich Opfer nicht lohnten (schließlich weiß man
heute, daß der Krieg verloren wurde, das Sterben und Morden also
'sinnlos' war - für wen bloß). Nur durch diese bundesrepublikani-
sche Brille gesehen stellt sich der zu erklärende Tatbestand, daß
die Leute Hitler und seiner Kriegshetze zustimmten, dar als die
'schwierige Frage', warum sie zustimmten, obwohl - weil es sich
der demokratische Verstand nicht anders vorstellen mag - eigent-
lich alle dagegen gewesen sein sollen. So ergibt sich die
'Notwendigkeit', nach 'irrationalen Kräften' zu suchen, die die
(einfach unterstellte demokratisch gesonnene) 'Ratio' der Bevöl-
kerung übertölpelt haben sollen. Eine Vorstellung, die schnur-
stracks in der absurden Vorstellung endet, 'Massen' produzierten
eine 'freischwebende Gefühlswallung', ohne Bezugspunkt und
zunächst richtungslos, die durch allerlei Tricks von Bösewichten
wie Hitler und Konsorten zu unmoralischen Zwecken ausgenutzt wer-
den kann. Gerade so, als würde nicht ein wohlinszeniertes Abspie-
len der Nationalhymne nur den in Hurra-Stimmung bringen, dem eh
schon 'Deutschland über alles' (also auch und gerade über sein
eigenes Leben) geht.
Demselben Vorbehalt, die Leute hätten schlechterdings einem Hit-
ler nicht zujubeln wollen k ö n n e n, folgt auch die sozial-
psychologische 'Beweisführung', hinterher hätte sich mancher über
sein Verhalten gewundert und sich davon distanziert.
Woher will man denn das wissen? Ist der Vater dieses Gedankens
nicht einzig das vorausgesetzte Dogma, keine andere Erklärung
finden zu wollen als einen psychologischen Ausnahmezustand, der
aus eigentlich 'vernünftigen' Gegnern Hitlers begeisterte Faschi-
sten machte?
Warnung wovor?
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Worauf soll man nun, will man der Sozialpsychologie Glauben
schenken, aufpassen? Soll man Massenversammlungen meiden? Oder
zumindest die mit eindeutig parteipolitischem Einschlag von der
CDU/SPD oder FDP? Soll man Kohl und Vogel nicht mehr über den Weg
trauen, weil sie für Kanonen und Raketen werben und der Bevölke-
rung die 'Butter' vom Brot nehmen? Nein, so war das nicht ge-
meint! Gewarnt wird vor einem bedingsungslosen Einsatz für
falsche Politiker namens Demagogen, und zu denen gehören demokra-
tische ganz sicher nicht. Schließlich sind sie gewählt. Und das
hat für den gläubigen Demokraten nun einmal den Unterschied zu
machen. Demagogen, also Leute, die für eine Politik agitieren,
die den kleinen Mann schädigt, sind nicht unter unseren eigenen
Machthabern zu suchen, sondern unter den F e i n d e n d e r
D e m o k r a t i e: im Ausland (Moskau), im Inland
(Kommunisten) und allemal auch in Deutschlands brauner Vergangen-
heit: gestern, gestern, nur nicht heute!
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