Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Josef Held
       

WISSENSCHAFTSKRITIK ALS KARIKATUR

Daß es um die theoretische Reflexion und die Fähigkeit zu fun- dierter Kritik in den Sozialwissenschaften unter den Bedingungen der Universität heute schlecht steht, ist kein Geheimnis. Viele beschäftigen sich in folgender Weise mit sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen: Sie photokopieren den kürzesten Aufsatz, den der Autor geschrieben hat, möglichst einen in populärwissenschaftli- cher Form, überfliegen ihn schnell mit der Voreinstellung, daß die Theorie wahrscheinlich eh nichts taugt, bilden sich dann aus dem hohlen Bauch ihr Urteil, das zum Ergebnis hat, daß sich keine weitere Anstrengung lohnt, und halten das dann auch noch für Wis- senschaftskritik. Wenn die theoretische Reflexion so auf den Hund gekommen ist, wundert die schludrige Rezeption der MG zur Kritischen Psycholo- gie auch niemanden mehr. Vielleicht sind sogar einige froh über diese "Kritik" der MG, weil sie ihnen zu bestätigen scheint, daß man sich mit diesem Ansatz kritischer Wissenschaft auch nicht mehr auseinanderzusetzen braucht. In ihrer "Kritik" macht es sich die MG-AutorIn leicht. Sie rezi- piert ein Interview eines Vertreters der Kritischen Psychologie mit der populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Psychologie heute" und versucht daran für den ganzen Ansatz nachzuweisen, daß er falsch und unkritisch sei. Als erstes bringt sie ein Zitat aus dem Interview, das sie aus dem Zusammenhang gerissen 'für sich' sprechen läßt. Auf einer sehr eigenwilligen Interpretation dieses Zitats wird dann fast die Hälfte der gesamten "Kritik" aufgebaut. Der Ansatz der Kritischen Psychologie (KPs) wird dabei auf den Kopf gestellt und ist nicht mehr wiederzuerkennen. Es wird z.B. unterstellt, die KPs würde das Verhältnis von Individuum und Ge- sellschaft so fassen, daß die Gesellschaft "von außen irgendwie auf sie (die Subjekte J.H.) niederschlägt" (S. 1), die Individuen unterlägen "psychologischen Wirkungen", in ihnen würden "Verkapselungen" eingepflanzt, die dort ihr Unwesen treiben und ihrem Bewußtsein unzugänglich sind. Im Gegensatz zu solchem Unsinn geht die KPs davon aus, daß die Menschen auf der Basis ihrer subjektiven Bedürfnisse und Interes- sen denken und handeln, aber unter gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen. In Abwandlung eines Zitats von Marx sagt Rosa Luxem- burg "die Menschen machen ihre Geschichte nicht freiwillig, aber sie machen sie selbst". Dieser grundlegende marxistische Denkansatz zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist Leuten von der MG schon zu kom- pliziert. Sie lieben die klare Alternative: Entweder die Menschen machen ihre Geschichte selbst und freiwillig, oder sie sind dem Kapitalismus ausgeliefert und können deshalb nichts machen. So- bald jemand in der Universität - und außerhalb - auftritt und eine Perspektive für die alltäglichen Kämpfe zu entwickeln ver- sucht, ist die MG schon da mit dem 'Nachweis', daß es sich be- stenfalls um Illusionen und im übrigen um eine kritiklose Form des Mitmachens, d.h. um Anpassung handelt. Deshalb endet auch in dem Papier die 'Auseinandersetzung' mit der Kritischen Psycholo- gie mit dem schon vorausgesetzten Ergebnis, daß diese sich "nur dem frommen Wunsche nach als gesellschaftsverändernde Perspek- tive" erweist. Was ist für die MG das Gegenteil von Anpassung und Mitmachen? Dazu gibt es nur indirekte und spärliche Aussagen, da sich die MG bekanntlich über die konkrete politische Handlungsperspektive ausschweigt. In dem Papier findet sich aber ein Hinweis. Das Ge- genteil von Anpassung ist "sich gar nicht erst an einer Gesell- schaft beteiligen wollen, in der man keinen Nutzen für sich re- alisieren kann" (S. 3). Das wird dem Handlungskonzept der KPs entgegengestellt. Auch hier liebt die MG wieder die einfache Alternative. Entweder man paßt sich an, oder man will mit der ganzen Gesellschaft nichts mehr zu tun haben. So einfach wie das menschliche Handeln ist dann auch die Gesellschaftsvorstellung der MG. Diese Gesellschaft ist in allen ihren Aspekten und aus- schließlich ein System zur Unterdrückung der Menschen. Da gibt es keine Widersprüche, an denen man ansetzen könnte. Aktiv wird eine "Betrachtungsweise" abgelehnt, "die immer zwei Seiten an allem entdecken muß" (S. 3). Dialektik ist nicht jedermanns/fraus Sache, aber wenn eine "Marxistische Gruppe" aus Gründen der Einfachheit darauf verzichten will, dann sollte sie nochmals über ihren Namen nachdenken. Interessant ist, daß die MG die Doppelbegriffe der KPs einfach nicht zur Kenntnis nehmen will. Es ist eben nicht so, daß Holz- kamp es "als Inbegriff von Freiheit des Subjekts" sieht, "sich in die geforderte Unterwerfung freiwillig einzufügen". Die Unterwer- fung ist vielmehr nur die eine Seite menschlicher Handlungsfähig- keit, wenn auch eine sehr reale. Die KPs nennt das die "restriktive Handlungsfähigkeit" und unterscheidet davon die "verallgemeinerte Handlungsfähigkeit" als weitere Richtungsbe- stimmung. Letzteres ist der Versuch, sich eben nicht mit dem Vor- handenen abzufinden und sich in der Abhängigkeit einzurichten, sondern die gesellschaftlich gesetzten Grenzen zu überschreiten und im verallgemeinerten Interesse dagegen zu handeln und zu den- ken. Mit dieser Doppelbegrifflichkeit, die es auch für die ein- zelnen psychischen Funktionen gibt, versucht die KPs der Komple- xität des Handelns in einer kapitalistischen, 'fremdbestimmten', 'entfremdeten' Gesellschaft gerecht zu werden. Wer behauptet, in einer solchen Gesellschaft gäbe es keine politische Handlungsmög- lichkeiten mehr, der hat nicht nur resigniert, sondern er recht- fertigt noch im nachhinein die vielen aus der Elterngeneration, die im Faschismus und davor angeblich auch nichts machen konnten. Natürlich will die MG die revolutionäre Umgestaltung der Gesell- schaft, aber wie entsteht das dazu nötige kritische Potential? Auch hier ist die Strategie der MG-Vertreter einfach. Sie setzen auf das Bewußtsein der Ausweglosigkeit. Erst wenn jeder erkannt hat, daß die Situation insgesamt ausweglos ist, entsteht die re- volutionäre Aktion aller Verzweifelten. Auch wer von Psychologie kaum eine Ahnung hat, weiß aus Lebenser- fahrung, daß die Ausweglosigkeit nur bei Ratten zum Angriff führt. Abgesehen von einigen Desperados, die ihre Verzweiflung in Bombenwerfen umsetzen, können die Menschen auf Dauer die Ver- zweiflung nicht in der Schwebe halten und zur kritischen Motiva- tionsgrundlage machen, sondern sie deuten statt dessen gerne die Realität so um, daß sie nur in den Aspekten wahrgenommen wird, die dem kurzfristigen eigenen Nutzen dienen. Wer blickt schon gerne hinter die Oberfläche, wenn dieser Blick unangenehm ist und Perspektiven für strukturelle Änderungen gefährlich sind und des- halb auch ausgeblendet wurden. Das Ergebnis solcher Realitätsaus- klammerung nennt die KPs "Selbstfeindschaft", weil es nur kurz- fristig und scheinbar Nutzen bringt und letztlich allen schadet. Die Menschen müssen heute vor allem die gesellschaftlichen Reali- tätsaspekte aus ihrem Bewußtsein verdrängen, die sie immer darauf hinweisen würden, daß sie sich langfristig selbst schaden - um des kurzfristigen Vorteils willen. Wer aber die gesellschaftlichen Bedingungen und Zwänge nicht mehr wahrnehmen will, der reduziert die immer noch vorhandenen Pro- bleme auf die "Innerlichkeit", d.h. er psychologisiert sie, indem er sich oder Personen seiner Umgebung verantwortlich macht. Der gesellschaftliche Trend hin zur Psychologie, vor allem in der Spielart der Esoterik, ist auch Ausdruck einer kollektiven 'Verdrängung' gesellschaftlicher Probleme. In diesem Sinne könnte man von "Verkapselung" sprechen, wie das Holzkamp in alltags- sprachlicher Form und n u r in dem Interview in Psychologie heute getan hat. Die einfache Psychologie der MG sieht so aus: Mensch ist Mensch und Gesellschaft ist Gesellschaft. Beides hat nur insofern etwas miteinander zu tun, als Gesellschaft Mensch unterdrückt. Im übri- gen ist die Gesellschaft etwas äußerliches. Die Unaufgeklärten beteiligen sich an der gesellschaftlichen Reproduktion, die ande- ren lassen das. Das Denken ist frei, von der Gesellschaft unab- hängig und folgt nur der Logik. Die Unaufgeklärten verstehen die Logik noch nicht, deshalb muß man es ihnen gut erklären. Leider hat diese Primitivpsychologie, die übrigens - mit anderem politischen Vorzeichen - ganz dem 'gesunden Menschenverstand' in unserer Gesellschaft entspricht, also selbst unaufgeklärt und ideologisch ist, auch Auswirkungen auf das politische Handeln. Ein Denken, das sich als gesellschaftsunabhängig versteht, nimmt notwendigerweise den Charakter eines unabhängigen Weltgeistes an, der scheinbar außerhalb von allem steht und auf alles herabblic- ken kann. Die gemeinsame Betroffenheit als wichtige Denkvoraus- setzung scheint dieser 'Vernunft' entbehrlich. Dagegen Marx: "Wenn die Theorie in der Praxis wirksam wird, dann deshalb, weil die Praxis von vorneherein in ihr wirksam ist, indem sie der Theorie ihre Möglichkeitsbedingungen und Kriterien setzt" (MEW 3, 1293). (1) Der Wert der Theoriearbeit der MG ist fragwürdig, so- lange sie sich von allen politischen Bewegungen nur distanziert. Leider gibt es heute bei den anderen politischen Studenten nur wenig theoretische Anstrengungen. Die Qualität der politischen Theorie entscheidet aber mit über die Zukunft der politischen Be- wegung. ____________________ (1) Zu diesem befremdlichen Zitat siehe S. 4, Fußnote 2! - MG zurück