Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Götzl: Motivationspsychologie des Antisemitismus
       

SO SIND DIE INDOGERMANEN!

Jedesmal, wenn Herbert Götzl in seinem kleinen, erlesenen Seminar seine Schäfchen zählt und wieder einmal einen Teilnehmer verloren hat, weiß er auch warum. Eine gewisse Voreingenommenheit gegen das Thema, so deutet er dann an, sorge für schlechten Besuch sei- ner Veranstaltung. Wer nicht verfolgen will, wie er Woche für Wo- che und These für These seine originäre Theorie von den "Wurzeln des Antisemitismus" entwickelt, verwirft und wieder ergänzt, soll selber ein A... sein? Jedenfalls schämen soll er sich, meint Herr Götzl. Folgendes Erklärungsmodell gibt es nämlich bei ihm zu ver- säumen: 1. Die erste Wurzel steckt in der Ökonomie. Alle Menschen suchen sich in der "Konkurrenz um Selbstverwirklichung" zu bewähren. Da- bei kann einer Erfolg haben oder Mißerfolg. Wenn er den Kürzeren gezogen hat, kann er es entweder besser machen - die "Prosperitätsdiskrepanz durch Optimierung der ökonomischen Stra- tegie überwinden"; dies ist typisch für Holländer und Calvini- sten. Oder es passiert folgendes: 2. Die Unzufriedenheit des Unterlegenen führt zu "Selbsthaß", den man sich aber aus Gründen der "psychischen Stabilität" nicht ein- gesteht. Stattdessen "projiziert" man die eigenen hassenswerten Eigenschaften auf eine Gruppe, die überlegen ist und auch durch andere Merkmale von der eigenen zu unterscheiden sein muß. So ge- hen die Indogermanen mit den Semiten um. Ob das so stimmt, will Götzl noch nicht abschließend behaupten; derzeit ist er beschäf- tigt, das Modell auf sämtliche Pogrome in der abend- und morgen- ländischen Geschichte anzuwenden und zu erweitern (ob nicht ein Anlaß wie Feuersbrunst und Hungersnot als Auslöser dieses "Mechanismus" eine Rolle spielt? Ob das indische Kastenwesen den Antisemitismus dort unterdrückt hat, oder etwas anderes?). Ande- rerseits verteidigt er die Prinzipien seiner Wurzeltheorie be- reits mit dem bewährten psychologischen Trick, wer "Widerstand" dagegen anmeldet, der müsse irgendwelchen Dreck am Stecken haben. Die Theorie ist ja auch schon fein genug: - Was lehrt die Rede von der "ökonomischen Wurzel" in der "Konkurrenz um Selbstverwirklichung"? Daß es in irgendeiner Öko- nomie (es soll ja gleich j e d e historische Form der Produk- tion von Reichtum gemeint sein) um "Selbstverwirklichung" ginge, ist ein schlechter Scherz, in den man höchstens die Tautologie hineinlesen kann, daß es den ökonomischen Subjekten auf die Wirt- schaft irgendwie ziemlich drauf ankommt. Daß es ihnen aber in Wirklichkeit um ihr "Selbst" ginge, wird schon dadurch lächer- lich, daß sich mit diesem psychologischen Kalauer bekanntlich vom Töpfern bis zur Politik rein a l l e s als Auseinandersetzung mit dem eigenen Individuello (nicht) erklären kann (hallo Selbst, du sein oder nicht sein oder was?). - Weiter heißt Götzls voll- ständige Gleichung "Ökonomie = Selbstverwirklichung = Konkur- renz". Wie man dadurch, daß man ein Subjekt ist und sein will ("Selbst"), auch schon in eine Konkurrenz gerät, in der man mit anderen zusammenstößt und unterliegen kann, ist ziemlich rätsel- haft. Man mag sich die Gleichung zwar mit konkurrierenden (z.B. christlichen und jüdischen) Handwerkern, Kaufleuten etc. illu- strieren; deswegen konkurrieren sie allerdings immer noch als Handwerker und Kaufleute um das Geld ihrer Kunden, nicht als Selbste um ihre Verwirklichung. - Der Unsinn hat allerdings Me- thode: Mit der menschlichen "Konkurrenz um Selbstverwirklichung" nimmt Götzl als psychologische Grundwahrheit an, daß das L e b e n e i n K a m p f sei, wodurch es dann selbstverständlich immer über- und Unterlegene gibt. - Was besagt die Diagnose von der "Projektion des Selbsthasses" des Gescheiterten auf andere "Gruppen"? Zunächst geht sie von einem altbekannten moralischen Verdikt aus: wer im "Lebenskampf" unterliegt, hat sich dies ge- fälligst selbst zuzuschreiben; wenn er das nicht wahrhaben will und sich nicht tapfer auf's Neue dem Kampf stellt (bei Götzl die Holländer und die Calvinisten), um sich besser zu bewähren, ge- steht ein, daß er ein V e r s a g e r ist. Und hier setzt Götzls Psycho-Analyse an: er müßte eigentlich sich selbst für seine Untauglichkeit, seine "schlechten Eigenschaften" hassen; aber dieses Urteil über sich selbst wäre so vernichtend, daß er um der "psychischen Stabilität" willen lieber die Sieger haßt (oder, nach Götzl, eine "Gruppe", die ihm außerdem - irgendwie fremd ist und sich dadurch zur "Projektion" anbietet). Die Erklä- rung ist doppelt widersprüchlich: das Haßgefühl gegen die "Anderen" hat seinen Grund darin, daß es erstens grundlos ist - "projiziert" -, weil es zweitens seiner eigentlichen Natur nach sein eigenes Gegenteil ist - in Wirklichkeit handelt es sich um unterdrückten Respekt vor der überlegenen Leistung der anderen und Verachtung der eigenen. Diese Unlogik soll jedoch haargenau die Logik eines "Mechanismus" sein, der die Absicht verfolgt, seine eigene Ursache, die Minderwertigkeit des Versagers, zu ver- bergen. Eben: Daß die psychologische Erklärung nicht nachvoll- ziehbar ist, ist ja gerade psychologisch bedingt! - Wie paßt nun der Rassismus in dieses Modell? Sehr einfach, wenn man mit Götzl denkt. Die unlautere Schuldzuweisung durch die Ver- lierer könne grundsätzlich jeder "Gruppe" passieren, die sich in ihren Lebensgewohnheiten von ersteren deutlich unterscheidet. Mit dieser Maxime macht sich Götzl an den Nachweis von Unterschieden zwischen - den Rassen. Sein Seminar beschäftigt sich allen Ern- stes (nicht mit unterschiedlich gewachsenen Nasen, sondern) mit möglichen "S t a m m e s c h a r a k t e r i s t i k a" von Ju- den und Germanen, die das "Projektions"-Material gegenseitiger Abneigung gebildet haben können. Ganz nebenbei stellt sich bei dieser sozialpsychologischen Spurensuche dann heraus, daß an den Juden auch einiges dran ist, was zum Neid herausfordert: von den höheren kulturellen Leistungen (da können die Indogermanen sich nur schämen) über die vermutlich bessere Leistungsmotivation (ist aber noch nicht empirisch gesichert) bis zum engen Familien- zusammenhalt (kaum Kneipenbesuche!) hat Götzl bereits eine kleine Sammlung jüdischer Tugenden, während er das berüchtigte "Führer befiehl, wir folgen!" des deutschen Faschismus bereits im "Gefolgschaftsprinzip" der indogermanischen Stämme vorbereitet sieht. Götzl läßt also die alte Lüge vom "Volks bzw. "Rassencharakter" wieder aufleben, indem er den Spieß einfach umdreht. Wenn Hitler und seine Theoretiker des arischen Menschen dem Ideal zur Wirk- lichkeit verhelfen wollten, daß es eine Natureigenschaft bzw. ein natürlicher Vorzug sei, Untertan einer bestimmten Staatsgewalt zu sein, weswegen es auch an natürlichen Merkmalen abzulesen sein müsse, ob einer rechtmäßiger Untertan oder Volksschädling sei - so hält Götzl es ebenfalls für eine brauchbare wissenschaftliche These, daß es zwischen Germanen und Juden (gleichfalls zwischen Türken und Armeniern, Japanern und Koreanern usw.) Unterschiede des Charakters gibt; seine Sympathien verteilt er allerdings ge- nau andersherum. Womit sich also der Witz seiner theoretischen Bemühungen als eine brutale Retourkutsche herausstellt: Wenn die "Germanen" auf die Juden losgehen, so beweisen sie dem Motivati- onspsychologen nur ihre eigene Minderwertigkeit. Sehr tröstlich, Herr Götzl. zurück