Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Kommunikationspsychologie
       
       Die Psychologie  der Kommunikation  bietet eine  Theorie darüber,
       warum "die  Menschen" sich so oft nicht vertragen. Die Frage, die
       sie sich  hierzu beantwortet, lautet: Handelt es sich bei so häß-
       lichen Konflikten wie Ehekrächen, Tarifkämpfen oder Kriegen nicht
       letztendlich um "Kommunikationsstörungen", um den Beteiligten un-
       bewußte Mißverständnisse?  - und diese Frage ist eine einzige Un-
       terstellung: denn sie geht davon aus, daß die untersuchten Strei-
       tereien eigentlich gar keinen Grund und Gegenstand haben, sondern
       nur deswegen  und darüber  zustandekommen, daß  das Streben  nach
       Einvernehmlichkeit erfolglos  geblieben ist. Ein wenig fachmänni-
       sche Beratung  (Therapie) könnte von daher in solchen Fällen auch
       einiges bewirken.  (Unvergessen noch heute in allen einschlägigen
       Seminaren das historische Angebot, einmal Abrüstungsverhandlungen
       zwischen Ost  und West unter psychologischem Beistand durchzufüh-
       ren. Wir  können uns  nur leider  nicht mehr  erinnern, warum  es
       nicht angenommen wurde). Da diese Beratung "Verbesserung der Kom-
       munikation" heißt,  muß man  annehmen,  daß  der  diagnostizierte
       "Mangel   an   Gemeinsamkeit"   durch   einen   Appell   an   die
       "Gemeinsamkeit" behoben  werden soll. Womit auch sonnenklar wäre,
       wieso die Theorie in allen Erzieher- und Beratungsberufen von der
       Kindergärtnerin bis  zum Polizeipsychologen zum Gemeingut gehört.
       Oder?
       
       MIT WATZLAWICK IN DER BEZIEHUNGSKISTE
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       Früher ein Tip für Eingeweihte, ist Watzlawicks Buch "Menschliche
       Kommunikation" inzwischen ein Klassiker der Kommunikationstheorie
       geworden. Mit  seinem Namen  auf den  Lippen gilt man überall als
       Kenner der  Problematik des  "Zwischenmenschlichen". Daß der Mann
       mit  seinen  "pragmatischen  Axiomen"  zum  Aushängeschild  einer
       weltweiten Bewegung  von Kommunikationsfans  geworden  ist,  wird
       einmal darauf  zurückgeführt, daß er "die einfachsten Eigenschaf-
       ten der  Kommunikation, die  im Bereich  des Zwischenmenschlichen
       wirksam sind",  herausgefunden habe; zum zweiten gilt er als Ver-
       fechter    der     Theorie,    "Schizophrenie"     und     andere
       "Verhaltensstörungen"  seien  Erscheinungsformen  von  "gestörter
       Kommunikation". Man  merkt schon daran, daß "Kommunikation" nicht
       einfach ein  Fremdwort für  Mitteilung, Gespräch ist, sondern ein
       Phänomen, dem ziemlich weitreichende Wirkungen auf das Denken und
       Handeln zugeschrieben  werden -  bis hin  zum Verrücktwerden! Der
       Sache nach  ist "Kommunikation" zwar nichts weiter als eine Kate-
       gorie, die  bloß die  allerformellste Seite des zwischenmenschli-
       chen Hin  und Her festhält: daß Mitteilungen ausgetauscht werden.
       Ausgerechnet mit  dieser Abstraktion  will  Watzlawick  aber  ein
       wirkliches Geheimgesetz  "menschlichen Lebens und gesellschaftli-
       cher Ordnung" entdeckt haben.
       
       Axiom Nr. 1: "Man kann nicht nicht kommunizieren."
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       "Wenn man  also akzeptiert,  daß alles  - Verhalten in einer zwi-
       schenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, also Kommu-
       nikation ist,  so folgt  daraus, daß  man, wie  immer man es auch
       versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann."
       
       Welche   Logik!    Wenn   man    Verhalten   als    Kommunikation
       d e f i n i e r t,  dann ist natürlich. auch jedes Verhalten Kom-
       munikation" -  und -  man kann  tatsächlich dem Kommunizieren nie
       entwischen. Und während ganze Seminare noch skeptisch darüber be-
       raten, ob  auch ein  schlafender Fahrgast in der Wartehalle etwas
       mitteilt (nämlich:  daß er keine Lust auf eine Unterhaltung hat),
       oder ob  dieses Beispiel von Watzlawick vielleicht doch etwas ge-
       wagt ist, haben sie sich auf seinen Grundfehler bereits eingelas-
       sen. Die  Frage, ob auch wirklich  j e d e s  Verhalten "kommuni-
       kativ"  genannt   werden  dürfe,  führt  den  Gedanken  ein,  daß
       jedenfalls "Kommunikation"  der Begriff  menschlicher Beziehungen
       überhaupt sei.  Es fällt  dann gar nicht mehr auf, daß dieser Be-
       griff selbst  eine Dummheit ist. Um ihn nachzuvollziehen, hat man
       mit Watzlawick  erst  einmal  kaltlächelnd  von  allen  zwischen-
       menschlichen Verhältnissen (Liebe? Ehe? Arbeitsverhältnis? Zufäl-
       liges  Zusammentreffen?)     a b z u s e h e n,     die   er  mit
       "Kommunikation" zusammengefaßt  haben will,  um dann  zweitens an
       ihnen den  kleinsten gemeinsamen  Nenner "zu  entdecken", nachdem
       man alles  andere vergessen hat: alle Beziehungen haben etwas Be-
       ziehungshaftes, und  daraus folgt unleugbar der Beziehungscharak-
       ter jeder Beziehung.
       Jedermann kennt die  M o r a l,  an welche dieser wissenschaftli-
       che Idealismus  erinnert: man  halte einem  Menschen, von dem man
       etwas will, was er nicht will, nur vor, daß es ihm doch vor allem
       um die  gemeinsame "Beziehung" gehen müsse - und er ist baff. Je-
       denfalls dann,  wenn es ein moderner Mensch ist, der den Ausdruck
       richtig versteht:  um der  "Gemeinsamkeit" willen  möge  er  sich
       u n t e r o r d n e n   (egal, ob in Schule, Betrieb oder Wohnge-
       meinschaft), also  wegen seiner Abhängigkeit von der "Beziehung",
       in der er sich befindet.
       Eine wissenschaftliche  W e l t a n s c h a u u n g  wird daraus,
       wenn man das moralische Gebot zur (heimlichen) Natur des Menschen
       erklärt: der  Mensch denkt,  die "Beziehung"  lenkt. Sie ist dann
       nicht mehr  eine Phrase  dafür, daß  jemand das Interesse anderer
       als übergeordnet  anerkennen soll  - sondern  allen  Ernstes  das
       Prinzip, dem jedermann ohne eigenes Zutun folgt.
       
       Axiom Nr. 2: Beziehungssalat
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       Daß überhaupt  niemand den  Zweck Kommunikation  verfolgt,  stört
       also diese  Weltanschauung gar  nicht. Im Gegenteil: dies ist ge-
       rade die  Grundlage für  die psychologische Ausgestaltung des Ge-
       dankens. Watzlawick  zufolge liegt das Problem nämlich darin, daß
       die Leute nicht Bescheid wissen über die Beschaffenheit ihrer Be-
       ziehungen. Axiom Nr. 2:
       
       "Jede Kommunikation  hat einen  Inhalts- und  einen  Beziehungsa-
       spekt, derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine
       Metakommunikation ist."
       
       Eine Äußerung besteht also 1. aus sich = ihrem Inhalt, und 2. aus
       etwas, was nicht gesagt wird, aber dennoch über die Bedeutung des
       Inhalts entscheiden soll. Ein "lebensnahes Beispiel":
       
       "Wenn Frau  A auf  Frau B's Halskette deutet und: "Sind das echte
       Perlen?" sagt,  so ist der Inhalt ihrer Frage ein Ersuchen um In-
       fomation über  ein Objekt.  Gleichzeitig aber definiert sie damit
       auch - und kann es nicht  n i c h t  tun - ihre Beziehung zu Frau
       B. Die Art, wie sie fragt (der Ton ihrer Stimme, ihr Gesichtsaus-
       druck, der  Kontext usw.), wird entweder wohlwollende Freundlich-
       keit, Neid,  Bewunderung oder  irgendeine andere  Einstellung  zu
       Frau B ausdrücken."
       
       Watzlawick erinnert  hier an  eine Reflexion  ; die  jeder kennt,
       weil sie  ein fester Bestandteil des berechnenden Umgangs mit an-
       deren ist: an ihren Äußerungen wird nach Anhaltspunkten dafür ge-
       sucht, wie  es gemeint  war, was der von einem will, was er über-
       haupt für ein Charakter ist, auf welcher Stufe der Hierarchielei-
       ter er  steht etc.  So verbreitet  diese Einschätzungen  sind, so
       falsch ist  es, diese   F r e i h e i t   der  Interpretation  in
       einen von  der Kommunikation  vorgegebenen  Z w a n g  zu verwan-
       deln, mit  jedem  Inhalt  eine  "persönliche  Stellungnahme"  zum
       Adressaten mitzuliefern  und umgekehrt eine solche herauszulesen.
       Der Fehler liegt darin, daß Watzlawick den "Beziehungsaspekt" als
       ein unbewußtes  psychologisches Gesetz  vorstellt. Als  ob Frau A
       nicht wüßte,  was sie  tut, wenn sie mit der Heuchelei einer neu-
       gierigen Frage zum Beispiel einen boshaften Seitenhieb auf Frau B
       zu landen  versucht; als  ob diese  Absicht mit  dem Inhalt ihrer
       Frage nichts  zu tun hätte und an ihm nicht ablesbar wäre (heikel
       ist doch wohl, ob sich Frau B echte Perlen leisten kann); und als
       ob das  Beispiel nicht  allein deswegen dem Leser plausibel wäre,
       weil jeder  diese kleinen Kniffe mit dem Widerspruch zwischen In-
       halt   und    Absicht   einer    Aussage    kennt!    Watzlawicks
       "Beziehungsaspekt" will  jedoch behaupten:  ein solcher Hinterge-
       danke ist erstens die automatische Zwecksetzung jeder Mitteilung,
       so daß zweitens der "Inhalt" bloß das gleichgültige Transportmit-
       tel   einer   "Beziehungsdefinition"   ist   und   drittens   die
       "Beziehungsebene"  sich   hinterrücks  gegen   die   unschuldigen
       "Inhalts"-Absichten des  Sprechers durchsetzt. Dann natürlich ist
       die Verwirrung vollständig: keiner weiß, was er sagt.
       
       Axiom Nr. 3: Wer hat angefangen?
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       Denn hat man einmal den Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation in
       dem  permanenten   Vergleich  der   "Beziehungsdefinitionen"  von
       "Sender" und  "Empfänger" ausgemacht,  dann ergibt  sich das Pro-
       blem, daß  "Diskrepanzen" entstehen  können: und  zwar nicht Mei-
       nungsverschiedenheiten über  irgendeinen Gegenstand - sowas fällt
       unter die  langweile Abteilung "Inhalt" - sondern mangelnde über-
       einstimmung in den Deutungen, mit denen man sich nach Ansicht des
       Psychologen unterschwellig laufend traktiert.
       
       "Diskrepanzen auf  dem Gebiet  der Interpunktion  sind die Wurzel
       vieler Beziehungskonflikte.  Ein oft  zu beobachtendes Eheproblem
       besteht z.B.  darin, daß der Mann eine im wesentlichen passiv-zu-
       rückgezogene Haltung an den Tag legt, während seine Frau zu über-
       triebenem (?)  Nörgeln neigt. Im gemeinsamen Interview beschreibt
       der  Mann   typischerweise  seine  Haltung  als  einzig  mögliche
       V e r t e i d i g u n g  g e g e n  ihr Nörgeln, während dies für
       sie eine  krasse und  absichtliche Entstellung dessen ist, was in
       ihrer Ehe  wirklich vorgeht:  daß nämlich  der einzige  G r u n d
       für ihre Kritik seine Absonderung von ihr ist."
       
       So, wie  der Ehestreit  geschildert ist, scheint er völlig gegen-
       standslos zu  sein, weil  beide dasselbe wollen: eine harmonische
       Ehe. Dies  Bild kommt  allerdings nur dann zustande, wenn man wie
       Watzlawick unbedingt  auf die  Technik  der  Selbstrechtfertigung
       hereinfallen will, die hier zitiert wird: jeder behauptet, selbst
       moralisch im  Recht zu  sein, weil die eigenen Unfreundlichkeiten
       nur die  notwendige Strafe  für das  miese Verhalten  des anderen
       seien. Und dieses Verfahren, dem anderen die Schuld zuzuschieben,
       nimmt Watzlawick  ganz ernst,  weil es  ihm in  den theoretischen
       Kram paßt.  Er will nämlich sagen, daß so mancher Streit sich bei
       näherer Betrachtung als bloßes  M i ß v e r s t ä n d n i s,  als
       Ergebnis    des     Nicht-Zustandekommens    einer    gemeinsamen
       D e u t u n g  des Verhältnisses erweist.
       Dafür streicht  er allerdings völlig die durchaus bewußte und ge-
       meinsame Grundlage  durch, die selbst noch so ein Beschuldigungs-
       zirkus wie  das Ehe-Beispiel,  hat: ohne  die gemeinsame überzeu-
       gung, daß  man in  einer Ehe  einen quasirechtlichen Anspruch auf
       liebenswürdigen Umgang  und rücksichtsvolles  Verhalten des Part-
       ners erworben  habe, kommt  die Enttäuschung  nicht zustande, mit
       der das  zitierte Pärchen offenbar kämpft, weil jeder beschlossen
       hat, dieses Recht durch eigene Unausstehlichkeit bis zum bitteren
       Ende durchzufechten.  (Und ohne  den gemeinsamen  Glauben an ihre
       Ehe gingen die beiden nicht zum Ebeberater.) Watzlawick hält dies
       allerdings für  eine typische  "Kommunikationsstörung". Sie  soll
       darin bestehen,  daß die  beiden so  total in  ihren  Beziehungs-
       "Kreislauf" verstrickt  sind, daß  sie in  ihrer Wahrnehmung  auf
       entgegengesetzte Sichtweisen   f e s t g e l e g t   sind - jeder
       hat bloß seine egoistische Perspektive und schließt die des ande-
       ren aus.
       Erklärt ist  damit zwar  gar nichts,  weil der Streit bloß - ganz
       tautologisch -  damit begründet  ist, daß  keine Einigkeit in den
       "individuellen Definitionen der Beziehung" bestehe, es also keine
       Gemeinsamkeit über  die Gemeinsamkeit gebe. "Aufgeklärt" wird man
       darüber, daß  derartige Konflikte dann gar nicht notwendig wären,
       wenn alle sich um eine gemeinsame Deutung ihrer Interaktion bemü-
       hen würden,   p r a k t i s c h   läuft  das immer darauf hinaus,
       die des  anderen zu  tolerieren. Und das ist auch schon das ganze
       Geheimnis der
       
       Metakommunikation
       -----------------
       
       Die Bewältigung"  von "Störungen"  besteht nämlich  konsequenter-
       weise darin, daß man ganz getrennt von den wirklichen Gründen ei-
       nes Konflikts  - sich  eine Meta-Ebene  schafft, auf der man sich
       zusammenfindet: in  der Anerkennung  der Berechtigung der Persön-
       lichkeit des  anderen und  seiner "Perspektive",  in der  Bereit-
       schaft, sich  gegenseitig nichts  vorzuwerfen   (K r i t i k  von
       Fehlern und Gemeinheiten paßt da gar nicht!), und in dem ganz me-
       thodischen Bekenntnis  zur Gemeinsamkeit, die es wiederherzustel-
       len gilt.  Worauf kommt  es also an, wenn "Metakommunikation" ge-
       trieben wird?  Nicht auf  eine Klarstellung,  was man voneinander
       oder miteinander  will, sondern darauf, die "Beziehung" und deren
       Pflege als   S e l b s t z w e c k   auszugeben  - was immer eine
       Heuchelei ist,  und zwar eine, die sich psychologisch aufgeklärte
       Menschen durchaus zum Programm für sich und andere setzen.
       Was Watzlawick  damit zu  tun hat? Gäbe es denn ohne Kommunikati-
       onspsychologie regelrechte  "Beziehungskisten"? Er und seine Kol-
       legen stehen  schließlich dafür  gerade, daß  zum Beispiel solche
       moralische Techniken  gar keine  seien, sondern Gesetzmäßigkeiten
       zwischenmenschlichen Verhaltens  verraten würden.  Als gäbe es da
       wirklich irgendetwas zu "klären", empfiehlt Watzlawick etwa, dar-
       über zu  reden, wie  zwei Ehepartner  jeweils "ihre Beziehung se-
       hen"; und  als wäre  Klären auch schon übereinstimmen, verspricht
       er, mit dieser "Metakommunikation" ließen sich Streitigkeiten oft
       vermeiden. In jedem Fall kann man so schön über den Streit strei-
       ten: Wie  sollte man denn ohne jene exquisite neue Ebene der Heu-
       chelei heutzutage einen Ehekrach abhalten, der mit einem "Laß uns
       darüber sprechen!  Es tut  mir ja  so leid..."  beginnt, dann ins
       Grundsätzliche geht  und seine  Höhepunkte findet  bei: "Ach,  so
       nimmst  du  unsere  Beziehung  wahr?  Ja,  wenn  ich  das  gewußt
       hätte..."?
       

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