Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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T. Leithäuser: "Psychologische Probleme multikultureller Gesell-
schaften: Sozialpsychologie multikultureller Gesellschaften"
AUSLÄNDERFEINDLICHKEIT - EIN MULTIKULTURELLES MISSVERSTÄNDNIS?
Die Sache mit der Ausländerfeindlichkeit
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Prof. Leithäuser hat im Seminar einen aktuellen Bezug zur Auslän-
derproblematik hergestellt:
"Die Wichtigkeit des Themas kann man ermessen, wenn man sich die
Meinungsumfrage im "Spiegel" anschaut: Das Verhältnis Deut-
sche/Asylanten verschlechtert sich, die Ausländerfeindschaft
nimmt zu."
Daß Deutsche mit Ausländern nichts zu tun haben wollen, auch
schon mal Asylantenheime anzünden oder Türken verprügeln, läßt
sich wirklich Tag für Tag der Zeitung entnehmen. In Frage steht
nur, ob sich darin - wie es Auffassung im Seminar ist - ein
"multikultureller Konflikt" äußert. Begründet wurde seine Entste-
hung in folgender Weise:
"Sachen gewinnen eine verschiedene Bedeutung, wenn verschiedene
Kulturen aufeinandertreffen. ... Jeder versucht, die Regeln aus
seiner Kultur anzuwenden."
Der Gedanke ist hier, daß insofern ein Mensch in einer bestimmten
Kultur groß geworden ist, er dieser Kultur entsprechend denkt und
handelt, so daß er deswegen beim Zusammentreffen mit Angehörigen
fremder Kulturen zu ihnen in Widerspruch gerät.
Wieso eigentlich das? Wieso soll sich aus der schlichten
D i f f e r e n z im Denken und Verhalten verschiedener Kul-
turangehöriger eigentlich ein derartig praktischer
G e g e n s a t z ergeben, wie Leithäuser es mit dem Hinweis auf
die Ausländerfeindlichkeit bebildert? Soll man allen Ernstes
glauben, daß ein Deutscher Türken deswegen prügelt, weil die im
Unterschied zu ihm z.B. auf die Verschleierung ihrer Frauen Wert
legen?
Daß aus einer Differenz in den Auffassungen dieser Übergang posi-
tiv nicht abzuleiten ist, könnte schon daran auffallen, daß aus
ihr an anderer Stelle ja auch nicht Gewalt folgt, sondern z.B.
Nachfragen, Überprüfen der Standpunkte oder auch einfach Desin-
teresse.
Die Begründung Leithäusers ist eben gar nicht die Wahrheit über
die tatsächlich auftretenden Gegensätze. Was ist denn, wenn ein
deutscher Hetzer seinen Haß auf Türken damit begründet, daß deren
Frauen verhüllt sind? Hetzt so einer gegen den S c h l e i e r
oder nicht vielmehr gegen den T ü r k e n? Er will nicht den
Gegenstand als solchen kritisieren - dann müßte er sich mit dem
Türken über Sinn und Zweck des Schleiers streiten - , sondern mit
diesem Hinweis auf eine Andersartigkeit den Träger in seiner Ei-
genschaft, n i c h t D e u t s c h e r z u s e i n, denun-
zieren.
Das Verfahren geht insofern genau umgekehrt: Nicht wegen der äu-
ßerlichen Differenz in Sachen Kultur kommt ein Ausländerfeind auf
den Gegensatz, sondern wegen des Gegensatzes kommt er auf das
Aufmachen dieser Differenz. Unterstellt ist immer schon, daß ihm
als treuem Untertanen die Sortierung seiner Herrschaft in berech-
tigte Inländer und nur geduldete Ausländer schwer einleuchtet,
daß alle Un - Deutschen deswegen Leute sind, die hier eigentlich
nichts zu suchen haben. Diese nationalistische Stellung zur Welt
tobt sich im Ausländerhaß aus und wird mit wirklichen oder er-
fundenen Differenzen lediglich bebildert.
Leithäuser tilgt mit seiner Erklärung genau diesen Grund: Mit der
Gleichung Differenz = Gegensatz zweier Kulturen hat er - getrennt
von Zwecken und Interessen, die so beschaffen sind, daß sie Ge-
walt gegen andere einschließen - einen Automatismus der Kon-
fliktträchtigkeit konstruiert. Damit ist abgeleitet, daß es knal-
len muß beim Zusammentreffen von Kulturen - die Menschen sind
eben so.
Den Gegensatz der Nationalismen hat er so verwandelt in die Betä-
tigung einer natürlichen Regung der Menschen. Die Sozialpsycholo-
gie hat damit zuallererst ihr großes V e r s t ä n d n i s für
Reibereien in dieser Sphäre dokumentiert.
Andererseits will das Seminar bei der so behaupteten Unausweich-
lichkeit von Konflikten nicht stehenbleiben. Man solle den Ande-
ren "ernstnehmen", denn "wenn man Verhalten kennt, kann man damit
umgehen". Die Mahnung ist klasse: Erst unterstellt Leithäuser den
Leuten s e i n e n Fehlschluß, daß die Unterschiede in ihren
kulturellen Gepflogenheiten den Gegensatz unter ihnen hervorbrin-
gen, dann klärt er sie auf, daß dieser Konfliktstoff auf einem
einzigen Mißverständnis beruht, insofern die eigene und die frem-
den Kulturen nichts weiter als Varianten derselben Sache seien,
nämlich Weisen menschlicher Identitätsfindung.
Die Logik heißt: Leute, nehmt zur Kenntnis, daß die Anderen in
ihrer Kultur genau so drinstecken, wie Ihr in Eurer eigenen, dann
stellt sich die Andersartigkeit nicht mehr als Gegensatz, sondern
als bloß unterschiedlicher Ausfluß ein - und desselben Bedürfnis-
ses dar!
Und wieso praktizieren die Leute nicht, was Leithäuser empfiehlt?
Die Zugehörigkeit zur bestimmten Kultur fungiere als Bremse,
insofern "jeder versucht, die Regeln seiner Kultur anzuwenden".
Der Gedanke geht davon aus, daß das kulturelle Umfeld Denken und
Verhalten der Leute prägt. Er behauptet eine Gleichung von äuße-
ren Kultureinflüssen und den Denkinhalten der ihnen Ausgesetzten.
Wenn das, was ein Mensch denkt und tut, tatsächlich bloß diese
Wirkung von ihn umgebenden Bedingungen wäre, ließe sich nicht er-
klären, wieso die Seminarteilnehmer zur Kulturkritik in der Lage
sind. An ihnen blamiert sich, daß der Wille P r o d u k t der
Lebensbedingungen sei.
Entweder, oder: Entweder behauptet man den Menschen als Produkt
seiner ihn umgebenden Kultur, dann kann man sich die Mahnung
schenken. Oder man unterstellt dem Menschen die Fähigkeit, sich
auf fremde Kulturen urteilend beziehen zu können, dann gibt es
auch keine kulturelle Festgelegtheit.
Was trägt die Sozialpsychologie zum Thema Ausländerfeindlichkeit
bei? Viel V e r s t ä n d n i s und falsche E r m a h n u n-
g e n. Leithäuser hat mit seiner Konstruktion nämlich eine
Verdoppelung des Menschen erzielt: Der steht jetzt als Konflikt-
a u s l ö s e r und Konflikt v e r m e i d e r zugleich da.
Das sind sie dann, die "psychologischen Probleme multikultureller
Gesellschaften": Insofern der Mensch mit diesen zwei Seiten sei-
ner selbst ausgestattet sein soll, ist zugleich die
D a u e r h a f t i g k e i t der Ausländerfeindlichkeit wie die
Langwierigkeit ihrer Überwindung hervorgehoben. Na dann.
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