Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 78, 14.06.1983
Prof. Vinnai über Libido und 'Das Unbehagen in der Kultur':
FREUD EUCH DES LEBENS!
"Laß mich rein, laß mich raus" (Sublimierende Libido oder
schlechte Unterhaltung?)
Bei der theoretischen Befassung mit der Kultur, unter die Freud
alle Tätigkeiten subsumiert, "die den Menschen vom Tier unter-
scheiden", hat die Psychologie ein treibendes Motiv aufgespürt,
welches die Quelle besagter Kultur sein soll: das "Lustprinzip".
Die Leute mögen die verschiedensten Zwecke verfolgen, zur Arbeit
oder ins Kino gehen, sich ernähren oder Geselligkeiten pflegen.
Durch die psychologische Brille betrachtet aber setzen nicht
s i e s i c h Zwecke, sondern e i n im Menschen verankertes
P r i n z i p namens Lust soll das alles aus sich hervorbringen.
Damit nimmt der ganze Schwindel seinen Anfang. "Lust" überhaupt
legt doch das "worauf" nicht fest; eher steht die Sache genau um-
gekehrt. Die Einrichtungen der Kultur hat deswegen auch noch kein
Psychologe - trotz anderslautender Gerüchte - je aus seinem in-
haltslosen Triebtäter namens Libido abgeleitet. Umgekehrt: dem an
sich zweck l o s e n "Lustprinzip" wird das "wozu" je nach Be-
lieben erst einmal unterschoben, damit man auch prompt da an-
kommt, wo man geradewegs hinwollte. Das erklärt zwar nicht die
Kultur, wohl aber ein begründetes Unbehagen an der Psychologie.
Sehen wir mal der psychologischen Entstehung der Kultur zu.
Vom Schniedelwutz zum Unbehagen in der Familie
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"Die Libido ist die Quelle der Kultur. Die genitale Liebe bei-
spielsweise führt zur Gründung der Familie." (Referat im Vinnai-
Seminar, der Auffassung des Professors kongenial)
Auffällig ist an dieser "Ableitung", daß eine
g e s e l l s c h a f t l i c h e Institution wie die Familie
sich aus der triebhaften N a t u r des Menschen herleiten soll.
Sogar so v e r s c h i e d e n e Einrichtungen wie Arbeit, Wis-
senschaft, Kultur etc., die Freud unter Kultur zusammenfaßt, sol-
len unterschiedslos aus derselben Quelle entspringen. Die Libido,
die für sich gerade k e i n e n bestimmten Inhalt hat, soll für
jedes b e s t i m m t e Kulturphänomen verantwortlich zeichnen?
Sehr seltsam. Nicht allerdings für den Psychologen. Er hat mit
seinem Fehler den Trieb gerade deswegen inhaltslos bestimmt, da-
mit er für jeden möglichen Inhalt offen ist, so daß die Psycholo-
gie im Nachhinein jedes Menschenwerk als Ausfluß dieser Fiktion
deutet. Das k a n n die Psychologie zwar machen, wie man sieht.
Bloß ist ihre Erklärung der Familie dann genauso inhaltsleer wie
das Prinzip, dem sie entspringen soll. Der einzige Inhalt des Ar-
guments: die Notwendigkeit der (bürgerlichen) Familie aus der
Triebnatur soll damit schon behauptet sein. Das zitierte Beispiel
über die Familiengründung geht gar nicht von der Libido, von Lust
überhaupt aus, sondern von einer sehr bestimmten Lust auf gewisse
Formen der Geselligkeit im kleinsten Kreis. Nun ja. Bloß: selbst
von d e r führt garantiert kein Weg zur Institution Familie,
die da aus der Vögelei gleich mitentwickelt wird. Nicht einmal
ein Kind ist die n o t w e n d i g e Folge, wie jeder seit Os-
wald Kolle weiß. Schon gar nicht die bestimmte Form des Zusammen-
lebens zu Zweit plus Anhang. Der Psychologie könnte doch wenig-
stens auffallen, daß dann einige Genitalien überhaupt nicht auf
Kurs sind. Z.B. die arabischen mit ihren Harems, aber auch die
westliche Ausgabe mit ihren eher lockeren Liebschaften und Sei-
tensprüngen. Aber dieser Merker ist wohl zu hoch für Wissen-
schaftler, die aus dem gemeinsamen Spaß im Bett gleich noch das
lebenslange rechtlich fixierte Dienstverhältnis Familie in Sachen
Kinderaufzucht und Zusammenhalten in schweren Zeiten begründen
möchten. Wenn die Familie der Trieb n a t u r entspräche, wären
alle rechtlichen Zwangsmaßnahmen, die die vorgefundene Zuneigung
von Menschen funktionalisieren, so überflüssig wie ein Kropf -
vom Erziehungs- bis zum Scheidungsrecht.
Der ungebremste Trieb: "Asozialer" Hänger in der sozialen Matte
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Dies hat auf seine Art und Weise auch der Psychologe bemerkt:
"Die Liebe hat eine positive Potenz für die Gesellschaft, sie hat
aber auch asoziale Züge. Es besteht die Gefahr des Aussteigens
aus der Gesellschaft. Ohne Sublimierung der Triebe kann die
Gesellschaft nicht funktionieren. Die Arbeitsfähigkeit ist z.B.
ein Produkt von Sublimierung." (Prof. Vinnai)
Das ist gut! Eben e n t s p r a n g e n noch die gesellschaft-
lichen Einrichtungen aus der Libido. Jetzt sind sie ihr vorausge-
setzt und stellen A n f o r d e r u n g e n dar, denen der
Trieb von sich aus gar nicht nachkommt. Woher kommt eigentlich
der Gegensatz beider, die zuvor so einträchtig beieinander waren?
Natürlich kommt das jedermann vertraut vor, wenn er sich daran
erinnert, was so aus seinen Vorhaben in dieser Gesellschaft in
der Regel wird: nämlich nichts. Der Wunsch nach einem ordentli-
chen Gehaltskonto, einer geräumigen Wohnung oder nach sauberer
Umwelt bleibt für die allermeisten auf der Strecke, weil sich
Wirtschaft und Politik um solche Zwecke und Wünsche des Menschen
nicht drehen.
D i e s e n Gegensatz will allerdings die Psychologie gar nicht
gemeint haben. Sie will nämlich an der anfänglichen Entsprechung
von Trieb und gesellschaftlichen Einrichtungen festhalten und
stellt den zitierten Gegensatz - "asozial" hieß der Trieb - als
Gegensatz des Triebes zu seinen eigenen Notwendigkeiten hin. Er
hat "asoziale Lüge", insofern er in seiner ausschließlichen Betä-
tigung als Liebe eine für ihn notwendige Leistung unterläßt: die
"Selbsterhaltung" nämlich, auf die Prof. Vinnai mit der
"Arbeitsfähigkeit" anspielt. Aber aufgepaßt! Eine Verwechslung
mit der wirklichen Welt, in der wir leben, darf sich der Student
auch hier nicht zuschulden kommen lassen. Daß Menschen im prakti-
schen Leben verschiedenen Zwecken nachgehen, es neben dem Vögeln
auch einmal mit dem Broterwerb versuchen und der Erfolg bei letz-
terem tatsächlich darüber entscheidet, was man sonst noch alles
anstellen kann, ist wieder nicht gemeint. Die verschiedenen
Zwecke und ihr Verhältnis zueinander sollen ja allesamt aus der
Quelle des "Lustprinzips" sprudeln. Und da so manches Ärgernis
sich mit dem Attribut Lust ganz schlecht verträgt, aber doch aus
ihr folgen soll, kennt die Psychologie auch noch die verdrängte
Lust als Jungbrunnen für Schreibtisch- und Fließbandarbeit. Der
Libido erwächst die Aufgabe der
Sublimierung
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Dafür bekommt nun die Trieb n a t u r lauter Leistungen zuge-
schrieben, die dem urteilenden Bewußtsein zukommen, aber niemals
die ihren sind. Der zuvor in seiner inhaltslosen Begehrlichkeit
so selbstzufriedene Trieb u n t e r s c h e i d e t sich von
sich selbst, b e u r t e i l t Notwendigkeiten seiner Existenz,
e n t s c h e i d e t, worauf er sich zu richten hat - und
k r i t i s i e r t auch noch seine eigene u n b e w u ß t e
E i n s e i t i g k e i t, die ihm die Psychologie in die Wiege
gelegt hatte.
Der ganze Trick besteht eben darin, daß die
v o r g e f u n d e n e n gesellschaftlichen Einrichtungen als
Resultat und Zweck eines sich selbst domestizierenden und darin
sich selbst entsprechenden Triebes gedeutet werden.
Für diesen Fehler schwärmt die Psychologie so sehr, daß ihr gar
nicht mehr auffallen will, wie ausgesprochen bescheuert ihr raf-
finiertes Triebwerk vorgeht: zum Zwecke der "Selbsterhaltung"
läßt sie es glatt auf die L o h n arbeit verfallen - und schon
finden sich 3 Millionen Selbsterhaltungstriebe auf dem Arbeitslo-
senmarkt wieder. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren,
was aber gar nicht nötig ist. Denn nicht erst das
R e s u l t a t blamiert die Konstruktion des Psychologen. Sein
Z u s t a n d e k o m m e n ist bereits eine logische Unmöglich-
keit.
Wie soll auch der zweck l o s e Trieb an sich zweck m ä ß i g
unterscheiden; sich dann auch noch als Natur mit wachem Bewußt-
sein ausgerechnet in Zwecken niederschlagen, für die er sich ver-
krümeln, nämlich sublimieren muß und darin dann seine Identität
haben soll? Logisch unmöglich, psychologisch betrachtet aller-
dings bloß die Frage nach einem passenden Bild für diesen Unsinn.
Die Psychologie stellt sich nämlich unter Trieb seine Substanz
vor, als einen Topf mit E n e r g i e. Übrigens fällt der Psy-
chologe auf die dem Trieb verordnete Notwendigkeit, neben der
Lust nicht die Arbeit zu kurz kommen zu lassen. Er hat nämlich
mit seinem Topf die Energie m e n g e begrenzt, so daß jedes
verpulverte Joule (Lust) wieder reingeholt werden muß (Arbeit).
Wie gesagt: mit den Zwecksetzungen des Menschen, den von ihm ge-
setzten Prioritäten etc. hat das nichts zu tun. Die verschiedenen
Äußerungen des Triebes werden jetzt verschiedenen Quantitäten
derselben Energie gutgeschrieben, in die sich der Trieb einteilt.
Nun ist zwar dem Bedürfnis der Psychologie genüge getan mit ihrem
Bild vom Energie-Ingenieur, weil der Trieb in dieser Eigenschaft
als Energie mit sich identisch bleibt und sich zugleich als Ener-
gie q u a n t u m von sich selbst unterscheidet und auf ver-
schiedene Tätigkeiten verteilt. Allein, der Kasus knacksus der
Konstruktion hat sich dadurch bloß verlagert: weder der Trieb,
noch der Psychologe können nämlich ein M a ß dafür angeben,
w i e v i e l Energie denn w e l c h e r Tätigkeit entspricht,
sagen wir einem Stahlwerk ("Selbsterhaltungstrieb" der Libido)
oder einem Freud-Referat bei Vinnai (die Lustabteilung der Li-
bido).
Mäßig, aber regelmäßig
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Trotzdem: auch wenn es für das Kunstprodukt namens Energiehaus-
halt kein Maß für sachgerechtes Einteilen gibt, weil es eben be-
sagten Energietopf außer in der psychologischen Einbildung nicht
gibt - auf die Behauptung eines Maßes für optimale Energieverwal-
tung verzichtet die Psychologie deshalb noch lange nicht. Das
entnimmt sie nämlich einfach den vorgefundenen gesellschaftlichen
Anforderungen. Sich in ihnen "wiederzufinden", zeugt unter dieser
Voraussetzung - streng tautologisch - vom rechten Energiehaus-
halt. Alles andere fällt unter das Diktum "asozial". Allerdings:
der hier zum Vorschein kommende moralische Zeigefinger ist bloß
die halbe Wahrheit über den gesellschaftlichen Charakter - nicht
des Triebes, sondern - der Wissenschaft von der Libido. Die Dome-
stizierung der Triebnatur soll nämlich als Ermöglichung rechter
Betätigung der Libido verkauft und geschätzt werden. Und insofern
schmecken sich Psychologen lieber mit vermeintlich menschen-
freundlichen Klagen über die Schwierigkeiten, die so eine Gesell-
schaft den Triebtätern bei ihrer unerläßlichen Sublimierung auf-
erlegt. So kommt die Lehre von der psychischen Natur des Menschen
als Hilfsangebot daher und bemäkelt auch schon einmal die Ar-
beitslosigkeit als Quelle interner Konflikte des Seeleneintopfs.
Die Anerkennung werden solche Weisheiten dem Bundesgesetzblatt zu
Kurzarbeit und Rationalisierung schon deswegen nicht versagen,
weil o h n e Gesellschaft der Theorie zufolge der Trieb völlig
aufgeschmissen wäre: Endlose Vorlust - aber Null Sublimierung für
die "Selbsterhaltung" und das Bruttosozialprodukt.
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