Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 6, 15. Dezember 1982
       
       Psychologie
       

LERNSCHWIERIGKEITEN

In den ersten Sitzungen des Seminars "Ausgewählte Aspekte der Un- terrichts- und Erziehungspsychologie" von Dr. Eberhard ELBING nahmen sich die Teilnehmer einen "zentralen Aspekt der Unter- richtspsychologie" vor: das L e r n e n. Leider erfüllte die Veranstaltung ihren Zweck, sich "auf einem etwas anspruchsvolle- ren wissenschaftlichen Niveau" zu bewegen, bislang nur unzurei- chend. Grund: Man kam über die elementaren Fehler der Lernpsycho- logie nicht hinaus. (1) Gleich der Auftakt war - wie sich herausstellen sollte - von entscheidender Bedeutung für den Verlauf des Seminars. Bevor das Lernen überhaupt Gegenstand einer Analyse war wurde ihm die Schwierigkeit zuerkannt, nicht (unmittelbar) "beobachtbar zu sein". Damit stellt man die seltsame wie alberne Behauptung auf, Lernen wäre eine menschliche Tätigkeit, die der Erfahrung nicht zugänglich ist. Als ob dieses skeptische Urteil nicht bereits durch die Erfahrung eines Schülers oder Studenten wenn er sich die Tätigkeit am Schreibtisch, in der Vorbereitungsgruppe oder in einem Lese bzw. Studiersaal vor Augen führt, ad absurdum geführt ist! Andererseits steckt in dem Argument mit der Beobachtung die seltsame Forderung an die Theorie, der B e g r i f f des Ler- nens also seine Allgemeinheit müsse sich als eine e m p i r i s c h e Tatsache fassen lassen. Die Erfüllung dieses Anspruches ist freilich unmöglich, denn wenn ich mich mit der Na- tur des Lernens befasse, bin ich über die bloße Erfassung seiner Erscheinungsweisen bereits weit hinaus. Bei dem Beobachtungsargu- ment geht es daher auch um etwas anderes als um die - so überaus schwierige! - Frage, woran man Lernen erkennen könne. Man legt sich das Problem der I d e n t i f iz i e r b a r k e i t des Lernens vor, weil man von vornherein die Absicht hegt, sich nicht wirklich, sondern nur m e t h o d i s c h mit seinen Gegenstand auseinanderzusetzen. Daß diese Absicht zu nichts Brauchbarem führt, macht die "Lösung" des Beobachtungsproblems klar, durch die ein Lernpsychologe seine anfangs ausgesprochene Skepsis zu einer bleibenden Grundlage seiner theoretischen Bemühungen macht. Mit der umwerfenden Erkenntnis, daß Lernen ein Verhalten ist, be- kennt er sich positiv zu einer Leugnung der B e s t i m m t h e i t des Gegenstandes. So erhält er die ab- strakte, nicht mehr das Lernen selbst beurteilende Bestimmung, diese Tätigkeit könne mit einem Vorgang identifiziert werden, durch den sich ein Verhalten v e r ä n d e r t: (2) "Das Lernen kann bezeichnet werden als Verhaltensdifferenz." Ein inhaltlicher Fortschritt in der Bestimmung des Lernens ist damit nicht gegeben im Gegenteil. Die U m t a u f u n g des Lernens in Verhaltensdifferenz leistet nämlich nur die Beschäfti- gung mit einem endlosen Zirkel. Einerseits bleibt unterstellt, daß das Lernen etwas mit sich Identisches ist andererseits kommt über diese Identität nur heraus, daß sie ein (innerer) P r o z e ß ist, der sich in einer Veränderung vom Verhalten b e m e r k b a r macht. So nimmt es nicht wunder, daß sich die Frage nach dem Lernen, aus dem man ein Rätsel gemacht hat, auf- löst in die Suche nach F a k t o r e n u n d B e d i n g u n- g e n, mit und unter denen es a n g e r e g t wird und in die Fahndung nach den U m s t ä n d e n, unter denen es s t a t t- f i n d e t. Und hierbei erhält man des eingeführten Zirkels wegen auch keine festen Antworten, sondern nur neue Fragen und neue Definitionsversuche: Wenn ich nichts vom Lernen weiß, woher weiß ich dann, daß und vor allem welche Wirkungen von ihm ausgehen? Wie soll sich "Verhalten", das Synonoym für "Tätig-Sein", das bloße Konstatieren, daß jemand was tut - gleichgültig gegen In- halt und Zweck seiner Tätigkeit - in sich unterscheiden? Und selbst noch angenommen, mit "Verhaltensänderung" wäre etwas Be- stimmtes ausgedrückt, was bleibt übrig? "Lernen ist, daß es stattgefunden hat und äußert sich in folgendem ..." Den Versuch, vom Resultat her auf Lernen zurückzuschließen und diesen Vorgang zu untersuchen, wollen die Lerntheoretiker gerade nicht unterneh- men! Das 'Beobachten', unter welchen B e d i n g u n g e n Ler- nen stattgefunden hat, soll schon die Erklärung sein! Daß sie noch keinen Schritt weitergekommen sind, bemerken sogar die Lerntheoretiker wenn sie sich nun wieder auf die Suche nach ihrem Gegenstand machen: Wann kann man beim "Endverhalten", dem Resultat von "Anfangsverhalten und nicht beobachtbaren inneren psychischen Prozessen" überhaupt von Lernen sprechen? (3) "Wenn keiner der genannten Faktoren" (eine kalte Dusche oder Vergiftung, Wachstum oder Ermüdung als Ursache für "Verhaltens- änderungen" bei gleichen "Umweltkonstellationen", d.V.) zur Erklärung herangezogen (!) werden kann, dann - so wollen wir ver- einbaren (!) - sprechen wir von 'Lernen'". Konsequenterweise kann man Lernen "als Verhaltensänderung" nicht positiv bestimmen, sondern "vereinbart" im negativen Ausschluß- verfahren, was man als 'Lernen' betrachten w i l l: Alles, was wir als nicht Nicht-Lernen bezeichnen wollen, wollen wir Lernen nennen! Nach dem Motto 'wenn der Gegenstand das nicht hergibt, was wir von ihm wollen wird es ihm per Übereinkunft einfach ver- paßt!' Und noch jeder Versuch, den Zusammenhang von Lernen und "Verhaltensänderung" überzeugend darzustellen, erschöpft sich in dessen immer wiederkehrender Beteuerung: "Lernen ist eine Verhaltensdifferenz, die durch einen Lernprozeß (= innere psychische Prozesse) hervorgebracht worden ist." Oder 'Lernen ist das Resultat eines Lernprozesses'. Ergebnis wie ge- habt: Lernen ist, daß es stattgefunden hat! Ein anschauliches Beispiel für den Gehalt dieser Erkenntnis: Der Referent erläutert das Schwimmenlernen: "Anfangsverhalten ist 'Nichtschwimmen', darauf erfolgt die Aufforderung (!) des Schwimmlehrers 'Schwimmen', das ergibt Zappelversuche und ... das 'Endverhalten': Elegante Kraulzüge!" Und das kann doch wirklich keiner behaupten, daß einer, der vorher nicht schwimmen konnte und nachher schon, es dazwischen wohl gelernt hat, oder? Aha, Lernen gibt's ... Noch einmal zusammengefaßt: Was weiß ich nun vom Lernen? Lernen p a s s i e r t und das auch nur unter bestimmten Bedingungen (Aufforderung) und es ist ganz schön schwierig rauszukriegen, wann es überhaupt stattgefunden hat! Diese "Erklärung" dokumen- tiert die völlige Unwissenheit über den Gegenstand und zeugt von der Genialität einer Wissenschaft, die die Existenz eines Gegen- standes schon für dessen Begriff halten, sich aber die Beteue- rung, daß es ihn gibt, nicht z u einfach machen will! So bleibt dem Seminar für den Rest des Semesters nur der Lerner- folg zu wünschen, daß man mit den Methoden der Lernpsychologie auf dem falschen Weg ist, dem Geheimnis des Lernens auf die Spur zu kommen. zurück