Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 16, 08.02.1983
Psychologische Zugänge zur Menschennatur:
WIE WIRD MAN EIN FASCHIST?
"Wie wird man Faschist?" Indem "man" (der Staatsbürger) sich die
von seiner Herrschaft und Industrie für einen selbst bereiteten
"schweren Zeiten" damit erklärt, daß ausgerechnet diese Herr-
schaft zu wenig souverän nach innen und außen agiere. Im Unter-
schied zum demokratischen Staatsbürger, der in der Wahl darüber
befindet, welche der angebotenen Alternativen den feststehenden
Zweck - Stärkung der Nation - machtvoll durchsetzen soll, er-
scheint dem Faschisten selbst diese Konkurrenz um die Macht als
Zeichen der Schwäche und deshalb als Grund auch seines Übels: Je-
der soll sich für den totalen Staat einsetzen, keine Ansprüche
stellen und das Maul halten (Urteile, die dem Demokraten durchaus
nicht fern liegen), dann geht es mit der Nation wieder aufwärts.
Darauf setzt er und verlängert damit den Fehlschluß, der gerade
heutzutage so an Boden gewinnt: die Stärke der Nation mit seinem
eigenen Wohlergehen zu identifizieren, wobei ihm der demokrati-
sche Staat gerade praktisch vor Augen geführt hat, wie es sich
wirklich verhält. So wird "man" Faschist. Bringt "man" als norma-
ler Bürger alle Opfer, die eine Regierung mit diesem nationalen
Programm von staatswegen verlangt, von materiellen Einschränkun-
gen über Arbeitsdienst bis zum Sterben "fürs Vaterland", dann ist
man ein faschistischer Untertan. Was sich ebenfalls - wie man an
der praktizierten Einsicht, für "unseren Staat" seien "Opfer
notwendig" - nicht allzu sehr vom demokratischen Untertanen
unterscheidet.
Solche Erklärungen des Faschismus wurden auf der Abschlußveran-
staltung der FHS zur "Machtergreifung" von dem als Fachmann zur
Beantwortung obiger Frage geladenen Sozialpsychologen Prof. Ka-
meda und dem psychologisch vorgebildeten Publikum abschlägig be-
schieden. "Soweit altbekannt, aber doch bloß politökonomisch"
seien sie - eine merkwürdige Kritik, gerade zur Klärung der ge-
danklichen und politischen L e i s t u n g, die ein Mensch er-
bringt, um Faschist zu werden, zu bemerken, das sei platte Ökono-
mie. Indem man dagegen nach "Zugängen zum Menschen von 1933"
forschte, die Frage aufwarf, "warum dieser Mensch Faschist gewor-
den ist, jener nicht", machte man sich zum Programm, den Faschis-
mus ganz explizit jenseits von dem, was die Menschen 1933 dachten
und taten, in den Menschen zu suchen, wollte also einen letzten
Grund jenseits der falschen Urteile finden, mit denen ein Staats-
bürger praktisch den Übergang zum Faschisten macht: der Mensch
schlechthin, die Menschen n a t u r war Thema.
Auf blöde Fragen gibt es bekanntlich blöde Antworten. Durch die
Bank wurde denn auch auf die Frage "warum hat ein Mensch damals
so gehandelt?" geantwortet, "weil er so ein Mensch war!". So ein
Mensch nämlich, der
- "autoritätsgläubig" war;
- "ein Sicherheitsbedürfnis hatte";
- "Geborgenheit" suchte.
Psychologische Erklärungen des Faschismus stehen also darin, sich
irgendwelche psychischen Strukturen im Menschen auszudenken, die
Hitler ausgenutzt haben soll. Wozu er sie ausnutzte und wie er
das konnte (als hätte es nicht außer dem österreichischen Gefrei-
ten ein paar andere Autoritäten in Deutschland gegeben, an die
sich hätte angelehnt werden können, und wenn schon Geborgenheit,
warum dann ausgerechnet in der Volksgemeinschaft und nicht zu-
hause bei Muttern?), der Inhalt faschistischer Politik spielt da-
bei keine Rolle: dem Faschismus wird als einzige Qualität zuge-
sprochen, die Leute verführt zu haben und dafür in ihrer Psyche
die entsprechenden Bedingungen vorgefunden zu haben. Die Mitma-
cher von '33 - bloße Objekte eines offensichtlich ganz getrennt
von ihnen irgendwo existierenden Faschismus ("1921 war er ein
bißchen vorhanden, 1933 sehr stark und 1945 plötzlich wieder ver-
schwunden" (Kameda)), das ist die dümmliche und darin sehr ver-
ständnisvolle Vorstellung von Psychologen Über den Faschismus.
Gerade darin, daß er dem Menschen lauter "psychologische Primär-
bedürfnisse" erfüllte, soll die abgrundtiefe Gemeinheit des Fa-
schismus bestanden haben: er hat die Menschen "verführt" - eine
Kritik, die einzig vom gefestigten demokratischen Urteil Über
diesen Schandfleck deutscher Geschichte lebt und von einer Kritik
an den politischen Zwecken, für die der faschistische Staat sein
Volk hernahm, nichts wissen will. "Wie banal das Böse sei" hatte
eine Diskussionsteilnehmerin den Himmler-Protokollen entnommen
und damit exemplarisch zum Teil 2 der Veranstaltung:
"Verantwortung" übergeleitet. Denn wenn Faschismus kein nationa-
listisches politisches Programm mehr sein soll, sondern in jedem
von uns Menschen angelegt, dann kommt man natürlich auch nie mehr
dazu, politische Zwecke zu kritisieren, sondern verfällt darauf,
kassandrahaft vor diesen Abgründen in uns allen zu warnen: man
muß aufpassen, daß "es" nicht wieder "geschieht". Die "Soziali-
sation des Menschen" sei von Bedeutung, "Krisensituationen"
könnten leicht zum Faschismus führen - solche Urteile, die einzig
darin bestehen, allenthalben die drohende Möglichkeit des
Faschismus zu beschwören, ohne irgendetwas zu erklären (was an
der Erziehung ist denn wofür wichtig? was folgt aus einer
Krisensituation eigentlich?), solche Urteile sind nichts als die
Demonstration der eigenen moralischen Verantwortlichkeit:
"Nach Auschwitz ist die Welt anders."
Na klar, es herrscht eine demokratisch ermächtigte Staatsgewalt
und die hält das Böse im Menschen unter Kontrolle. Demokratie muß
sein, weil Faschismus nicht sein darf. Basta!
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