Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Münchner Hochschulzeitung, 14.12.1983
       Sonderausgabe Sozialwesen
       
       Der Leib- und Magengedanke des Seelenforschers Heinz Heckhausen
       

MOTIVATION

Daß Fußballvereine sich neuerdings von Psychologen beraten las- sen, hat zwar noch keinen Club vor dem Abstieg gerettet, berei- chert aber die Fernsehinterviews beträchtlich. Auf die Frage, weshalb er so schlecht gespielt habe, antwortet nämlich ein ge- witzter Balltreter heutzutage, daß er nicht recht motiviert gewe- sen sei. Das Wetter war es also nicht, an ihm selbst soll es schon gelegen haben, aber doch nicht an so etwas wie Bauchweh oder der Absicht, sich zu schonen. Gewollt hat er nämlich durch- aus, bloß irgendwie hat er das Wollen diesmal nicht recht ge- bracht. Der Motivationsdreh ist also einfach: Unser Kicker braucht sich nur theoretisch neben seinen Willen zu stellen, ihn als selbständige Kraft behandeln - und schon hat er unter nobler Umgehung etwas seines Unwillens, sich noch mehr anzustrengen, entschuldigend darauf verwiesen, daß er nichts richtig wollen g e k o n n t hat. Der Motivationspsychologe macht aus demselben Dreh eine ganze Theorie: er verdoppelt jede Handlung in Handlung, der sich kein bestimmter Wille entnehmen läßt, und in die sie bewirkende Wil- lensinstanz, welche g e t r e n n t von der Handlung, die sie bewirkt zu denken ist, indem er versichert, daß die Handlung mög- lich war, weil die Bedingungen dafür im Willen gegeben waren - oder nicht. Das entscheidet sich daran, wie dem Psychologen die jeweilige Handlung paßt: Wer würde schon aus einem lethargischen Ballgeschiebe auf eine erstklassige Motivation schließen? Die Zwecke, die mit bestimmten Handlungen verfolgt werden, sind also bei der Konstruktion der Tautologie unterstellt - und werden mit der konstruierten Instanz geleugnet: Denn mit dem Gedanken, daß einer etwas tut, um seine Fähigkeit zu betätigen, prinzipiell dazu angetrieben zu sein, ist der Handlung jeder Grund bestritten außer dem einen, daß eben die prinzipielle Triebkraft zur Äuße- rung gedrängt hat. Mit dem Motivationsbegriff hat der Psychologe seine Idee daß Wollen und Tun identisch, daß jede Handlung Selbstzweck fernab jeder Nutzenerwägung sei, in einen Seelenappa- rat übersetzt, dessen Funktionen er sich nun zum Anliegen machen kann. HECKHAUSENs Ausgangspunkt lautet also: "Es muß ... etwas in den Personen 'drinnen' sein was sie treibt, schiebt oder zieht, sie so und nicht anders unter den gegebenen Anlässen handeln läßt." (I S. 4) Das Geheimnis, als "Erklärungsbegriff" definiert, heißt auch: M o t i v. "Motive Und ... hochgeneralisierte Wertungsdispositionen für ein- zelne 'Grundsituationen', die letztlich in der menschlichen Exi- stenzweise, in den Notwendigkkeiten der Daseinsfristung und Da- seinsvorsorge unter den gegebenen Lebensbedingungen begründet sind." (II, S. 142) Freilich, wenn dem Menschen alle Absichten bestritten werden, au- ßer der, zu h a n d e l n, dann müssen D e t e r m i n a n- t e n ersonnen werden, die diesem Verhalten möglichst tief und früh verankert die Richtung weisen. Wobei der Hinweis auf die Existenz des Menschen, die "Notwendigkeit der Daseinsvorsorge" keineswegs bedeutet, daß HECKHAUSEN von den wirklichen Zwecken reden will, welche die Menschen im Leben verfolgen, er versichert mit der "letztlichen Begründung" der Motive im menschlichen Naturell die Lieferung N o t w e n d i g k e i t, Motive zu haben - und zwar unabhängig von den jeweiligen "Lebensbedingungen"! Bei der Auswahl der Determinanten entwickeln Psychologen be- stimmte Vorlieben - HECKHAUSEN hat sich um das Leistungsmotiv verdient gemacht: "In diesen Grundsituationen findet sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens immer wieder vor. Man kann deshalb auch Motive An- liegen bezeichnen. Ein solches wiederkehrendes Anliegen Anliegen ist, z.B. das Leistungsmotiv, das sich in wiederkehrenden lei- stungsthematischen Grundsituationen herausgebildet hat und die Selbstregulation leistungsbezogenen Handelns ermöglicht." (II, S. 142 f.) Womit die Theorie eigentlich schon fertig wäre, ohne sich erst mit Wie und Wozu irgendwelcher Leistungen zu befassen, ist der Zweck jeden Leistens festgelegt: das Leistungsmotiv war halt eine rechte Disposition und wollte sich äußern. Leisten ist Selbst- zweck und wird als solcher entwicklungspsychologisch in der Per- sönlichkeit angesiedelt. Und mit so einer Theorie ist die Welt gleich miterklärt, als Situation: eine Ansammlung von mehr oder weniger förderlichen B e d i n g u n g e n nur die Äußerung des Leistungsmotivs. Motivation: "Man bezeichnet damit alle aktuellen Faktoren und Prozesse, die unter gegebenen situativen Anregungsbedingungen zu Handlungen führen und diese bis zu ihrem Abschluß in Gang halten. In der Motivation treten Situationsfaktoren und Motivfaktoren miteinander in Wechselwirkung." (II. S. 143) Der Universalerklärung des Menschen, er sei mit der Betätigung seiner Motive beschäftigt, entspricht die Betrachtung der Le- bensumstände als Faktoren der Motivation. So ergibt sich für die ganze Welt ein einziger konstruierter Z w e c k: sie dient dazu, sich motivieren zu lassen. Daß sich nach diesem Resultat die Frage ergibt, welches denn nun ursprünglich oder eigentlich die Ursache der Handlung sei - das Motiv oder die Situation -, hat HECKHAUSEN gleich mitberücksichtigt: im Zweifelsfall sagt man dazu "Wechselwirkung". Fertig ist der Psychologe damit freilich noch lange nicht: er sorgt sich vielmehr um seine Erfindung. Wenn in jedem Leistungs- motiv steckt, dann vielleicht doch mehr oder minder? Gottlob läßt sich mit dieser Sorte leben: wenn das Willenspotential da ist, sich aber nicht rührt, dann muß man es halt ankurbeln, wofür die Welt manche Situation bereitstellt. E x t r i n s i s c h e Mo- tivation ist also gefragt und erfährt zugleich noch stets eine akzeptierte Wertung, weil sie mit einer "Belohnung von außen" operiert. Mit dem ex- ist also ausgesprochen daß die betreffenden Personen zum unbedingten Leistungsmotivaktivierer erst gemacht werden müssen. Und das ist ein Ärgernis; schließlich wurde die Motivation erfunden, um i n t r i n s i s c h zu laufen. "In der Motivationspsychologie bedeutet intrinsisch, daß man eine Sache um der Sache selbst willen tut und nicht um anderer Sachen, anderer Zwecke oder Zielsetzungen willen. Extrinsisch ist das Ge- genteil von intrinsisch." (II, S. 58), Fn. 1) "Erwünscht sind solche Motivierungseffekte, die dem Schüler zu mehr Selbststeuerung seines Leistungsverhaltens verhelfen, d.h. die intrinsische Motivierung und Selbstbekräftigung unterstützen, die Entwicklung eines realistischen und zugleich anspruchsvollen Gütestandards fördern." (II. S. 583) Ideal! Der wahrhaft intrinsisch leistungsmotivierte Schüler faßt eine Klassenarbeit als Situation mit leistungsthematischem Auf- forderungsgehalt auf, die ihm wieder einmal die Chance bietet, sein grundsituationell bedingtes wiederkehrendes Anliegen "Leistungsverhalten" selbstbekräftigt und selbstgesteuert ver- wirklichen zu können. Kurz: Der Mensch ist dann Mensch, wenn er für alles, was er tut und läßt, sein Selbst als Grund weiß! Zu dieser aufgeklärten Einstellung hat sich jedenfalls Prof. HECK- HAUSEN disponieren können. (I) Heinz HECKHAUSEN: Motivation und Handeln. Berlin 1980 (II) = Heinz HECKHAUSEN u.a. (Hg.): Funkkolleg Pädagogische Psy- chologie, Frankfurt a.M. 1974 *** Bild ansehen aus: H. Heckhausen: Motiv und Motivation, in: Handbuch psychologischer Grundbegriffe, hg. v. Theo Herrmann u.a., München 1977: S. 301 in Worten: das Motiv schickt ein paar Wertungsgewichts- und Aufsuchungstendenzimpulse aus, die auf die Aufforderung- gehaltspfeile der jeweiligen Situation stoßen, kognitiv und emotional vermittelt natürlich. Jetzt kommt's drauf an: wenn die Impulse sich nicht beißen, geht alles glatt, eine Handlungs- tendenz resultiert, die Motivation entsteht, manifestiert sich ... HANDELN! (aus: H. HECKHAUSEN: Motiv und Motivation, in: Handbuch psychologischer Grundbegriffe, hg. v. Theo Herrmann u.a., München 1977: S. 301) zurück