Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 98, 03.07.1984
Veranstaltung: VINNAI, Thema: Mensch und Maschine
MENSCH VINNAI!
Der Titel dieser Veranstaltung ist unvollständig. Eigentlich
müßte er heißen: Mensch und Maschine macht Maschinenmensch. Denn
Vinnai will in der Technik den Ausdruck einer zutiefst perver-
tierten Menschlichkeit entdeckt haben und damit eine neuartige,
gar nicht "konservative" Technikkritik leisten:
"Wir sind alle konservativere Technikkritiker ab wir denken. Denn
die Technik ist u n s viel näher v e r w a n d t, als wir
wahrhaben wollen." (Vinnai am 5.6.84)
Fast, als habe er den Einwand erwartet: 'Ich soll mit meinem Kü-
chenmixer, mit dem ich meine Eier schaumig schlage, verwandt
sein?' fährt Vinnai fort:
"Es gibt so etwas wie Technik s u c h t z.B. nach Autos oder
Computern. Diesen Menschen durfte man die Maschinen nicht wegneh-
men, was aber nicht am Gebrauchswert liegt. Was aber macht diese
Faszination von Technik aus, die sich rational nicht fassen
läßt?" (ebd.)
Nach dem Motto 'Frechheit siegt' erklärt hier Vinnai einfach das
jedermann bekannte und von jedermann praktizierte Verhältnis zu
technischen Gerätschaften für nicht existent. Die Menschen schät-
zen ihr Auto Vinnai zufolge nicht seiner Gebrauchswerteigenschaf-
ten wegen, sondern weil es sich um Technik überhaupt handelt.
(Wir hoffen, daß Vinnai zu diesen Leuten gehört. Dann tauschen
wir nämlich sein Auto gegen einen Taschenrechner ein - für den
Frieden einer technikfaszinierten Seele, der es auf den Ge-
brauchswert gar nicht ankommt, dürfte der ja wohl denselben
Dienst tun.) Einerseits soll die Technikfaszination n i c h t
rational zu ergründen sein. Andererseits gibt Vinnai einen sehr
entscheidenden Grund an: "Techniksucht", ein quasinatürliches
Verlangen nach einer Dummheit. Offenbar ist dieses Argument nur
dafür da, sich mit der angeblichen Irrationalität des
Verhältnisses der Menschen zur Technik das Recht auf eine
Erklärung zuzusprechen, die, jeder Vernunft Hohn spricht:
"Was fasziniert uns an Maschinen? Warum wollen wir wie Maschinen
sein? Die Scheiße in Ordnung bringen ist eine Urleistung des Men-
schen. Es geht darum, alles zu steuern in einer auf 'Sauberkeit'
bedachten Welt. Die Maschine repräsentiert dieses reibungslose
Funktionieren. Eine Maschine scheißt nicht in die Hose, sie hat
keine Gefühle. Der Computer reagiert total kontrolliert auf alles
was wir eingeben. Er funktioniert regelhaft und steuerbar. Haben
wir nicht alte diesen Maschinenwunsch? Zeigt sich das nicht z.B.
auch bei den Ritualisierungen im Sport, wo durch Spielregeln al-
les total regelhaft abläuft?" (Vinnai ebd.)
Was will uns der Meister mit seinen Fragen für Antworten geben?
In seiner "Technikfaszination" soll der Mensch das Ideal zum Aus-
druck bringen, alles einschließlich seiner selbst habe total
steuerbar und regelhaft abzulaufen. Damit soll er einen Kampf ge-
gen seine Gefühlsnatur, seine "Lebendigkeit" etc. führen. Für
diesen Gedanken muß man Technik auf die Attribute "steuerbar" und
"regelhaft" herunterbringen, also vornehm davon absehen, was mit
Technik "gesteuert" werden soll. Demzufolge richtet dann Daimler
Benz wohl seine Fließbänder nicht etwa ein, um das Arbeitstempo
auf eine profitliche Stundenleistung hinzusteuern, sondern wegen
eines ganz inhaltsleeren Steuerungsdrangs. Die Wahrheit ist umge-
kehrt: der Zweck des Einsatzes der Technik hat die ungemütliche
"Regelhaftigkeit" der Bandgeschwindigkeit zur F o l g e.
Weiter muß man der Maschine d e n Menschen gegenüberstellen,
also mit einem großen "wir alle" den Unterschied von Leuten, die
Technik als Mittel des Profits einsetzen und solchen, die an die-
sen Maschinen für den Gewinn verheizt werden, wegstreichen.
Hat man so den M i t t e l charakter von Technik gleich doppelt
um die Ecke gebracht, dann ist das "Rätsel" von der "Faszination
der Technik" gelöst. Die Logik lautet:
'Technik ist Steuerbarkeit. Wer für Technik ist, der ist ein Fan
von totaler Steuerung. Also zeigt, wer für Technik ist, nur, daß
er selbst Technik sein will, insofern sie ja die Steuerbarkeit
repräsentiert, der der Mensch anhängt!'
Eine bestechende Logik: Wenn man Technikfaszination zum Ausdruck
eines ganz inhaltsleeren Steuerungsdrangs erklärt hat, dann
"beweist" Technikfaszination diese Steuerungssucht.
Verstand frißt Gefühl auf
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Soweit so schlecht. Aber was ist daran nun schlimm? Das Problem,
das Vinnai hier entdeckt haben will, liegt in einem erfundenen
G e g e n s a t z von Kontrollbedürfnis und Gefühlsseite des
Menschen. Wer auf Steuerbarkeit aus ist, soll einen heimlichen
Kampf gegen seine eigenen Gefühle führen. An Vinnais Beispiel
"Ritualisierungen im Sport" läßt sich die Dummheit dieser Vor-
stellung ebenso ablesen, wie ihre Gemeinheit: Wer sein Fußball-
spiel zweckmäßig nach den Regeln dieses Spiels organisiert, der
soll sich der Ausgrenzung von Spontaneität schuldig machen. Er-
stens entnehmen wir dem, daß Vinnai vornehm jene spontanen Ge-
fühlsausbrüche übersieht, die gerade auf Grundlage der Anwendung
der Regeln in einem Fußballstadion so zu beobachten sind. Da tobt
doch das Stadion einschließlich der Spieler, wenn er, der richti-
gen Mannschaft gelungen ist, nach allen Regeln der Kunst ein Tor
zu plazieren.
Zweitens sollte man mal würdigen, was Vinnai hier eigentlich auf
den Index setzt. Als Vergewaltigung der eigenen Gefühlsnatur gilt
es, wenn Leute ihr Handeln unter die Kontrolle eines von ihnen
erwünschten Zwecks bringen. Wenn sie also ihre Gefühle und spon-
tanen Einfälle daraufhin beurteilen, ob sie als Maxime für zweck-
mäßiges Handeln etwas taugen. Wenn also beispielsweise Fußball-
spieler sich an die Spielregeln halten, weil sie wissen, daß das
Spiel, also auch der Spaß an dieser sportlichen Konkurrenz nur
zustande kommt, wenn nicht jeder nach Gusto irgendwas spielt.
Hier wird ganz grundsätzlich gegeißelt, daß die Leute ihre Le-
bensumstände unter die Kontrolle ihres Willens bringen wollen.
Ausgerechnet zweckmäßiges Vorgehen soll man betrachten wie
U n t e r w e r f u n g unter einen fremden Zweck:
"Ist es nicht ein Verlust an Lebendigkeit, wenn wir uns der Re-
gelhaftigkeit der Maschine anpassen müssen? Im Umgang mit dem
Computer paßt sich der Mensch dem Computer an. Gut, Technik ist
eine Arbeitsentlastung. Aber ist eben das nicht auch ein Entzug
an Lebensmöglichkeiten?" (Vinnai, 29.5.84)
Wer einen Computer sachgerecht behandelt, damit er ihm die er-
wünschten Informationen ausspuckt statt "spontan" ein Datenchaos
anzurichten, der setzt nicht etwa den Computer sinnvoll für sei-
nen Zweck ein, sondern er wird Opfer der Maschine! Freiheit ist
demzufolge, wenn man selbst systematisch dafür sorgt, daß kein
einziger Zweck, den man hat, aufgeht.
Gleichung höherer Ordnung: abstrakt = böse
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Diesen wenig orginellen Gedanken schämt sich Vinnai nicht auf
seine eigene Profession, die Wissenschaft anzuwenden:
"Muß nicht einer, der heute Maschinen konstruiert, selbst maschi-
nisiert sein?... Die Technik gehorcht einer Logik, die sich nicht
konkret erfassen läßt, sondern hohe Abstraktionsleistungen erfor-
dert. Sie verlangt Deformation von dem, der sich mit ihr ausein-
andersetzt. Die Frage ist, wieviel Abstraktion der Mensch aushal-
ten kann. Alle guten Theorien sind heute Literatur, die schreiben
nicht mehr über z.B. Ökonomie, die einer Logik gehorcht, die wi-
derlich und abstrakt ist, wo man sich selbst deformieren muß, wo
von der konkreten Sinnlichkeit abstrahiert wird." (Vinnai,
19.6.84)
Da stellt sich ein Wissenschaftler hin und benutzt mindestens 10
Abstraktionen und 7 logische Kategorien, um das Urteil loszuwer-
den, daß Abstrahieren und logisches Denken ein einziger Anschlag
auf die Subjektivität sei. Ach würde Vinnai seinen eigenen Mist
doch ernst nehmen und ab sofort das Argumentieren zugunsten von
ganz viel Sinnlichkeit sein lassen. Dann bliebe einem wenigstens
seine falsche Abstraktion erspart, der Mensch deformiere sich
dann, wenn er den Versuch unternimmt, durch Einsatz seines urtei-
lenden Verstandes die Gesetze der Realität zu ermitteln, um zu
wissen, wie er mit ihr seinen Zwecken entsprechend umzugehen hat.
Was hier als Freisetzung der Subjektivität daherkommt, ist näm-
lich nichts anderes als die Aufforderung, sich einer
u n d u r c h s c h a u t e n R e a l i t ä t zu unterwerfen.
Mea culpa, mea culpa!
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Der Wille, seine Lebensumstände theoretisch in den Griff zu krie-
gen, gilt hier ganz wie in der Religion als menschenfeindliche
Anmaßung. Nur vergeht sich der Mensch hier nicht am lieben Gott,
sondern angeblich an sich selbst. Und wie in der Religion folgt
auch hier der Beichte die Aufforderung zur Buße und inneren Ein-
kehr auf dem Fuße:
"Wenn Menschen akzeptieren, daß s i e s e l b s t etwas Ma-
schinelles an sich haben und Maschinen brauchen, dann kann sich
zeigen, daß manche Technikkritik völlig daneben liegt. Wir soll-
ten uns auf solche Gedanken ein Stück weit einlassen und nicht
immer gleich das Tötende an der Technik sehen." (Vinnai, 9.6.84)
Sondern? Worauf sollten wir uns da "ein Stück weit einlassen"?
Vinnai wendet sich hier dagegen, der Technik das "Tötende" z.B.
der "Megamaschine Militär" anzutasten. Und warum? Nur um die
Selbstbezichtigung zu empfehlen: Ist die Militärtechnik nicht ein
Ausdruck "unser aller" Steuerungsbedürfnis? Dafür ist der ganze
Quark also gut: Mit einem dicken 'mea culpa' soll man sich selbst
anlasten, was die Herrschenden an Zwecken in die Welt setzen und
mit Gewalt durchsetzen. Ist nicht von der Umweltzerstörung bis
zur Rüstungstechnologie alles eine Wirkung der menschlichen Hy-
bris, die immerzu ganz wider ihre Natur alles in den Griff bekom-
men will?
Prost Mahlzeit.
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