Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
zurück
Sozialpsychologie
Nolte: Einführung in die Sozialpsychologie
ZWEI WÖRTER - EINE WISSENSCHAFT
Ausgangspunkt und Gegenstand der Vorlesung war, was Sozialpsycho-
logie sinnvoller Weise zu sein hätte. Die Frage nach ihrem Thema
wäre schnell beantwortet gewesen: das Verhältnis zwischen Indivi-
duum und Gesellschaft; doch es kam NOLTE darauf an, dies gerade
als ein "problematisches" darzustellen, und zwar aufgrund einer
wissenschaftstheoretischen Reflexion. Wenn es ausdrücklich nicht
darum ging, dieses Verhältnis näher zu untersuchen, was denn die
Bestimmungen des Individuums und der Gesellschaft - z.B. der BRD
'81 - sind, also die Realität zum Ausgangspunkt zu nehmen, was
denn die Leute so treiben und was die gesellschaftlichen Voraus-
setzungen ihres Tun, sind (Schule, Staat, Arbeit usw.), sondern
an dem abstrakten Verhältnis Individuum/Gesellschaft festgehalten
wurde, um daraus schon eine "Legitimation" für eine Sichtweise
der Sozialpsychologie zu gewinnen, dann zeigte sich darin schon
der erste Fehler. Was gibt es denn vernünftiger Weise über Indi-
viduum und Gesellschaft mehr zu sagen, als daß eine Gesellschaft
aus lauter einzelnen Menschen besteht und daß umgekehrt der
Mensch nicht allein lebt, sondern mit anderen zusammen - eine
fürchterliche Banalität. NOLTE fand etwas: Die beiden stehen in
einem Spannungsverhältnis. Woher hat er das? Logisch ergibt sich
das nie und nimmer aus der einfachen Tatsache, daß Individuum und
Gesellschaft zwei Sachen sind, die miteinander etwas zu tun ha-
ben. Will man da einen Gegensatz ausmachen, müßte man durch einen
Blick auf die Realität dieses Verhältnis schon näher untersuchen,
also herausfinden, wie denn beide beschaffen sind und was denn
daraus für ihr Verhältnis zueinander folgt. Das hat NOLTE aber
gerade ausgeschlossen. (Jeder, der die Behauptung des Spannungs-
verhältnisses plausibel findet, denkt sich natürlich auch schon
alles mögliche dabei, dann soll er sich aber auch eingestehen,
daß seine Beispiele (Schule/SchÜler, Kapital/Arbeit, Männerwis-
senschaft/Frau, Institution/Helfer) mit dem abstrakten Spruch in
einer Weise zusammengefaßt sind, wo der Inhalt der Konflikte, an
die man denkt, weg ist und damit auch der Gegensatz, den man ge-
meint haben wollte. Der Spruch ist darum auch alles andere als
kritisch: Gegen was ist man denn eigentlich, wenn es heißt, die
Gesellschaft unterdrücke das Individuum? - Weil der Zuhörer um
irgendwelche Gegensätze oder Probleme weiß, akzeptiert er allein
diesen allgemeinen Satz und nicht, weil der logisch aus dem Ver-
hältnis Individuum und Gesellschaft hervorgehe.) Wenn sich der
Übergang weder als ein Schluß aus dem "Verhältnis Indivi-
duum/Gesellschaft" ergibt, noch als Zusammenfassung der Untersu-
chung der Realität ergeben soll, dann handelt es sich doch wohl
um nichts anderes als eine willkürliche Behauptung, die dogma-
tisch auftritt. Freilich wird sich zeigen, daß sie sich noch zu
manchem Fehler produktiv anwenden läßt.
Verspannte Wissenschaft
-----------------------
Übrigens hat NOLTE seinen Übergang zum Spannungsverhältnis nicht
nur so einfach vorgetragen, sondern als wissenschaftstheoretische
Debatte. Er stellte die Behauptung auf, die Gesellschaftswissen-
schaften, vor allem auch Soziologie und Psychologie, nähmen den
Standpunkt der Unterordnung des Individuums unter die Gesell-
schaft ein (Beispiel der Begriff "Sozialisation"). Letzte Sitzung
ergänzte er diese Ansicht durch den Hinweis auf einen Trend, daß
noch jede Wissenschaft nicht umhin könne, gegen ihre eigentliche
Intention, auf die Tatsache der "Individuation" zu stoßen:
Schaubild:
Anthropologie - Selbstbestimmung, Reflexion
Sygtemtheorie - Sozialintegration
(funktional.) (Motivkrise)
Rechtswissenschaft - Verantwortungsprinzip
Psychologie - Motiv als intervenierende
(Behaviorism.) Variable
Also müsse die Wissenschaft von einem "weiteren" Begriff ausge-
hen, wo "Sozialisation" und "Individuation" beide eine Rolle
spielen, dialektisch miteinander vermittelt sind.
Wieso soll hier eigentlich ein innertheoretischer Widerspruch
vorliegen? Sozialisation ist ja - dem Wort nach - nichts anderes,
als "gesellschaftlich werden", Individuation der Prozeß, ein In-
dividuum zu werden. Der Widerspruch lebt auch hier davon, daß man
einen Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft hyposta-
siert. Er wird hier nur produktiv weiterentwickelt dadurch, daß
behauptet wird, der zum jeweiligen Subjekt dazugehörige Werdens-
prozeß sei wiederum einer, der zum jeweils anderen in Gegensatz
stehe. Und diesen Gegensatz dürfe man sich aber wiederum nicht
"dualistisch" denken, sondern (was ganz schwierig sei)
"dialektisch", in sich widersprüchlich und sich wechselseitig be-
dingend, eben wiederum als Spannungsverhältnis. Und diese creatio
ex nihilo ist dann auch entsprechend nichtssagend. Als Wechsel-
wirkungsverhältnis behauptet - ohne anderen Inhalt als eben dies
zu sein - ist hier ein herrlicher Zirkel in die Welt gesetzt: Das
eine ist durch das andere bestimmt und umgekehrt, also nichts ist
geklärt. Doch daraus ist was zu machen: Man kann jetzt immer be-
haupten: erstens sei das eine dasselbe wie das andere, zweitens
aber auch gerade nicht, drittens schließlich sowohl als auch. Das
ist zwar lauter Unsinn, aber als methodisches Prinzip, also als
Schema, das auf alles anzuwenden ist, ungeheuer produktiv und
klingt meist sehr tiefschürfend (irgendwie hat man sich auch
schon seit der Untertertia Dialektik so vorgestellt).
Dialektische Methodenkritikmethode
----------------------------------
Noch mal zur Wissenschaftsdiskussion, hier lebt die ganze Debatte
von dem Argument Spannungsverhältnis und Wechselwirkung. Anthro-
pologie handle z.B. von der "Vergesellschaftung des Menschen".
Wieso soll dem widersprechen, daß sie behauptet, der Mensch exi-
stiere als nicht instinktmäßig festgelegtes Wesen? NOLTE stellt
doch nur eines fest, die redet von Gesellschaft einerseits und
Individuum kommt auch vor. Schon holt er sein Schema aus der Ta-
sche und siehe da: Widerspruch, weil Individuum/Gesellschaft: Ge-
gensatz, der vermittelt werden muß... Ohne auch nur ein einziges
Argument der Anthropologie zur Kenntnis zu nehmen, geschweige
denn zu widerlegen, ist sie erledigt, weil sie NOLTEs Span-
nungsverhältnis nicht ausspricht, und gerade damit ein Beleg für
es ist. Die gleiche Absurdität zeigt sich bei dem Verweis auf die
Rechtswissenschaft: 1. Wird sie überhaupt als eine Theorie genom-
men, die das Handeln der Leute erklären wollte, wo sie ja ganz
offensichtlich nichts anderes macht, als die Prinzipien des
staatlichen Umgangs mit dem Rechtssubjekt (im Strafrecht: Rechts-
brecher) zu explizieren. 2. Wofür soll das denn ein Beleg sein,
wenn der Vorsatz (Verantwortungsprinzip) als Strafzumessungskri-
terium aufgeführt wird: Daß die Jurisprudenz ein einseitiges Er-
klärungsmodell ist, das seinen Widerspruch offenlegt??! Das me-
thodische Prinzip ist offensichtlich ziemlich schamlos.
Wie einfach jetzt Wissenschaftskritik geht, hat NOLTE bereits des
öfteren vorgeführt- Z.B. Kritik an FREUD:
"Freuds Anspruch auf ein gesellschaftstheoretisches Mitsprache-
recht (!) gründet auf der Überzeugung, daß die psychoanalytische
Methode der Selbstreflexion eine neutrale Forschungsmethode, 'ein
parteiloses Instrument', darstellt, das mit der Wahrheit über
sich selbst auch die Wahrheit über die gesellschaftlichen Zusam-
menhänge erschließt.
Es stellt sich heraus" (so geht Kritik!), "daß die Psychoanalyse
gerade durch diese Instrumentalisierung einer nicht hinterfragten
(!) Wertsetzung und Wertkritik dienstbar gemacht wird; die Gren-
zen der beanspruchten Neutralität werden immer dann überschrit-
ten, wenn sie an strategischen Punkten (?) des Argumentationszu-
sammenhangs - die Funktion übernimmt, gesellschaftliche Realitä-
ten durch hypostasierte Sachzwänge nicht zu ergänzen (!), sondern
zu ersetzen, mit anderen Worten, durch die Aufklärung über in-
traindividuelle Verhaltensbedingungen gesellschaftspolitische
Aufklärung zu erübrigen."
Die Kritik an Freud ist schlicht die: Er hat zwar nicht nur das
Individuum, sondern auch die Gesellschaft untersucht (gut!), aber
seine Methode (!) der Selbstreflexion auf die Gesellschaft über-
tragen (schlecht!). NOLTE verschwendet keinen einzigen Gedanken
darauf, was denn Freud Falsches gesagt hat über die Kultur, über
die Masse usw., sondern erledigt diese einfach dadurch, daß er
sagt, es sei eine "individualistische" Methode. Um schließlich
sein methodisches Prinzip (also keine Aussage über die behandel-
ten Gegenstände, sondern nur die Ansprüche an solche Aussagen,
die er zum Prinzip erhoben hat) dagegenzustellen: man muß immer
Individuum und Gesellschaft sehen und beides wechselseitig kri-
tisch hinterfragen.
Nach demselben Muster scheint auch seine Kritik an der
"Psychologie des bürgerlichen Individuums" zu verlaufen. Erklärt
die MG, welche Unterwerfungsakte das Individuum in der kapitali-
stischen Gesellschaft vollzieht, muß die eine Seite seines metho-
dologischen Prinzips herhalten: "Individualismus", aber ist doch
gesellschaftlich bedingt. Werden die gesellschaftlichen Verhält-
nisse angeführt, unter die sich das Individuum freiwillig unter-
wirft, weil es sie als Chance für sich auffaßt, seinen Erfolg zu
suchen, lautet der methodologische Vorwurf: "Determinismus", wo
bleibt denn da die Freiheit der Individuen. Dabei fällt NOLTE
noch nicht einmal auf, daß die beiden Vorwürfe wirklich nicht zu-
sammenpassen.
Worauf der Dreischritt rausläuft
--------------------------------
Getreu seinem methodologischen Prinzip entwickelte NOLTE in der
letzten Sitzung Überlegungen, wie eine Sozialpsychologie aussehen
könnte, was sie untersuchen müßte:
Eine Struktur der Psyche des Arbeiters müsse von zwei Bestimmun-
gen ausgehen (wieso eigentlich? - um des Prinzips willen!):
Als einzelner sei er 1. Klassenindividuum, 2. persönliches Indi-
viduum. Mit (1) sei seine gesellschaftlich festgelegte Borniert-
heit gegeben, mit (2) sei er darüber hinaus. Mit (2) sei er ande-
rerseits wieder hinsichtlich seiner Gesellschaftlichkeit
(Gattungswesen) borniert. Diese hübschen Unterscheidungen galt es
nun zu bebildern:
zu (1): Arbeiter arbeitet, unterwirft sich Zwängen, andererseits
ist er aber zugleich (2), wenn er Spaß an seiner Leistung findet.
Zu (2): Arbeiter pflegt seinen Schrebergarten: er ist einerseits
ganz er selbst (Individuation), aber er kompensiert ja nur seinen
Alltagsfrust (Sozialisation), herauskommt: einerseits erholt er
sich ja nur (Konsumterror!), andererseits verweist er damit auf
die Möglichkeit der Selbstbestimmung usw. usf..
Der Nutzen des Begriffspaars Individuum/Gesellschaft ist damit
hinlänglich deutlich.
A l l e s, womit die Menschen so zu schaffen haben, läßt sich
aufgliedern und als Widersprüchliches jonglieren. Und was noch
schöner ist, jedes b e s t i m m t e Urteil läßt sich damit
problematisieren. Wird z.B. erklärt, welchen Fehler der Arbeiter
macht, wenn er auf seine Leistung stolz ist, über dem Akkordsatz
zu liegen, daß er damit sich die Illusion macht, er habe es in
der Hand, zu etwas zu kommen, und darin gerade seine Unterwerfung
unter das Diktat des Kapitals liegt, dann hat der Dialektiker
gleich wieder etwas zu hinterfragen, was ihn der Kritik enthebt:
Ob da nicht übersehen werde, daß es doch immerhin s e i n e
Leistung ist, also doch irgendwie etwas emanzipatorisches im
Spiele sei...
Sein all-round-Einwand ist also noch stets: ja, aber zu einsei-
tig. Und damit sind wir auch schon beim Opportunismus dieser kri-
tischte Laberei, die sich als Durchblickerei selbst gefällt: über
nichts auf der Welt läßt sie wirklich mal ein häßliches Wort ver-
lauten, es sei denn, sie wird selbst angegriffen.
zurück