Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

       zurück

       

AFFENLIEBE FÜRS BEFREITE SELBST

Jahrzehntelang hat Pestalozzi all die albernen Märchen über die edlen Zwecke und Aufgaben von Geschäft und Politik geglaubt. Dann hat er bemerkt, daß die maßgeblichen Interessen mit ganz was an- derem befaßt sind. Seither glaubt er erst recht an die alten Mär- chen, hat selber noch albernere hinzuerfunden - und beschimpft Manager, Politiker und überhaupt alle Höhergestellten, deren Verwirklichung zu verhindern. Sein zwischen zwei Buchdeckel gepreßter Ärger darüber rangiert als "Sachbuch" seit Monaten an der Spitze hiesiger Bestsellerli- sten; und wo er persönlich auftritt ("Manche verwechseln mich mit Emil, dem Schweizer Komiker"), findet er volle Hörsäle und ein begeistertes Publikum. Ganz offensichtlich bedient Hans A. Pesta- lozzi ein wenigstens unter Intellektuellen weit verbreitetes Be- dürfnis. Fragt sich bloß, welches. Wie alles anfing ---------------- Der junge Hans hatte einen väterlichen "Lehrmeister" namens Gott- lieb, dessen Lebensmaxime ihn schwer beeindruckte: "Es ging ihm immer um eine einzige Frage: Welche Probleme sind zu lösen, was will ich eigentlich?" Und was immer Gottlieb unternahm, nahm Hans als Antwort auf diese schwerwiegende Frage. Und Gottlieb war bei Gott nicht faul: "Schon drei Jahre nach der Gründung kaufte die kleine, schwache Migros" (das ist die Firma, die Gottlieb den Menschen gestiftet hatte) "ein Unternehmen für die Herstellung von Obstsäften." Und warum tat sie das? "Sicherlich nicht aus kommerziellen Gründen, sondern um zu versuchen, das Problem der alkoholfreien Obst- verwertung in der Schweiz zu lösen." Kaum war das Problem gelöst, wartete schon das nächste: "Der 'Hotelplan' wurde nicht gegründet, um möglichst viele Reisen zu verkaufen, sondern um der Krise der Schweizer Hotellerie in den 30er Jahren zu begegnen." Und so ging es dahin. "Eine Kartonage-Fabrik schuf Arbeitsplätze für Behinderte. Eine Bank wurde gegründet, um neue Sparformen zu entwickeln." Mit der Gründung "einer Versicherungsgesellschaft", einer "Mineralöl-Gesellschaft", einer "eigenen Raffinerie" - "um nur einige Beispiele zu nennen" - hat Gottlieb noch viele Probleme lösen müssen, bis er endlich hatte, was er eigentlich wollte: den größten Konzern der Schweiz. Den brauchte er nämlich unbedingt, um für die Lösung des schwerwiegendsten Problems fit zu sein: "Die entscheidende Aufgabe sah Gottlieb Duttweiler darin, die un- erträglichen Auswüchse unseres Wirtschafts- und Gesell- schaftssystems zu bekämpfen." 25 Jahre lang durfte Hans diese Problemlösungsveranstaltung lei- tend mitgestalten und dabei nach Herzenslust, sogar mit einer ei- genen Propagandaabteilung ausgestattet, die rührselig- philanthropische Unternehmensideologie mit dem Geschäftszweck des expandierenden Ladens verwechseln - solange er letzteren damit nicht störte. Als es mit der Verwechslerei allerdings so schlimm wurde, daß er sich allen Ernstes daran machen wollte, das gute Geld der Firma für phantastische Projekte zu mißbrauchen - "Dieser Cash-Flow von 400 bis 600 Millionen Franken pro Jahr schreit geradezu nach neuen Ideen und höheren Zielen, die ver- wirklicht oder angestrebt werden könnten." -, mußte sich der Konzern von seinem Chefideologen leider trennen. Abrechnung mit "dem System" --------------------------- Jetzt war es also so weit. Die Prophezeihung seines alten Mei- sters hatte sich erfüllt: "Sollten einmal die Manager die Macht in der Migros übernehmen, wird die Idee Migros nach kurzer Zeit kaputt sein." 'Daraus mach' ich eine Theorie!', dachte Hans erbost, und schrieb sie gleich auf: "Groß, gigantisch, brutal, überwindend, rücksichtslos, hart - sie sind alle gleich. Sie können nicht anders. Also m ü s s e n es bestimmte Charaktereigenschaften sein, die der 'gewöhnliche Mensch' nicht hat. Es m ü s s e n innere Strukturen sein, die verhindern, dass er" (der Manager) "sich der heutigen Probleme auch nur bewußt werden könnte." Kein Wunder, daß die ganze Welt den Bach runter geht, wenn solche Typen das Sagen haben. Die ganze schöne Wirtschaft haben sie ver- dorben mit ihrem miesen Charakter, sie ist schon wie ihre Mana- ger: "Unsere Ökonomie ist in sich gewaltsam, zerstörerisch, hierar- chisch, aggressiv, hart, rücksichtslos, brutal." Mit der politischen Ökonomie des Kapitalismus war Hans damit fer- tig: ein einziger Verstoß gegen Gottliebs Prinzipien! Aber halt. Da gab es doch noch jemanden, führende Persönlichkeiten im öf- fentlichen Dienst, dafür zuständig, Schaden vom Volk abzuwenden und ihm Gutes zu tun. Und er ging zu den Politikern und stellte ihnen die Gretchenfrage: "Wenn ich mit Politikern diskutiere, stelle ich immer wieder die eine einzige Frage: 'Welche Probleme habt ihr in den letzten Jah- ren noch lösen können?' Man hat mir noch nie eines nennen kön- nen." Fehlanzeige also auch hier. Jetzt gab es für Hans kein Halten mehr: "Holt sie von den Sockeln! Stellt sie bloss! Lösen wir uns end- lich von der Vorstellung, 'die da oben' seien integre, intelli- gente, fähige, souveräne Typen. Das Gegenteil ist der Fall." Allerdings war da ein Problem. Denn in seinem Eifer, wortgewaltig Mißstände und Unfähigkeit anzuprangern, wollte Hans rein gar nichts mehr unterscheiden. Ob Manager, Politiker, Designer, Land- schaftsgärtner, Postbeamte, Pfarrer usf. - irgendwie sind sie ja alle ins "System" verstrickt, machen mit, anstatt sich mit "Träumen, Phantasien, Entwürfen, Utopien" ans Problemelösen zu begeben. Hans begann zu grübeln: "Finden wir denn nicht dieselbe Mentalität in fast jedem Beruf?" Und wieder hielt er sich an die bewährte Maxime Gottliebs, und es kam ihm: Genau das ist das Problem und damit auch schon seine Lö- sung! Wir müssen einfach diese fatale Mentalität in uns allen vom Sockel holen, und schon sind sie erledigt, "jene Hindernisse, die mich absichtlich und bewusst daran hindern wollen, ich selbst sein zu können." Und dann hebt er ab... ---------------------- Das war der Durchbruch. Mit der Entdeckung, daß es uns doppelt gibt - einmal als Produkt des Systems, das uns mit tausend Tricks "ein Verhalten beibringt, das mir nicht entspricht", und nochein- mal als eigentliches Ich, das ganz Ich ist -, hebt Hans ab vom Reich der brutalen Manager und korrupten Politiker, von Kriegsge- fahr und AKWs, von Umweltverschmutzung und Konsumzwang, mitten hinein in die unverdorbenen Gefilde der reinen Menschenseele. Und der Wahlspruch des Propheten lautet ab nun: "Du bist Du, das ist alles." Aber gar nicht so leicht zu haben; denn wer bin ich denn? "Das Denken kann durch Gehirnwäsche, durch das Eintrichtern von Wissen manipuliert werden. Das Gefühl wird pausenlos manipuliert. Die Intuition wird ersetzt durch die Logik." Auf das geistige Inventar, das das zu sich selbst strebende Ich bei sich vorfindet, ist also kein Verlaß; es könnte ja zum ande- ren von uns beiden gehören. Da heißt es aufpassen. Am sichersten ist es, überlegt der pfiffige Schweizer, man erwischt die Außen- welt g'rade in dem Moment, wenn sie zu uns hineinschlüpft; da kann sie vom falschen Doppelgänger noch nicht verdorben sein, sondern begibt sich sozusagen originalverpackt schnurstracks ins echte Ich und verrät ihm, wie es um es bestellt ist: "Stellt nicht gerade die Sinnlichkeit die Verbindung her zu all dem, was wir Schöpfung nennen, aber auch zu noch viel mehr, als dem, was wir konkret als Schöpfung betrachten?" Sicher, bei der Verbindung zur "konkreten Schöpfung" spielt Hans das System so manchen bösen Streich: "Wie soll ich noch sinnlich sein können ... in einer Gesell- schaft, wo ich den Mitmenschen nicht mehr riechen darf, wo ich mit dem Deodorant den eigenen Körpergeruch abtöte, um ihn nachher durch einen künstlichen Geruch zu ersetzen?" Dafür klappt die "sinnliche Verbindung" als Draht zum Jenseits umso besser, und darauf kommt es ja an: "Nur wer spürt, was da im Boden, in den Wurzeln, im Baum drin überall geschieht, also(!) nur, wer die Zwerge spürt, kann Gott spüren, nur wer Zwerge erfährt, sinnlich erfährt, kann Gott er- fahren. Oder wem der Begriff Gott nicht paßt: Nur wer die Zwerge spürt, kann spüren, dass es da im Baum etwas Unerklärliches gibt, im Boden etwas Unerklärliches gibt, ... das wir nicht wissen kön- nen." Mit der Einbildung, seine Einbildung einer mystischen Einheit von Gott und Du und Müllers Kuh, die letztlich auch das bösartigste System nicht kaputt machen kann, hätte ihm ein Baum zugeflüstert, ist Hans eigentlich schon am Ende seiner Reise zum eigentlichen Ich. Aber Hans wäre nicht Hans, würde er nicht auch in diesem ab- gehobenen Bereich höheren Blödsinns, bewaffnet mit der Maxime Gottliebs, seitenlang polternd über die Konkurrenz herziehen: "An dieser Zivilisation des weißen Mannes verändern New Age und die ganze Esoterik, wie sie heute gepredigt werden, nichts, aber auch gar nichts." Hingegen mit Hans und den Indianern, die er sehr verehrt, echte Zwerge gespürt, das stellt die Welt auf den Kopf? ...zur Bruchlandung mitten im "System" -------------------------------------- Zumindest im Kopf, der laut Hans sich lieber bei sich zu Hause finden soll, als mit Baghwan und zu den Sternen auf Suche nach Sinnstiftung zu gehen. Das gute Selbst liegt viel näher, nämlich in den Idealen, die in jedem System-Kopf schon drinnen sind: "Suchen wir doch nicht so weit. Machen wir doch einfach endlich ernst mit unseren eigenen Bekenntnissen. Ist denn ein Bekenntnis zu Demokratie, Freiheit, Christentum, Verantwortung nicht grossartig?" Großartig, "aber eben" vom System ins Gegenteil verfälscht wie alles Gute. "Sinnlich wahrgenommen", und damit meint Hans, als etwas unbegreiflich Schönes vorgestellt, wären diese Werte es al- lemal wert, gelebt zu werden. "Warum machen wir nicht ernst da- mit?", fragt er, und fängt als Antwort darauf wieder von vorne an: "Weil jedes einzelne dieser Bekenntnisse den autonomen Menschen voraussetzt", der andererseits im gelebten Bekenntnis zu diesen Idealen sich erst so richtig selber findet. Mit diesem Hin und Her zwischen den vorgestellten "unermesslichen Konsequenzen dieses Bewusstseins" und seiner bedauerlichen syste- matischen (Selbst-)Verhinderung füllt Hans geschwätzig Seite um Seite und hält dabei unerschütterlich daran fest, damit den Mana- gern und ihrem System das Fürchten zu lehren. Dieser Gestus ist lächerlich, denn der "subversive" Gehalt des Systemschrecks kürzt sich auf die alle paar Zeilen wiederholte Aufmunterung zusammen, "Glaube an dich selbst!", "Lebe dein Leben!", "Sei ganz du!", "Ich bin ich!" uswusf. Für dieses methodische Rezept zur "Autonomie" wäre eine Inhaltsangabe ganz fehl am Platz, weil d a f ü r j e d e r Inhalt recht ist: "Es wäre absurd, hier auch nur Andeutungen machen zu wollen, wie sich der einzelne zu verhalten habe. Es wäre genau das Rezept- Denken, das es nicht geben darf." Andererseits s t ö r t bei diesem Selbstverwirklichungsprogramm auch der widerlichste Zwang des Systems nicht mehr übermäßig. Das hartnäckige Bewußtsein, mit sich selbst im reinen zu sein, bleibt gegenüber dem wirklichen Lauf der Welt auf alle Fälle der morali- sche Sieger. (Alle Zitate aus dem Affenbuch) zurück