Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Diskussionsveranstaltung
Sigmund Freud
EIN VERRISS DER PSYCHOANALYSE
Darauf - befragt, ob seine Wissenschaft zu einer Weltanschauung
führe, eine "intellektuelle Konstruktion" bilde, "die alle Pro-
bleme unseres Daseins aus einer übergeordneten Annahme einheit-
lich löst", anwortete Freud:
"Als eine Spezialwissenschaft, ein Zweig der Psychologie - Tie-
fenpsychologie oder Psychologie des Unbewußten - ist sie ganz un-
geeignet, eine eigene Weltanschauung zu bilden, sie muß die der
Wissenschaft annehmen."
Freilich hat ihn das nicht daran gehindert, aus der "Entdeckung",
"daß die seelischen Vorgänge an und für sich unbewußt sind und
die bewußten bloß einzelne Akte und Anteile des ganzen Seelenle-
bens",
eine veritable Kulturtheorie aufzustellen. Von "nicht zu unter-
schätzenden Beiträgen" der "sexuellen Regungen" zu den "höchsten
kulturellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen des Men-
schengeistes" ist er ebenso überzeugt wie davon, daß in einer Be-
trachtung des Seelenlebens der Schlüssel zur Erklärung der Ge-
schichte gefunden ward:
"Wir glauben, die Kultur ist unter dem Antrieb der Lebensnot auf
Kosten der Triebbefriedigung geschaffen worden, und sie wird zum
großen Teil immer wieder von neuem erschaffen, indem der Ein-
zelne, der neu in die menschliche Gesellschaft eintritt, die Op-
fer an Triebbefriedigung zu Gunsten des Ganzen wiederholt."
Die logische Eigentümlichkeit dieser Aufhellung der Kultur - aus
dem, was die Menschen in ihrer Geschichte u n t e r l a s s e n
haben, sollen ihre Leistungen hervorgegangen sein - erweist sich
als mindestens so genial wie die Definition des Kapitals in der
Volkswirtschaftslehre, die das Sparen als den Grund des wachsen-
den Reichtums mancher Leute ausgibt. Der Verdacht, daß Freud bei
seiner Besichtigung des Seelischen gar keine wissenschaftliche
Erklärung desselben, sondern ein Prinzip gefunden hat, mit dem
sich alles, was je in der Welt von Menschen unternommen worden
ist, als Konsequenz des psychischen Hin und Her interpretieren
läßt, scheint nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Erklärung ex
negative, die Freud auf alles und jedes anwendet, ist die Ver-
laufsform seiner Weltanschauung. Und die gängigen Einwände, die
ihm "unzulässige Übertragungen", "mangelnde Berücksichtigung der
gesellschaftlichen Bedingungen" etc. vorwerfen, gehen am Geheim-
nis dieser Weltanschauung vorbei. Die Psychoanalyse stellt eine
Betrachtungsweise dar, die jeden Gegenstand "berücksichtigt" und
kein Phänomen des gesellschaftlichen Lebens ungeschoren davonkom-
men läßt. Aus dem "Ziel der Unlustvermeidung" und dem Gesetz der
"Triebsublimierung" erschließen sich ihm so disparate Angelegen-
heiten wie
Arbeit
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"Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie
eine frei gewählte ist, bestehende Neigungen, fortgeführte oder
konstitionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar
(!) zu machen gestattet. Und dennoch wird Arbeit als Weg zum
Glück wenig geschätzt. (Vielleicht ist sie keiner?) man drängt
sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung.
Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und
aus dieser natürlichen (!) Arbeitsscheu der Menschen leiten sich
die schwierigsten sozialen Probleme ab."
Liebe
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"Einen dieser Verfahren (das Glück zu gewinnen und das Leiden
fernzuhalten) habe ich noch nicht angeführt... Ich meine natür-
lich jene Richtung den Lebens, welche die Liebe zum Mittelpunkt
nimmt alle Befriedigung aus dem Lieben und Geliebt-werden erwar-
tet."
Geld
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"Ebenso, daß eine der wichtigsten Äußerungen der ungebildeten
Erotik aus dieser Quelle (Analerotik) in der Behandlung des
Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im Laufe des Lebens, das
psychische Interesse an sich gezogen hat, das ursprünglich dem
Kot, dem Produkt der Analzone, gebührte."
Denken
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"Die Fähigkeit, eine Aussage für wahr oder falsch zu erklären,
läßt sich auf sehr primitive Regungen zurückfahren. Man verspürt
in sich einen Gedanken und fällt ein Urteil, das soviel bedeutet
wie 'es soll in mir oder außer mir sein'. Das Urteilen 'wahr'
entspricht dem Verschlucken oder Behalten des Gedankens, das Ur-
teil 'falsch' dem Ausspucken oder Ausscheiden desselben."
Flechten und Weben
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"Der Scham schreiben wir die ursprüngliche Absicht zu, den Defekt
des Genitalen zu entdecken. Man meint, daß die Frauen zu den Ent-
deckungen oder Erfindungen der Kulturgeschichte wenig Beiträge
geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik er-
funden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre
man versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu erraten. Die
Natur selbst hatte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, in-
dem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen
ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der noch zu tun
war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die
am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren.
Wenn Sie diesen Einfluß des Penismangels auf die Gestaltung der
Weiblichkeit als eine fixe Idee anrechnen, bin ich natürlich
wehrlos."
Man sieht, wie die Psychoanalyse gestattet, in keiner Tätigkeit
mehr ihren bestimmten Zweck und ihren Verlauf erfassen zu müssen,
weil alles in die Fortsetzung und den Ersatz der Triebbetätigung
verfabelt wird, die nicht möglich war. Eine solche Betrachtungs-
weise kann unmöglich die Konsequenz einer wissenschaftlichen Ein-
sicht sein.
Eine f a l s c h e Psychologie gibt es also zu analysieren - die
gesellschaftstheoretischen und politischen Späße, die sich manche
unter Berufung auf die Psychoanalyse erlauben, dürften nach ihrer
Kritik keinem mehr Schwierigkeiten bereiten. Warum die Psycholo-
gie des Sigmund Freud nicht nur polemisch gegen die herrschende
Wissenschaft seiner Zeit aufgetreten ist, sondern auch heute den
guten Staatsbürger mit intellektueller Bildung zu faszinieren
vermag, ergibt sich, aus ihren anthropologischen Dogmen (fast)
von selbst.
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Veranstaltung Datum: 01.01.1978, Ort: München
Dozent: Karl Held, Dauer: 1:52:04
Veranstalter: unbekannt
Thema: Kritik der Psychoanalyse
Das Unbewusste - Instanzenlehre - Traumsymbolik, Traumarbeit und
Traumanalyse - Die Bewährung des Menschen in der Gesellschaft als
Problem mit sich - Reichs Anwendung der Psychoanalyse auf die Po-
litik - Falsches Bewusstseins - Psychotechnik im Alltag u.v.m.
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