Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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DIE PSYCHOTHERAPIE: WIE DAS SELBST AUF SEINE KOSTEN KOMMT
In der psychologischen Wissenschaft ist es nicht mehr üblich, die
einstmals heftigen Kontroversen zwischen verschiedenen Therapie-
schulen ernstzunehmen. Streitigkeiten wie die zwischen Psychoana-
lyse und Verhaltenstherapie, Behaviorismus und Humanistischer
Psychologie gelten als beigelegt. In der Grundausbildung für kli-
nische Psychologen wird der Student gewöhnlich mit der Reihe der
wichtigsten Behandlungsmethoden gleich in der Form einer Vor-
teils-/Nachteilsrechnung bekanntgemacht (wobei die Vorteile einer
Therapie noch allemal darin bestehen, daß es sie auch gibt und
sie praktizierbar ist, ihre Nachteile dagegen sind, daß sie nicht
z u g l e i c h die Verfahren anderer Therapien enthält: die
Verhaltenstherapie vernachlässigt wohl ein wenig das Emotionale,
die Gesprächstherapie wiederum das Kognitive... so geht Pluralis-
mus ohne Kopfzerbrechen!). Ob man später nach Freud, Skinner oder
Rogers arbeitet, ist eher eine Frage persönlicher Spezialisierung
als wissenschaftlicher Überzeugung; empfohlen wird oft die Kombi-
nation verschiedener Therapien, deren Erfinder sich mal spinne
feind waren, je nach individuellem Fall und kreativem Geschick
des Therapeuten.
Tatsächlich sind keine nennenswerten Unterschiede in der Wirksam-
keit der diversen Therapievarianten bekanntgeworden. Ob die Kli-
enten mit Kindheitsaufarbeitung, erzieherischen Elektroschocks,
Theaterspiel oder non-direktiver Beratung traktiert werden, ist
ihrem "Leiden" offenbar egal. Fachkreise sind jedoch weit davon
entfernt, eine Heilbehandlung verdächtig zu finden, bei der die
D i a g n o s e, die Besonderheit der Krankheit, gar keine
b e s t i m m t e Therapie erforderlich macht, sondern - je nach
Hang des Therapeuten - das jeweilige Verfahren immer paßt. Ein-
wände gegen ihre Theorie und Praxis pflegen alle koexistierenden
Schulen vielmehr als Angriff auf ihre gemeinsame Berufsehre zu
behandeln: die Absicht der H i l f e soll die eher idiotischen
wie die eher brutalen Therapien gleichermaßen heiligen. Fragt
sich also, w i e der Psychotherapeut w e m und w o b e i
hilft.
Die "Krankheit", der so beizukommen ist, ist nämlich gar keine.
Das "Problem mit sich", das einer hat, wenn er sich in eine psy-
chotherapeutische Behandlung begibt, ist vielmehr ein dicker
F e h l e r: jenseits aller Umstände seines Lebens, aller
tatsächlichen Anforderungen von Beruf, Familie usw. entdeckt er
ausgerechnet seinen eigenen Willen als Quelle seiner Schwierig-
keiten. Etwas tun zu müssen, was er nicht tun will; etwas umge-
kehrt nicht tun zu können, was er tun möchte - solche rationellen
Probleme kennt der psychologisch denkende Mensch nicht, sondern:
er kann nicht so recht w o l l e n, wie er wollen will. Er
wirft sich vor, ganz p r i n z i p i e l l im Leben zu versa-
gen, bezichtigt sich pauschal der U n f ä h i g k e i t z u r
N o r m a l i t ä t - ohne einen Gedanken auf die Maßstäbe zu
verschwenden, denen er unbedingt genügen k ö n n e n will. Die
Maßstäbe des täglichen Nützlichseins - als Berufstätiger, als Fa-
milienmitglied, als Bürger - hat er nämlich längst in das Mensch-
sein überhaupt verwandelt, so daß der Anspruch auf ihre Erfüllung
nur noch als Forderung seines eigenen Willens daherkommt.
Darin ist er übrigens auch völlig normal. Denn der Entschluß,
sich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch einzustel-
len, bringt noch jeden auf das falsche Bewußtsein, von Politik
bis Familie enthalte die Welt lauter dankenswerte Freiheiten zur
individuellen Bewährung. Die Konkurrenz in der Berufshierachie
wie das staatliche geschützte Privatleben erscheinen dem recht-
schaffenden Bürger als Ansammlung von mehr und weniger vorteil-
haften Chancen, die mit Eifer und Raffinesse genutzt sein wollen;
so daß er zuletzt ziemlich unfehlbar auf den blöden Schluß ver-
fällt, sich selbst, den eigenen C h a r a k t e r als das beste
Mittel. zum Erfolg zu bewundern oder, im Fall des Mißerfolgs, zu
verachten. Als läge der Unterschied zwischen dem Betuchten und
dem Normalverbraucher tatsächlich in ihrer Persönlichkeit, ver-
schreibt man sich der Phantasie, im "Lebenskampf" könne und müsse
sich zeigen, "was in einem steckt". Je weniger sich diese Durch-
halteparole bewahrheitet, desto mehr Moral und guter Mut ist nö-
tig: nur nicht das Selbstvertrauen verlieren!
Darin ist er übrigens auch völlig normal - denn eine Gesell-
schaft, in der das Fortkommen der Leute immerzu die Form ihrer
persönlichen Durchsetzung hat, bringt noch jeden auf den blöden
Schluß, sich selbst als Mittel des Erfolgs zu behandeln - so, als
läge der Unterschied zwischen dem Betuchten und dem Normalver-
braucher tatsächlich in ihrer Persönlichkeit.
So entsteht das Ideal einer "seelischen Gesundheit", nach dem der
feste Glauben an sich selbst gleichzeitig das Zurechtkommen in
der Welt gewährleisten soll - und die Leute sind so fanatisch da-
von überzeugt, daß sich der Wille als Garant des Erfolgs zu be-
währen hat, daß sie ihn bei ausbleibendem Erfolg glatt für defekt
erklären. Dann kann man eben konsequenterweise nicht mehr richtig
wollen; man wähnt sich gar einer fremden, aber inneren Macht aus-
geliefert durch ein Hindernis in sich blockiert, für das man
nichts kann - und hat sich mit dieser "objektiven" Ursache für
seinen Mißerfolg ebenso pauschal entschuldigt, wie man sich mit
seinen Selbstzweifeln beschuldigt hat. Und je nachdem, wie einem
diese Klärung der Schuldfrage gefällt, macht man ein Leben lang
so weiter oder sucht einen Experten zwecks Instandsetzung der er-
fundenen Voraussetzung seines Willens auf. (Damit ist übrigens
jene hoffnungsvolle Einschätzung von psychisch Kranken als Kriti-
ker der bürgerlichen Moral ziemlich drastisch richtiggestellt:
der Psychofall ist ein dermaßen begeisterter Anhänger gerade die-
ser Moral, daß er sich selbst für ihrer unwürdig befindet.)
Einmal beim Fachmann für innere Mächte angelangt, bekommt der
sich selbst verrückt machende Mensch vor allen Dingen eine umfas-
sende B e s t ä t i g u n g seines Fehlers: der eingebildete
Defekt samt dazugehörigem Streben nach einem intakt funktionie-
renden Willen wird vom Therapeuten sehr grundsätzlich anerkannt.
Wie soll er seinen Schützling auch kritisieren - schließlich be-
trachtet auch er das Versagen des Patienten nicht als falsche
oder richtige Haltung, sondern als Schuldfrage: der Arme hat ja
ein Leiden, an dem er (zwar schuld, aber - da er eben leidet -
auch) unmöglich schuld ist, weswegen ihm vor allem ein Recht auf
Verständnis zusteht. Dem vermeindichen inneren Zwang wird mit al-
len Mitteln der Kunst eine - quasi organische - Objektivität und
somit eine Notwendigkeit verpaßt: zwar sind die einzigen Belege
die Äußerungen des "Gestörten" selber, aber gerade daran läßt
sich beweisen, daß der Wille wegen einer Kindheits- oder sonstwie
bedingten Fehlantwicklung einfach nicht anders kann. Allerdings
glaubt der Therapeut dem Patienten dabei kein Wort: gerade weil
die Störung ein Werk verborgener Mächte ist, gelten die Willen-
säußerungen der Patienten als bloße Symptome, die ohne die fach-
männische Deutungsmethode des Therapeuten unverständlich bleiben
müßten. So ist nicht nur eine Fahrstuhlangst ein Symptom etwa für
Kommunikationsunfähigkeit, auch etwaige Zweifel an dem Verfahren
des Psychologen stehen für krankhaften Widerstand oder irgendeine
andere unbewußte Verkorkstheit. Bei d i e s e r Sorte Krankheit
fallen nämlich die Symptome mit ihrer Quelle zusammen - nix Aus-
schlag als Zeichen für Masern, sondern: gestörtes Verhalten zeugt
unweigerlich von einer Störung und diese erzeugt genauso uner-
bittlich jenes - so daß a l l e s, was der Gestörte von sich
gibt, als Deutungsmaterial behandelt wird.
Gerade deswegen besteht die Behandlung auch aus einem Kampf zwi-
schen den zwei Beteiligten - und zwar am seltensten deswegen,
weil der Patient gar keiner sein wollte und ihm gegen seinen Wil-
len eine Therapie aufgezwungen würde Differenzen in der Sache
gibt es vielmehr in allen möglichen Interpretationsfragen der
"Probleme", unter welchen der Patient zu leiden meint. Die thera-
peutische Subsumtion seiner geschätzten höchstpersönlichen Be-
klopftheiten unter irgendeine Menschenheitstheorie bietet jede
Gelegenheit zu Meinungsverschiedenheiten über den Geschmack, den
er dieser oder jener Deutung abgewinnen will. Die prinzipielle
Bereitschaft zur Unterwerfung unter die A u t o r i t ä t d e s
E x p e r t e n ist einerseits zwar Voraussetzung dafür, den
Therapeuten überhaupt aufzusuchen; doch das "Vertrauen" in die
Triftigkeit und Nützlichkeit seines Verfahrens will schon noch
geschaffen sein - und zwar eben nicht, indem sie dem Patienten
b e w i e s e n wird; weder will der Psychologe den Patienten in
dem Sinne eines Besseren belehren, daß er dessen Meinung von sich
als "Problemfall" korrekt kritisieren würde, noch wäre er dazu
imstande. Außer den paar Fremdwörtern, die der Therapeut für die
Kategorien der Alltagsmoral auf Lager hat, verfügt er schließlich
über kein W i s s e n, das er dem Patienten auseinandersetzen
könnte. Stattdessen muß der Patient lernen, an die Bilderwelt von
geheimen seelischen Kräften und Mechanismen, welche ihm mehr oder
weniger detailliert ausgepinselt wird, schlicht und einfach zu
g l a u b e n und sie zu ü b e r n e h m e n - mit dem einzigen
Argument, daß dies für die Behandlung eben notwendig sei.
Was vor allem deswegen ein Kraftakt ist, weil die therapeutische
Unterweisung den einen E r f o l g bezweckt, den Klienten davon
zu überzeugen, daß er seine angeblich lähmenden inneren Mächte
überwinden kann. Dazu wird schließlich aller Schnickschnak von
der Couch bis zur organiserten Gruppenhysterie aufgewandt: um den
Tip loszuwerden, daß jede Verrücktheit heilbar ist, indem man
sich halt anders dazu stellt. Die Leistung, die vom Patienten
verlangt wird, besteht also aus der Umgestaltung seiner Einbil-
dungen von der eigenen defekten Individualität zu einer positiven
Einbildung von seinem dennoch vorhandenen Durchsetzungsvermögen.
"Kindheitstraumata" (er)finden und besprechen, "verschüttete Ge-
fühle" zutage fördern oder was auch immer: es sind Verfahren,
sich in einem alternativen Wahn von der eigenen geschlagenen,
aber gerade deswegen trotzdem zu Glück und Erfolg fähigen Beson-
derheit zu üben.
Deshalb kommt es einerseits so wenig auf die theoretische Fundie-
rung des jeweiligen Therapieansatzes an, wie es andererseits un-
bedingt die falsche psychologische Grundhaltung des Patienten
braucht: seine Bereitschaft, den eigenen Willen gegen die eigene
angebliche Willenlosigkeit zu mobilisieren, um die Gleichung
Wille = Erfolg per Einbildung wahrzumachen.
So wird die Störung dadurch geheilt, daß sie verfestigt wird: das
Beharren auf sich selbst als das Mittel zu Erfolg im Leben wird
vor Mißbrauch gerettet. Die Hilfe noch jedes Psychotherapeuten
ist darauf gerichtet, daß der Patient einen Ausgleich an sich
selbst schafft, seine Selbstzweifel - ebenso grundlos, wie es
diese Zweifel selbst sind - in ein "realistisches Selbstbild"
verwandelt. Dieses "gesunde" Selbstvertrauen ist zwar ebenso un-
sinnig wie der enttäuschte Größenwahn, mit dem sich der Patient
vormals selbst zum Krankheitsfall erklärt hat; doch es ist nütz-
lich. Die Einbildung, daß Glück und Erfolg letztlich von den ei-
genen seelischen Qualitäten abhängen, ist ja nur dann störend,
wenn einer darüber verzweifelt, daß er ewig umsonst auf den äuße-
ren Beweis dieser Vorzüge wartet, und am Ende deswegen seinen
normalen Geschäften und Pflichten gar nicht mehr nachgehen will.
Positiv gewendet, ist dieselbe Einbildung aber recht funktional
und bildet die Substanz aller psychologischen Tips und Tricks.
Das gesunde Selbstbewußtsein nämlich ist immun gegen solche An-
fechtungen. Die Kunst ist, von sich überzeugt zu sein, ohne sich
von wirklichem Erfolg und Scheitern groß erschüttern zu lassen.
Damit ist für die moderne Religion der liebe Gott entbehrlich ge-
worden: es ist nunmehr der Glaube an sich selbst, der Berge ver-
setzt - ebenso einschneidend, wie es der Vorgänger bewerkstel-
ligte. Angesichts dieses Heeres von Individuen, die unbedingt so
verkehrt denken wollen, daß sie glatt zu leiden anfangen, tut
sich die Psychologenzunft ja leicht, nicht nur diese bürgerliche
Selbsttraktiererei als die Menschennatur schlechthin auszugeben,
sondern vor allem sich als fürchterlich unverzichtbare Helfer und
Heiler aufzuspielen und hieraus - jenseits all ihrer gelehrten
Diagnose- und Behandlungstheorien - ihre ganze Sicherheit als Zu-
ständige für die leidende Menschheit zu beziehen. Und was hat sie
zu bieten? - Die Einschärfung des Tips, daß man sich selbst nur
richtig sehen muß, damit es einem auch gut geht. Dies geht frei-
lich nicht ohne gewisse Verfahrensfeinheiten ab.
Psychotherapie klassisch: auf der Couch
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"Das ganze Arrangement der analytischen Psychotherapie in ihrer
ursprünglichen Form (Patient liegt auf der Couch, Therapeut sitzt
außerhalb seiner Sichtkontrolle und verhält sich passiv) dient
gerade dazu, infantile Konflikte wiederzubeleben, um sie einer
besseren Lösungsmöglichkeit zuzuführen - Die dann zwischen Pati-
ent und Therapeut in Gang kommende neurotische Interaktion...
nennt man Übertragungsneurose... sie ist ohne Frage, wie Freud
schon erkannte, ein Artefakt der analytischen Psychotherapie...
Die Übertragung stellt die unerläßliche basale Beziehung zwischen
Patient und Therapeut sicher." (Hoffmann/Hochapfel, Einführung in
die Neurosenlehre und Psychosomatische Medizin, 1979, p. 18, p.
188)
In der Psychoanalyse werden bekanntlich schief gelaufene Kind-
heitserlebnisse als objektive Ursache für die Unfähigkeitserklä-
rung des Patienten und diesem somit eine alternative Wahnwelt,
bevölkert mit Figuren aus der Vergangenheit und Geschlechtsorga-
nen, präsentiert. So glaubt es aber erst einmal keiner; eine
"basale Beziehung zwischen Patient und Therapeut" in der Form der
Übertragung - wobei der Widerstand des Patienten ein fest einge-
plantes Element ist - muß her, durch die der Patient sich bis ins
Gefühl hinein an die Anerkennung der Deutungsbefugnis des Analy-
tikers gewöhnt. Keinem anderen Zweck dienen auch Couch und
"Abstinenz" des unsichtbaren Therapeuten, der nicht zu früh bzw.
zuviel erklären darf: I n s t a n z pur soll der Therapeut
sein, der dafür sorgt, daß sich alle Regungen des Patienten auf
ihn richten, um die verdrängten Konflikte erst so richtig hervor-
zubringen. Dabei kann sogar auf die Kindheit als Versinnbildli-
chung des Prinzips des inneren Instanzenkampfes verzichtet wer-
den; Hauptsache, der Patient gewinnt den Eindruck, daR er die
Oberhand über den Gegner erringt und somit wieder in der Lage
ist, "das Leben zu meistern."
Die Verhaltenstherapie: Laß das!
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"Die Lerntheorie sieht in der Neurose keine Folgen von unbewußten
Konflikten, sondern erlernte Fehlverhaltensweisen, die durch
neue, therapeutisch induzierte Lernprozesse korrigiert werden
können... Die Aufstellung einer funktionalen Analyse der Verhal-
tensstörung dient der Suche nach den pathogenen Reizen, von denen
man annimmt, daß sie das Verhalten bestimmen. Die eigentliche
Therapie besteht dann in einer Manipulation dieser Reize, so daß
es zu einer Verringerung von Fehlvorhalten kommt."
(Hoffmann/Hochapfel, p. 195/196).
Viel schnörkelloser als mit der psychoanalytischen Fantasiewelt
kann man das mangelnde Zurechtkommen des Patienten, das von der
Psychologie ja von vornherein mit der seelischen Krankheit
gleichgesetzt wird, einfach per Gewöhnung ans Zurechtkommen ku-
rieren. Hier braucht es keine Deutung der verqueren Handlungen
und Äußerungen des Patienten mehr; es genügt zu wissen, daß er
sie falsch "g e l e r n t", d.h. sich halt irgendwie angeeignet
hat, weswegen die Therapie darin besteht, durch Bestrafung und
Belohnung schlicht das gewollte Verhalten einzutrainieren - ein
durchaus ebenbürtiger Weg zur Selbstfindung. Natürlich ist von
dem unterstellten Automatismus bei der manipulierten Reaktion der
black box auf die Reize partout nichts zu sehen: entweder der Pa-
tient bringt die Berechnung noch auf, im Rahmen der
"systematischen Desensibilisierung" oder was auch immer mitzuma-
chen, oder eben nicht. Ein genialer Einfall, um ihn auf die The-
rapie zu verpflichten, ist jedenfalls der V e r t r a g, den er
unter der Regie des Therapeuten mit seiner Frau oder einer son-
stigen Problemperson abschließt und in dem er sich willens er-
klärt, sich jeden Verstoß gegen das durchzuführende Programm aus
Pflicht zu verbieten: hier gibt sich die Autorität des Seelen-
fachmanns gleich die Form eines Rechtsgeschäfts, dem sich der
Wille zum Funktionieren trotz seiner selbst aufgemachten Infrage-
stellung einfach nicht entziehen können soll. Sich ordentlich
aufführen muß einfach sein, und sobald es klappt, fühlt sich der
Patient endlich wieder wie ein richtiger Mensch.
Die Gesprächstherapie: Du bist dein schönstes Geschenk!
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"Das Individuum hat in sich selbst riesige Hilfsquellen für das
Sich-selbst-Verstehen, für die Änderung seines Selbstkonzepts,
seiner Einstellungen und für die Veränderung seines selbstbe-
stimmten Verhaltens, und diese Hilfsquellen können angezapft wer-
den, wenn nur ein bestimmtes definiertes Klima von hilfreichen
psychologischen Haltungen hergestellt werden kann...
dieses Klima wird umso wirkungsvoller sein, je mehr die helfende
Person echt ist... je höher sie die andere schätzt... einfühlen-
des Verstehen hat." (Carl Rogers, in: Jankowski et al., Klienten-
zentrierte Psychothenpie heute, 1976, p. 277 ff.)
Im Falle der Gesprächstherapie besteht das Fachmännische am Fach-
mann in seiner überwältigenden M e n s c h l i c h k e i t: er
ist so menschlich, daß ihm am Klienten alles scheißegal ist, au-
ßer eben daß dieser auch ein Mensch, d.h. eine Quelle von wunder-
baren Möglichkeiten ist. Die Echtheit, die hohe Wertschätzung und
das einfühlende Verstehen werden vornehmlich als Nachplappern
(ursprünglich "Spiegeln", jetzt "akzentuierende Nachformulie-
rung") der Klientenäußerungen ausgeübt - was ja auch völlig lo-
gisch ist, da ihm nichts anderes mitgeteilt werden soll, als daß
es ganz grundsätzlich und grundlos auf seine Individualität als
solche ankommt. So sollen die riesigen Hilfsquellen im Klienten
ihn dazu befähigen, über die programmatisch geheuchelte Achtung
durch den Therapeuten eine ebenso inhaltsleere Selbstachtung zu
züchten. Das dadurch zu erzielende "erhöhte Ausmaß an seelischer
Funktionsfähigkeit" besteht in der Leistung, aus allem, was einem
so widerfährt - ob Krebs, Krieg oder Kinderkriegen -, einen Anlaß
zur Freude über das eigene Gefühl dazu zu machen, da dieses immer
nur einem ganz allein gehört und somit ein kostbares Stück
Selbstentfaltung darstellt.
Die Gestalttherapie: Lebendig werden
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"Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf
dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist
nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben. Du bist du,
und ich bin ich. Und wenn wir uns zufällig finden - wunderbar.
Wenn nicht, kann man auch nichts machen." (F.S. Perls, Gestaltt-
herapie in Aktion, p. 13).
In der Gestalttherapie darf die Einzigartigkeit des Menschen, auf
die er als das Attribut von sich nur noch scharf ist, nicht mehr
durch allzuviele "Verbalisierung" gestört werden: das Denken
selbst ("mindfucking") gilt als Hindernis für das "spontane" Aus-
leben des eigenen Gefühlsbesitzes. Dabei gibt es wohl nichts
Künstlicheres und Kalkulierteres als die Rollenspielorgien, die
da zustandekommen, wenn einer "seine vielen Selbst" etwa auf
einen leeren Stuhl projizieren und die Deutung der dabei insze-
nierten Gefühle wieder in Gefühlsvorstellungen zurückdenken darf.
Wo Gefühlt als "unmittelbare Erfahrung" f ü r das abstrakte
Prinzip der Unverwechselbarkeit s t e h e n, sind sie eben
nichts als ewiges Demonstrationsmaterial, so daß ihre
(verbalisierte) Bestimmtheit als Haß, Eifersucht etc. sie
tatsächlich beinahe wieder trivial machen und so vom tieferen
Sinn nur ablenken würde. Zu dem festen Glauben, daß man unbedingt
etwas w e r t sein muß, paßt eben das idiotische Vertrauen in
die Psychomeister, die einem den entsprechenden Weg dahin zeigen,
und so lernt man, sich etwa als Personifizierung eines überla-
denen Schreibtisches im Hier und Jetzt voll zu akzeptieren.
Was sich an den Therapien seit Freud geändert hat, ist die Unver-
blümtheit, mit der die Tugend des Konkurrenzsubjekts, als
"Gewinner geboren" zu sein, als Befreiungsphilosophie propagiert
wird. Nicht mehr wird im Einzelfall groß danach gesucht, wo sich
der Trieb hat verklemmen lassen - die "seelische Funktionsfähig-
keit" wird vielmehr in all den gebührenden irrationalen Formen
der Selbstbespiegelung eingeübt und zelebriert, so daß der Über-
gang zur Sekte und zum Massenwahn wahrhaftig nicht erst mit
Baghwanis auf die Welt gekommen ist. Einem, der da noch einwenden
will, daß die Psychotherapie aber tatsächlich h i l f t, kann
man nur erwidern - eben!
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