Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 54, 11.05.1982
Prof. Jahoda in Bremen
WAS BRAUCHT EIN ARBEITSLOSER? SEIN RECHT AUF UNGLÜCK!
"Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein
Pech." (Das Kapital, Bd. 1, S. 532)
"Arbeitslose haben alles Recht der Welt, über ihre Lage unglück-
lich zu sein." (Jahoda)
Arbeit will heute keiner bloß als "Reich der Notwendigkeit" (Karl
Marx) sehen. Sie gilt als ein Gut, bei dem sich jede Kalkulation
von Nutzen und Aufwand jedenfalls seitens derer nicht gehört, die
sie "besitzen". Die L o h n a r b e i t - und so wird hierzu-
lande gearbeitet - sähe nach einer solchen Überprüfung auch
schlecht aus. Ihr Nutzen fällt einzig als Vermehrung von Kapital
an. Nur dafür wird sie den Arbeitern angeboten, die sie annehmen
müssen, weil der Reichtum ausschließlich auf der Gegenseite an-
fällt und schon der kleinste Anteil daran Geld kostet. Für den
Profit ist auf Seiten des Arbeiters Aufwand und Schaden garan-
tiert. Sein Lohn rangiert als Kosten für den Profit und ist des-
halb so bemessen, daß der Arbeiter am nächsten Tag garantiert
wieder antreten muß. Es sei denn, daß er fürs Geschäft nicht mehr
gebraucht wird. Auch dann ist das einzige "Argument" des Arbei-
ters für die Lohnarbeit die Armut, die sie schafft. Er braucht
sie, ohne daß sie für seine Zwecke brauchbar wäre - kein Wunder,
daß ihr Lob als Gut stets jede Frage nach dem Ertrag für ihn aus-
schließt: Arbeit gilt heute eben als ein h o h e s Gut, was sa-
gen soll, daß der, der sie macht, auf dem niederen materiellen
Vorteil besser nicht besteht.
Über die Arbeit hat auch die Mitbegründerin der europäischen So-
zialpsychologie, MARIE JAHODA, nachgedacht und ihre Ergebnisse
nicht nur in der Bremer Universität, sondern auch auf dem SPD-
Parteitag in einem Vortrag unterbreitet. Ihre These: "Die Arbeit
ist des Menschen wichtigster Lebensinhalt."
Was die Sozialpsychologin hier als Urteil über die A r b e i t
anführt, ist der Sache nach eine harte Wahrheit über die
A r b e i t e r existenz. Sie leben für die Arbeit, statt aus ih-
ren Erträgen ein ordentliches Leben bestreiten zu können. Nur
will Jahoda d i e s e Wahrheit nicht gemeint haben. Ihr Fehler
besteht darin, aus der Auswirkung der Lohnarbeit auf die Le-
bensumstände der Arbeiter eine Wertschätzung der Arbeit zu kon-
struieren, die sie zu einer unentbehrlichen L e i s t u n g für
die Arbeiter machen soll. Sie will an der Arbeit fünf
"Erlebniskategorien" ausgemacht haben, die ihre Wertschätzung
nicht als bloß subjektiv, sondern als objektiv begründet erschei-
nen lassen.
Service-Leistungen der Arbeit
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"Fünf sogenannte Erlebniskategorien stellte die Wissenschaftlerin
auf. Sie sind es, die die Arbeit so unentbehrlich machen:
- eine feste Zeiteinteilung des Tages,
- Erweiterung des sozialen Horizontes,
- tägliche Demonstration einer kollektiven Zusammenarbeit,
- Bestimmung des Status und der Identität des Menschen durch
seine Arbeit,
- erzwungene Aktivität." (Weser-Kurier, 17./18. April. Das
"erzwungen" ist ein ehrlicher Versprecher; im Original der Psy-
chologin heißt es "regelmäßig".)
Worin soll denn die Leistung der "Zeiteinteilung" für den Men-
schen bestehen? Die "Zeiteinteilung des Tages" ist mit einem
Blick auf das Zifferblatt zu haben. Hier aber wird sie Leistung
einer Tätigkeit. Gerade so, als ob es beim Arbeiten nicht auf
dessen Inhalt ankommt, sondern darauf, daß die Stunden, i n
denen gearbeitet wird, vom Rest des Tages abgegrenzt werden. Und
da diese wie auch alle weiteren "Leistungen" sich gerade durch
die Abstraktion von Zweck und Inhalt von Lohnarbeit auszeichnen,
könnte man sie so ziemlich jeder anderen Tätigkeit vom Fußball
bis zum Familienausflug zuschreiben. Auch die ergeben eine
"Zeiteinteilung des Tages".
Die Verfügung des Kapitals über die Arbeitszeit heißt, daß i n
dieser Zeit eine bestimmte L e i s t u n g zu bringen ist. Die
Sozialpsychologin aber stellt die Sache auf den Kopf. Sie will
nicht den Arbeitstag als Mittel zum Zweck der Leistungsabpressung
verstanden wissen, sondern die Entscheidung des Kapitals, w a s
zu tun ist, dafür gut befinden, daß ein fester Zeitabschnitt ent-
steht. Dabei ist nicht einmal das wahr. Ein Fußballspiel dauert
eben 2 x 45 Minuten, dann ist es vorbei. Ein Unternehmer, dem es
auf die L e i s t u n g seiner Arbeiter in der Zeit ankommt,
denkt deswegen nicht im Traum an Frau Jahodas unentbehrliche
f e s t e Zeitstruktur. Kann er mehr von dieser Leistung gebrau-
chen, weil sie sich für das Geschäft lohnt, gibt es
Ü b e r stunden, wechselweise Tag- und Nachtarbeit usw. Im ande-
ren Fall sind umgekehrt K u r z arbeit und Ähnliches angesagt.
Von wegen fester Zeitstruktur! Die Lohnarbeit macht die Lebens-
zeit eines Arbeiters und die 24 Stunden eines Tages zur freien
Kalkulationsmasse des Kapitals. Nicht anders steht die Sache mit
den "sozialen Erlebnissen". Das Kapital schweißt Hinz und Kunz
zur Belegschaft zusammen und setzt mit Lohngruppen eine flotte
Arbeiterkonkurrenz ins Werk. Nur die Psychologie muß für ihre
wunderbaren Leistungen der Arbeit wieder alles auf den Kopf stel-
len. Zusammenfassung der Leute zur Belegschaft u n d ihre orga-
nisierte Konkurrenz, die M i t t e l für die Produktion des Ka-
pitals, erscheinen Frau Jahoda als das eigentliche
A n l i e g e n zur Herstellung einer Gemeinschaft, wofür der
Zweck der Fabrikarbeit zum bloßen Hilfsmittel degradiert wird.
Und wegen ihrer harmonischen Vorstellung von einer "Gemeinschaft"
überhaupt macht sie aus der anderen Seite der Fabrikgemeinschaft,
der Konkurrenz, gleich eine Eingliederungshilfe.
Damit diese "Erlebniskategorien" als Produkt der Lohnarbeit er-
scheinen, muß deren wirklicher Zweck und Inhalt getilgt werden.
Daß aber andererseits dann auch die Ferienplanung für die
"Zeiteinteilung" und ein Kegelclub für die Herstellung von
"Gemeinschaft" gleichermaßen tauglich wären, darf offenbar nicht
sein. Nun ja, hier soll schließlich eine Girlande für die Arbeit,
nicht für die Ferien gestrickt werden.
...für die Bedürfnisse der Psychologie
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Dieses Lob erfundener Leistungen der Lohnarbeit kommt mit einem
Bild des Menschen und seiner Bedürfnisse daher, das diese auch
noch zu einer "U n e n t b e h r l i c h k e i t" für den Men-
schen macht:
"Die meisten Arbeitslosen heute sind ungelernte Arbeiter, Leute
mit geringer Schulbildung - wie sollen die das (die Zeiteintei-
lung) aus sich selbst heraus leisten?" wo selbst "Universitäts-
professoren manchmal in einem Freisemester nichts mit sich
anzufangen wissen."
Jeder Zweck der Leute, sei er Bedürfnis oder erzwungene Notwen-
digkeit, ist hier beseitigt. Ebensowenig ist von ihren Geld- und
sonstigen Mitteln die Rede, die ihnen genommen sind oder zuste-
hen, um etwas "anzufangen". So sind Arbeitslose und Professoren
gleichermaßen auf d e n M e n s c h e n heruntergebracht, der
wie auch - "nichts mit sich (!) anzufangen" weiß. Eigentümlich
sind sie also schon, diese natürlichen Bedürfnisse des Menschen:
was da unterschiedslos als Verlangen d e s Menschen vorgestellt
wird, soll seine Befriedigung erst und ausschließlich durch ihre
gar nicht kapitalistische Benutzung bzw. ihrer erfundenen segens-
reichen Wirkungen erfahren. Ein feiner Schluß: erst denkt sich
die Psychologie unter Absehung aller Zwecke und Mittel ein Kunst-
produkt "Mensch" zusammen, das nichts hat und ist. Kein Wunder,
daß dieses Phantom außer "sich" nichts hat und damit "nichts an-
fangen" kann. Also wird nun all das, was den Werkeltag eines
Hilfsarbeiters oder Professors auszeichnet, zur absoluten
B e d ü r f t i g k e i t: sonst nix Mensch. Im Gewande der Men-
schenfreundlichkeit folgt die Botschaft auf dem Fuße: ein ziel-
und haltloses Wesen gammelt vor sich hin, solange es nicht von
Jahodas Arbeitserlebnissen beglückt wird.
Das Lob der Arbeit ist fertig und bietet die Grundlage, die Wirk-
lichkeit der Ausbeutung nicht zu kritisieren, sondern enorm kri-
tisch als Abweichungen vom guten Zweck der Arbeit zu verbuchen.
Jahoda räumt ein,
"daß es bei allen fünf Kategorien neben den positiven auch nega-
tive Seiten gebe. Zum Beispiel die auf Sekunden getrimmte Arbeit
am Fließband."
Logisch ist das nicht, war doch "Zeiteinteilung gerade noch für
ein Hoch auf die Arbeit gut. Und wenn es schon um "Einteilung"
gehen soll, ist auch die "auf Sekunden getrimmte" eine solche.
A n s i c h hat also Jahodas "Zeiteinteilung" überhaupt keinen
Maßstab, nach "positiv" und "negativ" zu unterscheiden. Sie tut
allerdings so, indem sie die vorgefundenen, erlaubten Formen von
Kritik der Ausbeutung - manchmal zu schnell, also nicht mensch-
lich, also humanisieren! - so aufgreift, als folgten sie aus ih-
rem Gespinst über "Zeitstruktur" und Ähnlichem. Eine Lobhudelei
der Arbeit, die sich den üblichen Klagen über ihre gar nicht ver-
schwiegenen Härten verschließt das wäre unglaubwürdig! Und zwei-
tens teilt ja schließlich diese Sorte Klagen wie Jahodas Psycho-
logie das Anliegen, Lohnarbeit nicht anzugreifen, sondern mit ihr
besser auskommen zu wollen, weil deren guter Zweck so oder so
ganz außer Frage steht.
Arbeitslosigkeit macht haltlos
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Wie sehr es das tut, entnimmt man der Besprechung der Arbeitslo-
sigkeit durch Frau Jahoda. In ihrer Welt von Arbeit und Mensch
kommt der Gedanke gar nicht erst auf, daß der geschäftstüchtige
Einsatz der Lohnarbeit Leute außer Lohn setzt, indem sie das Ka-
pital schafft, das - verwandelt in modernisierte Arbeitsplätze -
aus einer relativ verkleinerten Belegschaft die profitliche Lei-
stung holt und dabei an Löhnen spart. Daß mit der Plackerei fürs
Kapital auch das Einkommen entfällt, daß also die Alternative zu
den Zumutungen der Lohnarbeit eine andere Sorte Not ist, die sie
produziert - das spräche ja gegen beides. Also darf es so nicht
sein. Das Schicksal schlägt Jahodas Arbeitslose mit allem anderen
als Lohnverlust:
"In der Arbeitslosigkeit vermissen die Menschen die Realitätsbe-
zogenheit sehr. Sie brauchen die Arbeit, um sich nicht in Tag-
träumen zu verlieren."
Nicht weiter verwunderlich, daß die Psychologie den Arbeitslosen
exakt die Leistungen vermissen läßt, die sie der Arbeit angedich-
tet hat. Neu ist hier allein die Klarstellung, daß diese nicht
nur nichts mit den Interessen und Sorgen von Arbeitern zu tun ha-
ben. Arbeit heißt nun: Nur im Dienst für die "Realität" steht ei-
ner seinen Mann, wobei "Realität" die Welt von Staat und Kapital
zur unumstößlichen Tatsache erhebt, der nur Spinner die Anerken-
nung versagen können. Unumstößlich wird dieser Glaubenssatz der
bekennenden Psychologie dadurch, daß Arbeitslosigkeit kurzerhand
als N i c h t-"Realitätsbezogenheit", also als U n-Möglichkeit
hingestellt wird. Als sei der Tagesablauf eines Arbeitslosen
n i c h t auf die "Realität" bezogen, nur weil er a n d e r s
als beim Arbeiter aussieht. Die Leistung der Arbeit für den Men-
schen besteht demnach exakt darin, den Arbeiter davor zu bewah-
ren, sich in seinen Bedürfnissen zu "verlieren". Die Rede von den
"Tagträumen" macht sich zudem zynisch zunutze, daß Leute ohne
Lohn außer zu zusammengeträumten V o r s t e l l u n g e n von
Bedürfnisbefriedigung zu nichts kommen. Fertig ist die wissen-
schaftliche Version des alltäglichen Antimaterialismus: 'Wer ar-
beitet, kommt nicht auf dumme Gedanken.' Daß es mit diesen Feh-
lern der Psychologie schon seine Richtigkeit hat, beweist sie
stets mit der Praxis der Lohnarbeit und den falschen Gedanken,
die sich ein Arbeiter darüber macht.
"Auch für diejenigen, die unter einer starken Belastung leiden,
hat die Arbeit einen stabilisierenden Einfluß. Eher (!) wird
Schichtarbeit in Kauf genommen, als Arbeitslosigkeit."
Das wollen die Bremer Kollegen LEITHÄUSER, VOLMBERG, SENGHAAS-
KNOBLOCH ganz im Sinne der von ihnen eingeladenen "großen alten
Dame" herausgefunden haben. Sie zitieren den Fehler von Arbei-
tern, sich eine Abwägung von S c h ä d e n zu leisten, wo sie
in diese Alternative gezwungen werden. Den Zwang zu eliminieren
und den Spruch vom "kleineren Übel" zum Vorteil der Schichtarbeit
aufzumandeln, ist da unerläßlich: denn die erzwungene Leistung
des Willens, die abverlangte Schichtarbeit "in Kauf" zu nehmen,
soll ja als Beweis für die ganz freie Entscheidung stehen, in der
sich das wahre Bedürfnis des Arbeiters ausdrückt. Dazu kommt ihr
die Elendsexistenz und ihre Beurteilung durch die Leute gerade
recht. Die Psychologie parasitiert also vom falschen Bewußtsein,
um sich wissenschaftlich mit seiner Produktion verdient zu ma-
chen. Damit liegt sie genau richtig im Fahrwasser staatlicher
Propaganda, derzufolge nicht etwa den Arbeitslosen ein "Problem"
an den Hals geschafft worden ist, sondern sie eines s i n d. So
wird die Wissenschaft "praxisrelevant"; Frau Jahoda durfte ihr
Referat auf dem SPD-Parteitag halten. Inhalt: Die Arbeiter haben
an der Arbeit Lohn genug, die Arbeitslosen haben ein "Recht aufs
Unglücklichsein". Diese Rede war das Geschenk der SPD ans re-
gierte Volk.
"Die SPD wäre keine traditionelle Arbeiterpartei, sorgte sie sich
nicht über die Beeinträchtigung der menschlichen Würde, die mit
der Arbeitslosigkeit einhergeht. Auch eine großzügige Alimenta-
tion hilft darüber nicht hinweg."
Eben. Rausgeschmissen werden die Leute weiter, aus den Betrieben
und aus dem "Sozialen Netz". Dafür werden sie gewürdigt. Vom
Staat und von seiner Wissenschaft.
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