Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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H. E. Richter analysiert Strauß
DER STRAUSS IN UNS ALLEN
Unter dem einladenden Motto " Wir und Franz Josef Strauß" (DIE
ZEIT 48/79) hat der Gießener Arzt und Professor für Psychosomatik
H. E. RICHTER die Kampagne "Stoppt Strauß!" um eine massenpsycho-
logische Untersuchung des Phänomens Strauß bereichert. Des Psy-
chologen Stoßrichtung geht dabei ihre eigenen Wege. Wenn RICHTER
Anfang und Ende seiner Diagnose mit den Worten zusammenfaßt:
"Strauß ist eine Provokation geworden, die man annehmen muß.
Nicht als Person, sondern als Katalysator eines Massenphänomens".
so stellt dies Resultat eine Beschwörung der vom Politiker Strauß
ausgehenden Gefahren ganz eigener Art dar. "Nicht, was Strauß mit
uns machen will", ist für RICHTER "die klar vorrangige Frage" -
vielmehr hat er beim Studium der unglückseligen Wirkung
Strauß'schen Charakters auf das Gefühlsleben des Volkes alarmie-
rende Anzeichen für die Gefahr ausgemacht, daß die M a s s e n
außer Rand und Band zu geraten drohen.
Strauß: Dynamischer Führer mit schlechten Eigenschaften
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Was Richter an Strauß interessiert, ist die Funktion seiner Per-
sönlichkeit für die Stabilität der etablierten demokratischen
Herrschaft, die er erstens gewehrt sehen will und die er zweitens
als Psychologe begreift, weswegen sie für ihn abhängig ist von
einem komplexen und feinfühligen Verhältnis politischer Füh-
rungs k u n s t auf der einen, seelischem Wohlbefinden des Vol-
kes auf der anderen Seite. Gemessen am Ideal RICHTERs von den
menschlichen Eigenschaften eines ausgezeichneten demokratischen
Führers:
"Es bedarf heute der überragenden politischen Führer, deren
Stärke nicht mehr im siegreichen Draufschlagen, vielmehr in der
Energie und Kunst liegt, festgefahrene Frontstellungen abzubauen
und über die traditionellen Pularisierungen hinweg beharrlich ein
Klima von übergreifendem Zusammengehörigkeitsbewußtsein zu ver-
breiten",
muß sich ausgerechnet der "Hauptstreiter für law and order" vom
Massenpsychologen sagen lassen, daß seine "alles überrollende Dy-
namik", seine Disposition zum "radikalen Rivalisieren" einer
zeitgemäßen Ausübung von Herrschaft nicht angemessen ist. RICH-
TERs Analyse der "psychischen Struktur" des Politikers Strauß
"Es ist völlig offenkundig, daß Strauß ein Machttyp durch und
durch ist... unbändiger Durchsetzungswille... Um der Herrschaft
willen, die ihm über alles geht, muß er angreifen, was und wo ihm
im Wege steht..."
bescheinigt dem CSU-Vorsitzenden einen handfesten Hang zum Anar-
chismus, die für einen P o l i t i k e r bedenkliche Unart,
beim Herrschen sich nicht beherrschen zu vermögen. In dieser Be-
ziehung weist der Strauß'sche Charakter fast tragische Züge auf:
"Kann dieser Mann überhaupt irgend etwas gemeinsam mit anderen
machen, ohne daß daraus letztlich allein s e i n e Sache wird -
s e i n e Zeitung, s e i n e Partei?"
So gelangt RICHTER zu dem das Strauß'sche Wirken als Repräsentant
der Macht ohne Zweifel erhellenden Schluß, Strauß sei ein un-
glückseliger Gefangener seiner selbst, weil gerade "seine gewal-
tige Triebfeder, der Wille zur Macht" es ihm verunmögliche, mit
der Macht, die er ausübt, ins Reine zu kommen. Nach RICHTERs ver-
ständnisvoller Analyse der seelischen Probleme von Strauß wissen
wir also nun, daß der zähe Kampf dieses Mannes gegen die Russen
und für die Freiheit eine Kette persönlichen Frustes darstellt
und ihn letztlich unbefriedigt läßt; denn "ganz unabhängig von
der Dimension dieser politischen Materien" kämpft Strauß immerzu
mit der Verwirklichung seiner Person, die ihm nie recht gelingen
mag. Allerdings: das Leiden dieses Politikers, stets "das Klima
des ewigen Mißtrauens und der Kampfesstimmung" zu "bedürfen", "um
sich in der eigenen Motivation zu bestätigen", wäre nach des Mas-
senpsychologen Diagnose nicht weiter tragisch und für das Gemein-
wesen zu verkraften, stünde es mit den Fähigkeiten des Volkes zum
besten, analoge charakterliche Fehler zu vermeiden und sich der
ihm zustehenden Unterwerfung unter "demokratische Kooperation,
soziale Sensibilität und Toleranz" seelisch willig zu bequemen.
Bis in die Reihen der CDU hinein, die der Faszination von Strauß
bei der Frage der Kanzlerkandidatur gänzlich willenlos erlegen
sei, will Richter jedoch beobachtet haben, daß das deutsche Volk
drauf und dran ist, sich in der Projektion auf Strauß seiner
(seit den unseligen faschistischen Zeiten!) "unbefriedigten Wün-
sche" zu erinnern und die ihm lästige Unterwerfung unter die Re-
geln demokratischer Herrschaft in "lustvoller Hingabe an die
Strauß'sche Catch-as-catch-can-Manier" erneut in Frage zu stel-
len.
Die Massen: Unreif für die Strauß'sche Führungskunst
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Der Massenpsychologe weiß in seiner Analyse wohl zu differenzie-
ren: beim Politiker begutachtet er dessen Fähigkeiten in der
Kunst des H e r r s c h e n s; die Massen betrachtet er in ih-
ren Fähigkeiten, ihre willentliche U n t e r w e r f u n g un-
ter die gesellschaftlichen und staatlichen Zwänge zu ertragen. So
verständnisvoll RICHTER die Probleme von Strauß, die dieser mit
der Macht haben soll, erkundschaftet, so sehr entwickelt er Ver-
ständnis für die Probleme des Volkes, sich zusammenreißen zu müs-
sen. Wer unterdrückt wird, so folgert die sich realistisch ge-
bende psychologische Logik, ist unbefriedigt und entwickelt un-
befriedigte Wünsche, - wer sich beugen muß, sehnt sich nach dem
gegenteiligen Zustand und berauscht sich nach psychologischer Er-
kenntnis geradewegs an Leuten, die sich in der Ausübung von Macht
g e g e n sie voller Unbeherrschtheit aufführen:
"Ist es nicht verständlich, wenn sich Scharen derjenigen, die
sich Tag für Tag Hunderte von Malen bücken und winden müssen, um
unter allen ökonomischen, bürokratischen und hierarchischen Zwän-
gen n u r brauchbar und gefällig m i t zufunktionieren, sich
an diesem Allerweltskerl berauschen, der ... erfolgreich all die
Spielregeln und Skrupel zu ignorieren scheint (nanu?), die sonst
jedermann niederdrücken?"
Dem Verständnis für die Bedürfnisse der Leute läßt RICHTER aller-
dings die Sorge folgen, daß derartige Träume von Zuständen der
U n beherrschtheit, von "unbezwinglicher Omnipotenz und Grandio-
sität" der vom Psychologen ersehnten wunschgemäßen Austragung ei-
nes Lebens unter Herrschaft zuwiderlaufen, da letztlich die Sta-
bilität des Herrschaftsverhältnisse gefährdend. Mit der Strenge
des massenpsychologischen Erziehers des Volkes befindet RICHTER,
man dürfe den Leuten diese "fragwürdigen Ideale" gar nicht erst
"anerziehen", weil aus dem Umstand, daß für die "Millionen" der-
artige Wünsche stets "unerfüllbar" bleiben müssen, nur
"irrationale Triebabfuhren" des Volkes zu erwarten seien.
Speziell den Deutschen traut RICHTER in ihrer erbrachten Leistung
seit 45, die Domestizierung ihres Willens unter die demokratische
Ordnung w i l l e n t l i c h zu akzeptieren, nicht über den
Weg und vermutet hinter "der Fassade allgemeiner Anpassung immer
noch ein gewaltiges Restpotential von unaufgeklärten nationalen
Ressentiments". Umso schlimmer also, daß durch die "imposante
draufgängerische Selbstsicherheit von Strauß", statt daß den
Deutschen Gelegenheit gegeben wird, Fortschritte auf dem Weg ih-
rer inneren Gesundung zu einem anständigen, von Komplexen freien
Arbeitervolk machen zu dürfen, nur die "Selbstunsicherheit der
vielen" "entblößt" (!) wird, "die aus ihren Kleinheits- und Min-
derwertigkeitskomplexen immer nur den Ausweg in jene Überkompen-
sationstendenz gesucht haben " (statt den Dampfkessel nach innen
abzulassen!), "die nicht zu unrecht als eine typische Anfällig-
keit des sogenannten deutschen Volkscharakters angesehen"
werde.
Richter warnt Strauß
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Richters massenpsychologische Skizze des Phänomens Strauß ist
frei von der Annahme, Strauß wäre kein geeigneter P o l i t i-
k e r für die Deutschen. Ihn treibt vielmehr die der psycho-
logischen Behandlung der Herrschaftstechnik entsprungene Sorge,
daß die Deutschen, wenn sie sich mit ihrer Stimme für Strauß als
Kanzler aussprechen, dies aus M o t i v e n - statt als
Kundgabe ihres Willens, einverstanden mit der Fortführung der
demokratischen Herrschaft zu sein - tun, welchen der Politiker
Strauß gar nicht entsprechen will. Weil RICHTER mit seinem psy-
chologisch geschulten Blickwinkel beim Wirken von Strauß die Ent-
deckung macht, daß dieser bei den Massen anti-demokratische
E f f e k t e erzielt - aufgrund seines eigenen Ideals der demo-
kratischen Politikerpersönlichkeit ist dem guten RICHTER derselbe
Effekt bei den Worten und Taten eines Brandt und Schmidt konse-
quenterweise entgangen -, endet seine Analyse denn auch mit einem
Rat an den Führer Strauß,
"er sollte nach allen bösen Vorerfahrungen wissen, daß er diese
emotionalen Tendenzen bei seinem Publikum zu fürchten und nach
Kräften einzudämmen hätte."
Dieser Schluß der Massenpsychologie von RICHTER beweist zweier-
lei: Zum einen bleibt dem Psychologen der Mechanismus demokrati-
scher Herrschaftstechnik trotz aller tiefen Einblicke in die
Politiker- und Volksseele letztlich doch ein unbekanntes und
unverständliches Wesen. Zweitens folgt aus der Weisheit des
Psychologen: Eine Stimme gegen Strauß zeigt die F e s t i g-
k e i t unserer Demokratie, die Stimme für ihn das Gegenteil,
eben nichts weiter, als daß die Psychologie einen Fimmel für die
Herrschaft hat und diese nach dem Kriterium begutachtet, ob sie
funktioniert oder nicht.
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