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Skinners Verhaltenstheorie
VON DER "BLACK BOX" ZUM STAATSDIENST
Wo immer Skinners Verhaltenstheorie an der Uni gelehrt wird, sie
genießt nicht gerade den besten Ruf. Mit seinem Reiz-Reaktionsmo-
dell vom Menschen soll sich Skinner nämlich zum Wegbereiter von
Orwells Schreckensvision eines total kontrollierten Individuums
gemacht haben:
"Die Vorstellung, daß menschliches Verhalten extern gesteuert
wird, wurde nicht gerade begeistert aufgenommen. Für viele Men-
schen bedeutet das einen einseitigen Kontrollprozeß, der das In-
dividuum dazu zwingt, passiv auf wechselnde Einflüsse zu reagie-
ren... (Diese) Konsequenz des radikalen Behaviorismus erweckt den
Widerspruch vieler." (Bandura, Sozialkognitive Lerntheorie, S.
16)
In Skinners Theorie sollen also - sofern sie zur Anwendung kommt
- schreckliche praktische Konsequenzen in puncto Manipulation
enthalten sein. Diese Warnung vor einer Anwendung von Skinners
Modell unterstellt allerdings, daß Skinner den Menschen
t r e f f e n d chrarakterisiert. Wie sonst sollte sie überhaupt
zur Manipulation von Leuten einsetzbar sein? Wenn der Mensch gar
nicht nach Reiz-Reaktion funktioniert, dann dürfte er auch von
"Reizen" nicht zur erwünschenswerten "Reaktion" zu bewegen sein.
Wenn einer von sich behaupten wollte, er verwandle Steine in
Gold, dann würde man ihm doch auch nicht antworten. Vorsicht, das
treibt den Goldpreis in den Keller! Stattdessen würde man ihn als
Spinner v e r l a c h e n.
Skinner s e l b s t hat seine Theorie übrigens nicht als die
W a h r h e i t über das Treiben der Leute ausgegeben. Er hat im
Gegenteil explizit eingeräumt, das Individuum sei nicht durch
sein Modell von ihm erklärt:
"Der Einwand gegen innere Zustände besteht nicht darin, daß sie
etwa nicht existierten, sondern darin, daß sie für eine funktio-
nale Analyse nicht relevant sind." (Wissenschaft und menschliches
Verhalten, S. 41)
'Zwar mag der Mensch durchaus anders beschaffen sein', so Skin-
ner. Aber für sein wissenschaftliches Vorhaben hält er es für
sinnvoll, ihn als Reiz-Reaktionsmechanisrnus anzunehmen. Und
warum ist das sinnvoll?
"Wollen wir die Methoden der Wissenschaft auf den Menschen anwen-
den, müssen wir voraussetzen, daß Verhalten gesetzmäßig und de-
terminiert sei... Maßgebliche philosophische Vorstellungen über
die menschliche Natur anerkennen einen inneren Willen, der mit
der Kraft ausgestattet ist, in kausale Beziehungen einzugreifen,
einen Willen, der Verhaltensprognose und -kontrolle unmöglich
macht." (ebenda, S. 16)
Laut Skinner muß man also v o r a b wissen, was man vom men-
schlichen Verhalten zu halten hat, um wissenschaftlich
e r g r ü n d e n zu können, was es damit auf sich hat. Und
warum? Weil der Mann sich vorgenommen hat, ein ganz
b e s t i m m t e s Gesetz menschlichen Handelns zu konstituie-
ren. Er will den Willen als kontrollier- und prognostizierbaren
s e h e n. Das heißt, er will jedes Handeln als
z w a n g s l ä u f i g e s Resultat von äußeren Umständen be-
stimmen und für d i e s e s theoretisches Vorhaben ist die
"Anerkennung" eines zwecksetzenden Willen unbrauchbar. Der wäre
ja nicht bedingungslos determinierbar durch die Umstände, unter
die man ihn setzt.
Skinner fragt sich gar nicht, was es mit dem Willen auf sich hat.
Er sagt umgekehrt: 'Wie muß ich mir den Willen zurechtkonstruie-
ren, damit er in meine Beweisabsicht paßt?' Die Antwort ist damit
breite gegeben - er betrachtet ihn einfach als "abhängige Va-
riable" äußerer Bedingungen.
Das Verhalten: abhängige Variable?
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"Die externen Variablen, von denen Verhalten eine Funktion ist,
ermöglichen, was man eine kausale oder funktionale Analyse nennen
kann... Das (Verhalten) ist unsere abhängige Variable - die Wir-
kung, für die wir eine Ursache finden müssen. Unsere unabhängigen
Variablen - die Ursachen des Verhaltens sind die äußeren Bedin-
gungen, von denen da Verhalten eine Funktion ist." (S. 42)
Skinner behauptet hier, daß "äußere Bedingungen" die Ursache jed-
weden menschliche "Verhaltens" seien, welches er dann konsequent
als "Wirkung" bestimmt. Die "äußere" Welt ist eine Ansammlung von
"unabhängigen Variablen", die, treffen sie auf das Individuum,
bei diesem "Verhalten" auslösen, wodurch eben das Menschlein mit
seinem Tun die "abhängige Variable" ist. Soweit der Skinner'sche
Gedanke, der sich schon einige Fragen gefallen lassen muß:
1. Wie kann eine bestimmte "unabhängige Variable" eigentlich eine
jeweils bestimmte "Wirkung" im Menschen auslösen, wenn dieser als
unbestimmtes Wirkungs-Potential auftaucht? Wie läßt sich erklä-
ren, daß doch jeweils ganz bestimmte "Ursachen" i h r e be-
stimmten "Wirkungen" zeitigen, wenn am Individuum all jene Be-
schaffenheit theoretisch getilgt ist, die es einem "äußeren Reiz"
überhaupt "gestattet", eine bestimmte Wirkung auszulösen? Es
liegt doch z.B. an der b e s t i m m t e n
p h y s i o l o g i s c h e n B e s c h a f f e n h e i t des
menschlichen Körpers, daß des Arztes Hämmerchen mit dem gut pla-
cierten Schlag knapp unter der Kniescheibe nicht zufällig den be-
rühmten Beinreflex und nicht etwa Ohrensausen oder Magengrimmen
auslöst.
oder: Verkehrszeichen benennt Skinner als ein Beispiel für reiz-
auslösende "externe Variablen". Warum aber löst denn eine grüne
Ampel ausgerechnet Losgehen bzw. Losfahren aus? Warum nicht Ste-
henbleiben, einen Kopfstand oder ein Nickerchen am Straßenrand?
Das liegt doch daran, daß der Mensch erstens um die Bedeutung
dieses Symbols weiß. Daß er zweitens die Straße möglichst unbe-
schadet überqueren w i l l und drittens die Beachtung der Am-
pelsignale für ein dafür t a u g l i c h e s M i t t e l hält.
Skinners Erfindung der, menschlichen Verhaltens als "abhängiger
Variablen" leistet sich also die Ungereimtheit, einerseits zu be-
haupten, der Mensch r e a g i e r e auf die äußeren Bedingun-
gen, andererseits am Individuum theoretisch alles zu tilgen, was
beim Menschen als Voraussetzung für solcherart Reaktion mitge-
dacht werden muß. Einerseits soll Skinners Mensch eine Art "Mann
ohne Eigenschaften" sein, also für sich völlig unbestimmt. Ande-
rerseits soll er auf bestimmte Umstände hin zu ganz bestimmten
Reaktionen f ä h i g sein.
2. Wie kann Skinner dann überhaupt noch eine bestimmte Verhal-
tensweise als "Wirkung" einer bestimmten "äußeren Bedingung"
i d e n t i f i z i e r e n? Woher weiß er denn, daß es gerade
die grüne Ampel war, die den Menschen zum überqueren der Straße
bewegt hat? Warum hat das nicht der Sonnenschein oder plötzlich
abfallender Luftdruck "ausgelöst"? Skinners Modell gibt da jeden-
falls keine Auskunft. Vielmehr beruft sich der Psychologe hier
auf einen jedermann bekannten Zusammenhang von "äußerer Bedin-
gung" und "Verhalten", wie er durch Wille und Interesse herge-
stellt wird. Aber dies nur, um ihn in seinem Modell gerade zu
leugnen. Da sollen die Eigenarten, Interessen, Vorhaben etc. des
Individuums so gleichgültig für seine Reaktion sein, daß man der
menschlichen Psyche ruhig das Skinner'sche Desinteresse an ihren
Bestimmungen als ihre E i g e n a r t anhängen und sie eine
"black box" nennen kann. Man soll sich das Individuum also wie
die schwarze Kiste des Magiers vorstellen: immer kommt etwas her-
aus, man weiß nur nicht warum. Was im Individuum vorgeht, soll
also ohne jede Bedeutung für die Wirkung der "äußeren Einflüsse"
sein, ja es soll sich durch die äußeren Einflüsse überhaupt erst
k o n s t i t u i e r e n: Verhalten soll als "abhängige Va-
riable" der Umstände ganz und gar von außen geprägt sein. Wer so
daherredet, der gibt nie mehr an, w e l c h e Einwirkung worauf
stattfindet und darin die Ursache w o f ü r ist. Und das sagt
Skinner auch noch explizit:
"Aus der alten Beziehung von Ursache und Wirkung wird eine funk-
tionale Relation. Diese neuen Begriffe weisen nicht darauf hin,
wie eine Ursache eine Wirkung verursacht: Sie behaupten ledig-
lich, daß bestimmte Vorgänge dazu tendieren, in einer gewissen
Ordnung zusammen aufzutreten." (S. 31)
Wenn der Mann allerdings nicht weiß, wie "Grüne Ampel" und
"Überqueren der Straße" zusammenhängen, wie kann er dann behaup-
ten, daß das Verhalten ausgerechnet die "Funktion" der Ampel war?
Denn, so bescheiden das "lediglich" daherkommt, er, soll ja im-
merhin gelten, daß Verhalten eine "Funktion äußerer Variablen"
ist. Die Behauptung, daß ein Abhängigkeitsverhältnis existiert,
ersetzt hier den Nachweis dieses Zusammenhangs. Von der Beweis-
last hat sich Skinner damit freigesprochen.
Vom Chaos zum Verstärker
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Mit dieser Charakteristik von Verhalten hat sich Skinner nun ein
lustiges Problem geschaffen:
"Würde alles Verhalten mit dergleichen Wahrscheinlichkeit auftre-
ten, so wäre das Ergebnis ein Chaos." (S. 18)
Eigentlich, so stellt er fest, könnte die "abhängige Variable"
seinem Modell zufolge überhaupt kein Verhalten zuwege bringen.
Immer wäre es gleichzeitig von einer Unzahl von Einflüssen
umzingelt, müßte also zur gleichen Zeit eine Vielzahl von
Wirkungen hervorbringen! Skinner bemerkt also den Quatsch seiner
Konstruktion, schmeißt sie deshalb aber noch längst nicht in den
Müll, sondern setzt seinen Fehler so fort:
"Es ist" - so fährt er unmittelbar fort - "ganz offensichtlich
von Vorteil, daß eine Reaktion nur dann stattfindet, wenn sie
wahrscheinlich verstärkt wird." (ebenda)
Jetzt läßt er also doch noch eine bestimmte Reaktion möglich wer-
den. Konsequenterweise soll die zur Chaos-Vermeidung notwendige
Auswahl unter den Reizen nicht eine Leistung der "abhängigen Va-
riablen" Mensch sein. Sondern die R e i z e s e l b s t, also
die "unabhängigen Variablen", sollen s i c h in welche sortie-
ren, die verhaltensauslösend wirken und welche, die dies nicht
tun. Es soll also Stimuli geben, die sich von anderen dadurch ab-
heben, daß sie Verhalten verstärken. Und woran erkennt man diese
"dominanten" Verstärker?
"Es wird häufig angenommen, Verstärker könnten unabhängig von ih-
rem Effekt auf den Organismus erkannt werden. So wie wir den Be-
griff gebrauchen, besteht jedoch das einzig definierende Merkmal
eines verstärkenden Stimulus darin, d a ß er verstärkt." (S.
16)
Ein Verstärker unterscheidet sich also laut Skinner von einem
nicht-verstärkenden Stimulus dadurch, daß er verstärkt. Er kann
also gerade keine Qualität am Stimulus ausmachen, die ihn zum
wirksamen Verstärker macht. Warum behauptet Skinner dann trotzdem
seine seltsame Tautologie 'Verstärker ist, wer verstärkt'? Wegen
seiner Beweisabsicht: Wenn Verhalten Wirkung von allem und jedem
wäre (das war Skinners Idee!), entstünde Chaos. Da aber ein Ver-
halten nicht chaotisches Durcheinander ist, nehmen wir eben einen
herausragenden Verstärker an, der so etwas vermeidet. Es gehört
zu den großen Leistungen Skinners, daß er seine eigenen Wider-
sprüche bemerkt - und durch ihre Fortsetzung tilgen will. Auch
ihm kommt es ungereimt vor, die E x i s t e n z verhaltensbe-
stimmender Verstärker zu behaupten, ohne sie durch ihre Qualität
von anderen Stimuli unterscheiden und auf sie deuten zu können.
Weil er aber doch ihre Existenz behaupten will, bemüht er gern
Eselsbrücken für den Leser: weiß nicht jeder aus eigener Erfah-
rung, daß Süßigkeiten oder Prügel als "Verstärker" für Gehorsam
wirken? Einerseits appelliert er an die Kenntnis, daß naschhafte
Kinder mit Bonbons zu ungeliebten Tätigkeiten "erpreßbar" sind.
Die erzieherische Gewalt macht sich den berechnenden Willen des
Kindes also zunutze, den sie erzeugt: nicht folgsamen Kindern
wird manch ein Genuß verweigert und eine Backpfeife verabreicht.
Andererseits stellt sich Skinner schnell wieder dumm und tut so,
als habe er den Zusammenhang von Süßigkeiten und folgsamem Ver-
halten ganz anders ermittelt. Denn den berechnenden kindlichen
W i l l e n, den er in seinem Beispiel benützt, will seine Theo-
rie ja gerade getilgt haben. Beides soll h ä u f i g zusammen
aufgetreten rein und dadurch sollen sich die Bonbons als wirksame
Verstärker für Gehorsam erwiesen haben:
"Die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, ob ein gegebener
Vorgang einen gegebenen Organismus unter gegebenen Bedingungen
verstärkt oder nicht, ist die des direkten Tests. Wir beobachten
die H ä u f i g k e i t einer ausgewählten Reaktion, lassen den
Vorgang auf sie einwirken und verfolgen dann jede
V e r ä n d e r u n g d e r H ä u f i g k e i t. Tritt eine
Veränderung ein, so klassifizieren wir den Vorgang seinem Effekt
nach als verstärkend für den Organismus." (S. 76)
Wenn allerdings die häufige zeitliche Aufeinanderfolge von Bon-
bons und Gehorsam der einzig mögliche Beweis für einen Wirkungs-
zusammenhang sein soll, dann wäre Skinner bei seinen Tests total
aufgeschmissen: Er wüßte ja gar nicht, w o m i t er bei der
Naschkatze das "Verstärken" probieren sollte, ob mit Bonbons, ei-
ner echten Havanna oder einem Gläschen Schnaps.
Und hinterher könnte Skinner nicht mal sagen, ob nun die Bonbons
oder etwas anderes den besagten Effekt erzielt hat. Gemeinsames
Auftreten jedenfalls läßt keinen Schluß auf ein Ursache-Wirkungs-
Verhältnis zu. Auch die noch so häufige Wiederholung beweist
keine kausale Beziehung. Oder werden Störche zur Ursache von Ge-
burten, wenn sie nur oft genug vor einer Geburt gesichtet werden?
Selbstkontrolle - Bedürfnis nach Manipulation?
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Den Einwand, daß er in seinem Modell immerzu auf einen zweckset-
zenden Willen rekurriert, ist Skinner selbst noch eingefallen.
Allerdings nur, um jedes zielgerichtete Handeln in eine einzige
Bestätigung des Reiz-Reaktions-Mechanismus umzufrisieren. Das ist
ohne 5 Pfund Schwachsinn nicht zu haben:
"...(Der einzelne) scheint in erheblichem Maße sein Schicksal
selbst zu bestimmen. Die Einzelperson 'wählt' zwischen Alternati-
ven des Handelns, sie 'durchdenkt' ein Problem, während sie von
der relevanten Umwelt isoliert ist, und sie sorgt für ihre Ge-
sundheit und ihre Stellung in der Gesellschaft, indem sie
'Selbstkontrolle' ausübt.... Allerdings brauchen wir deshalb
nicht unser Programm aufzugeben. Der Mensch kontrolliert und
steuert sich selbst, ebenso wie er das Verhalten einer anderen
Person steuern würde - durch Manipulation von Variablen, deren
Funktion das Verhalten ist." (S. 214)
Skinner hat sein "Programm" gerettet und dem Leser einen neuen
Widerspruch aufgegeben: der "selbstskontrollierte" Mensch ent-
scheidet, wovon er sich m a n i p u l i e r e n läßt. Daß diese
Sorte "Selbstkontrolle" auch bei Skinner selbst nur in Gänsefüß-
chen daherkommt, hat desweiteren den Grund: der reizfreie Raum,
in dem die "Einzelperson" frei von äußeren Reizen Handlungen
"durchdenkt" und "auswählt", ist nach Skinners Theorie ein Un-
ding. Schon gar nicht ist erklärlich, wie i s o l i e r t von
der "relevanten Umwelt" und ihren Reizen der Mensch überhaupt
eine Reaktion wie den Willen zur "Gesundheitsfürsorge" hervor-
bringt. O h n e Reiz kann sich nur g a r n i c h t s abspie-
len, wenn alles als Reaktion auf einen Reiz behauptet wird. Wie-
der gibt Skinner als Eselsbrücke ein Beispiel, wie der Mensch es
hinkriegen soll, einerseits über die Reize zu entscheiden, ande-
rerseits in seinem Verhalten doch "Funktion externer Variablen"
zu bleiben:
"Wir sind in der Lage, den Anlaß zu einer Reaktion zu liefern
oder zu beseitigen... Wir rücken die Pralinen aus unserem Ge-
sichtsfeld, um uns nicht zu überessen." (S. 218)
Nicht mogeln, Herr Skinner. Bisher hießen doch die Dinger nicht
"Anlaß", sondern "Auslöser". Was denn nun? Wäre das Pralinen-Es-
sen eine "Funktion" der Pralinen, dann könnte der Mensch gar
nicht beschließen, damit aufzuhören und die Dinger beiseite zu
stellen. Wenn er das aber kann, dann "bewirken" die Pralinen
nichts, was er nicht beschlossen hätte.
Man kann eben nicht behaupten, der Mensch werde von seinen äuße-
ren Umständen zu Verhalten manipuliert und
g l e i c h z e i t i g sagen, wovon er sich manipulieren lasse,
das hänge von seiner Entscheidung ab. Es sei denn man hängt wie
Skinner dem Ideal an: die äußere Determination des Individuums
möge mit seinem freien Willen zusammenfallen.
Diesen Widersinn eines Bedürfnisses nach Verstärkern hat Skinner
zu einer Gesellschaftstheorie ausgebaut. Ihm zufolge ist die ge-
samte "Kultur" ein System der "Verhaltenssteuerung und
-kontrolle", mit dem der Mensch seinen eigenen Drang nach Umwelt-
determination psychologisch sinnvoll organisiert. Allerdings, so
Skinner, tut er das bisher ohne wissenschaftliche Beratung; wes-
halb nichts mehr zu empfehlen sei als verhaltenstheoretische
"Einsichten" zur "vernünftigen" Manipulation:
"Zu dem Maß, wie relevante Bedingungen geändert oder, anders aus-
gedrückt, kontrolliert werden können, kann auch die Zukunft kon-
trolliert und gesteuert werden." (S. 16)
So läßt Skinner seine "black box" in die Kasernen und andere ho-
norigen Einrichtungen der Nation einrücken:
"Indem die Einzelperson sich einer Gruppe anschließt, vermehrt
sie die Möglichkeit der eigenen Verstärkung. Der Mann, der im Pa-
radezug froh und in voller Uniform die Straße entlang mitmar-
schiert, wird durch die Zurufe der Menge verstärkt, obgleich die
Verstärkung ausbleiben wurde, wenn die Person allein mar-
schierte." (S. 288)
Da sollen also die Leute glatt zum Militär gehen, weil ihnen das
Verstärkungsmöglichkeiten eröffnet, die ihnen sonst verschlossen
blieben. Das Militär wiederum soll keine andere Bestimmung haben,
als eben diese Verstärkungsmöglichkeit zu bieten. Beweis: Sonst
wären die Leute doch nicht dabei! Überflüssig die Frage, warum
die Bundeswehr mit Einberufungs b e f e h l e n operiert, statt
sich auf das "Verstärker"-Bedürfnis der Rotärsche zu verlassen.
Hier ist nämlich der unbedingte Wille am Werk, die staatliche Ge-
walt, die Leute zwangsweise zum Kriegedienst rekrutiert, zu einem
Dienstleistungsunternehmen an der verstärkungsgeilen "black box"
zu verfabeln. So gesehen ist eben die Unterwerfung unter die
staatliche Gewalt definitionagemäß das Resultat einer Verstärker-
auswahl der Leute:
"Der sich am ehesten aufdrängende Typ einer Instanz, die sich mit
der Kontrolle menschlichen Verhaltens auseinandersetzt, ist die
staatliche. Der eigentliche Effekt der Kontrolle durch die staat-
liche Instanz besteht darin, daß ungesetzliches Verhalten aver-
sive Stimuli erzeugt, infolge derer die Einzelperson sich schul-
dig fühlt und durch die für eine automatische positive Verstär-
kung von gesetzlichem Verhalten gesorgt wird." (S. 311)
Zwar ist unerfindlich, wieso sich Individuen zum Zwecke der
"Verstärkung" ausgerechnet eine Instanz schaffen sollen, die ih-
nen lauter "aversive Stimuli" aufdrückt. Es ist ja die Staatsge-
walt, die z.B. das Einsacken im Kaufhaus erst zum "aversiven Sti-
mulus" "Diebstahl und Knast" macht, indem sie das als Eigentums-
delikt ahndet. Eine grandiose Verharmlosung des Zuschlagens
staatlicher Gewalt. Sie verrät allerdings auch den Grund und
Zweck der Skinnerschen Konstruktion des Menschen als einem wil-
lenlosen Reaktionsbündel. Mit ihr läßt sich die Durchsetzung der
Staatsgewalt zu einer positiven Leistung für den Menschen verklä-
ren. Unterdrückung und Zwang kann es bei einem willenlosen
"Reizopfer" Mensch ohnehin nicht geben. Stattdessen erscheint die
Gewalt als Orientierungshilfe beim "Reagieren." Mit dem Staat hat
unsere "black box" dankenswerter Weise den Kontrolletti den sie
laut Skinner und Kanzler braucht. Der Mensch bedarf der Knute -
sonst könnte er gar nicht wissen, was er wollen muß!
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Die Todesstrafe
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hält Skinner ebenso wie die gewaltsame "Niederschlagung von Re-
volten" und "Streiks" für äußerst kritisch:
"...auf Dauer läßt sich das Problem so nicht lösen. Eine Intensi-
vierung der Kontrolle kann die Schwierigkeiten lediglich vermeh-
ren. Physischer Zwang oder Tod kann Verhalten effektiv eliminie-
ren, doch (!) nützt die Einzelperson dann der Gruppe nichts
mehr." (S. 331)
Eine wirklich harsche Kritik an Einrichtungen wie dem CIA oder
dem elektrischen Stuhl: Mit den Leichen läßt sich hinterher so
wenig anfangen! Da muß es Reagan und Co. doch wie Schuppen von
den Augen fallen. Man sieht: Psychologische Verfechter einer kon-
trollbedürftigen Menschennatur sind an Zynismus durch nichts zu
überbieten.
***
Bild ansehen
Abb. 5: Ratten in einer Skinner-Box, eine ist gerade dabei zu
drücken. Die Originalunterschrift im Columbia Jester lautete:
"Na, Junge, habe ich den gut konditioniert! Jedesmal, wenn ich
drücke, gibt er mir ein Stück Zucker," (Aus Cumulative Record by
B.F. Skinner, Copyright 1952, by Appleton-Century-Crofts mit Ge-
nehmigung des Verlages.)
Die beiden possierlichen Tierchen machen sich über den
Psychologen lustig, der ihre Drückerei mit Zucker beantwortet,
weil er das für Lernen hält. Recht haben sie: wer sich schon die
Dummheit leistet, Reaktion auf Reiz für ein Lernprodukt zu
halten, der muß sich auch von zwei dahergelaufenen Ratten sagen
lassen, sie hätten mit dem Reiz "Hebel drücken" den bescheuerten
Versuchsleiter zu der Reaktion konditioniert, Zucker zu geben.
Diese "Theorie" hat genauso viel für sich wie die Lerntheorie des
Psychologen, die die Sache genau anders herum sehen will. Das
kommt eben davon, wenn man dem Lernen und Handeln das Subjekt mit
Zweck und Absicht wegnimmt. Dann stehen Psychologe und Ratte auf
einer (SKINNER-)Stufe. Da gibt es also gar nichts zu lachen über
die beiden Hebeldrücker, ihr Zuckerspender. Und wer trotzdem
lacht, hat seine Lerntheorie der Dummheit überführt.
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