Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Ringvorlesung Sprachpsychologie
       
       Will man nach den bisher absolvierten Vorträgen ein Zwischenfazit
       ziehen, so  bleibt einem nichts anderes übrig: man muß ein unein-
       geschränktes Lob  aussprechen an die Veranstaltungsreihe "zum Ge-
       denken an  Hans Hörmann"  (ein verstorbener  RUB-Sprachforscher).
       Der Mann  hat es  sicherlich verdient, daß ihm zu Ehren aus allen
       möglichen Unis der Republik Gelehrte angekarrt werden, die in ir-
       gendeiner Weise auf Sprache Bezug nehmen - sei es von psychologi-
       scher, philosophischer, biologischer Seite o.a. Für höchstes aka-
       demisches Niveau  ist reichlich gesorgt, das kann man schon jetzt
       sagen; und  sogar das alte und neue universitäre Ideal, ein Thema
       möglichst universell - vom Standpunkt aller möglichen Disziplinen
       - einzukreisen,  wird fürwahr mit Verve angegangen. Da schadet es
       auch überhaupt nicht, wenn sich die jeweiligen Diagnosen, als was
       man Sprache  (auch noch)  auffassen könne, ein wenig in die Quere
       kommen und  wechselseitig widersprechen  - denn das liegt mit Si-
       cherheit am  "hochkomplexen" Wesen der Sprache, das wohl geradezu
       danach verlangt,  vom Blickwinkel konträrer metatheoretischer Pa-
       radigmata und Betrachtungsweisen vielfältigst erschlossen zu wer-
       den. Insofern fällt es freilich auch dem Berichterstatter schwer,
       eine "diskursiv  verantwortbare" Auswahl  zu treffen. Obwohl aber
       Herrn Prof. HERMANNs Ausführungen, die sich mit dem beklagenswer-
       ten Faktum  auseinandersetzten, daß Hans Hörmann im Ausland weit-
       gehend unbeachtet  blieb (wegen  der  Prädominanz  amerikanischer
       Sprachtheorie), genauso  erwähnenswert gewesen  wären  wie  Herrn
       Prof. POSNERs  Beitrag, der  das Verhalten von Kletterpflanzen in
       gleicher Weise "zeichentheoretisch" (Biosemiotik) zu deuten wußte
       wie ein  Gespräch zwischen Literaturwissenschaftlern über die Be-
       dingungen der  Möglichkeit ihrer Disziplin (letzteres "Verhalten"
       sei nur  komplizierter als ersteres, da mehr "strukturelle Kompo-
       nenten" umfassend),  sei doch  Herrn Prof.  APELS Referat  vorge-
       stellt -  als hervorragendes Beispiel für die theoretische Ergie-
       bigkeit der Ringvorlesung.
       
       K.-O. Apel, "Die Logos-Auszeichnungen der menschlichen Sprache":
       
       WARUM EIN SCHIMPANSE KEINEN SEMINARSCHEIN
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       IN SPRACHPHILOSOPHIE VERDIENT
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       Karl-Otto APELs  Vortrag wurde ein Ereignis, fast sogar eine Apo-
       theose auf  die Denkmöglichkeiten universitärer Wissenschaft. Das
       lag in  erster Linie  an der Präsentation des Vorgetragenen - und
       am Publikum,  das sich davon anregen ließ. Zuungunsten einer Prü-
       fung  der  Stichhaltigkeit  der  APELschen  Mitteilungen.    D er
       S a c h e   n a c h  nämlich hatte der Sprachphilosoph aus Frank-
       furt per  saldo wenig mehr zu bieten als ein paar kardinale Fehl-
       urteile mit unverhohlener ideologischer Schlagseite.
       a) Wie   j e d e r  andere Sprachphilosoph auch vertritt APEL den
       Unsinn, von den Eigenschaften der Sprache hänge es ab, ob anstän-
       dig gedacht  werde  -  gerade  auch  in  der  Wissenschaft.  Weil
       o h n e     Sprache  nicht  gedacht  wird,  soll  es  auch  schon
       Q u a l i t ä t  d e r  S p r a c h e  sein, den Objektivitätsge-
       halt des  Denkens zu   v e r b ü r g e n.   So soll z.B. der Zei-
       chencharakter von  Wörtern einen "Wahrheitsanspruch" derselben in
       Sachen "Repräsentation"  eines (be-zeichneten) "Objekts" beinhal-
       ten - als wäre 'Bezeichnen' und 'Erkennen' so gut wie dasselbe.
       b)   I m   B e s o n d e r e n   allerdings möchte  sich APEL von
       traditionellen Auffassungen,   w a s   a l l e s  zur "Bedeutung"
       sprachlicher Zeichen  (Semantik) zu  rechnen sei,  absetzen.  Und
       zwar  nimmt   er  ausgerechnet   die  sog.   "pragmatische"  oder
       "illokutionäre" Seite  der Sprache (bzw. des Sprechens) zum Beleg
       dafür, daß sprachliche Zeichen keineswegs "nur" bedeuten, was sie
       bedeuten. Wenn  jemand sagt,  "Ich versichere Ihnen, Herr Popper,
       daß Sie Stuß reden", dann sei der erste ("performative") Satzteil
       im Unterschied  zum ("propositionalen") zweiten  n i c h t  darin
       "Zeichen", daß  er sich  auf ein "Objekt" beziehe,  s o n d e r n
       darin, daß  er es  auf "Kommunikation" mit einem "Ko-Subjekt" an-
       lege.   D i e s e   Unterscheidung zweier  Sorten von  Satzteilen
       bzw. von  deren Bedeutung  ist absurd. Nicht nur deshalb, weil ja
       wohl auch  der "propositionale"  Satzteil, der  einen  objektiven
       Sachverhalt zum  Ausdruck bringe, eine Mitteilung an ein "Ko-Sub-
       jekt" (das  ihn hört  oder liest)  ist -  eben  w e i l  klar ist
       (bzw. soweit),  w a s  z.B. das Wörtchen "Stoß" bedeutet, sondern
       vor allem  auch deshalb,  weil es  sich beim sog. "performativen"
       Satzteil nicht  anders verhält.  Mag ja  sein, daß  er dem Inhalt
       nach auf  etwas anderes zielt als der "daß...... Satz (es handelt
       sich eben  um eine  Floskel, die dem Adressaten mitteilen möchte,
       wie ernst  die Behauptung,  er rede  Stoß, gemeint ist); aber ist
       das denn  Grund genug,  um zu leugnen, daß diese Floskel nur mit-
       teilen kann,  was sie mitteilen will,  w e i l  die Bedeutung der
       Wörtchen "ich",  "versichern", "Ihnen",  also  die  Vorstellungen
       ("Objekt"), die  sie "bezeichnen", und die Bedeutung des mit die-
       sen Wörtern gebildeten (Halb-)Satzes gegeben ist?
       e) Die  spezielle   B o t s c h a f t,   auf die APEL hinaus will
       mit seiner  falschen   T r e n n u n g  zweier sprachlicher Funk-
       tionen und  mit seiner emphatischen  H e r v o r h e b u n g  der
       "so lange unterschätzten" kommunikativen Aufgabe der Sprache, ist
       allerdings nicht  ohne einen  - zwar außerordentlich kompliziert,
       "dialektisch" eben,  vorgetragenen, sachlich aber schlichtweg ab-
       surden -  Zusammenschluß beider  Funktionen zu  haben.  Weil  man
       seine Gedanken sprachlich formuliert und mitteilt, was Sprachphi-
       losoph    APEL     damit     gleichsetzt,     Sprache     erzeuge
       "Wahrheitsansprüche"  u n d  "intersubjektive Verständigung", sei
       es das Allerselbstverständlichste auf der Welt (APEL mußte es al-
       lerdings erst  aufdecken), daß  die Richtigkeit (oder Falschheit)
       von Gedanken eine Frage (präziser: eine "Funktion") wechselseiti-
       gen  Kommunizierens    ü b e r    ihre  "Berechtigung"  sei.  Der
       "Doppelcharakter" der Sprache beweise, daß Wahrheit eine relative
       Sache sei, eine Frage von subjektiv erhobenen "Rechtsansprüchen",
       die  sich   in  einem  "diskursiven"  Einigungsprozeß  aneinander
       abzuarbeiten hätten.  Die Natur der Sprache soll es also mit sich
       bringen, daß  eine mögliche "Übereinstimmung" mehrerer Individuen
       im Denken  nicht auf der Wahrheit bzw. Falschheit ihres Gedankens
       beruhe, sondern  genau umgekehrt  der mögliche  "Konsensus"  (das
       Ideal des  "kommunikativen Diskurses")  als angestammter  Richter
       über Wahrheit/Falschheit  von Gedanken  anzuerkennen  sei.  Womit
       glücklich - auf gehobenem metatheoretischem Niveau, versteht sich
       - die  demokratischen  Tugenden  der  Toleranz  und  des  Kompro-
       misseschließens aus  den ehernen  Eigenschaften eines  sprachlich
       bedingten Denkens abgeleitet wären.
       Wie um  seine Theorie  der Verquickung  von  Inhalt  und  Absicht
       sprachlicher Äußerungen praktisch zu verifizieren, ließ Herr APEL
       ein "Signal" nach dem anderen los, damit die Hörerschaft mitkrie-
       gen möge, wie unglaublich bedeutsam und überzeugungskräftig seine
       demokratieidealistische "transzendental-pragmatische"  Sprachphi-
       losophie sei.  Sei es,  daß er  das Raunen  im Saal, das er durch
       seinen kontinuierlichen  Ausstoß von fremdwörter-gespickten Satz-
       kaskaden provoziert  hatte, bewußt  dahingehend mißverstand,  man
       sei über  den Inhalt  seines zuletzt geäußerten Satzes erregt, um
       alsogleich in gesteigertem Tempo weitere Zeugnisse seiner theore-
       tischen Brillanz  abzulegen. Sei  es, daß  er durch die Begeiste-
       rung, die  er trotz des hochkomplexen (und eher trockenen) Themas
       in seinen Vortrag legte und mit der er vor seinen an die Wand ge-
       worfenen Schemata  herumfuchtelte, nur  allzudeutlich zu bedeuten
       wußte, welch  begeisterungswürdiger Fundus  an Einsichten  ihm  -
       APEL - zu danken sei.
       Und schließlich  noch die  explizite übergeordnete Fragestellung,
       in die  Herr APEL  sein Thema  einbettete: 'Was genau ist es, was
       den menschlichen  Logos vor  dem Tiere  auszeichnet?' Ein  Kunst-
       griff,  der  dem  langweiligen  Wettstreit  sprachphilosophischer
       Schulen eine  überraschende Pointe  verleiht: Wer  hat den Aspekt
       der Sprache  gefunden, der  die Aspekte  der Herren Kollegen dazu
       degradiert, auch für Schimpansen gültig zu sein? Herr APEL jeden-
       falls mochte  einem Affen  zwar zugestehen,  "richtige  Sätze"  =
       "Wahrheitsfähiges" ("etwas  Analoges jedenfalls") zu produzieren;
       aber einen  demokratischen Dialog inclusive "Selbsthinterfragung"
       - das mochte er ihm doch nicht zutrauen, weil das ja des Menschen
       Allerhöchstes ist.  Da half  es in der Diskussion auch wenig, daß
       seine tiefsinnigen Professoren-Kollegen sich bemüßigt sahen, Com-
       puter und  Honigbienen zu  zitieren, die  "im Prinzip"  doch wohl
       auch so was "lernen" könnten. APEL blieb bei seiner Meinung. Aber
       für einen  Schuß 'Praxisbezug'  hatten ihre  Einwürfe ja immerhin
       gesorgt!
       

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