Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 65, 30.11.1982
Prof. Stein: "Einführung in den Gegenstandsbereich der Psycholo-
gie"
PSYCHOLOGIE - OHNE GEGENSTAND?
Prof. Stein ist der Auffassung, die "Schwierigkeit" der Psycholo-
gie beruhe darauf, daß seine Disziplin keinen Gegenstand habe.
Halt! So war es nicht gemeint, daß nun jeder den Griffel hinwirft
und sich einer Wissenschaft zuwendet, die wenigstens etwas er-
klärt, das es auch gibt. Herr Stein will für Verständnis werben:
Die Problematik eines Argumentierens, das einen Gegenstand
n i c h t hat, soll jedem Studenten schon allein deswegen als
völlig normal und vernünftig erscheinen, weil auch über Sachen,
die tatsächlich existieren, objektive Urteile nicht zu haben sein
sollen:
"Wittgenstein hat darauf hingewiesen, daß wir in Begriffshüllen
voll gefangen sind. Ein Denkschema wird mitgeliefert. Z.B., daß
Kommunisten Anhänger des Kommunismus seien. Für manche ist
'Kommunist' ein Schimpfwort, für andere dagegen ein Lob. Das ist
abhängig von Bedeutungsinhalten, die nicht im Lexikon stehen. Um
wieviel schwieriger ist es in unserem Fach, wo es einen Gegen-
stand nicht gibt." (Stein)
Da kommt ja mal wieder allerhand zusammen. Daß 'Kommunist'
"e i n Denk s c h e m a" transportiert, glaubt nicht einmal
der, der es behauptet: immerhin sollen gleich z w e i auch noch
einander ausschließende Auffassungen wie "Lob" und "Tadel" darun-
ter gefaßt sein. Zweitens wird hier einfach eine
E r k l ä r u n g, was denn "Kommunismus" sei, mit zwei
S t e l l u n g e n zu ihm, Zustimmung oder Ablehnung, verwech-
selt. Drittens aber unterstellen solche Einstellungen z u r Sa-
che ja wohl d e r e n Objektivität, g e t r e n n t vom guten
oder bösen Meinen über sie. Viertens sollen die subjektiven
"Bedeutungsinhalte", die der Sache beigelegt werden, deswegen als
einzig mögliche und notwendige Beurteilungen erscheinen, weil
Prof. Stein und das von ihm konsultierte Lexikon unter "K" wie
"Kommunismus" nur die Tautologie verzeichnen: "Kommunist = Anhän-
ger des Kommunismus". Für die eigene Beweisabsicht muß man sich
erst einmal dumm stellen: Wenn der Begriff einer Sache eben nie
mehr als ihren N a m e n preisgibt, bleibt ja gar nichts an-
deres übrig, als sich seinen jeweils eigenen Mist darunter vorzu-
stellen. Die Anwendung auf einen Professor S t e i n ersparen
wir uns. Fünftens und schlußendlich: Wer die prinzipielle Unmög-
lichkeit objektiver Urteile aus Wittgensteinschen "Begriffs-
h ü l l e n" ableiten will, in denen man "gefangen" sei, der hat
schon mit den Prämissen seines Beweises die Beweisabsicht
vergeigt. Denn wer wegen einer "Hülle" meint, nicht anders denken
zu können, der h a t schon anders gedacht: Von der durch sie
angeblich a u s g e s c h l o s s e n e n Objektivität muß man
zuallererst Kenntnis genommen haben, um i h r e n Ausschluß zu
behaupten. Das ist zwar dann ein ziemlich bescheuerter Schluß,
aber unter dem ist das Steinsche Paradox nicht zu haben, daß
gesicherte Erkenntnisse ein Unding sind - von dieser einen
natürlich abgesehen.
Auf jeden Fall 'praxisrelevant'!
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Für die Durchführung der Psychologie ist es offenbar überhaupt
nicht hinderlich, daß sie wie gesagt - "keinen Gegenstand" hat.
Gemacht wird sie trotzdem. In der letzten Stunde überraschte
Prof. Stein seine Hörer mit einem Beispiel, das die Anwendbarkeit
der Psychologie - Gegenstand hin oder her - belegen sollte.
Thema: Intelligenz. Ob es sie g i b t, was sie i s t? Kein
Problem für die Psychologie: "Intelligenz ist, was der Intelli-
genztest mißt!" Angesprochen auf den Schnitzer, daß eine
n i c h t existente oder n i c h t gewußte Sache auch nicht
gemessen werden kann, weil sie i h r e r Messung
v o r a u s g e s e t z t ist und nicht umgekehrt erst dadurch
in ihrer Eigenart bestimmt sein kann, entgegnete Stein: Er habe
mit Intelligenztests im Zweiten Weltkrieg gute Erfahrungen ge-
macht. Mit ihrer Hilfe hätte er nämlich bestimmen können, welche
Männer sich mehr für den Schützengraben bzw. den Kommandostand
eigneten. Dem Vorwurf, hier sei Zynismus am Werk nach dem Motto
'normalverteilt gestorben - gut gestorben!' hielt Prof. Stein
entgegen, seine Bemühungen seien nach seinem Selbstverständnis
nur zum Besten der Leute gewesen!
Eine bemerkenswerte, aber durchaus nicht untypische psychologi-
sche Leistung. Statt der Erklärung der Intelligenz liefert die
Psychologie unter diesem Namen die Frechheit ab, die praktisch
entschiedene und vorgefundene Benutzung der Leute in den hierar-
chischen Funktionen von Arbeits- und Staatsdienst als die ihnen
jeweils angemessene Form von S e l b s t verwirklichung auszu-
drücken: vom Schuhputzer bis zum Professor, vom Schützen Arsch
bis zum General - alles gilt als Ausdruck unterschiedlich großer
Portionen von Intelligenz.
Bemerkenswert desweiteren ist das Selbstbewußtsein dieses Feh-
lers: Der psychologische Dünkel von der "Hilfe", die Psychologen
wildfremden Leuten immerzu angedeihen lassen wollen, verträgt
sich auch noch mit deren Verteilung auf die Schützengräben. Des-
wegen nämlich, weil das 'Wofür?' der Benutzung von vornherein au-
ßer Frage steht, wenn der Dienst am Menschen darin besteht, mit-
tels Tests die E n t s p r e c h u n g individueller Fähigkei-
ten und Anforderungen angeblich ermitteln zu wollen. Jeder an
s e i n e m Platz - die Frage, was der P l a t z von einem
Menschen verlangt, ist dafür nur hinderlich.
Wie sehr die Psychologie auch spinnen mag - ob sie die Objektivi-
tät von Urteilen bezweifelt oder gar die Existenz ihres Gegen-
standes in Frage stellt, also selbst nicht mehr wissen will, wor-
über sie ihre Fehler in die Welt setzt - w o f ü r sie die
macht, steht für sie ganz ausser Frage. Dummheit ist hier die
Schwester der Gemeinheit.
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