Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
zurück
Bremer Hochschulzeitung Nr. 54, 11.05.1982
Prof. Stemme:
WAHRNEHMUNGSPSYCHOLOGIE
Was eine Psychologie der Wahrnehmung wert ist, demonstrierte
Prof. Fritz Stemme seinen Hörern mit folgender Frage:
<-------> >-------<
"Welcher Strich ist länger?" Na? Der rechte? Eben. Jeder
w e i ß, daß es sich bei seinem Tafelbild um eine optische Täu-
schung handelt, und wen seine Sinne in dieser Frage hinters Licht
führen, kann den Irrtum durch ein Zentimetermaß schleunigst kor-
rigieren. Ein Psychologe natürlich nicht. Für ihn beweist die
M ö g l i c h k e i t des Irrtums die U n m ö g l i c h k e i t
von Erkenntnis - als ob die nicht vorausgesetzt wäre, wenn ein
Irrtum von richtigen Einsichten unterschieden wird:
"Wenn wir nicht einmal diese beiden Striche richtig beurteilen
können, wie soll es dann eine psychologisch objektive Beurteilung
von lebenden Menschen geben?"
Ja wie bloß? Betrachten wir sein Beispiel:
"Als der Kanzler Herrn Becker zum Regierungssprecher berief,
schätzte er ihn als absolut loyal ein. Es zeigte sich, daß ihn
seine Wahrnehmung getäuscht hatte. Jetzt mußte er den Regierungs-
sprecher entlassen."
Wie denn, was denn? War es nicht eher so, daß Herr Becker den
Kanzler zum Regierungssprecher berief, weil ihn seine Wahrnehmung
getäuscht hatte und er ihn auch noch entlassen mußte, weil er
absolut loyal war?
Natürlich nicht. Denn auf seine eigene "Wahrnehmung" will Herr
Stemme seinen Lehrsatz von ihrer prinzipiellen Unsicherheit nicht
anwenden, die kein sicheres Urteil zulassen soll. Ganz nebenbei
liefert er mit seinem Ausflug in die große Politik noch einen
Hinweis darauf, wozu der Fehler der Wahrnehmungspsychologie alles
benutzt werden kann: ohne ein Wort über den Inhalt von Schmidts
Politik zu verlieren, kann man ihre Maßnahmen von heute als Rich-
tigstellung eines Irrtums von gestern präsentieren. Und wer
wollte schon d a g e g e n etwas haben. Der gute Mann weiß gar
nicht, wie sehr er sich täuscht, aber er weiß wofür.
zurück