Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Prof. Hans THOMAE: Motivationspsychologie
DER MENSCH, EINE DIFFERENZIERTE RATTE
Mit den Begriffen "Motivation" bzw. "Antrieb" eröffnet sich der
Blick auf "die wirklichen Beweggründe menschlichen Handelns". So
die Behauptung derjenigen Disziplin, der unser Sprachschatz diese
Worte verdankt. Die Beantwortung der Frage, "was uns dazu bringt,
treibt, bewegt, uns so und nicht anders zu verhalten", mutet al-
lerdings wie ein schlechter Witz an. Sie lautet nämlich:
M o t i v e sind es, jene "wirklichen Beweggründe"; auf deutsch:
'Warum tue ich das?' - 'Du wirst schon deine Gründe dafür gehabt
haben', spricht der Motivationspsychologe. Was im Alltagsleben,
weil schulterzuckende Gleichgültigkeit oder freche Verarschung,
keiner so ohne weiteres durchgehen lassen würde, gilt in der Wis-
senschaft als respektables Gedankengut. Daß die Motivationspsy-
chologie aus der Ausschlachtung dieses ihres falschen Prinzips
besteht, soll im folgenden an den Einlassungen ihres Nestors Hans
THOMAE gezeigt werden.
Mich triebt der Trieb...
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Schon 1944 leitete THOMAE seine akademische Karriere mit der Ent-
deckung einer "nicht weiter erklärbaren Tatsache" ein (und sowas
am A n f a n g eines jungen Forscherlebens!), die er nichtsde-
stotrotz als erkenntnismäßig sinnvolle, "material verwendbare"
Grundkategorie einer wissenschaftlichen Bendung ausgibt:
"Antrieb als kurzer Ausdruck für die nicht weiter erklärbare Tat-
sache, daß alle unsere psychischen Funktionen und motorischen Ent
(?) äußerungen durch irgendeine Kraft hervorgebracht (ange-
trieben) sein müssen, daß sie eines Impulses von innen heraus
bedürfen." (Aus: "Das Wesen der menschlichen Antriebsstruktur",
Leipzig 1944; wiederveröffentlicht in: "Die Motivation des
menschlichen Handelns", Köln 1965, also in den nächsten Staat
rübergerettet. Warum auch nicht?)
Was ist damit nun ausgesagt? 1. An einer oder auch einer Fülle
von tatsächlich stattfindenden oder möglichen Handlungen will
THOMAE als deren G r u n d eines konstatieren: Sie haben auch
w i r k l i c h einen. Dieses "wirklich" ist freilich sehr un-
wirklich. Es ist nämlich nicht zu verwechseln mit dem Aufspüren
eines bestimmten, realen Grundes für eine bestimmte Handlungs-
weise; davon hat man ja gerade ausdrücklich abgesehen, wenn man
sich damit begnügt, allen Handlungen die "Tatsache" eines bzw.
des "Beweggrundes" zu attestieren. 2. Dieses Begnügen ist aller-
dings kein Ausdruck von Bescheidenheit oder der Offenbarungseid
des Geistes, sondern der maßlose Vorsatz des Motivforschers, den
Handlungen selber sämtliche Gründe zu bestreiten, b i s a u f
den einen einzigen, der nun wirklich an ihnen nicht feststellbar
ist, daß nämlich eine "Kraft" h i n t e r ihnen stecke, die die
l e t z t e, "nicht weiter" (weiter ist gut!) "erklärbare" Ursa-
che für alles und jedes sei. Mit anderen Worten: Echt das -
H i n t e r l e t z t e!
...und treibt mich dann der Trieb...
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3. Die entsprechende Vorstellung, über die sich die
E x i s t e n z dieser mystischen "Kraft" ("irgendeine"!) bewei-
sen soll, ist notwendig abwegig: "Antrieb als eine Grundfunktion,
ohne welche die verschiedenen seelischen Funktionen oder Eigen-
schaften nicht mehr wirksam werden können."
Schon immanent eine unmögliche Geschichte: Man denke - sich ir-
gendwelche Regungen der Seele, aber als tote Hose - wie kommen
die eigentlich auf die Welt, so ganz ohne Antrieb - und sage
dann: da fehlt doch was! Flugs ist der Motivationstheoretiker zur
Stelle, haucht der Sache, deren Bestimmungen e r vorher abgetö-
tet hat, seinen Odem ein (sprich: "Kraft", "Impuls") - und siehe
da: rumpel, rumpel, e s l ä u f t! Was denn? Der "seelische
Apparat" halt.
4. Dieses Verfahren verdient es, Rückschluß mit Kopfstand genannt
zu werden. Als Motor einer Angelegenheit wird eine gänzlich un-
spezifische, dennoch unendlich wirksame "Kraft" richtiggehend
b e s c h w o r e n - man beachte die verräterischen Hilfsverben
"müssen" und "bedürfen"; weil s o n s t wäre ja ein Nichts eine
"Kraft", die so weit hinter der Handlung zurückliegt, daß sie im-
merdar als allwaltend gilt, auch und gerade wenn kein Normal-
sterblicher etwas davon merkt.
Nach solchem Muster hat man früher Gottesbeweise verfertigt.
5. Fiktion und Diktion fallen hier also ziemlich zusammen. Die
pseudophysikalischen Sprüche von wegen "Kraft, Impuls, Energie"
etc. pseudo, weil die Physiker ihre "Kräfte" kennen - verdanken
sich der Fiktion getrennt von seinen eigenen Zwecken und den Be-
dingungen ihrer Realisierung, ja sogar anstelle derselben,
verfüge der Mensch ("gleichermaßen wirksam in allen Schichten der
Persönlichkeit") über eine Art inneres Lebenselexier, aus dem er
sich mal so, mal anders speist, genauer: gespeist wird:
"Der Antrieb ist eine Energiequelle... die Antriebsgröße bestimmt
die Intensität des seelischen Geschehens."
6. Mit solch einer Theorie ist auch gleich die Welt miterklärt,
die der Motivationstheoretiker ja zunächst mal als "äußere Um-
stände" naserümpfend - er steht schließlich auf Innereien - abge-
tan hatte; jetzt darf sie wieder ihren Dienst im Gebäude psycho-
logischer Konstruktion verrichten, als "Situation". Alles, was es
so gibt, kann nun aufmarschieren als Ansammlung von mehr oder we-
niger förderlichen Bedingungen für die Äußerung dessen, wonach
der Psychologe die Welt zurechtgemacht hat: Motive, wohin das
Auge schaut. In dem Fall, wo der Psychologe einmal zu dem Urteil
kommt, es läge absolut null "Motivation" vor, gilt dies keines-
wegs als Widerlegung, sondern als Bestätigung des eigenen Prin-
zips; dann weiß er nämlich zu berichten, daß es diverse unglück-
liche Umstände gegeben haben muß, die ein Zustandekommen der
"Motivation", die ja generell immer nach ihrer Äußerung schreit,
vorbaut haben. Der Kopfstand lautet hier: Alle Lebensumstände als
"Faktoren der Motivation" zu betrachten, ergibt für diese einen
ganz aparten Zweck: Sie sind eigentlich nur dazu da, ein Feld für
die Betätigung von "Motivation" abzugeben für die stets auf der
Jagd nach Motiven befindlichen seelischen Apparillos.
...dann bin ich motiviertes Mensch!
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7. Was heißt das nun für die handelnden S u b j e k t e?
Erstmal: in den Augen des Psychologen sind sie ja schon gar keine
mehr; zumindest nicht in dem Sinne, daß es sich dabei um ver-
nunftbegabte Wesen handeln könnte mit willentlich gesetzten Zwec-
ken, die sie in der "äußeren" Welt durchzusetzen trachten,
d a b e i einiges falsches Bewußtsein über sich und diese Welt
mit sich herumschleppen mögen, vielleicht über dem Geschäft der
Verfolgung ihrer Interessen und Bedürfnisse auch noch verrückt
werden... das soll es ja alles geben. In der Gedankenwelt der
Psychologie aber existiert dies alles gar nicht!
Dort, folgt man THOMAEs Variante, laufen die Leute rum als wil-
lenlose Exekutoren des psychologischen Modells, das längst zur
Gesetzmäßigkeit "des Lebens" erklärt ist: Zieht man den Stecker
raus, sind die Energiequelle und das Versorgungsobjekt am Arsch.
Daran wird klar, warum in der Vorlesung THOMAE sich darüber be-
geistern konnte, "Motivationstheorie als Überlebenstheorie" zu
bezeichnen; ohne meinen Psychostrom sind die Leute aufgeschmis-
sen, eine faszinierende Vorstellung! Der ganze Zauber wird auch
gerne "Verhaltensdeterminanten" genannt, und das sagt eigentlich
schon genug: Solchen Dingern kommt man eben nicht aus, man kommt
ihnen nach. Wie die Ratten im Käfig und der Psychologe glotzt von
außen rein und murmelt: 'Daschauher, Motiv, Motiv...'
5. Noch ein Letztes fällt auf: über den I n h a l t der Hand-
lungen ist damit nicht nur eine negative Auskunft beschieden wor-
den - denn erfahren hat man ja wirklich nichts, wenn stets ein
mehr oder weniger an "Motivation" als charakteristische Ursache
von Fußballspielen, Lernen oder sonstwas ausgegeben wird -,
p o s i t i v ist damit folgendes behauptet: Immer wenn jemand
etwas tut, dann tut er nicht etwas, sondern es. Dieser Satz
stellt nun weder eine verschämte Umschreibung noch einen gramma-
tikalischen Lapsus dar, er ist vielmehr psychologisches Dogma: Im
Handeln betätigt der Mensch nichts als seine F ä h i g k e i t,
"es" auch zu wollen. Und dieser "Wille" hat es im wahrsten Sinne
des Wortes in sich: er bezieht sich nur auf sich, liegt nur in
sich selbst. Er ist damit absolut s e l b s t g e n ü g s a m.
Er fordert nichts, außer mit sich selbst im Reinen zu sein. Wenn
das keine Botschaft für glückliche Kühe ist!
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"Trunksucht", ein Fall für Motivjäger
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Welchen Unsinn Motivationspgychologen hervorbringen, wenn sie die
gehallte Kraft der Motive a n lebenden Objekten wiederzu-
entdecken anstehen, führt klassisch folgende Untersuchung samt
THOMAEs Kommentierung vor. Notorischen Trinkern wird eine "39-
Item-Liste" vorgelegt, auf der "mögliche Anlässe für Alkohol-
konsum" angegeben sind. In ebenso herzlicher wie gleichgültiger
Vereinigung erhalten dort die disparatesten Dinge wie "finanziel-
le Belastung, Haltlosigkeit (Sue Ellen?), Nervosität" etc. unter
dem Obertitel "Motiv" prinzipielle Gleichheit zugesprochen, um
anschließend aus den Antworten der Säufer, was auf sie am ehesten
zutreffe, eine "Rangliste von Motiven" zu basteln, mit der man
dann wieder auf die Probanden losgeht; so haben es die
Psychologen geschafft, fröhliche Alkoholiker, die "Geselligkeit"
deutlich auf Platz 1 der Hitparade der "Motive" gesetzt hatten,
innerhalb kurzer Zeit von ihrer Ungeselligkeit zu überzeugen
(nachher: Platz 10!), während "Schlaflosigkeit" in derselben Zeit
von 7 auf 3 hochgelabert wurde (kein Wunder!).
Theoretisch aber kommt es auf etwas anderes an: Der exakte Rang-
platz inklusive das Auf und Ab in der Liste interessiert nicht,
vielmehr gilt der Stolz der Menge aufgelisteter Motive. Ja, in
freimütiger Offenheit gesteht THOMAE ein, daß selbst die bru-
talste Häufung aller 39 "Motive" in einer Person noch überhaupt
nicht dazu führen muß, daß jemand zu tief ins Glas schaut. Als ob
nicht gerade die Psychologie mit ihren aufgemachten Untersuchun-
gen ständig den Schein genährt hätte, ihre Motivaufspießerei
könne Gründe dafür angeben, warum jemand säuft, und dabei den
Willen des Betreffenden, aus den "Motiven" die entsprechenden
Konsequenzen zu ziehen, stets rausgeschmissen hat, problemati-
siert sie hinterher den Erklärungswert solcher Dinger. THOMAEs
Satz: "Die angeführten Motive führen nicht in jedem Fall "zur
Trunksucht" ist in jedem Fall aber keine Kritik der eigenen Ab-
sicht, unabhängig von dem Trinker Bedingungen für dessen Handeln
festzumachen, (hier erweist sich, wie der Anfangsspruch "so
u n d n i c h t a n d e r s zu handeln", gemeint war) sondern
einzig und allein fruchtbare Selbstverpflichtung auf
w e i t e r e Motivhuberei: "Da sind noch viele Untersuchungen
nötig bis zur restlosen Klärung dieses Problems."
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