Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
zurück
Aus dem Lexikon der modernen Wissenschaft:
VERHALTEN
Wenn Pädagogen das Lernen der Schüler im Unterricht, Soziologen
die Leistung der Arbeiter im Betrieb, Politologen den Gang der
Wähler zur Urne oder Psychologen den Umgang mit Kindern in der
Familie besprechen, machen sie nicht selten alsbald eine Entdec-
kung: bei dem, was sie da untersuchen, handelt es sich um eine
"bestimmte Form menschlichen Verhaltens". Über die Beschaffenheit
der jeweiligen Gegenstände ist damit zwar rein gar nichts gesagt,
wohl aber einiges über deren weitere Verhandlung im Reich der
Wissenschaft. Mit dem Wörtchen "bestimmt" verabschiedet sich der
Geisteswissenschaftler ein für allemal von den Bestimmungen der
Sache, die er erklären will: weniger kann man über Lernen, Arbei-
ten, Wählen und Erziehen wirklich nicht mitteilen, als daß es
"bestimmte" Dinge sind, und mehr will er nicht mitteilen. Denn
seine Entdeckung, daß es sich dabei um "eine Form menschlichen
Verhaltens" handelt, kündigt an, womit er sich im folgenden be-
fassen will: sein Interesse gilt der Kategorie "Verhalten", unter
die er seinen Gegenstand subsumiert hat. Die Bestimmungslosigkeit
dieser Kategorie erscheint ihm dabei keineswegs als Mangel, son-
dern im Gegenteil als Vorzug ihrer universellen Anwendbarkeit: es
gibt praktisch nichts, was sich nicht von ihm als "Form" des
"Verhaltens" betrachten ließe. Und wenn die Theorie des Verhal-
tens all die menschlichen Tätigkeiten, für die sie herangezogen
wird, zu unterschiedslosen erklärt, so wähnt sie sich dem einen
Grund auf der Spur, der ihr zufolge immer gelten soll:
"Totalitarismus oder Demokratie, der Staat oder das Individuum,
eine geplante Gesellschaft oder übermäßige Toleranz, der Einfluß
von Kulturen auf fremde Völker, der wirtschaftliche Determinis-
mus, die individuelle Initiative, die Propaganda, die Erziehung,
der Krieg der Ideologien - immer geht es um fundamentale Natur
des menschlichen Verhaltens."
lautet die selbstgewisse Botschaft des US-Verhaltenswissenschaft-
lers SKINNER, und sie ist als Auskunft über die Welt von Totali-
tarismus bis individuelle Initiative nichts anderes als ein pa-
radoxes wissenschaftliches Programm: getrennt von der Zurkennt-
nisnahme auch nur einer Eigenschaft eines zur Debatte stehenden
Sachverhalts konstruiert sich diese Sorte Wissenschaft eine Er-
klärung für alles. "Die fundamentale Natur menschlichen Verhal-
tens" ist der einzige G e g e n s t a n d ihrer wissenschaftli-
chen Bemühungen, und das ist ein Gegenstand, den es als schöpfe-
rische Leistung seines wissenschaftlichen Erfinders gibt und
sonst gar nicht. Gleichwohl soll diese Befassung mit dem inhalts-
losen Begriff Einsichten über tatsächliche Vorkommnisse in dieser
Welt liefern, und zwar ganz "fundamentale". Die Einsicht, auf die
es der Verhaltenstheoretiker abgesehen hat, ist die folgende:
"Die externen Variablen, von denen das Verhalten eine Funktion
ist, ermöglichen, was man eine kausale oder funktionale Analyse
nennt. Wir möchten das Verhalten des einzelnen Organismus vorher-
sagen und kontrollieren. Das ist unsere "abhängige" Variable -
die Wirkung, für die wir die Ursache finden müssen. Unsere
"unabhängigen Variablen" - die Ursachen des Verhaltens - sind die
äußeren Bedingungen, von denen das Verhalten eine Funktion ist.
Relationen zwischen beiden... die Gesetze einer Wissenschaft."
(SKINNER)
Dieses "Gesetz" des Verhaltens: es ist eine Funktion von
"externen Variablen", das sich in den einschlägigen Lehrbüchern
mit abwechselnder Terminologie ("Stimulus - Response", "Reiz -
Reaktion", "Belohnung", "Verstärkung", "Konditionierung"
u.v.a.m.) in unüberbietbarer Monotonie breitmacht, ist schon
recht merkwürdig: d i e Bestimmung, die dem menschlichen Ver-
halten da zugesprochen wird, ist nämlich die, ohne eigene Bestim-
mung zu sein. Was das Verhalten ist, kommt nach Auskunft seiner
Theoretiker nicht ihm zu, sondern ganz ausschließlich "externen
Variablen" - und das ist der präzise Ausdruck für den Rest der
Welt. Es selber ist von Natur aus unselbständig, "abhängig", hat
also die paradoxe charakteristische Eigenschaft, keine eigene Ei-
genschaft zu haben: seine B e s t i m m u n g ist nicht seine
Bestimmung. Auf welche Einsicht hat es also der Verhaltenstheore-
tiker mit solchen Widersprüchlichkeiten abgesehen?
Erstens hat er jede Frage nach dem "Warum" einer Handlung im vor-
hinein und endgültig beantwortet, indem er sie für überflüssig
erklärt: jedes Verhalten i s t ja ihm zufolge nichts anderes
als Produkt seiner Bedingungen, "verursacht zu sein" das einzige
Merkmal, das es hat; genauso wie umgekehrt die "Ursachen" ein und
nur ein untrügliches Kennzeichen haben - ihre "Wirkungen". Diesen
so geläufigen Wissenschaftstrick, die Erklärung einer Sache per
Verweis auf andere zu erledigen, haben die Verhaltenstheoretiker
auf ihre Weise perfektioniert: bei ihnen besteht die Welt nur
noch aus "unabhängigen Variablen" (die sich durch die anderen
auszeichnen, die von ihnen "abhängen") und "abhängigen Variablen"
(die wiederum von den anderen bestimmt sind, deren "Abhängige"
sie sind). Natürlich werden so haufenweise Tautologien als wis-
senschaftliche Erklärungen produziert, in denen die eine Seite
eines Verhältnisses immer durch die jeweils andere charakteri-
siert wird, aber stören tut es das muntere Wissenschaftstreiben
nicht, im Gegenteil: es geht dem Verhaltenstheoretiker nicht
darum, irgend ein Verhältnis zwischen einer Ursache und einer
Wirkung zu erklären, sondern umgekehrt ist es sein Anliegen, al-
les zum Verhältnis zu erklären. Daß noch jede Handlung bedingt
sei - auf die Mitteilung dieser Weisheit haben sie es abgesehen
in allen ihren Formulierungskunststücken, die immer neue Vokabeln
("abhängig", "verursacht", "Funktion", "Relation") für den immer
gleichen einen Gedanken hervorbringen.
Zweitens verrät dieser Gedanke ein nicht minder eindeutiges An-
liegen, das den Verhaltenstheoretiker umtreibt. Auf das paradoxe
Weltbild, daß jede Aktion eigentlich eine Reaktion sei, kommt man
nicht von ungefähr. Es lebt zwar von keiner Einsicht in irgendet-
was, umsomehr aber von einem großen Wunschtraum: wer wann wie
handelt, das sei nur eine Frage des Arrangements der entsprechen-
den Bedingungen, der Mensch also ganz prinzipiell "vorhersagbar"
und "kontrollierbar". Deswegen kennt die Verhaltenstheorie nur
ein einziges Thema: jenes Subjekt, das sich verhält, und das nur
zu einem einzigen Zweck: zu leugnen, daß es das Subjekt ist. Wenn
einer etwas unternimmt - so geht der einschlägige Beweis -, so
vollzieht er seine Handlung stets unter einer Reihe von
"Umständen". Wenn man jetzt den Charakter dieser Umstände voll-
ständig ignoriert, also auch nichts davon wissen will, daß und
wie der Handelnde mit diesen Bedingungen nach seinen Absichten
und Einsichten umgeht, dann - aber eben auch nur dann - erscheint
das Verhalten als von den Umständen "determiniert", dann stellen
sich die Bedingungen auch gleich als die Notwendigkeit dar, der
nachzukommen der einzige Inhalt und Zweck des handelnden Subjekts
ist. Diese Vorstellung des zur U n t e r w e r f u n g
g e b o r e n e n Menschen präsentiert die Verhaltenstheorie nun
keineswegs mit irgendeiner zivilisationskritischen Attitüde son-
dern als "Naturgesetz": so sei der Mensch mit seinem Verhalten
prinzipiell beschaffen, daß Anpassung und Funktionieren seinen
vornehmsten Beruf, manipuliert zu werden, seine ureigenste Natur
ausmache. Sich selber wähnt der Mann von der Verhaltenswissen-
schaft mit seinen Auskünften als der theoretische Zuchtmeister,
dessen Wissen von den Relationen und Konditionen das Rüstzeug ab-
gebe, mit dessen Hilfe dafür gesorgt werden könne, daß der Mensch
auch stets so angepaßt w i r d, wie er ist.
Dieses Ideal vom großen Zampano, das die Theorie des Verhaltens
so sehr demonstrativ von sich pflegt, ist eben der immer Wunsch
bleibende Wunsch eines Wissenschaftlers, der angesichts der tag-
täglich praktizierten Ökonomischen und politischen Indienstnahme
der Leute stets seinen einen aus Prinzip beifälligen Spruch auf
Lager hat: alles, was geschieht, geschieht den Leuten recht, denn
dazu sind sie ja schließlich da.
zurück