Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Eine psychologische Denkschrift in "gesellschaftlicher Verant-
wortung":
DURCH ARBEIT ZUR RETTUNG DER VOLKSGESUNDHEIT
Wenn ein Arbeitsloser zu einem Psychotherapeuten kommt, dann ge-
hört er als ein "Fall" zu dessen ganz alltäglicher Kundschaft,
und der Psychologe weiß, was er zu tun hat. Er bescheinigt seinem
"Patienten", daß der Verlust seiner Einkommensquelle in erster
Linie für seine Fähigkeit, diese Härte w e g z u s t e c k e n
- bekannt als das "seelische Gleichgewicht" - eine harte Bewäh-
rungsprobe darstelle. Geheilt ist der "Patient" dann, wenn er
seinen Kummer darüber, hinausgeworfen zu sein, in Selbstzufrie-
denheit ummünzt: in Zufriedenheit damit, daß er doch durchaus
über die Fähigkeit verfüge, mit seiner Arbeitslosigkeit zurecht-
zukommen. Andernfalls ist e r eben ein "schwieriger Fall"; der
Psychologe dagegen hat das Seinige getan und braucht daher auch
nicht unzufrieden zu sein.
Wenn "mehr als 40.000" Psychologen der Zeitung entnehmen, daß es
außer den Arbeitslosen, die sich zufällig in ihre Praxen verir-
ren, noch 2,5 Millionen anderer Arbeitsloser gibt, dann ergänzen
sie ihre alltägliche Behandlungspraxis durch eine "Denkschrift",
in der sie die Arbeitslosigkeit - ganz entgegen ihren therapeuti-
schen Ratschlägen an die Adresse der von ihr Betroffenen - für
schlechterdings untragbar halten (FR v. 13.4.: "Die Massenar-
beitslosigkeit überfordert auch die Psychologen"). Da "berichten
(sie) von einer dramatischen Entwicklung in den Beratungsstellen"
und illustrieren diese durch eine Auflistung aller bekannten Sor-
ten ihrer Behandlungsfälle: "Depressionen", "psychosomatische Er-
krankungen", "Drogenabhängigkeit", "Selbsttötungen", "Kriminali-
tätsgefährdung" usw. Da "sehen (sie) sich dieser Entwicklung
nahezu hilflos ausgeliefert, weil sie die Wurzel dieser
Erkrankungen, die Arbeitslosigkeit nämlich, nicht bekämpfen kön-
nen".
Ein schlechter Witz, könnte man meinen. Hätte einer der Psycholo-
gen jemals diesen Beruf ergriffen, wenn es ihm darum ginge, die
Verhältnisse, in denen seine Kundschaft lebt, zu "bekämpfen"?
Nein, was sie auf die Idee bringt, Grundlage und Inhalt jener Tä-
tigkeit, von deren Ausübung sie leben, auf einmal als ein einzi-
ges Ä r g e r n i s zu zitieren, ist der schlichte Umstand,
daß seit geraumer Zeit die "Massenarbeitslosigkeit" zum öffentli-
chen Problem erklärt worden ist. Da wäre es doch gelacht, wenn
die Profession diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen ließe:
schließlich läßt sich an so viel menschlichem Leid" doch glänzend
die Bedeutung des eigenen Berufsstands herausstreichen. Und zwar
gleich so, daß die Seelenärzte s i c h als die Hauptleittragen-
den dieses Zustands vorstellig machen. Das passende Bild, das al-
ler Welt die Seelenqualen der 40.000 hilflosen Helfer drastisch
vor Augen führt, lautet folgendermaßen:
"Die mehr als 40.000 Arzte, Psychologen, Psychiater und Sozialar-
beiter (...) fühlen sich bei der Betreuung und Behandlung der Ar-
beitslosen zunehmend in der Rolle einer Hausfrau, die mit einem
kleinen Feudel die Küche aufwischt, während aus dem Wasserhahn
weiter ein dicker Strahl auf den Fußboden klatscht." (Ali Wacker,
Hannover)
Der Psychologe weiß, wovon er spricht. Schließlich spricht er von
seinem Beruf, wenn er sich in der Rolle eines Ausputzers sieht
und seine "Patienten" als ein Element, von dem der Laden sau-
berzuhalten ist. Und von diesem Standpunkt aus wird er so radi-
kal, sich öffentlich zu beschweren, daß es ihm schadhafte Geister
in einem Umfang in die Praxen schwemme, für den er keine Garantie
mehr übernehmen könne. Garantie wofür und wem gegenüber? Ein Psy-
chologenstand, der seine seelsorgerische Hilfe für das geschätzte
"Einzelindividuum" als eine Art sozialer Schadstoffbeseitigung
versteht, kann sich den schönen Schein auch schenken, das Wohler-
gehen seiner "Patienten" liege ihm am Herzen, wenn er gegen eine
"materielle und psychische Verelendung großer Bevölkerungsgrup-
pen" protestiert. Er betrachtet diese vielmehr als eine "Gefahr",
und zwar für den Organzustand eines h ö h e r e n Subjekts:
"Die Massen(!)arbeitslogigkeit in der Bundesrepublik entwickelt
sich zu einer 'Volkskrankheit', deren Gefahr für Staat und Ge-
sellschaft von den Politikern 'ganz enorm vernachlässigt wird'."
Eine "Diagnose", für die die Vordenker der psychogischen Berufs-
stände keine Spur des Fachwissens, auf das sie sich gerne beru-
fen, zu bemühen brauchen kommt sie doch allein mit dem ganz or-
dinären Sinn für die rechte s t a a t l i c h e O r d n u n g
aus. Ebensowenig wie die "Volksgesundheit" von Psychologen oder
Ärzten entdeckt wurde, hat die "Volkskrankheit" etwas mit einem
Krankheitsbild geläufiger Art zu tun: um eine solche zu konsta-
tieren, braucht es nicht mehr und nicht weniger, als die Indivi-
duen, die auf deutschem Boden herumlaufen, selbst als
O r g a n e eines V o l k s k ö r p e r s vorstellig zu ma-
chen, von deren Schädigung folglich im wesentlichen
l e t z t e r e r der Betroffene ist. Des weiteren dokumentiert
die "Denkschrift" den gesunden Sinn der Psychologen dafür, daß
ein solcher "Volkskörper" für nichts anderes als den Staat da
ist, weshalb d i e s e r im Fall einer "Volkskrankheit" eine
"Gefahr" für s e i n e n e i g e n e n Gesundheitszustand zu
gewärtigen habe. Zum dritten ist es vor dem Hintergrund dieser
"Diagnose" nur allzu konsequent, daß die Heilberufler für die Ab-
wehr eines s o l c h e n Unheils Therapeuten ganz anderer Natur
für zuständig erklären: Da es sich schließlich bei ihren
"Patienten" um einen Erreger handelt, der "das demokratische Sy-
stem gefährdet", überweisen sie sie an die Politiker mit der kol-
legialen Aufforderung, ihre politische Verantwortung für die
Volkshygiene nachhaltig wahrzunehmen. Dabei soll man nicht, mei-
nen, an den Einzelnen wäre nicht gedacht. Wem der Volkskörper so
wertvoll ist wie den Psychologen, der weiß auch dessen einzelne
G l i e d e r zu würdigen: als n ü t z l i c h e Glieder eben,
welche gegen den Vorwurf der "Drückebergerei" in Schutz zu neh-
men, sich die Psychologen besonders angelegen sein lassen.
Schließlich sind sie so subjektfreundlich, im überflüssigwerden
als M i t t e l d e s G e s c h ä f t s den größten Verlust
zu sehen, der ein Individuum nur treffen kann: des
"Selbstwertgefühls" verlustig, weiß eine solche dienstbare Seele
gleich gar nicht mehr, wozu sie eigentlich da ist!
"Die einzige auf Dauer erfolgreiche Medizin gegen diese Krankheit
sei sinnvolle Arbeit."
So gelangen die professionellen Anwälte des Individuums zu dem
Befund, daß dessen "seelisches Gleichgewicht" ganz und gar damit
zusammenfällt, für "Staat und Gesellschaft" in Dienst genommen zu
werden. Ihre ansonsten des öfteren vorgebrachten Bedenklichkei-
ten, die "Arbeitswelt" habe einer verletzlichen Subjektivität
g e r e c h t z u w e r d e n, münden hier in die umstandslose
Gleichsetzung: Arbeit i s t menschengerecht - Nichtarbeit be-
deutet menschlichen Verfall. dabei braucht es sie nicht einmal zu
bekümmern, mit der Weisheit der P s y c h o l o g i e am Ende
zu sein, wenn sie A r b e i t s b e s c h a f f u n g als die
einzig wirksame Psychotherapie proklamieren. "S i n n v o l l e
Arbeit" zu fordern i s t ja der psychologische Beitrag, den sie
zur Volksgesundheit leisten: die Auskunft nämlich, daß die Heran-
ziehung des Volks zur Arbeit n i c h t n u r für dessen Anwen-
der materiell nützlich ist, s o n d e r n a u c h für die Be-
nutzten selbst einen seelischen Gewinn darstellt, w e i l eben
A r b e i t. Für diese eine konkrete Verwendung zu finden, kön-
nen die Psychologen da getrost den ersteren Teilen von Staat und
Gesellschaft überlassen. Es müssen ja nicht Autobahnen sein, wenn
es davon schon genügend gibt.
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