Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Sondernummer, Januar 1985
Der Psychologe warnt die Friedensbewegung vor Widerstand:
DR. VINNAI - ODER: WIE MAN LERNT, DIE BOMBE ZU LIEBEN!
Vinnai verspricht in der Einleitung seiner Studie der
"sozialpsychologische Probleme der atomaren Bedrohung" eine Auf-
klärung, die für den friedensbewegten Protest von großem Nutzen
sein soll:
"Es spricht vieles dafür, daß politische Bewegungen umso vernünf-
tiger handeln können, je mehr sie auch die sozialen Unterströmun-
gen, die in sie eingehen, reflektierend zur Kenntnis nehmen."
(129)
Die "sozialen Unterströmungen", die sein Aufsatz zutage fördert,
bringen allerdings eine interessante Wendung: Sowohl die Herr-
schenden, wie auch das Volk einschließlich der Protestbewegung
gegen die Nachrüstung brauchen die Atombombe für ihr seelisches
Gleichgewicht! Ein Kriegsmittel soll für Macher und Kanonenfutter
einen gleichermaßen verständlichen Grund haben, wenn man sie psy-
chologisch betrachtet? Da sind Zweifel angebracht.
Menschlich - Allzumenschliches oder:
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"Warum die Herrschenden die Bombe brauchen"
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Es ist Vinnai durchaus nicht entgangen, daß die Atombombe für den
Westen ein militärisches Mittel zur Durchsetzung von kapitalisti-
schen Geschäftsinteressen und imperialistischer Gewalt ist.
"(Marxistisch geschulte Kritiker) sehen etwa in der Bombe, über
die die Herrschenden in den USA verfügen, ein Machtinstrument des
amerikanischen Imperialismus, das es den politischen Agenten des
amerikanischen Kapitals erlaubt, dessen Interessen gegenüber 'der
Dritten Welt' oder den 'sozialistischen Ländern' unter Gewal-
tandrohung durchzusetzen... Sicherlich wird die Bombe kalkuliert
zur machtpolitischen Durchsetzung von imperialen Interessen ein-
gesetzt..." (133)
Offenbar muß sich Vinnai daran erinnert haben, daß die USA die
gezielte Plazierung zweier Atombomben in Japan durchaus für ein
geeignetes Kriegsmittel gehalten haben. Und an den abgestuften
Wirkungen der A-Waffen für jeden gewünschten politischen Zweck
arbeiten die Führungsstäbe unentwegt. Offenbar hat er auch mitge-
kriegt, daß die Atombombe in der Folgezeit nicht eingestampft,
sondern für alle möglichen Optionen weiterentwickelt wurde jüngst
bekanntgeworden ist die handliche Rucksackbombe. Das hindert ihn
allerdings nicht im mindesten, zur "Ergänzung" dieses polit-öko-
nomischen Ansatzes" im selben Atemzug das glatte Gegenteil zu be-
haupten. Er fährt nämlich fort:
"...Sicherlich wird die Bombe kalkuliert zur machtpolitischen
Durchsetzung von imperialen Interessen eingesetzt, aber es wäre
fahrlässig zu glauben, daß die Vernunft der Herrschenden der Exi-
stenz der Bombe deshalb wirklich gewachsen sind. Dieses Gerät
trägt Potenzen in sich, die die begrenzte instrumentelle Vernunft
der Herrschenden nicht zu fassen vermag." (133)
"Günther Anders hat herausgearbeitet, daß die Atombombe den Be-
griff des Mittels tendenziell aufhebt. Für sie gilt: daß ihr Ef-
fekt... aller Voraussicht nach jede weitere Setzung von Zwecken
überhaupt in Frage stellen würde... Weil ein Atomkrieg so viel
Realität auslöschen würde, daß die Zweck-Mittel-Relation ge-
sprengt würde..." (134)
Was eben noch Mittel außenpolitischer Vorhaben war, ist jetzt
Hindernis selbst für die imperialen Zwecke der Politiker. Denn
durch den Einsatz der Atombombe sei "jede weitere Setzung von
Zwecken in Frage gestellt" (ebd.) Für dieses verkehrte Ergebnis
bemüht Vinnai folgende Fehler: Die Wirkung des A-Waffeneinsatzes
trennt er von jedem politischen Zweck - so daß sie prompt als to-
tale Zerstörung, als von keinem Zweck gewollte Apokalypse er-
scheint: Menschheit und Erdball lösen sich in Nichts auf. Ohne
deren Existenz aber gibt es auch für imperiale Politik nichts
mehr zu benutzen - damit wäre also keinem Zweck gedient. Also, so
Vinnai, kann die Atombombe ihren Grund und Zweck auch nicht in
der Politik und ihren imperialistischen Absichten haben. Im Ge-
genteil, dann kann sie nur ein Klotz am Bein sein, den die Poli-
tiker endlich los werden wollen:
"Ein Mittel, das keines ist, kann letztlich nur den Sinn haben,
abgeschafft zu werden." (ebd.)
Wenn es also dennoch die Atombombe gibt, dann muß der Grund dafür
außerhalb der Politik gesucht werden, die solche Geräte zu ihrem
Kriegsarsenal zählt. Man sieht: Die Fiktion einer zwecklosen Apo-
kalypse ist zwar falsch, tut dem Psychologen aber gute Dienste.
Und nur dafür hat er sie erfunden: Jetzt kann er im Menschen und
seinem Seelenleben nach den Gründen für die Bombe fahnden, die er
vorher in der Politik geleugnet hat. Dieser rein negative Schluß,
die Politik enthalte die Gründe für ihre Aufrüstung nicht, zwingt
zwar keineswegs dazu, im menschlichen Seelenleben weiterzufor-
schen. Andere bevorzugen da z.B. den militärisch-industriellen
Komplex. Aber Psychologe VINNAI hat sich ja längst v o r h e r
entschieden - und seine "Argumente" nach seiner Beweisabsicht
konstruiert. Gesucht ist also eine geheime innere Kraft, die die
Politiker daran h i n d e r t, die Bombe aus der Welt zu ver-
bannen:
"(Die etablierten Politiker) verteidigen sie (die Bombe) auch,
weil ihre Subjektivität unentrinnbar mit ihr verbunden ist... das
Ende des Bestehenden würde das Ende ihres Sozialcharakters bedeu-
ten. Die Erlösung (!) von dem, was sie repräsentieren, müssen sie
als tödliche Bedrohung ihrer Subjektivität erfahren." (136)
Bleibt nur noch die Frage offen, wie es dazu kommen konnte: Wieso
haben sich die Politiker jemals das "Selbstbild" vom führungs-
starken Aufrüstungspolitiker aufgebaut, wenn sie eigentlich an
der Atomrüstung gar kein Interesse haben? Die scheinen zur Atom-
bombe samt ihrer "sozialen Identität" gekommen zu sein, wie die
Jungfrau zum Kind!
In die Welt, gesetzt hat Vinnai mit dieser Konstruktion folgendes
Dilemma: Die Politiker ersehnen eigentlich die Erlösung von der
Bombe, sie müssen sie aber bis aufs Messer verteidigen, weil ihre
"Subjektivität" es gebietet. Würden sie abrüsten, wäre ihr Sozi-
alcharakter über den Jordan. Friedensbewegte Demonstranten werden
nach dieser Logik zusammengeprägelt, weil die Politiker ihre For-
derung am liebsten erfüllen würden, aber einem inneren Zwang zu-
folge nicht können.
Gesetzt den Fall, es verhielte sich so, wie Vinnai sagt: Die Po-
litiker würden ihre menschliche Erfüllung an die Atomrüstung und
die totale Zerstörung binden. Wäre dann nicht aus psychologischer
Sicht ihre Einweisung in geschlossene Anstalten die einzig senk-
rechte Konsequenz? Keineswegs, meint Vinnai: Ihm zufolge darf man
die angebliche politische Sinnlosigkeit der Bombe nur kritisie-
ren, wenn man den konstruierten Grund ihrer Existenz als
m e n s c h l i c h v e r s t ä n d l i c h akzeptiert: Jedem
sein Recht auf seinen Sozialcharakter! Zumal das Volk laut Vinnai
auch nicht richtiger tickt als der Mensch: Wenn die Politiker -
ganz mit ihrem Seelenhaushalt beschäftigt - die Aufrüstung auch
gegen Widerstand im Volk durchsetzen, dann handelt es sich dabei
nämlich nur ganz vordergründig um einen Gegensatz von Staat und
Untertanen. In Wirklichkeit liefern die Herrschenden dem Volk das
"ideale Objekt" zur Stabilisierung seines eigenen Seelenklappera-
tismus:
"Warum wir die Bombe brauchen"
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Da wären zunächst einmal die Bürger, die die Atomrüstung für ein
"notwendiges Übel" (Vinnai) halten, um die Russen abzuschrecken.
Hier hat Vinnai das Bedürfnis nach der Bombe wie folgt ermittelt:
"Daß die Bombe von vielen Menschen hingenommen wird,... ist auch
Ausdruck ihrer Angst... Aus dem Alltag stammende innere Ängste
können leicht mit Hilfe von Abwehrmechanismen in Angste vor der
Bedrohung durch den 'äußeren Feind' verwandelt werden." (173)
Auch wenn uns Vinnai hier eindringlich versichert, daß dieser
Projektionsmechanismus ganz "leicht" funktioniert, erlauben wir
uns die Frage, wie das eigentlich gehen soll: Da sollen die Leute
im Alltag ihres Gemeinwesens allerhand Scheußlichkeiten erleben,
die ihnen Angst machen - Vinnai spricht z.B. von der
"Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber gesellschaftlichen Appa-
raturen". Wie aber soll ein Mensch, der sich vor den
"gesellschaftlichen Apparaturen" f ü r c h t e t wegen dieser
Angst ausgerechnet Parteigänger des Schutzes dieser "Apparaturen"
vor dem äußeren Feind werden? Weil jemand Angst vor Herrn Kohl
hat, möchte er die Regierung Kohl gegen Tschernenko verteidigen?
Vinnai hat hier unter der Hand die Angst vor ganz bestimmten Din-
gen in eine Angst ohne einen Gegenstand verwandelt, der es völlig
gleichgültig ist, an welches Angstobjekt sie sich dranheftet.
Plötzlich hat alle Welt eine "frei fluktuierende Angst" (Vinnai)
und braucht irgendein Objekt, um "seine Angst daran zu binden"
(Vinnai). Aber selbst wenn man diesen Gedanken für einen Moment
ernstnimmt: Warum wird aus dieser frei vagabundierenden Alltags-
angst denn ausgerechnet eine massenhafte R u s s e n angst? So
eine Angst könnte sich doch genausogut den Wettergott zum Fürch-
ten aussuchen. Die Schutzfunktion eines Regenschirms wäre jeden-
falls unvergleichlich höher anzusiedeln als der "Schutz des ato-
maren Schirms"!
... auch die Friedensbewegten!
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Vinnai gesteht die Haltlosigkeit seiner Erklärung implizit selber
ein, wenn er auf die Friedensbewegung und deren "Bedürfnis nach
der Bombe" zu sprechen kommt. Die Rüstungskritiker sollen nämlich
d e r s e l b e n Alltagsangst wegen nicht zur Befürwortung,
sondern zur Ablehnung der Bombe gelangt sein.
"Ängste aus den verschiedensten Quellen" heften sich nicht nur an
die Russen - sie treiben es genauso gern mit der Bombe selbst.
Warum kritisiert jemand die Pershing II? Nach Vinnai tut er das,
weil er zum Angstbinden ebensogut für die Pershing eintreten
könnte!
"Niemand, den die offizielle Politik nicht völlig verdummt hätte,
kann sagen, daß die Angst vor der Bombe irrational wäre. Aber daß
die reale Erfahrung der atomaren Katastrophe allen fremd ist und
sie deshalb bloß in der Phantasie ausgemalt werden kann, erlaubt
es, die mögliche Katastrophe mit vielerlei Ängsten zu verbinden,
ohne daß genau geprüft werden kann, ob diese Angst ihrem Gegen-
stand wirklich angemessen ist. Die Bombe als Angstobjekt zieht
Ängste aus den verschiedensten Quellen auf sich, was der vernünf-
tigen Angst vor der Bombe notwendig auch irrationale Züge ver-
leiht." (136, 37)
Diesen absurden Widerspruch braucht Vinnai: entgegen seinem eige-
nen Zugeständnis, die Angst vor der Bombe sei rational, will er
darauf hinaus, daß letztlich die Angst vor der Atombombe in der
Bombe doch nicht ihren Grund hat. Die Atombombe ist bestenfalls
ein Grund für Angst unter anderen. Und aus den verschiedensten
anderen Quellen sollen sich Ängste in die Atom-Angst einmischen
und ihr den irrationalen Charakter verleihen. Bloß, woher weiß
Vinnai eigentlich, daß auch eine Angst vor der Bombe, die er ver-
nünftig nennt, nur die Tarnkappe für irrationale Angst auf Ob-
jektsuche ist? Das will Vinnai an der Angst selbst festgestellt
haben: Sie soll der Bombe unangemessen sein, weil der Angsthase
noch gar keinen Atomkrieg durchgestanden hat, so daß sich selbst
in die rationalste Angst notwendig falsche Fünfziger einschlei-
chen. Daran stimmt nichts:
1. Wenn sich die Angemessenheit Atombomben-Angst nur von Leuten
ermitteln läßt, die selber schon mal Atomtoter waren, darin
dürfte Vinnai zu diesem Urteil schwerlich befähigt sein. Er hat
doch noch gar keinen Atomkrieg erlebt, wie also sollte er über-
haupt ermitteln können, daß an dieser Angst etwas unangemessen
ist. Um dieses Urteil zu fällen, müßte er schließlich wissen, was
angemessen ist.
2. Was soll das überhaupt sein: Ein Gefühl, das seinem Gegenstand
angemessen ist? Wie soll man denn zwei so disparate Dinge wie
eine Atombombe und die Angst vor ihr überhaupt vergleichen kön-
nen? In einem Fall handelt es sich doch um ein U r t e i l
ü b e r die Bombe - sie bedroht mich; im anderen um den
G e g e n s t a n d des Urteils - die Bombe selbst. 3 Atombomben
machen rationellerweise 3 Meter Angst, 4 Meter wären dagegen ein
Pfund zuviel? Getragen sind diese Idiotien von nur einem Inter-
esse: So macht sich Vinnai die Angst vor der Atombombe als gar
nicht durch die Bombe begründete zurecht. Mit diesem Trick kann
er jetzt die Kritik an der Atombombe als irrational denunzieren
und braucht gleichzeitig nicht auf den Gestus zu verzichten, auch
er befürworte natürlich Kritik an der Bombe - wenn es nur eine
rationale Kritik wäre. Aber leider, leider m e i n e n die
Friedensbewegten nur, sie seien Rüstungskritiker. Tatsächlich
sind sie Angstbündel Marke Bombenfixierung!
In dieser Eigenschaft sahnen die Friedensbewegten dicke Vorteile
für ihren Seelenhausalt ab:
"Kaum jemand wird offen seine Sympathie die Bombe bekunden. ...
Trotzdem bringt sie vielen, wie noch zu zeigen sein wird, parado-
xen psychischen Gewinn." (131)
"Die emotionale Besetzung des Angstthemas Atomkrieg hat vielen
Menschen zu intensiver Kommunikation mit anderen Menschen verhol-
fen.... Der drohende kollektive Tod, dem so leicht keiner entkom-
men kann, kann eine Art Solidarität stiften, die sozialstruktu-
rell bedingte Gegensätze zwischen den Menschen auf eigentümliche
Art relativiert. Die Menschen können sich in ihrer wachsenden
kollektiven Furcht als mehr aufeinander angewiesen erfahren: der
drohende Tod kann sie deshalb lebendiger machen. ... Wir gehor-
chen einer schmählichen psychischen Logik, die uns das Leben we-
niger interessant werden läßt, wenn wir nicht ab und zu schmerz-
lich erfahren, daß es ständig auf dem Spiel steht." (132/133)
Gegen solche Unterstellungen muß die Friedensbewegung zur
Abwechslung mal in Schutz genommen werden: Zum Z w e c k e des
Gemeinschaftserlebens und der allseitigen Verbrüderung fanden die
Friedensdemonstrationen sicher nicht statt. Dann hätten diese
Leute genausogut zu Werder Bremen oder zum Bund gehen können!
Getilgt ist hier der Grund der Demos und der "intensiven
Kommunikation". Um einen P r o t e s t gegen die Nachrüstung
ging es der Friedensbewegung schon. Diesen Zweck verdreht Vinnai
zum bloßen Hilfsmittel für einen ganz anders gearteten Zweck:
Nicht mehr als Grund der Beschwerde, sondern als Hilfsmittel zur
Solidaritätsstiftung gilt jetzt die Bombe. Schon haben wir sie,
die friedensbewegten Nutznießer der Bombe! Und was findet Vinnai
nun an seiner eigenen Erfindung "paradox"? Findet er es
vielleicht verkehrt, sich wegen der "atomaren Bedrohung" mit
allen Gegensätzen zu arrangieren, die einen täglich schädigen?
Nein, ganz im Gegenteil: "Soziale Gegensätze" zugunsten einer
eingebildeten Gemeinschaftlichkeit von Regierten und Regierenden
unter den Teppich zu kehren, das ist für Vinnai ein gelungener
Weg zum Seelenglück. "Paradox" oder "schmählich" findet er nur
eines: Daß der Mensch für dieses schöne Erlebnis auf die
schreckliche Bombe nicht verzichten kann. Aber so ist sie nunmal,
die "Psycho-Logik". Geben wir doch zu, daß wir für diesen
psychischen Gewinn die Bombe "brauchen"!
So ist nun der Untertan als das getreue Spiegelbild des politi-
schen Herrschers konstruiert: Beide b r a u c h e n diese
schreckliche Waffe aus m e n s c h l i c h
v e r s t ä n d l i c h e n Gründen!
Vinnais Hilfestellung Nr. 1 für die Friedensbewegung:
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Widerstand unmöglich!
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Und was machen wir jetzt mit unserem Angstsalat, der uns allesamt
so oder so auf die Bombe fixiert?
Mit Vinnais Konstruktion einer immer auch irrationalen Angst vor
der Bombe ist folgender Ausweg versperrt: 'Wenn uns die Bombe
Angst macht, dann schauen wir eben zu, wie wir den Grund unserer
Angst aus der Welt kriegen.' Vinnai hat die Friedensbewegung näm-
lich auf diese Weise darauf verpflichtet, sich statt am Grund der
Angst an diesem Gefühl selbst abzuarbeiten:
"Die Transformation von blinder Angst in vernünftige Furcht vor
realen gesellschaftlichen Bedrohungen kann nicht nur über den
Kopf mit Hilfe von Aufklärungsprozessen erfolgen, sie erfordert
eine Umstrukturierung der sozialen Beziehungen. Nur wo All-
tagsängste durch Erfahrung von Solidarität abgebaut werden kön-
nen, kann die Angst vor der Bombe ein angemessenes Gewicht erhal-
ten." (174)
Ohne Veränderung der "angstmachenden Alltagsbeziehungen" ist also
der Mechanismus des Psychologen nicht zu durchbrechen. Also wer-
den jetzt die Alltagsbeziehungen umstrukturiert? Das geht nach
Vinnais Logik leider nicht. Es sind nämlich gerade die angstma-
chenden sozialen Beziehungen, die den Leuten den Weg zu produkti-
ver Veränderung ihrer sozialen Beziehungen versperren. Schließ-
lich erzeugen die gesellschaftlichen Verhältnisse genau die irra-
tionalen Ängste, die andererseits den Menschen unfähig machen,
die Scheiße vernünftig in Angriff zu nehmen:
"Eine zunehmende Machtlosigkeit des einzelnen gegenüber gesell-
schaftlichen Apparaturen, die Sinnentleerung der Arbeitsleistun-
gen, die Verödung der Städte, die Tendenz zur wachsenden sozialen
Isolierung... lassen es damit nicht zu, daß erzeugte Ängste als
Motor der Realitätsveränderung produktiv umgesetzt werden."
(136/37)
Je nötiger also Veränderung ist, desto weniger geht sie. Und je
weniger sie geht, desto nötiger, aber auch unmöglicher wird sie.
So daß unser Ratgeber in Sachen Widerstand endlich da angelangt
wäre, wo er hin wollte:
"Sind die Probleme, die zu bewältigen wären, um die uns bedrohen-
den weltweiten Katastrophen abzuwenden, nicht zu groß für den Ty-
pus Mensch, den die bestehende Gesellschaft hervorbringt?" (189)
Verstanden? Nicht Herr Kohl hat die Forderungen der Friedensbewe-
gung zum Scheitern gebracht, sondern das lag am "Typus Mensch",
der auch in einem Rüstungsgegner haust. Wenn selbst die nur Soli-
darität hinkriegen, solange sie die Bombe dafür benutzen können!
Hilfestellung Nr. 2: Pazifismus ist Quelle von Gewalt!
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Wenn "diese Welt kaum noch zu retten ist" (Vinnai), weil "wir"
allesamt einem unfähigen Menschenschlag angehören, dann dürfte es
eigentlich egal sein, was der Einzelne macht: Ob er jetzt für
oder gegen Rüstung ist - in beiden Fällen kann er doch laut Vin-
nai immer nur alles verkehrt machen. Also ist jetzt alles erlaubt
- verkehrter als verkehrt kann man doch sowieso nicht liegen?
Denkste! Wer nämlich dem Pazifismus huldigt, wird auf besonders
perfide Art zur Q u e l l e v o n G e w a l t.
"Ein gern verleugnetes Stück Wirklichkeit ist Freud zufolge, daß
der Mensch nicht ein sanftes liebebedürftiges Wesen ist, sondern
daß er zu einem Teil seiner Triebbegabungen auch einen mächtigen
Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf (177)... Was als Pa-
zifismus Ausdruck einer angeborenen Menschenliebe, es ist psycho-
dynamisch nicht zuletzt Abwehr von aggressiven Regungen" (181).
Die Lust an der Gewalt ist also eine menschliche Grundtatsache.
Wer G e g n e r kriegerischer Gewalt ist, der beweist eben
d a d u r c h, daß auch in ihm dies menschliche Drängen am Werk
ist. Und wodurch verrät er seine Aggressionen? Er zeigt sie
nicht! Also müssen sie doch zweifelsohne vorhanden sein -
"abgewehrt" natürlich! Man kann also tun, was man will, für den
Psychologen ist man so oder so als gewaltgeiles Stück entlarvt,
weil er noch der Ablehnung von Gewalt die Lust an ihr entlockt.
Aber Pazifisten enttarnen ihre Aggressivität laut Vinnai nicht
nur dadurch, daß sie es an Gewaltbegeisterung fehlen lassen. Sie
lassen ihre "Aggressionsneigung" jetzt doch - auch noch umgekehrt
- raus. Wenn sie nämlich von der Polizei Prügel beziehen, dann
frönen sie einem "kollektiven Masochismus".
"Leider hat das wachsende Bewußtsein, Opfer zu sein, eine Kehr-
seite: in ihm drückt sich ein kollektiver Masochismus aus, der
zwar die offene Komplizität mit der Macht verweigert, ihr aber
heimlich dient, indem er die aufgezwungene Rolle des Opfers mit
geheimer Lust akzeptiert." (187)
So besehen hat es durchaus seine Ordnung, wenn Demonstranten für
Polizeieinsätze auch noch Geld bezahlen. Da findet schließlich
echte Dienstleistung statt: Die Demonstranten benutzen die Prü-
gel, um ihre gegen sich selbst gerichtete Aggression abfließen zu
lassen! Und wenn ihnen die Lust entgangen ist, die sie dabei laut
Vinnai empfinden, dann macht das gar nichts. Sie ist eben so ge-
heim, daß nur Vinnai davon weiß! So ein Psychologe ist in der Ge-
meinheit seiner Logik wirklich nicht zu überbieten: Er ist ein-
fach so sehr überzeugt, daß alles, was es gibt - von der Bombe
bis zum Polizeiknüppel - ein Angebot an die menschliche Psyche
darstellt, daß er eher die Opfer staatlichen Zuschlagens der ge-
heimen Komplizen-, weil Nutznießerschaft bezichtigt, als einmal
einen Gegensatz zwischen Untertanen und Staat zu entdecken.
Die Pazifisten lassen nicht nur Aggressionen auf besonders per-
fide Weise ab. Sie verursachen darüberhinaus bei sich und anderen
einen widernatürlichen Aggressionsstau.
"Eine Moral die die Menschen zwingt, ihre aggressiven Regungen
abzuwehren, zwingt sie, ihre Destruktionsneigungen in sich aufzu-
stauen. Eine überstrenge Moral... erzeugt das Verlangen, dadurch
Entlastung zu finden, daß innere Kriegsschauplätze nach außen
verlegt werden." (182)
War Pazifismus soeben noch eine Methode, die allen Menschen ei-
gene Aggressivität abzulassen, so handelt es sich jetzt um das
genaue Gegenteil: Pazifismus h i n d e r t die menschliche Ag-
gression an ihrer Äußerung. Diesen Widerspruch braucht Vinnai,
weil er den Pazifismus doppelt verurteilen will. Erstens sind
auch Friedensbewegte zur Ablehnung staatlicher Gewalt wegen ihres
Aggressionstriebs gar nicht in der Lage. Zweitens gilt die pazi-
fistische Absage an die Gewalt als Knebelung der menschlichen Na-
tur namens Aggressionstrieb. Jetzt ist der Pazifist nicht nur na-
türlicher Anhänger von Gewalt (Aggression), sondern auch noch wi-
dernatürlicher Urheber von Gewalt. Und darin soll er sich von al-
len anderen Aggressivos so richtig gefährlich abheben: Er trägt,
weil Stau des Aggressionstriebs, die Gewalttätigkeit in die Welt.
So daß wir mal wieder ein Dilemma hätten:
"Wer unkritisch allzu eindeutig Handlungsmaximen anpreist, möchte
sich an der innerpsychischen Ambivalenz vorbeimogeln... Wir brau-
chen zugleich mehr und weniger Moral." (189)
Ein Dilemma, aus dem Vinnai eine sehr "eindeutige Handlungsma-
xime" abgeleitet sehen will:
"Weil es eine der aktuellen historischen Situation und der ihr
ausgesetzten Menschen angemessene Moral vielleicht gar nicht ge-
ben kann, sollten wir uns wenigstens eine Moral leisten, die uns
vor dem Untergang unserer Welt noch etwas unbeschwerter leben
läßt." (189)
Weil dank Vinnais Seelenkonstruktion Widerstand "vielleicht" gar
nicht geht, ohne selbst Quelle von Gewalt zu sein, deshalb
"sollten wir" die Kriegsvorbereitung der Regierenden "vielleicht"
bis zu Ende abwarten! Wer dieser Vorschrift zu einer Praxis, die
den Herrschenden freie Hand läßt, nicht nachkommt, der kriegt es
mit Vinnai zu tun.
Verständnis hat dieser Psychologe nämlich mächtig für die Rü-
stungspolitiker und die getreuen Mitmacher im Volk. Die
b r a u c h e n schließlich für ihren Seelenhaushalt die Bombe.
Wer gegen die nationale Linie anstinken will, der hat dagegen
Vinnais Verständnis v e r w i r k t: Aggressivität als
V o r w u r f hat Vinnai denen reserviert, die sich zur Theorie
von der n a t ü r l i c h e n Gewalt im M e n s c h e n nicht
bekennen und in deren Namen schon gar nicht ihre Kritik am
s t a a t l i c h e n Programm der Aufrüstung abstellen wollen.
(Alle Zitate aus: Gerhard Vinnai, Die Innenseite der Katastro-
phenpolitik - Zur Sozialpsychologie der atomaren Bedrohung, in:
Boehncke, Stollmann, Vinnai (Hrsg.), Weltuntergänge, Rowohlt
1984)
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