Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 106, 04.12.1984
       

(VER-)SCHIEBUNG! PROF. VINNAI PSYCHOANALYSIERT

Thema der Sitzung: Aggression ----------------------------- Beispiel einer Studentin: Es gibt auch positive Äußerungen der Aggression, z.B. wenn man ein Schwein schlachtet. Einwand einer MGlerin. Beim Schweineschlachten wird es wohl um die Schnitzel gehen und nicht um die Äußerung von Aggression, die an sich o h n e bestimmten Inhalt ist und deswegen für a l l e Tätigkeiten eine Erklärung sein soll. Dann erklärt sie eben k e i n e b e s t i m m t e dieser Tätigkeiten. Vinnai versuchte es daraufhin nicht mit einem Einwand gegen das Argument, sondern mit einer Psychoanalyse seines Urhebers: Klarer Fall von Verschiebung ---------------------------- lautet die Diagnose. In Wahrheit hat der Kritiker Aggressionen gegen den Professor, den er schlachten will. So etwas ist verbo- ten, also verschiebt er seine Aggression auf das Schwein, das im Beispiel geschlachtet wird. Daß hierin eine positive Äußerung der Aggression vorliegt, kann der Kritiker nicht zugeben, weil er es verdrängen muß: sonst mußte er sich eingestehen, daß er es beim Schweineschlachten in Wahrheit auf den Professor abgesehen hat. Schöne Schweinerei. Ein Angebot an den Verstand --------------------------- 1. Ein Einwand gegen ein A r g u m e n t von Vinnai soll eine Aggression, ein Zerstörungstrieb gegen die P e r s o n sein? Ein Argument ist eine Ansprache an den V e r s t a n d der Per- son, setzt also deren freien Willen voraus, statt auf dessen Zer- störung aus zu sein. 2. Wer schon die bescheuerte Gleichung Einwand = Aggression gegen Vinnai mitmacht, sollte Folgendes bedenken: wenn die Aggressivi- tät des Kritikers in Vinnai ihren Grund und Gegenstand haben soll, dann gilt sie eben einem anderen G e g e n s t a n d wie dem beispielhaften Schwein nicht, ist also auch nicht darauf ver- schiebbar. Umgekehrt gesteht Vinnais Psychotour den Fehler so ein: zwar will er seine Aggression gegen d i e S a u entdeckt haben; i h r aber gilt sie gar nicht, sondern i h m. Woher hat er das? Er setzt das v o r a u s und beweist mit seinem Schweinebeispiel die Voraussetzung, indem er sie wiederholt. 3. Einerseits ist der Kritiker ein Opfer seiner Aggression gegen den Professor, von der er gelenkt wird, ohne davon zu wissen. An- dererseits wird ihm der raffinierte Trick unterstellt, um die Folgen seiner Aggression zu wiesen: Professorenschlachten wird als u n e r l a u b t e Äußerungsform verworfen, Schweine- schlachten als e r l a u b t e r Ersatz genommen. Sollte der Trieb von den Verkehrsregeln des StGB wissen? Der natürlich nicht, Vinnai aber schon - und der hängt s e i n e Konstruktion dem Wirken des Trieber, und der Instanzen an. Nix wahr, aber doch wirkungsvoll für die, die daran glauben: nicht genehme Kritik betreibt das Metzgerhandwerk gegen Professo- ren. Der Haken an der psychoanalytischen Waffe besteht allerdings darin, daß sie ein zweischneidiges Schwert ist: Ein Tip an Vinnai ----------------- Ist es nicht in Wahrheit so, Vinnai, daß Du eine Aggression gegen Schweineschnitzel hast und die possierlichen Tierchen auf den Tod nicht leiden kannst? Ist es nicht in Wahrheit so, Vinnai, daß Du diese Aggression auf alle diejenigen verschiebst, die partout nicht einsehen wollen, daß Schweineschlachten eine p o s i t i v e Äußerung der Ag- gression ist? Ist es nicht in Wahrheit so, Vinnai, daß Du diese Verschiebung bloß deswegen verdrängst, weil Du es Dir mit dem Tierschutzverein nicht verderben willst? Ist es also nicht vielmehr so, Vinnai, daß Du gegen Kritiker Dei- ner Aggressionstheorie die Sau rausläßt, weil die nicht dem Tier- schutz unterliegen? Uns würde dieser Ansatz zwar genausowenig überzeugen, wie Deine Theorie von der Aggression gegen Professoren, aber vielleicht hilft er Dir! zurück