Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Prof. Vinnai lehrt die Psychologie der Gewalt:
DAS SOLDATENHANDWERK:
NICHT STAATSDIENST, SONDERN TRIEBBEFRIEDIGUNG!
Das Vinnai-Seminar "Psychologie der Gewalt" beschäftigte sich am
Beispiel des Vietnamkrieges mit der Frage,
"welche Bedingungen die amerikanischen Söldner so veränderten,
daß sie überhaupt in der Lage waren, als Rädchen der Militärma-
schinerie in diesem Krieg zu kämpfen und zu töten." (Referat)
Diese Fragestellung ist ein einziger Fehler, lebt sie doch von
einem dicken "obwohl": Wie können Soldaten andere töten,
o b w o h l sie dazu eigentlich gar nicht fähig sein dürften?
Damit wird nahegelegt, daß es dafür e i g e n t l i c h gar
k e i n e n G r u n d geben kann. Getilgt ist damit die Tatsa-
che, daß diese GI's das amerikanische Programm der Eindämmung des
Kommunismus gebilligt und als persönlichen Auftrag der Verteidi-
gung ihres Vaterlandes a k z e p t i e r t haben, was das ge-
nannte Referat im übrigen ausplaudert, wenn es von der Trauer der
Soldaten über das Ergebnis des Vietnamkrieges - "Er ging nicht so
glorreich zuende, wie es sich für amerikanische Siege gehört." -
berichtet. Trauer über eine - angebliche - Niederlage der Nation
kann eben nur empfinden, wer ihren Sieg g e w o l l t hat. Und
den Sieg kann nur wollen, wer die "eigene Sache" für korrekt
hält, also Gründe weiß, warum dieser Krieg für die USA sein muß.
Getilgt ist ebenfalls der bekannte Umstand, daß der US-Staat
selbst die überzeugten Kommunistenfresser unter seinen boys
z w a n g s w e i s e nach Vietnam an die F r o n t beordert
und so seinen militärischen Gegensatz zum Vietcong ganz praktisch
zum Überlebensproblem jedes einzelnen GI macht. Darauf, daß seine
männlichen Untertanen ein von ihnen gebilligtes außenpolitisches
Programm unter Einsatz ihres Lebens freiwillig in die Tat umset-
zen, darauf möchte sich der US-Staat denn nun doch nicht verlas-
sen.
Der Vietnamkrieg: Dienstleistung des US-Staates für Triebtäter
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Ausgerechnet Psychologen, denen ansonsten das Urteil
g e l ä u f i g ist, daß der freie Westen gegen das Unrechtsre-
gime drüben v e r t e i d i g t gehört, stellen sich hier dumm
und können absolut keinen Grund für die Taten eines GI in Vietnam
entdecken; nur damit sie sich den Übergang zu jenen "Gründen" er-
schleichen können, die sie in der psychologischen Tasche haben.
Der Mensch ist ein Bündel seelischer Mechanismen, die das Unmög-
liche möglich machen:
"Das Bild der Männlichkeit konzentrierte sich auf die Organisa-
tion aggressiver Impulse und aggressiven Verhaltens und gipfelte
im Ideal des Kriegers." (P. Passetand, Krieg und Frieden aus psy-
chologischer Sicht, S. 233; zit. nach Referat)
Warum morden sie nun, die Soldaten? Weil sie erstens einen Sack
von aggressiver Impulse in sich tragen, deren Ausleben ihnen
durch das Männlichkeitsbild vom Krieger gestattet wird. Logisch
ist dies die Tautologie, daß jemand in den Krieg zieht, weil es
ihn zum Krieg drängt. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, daß der
Vietnamkrieg so gesehen eine D i e n s t l e i s t u n g des
US-Staates am Seelendrang seiner (verkorksten) Triebtäter ist.
Allerdings sollte man über dem h a r m o n i s i e r e n d e n
I n h a l t dieser Vorstellung über Befehlsgeber und -empfänger
nicht deren bodenlose D u m m h e i t übersehen. Wenn der
Mensch nämlich einen grundlosen Hang zur Gewalttätigkeit hätte,
dann wäre daraus gar nicht erklärlich, warum die GI's immer kom-
munistische Guerillas statt e i n a n d e r massakriert haben.
Oder: Warum tobt sich dieser Drang ausgerechnet im Soldatenhand-
werk aus? Sollen doch alle Schlachter werden! Weiterhin: Wieso
muß man die Einberufenen dann eigentlich erst einem militärischen
Drill unterwerfen, wenn es sie sowieso zum Morden drängt? Gar
nicht plausibel ist jedenfalls folgende psychologische Ausflucht:
"Nach der Einberufung, die den Rekruten aus seiner gewohnten Um-
gebung reißt, kommt es zu einer Ent-Individuation... Die wichtig-
ste Rolle bei diesem Prozeß spielt ein brutaler Ausbilder, das
"Über-Ich" in Uniform. Er demonstriert beständig absolute Bösar-
tigkeit. ... Diese Schikane erzeugt eine symbiotische Körper-
schaft mit dem fließenden instabilen Über-Ich... Das Ziel der
Ausbildung ist dann erreicht, wenn der Rekrut durch seine Identi-
fikation mit dem gehaßten Ausbilder das Innere des Systems zu
seinem eigenen Inneren gemacht hat und für seine Unterwerfung den
'Lohn' erhält: ... legitimierte Grausamkeit." (Referat)
Dem Drang zur Grausamkeit steht also angeblich zunächst noch das
Über-Ich des Rekruten entgegen, so daß es der "Ent-Individuation"
bedarf, damit er ihn zwanglos rauslassen kann. Dies soll der
grausame Ausbilder bewirken, indem er sich an die Stelle des
Über-Ichs setzt und so das Ausleben des Aggressionsdranges ermög-
licht. Bloß: Wenn der Mensch ein Über-Ich hat, das zum Töten
'Nein' sagt, wie steht es dann eigentlich mit dem Ausbilder? Wer
hat dessen Über-Ich ausgetauscht? Der General? Und wer tauscht
beim General aus? Der Präsident? Wie also konnte es überhaupt zum
Vietnamkrieg kommen, wenn der nur von Leuten mit ausgetauschtem
Über-Ich begrüßt werden kann?
Zweitens: Wie soll sich aus der Grausamkeit des Ausbilders
g e g e n die Rekruten eine I d e n f i k a t i o n mit dem-
selben ergeben? Warum wird dadurch nicht die Grausamkeit gegen
den Ausbilder freigesetzt? Schließlich soll doch der Rekrut das
willenlose Anhängsel von Aggressionsdrang einerseits und einem
durch das Ersatz-Über-Ich legitimierten Tötungsdrangs anderer-
seits sein. Wenn die Soldaten sich schon mit einem Aggressor
identifizieren sollen, warum nicht konsequent: Auf ihn mit Ge-
brüll, auf den Ausbilder!
Aber wir haben ja noch einen Mechanismus vergessen, der das Ganze
für Psychologen wahrscheinlich verständlich macht:
"Die Behandlung der Sexualität in der Ausbildung geschieht auf
zwei Arten: a) Trennung von den Frauen. Dieses Maßnahme ermög-
licht eine Kanalisierung der sexuellen Energien auf das Ziel des
Tötens." (Referat)
Uns wird wirklich schwindelig, wenn wir uns vorstellen, was die
GIs wohl im Bett ihrer Süßen treiben. Wenn sich Lustgewinn und
Totschlag so ähnlich sind, daß die Energie des einen einfach so
auf das exakt gegenteilige Ziel umgepolt werden kann, dann kann
man nur hoffen, daß im Bett nichts daneben geht, wenn der Soldat
seine sexuelle Energie vom Töten wieder umlenkt auf seine Frau.
Zumal ja gilt:
"Der Vergleich der Waffe mit den Genitalien fördert die
Kampfsüchtigkeit der Rekruten." (Referat)
Wie leicht kann man den Schwanz mit einer MP verwechseln!
Aber seien wir nicht kleinlich, schließlich ist
der ideologische Nährwert
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dieser Theorie nicht zu übersehen. K r i t i s i e r e n darf
man die Killer von My Lai nie. Aber v e r s t e h e n kann man
sie jetzt gut, weil sich in den Massakern nur ihr Trieb geäußert
hat, dem die Ausbilder diese Richtung der Befriedigung gewiesen
haben. Und? Plädiert Vinnai jetzt für den Aufstand gegen Ausbil-
der, Generäle und Präsidenten? Natürlich nicht. Denn erstens sind
sie als Aufseher über die aggressive Masse unentbehrlich. Und
zweitens unterliegen sie demselben Aggressionstrieb, den sie re-
geln sollen, so daß sich über kurz oder lang die Triebnatur in
uns allen doch Bahn bricht. Krieg ist also in letzter Instanz der
Psychologie zu folge nicht Mittel imperialistischer Politik auf
dem Globus. Man darf sich die Gewalt stattdessen als Problem und
Ausfluß der seelischen Abgründe in uns allen vorstellen.
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