Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 72, 19.04.1983
       
       Prof. Kieselbach und Wacker:
       

PSYCHOLOGIE DER MASSENVERARMUNG

Hochkonjunktur haben nicht nur die politischen Macher der Massen- verarmung: "Nach Angaben des Bremer Psychologen Thomas Kieselbach hat eine in Bayern 1980 vorgenommene Untersuchung ergeben, daß die psychiatrische Behandlungsbedürftigkeit von Arbeitslosen mehr als dreimal so hoch ist wie bei Berufstätigen. Die sozialen Bera- tungsstellen in Bremen würden zwischen 35 und 60 Prozent von Ar- beitslosen in Anspruch genommen." (WESER-KURIER v. 13.4.) Es mg ja sein, daß manch ein Arbeitsloser außer über das gestri- chene Einkommen auch noch über den flötengegangenen S i n n Klage führt, den er sich als ganz individuelle Bereicherung sei- ner Arbeit zurechtlegt, wenn sie ihn denn schon nicht reich macht. Psychologen sind allerdings die Letzten, die das verkehrte Verlangen nach Sinn einmal kritisieren würden. Sie wollen ihn b e s c h a f f e n - gegen teures Geld und dafür, daß auch ein Mensch ohne zureichende Mittel zum Leben den Optimismus nicht verliert, daß es sich auch - oder gerade?! - so lohnt. Der öffentlichen Heuchelei, daß von der Massenentlassung bis zum Lottospiel alles ein grosser Dienst an den "Arbeitsplätzen" ist, schliessen sie sich natürlich an. Irgendwie sichert auch die Ar- beitslosentherapie Arbeitsplätze: "Die Erfahrung von Massenarbeitslosigkeit und die damit verbun- dene Angst vor drohender Entlassung setzt nach Ansicht der Ver- bände auch die Beschäftigten einem starken psychischen Druck aus. Die Verschärfung des Leistungsdrucks bewirke häufig einen frühe- ren Verschleiß der Arbeitskraft und damit die Erhöhung des künf- tigen Arbeitslosigkeitsrisikos." Daschauher, die "Angst" stellt letztlich die Entlassungsschreiben aus. Ist so die Geschäftskalkulation, welcher Lohnempfänger sich noch rentiert, in die (mißglückte) Seelenwirtschaft ihrer Opfer aufgelöst, gilt die psychologische Fürsorge eines Kieselbach für die Massenseele umstandslos ihrem Über-Ich: "Unseres Erachtens führt die Massenarbeitslosigkeit auf Dauer zur materiellen und psychischen Verelendung großer Bevölkerungsgrup- pen und gefährdet das demokratische System." (Frankfurter Rund- schau) Und damit letzteres auch recht zu schätzen weiß, daß seine Psy- chologen die zuständigen Saubermänner dort sein wollen, wo es Menschenmaterial als überflüssigen Dreck definiert, hat der Psy- chologe Ali Wacker sich folgendes schöne Bild ausgedacht: "Die mehr als 40000 Ärzte, Psychologen, Psychiater und Sozialar- beiter, die in diesen Verbänden organisiert sind, fühlen sich bei der Betreuung und Behandlung der Arbeitslosen zunehmend in der Rolle einer Hausfrau, die mit einem kleinen Feudel die Küche auf- wischt, während aus dem Wasserhahn weiter ein dicker Strahl auf den Fußboden klatscht." (Frankfurter Rundschau) zurück