Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 15, 13.06.1984
3x Münchner Psychologie
WEGE ZUM MENSCHEN
Beim Studium des Menschen ist die Psychologie zu folgendem drama-
tischen Befund gelangt: Immer dann, wenn der Mensch handelt, ver-
folgt er dabei bestimmte Ziele. Wenn das keine Grundwahrheit ist!
So als müßte die Psychologie die Zweckgerichtetheit des menschli-
chen Handelns erst noch begründen, wirft sie das tiefe Grundpro-
blem auf: Warum handelt der Mensch überhaupt? Da wir bei dieser
philosophischen Frage in der Psychologie sind, ist die allgemeine
Antwort darauf auch schon klar: Das kann nur am Menschen selber
liegen.
I. Der Mensch als Impuls
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Die Fragestellung
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Herr BRUNNER will in seiner Vorlesung zur Motivationspsychologie
seine Rede von den "zielbestimmten Verhaltensweisen" so verstan-
den wissen, daß er getrennt von jedem Handlungsziel nach "den Be-
weggründen menschlichen Handelns" fragt. Die Psychologie will
also ein Begründungs p r i n z i p des Handelns überhaupt fin-
den, ein Prinzip, das für j e d e Tat gilt. Diese falsche Ab-
straktion verdankt sich dem theoretischen Interesse des Motivati-
onsforschers. Nicht nach Gründen, sondern nach B e w e g gründen
sucht er, und nicht den Zielen gilt sein Interesse, sondern der
Ziel g e r i c h t e t h e i t. Die Auflösung von Handlungen in
Bewegung überhaupt zieht den nächsten Fehler nach sich. Wenn Han-
deln heißt, daß der Mensch in Bewegung geraten ist, dann stellt
man sich den Grund dafür auch gleich als Anstoß, als Impuls im
wahrsten Sinne des Wortes, vor. Im Menschen wirken Kräfte, die er
nicht kennt, der Psychologe aber schon. Deswegen bestreiten Psy-
chologen vorsorglich alles, was die Individuen über ihr Handeln
sagen. Aus demselben Grund, weil sie den hinter jeder Tat lauern-
den Impulsgeber dingfest machen wollen, stellen sie sich eine ab-
surde Frage: 'Warum handelt der Mensch?', wo er doch ganz genauso
gut nichts machen könnte; und 'Warum handelt er so, wie er han-
delt?', wo er doch genauso gut das glatte Gegenteil dessen, was
er macht, auch machen könnte. Die in dieser Fragestellung bereits
enthaltene Antwort lautet: Im Menschen wirkt etwas, das ihn mit
Notwendigkeit dazu drängt, mögliche Handlungen auch wirklich wer-
den zu lassen.
Die Neukonstruktion des Menschen
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Ein Titel der inneren Auslöser heißt Bedürfnis. Unter dem Oberti-
tel "Motiv" ist es dasselbe wie ein Interesse, ein Wunsch, eine
Neigung oder Begierde. Die Unterschiede sind dem Psychologen
gleich.
Worin besteht die Mitteilung von Auskünften wie: "Bedürfnisse
sind nötigende Wünsche"? Erstens darin, daß mit der Gleichsetzung
von Bedürfnis und Wunsch dasselbe doppelt ausgedrückt ist.
Zweitens beweist die Begutachtung des Bedürfnisses als einem
Zwang, dem man ausgeliefert sei, daß Herrn BRUNNER Bedürfnisse
weder ihrem Inhalt nach, noch nach den Mitteln ihrer Befriedigung
interessieren, sondern als 'handlungsauslösende Funktion'. Weil
und insofern es den Menschen dazu nötigt 'sich zu verhalten', ist
ein Bedürfnis der ausgelöste Zugzwang zum Handeln. Allerdings ist
es ein Auslöser, der noch seinerseits eines Anlasses bedarf.
"Ein Bedürfnis ist ein Konstrukt das für eine Kraft im Gehirn
steht; eine organismische Potenz oder Bereitschaft, unter be-
stimmten Umständen in einer bestimmten Weise zu reagieren."
Daß Herr BRUNNER von keinem wirklichen Bedürfnis redet, sagt er
gleich selbst. Daß ihn aber seine eigene Erfindung dazu berech-
tigt im Gehirn Kräfte auszumachen, ist nicht einzusehen. Denn Be-
dürfnis ist nichts weiter als der Name der vom Psychologen hypo-
stasierten Antriebskraft. Die unterscheidet sich von jeder wirk-
lichen physiologischen Kraft dadurch, daß sich bei ihr erst noch
herausstellen muß, ob ihre Möglichkeit (= "Potenz, Bereitschaft")
auch verwirklicht wird. Sie muß gestartet werden.
"Der Bedingungssatz der Motivationspsychologie: Motivation ist
eine Funktionsvariable; sie beschäftigt sich mit den Bedingungen
in Person und Situation für ein bestimmtes Verhalten."
An der "Motivation", in die der Psychologe den Willen einer
"Person" übersetzt hat, fällt zunächst auf, daß sie selbst rein
gar nichts ist. Die "Kraft" ist hier die "variable Funktion" von
"Faktoren", die sie überhaupt erst hervorbringen. Weiter fällt
auf, daß das Subjekt zweifach vorhanden ist. Zum einen handelt
es, und andererseits ist es das Werk von sich selbst, insofern es
Bedingung = i n n e r e r Auslöser seines eigenen Handelns ist.
Drittens ist auch die Situation nicht das, was ein Mensch als
Voraussetzung seines Handelns vorfindet, eine Voraussetzung, die
er begutachtet, gegebenenfalls ändert oder überhaupt erst her-
stellt. Unter dem Gesichtspunkt der Ermöglichung von Handlungen
ist sie dasselbe, wie die eine Abteilung der "Person": auslösende
Bedingung. Der ganze Unterschied besteht darin, daß die
"Situation" der ä u ß e r e Anlaß des Handelns sein soll.
Die Botschaft
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In der BRUNNERschen Vorlesung wurde ein Bild vom Menschen entwor-
fen: Sein Handeln ist die Äußerung eines von "Faktoren" angewor-
fenen Mechanismus. Was also ist "der Mensch"? Die Möglichkeit,
durch sich und die "Umwelt" als Input, dazu gebracht zu werden,
"Verhalten" outzuputten. "Die Situation", motivationspsycholo-
gisch gesehen, kennt nur einen Zweck: Den Menschen anzumachen,
auf daß er handle. Er selbst kennt keinen anderen Zweck als den,
sich dazu entsprechend zu "verhalten". Es ist derselbe Zweck,
bloß passivisch ausgedrückt: Angemacht werden will er, der
Mensch. Und wozu? Dazu, "der Situation" und "sich selbst"
entsprechend zu handeln, damit seine Handlungsmöglichkeiten auch
in Einklang mit der "Umwelt" wirklich werden. Die
Motivationspsychologie produziert das unfreie Ideal vom
menschlichen Handeln als notwendigem Produkt innerer und äußerer
Faktoren. (Spätestens in der Anwendung des Motivationsmodells
durch Betriebspsychologie und Pädagogik wird dies praktisch klar:
Der Mensch soll etwas tun, arbeiten oder lernen, was er nicht
(genug) will. Motivation heißt dann, ihn dazu zu bewegen, das zu
wollen, was er wollen soll.) Das Ideal der Motivation heißt
'selbstgesteuertes Verhalten'. Und die Aufstellung der
Behauptung, daß der Mensch der Grund seines Tuns ist, zeugt davon
daß die Psychologie mit der Tatsache, daß die Leute Gründe haben,
die sie auch wieder verwerfen können, unzufrieden ist.
(Alle Zitate aus der Vorlesung 'Motivationpsychologie II' von
BRUNNER)
II. Lob der Belastung
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Die Psychologen haben die kürzeste Theorie der Ausbeutung erfun-
den: Der S t r e ß gehört
"Belastungen bleiben nicht konstant ... früher gab es das Problem
der Humanisierung der Arbeitswelt, heute ist der Stressor Nr. 1
die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust." (Stengel)
Wer meint, hier ginge es irgendwie darum, wie die Arbeiter auf
ihre veränderten Arbeitsbedingungen reagieren - was die erhöhten
Anforderungen an ihre Verfügbarkeit und Leistung in Verbindung
mit der drohenden Entlassung für sie bedeuten -, der täuscht
sich. Die "Angst vor dem Arbeitsplatzverlust", von der die Rede
ist, ist als S t r e s s o r mit solch' disparaten Gegebenhei-
ten wie "Kälte", "operativen Eingriffen", dem "Verfolgen eines
Pferderennens" und auch "unerwartetem Erfolg" in eine Reihe ge-
bracht - denn für den Streßforscher ist es eine Selbstverständ-
lichkeit, in all dem e i n e G e m e i n s a m k e i t zu se-
hen:
"... ihre Stressorwirkung - die unspezifische Anforderung an die
Wiederanpassung an eine neue Situation ist die gleiche." (Selye)
Es ist also egal, was einem passiert - sogar, ob es einen ange-
nehm oder unangenehm aufregt -, der Streßforscher sieht da nichts
als Anforderung, Belastung pur, die nur noch dadurch bestimmt
ist, zu ihrer Bewältigung aufzufordern. Deshalb ist es auch kein
Zufall, daß die eingangs zitierte "Angst vor dem Arbeitsplatzver-
lust" sowohl der Stressor - also das streßauslösende Moment - als
auch der ausgelöste Streß selber ist: Die Gefahr, die einem
droht, ist zugleich die eigene Reaktion darauf, so daß d i e s e
einem als Ansporn zur Umstellung auf "die neue Situation" zu-
setzt. Der Psychologe verwandelt alle tatsächlichen Härten, die
diese Welt zu bieten hat, umstandslos in eine
L e b e n s n o t w e n d i g k e i t, die er so ernst nimmt,
daß
"Leben an sich schon Anforderungen an die lebenserhaltende Ener-
gie stellt. Selbst wenn der Mensch schläft, muß sein Herz, seine
Atmung usw. weiter funktionieren. Völlige Freiheit von Streß kann
nur nach dem Tod erwartet werden." (Selye)
Was bleibt einem da schon übrig, als Tag und Nacht mit der
B e w ä l t i g u n g dieser lebenslangen Herausforderung - eben
"dem Leben" selbst - beschäftigt zu sein? Entsprechend haben wir
es hier mit "dem" Menschen nur noch als "Lebewesen", "Organismus"
zu tun, dessen ganzes Bestreben der "Anpassung an seine jeweilige
Umwelt" gilt und der zu dem Zweck mit "Streßwahrnehmungs-",
-"verarbeitungs" - und -"bewältigungsfähigkeit" ausgestattet ist.
Dieses Wechselspiel - einerseits Welt = Belastung = Bewältigungs-
aufgabe, andererseits Mensch = Belastbarkeit = Bewältigungsfähig-
keit - erhellt des Psychologen Menschenbild: Ohne Belastung durch
die Welt könne der Mensch sein Leben nicht meistern. Der Mensch
sei leistungswillig, aber ohne äußere wie innere Stachel ein un-
fähiges Wesen. Deshalb läuft die Streßtheorie auf die Erörterung
eines o r d e n t l i c h e n Belastungsverhältnisses zwischen
Mensch und Umwelt hinaus; Wozu sie ein Modell braucht.
"Zu Streß kommt es immer dann, wenn individuelle Handlungsvoraus-
setzungen und situative Handlungsbedingungen instrumentell und
motivational im Ungleichgewicht stehen."
Paßt die Beanspruchung ("situative Handlungsbedingungen") auf die
Belastungsfähigkeit ("individuelle Handlungsvoraussetzungen"), so
fragt sich der Psychologe und antwortet: Wenn das eine auf das
andere paßt, dann schon ("Gleichgewicht"). Da aber jedes Nicht-
passen grundsätzlich ein Schritt in Richtung Passen ist, wird der
Streß als "vorbereitende Mobilisierung des Organismus für die Be-
wältigung bevorstehender Probleme" auch allein durch ein
Z u v i e l (und nie und nimmer als qualitative Beeinträchtigung
von irgendwas oder - wem) bedenklich:
"Die positive Funktion von Streß ist nur solange gewährleistet,
wie er nicht überdosiert ist ..."
Zuviel darf man den Menschen ja auch nicht zur Anpassung mobili-
sieren, sonst kommt er bei allem guten Willen nicht mehr nach!
Dies der einzige Inhalt der durch Streß ermöglichten
"Sensibilisierung für die Unzulänglichkeiten der Umwelt".
III. Die Seele als Organ
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Unter dem Titel "Die biologischen Grundlagen der Psychologie"
widmet sich Prof. MÜLLER der Frage, ob das Wesen des Menschen"
nun in einer "strengen Dualität von Leib und Seele" bestehe, mit
der Folge einer Sonderstellung des Menschen, wie die
"philosophische Anthropologie" behaupte, oder ob nicht vielmehr
vom Menschen als "Produkt einer kontinuierlichen Entwicklung der
Natur" gesprochen werden müsse, was die "naturwissenschaftliche
Anthropologie" fordere.
Betrüblich zu berichten, daß über beide Abteilungen kein vernünf-
tiges Wort fiel.
1. Was weiß MÜLLER über die von ihm zitierte philosophische An-
thropologie? Daß da aufklärerisch gesinnte frühbürgerliche Philo-
sophen zur Konstruktion eines Menschenbildes schritten, in dem
das Pathos eines eigenständigen Rechts der "Vernunft" gleich zur
selbständigen und autonomen Instanz ("res cogitans") ausgebaut
wurde, der gegenüber das Sinnlich-Unvernünftige inclusive des da-
mit kreierten "Leibes" als "res extensa" an untergeordneter
Stelle zu stehen kam? Daß die Rationalisten, um den deduzierten
Gegensatz zwischen Seele und Leib im Menschen wieder zu vermit-
teln, die "Assistenz Gottes" als Kunstgriff nötig hatten? Nein,
MüLLER weiß von der Leib-Seele-Philosophie des Descartes nur so-
viel: Mit ihr ist "eine eigenartige Stellung des Menschen im
Kosmos" eingeführt worden, und das findet er - MÜLLER versteht
sich ja nicht als Philosoph, eher als Naturwissenschaftler -kri-
tikabel.
2. Seine abgeklärt-nüchterne Einschätzung des Menschen hat mit
der Naturwissenschaft schon etwas zu tun; er beruft sich auf sie.
MÜLLERs Kritik des rationalistischen Leib-Seele-Dualismus besteht
nämlich in dem Fehlurteil, daß "das Seelische eine Funktion der
Physiologie" sei, wobei letztere ihn im übrigen nicht sonderlich
interessiert. Sein Anliegen ist ein anderes. Durch den Unsinn,
die Identität der Psyche in den physiologisch niedergelegten
Diensten zu erblicken, die sie für die Erhaltung des "Organismus"
angeblich hat, sieht sich MÜLLER berechtigt, an allen Sorten von
"Organismen" bis hinunter zu den Pantoffeltierchen Seele und Be-
wußtsein zu studieren - "Proto-", versteht sich! - Was ist also
der Mensch, evolutionsphilosophisch betrachtet? Eine späte Amöbe,
aber nicht schlecht eingerichtet vom "Leben" für das "Leben".
"Irritabilität" (Reizbarkeit) sorgt für rechtzeitige "Reaktion"
auf die "Umwelt". Was für eine billige teleologische Idee: der
Mensch als qua Natur zum Funktionieren determiniertes Wesen; die
Welt als Ort, wie für diesen Zweck geschaffen.
Fazit
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Wenn ein Psychologe loslegt, passiert - wie an diesen Beispielen
gezeigt - etwas Eigentümliches. Kaum fällt ihm z.B. der Arbeits-
platz oder Arbeitsplatzverlust ein, denkt er auch an eine Opera-
tion. Was soll das Gemeinsame sein? Es soll sich um das Verhält-
nis von Individuum und Umwelt handeln: Belastung durch die Welt,
ihre Bewältigung durch das Individuum, und ob sie klappt.
In Beispiel 1 der Motivationspsychologie von BRUNNER, ist dieses
Entsprechungsverhältnis von Individuum und Umwelt schon als Motor
des Zustandekommens menschlicher Handlung gedacht: die Handlung
ist Produkt von menschlicher Handlungsfähigkeit, "personalen und
situativen Faktoren".
Schließlich, bei Professor MÜLLER und seinen Tieren und Pflanzen,
ist dieses Ideal der Anpassung des Menschen an die Umwelt ganz
kritisch geworden: Jeder, der auch nur behauptet der Mensch habe
eine "Sonderstellung" in der Natur, wird von ihm mit der Vorstel-
lung bekämpft, daß die Psyche des Menschen in seiner Physiologie
aufgeht. Der Mensch i s t Natur, ist ein Organismus, der sich
wunderbar der Umwelt anpassen kann, solange er sich keine
Schwachheiten über seinen Geist und so einbildet. Die Sehnsucht
nach dem gesteuerten Menschen, dieses Ideal seines determinierten
Funktionierens treibt den in der Psychologie üblichen unfreien
Maßstab, daß der Mensch immerzu zu s e i n e r Umwelt passen
soll, auf die Spitze.
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