Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       90 Minuten "Allgemeinbildung" für Psychologen
       

WOTTAWA ÜBERFRAGT

Statt bei seinen Methodenvorlesungen zu bleiben - wo man tradi- tionell von ihm nichts anderes erwartet als Probleme des Kali- bers: "Woher wissen Sie denn so genau, daß Sie nicht vielleicht bloß ein Gehirn in einer Nährlösung sind?" -, hält Professor WOTTAWA dieses Semester unter dem Titel "Allgemeinbildung" "Gespräche über Psychologie, Studium, Beruf und Sonstiges" ab (Mo 16-18 Uhr, GAFO 04/271). So, wie die Ankündigung klingt, hoffte er wohl, mit ein paar Montagnachmittagsplaudereien zwei Pflicht- stunden billig zu bestreiten. Dummerweise waren ein paar Kommili- tonen so taktlos, ihn in seiner "Gesprächsrunde" mit Diskussionen über Zweck und Praxis der Psychologie zu belästigen Das ist nun wirklich ein bißchen viel verlangt. Es ging schon so komisch los. Man zweifelt daran, daß die Psycho- logie geeignet ist, den Zeitgenossen bei irgendetwas anderem zu helfen als bei der Beschäftigung mit dem Kardinalproblem das die Psychologie selbst in die Welt gesetzt hat: alles Ungemach der Menschheit liege daran, daß das Individuum mit sich selbst nicht im reinen ist. Und diese letztere Ansicht sei ja wohl ziemlich weltfremd. Halt, sagt sich da Herr WOTTAWA, hier ist ein Fehler passiert. Diese Kritik v e r a l l g e m e i n e r t etwas. Und wendet ein: "Sie dürfen sich nicht vorstellen, daß die Psychologie i m m e r bloß e i n z e l n e n Individuen hilft." Und führt aus, er könne an einer betriebspsychologischen Untersuchung, an der er persönlich mitgearbeitet hat, zeigen, daß man auch ganzen Betrieben psychologisch helfen könne. Die Frage der "Arbeitsplatzzufriedenheit" zum Beispiel wäre da so ein richtig lohnendes Thema für psychologische Studien. Gefragt, ob er denn wirklich glaube, daß Psychologie notwendig ist, um herauszukrie- gen, daß die Arbeiter mit gutem Grund über ihre Arbeitsplätze schimpfen, - stutzt WOTTAWA. Gewohnt, den Hinweis auf psychologische Anwendungsgebiete mit dem Beweis zu verwechseln, daß man ohne Hilfe der Psychologie nicht auskommen könnte, fühlt er sich gezwungen, etwas a l l g e m e i n e r zu werden. "Hier wird die Notwendigkeit von Produktion schlechthin bestritten", schließt sein analytisch trainiertes Denkvermögen. Gedacht, gesagt: "Sie müssen schon die grundsätzliche Notwendigkeit der Produktion anerkennen!" Und die Frage nach dem Nutzen der Betriebspsychologie ist als "weltanschauliche" Opposition gegen überhistorische Menschheits- gesetze identifiziert. Schon die Menschen der Steinzeit, weiß WOTTAWA, mußten Profit ma- chen! Sie aßen ihr Mammut nicht ganz auf ("produzierten mehr, als sie verzehren konnten"), sondern gaben den Rest sogenannten "Schamanen", welche (den Vergleich zwischen Psychologie und Scha- manentum will WOTTAWA "nicht unbedingt" zurückweisen) anscheinend eigens dazu abgestellt worden waren, die Arbeitsplatzzufrieden- heit der Neandertaler durch Höhlenzeichnungen zu optimieren. In- tersubjektiv überprüfbarer Beweis dafür, daß 1. das Tellerchen nicht leer essen und Profit machen dasselbe ist, 2. man auf Essen verzichten muß, wenn man Kultur will, 3. Betriebspsychologie eine nützliche Angelegenheit ist: "Sonst hätten wir heute die Höhlenzeichnungen nicht." Leider kommt Herr WOTTAWA auch am nächsten Montag unvorbereitet ins Seminar. Diesmal ist Psychiatrie das Thema, von dem er nichts versteht. Mit der Frage, ob die psychiatrische Behandlung gei- stesverwirrten Menschen hilft, sie also von ihrer Verrücktheit befreit - oder ob sie mehr oder weniger nackte Gewalt gegen die Irren ausübt, gedenkt WOTTAWA zunächst schnell fertig zu werden. Da sei ein K l i s c h e e am Werk: heutzutage sei die Zwangsjacke längst durch die Verabreichung von Psychopharmaka er- setzt worden. Dieses intelligente, wenn auch ein bißchen unwahre Argument bringt die Gemüter erst recht in Fahrt: mit Recht wird eingewandt, daß der pharmazeutische Eingriff in den Stoffwechsel eines Menschen mit dem Zweck, seinem verrückten Willen die Kon- trolle über den Körper zu nehmen, mit "Heilung" nicht mehr zu tun hat als das Festbinden am Bett. - "A l l e Medikamente haben Ne- benwirkungen!" pariert WOTTAWA. Zu dumm, daß der Fehler dieser Binsenweisheit gleich bemerkt wird: Psychopharmaka haben den Zweck und die Wirkung, den "Patienten" zu "sedieren", also ruhig- zustellen; der Vergleich mit unbeabsichtigt riskierten Nebenwir- kungen ist also völlig abwegig. Die nächste Kehrtwendung nützt WOTTAWA wieder nichts: "N i c h t a l l e Psychopharmaka sind Sedativa!" Das ist halt medizinischer Unsinn. Da fühlt sich WOTTAWA wiederum gezwungen, ins Grundsätzliche zu gehen. Man dürfe "n i c h t a l l e s s o n e g a t i v" se- hen, fällt ihm aus seiner langjährigen Berufspraxis ein; nur mit einem gewissen "R e a l i s m u s" könne man durchs Leben kom- men, geschweige denn Psychologe werden. Und dann ist so eine Dis- kussion doch nicht normal, sagt ihm seine psychologische Men- schenkenntnis. Der ewige Widerspruch im Seminar lasse auf einen unbefriedigten Drang nach "Selbstdarstellung" schließen. Am lieb- sten, so WOTTAWA, würde er die Veranstaltung abblasen; das geht aber nicht so ohne weiteres. Jedenfalls dürfe so etwas nicht wie- der vorkommen. Trauriges Fazit: Auf die Fragen der Psychologie, der Zeit und der MG weiß Professor WOTTAWA genau zwei Antworten: 1. Das ist doch nicht immer so. (Das ist heutzutage ganz anders / das ist unzu- lässig verallgemeinert / da muß man differenzieren.) 2. So ist das doch immer. (So ist das schon immer gewesen / so ist der Mensch eben / das ist ein Grundsatzproblem .) Die beiden Thesen verwendet er abwechselnd, was tatsächlich ohne jede Kenntnis des verhandelten Gegenstands funktioniert - man braucht nur, wie im Besinnungsaufsatz, zu jedem Einerseits ein Andererseits zu finden -, und hält das für "Realismus". Wenn er damit überhaupt nicht überzeugen kann, tendiert WOTTAWA zum Verdacht, sein Gegenüber sei irgendwie nicht normal. Das ist weder logisch noch psycholo- gisch geschickt. Daher empfehlen wir ihm für seine "Gespräche" eine Synthese: 3. S o k a n n d a s d o c h n i c h t i m m e r w e i t e r g e h e n! zurück