Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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"Kohle und Stahl sind die Standbeine des Reviers. Wissenschaft
und Forschung werden zunehmend wichtiger, vielleicht wird man in
einigen Jahren schon feststellen, daß die Zukunft des Ruhrgebiets
nicht unwesentlich auch von seinen Hochschulen, ihren Forschungs-
leistungen und ihren Arbeitsplätzen abhängt." (Girgensohn. Wis-
senschaftsminister)
Wissenschaft und Forschung als die neuen Ständbeine des Reviers -
mit diesem hochoffiziell verkündeten Ideal präsentiert sich die
Uni Bochum samt ihren Wissenschaftlern und Studenten als Ruhr-
Universität. Alles Theoretische in bezug auf seine Bedeutung für
die Praxis abzuklopfen, heißt, die gesellschaftliche Verantwor-
tung, auf die sich der Geist im Pott verpflichtet, ständig
e x t r a vorzuführen. Die Praxisrelevanz der Bochumer Uni be-
steht in der Ideologie, daß all ihre wissenschaftlichen Aktivitä-
ten und Ergebnisse dem Zwecke dienen, dem Informationsbedürfnis
des Bürgers wesentliche Entscheidungshilfe zu bieten." (RuB-aktu-
ell)
Wottawas Urteil über die Gesamtschule
BEDENKLICH, DAHER BEDENKENSWERT
===============================
1.
Kein schönerer Auftrag für einen Sozialwissenschaftler als ein
Gutachten über die Gesamtschule, wenn die Schulreform als offi-
zielles Wahlkampfthema anberaumt ist. Selten bietet sich so gute
Gelegenheit, seine Nützlichkeit in aller Öffentlichkeit zu demon-
strieren, dem ewigen Verdacht zu begegnen, daß er Steuergelder
für "bloße Theorie", also wirklichkeitsfremde Spekulation, ver-
schwenden wurde, und den Eindruck zu erwecken, als wäre er nicht
nur Wissenschaftler, sondern wüßte auch etwas. Die Politiker ih-
rerseits können sich mit den bestellten "Entscheidungshilfen" vor
ihrem Wahlvolk als Leute präsentieren, die nicht etwa Entschei-
dungen fällen, wie es ihnen paßt, sondern wie es die Sache
selbst, wissenschaftlich analysiert, ihnen vorschreibt - eben-
falls ein sehr guter Eindruck, auch wenn die Sache natürlich
keine Vorschriften macht, weswegen den Politikern trotz aller
Sachzwänge niemand die Entscheidung abnehmen kann. Kein schlimme-
rer Vorwurf daher an solches Zusammenspiel von Geist und Macht
als der, bloß vorgetäuscht zu sein - aber auch kein dümmerer.
Denn die heutige Sozialwissenschaft ist weit genug entwickelt, um
von jeder politischen Partei angewandt zu werden, die sich den
Vorteil wissenschaftlicher Begründung sichern will; kein über-
flüssiges Dogma, kein positives Wissen steht dem Anspruch im
Wege, jeden demokratischen Standpunkt theoretisch zu stützen. Daß
die vom SPD-Kultusministerium Nordrhein-Westfalen georderte Ge-
samtschuluntersuchung von Fend/Raschert sofort mit einem Gegen-
gutachten von Wottawa/Heckhausen beantwortet werden konnte, ist
eine selbstverständliche Errungenschaft des geistigen Pluralismus
und mitnichten ein Anlaß, bestellte Resultate und unwissenschaft-
liche Machenschaften zu vermuten. RUB-Professor Heinrich Wottawa
hat in seiner Stellungnahme alles andere getan, als seine Wissen-
schaft für die CDU zu prostituieren. Das heißt keineswegs, daß er
irgendetwas Richtiges über Gesamtschulen verraten hätte - Wottawa
hat andere Sorgen.
2.
Wottawa führt seinen Haupteinwand gegen den Fend/Raschert-Bericht
als e m p i r i s c h e r Forscher, der mit Fakten und Zahlen
umzugehen weiß:
"Sie stellen die empirischen Ergebnisse teilweise völlig auf den
Kopf."
"Es wird dort ausgeführt, daß 68% eines Jahrgangs an der GS
(Gesamtschule) mindestens die Fachoberschulreife erreichen, 26%
den Hauptschulabschluß. Demgegenüber wird im TS (traditionellen
Schulsystem) in 39% ein Hauptschulabschluß erreicht, einen wei-
terführenden Abschluß erhalten etwa 50%.
Darin würde (...) zweifellos ein wichtiger Vorteil des Systems
des GS liegen. Bedauerlicherweise konnten diese erfreulichen Zah-
len, die auf den Ergebnissen im Gesamtbundesgebiet für die Jahre
1975-1978 basieren, in den empirschen Untersuchungen zum Gesamt-
schulversuch in Nordrhein-Westfalen in keiner Weise bestätigt
werden. ... statt den im Abschlußbericht zitierten 68% nur knapp
53% ... statt 26% nur 39%... was völlig den Erfahrungen im TS
entspricht."
Da finden wir uns denn mitten in der Problematik der Empirie.
Denn Wottawas Vorwurf lautet nicht etwa, seine Vorgänger hätten
die Zahlen, womöglich böswillig, verwechselt, sondern daß sie die
Probleme der I n t e r p r e t a t i o n vernachlässigt hatten.
Nämlich, wem oder was soll man glauben, wenn einmal 68%, einmal
53% gezählt werden? Kann man daraus überhaupt einen Schluß
ziehen? Liegt NRW vielleicht nicht im Bundesgebiet? Soll man Bun-
desrecht Landesrecht brechen lassen? Hätte man 1979 dazuzählen
sollen? Nein, Wottawa argumentiert systematisch.
"Für die weitere Analyse ergeben sich zwei Denkvarianten: Entwe-
der vergeben die Gesamtschulen für etwa Drittel der Schüler mit
prognostiziertem Hauptschulabschluß (die in NRW) später doch den
weiterqualifizierenden Abschluß oder die an den Gesamtschulen in
Nordrhein-Westfalen erreichten Abschlüsse weichen gravierend von
den aus den vergangenen Jahren für das Bundesgebiet berichteten
durchschnittlichen Zahlen ab."
In der Tat, das ist geordnet gedacht. Entweder stimmt nur eine
Zahl, oder beide: dann weichen sie voneinander ab, Der Versuch,
aus der z u f ä l l i g e n Anzahl von Schulabgängern eines
Jahrgangs den Schluß zu ziehen, daß die Zahl in jedem Jahr die
g l e i c h e sein werde, obwohl man genau weiß, daß bei jeder
Stichprobe etwas anderes herauskommt, ist, wie man sieht, ebenso
widersinnig wie methodisch reizvoll. Erstens gelingt er nie und
läßt sich durch Nachzählen jedesmal lustig vereiteln. Zweitens
hinterläßt er auf diese Weise die Hypothese, daß die Gesamtschule
mehr Kinder mit Mittlerer Reife und Abitur abwirft, immer unbe-
wiesen - wer will schon sagen, ob 53% oder 68% mehr als 50% sind,
nämlich "signifikant" mehr? Tatsächlich kann ebensogut mal 49%
herauskommen... Drittens erlaubt sie, wenn man dem Prinzip folgt,
daß alle Tatsachen genausogut zufällig wie gesetzmäßig zustande-
gekommen sein können, auch j e d e Deutung. Wottawa bevorzugt
diejenige, daß 53% nicht "signifikant" mehr sind als 50%, also
die Gesamtschule nicht unbedingt eingeführt werden soll; da hat
er die Statistikerzunft insofern auf seiner Seite, als nach ihren
Absprachen Dinge unter 50% gemeinhin ungültig sind. Mit völlig
gleichem Recht bestehen Fend/Raschert auf 68%, eben "weil" es die
Zahl für die g a n z e BRD ist; mit ebenso gutem Recht könnte
ein SPD-Wottawa aus beiden Zahlen den Durchschnitt bilden respek-
table 60%! und sich dafür von Heckhausen vorwerfen lassen, daß
man die BRD und NRW nicht gleichsetzen dürfe.
3.
Das ist die Welt der methodischen Spekulationen und Vorbehalte,
die Wottawas Spezialgebiet bildet. In der für einen Meister sei-
nes Faches gewöhnlichen Haltung der Gewissenhaftigkeit, des Skru-
pels vor "ungesicherten Aussagen", der Sorgfalt und Vorsicht un-
terbreitet er Vergleiche zwischen beiden Schularten, die alle
e i n Ergebnis haben: daß die Gesamtschule mit eben dieser Vor-
sicht zu betrachten sei. Im freiwiligen Zwang, jedes Einerseits
mit einem Andererseits zu ergänzen, - so geht halt Methode! - je-
des wohlwollende Urteil des SPD-Gutachtens zu relativieren, aber
dann auch wieder die wissenschaftliche Neutralität so zu üben,
daß er der Gesamtschule einige gute Haare läßt ("es gibt auch Be-
funde, die für eine Verbesserung der Chancengleichheit vor allem
bei Mädchen aus der Unterschicht sprechen..."), produziert er
blühenden Unsinn, und das jedenfalls nicht zufällig. Beispiel:
"Der Versuch, bei einem Leistungsvergleich zwischen TS und GS die
schlechteren Lerngelegenheiten der Gesamtschulen 'zu bereinigen'.
der zumindest im 6. Schuljahr die Nachteile der GS weniger gra-
vierend erscheinen läßt, erscheint sowohl methodisch als auch (!)
inhaltlich außerordentlich fragwürdig. Bei gleichen Lerngelegen-
heiten und gleich gutem Lehrer stellt sich die Frage, welchen
Einfluß das Schulsystem überhaupt noch haben soll - von Klassen-
zusammensetzung und Stimmung evtl. (!) abgesehen."
Tja, kaum fällt ihm auf, daß die Kinder in der Gesamtschule weni-
ger lernen - dies natürlich als "intersubjektiv" abzählbare
"Lerngelegenheiten" definiert und operationalisiert, wie könnte
man sonst von Mehr oder Weniger sprechen! - fällt ihm ein, daß es
ja andererseits auch schlimm wäre, wenn gar kein Unterschied der
Schulsysteme bestünde, in letzterem Falle wäre die Gesamtschule
ebenso gut wie die alte, also auch schlecht; Beweis: die
"Lerngelegenheiten", die eben noch Bestandteile des Gesamtschul-
systems waren und es diskreditierten, gehören, wenn sie zahlrei-
cher werden, nicht dazu; und überhaupt, seit wann charakterisie-
ren ausgerechnet Lehrer ein Schulsystem!
S o kam Wottawas in die WAZ eingegangene Empfehlung zustande:
"Die Gesamtschule soll an die Stelle der Hauptschule treten, aber
nicht Realschule und Gymnasium ersetzen." Irgendeinen konstrukti-
ven Vorschlag mußte er schließlich machen; und da seine Zahlen
sagten, daß die "Unterschicht"kinder auf der Gesamtschule immer
noch besser waren als auf der Hauptschule - woran das liegt,
"stellte" er wieder mal "dahin" -, ließ er sich zu dieser Alter-
native hinreißen, die es nur leider nicht gibt. Bekanntlich be-
ruht die Gesamtschule auf der ständigen Konkurrenz um die Kurs-
einteilung und damit um den Schulabschluß; wenn man also nur die
Kinder hinschickt, die ohnehin für den Hauptschulabschluß vorge-
sehen sind, erhält man wieder eine - Hauptschule.
4.
Methodiker, der er ist, benutzt Wottawa also die Gesamtschule nur
als Material, um sein eigentliches und einziges Thema zu be-
arbeiten: Kann man überhaupt was Gewisses sagen? Er stellt keinen
V e r g l e i c h an, sondern problematisiert sein ganzes Gut-
achten über die V e r g l e i c h b a r k e i t von GS und TS
Auf Seite 2 fällt er gleich mit der Tür ins Haus:
"Es war unmöglich, die Ergebnisse des a b s t r a k t e n Sy-
stems 'GS' mit dem eines anderen abstrakten Systems 'TS' zu ver-
gleichen. Ein aussagekräftiger Vergleich würde voraussetzen, daß
die Situation des einzelnen Schülers nur durch das unterschiedli-
che System, nicht aber durch viele andere damit konfundierte
Merkmale definiert ist."
Unter "konfundierte Merkmale" fallen erstens die Lehrer, zweitens
alles, was sonst noch an der Schule dran ist, aber drittens - vor
allem, vor allem, jetzt sein Lieblingsargument - die Schüler. Die
waren nämlich, infolge eines einerseits unberechenbaren, anderer-
seits die Untersuchung sicherlich "systematisch verzerrenden"
"Anmeldeverhaltens" ihrer Eltern nicht "vergleichbar" = im GS
vollständig gleich den Schülern des TS, oder wenigstens vollstän-
dig normalverteilt... Es besteht nämlich Grund zu der Annahme,
daß z.B. Eltern, deren Kind Abitur machen soll, ohne jedes Inter-
esse am Experiment es gleich aufs Gymnasium schicken - umgekehrt,
umgekehrt, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt.
Daß Wottawa mithilfe dieser Überlegung sämtliche Bestandteile der
Gesamtschule leichten Herzens zu Störfaktoren ihrer Untersuchung
erklärt, muß nicht erstaunen, wenn man bedenkt, welche methodi-
sche Strenge darin liegt. Wottawa beherrscht eben einen logischen
Kardinalfehler meisterhaft und in jeder Variante: das Verwechseln
von Grund und Umstand. Für ihn gibt es keinen Unterschied zwi-
schen Zufall und Notwendigkeit, Wille und Geistesverwirrung, zwi-
schen einer Absicht und dem Wetter, notwendigen Bedingungen und
Umständen wie einem wackligen Stuhl - a l l e s gilt ihm als
m ö g l i c h e r "Faktor" eines "Effektes", welchen man folg-
lich auch nur durch Rekonstruktion sämtlicher irgend möglicher
"Einflüsse" beurteilen darf. Daher drängen sich ihm Fragen auf
wie diese: Ist die Schule o d e r der Schüler für einen
"Lernerfolg" verantwortlich? Die Erinnerung, daß die Schule nicht
lernt und eins ohne das andere nicht existiert, überzeugt ihn
keineswegs, daß seine Frage kindisch war, sondern treibt ihn zur
nächsten: wie kann man trotzdem die beiden "Faktoren isolieren",
so daß am Ende doch herauskommt, wer von beiden...? Wottawas
heimlicher Wunschtraum ist also der folgende: Einige hundert Tau-
sendschaften (genügend große Stichprobe) von eineiigen Drillingen
(= vergleichbar), deren Schichtzugehörigkeit der Schichtdifferen-
zierung der BRD prozentual entspricht (= repräsentativ), werden
fünfzig Jahre lang (genügend großer Zeitraum) in drei verschie-
denen Gruppen erzogen: A = Gesamtschule, B = Traditionelle
Schule, C = überhaupt nicht (Kontrollgruppe). Das Personal der
Schulen besteht aus Zwillingen, die völlig gleich erzogen wurden.
Identität sämtlicher Gegenstände der Umwelt versteht sich von
selbst. So könnte man endlich das Rätsel lösen, wie das Gesamt-
schulsystem wirklich wirkt. Der einzige Haken wäre der, daß man
nach fünfzig Jahren immer noch nicht wüßte, ob es bei normal
durcheinandergewürfelten Kindern die g l e i c h e n Prozent-
zahlen von Abiturienten, Hauptschulabgängern, Rauschgiftsüchtigen
usw. produziert.
Wottawas offizielle Forderung sieht nicht wesentlich bescheidener
aus:
"Aus wissenschaflich-methodischer Sicht wäre es außerordentlich
wichtig, die verschiedenen Aspekte des Systems 'Gesamtschule' ge-
trennt zu analysieren. Die empirischen Ergebnisse erbrachten sehr
stark Unterschiede zwischen den einzelnen Gesamtschulen, wobei es
unklar bleiben muß, ob es sich hier wirklich um Schul- oder um
Klassenunterschiede handelt... Darüber hinaus wäre es sehr wün-
schenswert, wenn das aus verschiedenen Gründen stets als komplexe
Einheit aufgefaßte Gesamtschulsystem - es werden gleichzeitig die
Effekte der Ganztagsschule, des Kurssystems, verschiedener
Organisationsprobleme wie etwa Größe, eine spezielle Eltern/
Schülerauswahl und eine spezielle Lehrergruppe untersucht -
hinsichtlich seiner e i n z e l n e n Auswirkungen überprüft
werden könnte."
Wottawa kennt sich offensichtlich aus mit den Gesetzen der Wahr-
scheinlichkeit. Eins davon lautet: Wer viel verlangt, kriegt im-
merhin etwas.
NB.: Ist damit klar, a) daß Wottawa allen Grund hat, seine Klau-
suranforderungen möglichst hoch zu schrauben, b) daß überhaupt
kein Grund besteht, darüber beleidigt zu sein ("Unsymp der Wo-
che"), noch weniger, sich vor Wottawa wie ein Analphabet zu stel-
len ("durch die Länge seiner Sätze und die Geschwindigkeit, mit
der er sie abspult, wird der Inhalt weitgehend unverständlich
BSZ)?
***
Denjenigen, denen wir hiermit hoffentlich die sogenannten sozial-
wissenschaftlichen Kriterien zur Beurteilung der Gesamtschule aus
dem Kopf geschlagen haben, erst recht aber allen anderen, ver-
sprechen wir rechtzeitig vor der Wahl eine entsprechende Ent-
scheidungshilfe. Verraten können wir jetzt schon, daß die Alter-
native Schule/Gesamtschule genauso schön zum Aussuchen ist wie
die zwischen Rau und Köppler.
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