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REZENSION ZU BOGDANOVS "DER ROTE STERN"
Günter Maschke. Bogdanovs Warnung
1.
Alexander Alexandrowitsch Malinovski, bekannt geworden unter dem
Schriftstellernamen Bogdanov, war eine der führenden Gestalten
der frühen russischen Sozialdemokratie. 1873 in Tula als Sohn
eines Lehrers geboren, nimmt er 1893 an der Moskauer Universität
das Studium der Naturwissenschaften auf. Als Student und stu-
dentischer Funktionär steht er während der ersten Jahre unter dem
Einfluss der Narodniki. Er fühlt sich aber auch dem Kreis um
Juzov, Michajlovskij und Lavrov zugehörig - es sind dies die
Übersetzer und Protagonisten der Lehren Herbert Spencers in
Russland. 1) In einem sehr allgemeinen Sinn darf man sagen, dass
ihn diese frühen Einflüsse nie wieder losgelassen haben. So plä-
diert er, inzwischen Bolschewik geworden, nach der Niederschla-
gung der Revolution von 1905, noch im Jahre 1907 für den
bewaffneten Aufstand, der für ihn - ganz im Gegensatz zu Lenin -
aktuell bleibt. Und der aufklärerische Impetus, das Vertrauen auf
die schöpferische und rezeptive Kraft der Massen, wie sie die
Narodniki auszeichnete, sind in seinem Werk immer präsent; ebenso
die Tendenz zur 'Popularisierung' der Wissenschaften. Der Ein-
fluss Spencers hingegen macht sich bemerkbar in der Anschauung
Bogdanovs von der Gesellschaft; wie jener begreift er sie als
Gleichgewichtssystem, ihr Wesen ist der 'Ausgleichsprozess' im
allgemeinen, aber auch im Spencer'schen Sinne: als "beständige
Anpassung Individuenzahl an die Subsistenzmittel" 2) - zentrales
Motiv auch des 'Roten Stern'.
'Der Rote Stern', erstmals 1907 veröffentlicht, ist nicht nur ein
sozialistischer Staatsroman - er enthält in nuce die Theorie Bog-
danovs, die er vor allem in seiner zweibändigen 'Allgemeinen
Organisationslehre (Tektologie)' 3) dargestellt hat. Wir können
den Roman auffassen als eine Versuch Bogdanovs, seine - von Lenin
in 'Materialismus und Empiriokritizismus' bald verketzerte -
Theorie propagandistisch zu illustrieren.
2.
Zentraler Gedanke der Theorie Bogdanovs ist die harmonische Or-
ganisation der Dinge, Menschen und Ideen. Die in sich zerrissene,
anarchische Gesellschaft des Kapitalismus schafft durch die
Spezialisierung ihrer Mitglieder Widersprüche zwischen den ein-
zelnen, differierenden Elementen. Bogdanovs Programm kommt sehr
pointiert zum Ausdruck, wenn er schreibt: "Die gesamte Summe der
Arbeitskräfte der Gesellschaft - Hunderte von Millionen differen-
zierter Einzelpersonen - muss in einer harmonischen Gesellschaft
vereinigt und genau in Einklang gebracht werden mit der vorhan-
denen Summe der Produktionsmittel, die der Gesellschaft zur Ver-
fügung steht; im Einklang mit diesem riesenhaften System muss
auch die Summe der in diesem Milieu vorherrschenden Ideen stehen,
da sonst kein inneres Gleichgewicht vorhanden sein würde und die
mechanische Zusammenfassung innere Kämpfe erzeugen könnte. Diese
dreifache Organisation - der Dinge, Menschen und Ideen - kann
natürlich nur auf dem Boden einer strengen wissenschaftlichen
Planmäßigkeit aufgerichtet werden, die ihrerseits sich auf die
gesamte organisatorische Erfahrung der Menschheit stützen
müsste." 4)
Bogdanov schließt hieraus die Notwendigkeit der Entwicklung einer
monistisch-universalen organisatorischen Methode. Ihr Ausgangs-
punkt ist die maschinelle Großproduktion, deren Wesen die
planmäßige Ausnutzung und Umwandlung von Energie ist. Die hieraus
abgeleitete 'energetische Methode' bildet für Bogdanov die metho-
dologische Basis der Naturwissenschaften - die Sozialwissenschaf-
ten müssen dieses Niveau über die "fortschreitende Annäherung an
die Biologie" erst noch erreichen. Zum energetischen Prinzip
tritt noch das Prinzip der Selektion und das der Einheit der
Mechanismen; Bogdanovs Schlussfolgerung ist die Annahme der Uni-
versalität des Gleichgewichtsmechanismus. Demzufolge ist ihm auch
der Klassenkampf der Kampf zweier das Gleichgewicht störender
Kräfte, der mit einem neuen Gleichgewicht endet. Rvolutionen sind
die Krisen dieses Gleichgewichts der Gesellschaft, die Bogdanov
in Analogie zur Natur denkt. 6)
3.
Bogdanov gelangt zu der Forderung, dass die Menschheit einen
"grundsätzlich neuen Standpunkt, eine neue Denkmethode" braucht.
Aber wie? Durch die sich im 19. Jahrhundert herausbildende neue
Klasse: das Industrieproletariat. Im System des modernen Kapi-
talismus wird, je mehr sich die Maschinerie vervollkommnet, die
eigentliche Differenzierung und Spaltung der Gesellschaft - die
Trennung von physischer und geistig-organisierender Arbeit -
immer sinnloser. Die wissenschaftliche Technik erfordert einen
neuen Arbeitertypus, der sowohl Leitung und Kontrolle als auch
physische Einwirkung auf die Arbeitsobjekte in sich vereinigt.
Diese "lebendige Kontrolle", diese "bewusste Einmischung" wird
schließlich in der Epoche das der Automation vollständig.
Bogdanov antizipiert hier bereits ein Denken Sohn-Rethels, aber
auch die Theorie von der neuen Arbeiterklasse, wie sie in Frank-
reich (wir sehen über die Divergenzen hinweg) von Mallet, Gortz,
Touraine vertreten wird - und das noch vor der Russischen Re-
volution, in einem unterentwickelten Land. Es liegt auf der Hand,
dass eine solche Theorie kaum zur Revolutionierung Russlands
taugte.
Aber Bogdanov hat nach der Revolution nicht - wie die Buchsta-
bengelehrten der II. Internationale - das Lied des 'Zu früh' und
'Die Verhältnisse sind noch nicht reif' angestimmt - gerade als
Nicht-Marxist hat er die Rolle der Ideologie erkannt; ihre Funk-
tion. Sein 'Idealismus' erlaubte ihm die Entwicklung einer Theo-
rie des Überbaus; eines Überbaus, der die Harmonisierung der
Gesellschaft doch noch ermöglichen sollte. Mit dessen Propagie-
rung, Wirkungsweise, Anwendung befassen sich die Schriften
Bogdanovs zum Problem der 'proletarischen Kultur'. 7)
4.
Das industrielle Proletariat zeichnet sich, so Bogdanov, aus
durch den Geist der Kameradschaft und Kooperation. Dessen voll-
ständiger Realisierung dient der Kampf um den Sozialismus, der
mehr meint als die bloß ökonomischen Strukturwandlungen durch die
Revolution. Auch Bogdanov geht es um den Neuen Menschen, - "der
Mensch ist noch nicht erschienen, doch er ist nahe, und seine
Silhouette zeichnet sich klar am Horizont ab" 8) - so schreibt er
einmal. Es ist der 'Übermensch', der 'Menschgott' der russischen
Nihilisten aber in einer technisch-sozial perfektionierten, sie
meisternden Umgebung. 8a) Ein solches Modell des 'Neuen Menschen'
hat, wie sehr wir auch über den technischen Erlösungsglauben
Bogdanovs lächeln mögen - gegenüber dem Mythos des Che Guevara
für die Industriegesellschaften doch die größere Wahrschein-
lichkeit für sich. Aber gerade solche Nähe zum Problemkomplex
sozialistischer Industriegesellschaft, vermag die romantischen
Sehnsüchte junger Revolutionäre kaum zu befriedigen, wie ehren-
wert diese auch sein mögen. Denn Technik wird, trotz der sichtbar
werdenden Konsequenzen von Entfremdung, Unterwerfung des Menschen
unter die Maschine, seine Degradierung zu dessen Anhängsel etc.
gedacht. Utopie - wird sie mit Technik zusammengebracht - "er-
schöpft sich zunehmend in der Darstellung dessen, was man von
Wissenschaft und Technik erwartet oder gar fordert. Diese beiden
Mächte sind in den Augen des breiten Laienpublikums in ständigem,
unendlichen Fortschritt begriffen, eine feste des Erreichbaren
und Möglichen, an die noch Jules Verne geglaubt hat, scheint es
für sie nicht zu geben. Sie sind damit auch unverständlicher
geworden und geheimnisvoller geworden, und die Ausübenden, die
Konstrukteure, Erfinder und Wissenschaftler nicht minder." 9)
Diese moderne Hilflosigkeit ist Indiz der Arbeitsteilung, einer
immer noch eher zur 'Zerstückelung' als zur Kooperation tendie-
renden Technik, schließlich, der irrationalen Verfassung neokapi-
talistischer (wie pseudokapitalistischer) Gesellschaften. Sie
resümiert die zur Skepsis zwingenden Erfahrungen mit einer Tech-
nik, die, als militärisch genutzte, nicht nur die Vernichtung
androht, sondern auch im Bereich ziviler Produktion den Existenz-
kampf nicht abschafft, sondern ihn aufrechterhält - eine Technik
schließlich, die den Menschen zur Konditionierung an die Maschine
zwingt anstatt umgekehrt. 10) Dieses Motiv eines Kulturpessimis-
mus, dem auch die Linke anhing (man denke an Günther Anders und,
verdeckter, an die Haltung der Frankfurter Schule!); eines Pessi-
mismus, der sich freilich von sehr realen Erfahrungen speist, ist
Bogdanov völlig fremd. Sein Glaube an die Technik, Produkt eines
unterentwickelten Landes, das den 'Amerikanismus' bewundert, ist
ungebrochen und mündet in die Utopie der 'Gottgleichheit' des
Menschen - Movens aller progressiven Utopien überhaupt. Hier hat
sich denn Bogdanov auch mit dem 'Gotterfindertum' Gorkis und sei-
nes Freundes Lunatscharski getroffen, die den Sozialismus als
neue Religion definieren: als Religion freilich, die mittels Wis-
senschaft den 'Übermenschen' erbaut, der Menschgott ist. 12) Doch
gerade der uns naiv anmutende Glaube Bogdanovs an die Technik hat
heute, angesichts ihrer jetzt sehr real prognostizierbaren Mög-
lichkeiten, neue Aktualität.
5.
Bogdanovs Roman ist in verblüffenter Weise aktuell. Es wird auf
die Notwendigkeit einer "Umwandlung und Erneuerung der proleta-
rischen Klassenmoral" hingewiesen. Sie steht auch im Mittelpunkt
der Theorie des 'Proletkult' - das heutige Stichwort dazu wäre
Kulturrevolution und Veränderung des Überbaus, dessen Synchroni-
sierung mit den Prozessen der Basis. Bucharin, nicht unbeein-
flusst von Bogdanov gibt einmal: "Die Arbeiterklasse kann die
bürgerliche Clique in tausend Scherben zertrümmern, kann physisch
von allem Besitz ergreifen, kann aber von unten her durch die
kulturellen Kräfte ihres Gegners aufgezehrt werden, nicht in
Schlachten, nicht in Gefechten, nicht am Periskop, sondern im
Prozess der langsam und allmählich vor sich gehenden sozialen
Evolution" 13) - ein Satz, der, wenn auch nicht von der gleichen
kämpferischen Bedingtheit des aktiven Politikers, 14) auch von
Bogdanov stammen könnte. Bogdanov, Propagandist der Inbesitznahme
und Umformung der Kultur durch das Proletariat, schließlich der
Entrümpelung und Übersichtlichmachung der Wissenschaften und des
Aufbaus einer proletarischen Enzyklopädie - analog zu der der
französischen Aufklärers 15) - ist aber alles andere als ein
Museen- und Bilderstürmer. Im Gegenteil: das Proletariat soll
sich ja "auf die gesamte organisatorische Erfahrung der Mensch-
heit stürzen". Das ist ihm freilich nur möglich, weil es die
organisierte Klasse kat <?> exochen ist. Konzentration des Ka-
pitals, Monopolisierung, technischer Fortschritt, Wandel der
Arbeitsorganisation erzwingen die Kollektivität der Arbeit, das
Verschwinden des alten Handwerkerindividualismus: das Prinzip der
Organisation wird für Bogdanov das des Proletariats und seines
Denkens überhaupt. Dagegen ist eingewandt worden, dass so die
menschliche Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Produktion
reduziert wird auf die von der Funktionalität technischer
Prozesse und deren technologischer Bedingungen - was auf eine
"Automatisierung des Lebens" 16) hinziele. Zumindest im 'Roten
Stern' ist aber, bei aller Rationalität der Arbeiterorganisation,
davon nicht viel zu spüren; die Marsianer sind Individuen und das
ganz im sozialistischen Sinn: Individuen weil sie solidarisch,
solidarisch, weil sie Individuen sind. Auch Bogdanov, der die
'Individualität' zurücknimmt ins Kollektiv, kann, wenigstens als
Romanautor, nun wieder deren 'bürgerliche' Gestalt beschreiben.
An sich ist ihm 'Individualität' gänzlich gleichgültig: "Der
Mensch ist persönlich - aber sein Werk ist unpersönlich!" Es
bleibt aufbewahrt im "unermesslich sich entwickelnden Leben".
Dieses organisiert und harmonisiert qua Wissenschaft organisier-
ter Erfahrung der menschlichen Arbeitsgemeinschaft die vorhan-
denen individuellen Bewusstseinsformen.
Noch einiges zu den aktuellen Aspekten des 'Roten Stern'.
Bogdanov entwickelt das Modell einer kollektiven Kindererziehung,
schildert das Absenken der Geschlechterdifferenz in einer be-
freiten Gesellschaft, die ihm, selbst was das körperliche Er-
scheinungsbild angeht, als Ergebnis der Versklavung der Frau
gilt. "Anscheinend hatte die häusliche Sklaverei der Frau und das
Schuften des Mannes die Körper nach verschiedenen Richtungen hin
beeinflusst." Und schließlich bildet er die Arbeit seiner neuen,
marsianischen Arbeiterklasse, die in funktionellen, sauberen
Fabrikhallen eine mehr oder weniger automatisierte Maschinerie
beaufsichtigt. Diese "technokratische Vision" schlägt sich auch
in seinen theoretischen Schriften nieder, begründet das Vertrauen
in den technologischen Fortschritt, der den Sozialismus quasi
unausweichlich macht.
6.
Technologischer Fortschritt bedeutet für Bogdanov noch Entfaltung
der Vernunft, Beförderung der Humanität. Seine Konklusionen sind
zwingend: auch die Mars-Kapitalisten fügen sich ihnen. Mehr oder
weniger friedlich wächst die Gesellschaft in den Sozialismus
hinein. Doch das ist nicht nur Naivität: geht Bogdanov in seinem
Roman auf die Klassenkämpfe der Erde ein, so weist er auf die
Möglichkeit langer und blutiger Kämpfe, eines barbarischen So-
zialismus, von Patriotismus vergiftet, hin - geradezu eine Anti-
zipation der sowjetischen Entwicklung. Auch dass er Sterni, der
die Vernichtung der Erde propagiert, dies in den Mund legt,
ändert daran nichts: weniger als klassischer Marxist denn als
'technokratischer' Ideologe, wusste Bogdanov, dass die Qualität
des Sozialismus auch von der Entwicklung der Produktivkräfte -
und der durch sie beeinflussten sozialpsychologischen Strukturen
- abhängt. Bogdanovs Bild der sozialistischen Mars-Gesellschaft
ist freilich nicht ungetrübt; ist noch von seinen Vorstellungen
der 'harmonischen Gesellschaft' entfernt. Daran ändert auch die
faszinierende Konstruktion des Zusammenspiels von frei sich
entscheidender Arbeit und zentralem Plan nichts. Es gibt hier
noch Selbstmorde, sogar Gewaltanwendung, wieder durchbrechenden
Realismus des Autors, sondern ist auch Reflex einer Ideologie,
die selbst die befreite Gesellschaft - und hier ist das oft etwas
modisch-leichtfertig gebrachte Wort 'technokratisch' am Platze -
nur als eine der permanenten Auseinandersetzung mit der Natur
denken kann. Der Utopist Bogdanov verwirft die Utopie der Ver-
söhnung. Die Tatsache einer drohenden Rssourcenerschöpfung bringt
den Sozialisten Sterni dazu, ganz im Stile reaktionärer 'Volk-
Ohne-Raum'-Ideologie, die Okkupation eines anderen Sterns, der
Erde, zu fordern. Und da sich dem die unvernünftige, zurück-
gebliebene, barbarische Erdbevölkerung widersetzen könnte, muss
sie vorab mit einem Präventivschlag ausgelöscht werden!
7.
Hier stoßen wir auf die ideologischen Werte Bogdanovs, die vom
happy-end nur mühsam kaschiert wird; trotz der Visionen der
kameradschftlichen und kooperativen Gesellschaft. Denn diese Ka-
meradschaft und Kooperation ist eine des ewigen Kampfes wider die
Natur: "...keineswegs herrscht Friedenn zwischen uns und den
Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich. Diese ist ein
Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr
bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die
Ausbeutung unseres Planeten um das Zehnfache erhöht, unsere
Bevölkerung wächst an, und noch mehr steigern sich unsere Be-
dürfnisse." Das biologistisch-vitalistische Element im Denken
Bogdanovs führt ihn zu Statements, die zumindest heute schlicht
als reaktionär anzusehen sind: "Die Vermehrung beschränken! Das
bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete den Verzicht auf das
unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das Stehenbleiben auf
der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen Massen
gegen die Natur vorgehen."
Der gesellschaftliche Arbeitsprozess wiederholt die Zwänge der
Natur. Bogdanovs Theorie verfällt der Dialektik der Aufklärung,
seine sozialistische Gesellschaft führt diese bis an ihr Ende;
sie ist umso sozialistischer, je effektiver sie die Natur
unterjocht, im Zaum hält, förmlich niederschlägt. Damit wächst
aber ihr Potenzial der Vernichtung, wird die schwarze Utopie der
Ausradierung der unterentwickelten Barbaren denkbar. Das 'sur-
vival oft the fittest' bisher das blutige Gesetz der Erdbevölke-
rung untereinander, soll nun auch ihr gegenüber gelten. Bogdanov
denkt den Fortschritt linear - wie sehr die veränderten Formen
der menschlichen Kommunikation dem auch zu widersprechen schei-
nen. Sicherlich ist er einer der wenigen Verfasser von Staats-
romanen, die, wie Bacon in seinem 'Neu-Atlantis' die technischen
Produktivkräfte, die Maschinenwelt mit der ökonomisch-sozialen
verbinden, die die Produktivkräfte in den Dienst des besseren
Lebens stellen. Wie Bacon dient ihm die Naturbeherrschung "der
Ausrichtung eines 'regnum hominis'". 16) Wie dieser ist er er-
füllt von den Möglichkeiten der Entfesselung der Produktivkräfte.
Doch herrscht bei Bacon der Optimismus, zeigt die Technik noch
ein ganz menschliches Gesicht, schafft sie ein "ruhiges Reich"
(Bloch), so geht hier, im 'Roten Stern', die Anstrengung und der
Kampf weiter. Aber. "Naturströmung als Freund, Technik als Ent-
bindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden
Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie."
17) Dies zu denken, ist Bogdanov, dem Propheten der Kooperation
und Automatisation, verwehrt: er vermag das Verhältnis von Natur
und Gesellschaft nur als Kampf, Ausbeutung permanenten Krieg
anzusehen - seine Definition der Technik bleibt bürgerlich. Doch,
so seine Hoffnung, ist die Gesellschaft erst einmal sozialis-
tisch, eine rational diskutierender Individuen, setzt sich der
humane Impuls immer noch durch. Sozialistische Gesellschaft als
eine, die mittels Kommunikation und freier Diskussion ihren in-
tersubjektiven Konnex reorganisiert, vermag dann immer noch, das
Bessere zu wählen; muss sich nicht der barbarischen Natur gleich-
schalten. So entrinnt sie den Zwängen des Reiches der Notwendig-
keit. Ist dieses rationell geregelt und vermag "jenseits dessel-
ben... das wahre Reich der Freiheit... aufblühn" 18), als Reich
des herrschaftsfreien Dialogs, gelingt zwar nicht die Versöhnung,
aber ihr Scheitern macht den Fortschritt zu jenem "scheußlichen
heidnischen Götzen... der den Nektar nur aus den Schädeln er-
schlagener trinken wollte." 19) Dass dessen Erscheinen auch im
Sozialismus möglich ist - das sollten wir als die Warnung Bog-
danovs ansehen.
***
Anmerkungen
-----------
1) Vgl. D. Grille, Lenins Rivale - Bogdanov und seine Philo-
sophie, Köln 1966, S. 40 f. - Grilles Werk bietet eine ausführ-
liche Schilderung vom Leben und Werk Bogdanovs.
2) H. Spencer, Gesellschaft als System kosmischer Gleichgewichte,
in: K. H. Tjaden (Hrsg.), Soziale Systeme - Materialien zur Doku-
mentation und Kritikm soziologischer Ideologie, Neuwied/Berlin
1971, S. 61.
3) Deutsche Ausgabe: Band 1, Berlin 1926; Band II, Berlin 1928.
4) A. Bogdanov, Tektologie I, S. 54; zit. Nach: Die Theorie A.
Bogdanovs - Textmontage, in der Zeitschrift 'Ästhetik und Kom-
munikation', Heft 516, Februar 1972, Rowohlt-Verlag, S. 102.
5) Ebda., S. 94.
6) Wenn man will, ist ein solches System genuin 'bürgerlich'. Die
bürgerliche soziologische Theorie konnte sich von früher (so bei
Vierkandt, Sombart, Sorokin etc.) Revolution nur als Gleichge-
wichtsstörung vorstellen - von da bis zur Forderung nach notfalls
gewaltsamer Aufrechterhaltung dieses als positiv gewerteten Zu-
standes ist nur ein Schritt. Aber Bogdanov entwindet ja dem
Gegner die Waffe und richtet sie gegen ihn! Bei ihm erhält die
Revolution die Weihe 'naturgesetzlicher Legitimation' durch den
gebieterischen, der Gesellschaft quasi-ontologisch vorgeordnetem
Zwang zum Gleichgewicht, dem die alte Ordnung entgegensteht.
Einflüsse Bogdanovs in dieser Hinsicht sind auch bei Bucharin
festzustellen. Selbstredend hat ein solches Konzept wenig mit
marxisischer Dialektik zu tun - was Bogdanov auch keineswegs
geleugnet hat. Von dieser Theorie aus aber ist die Bogdanovs Werk
inhärente Tendenz sowohl zu einem 'technokratischen Revisionis-
mus', als auch zur Antizipation des 'friedlichen Übergangs zum
Sozialismus' verständlich. Ein aktuelles Beispiel für die De-
finition der Revolution als Gleichgewichtskrise: Ch. Johnson,
Revolutionstheorie, Köln -1971. - Man kann ohne gewaltsame In-
terpretationskünste B. als 'Vorläufer der Systemtheorie' ein-
stufen.
7) Vgl. A. Bogdanov, Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse,
Frankfurt 1971
8) Zit. Nach Grille, a.a.O., S. 75.
8a) Lunatarski war, wie viele Sozialisten, von Nietzsche be-
einflusst. Bogdanov transformiert diesen Einfluss ins Technisch-
Ingenieurshafte. Ein Motiv bei ihm ist der sich aufopfernde,
anonyme Ingenieur, der ohne persönlichen Ehrgeiz, als stiller
'neuer' und 'übermenschlich' sich zum Wohle der Menschheit in
seiner Arbeit verzehrt. Vgl. als bürgerliche, aber ebenfalls
optimistische und technikbejahende Variante: F. Dessauer, Philo-
sophie der Technik, Bonn -1927.
9) M. Schwonke, Vom Staatsroman zur Science Fiction, Stuttgart
1957, S. 134.
10) Vgl. dazu: G. Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Mün-
chen 1956.
11) Der 'Amerikanismus' ist ein immer wiederkehrender Topos der
'Proletkult'-Bewegung - er steht für Technik, Rationalität,
Tempos, Dynamik. - Einen guten Überblick über die 'Proletkult'-
Bewegung gibt R. Lorenz, (Hrsg.), Proletarische Kulturrevolution
in Sowjetrussland (1917-1921), München 1969.
12) Vgl. hierzu Grille, a.a.O., S. 34 ff.
13) N. Bucharin, Proletarische Revolution und Kultur, Frankfurt
1971, S. 46.
14) Vermutlich 1908 trat Bogdanov aus der Partei aus. Eine
politische Rolle spielte er wieder nach der Revolution als
Verfechter des 'Proletkult'.
15) Eine häufige Forderung Bogdanovs; vgl. ders., Die Wissen-
schaft..., a.a.O., S. 55 f.
16) So der Kommentar zu Bogdanov-Texten im o.a. Heft 'Ästhetik
und Kommunikation'.
17) E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1959, S. 813.
18) MEW 25 (Das Kapital III), S. 828.
19) K. Marx, Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft
in Indien, in: Marx/Engels, Ausgewählte Werke, Band I, Berlin
(Ost) 1951, S. 330.
***
Zur Person
1873 wurde A. Bogdanov-Malinovskij in Tula geboren.
1889 studierte er an der Moskauer Universität Naturwissenschaften
und in Charkow Medizin.
1896 trat er der Charkow'schen sozialdemokratischen Organisation
bei. Beteiligung an Parteiarbeit und diverse Verhaftungen.
1903 Eintritt in die SDAPR
1904 Auslandsreise über Berlin in die Schweiz nach Paris.
1905 auf dem Londoner Parteitag wurde er in das ZK der Bolsche-
wiki gewählt. Er war Mitglied der 'Finanzgruppe' und verantwort-
lich für die gesamte 'Literatur-Arbeit' der Partei. Rückkehr nach
Russland und Parteiarbeit in Petersburg.
1907 Leitung der bolschewistischen Duma-Deportierten.
1909 Gründung der Capreser Parteischule (zusammen mit Lunatschar-
ski und Gorki). Ausschluss aus der Partei.
1911 Abschluss der Parteischule. Wissenschaftliche Arbeit und
Rückkehr nach Moskau.
1917 gründete Bogdanov mit Lunatscharski, Petrovski, Bazarov und
Skvorkov die 'Sozialistische Akademie für Gesellschaftswissen-
schaften'. Er wird Mitglied der Kommission für die Übersetzung
und Herausgabe der Marx-Engels-Werke.
1918 Aufbau der 'Proletarischen Kulturbewegung'.
1920 scheidet Bogdanov aus der Organisation aus und arbeitet
wieder wissenschaftlich als Professor für politische Ökonomie an
der Kommunistischen Akademie.
1928 verunglückte er bei einem medizinischen Selbstversuch.
Von ihm erschienen in deutscher Sprache u.a.:
Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse, Berlin 1920: Neuauflage:
Frankfurt a.M. 1971
Was ist proletarische Dichtung?, Berlin 1920; Neuauflage in:
Zeitschrift für Kommunikation und Ästhetik 5/6, Hamburg 1972.
Allgemeine Organisationslehre (Tektologie), 2 Bde., Berlin 1926
bis 1928.
***
Richard Stahl. Günther Maschkes Gequatsche
zu 1.
Der 'Rote Stern' ist kein gewöhnlicher Science Fiction. Das
Taschenbuch endet nicht einfach wie üblich mit dem Ende der Er-
zählung, sondern bedarf der fachkundigen Erklärung eines gewissen
Günther Maschkes. Schließlich darf der mündige Bürger mit der
passenden Einsortierung des Gelesenen nicht in unverantwortlicher
Weise allein gelassen werden. 'Fachkundig' deshalb, weil in bes-
ter geisteswissenschaftlicher Manier das eben Gelesene natürlich
nicht als solches beurteilt werden kann, sondern tiefere Kennt-
nisse des Hintergrunds, der Literatur und historischer Zusammen-
hänge unabdingbar sind.
Zu 2.
Maschke scheint von Naturwissenschaften nicht viel Ahnung zu ha-
ben. Er faselt von einer monistischen 'energetischen Methode',
für die sich Bogdanov entschieden hat aufgrund der Beschreibung
einer 'maschinellen Großproduktion, deren Wesen die planmäßige
Ausnutzung und Umwandlung von Energie ist'. Hat Maschke etwa noch
nie was vom Satz der Erhaltung der Energie gehört? Wenn Bogdanov
schreibt 'hier herrschte nicht die rohe Gewalt des Feuers und des
Dampfes; die feine und dabei weit mächtigere Kraft der Elektri-
zität war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus', so in dem
Wissen um die universelleren Anwendbarkeit elektrischer Energie.
Das sprichwörtliche Dampfradio hat es bekanntermaßen ja nie
gegeben. Und sehr wohl macht eine Fertigungsmaschine nichts an-
deres als die ihr zugeführte elektrische Energie in die spezifi-
sche, durch ihre Konstruktion bedingte mechanische Bewegung
umzuwandeln. Für einen Geisteswissenschaftler wie Maschke ist
dies die von Bogdanov gewählte 'methodologische Basis der Natur-
wissenschaften', offensichtlich glaubt Maschke allen Ernstes, man
könne sich auch gegen den Energieerhaltungssatz zugunsten einer
anderen 'Methode' entscheiden. Die in seinem Fach als Wissen-
schaft verklärte Willkür der Wahl der Methode, die, wenn sie in
größerem Maßstab berühmt oder anerkannt wird, auch eine Schule
werden kann, ist Maschke in Fleisch und Blut übergegangen.
Noch ein Wort zu Bogdanovs t e c h n i s c h e n Visionen.
Lenins Spruch 'Sozialismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung'
kennt wohl jeder. Immerhin hat Bogdanov die Satellitenbeobachtung
vorweggenommen. Im Aetheroneff entwickelte Menni die Fotografie
der Brücke eines Dampfers mit einer heute selbstverständlichen
Auflösung bei der Feindbeobachtung. Und: 'Freilich vermochten wir
vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch die
beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in
wenigen Augenblicken ein oder zwei dieser Herden (Armeen R.S.) zu
vernichten.' Man kann darin auch eine Ahnung der Atombombe vor
der Entdeckung der künstlich herbeigeführten Urankernspaltung
durch Otto Hahn sehen.
Zu 3.
Wenn Bogdanov die Rolle der Ideologie erkannt haben soll, dann
ist Maschke ihr Meister. Als Träger einer neuen Denkmethode be-
nennt er 'die s i c h im 19. Jahrhundert herausbildende neue
Klasse: das Industrieproletariat.' Die 'sich herausbildende Klas-
se' ist gut und für Maschke beschönigend genug! Man mag ihm gar
nicht empfehlen, die g e w a l t s a m e H e r s t e l l u n g
eines Stadtproletariats aus vertriebener Landbevölkerung zur
Kenntnis zu nehmen.
4.
Wenn Bogdanov dagegen eines 'Proletkults' bezichtigt wird, dann
zurecht. Die fiktiven Marsbewohner Bogdanovs können vom Arbeiten
nicht genug bekommen. Sie erbringen freiwillig eine Arbeits-
leistung, die auf der Erde 'nur bei den ausbeuterischen Unter-
nehmen vorkam' und meint, der Mars-Arbeiter leistet sich im
A u f g e h e n in der Arbeit einen Luxus. Während Maschke dies
als 'Übermensch', als Modell eines 'Neuen Menschen' bei einem
Bogdanov abgeklärt belächelt, kommt dieselbe faschistische Ar-
beitsmoral, nicht nachzurechnen, was der Lohn für die erbrachte
Leistung ist - Stichwort Flexibilisierung -, eingefordert aus dem
Mund eines Arbeitsministers oder eines Arbeitgebersprechers
inzwischen vermutlich nahezu jedem Deutschen als vernünftige
Maßnahme zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland vor.
"Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschränkt?"
"Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel wie er
will."
"Und wird niemals etwas unserem Geld entsprechendes verlangt? Ein
Beweis für die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflich-
tung, diese zu leisten?"
"Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts
Mangel. Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit."
Tatsächlich stellt Bogdanov hier das Verhältnis zu einer ver-
nünftigen Arbeit auf den Kopf: Es gibt zwar kein Geld mehr, jeder
nimmt was er braucht, aber nur zur Herstellung der Arbeits-
fähigkeit, dem Zweck des gesellschaftlichen Daseins. Der sozia-
listische Mensch Bogdanovs arbeitet nicht um genießen zu können,
sondern umgekehrt, er konsumiert zur Aufrechterhaltung seiner
Arbeitsfähigkeit und deren rauschähnlicher Verausgabung.
An anderer Stelle Menni dagegen:
"Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben fand
nicht immer die Zustimmung der Genossen. Doch brachte jede
Erfindung, wenngleich sie zuerst vorübergehende statistische
Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der
Aufgabe. Zuerst wurden die Arbeitstage gekürzt, dann, als sich
allerorts ein Überschuss an Arbeitskraft zeigte, wurde die
Verpflichtung zur Arbeit endgültig aufgehoben."
Das richtige Verhältnis ist eben immer noch dieses: Arbeit zum
Nutzen der Produzenten ist eine zweckgerichtete Tätigkeit, deren
Resultat, das P r o d u k t es ist, das genossen werden kann.
Arbeit soll von daher kurz und nicht ermüdend sein, damit gerade
die Früchte der Arbeit genossen werden können. Arbeit - nicht als
kapitalistischer Kostenfaktor mit dem Interesse verschwende-
rischer Verausgabung kalkuliert - eröffnet aber in der Tat andere
Perspektiven als den täglich neu aufzubringenden Willen, sie
auszuhalten. Eine technische Erfindung führt nicht zu einem An-
spruch auf weitere Mehrarbeit, sondern zu einer Kürzung der Ar-
beitszeit.
Maschke meint: 'Denn Technik wird, trotz der sichtbar werdenden
Konsequenzen zunehmender Automatisation, immer noch unter dem
Aspekt von Entfremdung, Unterwerfung des Menschen unter die
Maschine, seine Degradierung zu dessen Anhängsel gedacht' und
macht damit in der gymnasialen Oberstufe verlangte Besinnungsauf-
satz-Pflichtübung 'Technik - Fluch oder Segen?' zur Erlangung der
Hochschulreife mit. Automatisation hat für sich genommen keine
negativen Konsequenzen. Diese ergeben sich immer noch aus dem
Zweck ihres Vorantreibens. Und das altlinke Missverständnis der
Entfremdung des Arbeiters, der in einem automatisierten Betrieb
darunter leidet, dass er die Funktion des von ihm hergestellten
Bauteils nicht kennt, hat sich zumindest bei Maschke gehalten.
Zu 5.
Wenn auch der Vorwurf an Bogdanov richtig ist, sein Proletkult
beinhaltet eine faschistische Arbeitsmoral, so macht Maschke die
'Zurücknahme der Individualität ins Kollektiv' an einem völlig
falschen Punkt fest. Wenn Bogdanov Netti sagen lässt:
"Der Mensch ist persönlich, - aber sein Werk ist unpersönlich.
Der Mensch stirbt früher oder später, - das Werk jedoch bleibt im
unermesslich sich entwickelnden Leben bestehen."
so ist das Gegenteil von Maschkes Behauptung der Fall und das
korrekte Verhältnis wiedergegeben. Die Entdeckung eines Naturge-
setzes durch die Person eines Wissenschaftler ist in der Tat
etwas unpersönliches: Das Naturgesetz hat o b j e k t i v e
Gültigkeit, unabhängig von der Existenz des Entdeckers und über
seinen Tod hinaus. Das Werk der Entdeckung bleibt tatsächlich
bestehen, man lese nur mal ein Physikbuch: Lediglich die Namen
der Naturgesetze und der physikalischen Einheiten erinnern an
ihre Entdecker und sind der Sache nach etwas ihnen völlig Äußer-
liches.
Als aktuellen Aspekt des 'Roten Stern' erwähnt Maschke die Arbeit
der neuen, marsianischen Arbeiterklasse, die in funktionellen,
sauberen Fabrikhallen eine mehr oder weniger automatisierte Ma-
schinerie beaufsichtigt. Er nennt dies die 'technokratische Vi-
sion' Bogdanovs und erklärt einige Absätze später, das Wort
'technokratisch' darf nur verantwortungsbewusst gebraucht werden,
nämlich im Sinne einer permanenten Auseinandersetzung mit der
Natur. Saubere, funktionelle, automatisierte Fabrikhallen unter-
stellen aber ein erhebliches Maß an Natur b e h e r r-
s c h u n g, die Anwendung ihrer Gesetze zum eigenen Nutzen -
also alles andere wie eine permanente Auseinandersetzung, wo
einmal der eine, dann der andere gewinnen kann.
Zu 6.
Die Marsgesellschaft Bogdanovs ist von einer Ressourcener-
schöpfung bedroht. Die Beschränkung, der Bevölkerungsvermehrung,
als unakzeptabel angesehen, führt zu den Alternativen der
Kolonisation der Venus oder der Erde. Die Entscheidung zugunsten
der Venus wird gefällt, weil die gesuchten Bodenschätze hier
leichter abbaubar sind und eine Konfrontation mit der Menschheit
vermieden wird.
Das Einfrieren der Bevölkerungszahl soll ein Sieg der Natur sein
weil:
"Dann würde auch der Glaube an unsere Kollektivkraft geschwächt
werden, an unser großes Gemeinschaftsleben. Und zusammen mit
diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn des Lebens
verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des
großen Organismus lebt, vollständig lebt und jeder wieder in
dieser Zelle sein Dasein hat."
Dass die Beschränkung der Bevölkerungsvermehrung den 'Sieg der
Natur' bedeuten würde, ist Unsinn. Im Gegenteil.
a) Die Kenntnis um wirksame Verhütungsmittel unterstellt gerade
ein gewisses Maß medizinischer Kenntnisse.
b) Die Marsgesellschaft auf dem gegenwärtigen Bevölkerungsstand
kann sich doch gut reproduzieren. Sie b e h e r r s c h t die
Natur in ihren Fabriken und der Gestaltung des Planeten mit
seinen Bewässerungssystemen.
Wieso die erbrachten Leistungen der Kollektivkraft von einem
nachlassenden G l a u b e n an sie gefährdet sein sollen, wo
doch B e w e i s e vorliegen, immerhin ein bewohnbar gemachter
Planet, bleibt der Sache nach unklar, wird an verschiedenen
Stellen lediglich beschworen:
"...keineswegs herrscht Frieden zwischen uns und den Kräften der
Natur, das wäre ja unmöglich. Dies ist ein Feind, bei dem selbst
jeder Sieg eine neue drohende Gefahr in sich birgt."
Der Verlust des Sinns des Lebens, also eine zur Religion hin-
führende Geisteshaltung, obwohl es bei den Marsianern keine
Religion mehr gibt, ist einer der Widersprüche in Bogdanovs
Gesellschaftskonstruktion. Der Produktion um des Genießens willen
scheint nach Bogdanov etwas wie eine höhere Weihe abzugehen: das
abstrakte Gefühl der Zelle in einem großen Organismus: Sinn. Ein
rationaler Zusammenschluss zu einer sozialistischen Produktions-
gemeinschaft hat dagegen den Nutzen des Einzelnen zum Ausgangs-
punkt, ansonsten könnte man es nämlich auch lassen.
Von daher ist es nicht unberechtigt, die Kolonisationsphase der
Marsianer mit einer 'Volk-Ohne-Raum-Ideologie' zu vergleichen.
Unzulässig wäre aber in jedem Fall 'die Beschränkung der Ver-
mehrung' mit der rassistischen Politik des ehemaligen demokrati-
schen Familienministers Heiner Geißlers in Verbindung zu bringen,
der eine Überfremdung des deutschen Volkskörpers feststellte und
dessen Vermehrung mit entsprechenden familienpolitischen Maßnah-
men zu fördern versuchte. Wie allgemein bekannt ist, entsprach ja
das deutsche Gebärverhalten 1995 weitgehend den Wünschen der
Obrigkeit.
Und Sternis Okkupationsrede mal rational betrachtet. So falsch
lag er doch gar nicht mit seiner Einschätzung, wenn er fest-
stellt, dass der auf Erden herrschende Imperialismus auch dann
keinen fingerbreit Boden preisgeben würde, selbst wenn die Mar-
sianer den Erdenmenschen bei der intensiveren Nutzung des ver-
bleibenden Gebiets helfen würden. Der Imperialismus ist unver-
söhnlich. Ein größeres Erdgebiet, die Sowjetunion, die sich ca.
70 Jahre lang dem Westen als Geschäftsgelegenheit entzog, wurde
doch mit einer so grundsätzlichen Feindschaftserklärung der NATO
konfrontiert, die sich unterhalb einer Auslöschung dieser Gesell-
schaftsordnung mit nichts zufrieden geben wollte. Der alte
sowjetische Bündnispartner Kuba, der von sich aus der sozialis-
tischen Idee nicht absagen wollte, wird gnadenlos unter den Augen
der Weltöffentlichkeit erdrosselt und daneben in James Bond Un-
terhaltungsfilmen als Zufluchtstätte des Bösen - skrupelloser
Drogenhändler - dargestellt. Angesichts dessen auf so etwas wie
die Überzeugungskraft vernünftiger Argumente zu setzen - d a s
wäre naiv.
"Was meinen damaligen Plan anbelangt, so muss ich zugeben, dass
ich ihn noch nicht gänzlich aufgegeben habe. Doch bin ich von
seiner Richtigkeit nicht mehr so fest überzeugt."
Im Gegensatz zu einem Deutschland immerhin, das mit der 'Volk-
Ohne-Raum-Ideologie' bekanntlich ernst machte.
Maschke kritisiert an der sozialistischen Gesellschaft Bogdanovs:
'Es gibt hier noch Selbstmorde, sogar Gewaltanwendung, menschli-
ches Leiden.'
a) Selbstmorde
Netti sagt: "Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das
Gefühl des Lebens abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele
vor, nicht das natürliche Ende abzuwarten."
Soll man dagegen ernstlich etwas einwenden und sich auf die Seite
des Rechts auf Leben schlagen? Die Leiden z.B. einer unheilbaren
Krankheit mit unerfreulichem Verlauf selbst abzukürzen, als das
Siechtum bis zum letzten Atemzug durchzumachen, ist das unver-
nünftig? Ja, für einen demokratischen Staat schon, der das 'Recht
auf Leben' gewährt und dessen legale Beendigung in seinen Ge-
setzeswerken kodifiziert. Denn das Sterben kann auch außerhalb
eines Kriegseinsatzes eines für Deutschland sein, man denke an
die kürzlich erschienene Bild-Schlagzeile 'D e u t s c h e r
lebt seit ... Tagen mit Kunstherz'. Toll! Die Deutschen! Un-
verwüstlich! Selbstmord aus hemmungsloser Hingabe zur Arbeit
wurde unter dem Ideal der faschistischen Arbeitsmoral Bogdanovs
bereits abgehandelt.
b) Gewaltanwendung
"Mögen neun, zehn und mehr Menschen umkommen!" rief ein ent-
flammter zwölfjähriger Knabe. "Dort (auf der Erde R.S.) gibt es
Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnte, es kommt ja nur
darauf an, den Sieg zu erringen." Und seine glühenden Augen
verrieten, dass er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Men-
schen zu gehören.
Mit der Erziehung der Marskinder scheint tatsächlich etwas
schiefzulaufen. Vielleicht sollte sich der zwölfjährige Knabe
einmal überlegen, dass es sich für n i c h t s zu sterben
lohnt. Niemals kann dieser Begeisterung eine Einsatz/Ertrags-
rechnung zugrundeliegen, denn wenn man tot ist, bleibt nur der
geleistete Einsatz. Wenn es daher nur darauf ankommt, 'den Sieg
zu erringen', dann ist der Sieg n i c h t seiner, er ist ja
tot. 'Sein' Sieg kann es nur sein als Rädchen in der gewaltsamen
Durchsetzung eines Volkskörpers, in vollkommener Abstraktion vom
eigenen Nutzen. Die Dinge, für die es sich dort zu sterben lohnt,
davon hat er nichts - ein Materialismus kann dem nicht zugrun-
deliegen. Das ist der Sache nach geistige Kriegs- und Opferbe-
reitschaft, wie sie für einen faschistischen Staat oder für einen
demokratischen Verteidigungskrieg brauchbar ist.
Netti: "Bei uns hingegen tritt die Gewalt entweder als Krank-
heitserscheinung auf, oder aber als vernünftige Handlung eines
vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser Fälle bedeutet sie ein
irgendwie gesellschaftliches Gesetz oder eine gesellschaftliche
Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches Gebot."
Sterni: "Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf
keinen Fall bereit sein, sie gutwillig, und sei es auch nur ein
Teil, an uns abzutreten. Das hängt mit dem ganzen Charakter ihrer
Kultur zusammen, deren Basis der Besitz und die o r g a n i-
s i e r t e Gewalt ist. " (Hervorhebung R.S.)
Möglicherweise erinnert sich der eine oder andere ältere Kriegs-
dienstverweigerer noch an seine nicht bestandene Gewissens-
prüfung, wenn er die Bereitschaft zur privaten Notwehr zeigte,
etwa wenn die Freundin nachts im Park vergewaltigt werden sollte.
Selbstverständlich musste er dann auch für die staatlichen Zwecke
der o r g a n i s i e r t e n Gewalt des Miltärs zur Verfügung
stehen. Auch Maschke will offenbar diesen Unterschied nicht zur
Kenntnis nehmen.
Bleibt eine Frage: Wie passt faschistische Arbeitsmoral, die
Kriegsbereitschaft eines zwölfjährigen sozialistischen Marsia-
ners, die 'Volk-Ohne-Raum-Ideologie' zu einer einer für den
Nutzen der Produzenten eingerichteten Gesellschaft? Die Antwort
ist einfach: Gar nicht. Die Entwicklung der Produktivkräfte war
zur Zeit Bogdanovs auf einem Stand, der eine mangelfreie Ge-
sellschaft nicht ermöglichte. Arbeitskräfte waren grundsätzlich
zu wenig da, Einschränkung der Fortpflanzung von daher Rück-
schritt. Ausgehend vom Ideal einer harmonischen Gesellschaft ohne
Interessengegensätze konstruierte er ein Proletarierbewusstsein
und ein unerschöpfliches individuelles Arbeitsvermögen bis zur
lustvollen Selbstaufopferung, das einen dafür erforderlichen
Arbeitsaufwand bar jeden Materialismus erbringt, ein Bewusstsein,
das den Arbeitsplatz selbst schon als Entlohnung begreift - eine
Geisteshaltung des Arbeitsvolks übrigens, welche deutsche Un-
ternehmenspolitik heute als selbstverständlich voraussetzt und
die in diesem Lande niemand mehr kritisieren will.
Angesichts eines Russlands, das bis heute nicht über die techni-
schen Möglichkeiten verfügt, alle Bodenschätze zu erschließen,
hätte sich Bogdanov den heute modernen Ökologenfehler der be-
grenzten Ressourcen nicht leisten müssen. Sicher: die Eisenvor-
räte eines Planeten sind begrenzt und in x Tonnen bezifferbar.
Aber ob das z u w e n i g ist für eine Gesellschaft, die sich
n i c h t der maßlosen Vermehrung abstrakten Reichtums - Geld -
mit einer verschwenderischen, aber kostengünstigen Ressourcenver-
schleuderung verschrieben hat, das soll hier nur mit einem
schlichten Nein! beantwortet werden.
Zu 7.
Hier beweist Maschke, dass er über den literarischen Überblick
verfügt, um Bogdanov einsortieren zu dürfen. Seine Konstruktion
von Bogdanovs Warnung kann nur noch als unverschämte Unterschie-
bung betrachtet werden. Eine sozialistische Gesellschaft mit dem
Zweck der herrschaftsfreien Diskussion und vernünftig organisier-
ter Produktion, die das "wahre Reich der Freiheit aufblühn lässt"
(Marx), soll der Möglichkeit nach blumig ausgemalte Gewaltorgien
in sich bergen. Maschke hat das Feindbild des Kalten Krieges voll
drauf: Demokratisch abgesegnete Blutbäder sprechen bekanntlich
nie gegen die Demokratie, sondern höchstens für einen Unter-
suchungsausschuss zur Bereinigung des Skandals, der die Integri-
tät des Amtes durch Austausch der Führungsfigur wiederherstellt,
das Gleiche d e r M ö g l i c h k e i t n a c h im Sozialis-
mus - was eh schon eine Schmarrnkonstruktion ist - ist ein ein-
deutiges Zeichen für die Gewaltbereitschaft dieses Gesell-
schafts s y s t e m s. Aber wo das Interesse den Verstand leitet
- für eine von oben verordnete und selbstbewußt mitgemachte
prinzipielle Systemfeindschaft - ist bekanntlich jede Dummheit
recht!
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