Quelle: Gender, Frauen, feministischer Rassismus, Science Fiction

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REZENSION ZU BOGDANOVS "DER ROTE STERN"

Günter Maschke. Bogdanovs Warnung 1. Alexander Alexandrowitsch Malinovski, bekannt geworden unter dem Schriftstellernamen Bogdanov, war eine der führenden Gestalten der frühen russischen Sozialdemokratie. 1873 in Tula als Sohn eines Lehrers geboren, nimmt er 1893 an der Moskauer Universität das Studium der Naturwissenschaften auf. Als Student und stu- dentischer Funktionär steht er während der ersten Jahre unter dem Einfluss der Narodniki. Er fühlt sich aber auch dem Kreis um Juzov, Michajlovskij und Lavrov zugehörig - es sind dies die Übersetzer und Protagonisten der Lehren Herbert Spencers in Russland. 1) In einem sehr allgemeinen Sinn darf man sagen, dass ihn diese frühen Einflüsse nie wieder losgelassen haben. So plä- diert er, inzwischen Bolschewik geworden, nach der Niederschla- gung der Revolution von 1905, noch im Jahre 1907 für den bewaffneten Aufstand, der für ihn - ganz im Gegensatz zu Lenin - aktuell bleibt. Und der aufklärerische Impetus, das Vertrauen auf die schöpferische und rezeptive Kraft der Massen, wie sie die Narodniki auszeichnete, sind in seinem Werk immer präsent; ebenso die Tendenz zur 'Popularisierung' der Wissenschaften. Der Ein- fluss Spencers hingegen macht sich bemerkbar in der Anschauung Bogdanovs von der Gesellschaft; wie jener begreift er sie als Gleichgewichtssystem, ihr Wesen ist der 'Ausgleichsprozess' im allgemeinen, aber auch im Spencer'schen Sinne: als "beständige Anpassung Individuenzahl an die Subsistenzmittel" 2) - zentrales Motiv auch des 'Roten Stern'. 'Der Rote Stern', erstmals 1907 veröffentlicht, ist nicht nur ein sozialistischer Staatsroman - er enthält in nuce die Theorie Bog- danovs, die er vor allem in seiner zweibändigen 'Allgemeinen Organisationslehre (Tektologie)' 3) dargestellt hat. Wir können den Roman auffassen als eine Versuch Bogdanovs, seine - von Lenin in 'Materialismus und Empiriokritizismus' bald verketzerte - Theorie propagandistisch zu illustrieren. 2. Zentraler Gedanke der Theorie Bogdanovs ist die harmonische Or- ganisation der Dinge, Menschen und Ideen. Die in sich zerrissene, anarchische Gesellschaft des Kapitalismus schafft durch die Spezialisierung ihrer Mitglieder Widersprüche zwischen den ein- zelnen, differierenden Elementen. Bogdanovs Programm kommt sehr pointiert zum Ausdruck, wenn er schreibt: "Die gesamte Summe der Arbeitskräfte der Gesellschaft - Hunderte von Millionen differen- zierter Einzelpersonen - muss in einer harmonischen Gesellschaft vereinigt und genau in Einklang gebracht werden mit der vorhan- denen Summe der Produktionsmittel, die der Gesellschaft zur Ver- fügung steht; im Einklang mit diesem riesenhaften System muss auch die Summe der in diesem Milieu vorherrschenden Ideen stehen, da sonst kein inneres Gleichgewicht vorhanden sein würde und die mechanische Zusammenfassung innere Kämpfe erzeugen könnte. Diese dreifache Organisation - der Dinge, Menschen und Ideen - kann natürlich nur auf dem Boden einer strengen wissenschaftlichen Planmäßigkeit aufgerichtet werden, die ihrerseits sich auf die gesamte organisatorische Erfahrung der Menschheit stützen müsste." 4) Bogdanov schließt hieraus die Notwendigkeit der Entwicklung einer monistisch-universalen organisatorischen Methode. Ihr Ausgangs- punkt ist die maschinelle Großproduktion, deren Wesen die planmäßige Ausnutzung und Umwandlung von Energie ist. Die hieraus abgeleitete 'energetische Methode' bildet für Bogdanov die metho- dologische Basis der Naturwissenschaften - die Sozialwissenschaf- ten müssen dieses Niveau über die "fortschreitende Annäherung an die Biologie" erst noch erreichen. Zum energetischen Prinzip tritt noch das Prinzip der Selektion und das der Einheit der Mechanismen; Bogdanovs Schlussfolgerung ist die Annahme der Uni- versalität des Gleichgewichtsmechanismus. Demzufolge ist ihm auch der Klassenkampf der Kampf zweier das Gleichgewicht störender Kräfte, der mit einem neuen Gleichgewicht endet. Rvolutionen sind die Krisen dieses Gleichgewichts der Gesellschaft, die Bogdanov in Analogie zur Natur denkt. 6) 3. Bogdanov gelangt zu der Forderung, dass die Menschheit einen "grundsätzlich neuen Standpunkt, eine neue Denkmethode" braucht. Aber wie? Durch die sich im 19. Jahrhundert herausbildende neue Klasse: das Industrieproletariat. Im System des modernen Kapi- talismus wird, je mehr sich die Maschinerie vervollkommnet, die eigentliche Differenzierung und Spaltung der Gesellschaft - die Trennung von physischer und geistig-organisierender Arbeit - immer sinnloser. Die wissenschaftliche Technik erfordert einen neuen Arbeitertypus, der sowohl Leitung und Kontrolle als auch physische Einwirkung auf die Arbeitsobjekte in sich vereinigt. Diese "lebendige Kontrolle", diese "bewusste Einmischung" wird schließlich in der Epoche das der Automation vollständig. Bogdanov antizipiert hier bereits ein Denken Sohn-Rethels, aber auch die Theorie von der neuen Arbeiterklasse, wie sie in Frank- reich (wir sehen über die Divergenzen hinweg) von Mallet, Gortz, Touraine vertreten wird - und das noch vor der Russischen Re- volution, in einem unterentwickelten Land. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Theorie kaum zur Revolutionierung Russlands taugte. Aber Bogdanov hat nach der Revolution nicht - wie die Buchsta- bengelehrten der II. Internationale - das Lied des 'Zu früh' und 'Die Verhältnisse sind noch nicht reif' angestimmt - gerade als Nicht-Marxist hat er die Rolle der Ideologie erkannt; ihre Funk- tion. Sein 'Idealismus' erlaubte ihm die Entwicklung einer Theo- rie des Überbaus; eines Überbaus, der die Harmonisierung der Gesellschaft doch noch ermöglichen sollte. Mit dessen Propagie- rung, Wirkungsweise, Anwendung befassen sich die Schriften Bogdanovs zum Problem der 'proletarischen Kultur'. 7) 4. Das industrielle Proletariat zeichnet sich, so Bogdanov, aus durch den Geist der Kameradschaft und Kooperation. Dessen voll- ständiger Realisierung dient der Kampf um den Sozialismus, der mehr meint als die bloß ökonomischen Strukturwandlungen durch die Revolution. Auch Bogdanov geht es um den Neuen Menschen, - "der Mensch ist noch nicht erschienen, doch er ist nahe, und seine Silhouette zeichnet sich klar am Horizont ab" 8) - so schreibt er einmal. Es ist der 'Übermensch', der 'Menschgott' der russischen Nihilisten aber in einer technisch-sozial perfektionierten, sie meisternden Umgebung. 8a) Ein solches Modell des 'Neuen Menschen' hat, wie sehr wir auch über den technischen Erlösungsglauben Bogdanovs lächeln mögen - gegenüber dem Mythos des Che Guevara für die Industriegesellschaften doch die größere Wahrschein- lichkeit für sich. Aber gerade solche Nähe zum Problemkomplex sozialistischer Industriegesellschaft, vermag die romantischen Sehnsüchte junger Revolutionäre kaum zu befriedigen, wie ehren- wert diese auch sein mögen. Denn Technik wird, trotz der sichtbar werdenden Konsequenzen von Entfremdung, Unterwerfung des Menschen unter die Maschine, seine Degradierung zu dessen Anhängsel etc. gedacht. Utopie - wird sie mit Technik zusammengebracht - "er- schöpft sich zunehmend in der Darstellung dessen, was man von Wissenschaft und Technik erwartet oder gar fordert. Diese beiden Mächte sind in den Augen des breiten Laienpublikums in ständigem, unendlichen Fortschritt begriffen, eine feste des Erreichbaren und Möglichen, an die noch Jules Verne geglaubt hat, scheint es für sie nicht zu geben. Sie sind damit auch unverständlicher geworden und geheimnisvoller geworden, und die Ausübenden, die Konstrukteure, Erfinder und Wissenschaftler nicht minder." 9) Diese moderne Hilflosigkeit ist Indiz der Arbeitsteilung, einer immer noch eher zur 'Zerstückelung' als zur Kooperation tendie- renden Technik, schließlich, der irrationalen Verfassung neokapi- talistischer (wie pseudokapitalistischer) Gesellschaften. Sie resümiert die zur Skepsis zwingenden Erfahrungen mit einer Tech- nik, die, als militärisch genutzte, nicht nur die Vernichtung androht, sondern auch im Bereich ziviler Produktion den Existenz- kampf nicht abschafft, sondern ihn aufrechterhält - eine Technik schließlich, die den Menschen zur Konditionierung an die Maschine zwingt anstatt umgekehrt. 10) Dieses Motiv eines Kulturpessimis- mus, dem auch die Linke anhing (man denke an Günther Anders und, verdeckter, an die Haltung der Frankfurter Schule!); eines Pessi- mismus, der sich freilich von sehr realen Erfahrungen speist, ist Bogdanov völlig fremd. Sein Glaube an die Technik, Produkt eines unterentwickelten Landes, das den 'Amerikanismus' bewundert, ist ungebrochen und mündet in die Utopie der 'Gottgleichheit' des Menschen - Movens aller progressiven Utopien überhaupt. Hier hat sich denn Bogdanov auch mit dem 'Gotterfindertum' Gorkis und sei- nes Freundes Lunatscharski getroffen, die den Sozialismus als neue Religion definieren: als Religion freilich, die mittels Wis- senschaft den 'Übermenschen' erbaut, der Menschgott ist. 12) Doch gerade der uns naiv anmutende Glaube Bogdanovs an die Technik hat heute, angesichts ihrer jetzt sehr real prognostizierbaren Mög- lichkeiten, neue Aktualität. 5. Bogdanovs Roman ist in verblüffenter Weise aktuell. Es wird auf die Notwendigkeit einer "Umwandlung und Erneuerung der proleta- rischen Klassenmoral" hingewiesen. Sie steht auch im Mittelpunkt der Theorie des 'Proletkult' - das heutige Stichwort dazu wäre Kulturrevolution und Veränderung des Überbaus, dessen Synchroni- sierung mit den Prozessen der Basis. Bucharin, nicht unbeein- flusst von Bogdanov gibt einmal: "Die Arbeiterklasse kann die bürgerliche Clique in tausend Scherben zertrümmern, kann physisch von allem Besitz ergreifen, kann aber von unten her durch die kulturellen Kräfte ihres Gegners aufgezehrt werden, nicht in Schlachten, nicht in Gefechten, nicht am Periskop, sondern im Prozess der langsam und allmählich vor sich gehenden sozialen Evolution" 13) - ein Satz, der, wenn auch nicht von der gleichen kämpferischen Bedingtheit des aktiven Politikers, 14) auch von Bogdanov stammen könnte. Bogdanov, Propagandist der Inbesitznahme und Umformung der Kultur durch das Proletariat, schließlich der Entrümpelung und Übersichtlichmachung der Wissenschaften und des Aufbaus einer proletarischen Enzyklopädie - analog zu der der französischen Aufklärers 15) - ist aber alles andere als ein Museen- und Bilderstürmer. Im Gegenteil: das Proletariat soll sich ja "auf die gesamte organisatorische Erfahrung der Mensch- heit stürzen". Das ist ihm freilich nur möglich, weil es die organisierte Klasse kat <?> exochen ist. Konzentration des Ka- pitals, Monopolisierung, technischer Fortschritt, Wandel der Arbeitsorganisation erzwingen die Kollektivität der Arbeit, das Verschwinden des alten Handwerkerindividualismus: das Prinzip der Organisation wird für Bogdanov das des Proletariats und seines Denkens überhaupt. Dagegen ist eingewandt worden, dass so die menschliche Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Produktion reduziert wird auf die von der Funktionalität technischer Prozesse und deren technologischer Bedingungen - was auf eine "Automatisierung des Lebens" 16) hinziele. Zumindest im 'Roten Stern' ist aber, bei aller Rationalität der Arbeiterorganisation, davon nicht viel zu spüren; die Marsianer sind Individuen und das ganz im sozialistischen Sinn: Individuen weil sie solidarisch, solidarisch, weil sie Individuen sind. Auch Bogdanov, der die 'Individualität' zurücknimmt ins Kollektiv, kann, wenigstens als Romanautor, nun wieder deren 'bürgerliche' Gestalt beschreiben. An sich ist ihm 'Individualität' gänzlich gleichgültig: "Der Mensch ist persönlich - aber sein Werk ist unpersönlich!" Es bleibt aufbewahrt im "unermesslich sich entwickelnden Leben". Dieses organisiert und harmonisiert qua Wissenschaft organisier- ter Erfahrung der menschlichen Arbeitsgemeinschaft die vorhan- denen individuellen Bewusstseinsformen. Noch einiges zu den aktuellen Aspekten des 'Roten Stern'. Bogdanov entwickelt das Modell einer kollektiven Kindererziehung, schildert das Absenken der Geschlechterdifferenz in einer be- freiten Gesellschaft, die ihm, selbst was das körperliche Er- scheinungsbild angeht, als Ergebnis der Versklavung der Frau gilt. "Anscheinend hatte die häusliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Körper nach verschiedenen Richtungen hin beeinflusst." Und schließlich bildet er die Arbeit seiner neuen, marsianischen Arbeiterklasse, die in funktionellen, sauberen Fabrikhallen eine mehr oder weniger automatisierte Maschinerie beaufsichtigt. Diese "technokratische Vision" schlägt sich auch in seinen theoretischen Schriften nieder, begründet das Vertrauen in den technologischen Fortschritt, der den Sozialismus quasi unausweichlich macht. 6. Technologischer Fortschritt bedeutet für Bogdanov noch Entfaltung der Vernunft, Beförderung der Humanität. Seine Konklusionen sind zwingend: auch die Mars-Kapitalisten fügen sich ihnen. Mehr oder weniger friedlich wächst die Gesellschaft in den Sozialismus hinein. Doch das ist nicht nur Naivität: geht Bogdanov in seinem Roman auf die Klassenkämpfe der Erde ein, so weist er auf die Möglichkeit langer und blutiger Kämpfe, eines barbarischen So- zialismus, von Patriotismus vergiftet, hin - geradezu eine Anti- zipation der sowjetischen Entwicklung. Auch dass er Sterni, der die Vernichtung der Erde propagiert, dies in den Mund legt, ändert daran nichts: weniger als klassischer Marxist denn als 'technokratischer' Ideologe, wusste Bogdanov, dass die Qualität des Sozialismus auch von der Entwicklung der Produktivkräfte - und der durch sie beeinflussten sozialpsychologischen Strukturen - abhängt. Bogdanovs Bild der sozialistischen Mars-Gesellschaft ist freilich nicht ungetrübt; ist noch von seinen Vorstellungen der 'harmonischen Gesellschaft' entfernt. Daran ändert auch die faszinierende Konstruktion des Zusammenspiels von frei sich entscheidender Arbeit und zentralem Plan nichts. Es gibt hier noch Selbstmorde, sogar Gewaltanwendung, wieder durchbrechenden Realismus des Autors, sondern ist auch Reflex einer Ideologie, die selbst die befreite Gesellschaft - und hier ist das oft etwas modisch-leichtfertig gebrachte Wort 'technokratisch' am Platze - nur als eine der permanenten Auseinandersetzung mit der Natur denken kann. Der Utopist Bogdanov verwirft die Utopie der Ver- söhnung. Die Tatsache einer drohenden Rssourcenerschöpfung bringt den Sozialisten Sterni dazu, ganz im Stile reaktionärer 'Volk- Ohne-Raum'-Ideologie, die Okkupation eines anderen Sterns, der Erde, zu fordern. Und da sich dem die unvernünftige, zurück- gebliebene, barbarische Erdbevölkerung widersetzen könnte, muss sie vorab mit einem Präventivschlag ausgelöscht werden! 7. Hier stoßen wir auf die ideologischen Werte Bogdanovs, die vom happy-end nur mühsam kaschiert wird; trotz der Visionen der kameradschftlichen und kooperativen Gesellschaft. Denn diese Ka- meradschaft und Kooperation ist eine des ewigen Kampfes wider die Natur: "...keineswegs herrscht Friedenn zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich. Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung unseres Planeten um das Zehnfache erhöht, unsere Bevölkerung wächst an, und noch mehr steigern sich unsere Be- dürfnisse." Das biologistisch-vitalistische Element im Denken Bogdanovs führt ihn zu Statements, die zumindest heute schlicht als reaktionär anzusehen sind: "Die Vermehrung beschränken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen Massen gegen die Natur vorgehen." Der gesellschaftliche Arbeitsprozess wiederholt die Zwänge der Natur. Bogdanovs Theorie verfällt der Dialektik der Aufklärung, seine sozialistische Gesellschaft führt diese bis an ihr Ende; sie ist umso sozialistischer, je effektiver sie die Natur unterjocht, im Zaum hält, förmlich niederschlägt. Damit wächst aber ihr Potenzial der Vernichtung, wird die schwarze Utopie der Ausradierung der unterentwickelten Barbaren denkbar. Das 'sur- vival oft the fittest' bisher das blutige Gesetz der Erdbevölke- rung untereinander, soll nun auch ihr gegenüber gelten. Bogdanov denkt den Fortschritt linear - wie sehr die veränderten Formen der menschlichen Kommunikation dem auch zu widersprechen schei- nen. Sicherlich ist er einer der wenigen Verfasser von Staats- romanen, die, wie Bacon in seinem 'Neu-Atlantis' die technischen Produktivkräfte, die Maschinenwelt mit der ökonomisch-sozialen verbinden, die die Produktivkräfte in den Dienst des besseren Lebens stellen. Wie Bacon dient ihm die Naturbeherrschung "der Ausrichtung eines 'regnum hominis'". 16) Wie dieser ist er er- füllt von den Möglichkeiten der Entfesselung der Produktivkräfte. Doch herrscht bei Bacon der Optimismus, zeigt die Technik noch ein ganz menschliches Gesicht, schafft sie ein "ruhiges Reich" (Bloch), so geht hier, im 'Roten Stern', die Anstrengung und der Kampf weiter. Aber. "Naturströmung als Freund, Technik als Ent- bindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie." 17) Dies zu denken, ist Bogdanov, dem Propheten der Kooperation und Automatisation, verwehrt: er vermag das Verhältnis von Natur und Gesellschaft nur als Kampf, Ausbeutung permanenten Krieg anzusehen - seine Definition der Technik bleibt bürgerlich. Doch, so seine Hoffnung, ist die Gesellschaft erst einmal sozialis- tisch, eine rational diskutierender Individuen, setzt sich der humane Impuls immer noch durch. Sozialistische Gesellschaft als eine, die mittels Kommunikation und freier Diskussion ihren in- tersubjektiven Konnex reorganisiert, vermag dann immer noch, das Bessere zu wählen; muss sich nicht der barbarischen Natur gleich- schalten. So entrinnt sie den Zwängen des Reiches der Notwendig- keit. Ist dieses rationell geregelt und vermag "jenseits dessel- ben... das wahre Reich der Freiheit... aufblühn" 18), als Reich des herrschaftsfreien Dialogs, gelingt zwar nicht die Versöhnung, aber ihr Scheitern macht den Fortschritt zu jenem "scheußlichen heidnischen Götzen... der den Nektar nur aus den Schädeln er- schlagener trinken wollte." 19) Dass dessen Erscheinen auch im Sozialismus möglich ist - das sollten wir als die Warnung Bog- danovs ansehen. *** Anmerkungen ----------- 1) Vgl. D. Grille, Lenins Rivale - Bogdanov und seine Philo- sophie, Köln 1966, S. 40 f. - Grilles Werk bietet eine ausführ- liche Schilderung vom Leben und Werk Bogdanovs. 2) H. Spencer, Gesellschaft als System kosmischer Gleichgewichte, in: K. H. Tjaden (Hrsg.), Soziale Systeme - Materialien zur Doku- mentation und Kritikm soziologischer Ideologie, Neuwied/Berlin 1971, S. 61. 3) Deutsche Ausgabe: Band 1, Berlin 1926; Band II, Berlin 1928. 4) A. Bogdanov, Tektologie I, S. 54; zit. Nach: Die Theorie A. Bogdanovs - Textmontage, in der Zeitschrift 'Ästhetik und Kom- munikation', Heft 516, Februar 1972, Rowohlt-Verlag, S. 102. 5) Ebda., S. 94. 6) Wenn man will, ist ein solches System genuin 'bürgerlich'. Die bürgerliche soziologische Theorie konnte sich von früher (so bei Vierkandt, Sombart, Sorokin etc.) Revolution nur als Gleichge- wichtsstörung vorstellen - von da bis zur Forderung nach notfalls gewaltsamer Aufrechterhaltung dieses als positiv gewerteten Zu- standes ist nur ein Schritt. Aber Bogdanov entwindet ja dem Gegner die Waffe und richtet sie gegen ihn! Bei ihm erhält die Revolution die Weihe 'naturgesetzlicher Legitimation' durch den gebieterischen, der Gesellschaft quasi-ontologisch vorgeordnetem Zwang zum Gleichgewicht, dem die alte Ordnung entgegensteht. Einflüsse Bogdanovs in dieser Hinsicht sind auch bei Bucharin festzustellen. Selbstredend hat ein solches Konzept wenig mit marxisischer Dialektik zu tun - was Bogdanov auch keineswegs geleugnet hat. Von dieser Theorie aus aber ist die Bogdanovs Werk inhärente Tendenz sowohl zu einem 'technokratischen Revisionis- mus', als auch zur Antizipation des 'friedlichen Übergangs zum Sozialismus' verständlich. Ein aktuelles Beispiel für die De- finition der Revolution als Gleichgewichtskrise: Ch. Johnson, Revolutionstheorie, Köln -1971. - Man kann ohne gewaltsame In- terpretationskünste B. als 'Vorläufer der Systemtheorie' ein- stufen. 7) Vgl. A. Bogdanov, Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse, Frankfurt 1971 8) Zit. Nach Grille, a.a.O., S. 75. 8a) Lunatarski war, wie viele Sozialisten, von Nietzsche be- einflusst. Bogdanov transformiert diesen Einfluss ins Technisch- Ingenieurshafte. Ein Motiv bei ihm ist der sich aufopfernde, anonyme Ingenieur, der ohne persönlichen Ehrgeiz, als stiller 'neuer' und 'übermenschlich' sich zum Wohle der Menschheit in seiner Arbeit verzehrt. Vgl. als bürgerliche, aber ebenfalls optimistische und technikbejahende Variante: F. Dessauer, Philo- sophie der Technik, Bonn -1927. 9) M. Schwonke, Vom Staatsroman zur Science Fiction, Stuttgart 1957, S. 134. 10) Vgl. dazu: G. Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Mün- chen 1956. 11) Der 'Amerikanismus' ist ein immer wiederkehrender Topos der 'Proletkult'-Bewegung - er steht für Technik, Rationalität, Tempos, Dynamik. - Einen guten Überblick über die 'Proletkult'- Bewegung gibt R. Lorenz, (Hrsg.), Proletarische Kulturrevolution in Sowjetrussland (1917-1921), München 1969. 12) Vgl. hierzu Grille, a.a.O., S. 34 ff. 13) N. Bucharin, Proletarische Revolution und Kultur, Frankfurt 1971, S. 46. 14) Vermutlich 1908 trat Bogdanov aus der Partei aus. Eine politische Rolle spielte er wieder nach der Revolution als Verfechter des 'Proletkult'. 15) Eine häufige Forderung Bogdanovs; vgl. ders., Die Wissen- schaft..., a.a.O., S. 55 f. 16) So der Kommentar zu Bogdanov-Texten im o.a. Heft 'Ästhetik und Kommunikation'. 17) E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1959, S. 813. 18) MEW 25 (Das Kapital III), S. 828. 19) K. Marx, Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, in: Marx/Engels, Ausgewählte Werke, Band I, Berlin (Ost) 1951, S. 330. *** Zur Person 1873 wurde A. Bogdanov-Malinovskij in Tula geboren. 1889 studierte er an der Moskauer Universität Naturwissenschaften und in Charkow Medizin. 1896 trat er der Charkow'schen sozialdemokratischen Organisation bei. Beteiligung an Parteiarbeit und diverse Verhaftungen. 1903 Eintritt in die SDAPR 1904 Auslandsreise über Berlin in die Schweiz nach Paris. 1905 auf dem Londoner Parteitag wurde er in das ZK der Bolsche- wiki gewählt. Er war Mitglied der 'Finanzgruppe' und verantwort- lich für die gesamte 'Literatur-Arbeit' der Partei. Rückkehr nach Russland und Parteiarbeit in Petersburg. 1907 Leitung der bolschewistischen Duma-Deportierten. 1909 Gründung der Capreser Parteischule (zusammen mit Lunatschar- ski und Gorki). Ausschluss aus der Partei. 1911 Abschluss der Parteischule. Wissenschaftliche Arbeit und Rückkehr nach Moskau. 1917 gründete Bogdanov mit Lunatscharski, Petrovski, Bazarov und Skvorkov die 'Sozialistische Akademie für Gesellschaftswissen- schaften'. Er wird Mitglied der Kommission für die Übersetzung und Herausgabe der Marx-Engels-Werke. 1918 Aufbau der 'Proletarischen Kulturbewegung'. 1920 scheidet Bogdanov aus der Organisation aus und arbeitet wieder wissenschaftlich als Professor für politische Ökonomie an der Kommunistischen Akademie. 1928 verunglückte er bei einem medizinischen Selbstversuch. Von ihm erschienen in deutscher Sprache u.a.: Die Wissenschaft und die Arbeiterklasse, Berlin 1920: Neuauflage: Frankfurt a.M. 1971 Was ist proletarische Dichtung?, Berlin 1920; Neuauflage in: Zeitschrift für Kommunikation und Ästhetik 5/6, Hamburg 1972. Allgemeine Organisationslehre (Tektologie), 2 Bde., Berlin 1926 bis 1928. *** Richard Stahl. Günther Maschkes Gequatsche zu 1. Der 'Rote Stern' ist kein gewöhnlicher Science Fiction. Das Taschenbuch endet nicht einfach wie üblich mit dem Ende der Er- zählung, sondern bedarf der fachkundigen Erklärung eines gewissen Günther Maschkes. Schließlich darf der mündige Bürger mit der passenden Einsortierung des Gelesenen nicht in unverantwortlicher Weise allein gelassen werden. 'Fachkundig' deshalb, weil in bes- ter geisteswissenschaftlicher Manier das eben Gelesene natürlich nicht als solches beurteilt werden kann, sondern tiefere Kennt- nisse des Hintergrunds, der Literatur und historischer Zusammen- hänge unabdingbar sind. Zu 2. Maschke scheint von Naturwissenschaften nicht viel Ahnung zu ha- ben. Er faselt von einer monistischen 'energetischen Methode', für die sich Bogdanov entschieden hat aufgrund der Beschreibung einer 'maschinellen Großproduktion, deren Wesen die planmäßige Ausnutzung und Umwandlung von Energie ist'. Hat Maschke etwa noch nie was vom Satz der Erhaltung der Energie gehört? Wenn Bogdanov schreibt 'hier herrschte nicht die rohe Gewalt des Feuers und des Dampfes; die feine und dabei weit mächtigere Kraft der Elektri- zität war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus', so in dem Wissen um die universelleren Anwendbarkeit elektrischer Energie. Das sprichwörtliche Dampfradio hat es bekanntermaßen ja nie gegeben. Und sehr wohl macht eine Fertigungsmaschine nichts an- deres als die ihr zugeführte elektrische Energie in die spezifi- sche, durch ihre Konstruktion bedingte mechanische Bewegung umzuwandeln. Für einen Geisteswissenschaftler wie Maschke ist dies die von Bogdanov gewählte 'methodologische Basis der Natur- wissenschaften', offensichtlich glaubt Maschke allen Ernstes, man könne sich auch gegen den Energieerhaltungssatz zugunsten einer anderen 'Methode' entscheiden. Die in seinem Fach als Wissen- schaft verklärte Willkür der Wahl der Methode, die, wenn sie in größerem Maßstab berühmt oder anerkannt wird, auch eine Schule werden kann, ist Maschke in Fleisch und Blut übergegangen. Noch ein Wort zu Bogdanovs t e c h n i s c h e n Visionen. Lenins Spruch 'Sozialismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung' kennt wohl jeder. Immerhin hat Bogdanov die Satellitenbeobachtung vorweggenommen. Im Aetheroneff entwickelte Menni die Fotografie der Brücke eines Dampfers mit einer heute selbstverständlichen Auflösung bei der Feindbeobachtung. Und: 'Freilich vermochten wir vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch die beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in wenigen Augenblicken ein oder zwei dieser Herden (Armeen R.S.) zu vernichten.' Man kann darin auch eine Ahnung der Atombombe vor der Entdeckung der künstlich herbeigeführten Urankernspaltung durch Otto Hahn sehen. Zu 3. Wenn Bogdanov die Rolle der Ideologie erkannt haben soll, dann ist Maschke ihr Meister. Als Träger einer neuen Denkmethode be- nennt er 'die s i c h im 19. Jahrhundert herausbildende neue Klasse: das Industrieproletariat.' Die 'sich herausbildende Klas- se' ist gut und für Maschke beschönigend genug! Man mag ihm gar nicht empfehlen, die g e w a l t s a m e H e r s t e l l u n g eines Stadtproletariats aus vertriebener Landbevölkerung zur Kenntnis zu nehmen. 4. Wenn Bogdanov dagegen eines 'Proletkults' bezichtigt wird, dann zurecht. Die fiktiven Marsbewohner Bogdanovs können vom Arbeiten nicht genug bekommen. Sie erbringen freiwillig eine Arbeits- leistung, die auf der Erde 'nur bei den ausbeuterischen Unter- nehmen vorkam' und meint, der Mars-Arbeiter leistet sich im A u f g e h e n in der Arbeit einen Luxus. Während Maschke dies als 'Übermensch', als Modell eines 'Neuen Menschen' bei einem Bogdanov abgeklärt belächelt, kommt dieselbe faschistische Ar- beitsmoral, nicht nachzurechnen, was der Lohn für die erbrachte Leistung ist - Stichwort Flexibilisierung -, eingefordert aus dem Mund eines Arbeitsministers oder eines Arbeitgebersprechers inzwischen vermutlich nahezu jedem Deutschen als vernünftige Maßnahme zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts Deutschland vor. "Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschränkt?" "Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel wie er will." "Und wird niemals etwas unserem Geld entsprechendes verlangt? Ein Beweis für die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflich- tung, diese zu leisten?" "Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts Mangel. Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit." Tatsächlich stellt Bogdanov hier das Verhältnis zu einer ver- nünftigen Arbeit auf den Kopf: Es gibt zwar kein Geld mehr, jeder nimmt was er braucht, aber nur zur Herstellung der Arbeits- fähigkeit, dem Zweck des gesellschaftlichen Daseins. Der sozia- listische Mensch Bogdanovs arbeitet nicht um genießen zu können, sondern umgekehrt, er konsumiert zur Aufrechterhaltung seiner Arbeitsfähigkeit und deren rauschähnlicher Verausgabung. An anderer Stelle Menni dagegen: "Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben fand nicht immer die Zustimmung der Genossen. Doch brachte jede Erfindung, wenngleich sie zuerst vorübergehende statistische Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der Aufgabe. Zuerst wurden die Arbeitstage gekürzt, dann, als sich allerorts ein Überschuss an Arbeitskraft zeigte, wurde die Verpflichtung zur Arbeit endgültig aufgehoben." Das richtige Verhältnis ist eben immer noch dieses: Arbeit zum Nutzen der Produzenten ist eine zweckgerichtete Tätigkeit, deren Resultat, das P r o d u k t es ist, das genossen werden kann. Arbeit soll von daher kurz und nicht ermüdend sein, damit gerade die Früchte der Arbeit genossen werden können. Arbeit - nicht als kapitalistischer Kostenfaktor mit dem Interesse verschwende- rischer Verausgabung kalkuliert - eröffnet aber in der Tat andere Perspektiven als den täglich neu aufzubringenden Willen, sie auszuhalten. Eine technische Erfindung führt nicht zu einem An- spruch auf weitere Mehrarbeit, sondern zu einer Kürzung der Ar- beitszeit. Maschke meint: 'Denn Technik wird, trotz der sichtbar werdenden Konsequenzen zunehmender Automatisation, immer noch unter dem Aspekt von Entfremdung, Unterwerfung des Menschen unter die Maschine, seine Degradierung zu dessen Anhängsel gedacht' und macht damit in der gymnasialen Oberstufe verlangte Besinnungsauf- satz-Pflichtübung 'Technik - Fluch oder Segen?' zur Erlangung der Hochschulreife mit. Automatisation hat für sich genommen keine negativen Konsequenzen. Diese ergeben sich immer noch aus dem Zweck ihres Vorantreibens. Und das altlinke Missverständnis der Entfremdung des Arbeiters, der in einem automatisierten Betrieb darunter leidet, dass er die Funktion des von ihm hergestellten Bauteils nicht kennt, hat sich zumindest bei Maschke gehalten. Zu 5. Wenn auch der Vorwurf an Bogdanov richtig ist, sein Proletkult beinhaltet eine faschistische Arbeitsmoral, so macht Maschke die 'Zurücknahme der Individualität ins Kollektiv' an einem völlig falschen Punkt fest. Wenn Bogdanov Netti sagen lässt: "Der Mensch ist persönlich, - aber sein Werk ist unpersönlich. Der Mensch stirbt früher oder später, - das Werk jedoch bleibt im unermesslich sich entwickelnden Leben bestehen." so ist das Gegenteil von Maschkes Behauptung der Fall und das korrekte Verhältnis wiedergegeben. Die Entdeckung eines Naturge- setzes durch die Person eines Wissenschaftler ist in der Tat etwas unpersönliches: Das Naturgesetz hat o b j e k t i v e Gültigkeit, unabhängig von der Existenz des Entdeckers und über seinen Tod hinaus. Das Werk der Entdeckung bleibt tatsächlich bestehen, man lese nur mal ein Physikbuch: Lediglich die Namen der Naturgesetze und der physikalischen Einheiten erinnern an ihre Entdecker und sind der Sache nach etwas ihnen völlig Äußer- liches. Als aktuellen Aspekt des 'Roten Stern' erwähnt Maschke die Arbeit der neuen, marsianischen Arbeiterklasse, die in funktionellen, sauberen Fabrikhallen eine mehr oder weniger automatisierte Ma- schinerie beaufsichtigt. Er nennt dies die 'technokratische Vi- sion' Bogdanovs und erklärt einige Absätze später, das Wort 'technokratisch' darf nur verantwortungsbewusst gebraucht werden, nämlich im Sinne einer permanenten Auseinandersetzung mit der Natur. Saubere, funktionelle, automatisierte Fabrikhallen unter- stellen aber ein erhebliches Maß an Natur b e h e r r- s c h u n g, die Anwendung ihrer Gesetze zum eigenen Nutzen - also alles andere wie eine permanente Auseinandersetzung, wo einmal der eine, dann der andere gewinnen kann. Zu 6. Die Marsgesellschaft Bogdanovs ist von einer Ressourcener- schöpfung bedroht. Die Beschränkung, der Bevölkerungsvermehrung, als unakzeptabel angesehen, führt zu den Alternativen der Kolonisation der Venus oder der Erde. Die Entscheidung zugunsten der Venus wird gefällt, weil die gesuchten Bodenschätze hier leichter abbaubar sind und eine Konfrontation mit der Menschheit vermieden wird. Das Einfrieren der Bevölkerungszahl soll ein Sieg der Natur sein weil: "Dann würde auch der Glaube an unsere Kollektivkraft geschwächt werden, an unser großes Gemeinschaftsleben. Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des großen Organismus lebt, vollständig lebt und jeder wieder in dieser Zelle sein Dasein hat." Dass die Beschränkung der Bevölkerungsvermehrung den 'Sieg der Natur' bedeuten würde, ist Unsinn. Im Gegenteil. a) Die Kenntnis um wirksame Verhütungsmittel unterstellt gerade ein gewisses Maß medizinischer Kenntnisse. b) Die Marsgesellschaft auf dem gegenwärtigen Bevölkerungsstand kann sich doch gut reproduzieren. Sie b e h e r r s c h t die Natur in ihren Fabriken und der Gestaltung des Planeten mit seinen Bewässerungssystemen. Wieso die erbrachten Leistungen der Kollektivkraft von einem nachlassenden G l a u b e n an sie gefährdet sein sollen, wo doch B e w e i s e vorliegen, immerhin ein bewohnbar gemachter Planet, bleibt der Sache nach unklar, wird an verschiedenen Stellen lediglich beschworen: "...keineswegs herrscht Frieden zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja unmöglich. Dies ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr in sich birgt." Der Verlust des Sinns des Lebens, also eine zur Religion hin- führende Geisteshaltung, obwohl es bei den Marsianern keine Religion mehr gibt, ist einer der Widersprüche in Bogdanovs Gesellschaftskonstruktion. Der Produktion um des Genießens willen scheint nach Bogdanov etwas wie eine höhere Weihe abzugehen: das abstrakte Gefühl der Zelle in einem großen Organismus: Sinn. Ein rationaler Zusammenschluss zu einer sozialistischen Produktions- gemeinschaft hat dagegen den Nutzen des Einzelnen zum Ausgangs- punkt, ansonsten könnte man es nämlich auch lassen. Von daher ist es nicht unberechtigt, die Kolonisationsphase der Marsianer mit einer 'Volk-Ohne-Raum-Ideologie' zu vergleichen. Unzulässig wäre aber in jedem Fall 'die Beschränkung der Ver- mehrung' mit der rassistischen Politik des ehemaligen demokrati- schen Familienministers Heiner Geißlers in Verbindung zu bringen, der eine Überfremdung des deutschen Volkskörpers feststellte und dessen Vermehrung mit entsprechenden familienpolitischen Maßnah- men zu fördern versuchte. Wie allgemein bekannt ist, entsprach ja das deutsche Gebärverhalten 1995 weitgehend den Wünschen der Obrigkeit. Und Sternis Okkupationsrede mal rational betrachtet. So falsch lag er doch gar nicht mit seiner Einschätzung, wenn er fest- stellt, dass der auf Erden herrschende Imperialismus auch dann keinen fingerbreit Boden preisgeben würde, selbst wenn die Mar- sianer den Erdenmenschen bei der intensiveren Nutzung des ver- bleibenden Gebiets helfen würden. Der Imperialismus ist unver- söhnlich. Ein größeres Erdgebiet, die Sowjetunion, die sich ca. 70 Jahre lang dem Westen als Geschäftsgelegenheit entzog, wurde doch mit einer so grundsätzlichen Feindschaftserklärung der NATO konfrontiert, die sich unterhalb einer Auslöschung dieser Gesell- schaftsordnung mit nichts zufrieden geben wollte. Der alte sowjetische Bündnispartner Kuba, der von sich aus der sozialis- tischen Idee nicht absagen wollte, wird gnadenlos unter den Augen der Weltöffentlichkeit erdrosselt und daneben in James Bond Un- terhaltungsfilmen als Zufluchtstätte des Bösen - skrupelloser Drogenhändler - dargestellt. Angesichts dessen auf so etwas wie die Überzeugungskraft vernünftiger Argumente zu setzen - d a s wäre naiv. "Was meinen damaligen Plan anbelangt, so muss ich zugeben, dass ich ihn noch nicht gänzlich aufgegeben habe. Doch bin ich von seiner Richtigkeit nicht mehr so fest überzeugt." Im Gegensatz zu einem Deutschland immerhin, das mit der 'Volk- Ohne-Raum-Ideologie' bekanntlich ernst machte. Maschke kritisiert an der sozialistischen Gesellschaft Bogdanovs: 'Es gibt hier noch Selbstmorde, sogar Gewaltanwendung, menschli- ches Leiden.' a) Selbstmorde Netti sagt: "Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefühl des Lebens abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele vor, nicht das natürliche Ende abzuwarten." Soll man dagegen ernstlich etwas einwenden und sich auf die Seite des Rechts auf Leben schlagen? Die Leiden z.B. einer unheilbaren Krankheit mit unerfreulichem Verlauf selbst abzukürzen, als das Siechtum bis zum letzten Atemzug durchzumachen, ist das unver- nünftig? Ja, für einen demokratischen Staat schon, der das 'Recht auf Leben' gewährt und dessen legale Beendigung in seinen Ge- setzeswerken kodifiziert. Denn das Sterben kann auch außerhalb eines Kriegseinsatzes eines für Deutschland sein, man denke an die kürzlich erschienene Bild-Schlagzeile 'D e u t s c h e r lebt seit ... Tagen mit Kunstherz'. Toll! Die Deutschen! Un- verwüstlich! Selbstmord aus hemmungsloser Hingabe zur Arbeit wurde unter dem Ideal der faschistischen Arbeitsmoral Bogdanovs bereits abgehandelt. b) Gewaltanwendung "Mögen neun, zehn und mehr Menschen umkommen!" rief ein ent- flammter zwölfjähriger Knabe. "Dort (auf der Erde R.S.) gibt es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnte, es kommt ja nur darauf an, den Sieg zu erringen." Und seine glühenden Augen verrieten, dass er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Men- schen zu gehören. Mit der Erziehung der Marskinder scheint tatsächlich etwas schiefzulaufen. Vielleicht sollte sich der zwölfjährige Knabe einmal überlegen, dass es sich für n i c h t s zu sterben lohnt. Niemals kann dieser Begeisterung eine Einsatz/Ertrags- rechnung zugrundeliegen, denn wenn man tot ist, bleibt nur der geleistete Einsatz. Wenn es daher nur darauf ankommt, 'den Sieg zu erringen', dann ist der Sieg n i c h t seiner, er ist ja tot. 'Sein' Sieg kann es nur sein als Rädchen in der gewaltsamen Durchsetzung eines Volkskörpers, in vollkommener Abstraktion vom eigenen Nutzen. Die Dinge, für die es sich dort zu sterben lohnt, davon hat er nichts - ein Materialismus kann dem nicht zugrun- deliegen. Das ist der Sache nach geistige Kriegs- und Opferbe- reitschaft, wie sie für einen faschistischen Staat oder für einen demokratischen Verteidigungskrieg brauchbar ist. Netti: "Bei uns hingegen tritt die Gewalt entweder als Krank- heitserscheinung auf, oder aber als vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser Fälle bedeutet sie ein irgendwie gesellschaftliches Gesetz oder eine gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches Gebot." Sterni: "Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf keinen Fall bereit sein, sie gutwillig, und sei es auch nur ein Teil, an uns abzutreten. Das hängt mit dem ganzen Charakter ihrer Kultur zusammen, deren Basis der Besitz und die o r g a n i- s i e r t e Gewalt ist. " (Hervorhebung R.S.) Möglicherweise erinnert sich der eine oder andere ältere Kriegs- dienstverweigerer noch an seine nicht bestandene Gewissens- prüfung, wenn er die Bereitschaft zur privaten Notwehr zeigte, etwa wenn die Freundin nachts im Park vergewaltigt werden sollte. Selbstverständlich musste er dann auch für die staatlichen Zwecke der o r g a n i s i e r t e n Gewalt des Miltärs zur Verfügung stehen. Auch Maschke will offenbar diesen Unterschied nicht zur Kenntnis nehmen. Bleibt eine Frage: Wie passt faschistische Arbeitsmoral, die Kriegsbereitschaft eines zwölfjährigen sozialistischen Marsia- ners, die 'Volk-Ohne-Raum-Ideologie' zu einer einer für den Nutzen der Produzenten eingerichteten Gesellschaft? Die Antwort ist einfach: Gar nicht. Die Entwicklung der Produktivkräfte war zur Zeit Bogdanovs auf einem Stand, der eine mangelfreie Ge- sellschaft nicht ermöglichte. Arbeitskräfte waren grundsätzlich zu wenig da, Einschränkung der Fortpflanzung von daher Rück- schritt. Ausgehend vom Ideal einer harmonischen Gesellschaft ohne Interessengegensätze konstruierte er ein Proletarierbewusstsein und ein unerschöpfliches individuelles Arbeitsvermögen bis zur lustvollen Selbstaufopferung, das einen dafür erforderlichen Arbeitsaufwand bar jeden Materialismus erbringt, ein Bewusstsein, das den Arbeitsplatz selbst schon als Entlohnung begreift - eine Geisteshaltung des Arbeitsvolks übrigens, welche deutsche Un- ternehmenspolitik heute als selbstverständlich voraussetzt und die in diesem Lande niemand mehr kritisieren will. Angesichts eines Russlands, das bis heute nicht über die techni- schen Möglichkeiten verfügt, alle Bodenschätze zu erschließen, hätte sich Bogdanov den heute modernen Ökologenfehler der be- grenzten Ressourcen nicht leisten müssen. Sicher: die Eisenvor- räte eines Planeten sind begrenzt und in x Tonnen bezifferbar. Aber ob das z u w e n i g ist für eine Gesellschaft, die sich n i c h t der maßlosen Vermehrung abstrakten Reichtums - Geld - mit einer verschwenderischen, aber kostengünstigen Ressourcenver- schleuderung verschrieben hat, das soll hier nur mit einem schlichten Nein! beantwortet werden. Zu 7. Hier beweist Maschke, dass er über den literarischen Überblick verfügt, um Bogdanov einsortieren zu dürfen. Seine Konstruktion von Bogdanovs Warnung kann nur noch als unverschämte Unterschie- bung betrachtet werden. Eine sozialistische Gesellschaft mit dem Zweck der herrschaftsfreien Diskussion und vernünftig organisier- ter Produktion, die das "wahre Reich der Freiheit aufblühn lässt" (Marx), soll der Möglichkeit nach blumig ausgemalte Gewaltorgien in sich bergen. Maschke hat das Feindbild des Kalten Krieges voll drauf: Demokratisch abgesegnete Blutbäder sprechen bekanntlich nie gegen die Demokratie, sondern höchstens für einen Unter- suchungsausschuss zur Bereinigung des Skandals, der die Integri- tät des Amtes durch Austausch der Führungsfigur wiederherstellt, das Gleiche d e r M ö g l i c h k e i t n a c h im Sozialis- mus - was eh schon eine Schmarrnkonstruktion ist - ist ein ein- deutiges Zeichen für die Gewaltbereitschaft dieses Gesell- schafts s y s t e m s. Aber wo das Interesse den Verstand leitet - für eine von oben verordnete und selbstbewußt mitgemachte prinzipielle Systemfeindschaft - ist bekanntlich jede Dummheit recht! zurück