Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978
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ZUR AKTUELLEN ENTWICKLUNG DER VERBRAUCHERPREISE
UND ZUM PREISINDEX DER LEBENSHALTUNG
Eberhard Dähne
I. Aktuelle Tendenzen der Preisentwicklung in der BRD - II. Be-
rechnungsmethoden des Preisindex der Lebenshaltung - III. Pro-
bleme der Preiserhebung
I. Aktuelle Tendenzen der Preisentwicklung in der BRD
-----------------------------------------------------
Indizes der Produktion und des Auftragseingangs entwickeln sich
widersprüchlich. Die Auftriebstendenz ist relativ schwach. Auch
im Juni 1978 gab es trotz aller Umschulungsmaßnahmen , die den
Arbeitsmarkt entlasten, trotz der beträchtlichen Mittel, die für
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen - häufig nach der Methode "Vogel
friß oder stirb" - eingesetzt wurden, den vielfältigen Techniken,
vor allem Frauen als Anspruchsberechtigte aus der Statistik ver-
schwinden zu lassen, trotz abgeschobener Ausländer und hoher Dun-
kelziffern immer noch 984 000 amtlich registrierte Arbeitslose
und 231 000 Kurzarbeiter. Im Vorjahr waren es im 2. Vierteljahr
995 000 Arbeitslose und 238 000 Kurzarbeiter. 1) Es hat sich also
wenig verändert; ohne eine grundlegende Veränderung der herr-
schenden Politik wird sich auch wenig verändern.
In all dieser Düsternis strahlt das Preis-Licht um so heller:
"Mit einer Teuerungsrate von zuletzt ungefähr zweieinhalb Prozent
ist die Bundesrepublik zwar noch nicht so weit wie die Schweiz.
Da sich dort die Inflationsrate dem Nullpunkt nähert, lösen die
Eidgenossen das Amt des Preiskommissars zum Jahresende auf...
Aber immerhin, auch die Bundesrepublik kann sich mit einem
zweiten Rang im internationalen Vergleich vor Österreich sehen
lassen." 2)
Tatsächlich läßt sich seit 1975 eine fortschreitende Verlang-
samung des Preisauftriebs für den Endverbrauch beobachten. Gegen-
über dem ersten Halbjahr 1977 stieg der Preisindex der Lebenshal-
tung für alle privaten Haushalte im ersten Halbjahr 1978 um 2,9
Prozent. Im Durchschnitt des Jahres 1977 hatte der Anstieg noch
3,9 Prozent und 1976 - mit dem Beginn des neuen Zyklus - noch 4,5
Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahr betragen .1977 gab es
auch zum ersten Male seit 1969 wieder einen Vierteljahresab-
schnitt, in dem ein Rückgang des Preisindex (1970 = 100) festzu-
stellen war: Juli 1977 147,0, September 146,7.
Der langfristige Vergleich der amtlich ausgewiesenen Preisent-
wicklung relativiert aber diese Erfolgsmeldungen.
Tabelle 1:
Daten zur Preisentwicklung a) in den Zyklen seit 1953.
1950 1953 1958 1963 1967 1971
1953 1958 1963 1967 1971 1975 1976 1977 1978
Zahl der Jahre im
Zyklus (4) 5 5 4 4 4
Zunahme des Preisindex d.
Lebenshaltung im Jahres-
durchschnitt - 1,9 2,2 2,7 2,9 6,3 4,6 3,6 2,8
Niedrigster
Jahresanstieg -1,7 +1,4 +1,1 +1,5 +1,3 +5,3 (6 Mo-
Höchster nate)
Jahresanstieg +7,9 +2,5 +3,1 +3.5 +5,1 +6,9
Zahl der Quartale im Jahresverlauf
mit Indexverminderungen oder
Stagnation (7) 10 9 4 2 - - 1 -
Zahl der Monate im Jahresverlauf,
in denen der Index rückläufig war
oder stagnierte (27) 21 18 12 10 2 2 3 -
_____
a) Preisindex der Lebenshaltung von 4-Personen-Haushalten mit
mittlerem Einkommen des alleinverdienenden Haushaltsvorstandes
(1958 = 100).
Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach: Stat. Bundesamt,
Fachserie 17, Reihe 7. Preise und Preisindizes der Lebenshaltung
1976, S. 35: dass., Fachserie 17, Reihe 7, Preise und Preisindi-
zes für die Lebenshaltung April 1978. S. 43 f.: Juni 1978
(Eilbericht), S. 6 f.
1978 wird der Preisindex der Lebenshaltung für alle privaten
Haushalte, der im l. Halbjahr 1978 um 0,1 Prozentpunkte stärker
als der Index für Arbeitnehmerhaushalte mit mittlerem Einkommen
anstieg, voraussichtlich um die drei Prozent zunehmen. Diese
wahrscheinlich niedrigste Steigerungsrare innerhalb des gegenwär-
tigen Zyklus liegt aber immer noch beträchtlich über den niedrig-
sten Steigerungsraten der meisten übrigen Zyklen. Eine Ausnahme
bildet lediglich die Periode 1972"1975, in dem preissteigernde
Sonderfaktoren ("Vietnam-Dollar-Schwemme", Exportboom, Energie-
preiserhöhung) eine Rolle spielten. Trotz der gegenwärtig wirken-
den Sonderfaktoren, die den Preisaufschwung dämpfen, vor allem
die deutliche Verringerung der Importpreise aufgrund verschiede-
ner Ursachen, liegt der Anstieg im gegenwärtigen Zyklus bedeutend
höher als nach der Krise 1967. Das gilt selbst dann, wenn man die
Erhöhung der Mehrwertsteuer von 11 auf 12 und von 5,5 auf 6 Pro-
zent berücksichtigt.
Zu den Wirkungen der Mehrwertsteuererhöhung
Die landläufig vertretene Auffassung, daß eine Anhebung des
vollen Mehrwertsteuersatzes um 1 Prozent auch den Preisindex der
Lebenshaltung um l Prozent in die Höhe treibt, wenn die Unterneh-
mer in der Lage sind, die Erhöhung auf den Endverbraucher weiter-
zuwälzen, ist - rein rechnerisch - falsch. Zunächst ist zu be-
rücksichtigen, daß ein beträchtlicher Teil des Warenkorbes nicht
unmittelbar von einer Mehrwertsteuererhöhung betroffen wird, weil
ein Teil der enthaltenen Güter und Diensleistungen nach § 4 des
Umssatzsteuergesetzes von der Mehrwertsteuer befreit ist bzw.
diese nicht auf sie anwendbar ist (z.B. Kfz-Steuer). Dazu zählen
(in Klammern die Wägungsanteile im gegenwärtig gültigen Warenkorb
für alle privaten Haushalte 3)):
- Mieten und ein Teil der Mietnebenkosten (126, 16)
- Leistungen von Krankenhäusern und Ärzten (12, 21)
- ein großer Teil der Dienstleistungen von Banken und Versiche-
rungen (28, 30)
- Teil der Leistungen der Bundespost (8, 76)
- Teil des Luftverkehrs (0, 61)
- Dienste von Kindergärten, Volkshochschulen, Theatern und Orche-
stern (9, 84)
- Kraftfahrzeugsteuer, Rundfunk-und Fernsehgebühren (11, 77).
Dieses knappe Fünftel des Warenkorbes wird nicht unmittelbar von
einer Mehrwertsteuererhöhung betroffen. Mittelbar vollzieht sich
die Überwälzung auf die Endkonsumenten aber doch. Neubauten z.B.
sind mit dem gestiegenen Steuersatz belastet, was die Mieten in
die Höhe treibt und längerfristig eine "Angleichungstendenz" auch
der nicht betroffenen Mieten befördert.
Für einen großen Teil des Warenkorbes gilt nur der halbe Steuer-
satz von gegenwärtig 6 Prozent. Das sind:
- Nahrungsmittel, Kaffee, Tee (ohne fertige Getränke aber ein-
schließlich Milch) ohne Leistungen des Gaststätten- und Beherber-
gungsgewerbes (218, 08)
- Blumen, Holz, "Gedrucktes", Rechtsanwaltsgebühren, Kinos,
Schwimmbäder (21, 12)
- öffentlicher Nahverkehr (einschließlich Taxis), wenn die Ent-
fernung weniger als 50 km beträgt (11, 92).
Nach dieser Überschlagrechnung 4) ergeben sich also drei Blöcke
unterschiedlicher Wirksamkeit einer Mehrwertsteuererhöhung:
- Rund 20 Prozent des Warenkorbgewichtes für alle privaten Haus-
halte werden von einer Mehrwertsteuererhöhung nicht unmittelbar
betroffen;
- auf rund 25 Prozent des Gewichtes entfällt ein Mehrwertsteuer-
satz von 6 Prozent;
- auf rund 55 Prozent der volle Satz von 12 Prozent.
Daraus ergibt sich für den Durchschnitt des gesamten Warenkorbes
eine Steigerung der Preisindexziffer für die Lebenshaltung aller
privaten Haushalte von 0,67 Prozent. Diese preissteigernde Wir-
kung einer Mehrwertsteuererhöhung wird allerdings durch die ver-
breitete Praxis - "wenn schon Erhöhung, dann kräftig" - weiter
verstärkt. Angesichts des hohen Selbstbedienungsanteils im Ein-
zelhandel sind neue Preisauszeichnungen sehr arbeitsaufwendig,
müssen also für die Unternehmer "lohnend" sein. Wenn man die Ent-
wicklung der Einzelpreisindizes für die 9 Hauptgruppen des Waren-
korbes betrachtet (vgl. Tabelle 2), dann ergibt sich u.E., daß
die Mehrwertssteuererhöhung vom 1.1.1978 einschließlich der er-
wähnten Sonderzuschläge bereits zum größten Teil auf die Endkon-
sumenten weitergewälzt wurde. Anders ist es z.B. schwerlich zu
erklären, daß etwa die Nahrungs- und Genußmittelpreise in den 6
Monaten des Jahres 1978 noch um 1,7 Prozent angestiegen sind, ob-
wohl die saisonabhängigen Nahrungsmittel in ihren Meßziffern um 6
Prozent zurückgegangen sind, die von der amtlichen Statistik
festgestellten Kaffeepreise weiter rückläufig waren, Eier und
Konserven nach den Feststellungen der Statistischen Ämter billi-
ger wurden, Tabakwaren im Preis stagnierten und die landwirt-
schaftlichen Erzeugerpreise einem neuen Tiefstand zustreben, was
auch im Weltmaßstab gilt: bei den Rohstoffen für die Nahrungs-
und Genußmittelindustrie verringerten sich die Preise am stärk-
sten. 5)
An dieser Stelle einige Anmerkungen zu den Auswirkungen der ge-
planten erneuten Erhöhung der Mehrwertsteuer ab 1.7.1979. Daten
über die aktuellen Verbrauchsausgaben aller privaten Haushalte
gibt es nicht. Orientiert man sich hilfsweise an dem Haushaltstyp
2 der laufenden Wirtschaftsrechnungen" "4-Personen-Arbeitnehmer-
haushalt mit mittlerem Einkommen des Haushaltsvorstandes" - der
im Januar Ausgaben für den privaten Verbrauch von rund 2100 DM
hatte 6), dann ergibt eine überschlägige Berechnung folgendes Re-
sultat:
Bei einer unterstellten Steigerung der Verbrauchsausgaben um 5
Prozent bis 1979 würde eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 6 auf
6,5 Prozent und von 12 auf 13 Prozent, die mit 0,6 bis 0,7 Pro-
zent auf den gesamten Warenkorb durchschlägt, jährliche Mehrbela-
stungen von 160 DM bis 186 DM bedeuten. Je nach konjunktureller
Situation und dem herrschenden "Preisklima" kann sich der durch
die Mehrwertsteuererhöhung ausgelöste "Preisschub" aber auch auf
1 bis 1,5 Prozent belaufen. Das wären auf das Jahr umgerechnet
265 DM bis 397 DM Mehrausgaben. Diesen Erhöhungen stehen Steuer-
minderungen gegenüber, die aber nach den bisher bekanntgewordenen
Zahlen gerade in der hier beispielhaft durchgerechneten Einkom-
mensgruppe niedriger wären als die Mehrausgaben infolge der Erhö-
hung der Mehrwertsteuer. 6a)
Nur Belastungen durch die Mehrwertsteuererhöhung haben die Rent-
nerhaushalte. Aufgrund eines anderen Warenkorbes ist ihre Bela-
stung allerdings geringer als bei den übrigen Haushaltstypen. Für
die im gegenwärtig gültigen Warenkorb enthaltenen Waren gilt:
- Rund 23 Prozent des Warenkorbgewichtes werden von einer Erhö-
hung der Mehrwertsteuer nicht unmittelbar betroffen;
- auf rund 37 Prozent entfällt der geplante Mehrwertsteuersatz
von 6,5 Prozent;
- auf rund 40 Prozent entfällt der volle Satz von 13 Prozent.
Bei monatlichen Verbrauchsausgaben von rund 990 DM 7) bedeutet
dies Mehrausgaben von rund 6 DM im Monat und 72 DM im Jahr. Die
Rentner wurden gleichzeitig durch die neuen Rentenanpassungsge-
setze benachteiligt und werden durch die mit einiger Sicherheit
eintretenden Erhöhungen der kommunalen Gebühren infolge der Ein-
nahmenminderung der Gemeinden besonders hart betroffen. Auch in
diesen Punkten wird also deutlich, daß die geplanten "Reformen"
zu Lasten der einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen durchge-
führt werden sollen.
Zur Struktur der gegenwärtigen Preisentwicklung
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Die gegenwärtig feststellbare Verlangsamung des Indexanstiegs be-
trifft einen großen Teil der Güter und Dienstleistungen des Wa-
renkorbes. Sie ist bei saisonabhängigen Nahrungsmitteln besonders
ausgeprägt, deren Preismeßziffern 8) sogar eine fallende Tendenz
im Vergleich zum Vorjahr haben. Infolge des niedrigen Zinsniveaus
steigen auch die Wohnungsmieten gegenwärtig "nur" mit einer Rate
von 3,1 Prozent, wobei aber bereits an dieser Stelle darauf ver-
wiesen werden muß, daß ein Teil des realen Mietanstiegs durch
zweifelhafte "Basiskorrekturen" des Statistischen Bundesamtes un-
ter den Tisch fällt. Bei den Hauptgruppen "Kleidung, Schuhe" und
"Übrige Waren und Dienstleistungen für die Haushaltsführung" lag
der Tiefpunkt des Preisanstiegs bereits im Jahre 1976 (vgl. Ta-
belle 2).
Tabelle 2:
Veränderungsraten des Preisindex der Lebenshaltung für alle pri-
vaten Haushalte (1970 = 100) insgesamt sowie für die 9 Hauptgrup-
pen des Warenkorbes 1975 - Juni 1978.
Veränderung gegen Vorjahr in % Index
Juni 78
1975 1976 1977 1978 b) (1970 =
100)
Gesamtlebenshaltung 6,0 4,5 3,9 2,9 150,8
Gesamtlebenshaltung ohne Saisonwaren und
ohne Blumen, Kohle und Heizöl 5,9 4,1 4,1 3,4 148,7
Nahrungs- und Genußmittel 5,3 5,1 5,0 1,7 147,3
darunter: Saisonwaren 9,1 13,3 1,9 -6,0 178,0
Kleidung, Schuhe 5,1 3,4 4,5 4,9 153,8
Wohnungsmiete a) 6,5 5,1 3,4 3,1 148,9
Elektrizität, Gas, Brennstoffe 10,5 6,6 1,1 2,2 181,6
Übrige Waren und Dienstleistungen
für die Haushaltsführung 6,4 3,4 3,5 4,0 145,8
Waren und DL. für Verkehrzwecke,
Nachrichtenübermittlung 6,3 4,7 2,3 3,6 160,0
Waren und DL. für Körper- und
Gesundheitspflege 7,2 4,8 4,3 4,1 160,4
Waren und DL. für Bildungs- und
Unterhaltungszwecke 6,0 3,8 2,6 2,4 142,5
Persönliche Ausstattung; sonstige
Waren und DL. 4,0 3,2 4,6 3,0 142,8
_____
a) einschließlich Mietnebenkosten
b) Durchschnitt aus Januar bis Juni 1978 gegenüber Durchschnitt
der ersten 6 Monate 1977 (eigene Berechnung)
Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Stat. Bundesamt,
Preise und Preisindizes für die Lebenshaltung, Juni 1978, S. 32
ff.
Die Entwicklung innerhalb der einzelnen Hauptgruppen war recht
differenziert. Eine nicht unbeträchtliche Rolle spielten Waren
und Dienstleistungen, deren Preismeßziffern im letzten Jahr sta-
gnierten. Zwischen dem April 1977 und dem April 1978 galt das für
folgende Waren (in Klammern der Promilleanteil am Warenkorb für
alle privaten Haushalte): 9)
- Tabakwaren (25, 33)
- Postdienste (2, 67), die allerdings seit 1970 weit überdurch-
schnittlich, von 67 Prozent (Briefporto) bis 275 Prozent
(Postanweisung), angestiegen sind.
- Ferngespräche (6, 09)
- Rundfunk- und Fernsehgebühren (6, 14)
- 6 weitere Waren aus verschiedenen Bereichen (1, 44)
- Dienstleistungen der Versicherungen (26, 95)
- Kfz-Steuer (5, 63).
Zusammen handelt es sich hierbei also um einen Warenkorbanteil
von 74,25 Promille. Hinzu kommen Waren, deren Preismeßziffern im
Vergleichszeitraum sogar zurückgegangen sind. Am deutlichsten ist
dieser Rückgang bei den saisonabhängigen Nahrungsmitteln. Der In-
dex betrug hier im Juni 1977 193,1 (1970 = 100), im April 1978
171,5 10), er ist also um 11,2 Prozent gegenüber dem Höchststand
des vergangenen Jahres zurückgegangen. Preisrückgänge fanden al-
lerdings nicht nur bei dieser Gütergruppe statt. Zwischen April
1977 und April 1978 gab es Verminderungen der Preismeßziffer bei
(in Klammern der Warenkorbanteil) 11):
- 27 Nahrungsmitteln (27, 28)
- 2 Kaffeesorten (11, 72)
- Dieselkraftstoff ringfrei (unbekannt) 12)
- Lkw-Reifen (unbekannt)
- 6 Waren aus dem Bereich der Körperpflege (1, 97)
- 15 Waren aus dem Bereich "Bildung und Unterhaltung", wobei es
sich überwiegend um Güter der Elektro- und der optischen Indu-
strie handelt. Bei 12 Gütern sind sogar Rückgänge der Preismeß-
ziffern unter den Stand von 1970 festzustellen (Warenkorbanteil
der 12 Waren: 6,71 Promille). Waren, deren Preismeßziffer Zurück-
gingen, hatten also zusammen einen Anteil von 47,68 Promille am
Warenkorb für alle privaten Haushalte. Stagnierende und rückläu-
fige Preismeßziffern - soweit sie der Öffentlichkeit bekanntgege-
ben werden 13) und die Wägungsanteile der betreffenden Waren be-
kannt sind - hatten also zusammen einen Warenkorbanteil von
121,93 Promille. Um ihr Gewicht zu verdeutlichen: Wenn alle übri-
gen Güter und Dienstleitungen des Warenkotbs im Preis unverändert
blieben, dann würde eine 10prozentige Preissteigerung oder
-senkung für die aufgezählten Waren eine Veränderung des gesamten
Preisindex der Lebenshaltung um immerhin 1,2 Prozent bewirken.
Über die weitere Entwicklung des Preisanstiegs im Jahre 1978 sind
nur Spekulationen möglich. Der Jahresdurchschnitt - das Statisti-
sche Bundesamt berechnet ihn als einfaches arithmetisches Mittel
aus den Preisindexziffern der 12 Monate - hängt u.a. davon ab,
wie deutlich ausgeprägt das "Sommerloch" des Preisanstiegs wird.
Darunter ist zu verstehen, daß in aller Regel der Preisindex der
Lebenshaltung in den Hochsommermonaten langsamer als im übrigen
Jahr ansteigt. Von den 26 Quartalen mit Verminderungen oder Sta-
gnation des Preisindex der Lebenshaltung im Jahresverlauf seit
1954 entfielen 17 auf den Zeitraum Juli bis September; von 68 Mo-
naten mit Rückgängen oder Stagnation gegenüber dem Vormonat waren
es 41. 14)
Diese Tatsache ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß in dieser
Periode Kartoffeln, Gemüse und Blumen preiswerter sind, daß es
bei Mineralöl, Kohlen und dem seit Anfang 1978 mit unbekanntem
Gewicht in den Warenkorb eingeführten Pelzmantel ("Damen-Pelzman-
tel, Swakara-Persianer, ohne zusätzlichen Pelzbesatz, Gr. 42")
Sommerrabatt gibt. Zusätzlich spielen eine Rolle:
- Faktoren, die nicht das Statistische Bundesamt verantwortet,
worunter fallen: Ferienbesatz in den Verkaufsunternehmen, der
neue, höhere Preisauszeichnungen einschränkt; Vermietet kommen
nicht dazu, neue Mieterhöhungen abzufassen und zu begründen; die
Parlamentsferien verhindern, daß CSU, CDU, SPD und FDP Gebüh-
renerhöhungen mit sofortiger oder sogar rückgreifender Wirkung
beschließen usw.
- Faktoren, die das Statistische Bundesamt verantwortet, worunter
u.a. fallen: die nicht eindeutige Ausschließung von Räumungsver-
käufen im weitesten Sinne in den Erhebungsrichtlinien für die
Preisberichterstattung 15); die einigermaßen anfechtbare Praxis,
die Preise von vorübergehend fehlenden Waren einfach nach den
Vormonatspreisen fortzuschreiben; schließlich die besonders dü-
stere (weil nicht transparente) Praxis, die Preise der Versand-
handelsunternehmen auf zentraler, Wiesbadener Ebene in den Index
einzuführen. Die entsprechenden Kataloge erscheinen im Frühjahr
und im Spätsommer. 16)
Ohne mathematische Ableitung soll am simplen Rechenbeispiel ange-
deutet werden, was die aufgezählten Tatsachen für die Errechnung
des Preisindex der Lebenshaltung bei Ermittlung von Jahresdurch-
schnittswerten bedeuten. Ein Dreimonatsdurchschnitt, ausgehend
von einer Indexzahl 170,0, die auf 180,0 steigt, hat unterschied-
liche Zwischenwerte:
- Fall 1: 170,0 - 179,0 - 180,0
- Fall 2: 170,0 - 171,0 - 180,0.
Im Fall 1 beträgt die durchschnittliche Meßziffer aus den 3 Mona-
ten 176,3, im Fall 2 nur 173,7.
Solche extremen Differenzen sind bei weniger hektischen Preis-
sprüngen und einem 12-Monats-Durchschnitt nicht möglich. Sie
spielen aber eine Rolle und beeinflussen den prozentualen Anstieg
des Preisindex der Lebenshaltung im Jahresdurchschnitt. Das ist
bei Lohnauseinandersetzungen vor allem in Zeiten steigender
Preise zu berücksichtigen.
Spitzenreiter des Preisauftriebs:
---------------------------------
Preise für öffentliche Dienstleistungen
---------------------------------------
Nur wenig abgeschwächt hat sich der Preisauftrieb bei den kommu-
nalen Dienstleistungen und den Preisen für den öffentlichen Nah-
verkehr. Im Zeitraum seit 1970 sind es lediglich die Preismeßzah-
len für Theater- und Opernabonnements sowie die für Parkuhrgebüh-
ren, die hinter dem Anstieg der Gesamtlebenshaltung zurückblie-
ben. Alle übrigen öffentlichen Dienstleistungen - soweit sie
überhaupt Bestandteil des Warenkorbes sind - stiegen wesentlich
stärket. Auch zwischen April 1977 und April 1978 gab es nur we-
nige Indexpositionen in diesem Bereich, die geringer als der
Preisindex der Lebenshaltung insgesamt anstiegen. In den von CSU,
CDU, SPD und FDP regierten Rathäusern scheint angesichts der ver-
langsamten Gesamtpreissteigerung der Grundsatz vorzuherrschen:
"Den Bürgern kräftig in die Tasche greifen, weil's nicht so auf-
fällt."
Letzteres hängt aber auch mit der Tatsache zusammen, daß die öf-
fentlichen Dienstleistungen im Warenkorb für alle privaten Haus-
halte (aber auch in den übrigen Warenkörben) ein unerwartet nied-
riges Gewicht haben. Ohne Strom und Gas, wo die Kommunen in der
Regel nur die Endverteiler eines ansonsten von Monopolkonzernen
beherrschten Mechanismus sind und ohne die aufgeführten Entsor-
gungsleistungen, die in den Mieten enthalten sind, haben die in
Tabelle 3 aufgeführten Leistungen nur einen Promilleanteil von
19,50. Das ist noch etwas weniger als der Wägungsanteil von Fla-
schenbier (19,85). Eine schlagartige Preissteigerung der mit ih-
rem Gewicht aufgeführten Leistungen (ohne Strom und Gas) um 50
Prozent würde den Preisindex nur um ein Prozent ansteigen lassen.
Der überdurchschnittliche Preisanstieg für öffentliche Dienstlei-
stungen geht in letzter Konsequenz auf die ungenügende Finanzaus-
stattung der Kommunen - ihren geringen Anteil am Gesamtsteuerauf-
kommen - zurück. Ohne einen finanziellen Ausgleich wird die Steu-
erreform" von 1979/80 mit der geplanten Abschaffung der Lohnsum-
mensteuer und der weiteren Erhöhung des Freibetrages für die Ge-
werbeertragssteuer den Druck in Richtung einer weiteren Erhöhung
der kommunalen Gebühren verstärken.
II. Berechnungsmethoden des Preisindex der Lebenshaltung
--------------------------------------------------------
Im Zusammenhang mit der Beschreibung von Momenten der aktuellen
Preisentwicklung wurden bereits einige methodische Probleme ihrer
Messung angesprochen. Sie werden im folgenden dargestellt. Dabei
ist auch der Frage nachzugehen, inwieweit die gegenwärtig ver-
wandten Meßinstrumente zuverlässig sind, das heißt, den Preisan-
stieg richtig ausweisen.
Tabelle 3:
Preisentwicklung ausgewählter öffentlicher Dienstleistungen seit
1970 und zwischen April 1977 und April 1978.
Dienstleistung Preisindex Anstieg in % %-Anteil am
1970 = 100 1970- April Warenkorb
im April April 1977/78
1978 1978
Wassergeld 202,1 102,1 2,7 2,49
Elektrizität 166,2 66,2 4,9 18,80
Gas 157,2 57,2 3,7 6,38
Parkgebühr, 1 Std. 113,3 13,3 ±0, unbekannt
Einzelfahrschein für
Omnibus od. Straßenbahn 199,8 99,8 7,4 2,88
Mehrfahrtenkarte für
Straßenbahn od. Omnibus 191,4 91,4 6,6 unbekannt
Monatskarte für
Straßenbahn od. Omnibus 186,9 86,9 6,7 0,40
Bundesbahn, 10 km 160,0 60,0 33,3 0,05
Bundesbahn, 15 km,
Wochenkarte 172,2 72,2 19,3 0,26
Schülermonatskarte, 20 km 223,8 123,8 34,3 0,19
Bahnbus, 11 km 200,0 100,0 11,0 unbekannt
Krankenhauspflegesatz,
1 Tag 270,1 170,1 4,7 1,88
Theaterkarte, Tageskasse 156,0 56,0 4,6 0,50
Theaterkarte, Abo. 141,1 41,1 1,4 0,58
Operkarte, Tageskasse 154,1 54,1 7,5 0,39
Operkarte, Abo. 144,1 44,1 6,3 0,47
1 Doppelstd. Volkshoch-
schule Lehrgangsgebühr 164,4 64,4 3,2 4,47
1 Monat Kindergartenbesuch,
ganztägig m. Verpflegung 174,8 74,8 1,8 3,43
1 Besuch im Hallenbad 175,9 75,9 4,1 1,51
Abwasserbeseitigung,
1 cbm a)
- kleine Menge 186,5 86,5 6,1 in Miete
enth.
- größere Menge 187,2 87,2 6,6 in Miete
enth.
Müllabfuhr (jährl.) a)
- kleine Tonne 162,1 62,1 4,2 in Miete
enth.
- große Tonne 159,0 59,0 4,1 in Miete
enth.
Straßenreinigung (jährl.) a)
- 2 x pro Woche 165,5 65,5 1,5 in Miete
enth.
- 6 x pro Woche 172,0 72,0 1,5 in Miete
enth.
Gesamtlebenshaltung 150,1 50,1 2,9 1000,00
_____
a) Januar 1972 = 100
Quelle: Berechnet nach Stat. Bundesamt, Fachserie 17, Reihe 7,
Preise und Preisindizes für die Lebenshaltung, April 1978.
Wir beschränken uns hier auf die Zusammenfassung wichtiger Ergeb-
nisse einer vom IMSF vorgelegten Untersuchung 17), Ableitungen,
Erklärungen und Beweise der hier vertretenen Thesen sind dieser
Arbeit zu entnehmen.
Auseinandersetzungen um den Preisindex der Lebenshaltung
--------------------------------------------------------
in Frankreich
-------------
Die Brisanz der Preisindexziffer ist in vielen Ländern noch grö-
ßer als bei uns, weil Lohnerhöhungen entweder für Teilgruppen der
Lohnabhängigen oder für diese insgesamt direkt an diese Index-
ziffer anknüpfen. Am umstrittensten sind die amtlichen Berechnun-
gen in Frankreich, wo sowohl die Löhne und Gehälter der Staatsbe-
schäftigten als auch die gesetzlichen Mindestlöhne direkt an den
amtlichen Index gekoppelt sind. Indirekt werden aber - wie in der
Bundesrepublik auch - die Löhne und Gehälter aller übrigen Be-
schäftigten und der größte Teil der staatlichen Sozialleistungen
von dieser Indexziffer mitbestimmt. Aus den in der IMSF-Arbeit
vorgelegten Texten - es handelt sich um Übersetzungen grundlegen-
der methodischer Artikel des C.G.T.-Organs "Le Peuple" - geht
u.E. hervor, daß der amtliche Index so konstruiert ist, daß er
manipuliert, ja gefälscht werden kann. Der amtliche I.N.S.E.E.-
Warenkorb enthält 295 Einzelposten mit entsprechend großem Ein-
zelgewicht, die im einzelnen nicht bekannt sind! Auch angesichts
dieser Tatsache erklärten die in den Gewerkschaften C.G.T. und
C.F.D.T. organisierten Beschäftigten des Statistischen Amtes
(I.N.S.E.E.) im Februar 1976, "daß nur noch einige wenige hohe
Verantwortliche wirklich wissen, wie dieser Index berechnet
wird". 18) Es gibt auch Hinweise darauf, daß es in Frankreich re-
gelrechte "Indexwaren" gibt, deren Preise auf Empfehlungen der
Unternehmerverbände künstlich niedrig gehalten werden.
Aufgrund dieser Tatsache ist es nicht verwunderlich, daß die
französischen Gewerkschaften den amtlichen eigene Berechnungen
gegenüberstellen. Das gilt auch für eine Reihe von Familien- und
Verbraucherverbänden. In der Regel wird dabei das amtliche Zah-
lenmaterial zwar benutzt; es wird aber neu gruppiert, und den Be-
rechnungen liegen anders gewichtete, realitätsnähere Warenkörbe
zugrunde. Am weitesten geht dabei die C.G.T., die einen regel-
rechten "Konkurrenzindex" der Lebenshaltung vorlegt. Die C.G.T.
verwendet dabei einen eigenen Warenkorb, der die Verbrauchsstruk-
tur einer 4köpfigen Facharbeiterfamilie im Pariser Großraum wi-
derspiegeln soll, erhebt die Preise mit eigenen Interviewern und
führt auch die Berechnungen sowie u. U. notwendige Basiskorrektu-
ren selbst durch. Dieser C.G.T.-Index wurde von den gewerkschaft-
lich organisierten Beschäftigten des Statistischen Amtes in der
oben zitierten Erklärung als das im Vergleich zum amtlichen Index
bessere Instrument bezeichnet. Welche beträchtliche Differenz
zwischen den verschiedenen Berechnungen bestehen, zeigt die um-
seitige Übersicht.
Die französische Regierung ist bislang nicht auf die Forderungen
der C.G.T. und der übrigen Gewerkschaften eingegangen, gemeinsam
ein allgemein anerkanntes Meßinstrument der Preissteigerungen zu
entwickeln.
I.N.S.E.E. C.G.T. C.F.D.T. F.O.
amtlich
Preisanstieg zwischen
1970 = 100 und Dezember
1975 in Prozent +57,3 +84,0 +70,2 +68,5
Preisanstieg vom Dezember 1974
bis Dezember 1975 in Prozent +9,0 +14,3 +12,4 +11,4
_____
Quelle: Eigene Berechnungen nach Le Peuple, No 985, März 1976, S.
5.
Französische Zustände in der Bundesrepublik?
--------------------------------------------
Diese Frage muß aufgrund unserer Untersuchungen verneint werden.
Es hat sich kein konkreter Anhaltspunkt dafür ergeben, daß das
Statistische Bundesamt die gleiche Rolle in der amtlichen Wirt-
schafts- und Finanzpolitik spielt wie offensichtlich das entspre-
chende französische Amt, das dort wie hier dem Innenministerium
untersteht. Allerdings muß im Hinblick auf die in der Bundesrepu-
blik geübten Methoden der Indexberechnung auf Fünferlei hingewie-
sen werden:
Erstens: Eine Reihe von Punkten, die in der französischen Kritik
eine Rolle spielen, treffen auch für die Bundesrepublik zu. Dazu
zählen:
- preisanstiegsverschleiernde Basiskorrekturen bei Qualitätsver-
änderungen;
- die enge Zusammenarbeit mit den Unternehmern bzw. ihren Vertre-
tern bei der Warenauswahl und monatlichen Preisfeststellung;
- eine gewisse Naivität gegenüber den in der f r e i e n Markt-
wirtschaft geübten Praktiken;
- eine Unterbewertung der Mietausgaben u. a. aufgrund eines un-
terstellten Wohnstandards, der nicht mehr zeitgemäß ist.
Zweitens: Eine zwar behauptete, aber bislang nicht bewiesene Re-
präsentativität der errechneten Ziffern im Hinblick auf die ver-
schiedenen sozialen Bevölkerungsgruppen, die Zeit und Regionen
der Bundesrepublik.
Drittens: Eine Vielzahl methodischer Festlegungen über das Erhe-
bungsverfahren, die jede für sich nur von relativ geringer Aus-
wirkung sind, die aber in ihrer Summe eher in Richtung einer Un-
tertreibung des Preisanstiegs wirken.
Viertens: Eine ausgesprochen defensive Veröffentlichungspraxis,
die erhebliche Teile des Warenkorbes mit Geheimhaltung belegt,
die Einführung der Versandhandelspreise in die Berechnungen nicht
erläutert, aber auch wichtige methodische Fragen der Erhebungs-
und Aufbereitungspraxis nicht mehr der öffentlichen Diskussion
zugänglich macht.
Fünftens: Die Zusammensetzung der das Statistische Bundesamt be-
ratenden und kontrollierenden Gremien ist nicht repräsentativ für
die relevanten gesellschaftlichen Kräftegruppierungen in unserer
Gesellschaft. Beispielhaft seien die entsprechenden Passagen über
die Zusammensetzung des Statistischen Beirats aus dem § 4 des
"Gesetzes über die Statistik für Bundeszwecke" zitiert. Die Zu-
sammensetzung dieses Beirats deckt sich "kräftemäßig" auch mit
der der Fachausschüsse - so dem in unserem Zusammenhang interes-
sierenden "Fachausschuß für Preis- und Lohnstatistik".
"(1) Das Statistische Bundesamt erhält einen Beirat.
(2) Der Beirat setzt sich zusammen aus
1. dem Präsidenten des Statistischen Bundesamtes oder seinem Ver-
treter im Amt als Vorsitzenden,
2. je einen Vertreter der Bundesministerien, des Bundesrechnungs-
hofes, der Bank deutscher Länder und der Bundesbahn,
3. den Leitern der Statistischen Landesämter und ihren Vertretern
im Amt,
4. je einem Vertreter der kommunalen Spitzenverbände,
5. sieben Vertretern der gewerblichen Wirtschaft und einem Ver-
treter der Arbeitgeberverbände,
6. drei Vertretern der Gewerkschaften,
7. zwei Vertretern der Landwirtschaft,
8. zwei Vertretern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute.
Im Falle der Beschlußfassung haben die Vertreter gemäß Nummern 1
bis 3 nur beratende Stimme." 19)
Dazu ist jeder Kommentar überflüssig. Eine Erläuterung und ein
Hinweis: Die unter 6. genannten "Vertreter der Gewerkschaften"
setzen sich nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes aus einem
Gewerkschaftsvertreter des DGB sowie aus zwei Vertretern von
Standesorganisationen, in denen Lohnabhängige organisiert sind,
der DAG und dem Deutschen Beamtenbund, zusammen. Warum ist die
Statistik im Hinblick auf Arbeitsbedingungen, Vermögensverhält-
nisse usw. so lückenhaft? Antwort: Vgl. § 4, Absatz 2 des
"Gesetzes über die Statistik für Bundeszwecke", das in seinen
Grundlagen seit 1953 nicht mehr geändert wurde.
In den grundlegenden Aufsätzen der Zeitschrift "Wirtschaft und
Statistik" ist zwar nur einmal ein Hinweis darauf enthalten, daß
der Statistische Beirat massiv Einfluß auch auf die methodischen
Grundlagen der Indexberechnungen nimmt 20); anzunehmen ist aber,
daß dies häufiger der Fall ist. Unsere diesbezüglichen Zweifel
könnten nur ausgeräumt werden, wenn die Zusammensetzung dieses
Gremiums ausgewogener wäre.
Diese fünf zusammenfassend aufgezählten Kritikpunkte am Preisin-
dex der Lebenshaltung dürfen nicht mißverstanden werden: Es ging
den Verfassern der IMSF-Studie nicht darum zu zeigen, daß der
Preisindex der Lebenshaltung systematisch die reale Preissteige-
rung in der Bundesrepublik untertreibt. Es kam allein darauf an,
ein zentrales Instrument der wirtschafts- und sozialpolitischen
Auseinandersetzungen, das in jeden Lohnkampf massiv hineinwirkt,
darzustellen und zu untersuchen. Dabei wurde allerdings davon
ausgegangen , daß sich die Untersuchungen des Statistischen Bun-
desamtes - wie jede andere wissenschaftliche Untersuchung auch -
einer ständigen, auch methodischen Kritik stellen müssen.
Auf eine weitere mögliche Fehldeutung ist zu verweisen. Eingriffe
in die Indexbewegung durch die sogenannten "öffentlichen Hände" -
zumindest der Versuch dazu - sind gang und gäbe. "Als die Treib-
stoffpreise am 17. März 1976, zwei Tage nach dem Stichtag für die
Preiserhebung für den Monat März, erhöht wurden, war das kein Zu-
fall: die Teuerung sollte erst im Aprilindex zum Ausdruck kommen,
der in der zweiten Maiwoche veröffentlicht wurde (wahrscheinlich
fiel in die Zwischenzeit eine Lohnbewegung, d. Verf.). Ähnlich
verhielt es sich mit den Spitalkosten. Sie sind im Index durch
die Wiener Spitalkosten für die II. Klasse (jetzt Sonderklasse)
vertreten. Ihre Erhöhung wurde über Veranlassung Kreiskys hinaus-
geschoben, damit der Index zum damaligen Zeitpunkt (Mai 1974)
nicht über die magische 10-Prozent-Teuerungsgrenze hinaussteigt.
21) Diese Indexkosmetik gab Bürgermeister Gratz in einem Zei-
tungsinterview offen zu. In den Bundesländern waren die Spitalko-
sten schon einige Zeit vorher hinaufgesetzt worden, was sich, da
sie im Index nicht vertreten sind, nicht ausgewirkt hatte. Es sei
daran erinnert, daß sich Handelsminister Staribacher mehrmals
darum bemühte, Preiserhöhungen beim VW-Sparkäfer hinauszuschie-
ben, weil die Autos im derzeitigen Index nur durch den VW 1200
vertreten sind, während die Preise für die VW-Mittelklassewagen
und für andere Autos erhöht wurden." 22)
Dieser Bericht über Österreich, Tagesnachrichten von der In-
dexfront - die VW-Manipulation ist sogar in die Statistische All-
gemeinliteratur eingegangen 23) -, ist angesichts des hohen Wa-
renkorbanteils, auf den die öffentliche Hand direkt oder indirekt
einen Preiseinfluß hat 24), ohne weiteres auch in der Bundesrepu-
blik möglich. Auch die Praxis großer Konzerne, ihre Preise im
allgemeinen erst nach den Lohnrunden zu erhöhen, ist nicht nur
darauf zurückzuführen, daß die Wirksamkeit einer "Lohn-Preis-Spi-
rale" bewiesen werden soll, sondern auch als Versuch zu sehen,
Einfluß auf den Verlauf des Preisindex der Lebenshaltung und da-
mit auf die Lohnauseinandersetzungen zu nehmen.
All dies ist aber nicht den Statistischen Ämtern anzukreiden,
sondern widerspiegelt nur die großen Einflußmöglichkeiten des
Staates und der Monopolkonzerne auf den Wirtschaftsprozeß sowie
die große Bedeutung der Preisindexziffer für die Lebenshaltung
bei Lohnkämpfen.
Zur Indexformel des Preisindex der Lebenshaltung
------------------------------------------------
Wie verändert sich das Verbraucherpreisniveau für verschiedene
soziale Gruppen bzw. für den Endverbrauch insgesamt in einem be-
stimmten Zeitraum? Diese Aufgabe der amtlichen Preisstatistik ist
schwierig zu lösen. Es gibt Tausende von Waren und Dienstlei-
stungen , die in den Endverbrauch eingehen. Es ist aber unmög-
lich, alle diese Preise laufend in ihren Veränderungen zu erfas-
sen. Sie haben auch unterschiedliche Bedeutung für die Lebenshal-
tung: Eine fünfprozentige Erhöhung der Brotpreise trifft einen
Arbeiterhaushalt stärker als eine 20prozentige Erhöhung der
Preise für Theaterkarten. Überhaupt hat der Endverbrauch je nach
dem sozialen Status des Haushalts und seiner Einkommenshöhe eine
unterschiedliche Struktur.
Aus diesen Gründen müssen die Haushaltstypen ebenso wie die ver-
brauchten Güter und Leistungen definiert werden. Es muß eine Aus-
wahl getroffen, ein Warenkorb zusammengestellt werden. Der Waren-
korb für alle privaten Haushalte, der sich aus zwei Erwachsenen
und 0,7 Kindern zusammensetzt, umfaßt zum Beispiel 899 Güter- und
Dienstleistungen, für deren Kauf 1970 1293,61 DM aufgewendet
werden mußten.
Die Messung der Preisveränderungen erfolgt in der Bundesrepublik
nach der sogenannten Laspeyres-Methode. 25) Es wird gemessen, wie
sich die Preissumme eines unveränderten Warenkorbes, der der Ver-
brauchsstruktur des Basisjahres entsprechen soll, zu verschie-
denen Zeitpunkten verändert. Zum Beispiel:
899
--
> Preis Juni 1978 x Menge 1970
--
Preisindex zum 1
Zeitpunkt = ---------------------------------- x 100 = 150,8
Juni 1978 899
--
> Preis 1970 x Menge 1970
--
1
Der Index 150,8 zeigt also an, daß für die nach Art u n d Menge
gleiche Auswahl von Gütern und Dienstleistungen im Juni 1978 50,8
Prozent mehr bezahlt werden mußte als im Durchschnitt des Jahres
1970.
Die vom Statistischen Bundesamt verwandte Formel hat gegenüber
allen sonst möglichen Indexformeln 26) folgende Vorteile: Solange
an der Basis festgehalten wird, lassen sich ohne aufwendige Erhe-
bungen von Verbrauchsstrukturveränderungen monatlich die Preis-
veränderungen des Warenkorbes errechnen. Die jeweils ermittelten
Ergebnisse lassen sich zeitlich nicht nur auf das Basisjahr be-
ziehen, sondern können auch untereinander verglichen werden, weil
die Ausgangsbasis konstant bleibt. Der Gesamtindex kann beliebig
untergliedert werden, und es lassen sich Teilindizes berechnen.
Der Nachteil dieser Indexformel liegt auf der Hand. Der einmal
aufgestellte Warenkorb muß über die Jahre hinweg konstant bleiben
27) und läßt die zwischenzeitlich eingetretenen Veränderungen der
Verbrauchsstruktur unberücksichtigt.
Wegen des relativ raschen Anstiegs der Realeinkommen in der Ver-
gangenheit und den deutlichen Verbrauchsumschichtungen in Rich-
tung (unterdurchschnittlich im Preis steigender) langlebiger Kon-
sumgüter führte das in der Vergangenheit in der Regel dazu, daß
der Preisindex der Lebenshaltung des starren Warenkorbes dem In-
dex, der der aktuellen Verbrauchsstruktur entsprach, etwas vor-
auseilte. Das könnte sich in der Gegenwart - bei einem gewissen
Sättigungsgrad der Ausstattung mit langlebigen Konsumgütern und
nur noch gering steigenden Realeinkommen - verändert haben. Von
uns durchgeführte Kontrollrechnungen brachten mangels detaillier-
ter Unterlagen aber keine eindeutigen Ergebnisse. Allerdings
spricht die bereits zitierte Zusammensetzung des Statistischen
Beirats dafür, daß ein Index auf der Basis eines neuen Warenkor-
bes den Preisanstieg nicht geringer anzeigen dürfte. Man kann nur
hoffen, daß das Statistische Bundesamt den Index des neuen Basis-
jahres - vorgesehen ist 1976 - bald vorlegt; ebenso seine laufend
durchgeführten Kontrollrechnungen. 28)
Zu den Indexhaushalten und Warenkörben
--------------------------------------
Das Statistische Bundesamt berechnet gegenwärtig Indizes für vier
verschiedene Warenkörbe, die der Verbrauchsstruktur - ermittelt
aus den laufenden Wirtschaftsrechnungen 29) sowie aus der Einkom-
mens- und Verbraucherhebung von 1969 (im Falle aller privaten
Haushalte) - von 4 Haushaltstypen entsprechen sollen. Außerdem
wird ein Index für "die einfache Lebenshaltung eines Kindes" be-
rechnet, der auf fiktiven, nicht empirisch ermittelten Ver-
brauchsausgaben an der unteren Grenze des Existenzminimums beruht
(vgl. Tabelle 4).
Die Kritik an den ausgewählten Haushaltstypen und Warenkörben
läßt sich in folgenden Hauptpunkten zusammenfassen:
- Bei der Aufstellung des Warenkorbes für "alle privaten Haus-
halte" fehlten ausreichende. Unterlagen über das Verbrauchsver-
halten der Selbständigenhaushalte. Diese hatten sich nur unter-
durchschnittlich an den Erhebungen der Einkommens- und Ver-
brauchsstichprobe beteiligt.
- Der Haushaltstyp "4-Personen-Arbeitnehmerhaushalt mit mittlerem
Einkommen" ist mit seinen Verbrauchsausgaben zwischen der oberen
Grenze der Arbeiterklasse und den lohnabhängigen Mittelschichten
angesiedelt. In den Warenkorb sind mittelschichtspezifische Ver-
brauchsgewohnheiten in starkem Maße eingegangen. Die Ausgaben für
den tagtäglichen Bedarf erscheinen untergewichtet. Das gilt
(allerdings für alle Haushaltstypen) auch für Wohnungsmieten
(vgl. Tabelle 5), die auch aufgrund eines sehr niedrigen Wohn-
standards nur ein geringes Gewicht haben; zumal berücksichtigt
werden muß, daß in den Mietausgaben die Mietnebenkosten (Wasser,
Entsorgung, Treppenhausbeleuchtung usw.) enthalten sind.
- Nicht nur beim "4-Personen-Arbeitnehmerhaushalt mit mittlerem
Einkommen", sondern auch beim "2-Personen-Haushalt von Rentnern
und Sozialhilfeempfängern" fallen in den Warenkörben eine Viel-
zahl von untypischen Ausgaben auf.
Ein besonderes Problem stellen die Genußmittelausgaben dar. Nach
Meinung des Statistischen Bundesamtes sind die Aufzeichnungen der
buchführenden Haushalte hier unvollständig. "Wie schon bei der
Aufstellung des Index auf Basis 1950 waren die von den buchfüh-
renden Haushalten angegebenen Beträge für bestimmte Genußmittel
zu erhöhen. Vergleiche mit den Ergebnissen der Verbrauchssteuer-
statistik hatten die allgemeine Erfahrung erhärtet, daß die Haus-
halte bei diesen Positionen nicht alle Ausgaben aufzeichnen." 30)
Beim Index auf Basis 1958 wurden die Genußmittelausgaben um rund
20 Prozent, bei dem mit Basis 1962 um etwa 15 Prozent erhöht.
Auch beim gegenwärtig gültigen Index 1970 = 100 "wurden die An-
schreibungen der Haushalte in den Wirtschaftsrechnungen als zu
ungenau angesehen und wie bei den früheren Indexneuberechnungen
in Anlehnung an die Ergebnisse der Verbrauchssteuerstatistik
durch Zuschläge korrigiert." 31) Das Ausmaß der Korrektur wurde
allerdings nicht bekanntgegeben.
Ein Vergleich zwischen den Anschreibungsergebnissen des "4-Perso-
nen-Arbeitnehmerhaushalts mit mittlerem Einkommen" nach den lau-
fenden Wirtschaftsrechnungen und den korrigierten Ergebnissen des
Warenkorbs für diesen Haushaltstyp ergibt eine monatliche Diffe-
renz von 40,28 DM, also 71 Prozent. 32) Daß u.U. zu viel des
Guten getan wurde, zeigt der fiktive Verbrauch, der sich aus der
Umrechnung der im Warenkorb enthaltenen Preisangaben in fiktive
Realmengen (über die Preise des Jahres 1970 33)) ergibt.
Tabelle 4:
Überblick über die wichtigsten Merkmale der gegenwärtig vom Sta-
tistischen Bundesamt berechneten Preisindizes für die Lebenshal-
tung und die Entwicklung der Indizes bis 1977
Preisindex für die Lebenshaltung für
Merkmale alle pri- Angest.- u. Arbeitnehmer- Renten- u. Einfache
vaten Beamten- haushalte mit Sozialhil- Lebens-
Haus- haushalte mittlerem feempfän- haltung
Indizes halte mit höhe- Einkommen gerhaus- eines
rem Ein- a), b) halten b) Kindes c)
kommen a)
Haushaltsmitglieder
2,7 4 4 2 1
Zusammensetzung
der Haushalte
2 Erwach- 2 Erwach- 2 Erwach- 2 ältere Ein Kind
sene sene sene Erwachsene bis 18
0,7 Kinder 2 Kinder 2 Kinder Jahre
Monatliche Verbrauchs-
ausgaben 1970 in DM
- je Haushalt 1294 1996 1157 532 124
- je Person 479 499 289 266 124
Indexpositionen im
Warenkorb 899 882 864 675 284
Zahl der buchführenden
Haushalte in den lfd. Wirt-
schaftsrech-
nungen 1970 - 393 342 154 -
Entwicklung der Preis-
indizes (1970 = 100)
1971 105,3 105,4 105,1 104,7 105,2
1972 111,1 111,1 110,7 110,6 111,8
1973 · 118,8 118,7 118,2 118,5 120,6
1974 127,1 127,1 126,3 126,3 129,4
1975 134,7 134,7 134,0 134,7 139,2
1976 140,8 140,7 140,2 141,9 149,4
1977 146,3 145,8 145,3 146,7 151,6
_____
a) Städtische Haushalte, b) Haushaltungsvorstand ist Alleinver-
diener, c) Bedarfsstruktur 1965 für den Mindestunterhalt von Kin-
dern im 1. bis 18. Lebensjahr, d) darunter mindestens 1 Kind un-
ter 15 Jahren.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Es 17, Reihe 7, Preise und
Preisindizes der Lebenshaltung 1976, S. 4; Wirtschaft und Stati-
stik (Wista), lfd.
Tabelle 5:
Anteile der Hauptgruppen an den Ausgaben für die Lebenshaltung im
Jahre 1970 je Monat: Wägungsschemata (Warenkörbe) der Haushalts-
typen im Bundesgebiet
Hauptgruppen Alle 4-Personen- 4-Personen 2-Personen-
privaten Haushalte Arbeitneh- Haushalte
Haushalte von Ange- mer-Haus- von Renten-
stellten und halte mit und Sozial-
Beamten mit mittlerem hilfe-
höherem Einkommen empfängern
Einkommen
DM DM DM DM
% % % %
Nahrungs- und 431,16 533,28 426,05 233,26
Genußmittel 333,30 267,15 368,35 438,14
Kleidung und 130,39 199,12 118,11 37,35
Schuhe 100,79 99,75 102,11 70,16
Wohnungs- 163,20 261,63 168,45 106,19
miete 126,16 131,07 145,64 199,46
Elektrizität, 59,33 70,57 50,82 40,07
Gas, Brennstoffe 45,86 35,35 43,94 75,26
Übrige Waren und
Dienstleistungen
für die Haus- 146,95 193,84 98,63 42,53
haltsführung 113,60 97,11 85,27 79,88
Waren und Dienstleistungen für
- Verkehrszwecke,
Nachrichten- 136,31 282,54 118,13 20,09
übermittlung 105,37 141,54 102,13 37,74
- Körper- und 52,27 121,83 39,18 18,65
Gesundheitspflege 40,41 61,03 33,87 35,03
- Bildungs- und 78,55 157,15 79,45 22,75
Unterhaltungszwecke 60,72 78,73 68,69 42,73
Persönliche Aus-
stattung; Sonstige
Waren und 95,45 176,19 57,83 11,50
Dienstleistungen 73,79 88,27 50,00 21,60
Gesamtlebens- 1293,61 1996,15 1156,65 523,39
haltung 1000 1000 1000 1000
_____
Quelle: Peter Danner, Das Berechnungsverfahren beim Preisindex
der Lebenshaltung, in: Zeitschrift des Bayerischen Statistischen
Landesamtes, 107. Jg. 1975, S. 28.
Der 2,7-Personen-Haushalt (2 Erwachsene und 0,7 Kinder) ver-
brauchte z.B. 1970 monatlich 63,17 DM für alkoholische Getränke.
Davon
- 19,64 Liter Bier,
- 1342 ccm Schnaps, also fast zwei Flaschen,
- 3198 ccm Wein verschiedenster Art, also mehr als 4 1/2 0,7-Li-
ter-Flaschen,
- weitere 11,59 DM für alkoholische Getränke in Gaststätten.
Das Statistische Bundesamt hat es bisher nicht für nötig gehal-
ten, die Methoden und Überlegungen seiner Zurechnung offenzule-
gen. Es erhebt sich z.B. die Frage, ob der Konsum auf Betriebs-
feiern, zu Repräsentationszwecken der Unternehmen usw. usf. ange-
messen berücksichtigt wurde. Dieses Informationsdefizit ist des-
wegen fatal, weil die Genußmittelausgaben eine den Preisindex der
Lebenshaltung dämpfende Wirkung haben und auch früher hatten, die
Wirkung einer einigermaßen willkürlichen Erhöhung dieser Ausgaben
also bekannt sein mußte. Während der Preisindex der Lebenshaltung
für alle privaten Haushalte 1970 = 100 im Juni 1978 150,8 betrug,
war der für Genußmittel nur auf 138,5 gestiegen. 34)
Wenn das bestehende Informationsdefizit von Seiten des Statisti-
schen Bundesamtes nicht aufgehoben wird, könnte in der Öffent-
lichkeit der Eindruck entstehen, daß hier bewußt eine
"Indexbremse" in den Warenkorb eingebaut worden ist.
Probleme der regionalen Repräsentativität des Preisindex
--------------------------------------------------------
Gegenwärtig gibt es 118 Städte (einschließlich Westberlin), in
denen Preiserhebungen durchgeführt werden. 35) Sie sollen nach
dem Anspruch der "amtlichen Statistik" repräsentativ für das ge-
samte Bundesgebiet und Westberlin sein: "Die Auswahl der Waren
und Leistungen und der Erhebungsorte erfolgte jedenfalls in einem
Umfang, daß sie sowohl repräsentativ ist für die Preisentwicklung
aller nicht erfaßten Waren und Leistungen als auch für nicht in
die Preiserhebung einbezogenen Orte eines abgegrenzten Gebietes."
36) Das ist eine reine Behauptung, weil der Umfang einer Stich-
probe allein nichts über ihre Repräsentativität aussagt. Das Sta-
tistische Bundesamt hat bisher kaum versucht, die Repräsentativi-
tät der ausgewählten Orte zu begründen, geschweige denn zu bewei-
sen.
Hinzu kommt, daß nur ein vergleichsweise geringer Teil der Waren
und Dienstleistungspreise in allen 118 Indexgemeinden des Bundes-
gebietes erfaßt wird. Vollständige Unterlagen über die regionale
Differenzierung der Preiserhebung liegen nicht vor. Unsere Be-
rechnungen ergaben, daß
- lediglich in 22 Großstädten der gesamte Warenkorb Gegenstand
der dezentralen Preisermittlung ist. (Berichtskreis K) 37)
- In weiteren 64 Städten mit 20 000 und mehr Einwohnern werden
einschließlich der Mieten Waren in ihrer Preisentwicklung beob-
achtet, die gut die Hälfte des Warenkorbgewichtes umfassen.
(Berichtskreis G)
- In 32 Städten mit weniger als 20 000 Einwohnern wird nur ein
gutes Drittel des Warenkorbgewichtes in seiner Preisentwicklung
verfolgt. (Berichtskreis A)
Die Begründung für die Differenzierung der Preisbeobachtung nach
Berichtskreisen ist entweder dürftig, ja verschleiernd, oder völ-
lig überholt. "Preise für Waren der Bedarfsgruppen 'Bekleidung'
und 'Hausrat' werden nur in Gemeinden mit 20 000 und mehr Einwoh-
nern erhoben, da diese Artikel überwiegend auch von der Bevölke-
rung der kleineren Gemeinden in den Städten gekauft werden." 38)
Erstens sind die Indexstädte mit weniger als 20 000 Einwohnern
(Dörfer sind überhaupt nicht darunter) fast durchweg (etwa Ratze-
burg, Einbeck, Korbach, Wertheim, Deggendorf, Cham) regional be-
deutsame, zentrale Orte eines größeren, auch historisch gewachse-
nen Einzugsbereichs - zum Teil von der nächsten Großstadt weit
entfernt. Zweitens beschränkt sich das Statistische Bundesamt
eben nicht auf die Gruppen "Bekleidung" und "Hausrat", die ja im-
merhin auch noch zu beträchtlichen Teilen im Berichtskreis G er-
hoben werden. Nahezu alle Güter und viele Dienstleistungen für
den Verbrauchsbereich (mit Ausnahme von Kraftstoffen), der Kör-
per- und Gesundheitspflege, für Bildung und Unterhaltung sowie
der persönlichen Ausstattung werden nur in 22 Großstädten der
Bundesrepublik in ihrer Preisentwicklung beobachtet. Selbst von
den Nahrungs- und Genußmitteln werden noch 47 Indexwaren (ohne
Verzehr in Gaststätten) allein in 22 Großstädten der Bundesrepu-
blik erhoben. Darunter befinden sich solche Allerweltswaren wie
Kochhühner und tiefgefrorene Brathähnchen, wie Salz und Senf,
Zwieback und Knäckebrot, Dosensuppen und Sauerkraut in Dosen,
schließlich alle drei Stellvertreterwaren für Bohnenkaffee, um
nur einiges zu nennen.
Eine andere angeführte Begründung ist völlig veraltet: "Für Waren
mit geringer Preisfluktuation und solchen Waren, die in kleineren
Orten nur beschränkt angeboten werden, wurden von den Berichtsge-
meinden nur diejenigen mit mehr als 20 000 Einwohnern zur Be-
richterstattung herangezogen (Berichtskreis G). Andere Waren mit
verhältnismäßig konstanten Preisen wurden lediglich in den 11
Landeshauptstädten in ihrer Preisentwicklung verfolgt (Berichts-
kreis H) ... Die Berichtskreise wurden jetzt insofern neu geord-
net, als der Berichtskreis H erweitert wurde zum Berichtskreis K
mit insgesamt 22 Großstädten." 39) Als wenn es in Korbach,
Limburg oder Fritzlar (alles 'kleinere Orte') keinen Senf, keinen
Bohnenkaffee, keine tiefgefrorenen Hähnchen geben würde oder die
Leute nach Frankfurt oder Kassel führen, um beispielsweise einen
Kunststoffeimer oder Spaten zu erwerben, deren Preise ebenso wie
Volkshochschul- und Kindergartengebühren, Fernsehapparatrepara-
turpreise usw. nur in 22 Großstädten der BRD aufgenommen werden.
Die "geringe Preisfluktuation" (eine bemerkenswerte Wortschöpfung
für Preissteigerungen) und die "Waren mit verhältnismäßig kon-
stanten Preisen" mochten noch einige Berechtigung gehabt haben,
als die "Preisbindung der zweiten Hand" noch funktionierte. Als
Begründung für die Berichtskreiseinteilung im Jahre 1973 konnte
dieses völlig veraltete Argument aber gewiß nicht mehr gelten.
Die Konsequenz dieser Erhebungsmethoden ist zunächst eine Ein-
schränkung der Aussagekraft des Preisindex der Lebenshaltung. Die
Tatsache, daß etwa der Gruppenindex der "Waren und Dienstleistun-
gen für Bildungs- und Unterhaltungszwecke" im Juni 1976 (1970 =
100) in Hessen 141,3 und im Durchschnitt der Bundesrepublik nur
135,7 betrug 40), ließe sich unter der Voraussetzung, daß sich
die Preise für eine Kinoeintrittskarte, eine örtliche Tages-
zeitung im Einzelverkauf und Abonnement (Berichtskreis A mit 5,12
Promille Wägungsanteil am Warenkorb bei 60,72 Promille insgesamt
41) parallel entwickelten - durchaus unterschiedlich darstellen.
Nach der Repräsentativitätsbehauptung der amtlichen Statistik:
- "Zwischen 1970 und Juni 1976 sind die Verbraucherpreise des
Bildungs- und Unterhaltungsbereichs in Hessen um 5,4 Prozent-
punkte stärker als im Durchschnitt der Bundesrepublik angestie-
gen."
Die den realen Sachverhalt darstellende Interpretation müßte -
von anderen Einschränkungen einmal abgesehen - lauten:
- "Zwischen 1970 und Juni 1976 sind die Verbraucherpreise des
Bildungs- und Unterhaltungsbereichs in Kassel und Frankfurt um
5,4 Prozentpunkte stärker angestiegen als im Durchschnitt 20
nichthessischer Großstädte."
Unsere Untersuchungen haben außerdem ergeben, daß durch die Art
der Berichtskreisauswahl Preisrückgänge, also den Anstieg des
Preisindex der Lebenshaltung dämpfende Entwicklungen, systema-
tisch übertrieben werden. Nach Berechnungen des Statistischen
Bundesamtes hat der überproportional in den kleineren Städten an-
gesiedelte selbständige Einzelhandel das höchste Preisniveau. 42)
Preissteigerungen durch die Vorlieferanten werden beim selbstän-
digen Einzelhandel in der Regel sofort an die Verbraucher weiter-
gegeben, während Preissenkungen im Einkauf wegen der geringeren
Umschlagsgeschwindigkeit dieser Vertriebsform und der im Ver-
gleich zu den Großstädten eingeschränkteren Konkurrenz wohl nur
wesentlich zögernder als Preissenkung im Verkauf realisiert
werden. Das kommt aber zum Beispiel beim Kaffee-und ähnlich bei
vielen anderen Waren - im Preisindex der Lebenshaltung nicht zum
Ausdruck, weil die Kaffeepreise nur in 21 Großstädten der
Bundesrepublik sowie in Westberlin erhoben werden.
Einigermaßen unrepräsentativ sind auch die erhobenen Preise im
Gastgewerbe. Zusammen mit der Indexposition "Übenachtung mit
Frühstück" umfassen sie immerhin 39,51 Promille des Warenkorbes -
4,41 Promille mehr als Frischfleisch - für alle privaten Haus-
halte. Aus dem Vergleich der Preiserhebung zur Ermittlung des Le-
benshaltungsindex und der seit 1959 jährlich im August durchge-
führten Preiserhebung für den gleichen Wirtschaftsbereich zieht
ein Autor des Statistischen Bundesamtes folgende Schlußfolgerung:
"Neben der jährlichen Erhebung der Preise für Leistungen des
Gastgewerbes in mehr als 100 Gemeinden des Bundesgebiets wird mo-
natlich im Rahmen der Verbraucherpreisstatistik eine Preisermitt-
lung in elf Großstädten durchgeführt. Wegen der schmalen Basis
der monatlichen Erhebungen können die Ergebnisse aus beiden Sta-
tistiken nur beschränkt miteinander verglichen werden." 43)
Nach dem Anspruch der amtlichen Statistik müßte aber eine Ver-
gleichbarkeit aus beiden Erhebungen gewährleistet sein. Eigene
Berechnungen für die Indexposition "Übernachtung mit Frühstück im
Einbettzimmer" ergaben Preissteigerungen verschleiernde Abwei-
chungen zwischen beiden Erhebungen in den 70er Jahren.
Tabelle 6:
Preisentwicklung für die Übernachtung mit Frühstück nach ver-
schiedenen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes.
Zeitraum des Preisindex für die Gastgewerbeerhebung
Preisvergleichs Lebenshaltung in 108 Gemeinden
in 11 Großstädten
Preissteigerung in Prozent
1970 - August 1976 40,8 45,6
August 1973 - August 1976 15,0 20,9
August 1975 - August 1976 3,5 6,5
_____
Quelle: Berechnet nach den Jahresveröffentlichungen der FS 17,
Reihe 7, S. 12, lfd.; Stat. Jhb. 1977 für die Bundesrepublik
Deutschland, S. 478.
Würde eine solche Entwicklung auch für alle übrigen Positionen
dieser Untergruppen des Warenkorbes zutreffen, dann wären die
Auswirkungen auf den Preisindex der Lebenshaltung nicht unbe-
trächtlich.
III. Probleme der Preiserhebung
-------------------------------
"Die Festsetzung der Kleinhandelspreise ist, wie wir wissen, eine
der schwächsten Seiten der Statistik, aber auch dies müssen wir
mit dem bekannten fröhlichen Vertrauen darauf, daß die Fehler
sich kompensieren, in Kauf nehmen." 44) So wurde in einer Abhand-
lung formuliert, die 1914, also zu einer Zeit erschien, als die
Preisstatistik noch in den Kinderschuhen steckte und die Methoden
der Berechnung des Preisindex der Lebenshaltung sehr primitiv wa-
ren. Bei aller Weiterentwicklung der Methoden, der Ausweitung des
Warenkorbes und seiner Fundierung in Wirtschaftsrechnungen der
Haushalte hat sich an dieser Situation nur wenig geändert. Dabei
kommt gerade der Preisfeststellung, der Erfassung des den Meßzif-
fern zugrunde liegenden statistischen Rohmaterials große Bedeu-
tung zu. "Am Beispiel der Preisindizes: Für die Güte eines sol-
chen synthetischen Preisindex kommt es viel mehr auf eine effek-
tive Erfassung der Einzelpreise und ihrer Bewegung an als auf
eine minuziöse Gewichtung." 45)
Diese Tatsache wurde in der amtlichen Statistik zunächst auch
noch zugegeben: "Die Erhebung genauer und vergleichender Preise
bleibt allerdings in einer Zeit, in der Preise für die gleiche
Ware von Geschäft zu Geschäft oft in der gleichen Straße wech-
seln, nach wie vor ein schwieriges Problem." 46)
Ablaufschema der Preiserhebung und Indexberechnung
+-------------+
Statistisches ¦Statistisches¦ Das Stat.BA bestimmt die we-
Bundesamt ¦Bundesamt ¦ sentlichen Berechnungsgrund
+-------------+ lagen. Indexhaushalte Waren
^ körbe, Basisjahr, Berichtsge-
¦ meinden und gibt die "Richt-
¦ linien" für die P-Ermittlung
¦ heraus.
¦ Es stellt in Zusammenarbeit
¦ mit den Automobilkonzernen
¦ Qualitätsveränderungen fest.
¦ Es führt in unbekanntem Um-
¦ fang Versandhandelspreise
¦ sowie die bundeseinheitlichen
¦ Z-Preise in die Berechnungen
¦ ein.
¦ Die Landesmeßziffern für die
¦ einzelnen Indexwaren werden
¦ mit den Bevölkerungsanteilen
¦ der Länder gewogen und zu
¦ Bundesmeßziffern zusammenge-
¦ faßt.
¦
10 +------------+
Statistische ¦Statistische¦ Die Stat.LA sammeln und prü-
Landesämter ¦Landesämter ¦ fen die Preismeldungen der
zzgl West-Berlin +------------+ Gemeinden. Aus den Meldungen
^ ^ ^ ^ ^ werden einfache Landesdurch-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ schnittspreise errechnet,
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ gegebenenfalls "Basiskorrek-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ turen" vorgenommen und die
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Landesmeßziffern errechnet.
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Bis zum 25. d. Monats an das
/ ¦ ¦ ¦ ¦ Stat. BA geleitet.
/ ¦ ¦ ¦ ¦ Die LA schulen die Preiser-
¦ ¦ ¦ ¦ \ mittler und Sachbearbeiter
¦ ¦ ¦ \ \ der Gemeinden.
¦ ¦ ¦ \ \ Die LA Bayern, B.-Württem-
¦ ¦ \ \ \ berg, Hessen, NRW und Nie
¦ ¦ \ \ \ dersachsen errechnen PI auf
¦ ¦ \ \ \ Landesebene.
¦ ¦ ¦ \ \
118 ¦ ¦ ¦ \ \
Berichts- 12 30 16 28 32
gemeinden 500000 100000- 50000- 20000- weniger als
im Bundes- und mehr 500000 10000 50000 20000
gebiet, da- ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Die Berichtsgemein
von ... in ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ den wählen Preiser-
Städten mit ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ mittler und Be-
... Einwoh- ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ richtsstellen aus.
nern ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Sie übernehmen die
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Preismeldungen nach
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Prüfung in die
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Preiskartei, ergän
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ zen unter Umständen
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ fehlende Preise,
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ nehmen Korrekturen
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ vor und berechnen
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ teilweise Gemeinde
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ durchschnittsprei-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ se.
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Diese sowie alle
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ erhobenen Einzel
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ preise werden bis
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ zum 18. d. Monats
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ an die LA weiterge-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ leitet.
¦ ¦ ¦ ¦ ¦
Preis- O O O O O Die Preisermittler
ermittler ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ stellen zwischen
Zahl der ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ dem 10. und 15. d.
Berichts- ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Monats die Preise
stellen je ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ fest. Bei ihnen
Gemeinde ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ handelt es sich
mindestens ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ vorwiegend um Rent-
... ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ner und Pensionäre,
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ die gering entschä-
8 8 6 6 4 digt werden.
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ In Geschäften und
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Dienstleistungsein-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ richtungen werden
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ monatlich die Prei-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ se für die Indexwa-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ren ermittelt.
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Bei ihrer Auswahl
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ "sind die örtlichen
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ Kaufgewohnheiten
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ angemessen zu be-
¦ ¦ ¦ ¦ ¦ rücksichtigen."
¦ ¦ ¦ ¦ ¦
Berichts- +---------------------------------+
stellen ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦ ¦
+---------------------------------+
In den folgenden Jahren beschränkte man sich vorwiegend darauf,
die Kritiken, die im Zusammenhang mit der Definition und Einkom-
menshöhe der Indexhaushalte sowie der Zusammensetzung der Waren-
körbe formuliert wurden, zurückzuweisen. Lediglich 1963 wurde
noch einmal das Verfahren der Indexverknüpfung dargestellt, das
bei Qualitätsveränderungen eine Rolle spielt. 47) In einem grund-
legenden Aufsatz von 1956, der aufgelaufene Kritik beschwich-
tigte, hieß es nicht ohne Selbstgefälligkeit: "Auf die Methoden
der Preiserhebungen wird in diesem Zusammenhang nicht näher ein-
gegangen. Die in den Indexgemeinden in insgesamt bis zu 700 Ge-
schäften (wo liegt die untere Grenze? - d. Verf.) je Ware monat-
lich durchgeführten Preiserhebungen sind in einer solchen Breite
angelegt, daß eintretende Preisbewegungen unbedingt erfaßt wer-
den. (Die Frage ist nur, ob sie richtig und repräsentativ erfaßt
werden - d. Verf.) ... Aufgrund der Methodik und Organisation der
Preiserhebungen und der laufenden Begutachtung und Kontrolle kann
als sicher gelten, daß die den Indexberechnungen zugrunde geleg-
ten Preise das bestmöglichste Material darstellen, das unter den
gegebenen Umständen gewonnen werden kann." 48)
Zu diesen "gegebenen Umständen" lassen sich Anmerkungen in zehn
Kritikpunkten formulieren.
1. Die in den "Richtlinien zur Verbraucherpreisstatistik" formu-
lierte Auflage - "Bei der Auswahl der Berichtsstellen sind die
örtlichen Kaufgewohnheiten angemessen zu berücksichtigen" 49) -
kann auf der Ebene einer einzelnen Gemeinde schwerlich erfüllt
werden. Erstens sind die "örtlichen Kaufgewohnheiten" überhaupt
nicht bekannt; zweitens ist die Zahl der Berichtsstellen pro Ge-
meinde so niedrig, daß eine Anpassung an die Kaufgewohnheiten nur
eingeschränkt möglich sein dürfte. Zur Unrepräsentativität der
Ortsauswahl kommt also die der Berichtsstellen.
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß die Auswertung der
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 1962/63 u.a. auch ergab,
daß vor allem die Haushalte mit höherem Einkommen einen beträcht-
lichen Teil ihrer Einkäufe über den Großhandel und andere billi-
gere Einkaufsquellen abwickeln. 50)
2. Die Warenbeschreibungen lassen häufig eine gewisse Naivität
gegenüber möglichen Praktiken der Produzenten erkennen. Beispiel
einer Warenbeschreibung: - Käsesahnetorte, Höhe 6 cm, Durchmesser
etwa 28 cm." 51) Was heißt "etwa"? Etwa auch 27 cm? Immerhin
sinkt dann die Fläche von 616 qcm auf 573 qcm, also um rund 7
Prozent. Oder eine Warendefinition lautete bis 1974 "Heringe in
Tomatensauce in Dosen zu 200 g". 52) Ohne daß darauf auch nur in
einer Fußnote verwiesen wurde, änderte sich das 1975 in "Heringe
in Tomatensauce in Dosen zu 190-200 g". 53) Ein Teil der Herstel-
ler war offensichtlich dazu übergegangen, "klammheimlich" bis zu
10 g weniger (immerhin 5 Prozent) in die Dosen einzupacken. Ob
das von den Preisermittlern bemerkt wurde, ist zweifelhaft, zumal
als Indexeinheit hier "1 Dose" fungiert. Beispiele dieser Art
gibt es weit mehr. Werden derartige Veränderungen nicht bemerkt,
dann wirken sie als den realen Preisanstieg verschleiernde Sen-
kung des Preisindex. Aus gesellschaftlichen Gründen gibt es hier
keine Gegentendenz: Es ist kaum vorstellbar, daß der Unilever-
Konzern "klammheimlich" 10 g mehr in die Heringsdosen packt.
3. Während in der Regel Rahmenwarenbeschreibungen ohne genaue
Markenangaben bei der Preisermittlung verwandt werden, an einer
einmal gewählten Marke muß dann allerdings solange wie möglich
festgehalten werden, wird dieses Prinzip bei den Autos durchbro-
chen. Hier sind genau die Marken festgelegt. Nach Auskunft des
Statistischen Bundesamtes handelt es sich hierbei um
"vertrauliche Festlegungen". Dem steht aber entgegen, daß die je-
weiligen Indexautos in der Veröffentlichung des Bayerischen Sta-
tistischen Landesamtes auftauchen. Die "Geheimniskrämerei" des
Statistischen Bundesamtes 54) hat einen sachlichen Hintergrund.
Wird doch im Zusammenarbeit mit den Automobilkonzernen festge-
stellt, was von den jeweiligen Preiserhöhungen als "echte" Prei-
serhöhung und was als Qualitätsverbesserung einzuschätzen sei.
4. Probleme wirft auch die ungenaue Festsetzung der Erhebungszei-
ten auf. "Die Meldungen sollen sich auf den Preisstand vom 10.
bis 15. des Berichtsmonats beziehen." 55) Soweit, so klar. Aller-
dings wird diese Klarheit sofort wieder beseitigt und der Termin
weiter gesteckt: "Nur bei Gütergruppen, bei denen es normaler-
weise keine kurzfristigen Preisschwankungen gibt, darf die Erhe-
bung schon vor dem 10. stattfinden." 56) Davon sind lediglich die
Saisonwaren ausdrücklich ausgenommen. Hier ergeben sich folgende
Fragen: Auch am 5., 6. oder?, des Monats, u.U. noch in jeder Be-
richtsgemeinde zu anderen Zeitpunkten? Das schränkt die zeitliche
Repräsentativität der Erhebung ein und könnte von bundesweit tä-
tigen Handelsunternehmen dazu benutzt werden, ohne eigene Einbu-
ßen in die Bewegung des Preisindex der Lebenshaltung hineinzuwir-
ken.
5. Daß die Möglichkeit eingeräumt wird, die Preise zum Teil auch
vor der Monatsmitte aufzunehmen, hängt auch mit der geringen Zahl
von Preisermittlern zusammen. In Frankfurt sind es z. B. nur vier
Mann, die diese Arbeit durchführen. Reflektionen über die Quali-
tät des Interviewernetzes (wieviel Preise werden am Küchentisch
fortgeschrieben?) sind angesichts des Zeitdrucks, unter der die
Arbeiten durchgeführt werden und der Erhebungsmethoden durchaus
angebracht, wurden aber von Seiten des Statistischen Bundesamtes
als wenig bedeutend eingestuft.
6. "Schließlich werden die ("amtlichen" - d. Verf.) Preiserhebun-
gen immer in Zusammenarbeit mit den Händlern vorgenommen. Da
diese - zum Teil zu Unrecht - beschuldigt werden, den Preiszu-
wachs organisiert zu betreiben, ist anzunehmen, daß sie die
Preissteigerungen jener Artikel, die Gegenstand der Erhebung
sind, nicht immer bekanntgeben." 57) Ein Auszug aus einer Kritik
der C.G.T. am französischen Index, die u.E. auch für die Bundes-
republik zutrifft. Hinzukommt, daß ein erheblicher Teil der Be-
richtsbögen - das gilt vor allem bei Kleidung, Schuhen, Möbeln,
also komplexeren Konsumgütern - von den Unternehmern bzw. ihren
Vertretern selbst ausgefüllt werden und von den Preisermittlern
nur abgeholt werden. Dann - kann es leicht vorkommen, daß die
Preisstatistik zu einer reinen Routineangelegenheit wird, die man
am einfachsten durch mechanische Fortschreibung erledigt". 58)
Wobei, so kann man fortführen, ein Teil der zwischenzeitlich er-
folgten Preiserhöhungen unter den Tisch fällt.
7. Die Feststellung von Qualitätsvetänderungen und ihre Verknüp-
fung mit der Preisentwicklung gehört zu den "haarigsten" Proble-
men der Preisstatistik, da der Gebrauchswert von Waren nur mit
Hilfe von Hilfskonstruktionen quantifiziert werden kann. Die un-
genügende Berücksichtigung von Qualitätsverbesserungen in der
Preisstatistik der Bundesrepublik würde laut R. Krengel zu einem
in der Realität nicht in diesem Umfang vorhandenen Anstieg des
Preisindex der Lebenshaltung führen: "Der Index übertreibt um
jährlich ein bis zwei Prozent" 59), was von E. Linhart für den
Preisindex der Lebenshaltung bestritten wird. 60)
Zwei Preisstatistiker aus der DDR kommen zu dem Ergebnis, daß die
häufig angewandte Methode des Statistischen Bundesamtes, bei der
Neueinführung von Waren eine im großen und ganzen proportionale
Entwicklung von Qualität und Preis anzunehmen, zu einer Verringe-
rung der tatsächlichen Preissteigerungen führe. 61)
Schließlich räumt das Statistischen Bundesamt selbst ein, daß es
hier bedeutende Probleme gibt. Die Preisstatistiker "sind leider
auch nicht in der Lage, die Höhe des Fehlers, der durch ungenü-
gende Ausschaltung von Qualitätsveränderung verursacht wird, ge-
nau anzugeben. Wenn sie das könnten, würden sie ihn auch aus-
schalten". 62)
Häufig weicht das Statistischen Bundesamt hier aus, indem einfach
die Preise für das alte und neue Gut miteinander verkettet wer-
den. Beispiel:
Tabelle 7:
Verbraucherpreise für Waschmaschinen
Zeitpunkt Alte Ausführung Neue Ausführung
Rührwerksystem Trommelsystem
DM Meßziffer DM Meßziffer
1958 Jahresdurchschnitt 584,17 100 (707,43) 100
1961 Dezember 583,- 99,8 706,- 99,8
1962 Januar ausgeschieden 711,- 100,5
_____
Quelle: Wirtschaft und Statistik, H. 10/1963,5. 595.
Es fand also eine Verbrauchsumschichtung von Waschmaschinen mit
Rührwerk zu Trommelwaschmaschinen statt. Um die alte Preisreihe
fortführen zu können, wurde für die neue Waschmaschine ein fikti-
ver Basispreis errechnet. Es wurde angenommen, daß die Preiserhö-
hung von 583 DM auf 706 DM ( + 123 DM, + 21 Prozent) voll durch
die bessere Qualität der Trommelwaschmaschine abgedeckt sei. Ab-
gesehen davon, daß der alte Typ Waschmaschine überhaupt vom Markt
verschwand - der neue Typ also gekauft werden mußte ", bleibt die
Hauptfrage, ob der höhere Preis der neuen Maschine voll durch
eine Erhöhung des Gebrauchswertes abgedeckt war. Das ist an-
zuzweifeln.
Beispiel Nr. 2: Werden in einer Wohnung Lärmstoppfenster einge-
baut, deren Kosten anschließend auf die Miete umgelegt werden,
dann geht das Statistische Bundesamt davon aus, daß es sich hier-
bei um eine reine Qualitätsverbesserung handelt. U.E. ist das
aber nicht zulässig, weil dem Einbau eine ständige Verschlechte-
rung der Wohnqualität durch wachsenden Straßenlärm vorausgegangen
war.
Ausführlich über die vielfältigen Bemühungen des Statistischen
Bundesamtes Qualitätsveränderungen zu berücksichtigen, wenn sich
dadurch der Anstieg des Preisindex der Lebenshaltung abbremsen
läßt, wurde auf der bereits erwähnten Tagung des Statistischen
Beirats am 7./8. Mai 1963 gesprochen. In dem im Anschluß an diese
Tagung erschienenen Artikel wird sehr offen argumentiert.
Denn selbst "Fälle, in denen eine Qualitätsveränderung nicht er-
kannt worden ist, (werden) weitgehend dadurch ausgeglichen, wenn
nicht manchmal sogar überkompensiert, daß auch in den Fällen, in
denen eine Preiserhöhung zwar nicht ganz, aber als überwiegend
durch Qualitätsverbesserung begründet bezeichnet wird (und die
Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit dieser Angabe spricht),
die Preiserhöhung in vollem Umfang als qualitätsbedingt herausge-
rechnet wird". 63)
Außerdem müsse schließlich "bedacht werden, daß neben Qualitäts-
verbesserungen, die teilweise in den Index einfließen können,
auch Qualitätsverschlechterungen unbemerkt vorkommen und jene
z.T. aufwiegen". 64)
Hier wird im Grunde gesagt: Wenn die Angaben der Unternehmer über
die qualitätsbedingten Gründe von Preissteigerungen nicht allzu
plump sind, dann hat überhaupt keine Preissteigerung stattgefun-
den (wenn "die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit dieser An-
gabe spricht"), was objektiv aber nicht durch eigene Untersuchun-
gen geprüft wird. 65) Im Hinblick auf die Qualitätsverschlechte-
rungen wird angedeutet, daß die Unternehmen darüber in der Regel
nichts berichten. Sie fallen nur auf, wenn der Preis sinkt, was
sehr selten der Fall ist.
Es spricht einiges dafür, daß durch die Art der Behandlung von
Qualitätsveränderungen eine ständige Tendenz in Richtung einer
Senkung des Preisindex der Lebenshaltung wirksam wird.
8. Auf der Ebene der Berichtsgemeinden sind zwei weitere Festle-
gungen zu nennen, die dazu beitragen, den Preisindex der Lebens-
haltung niedrig zu halten bzw. ihn hinter dem realen Preisanstieg
hinterherhinken zu lassen.
- Wenn ein Gut vorübergehend nicht im Angebot ist, "so kann der
Preisermittler im allgemeinen den zuletzt angegebenen Preis auch
für den laufenden Monat nochmals einsetzen". 66)
- Bei einem Berichtsstellenwechsel oder quantitativen Änderungen
einer Preisrepräsentante oder einer Änderung in den Handels-,
Liefer- und Zahlungsbedingungen dürfte die Feststellung ver-
gleichbarer Vormonatspreise im allgemeinen nicht schwierig sein.
"Sollten in diesen Fällen dennoch einmal Informationen über die
tatsächlichen Vormonatspreise fehlen, kann behelfsweise unter-
stellt werden, daß der vergleichbare Vormonatspreis' mit dem lau-
fenden Preis identisch ist, daß also keine echte Preisbewegung
stattgefunden hat." 67)
9. Probleme ergeben sich auch bei den "Sonderangeboten". Zwar
klingt die Anweisung an die Preisermittler recht eindeutig:
"Sonderangebote sind nur dann zu berücksichtigen, wenn es sich um
genau die gleiche Ware (mit unveränderter Qualität) handelt, auf
die sich der im letzten Monat in der betreffenden Berichtsstelle
erhobene Preis bezog. Bei der geringsten Abweichung muß der Son-
derangebotspreis unberücksichtigt bleiben." 68) Man vermißt aber
doch präzise Hinweise etwa, daß bei verderblichen Nahrungsmitteln
streng darauf zu achten ist, daß das Verfallsdatum nicht näher
gerückt ist. Unsere Frage, ob "es nicht eine Tendenz zur wachsen-
den Bedeutung von Sonderangeboten ohne Qualitätsverminderung
(etwa der , Winterschlußverkauf' nach Weihnachten)" gäbe, wurde
auf der Ebene der Berichtsgemeinde (Frankfurt) und des Statisti-
schen Landesamtes (Hessen) als Problem benannt, über das auch auf
höherer Ebene diskutiert werde. Beim Statistischen Bundesamt
wurde das Problem aber als eher gering eingestuft. Da es sich bei
diesen Waren aber um solche handelt, die nur im Berichtskreis G
(teilweise nur in "K") in ihrer Preisbewegung beobachtet werden,
diese Art von "Schlußverkäufen" aber in den großen Städten über-
durchschnittliche, zunehmende Bedeutung hat, wird auch in diesem
Fall der Preisindex ein weiteres Mal "gedrückt".
10. "Bei der Berechnung der Preismeßzahlen für den Preisindex der
Lebenshaltung im Bundesgebiet werden die Meßzahlen der Länder
durch Gewichtung mit den Anteilssätzen der Bevölkerungszahlen zum
Bundesergebnis zusammengefaßt. Die behelfsmäßige Gewichtung durch
Bevölkerungszahlen setzt allerdings voraus, daß sie auch den An-
teilen des privaten Verbrauchs entsprechen, denn letzterer wäre
die zweckmäßige Gewichtung. Mangels geeigneter Zahlenunterlagen
für die einzelnen Waren und Leistungen des Warenkorbs muß darauf
verzichtet werden, zumal die Gewichtung mit Bevölkerungsanteilen
der Länder als durchaus plausible Methode zu werten ist." 69).
Die Kritik an dieser Vorgehensweise läßt sich in einem Hauptpunkt
zusammenfassen. Die Wägung mit den Bevölkerungsanteilen mag im
Falle des Index für alle privaten Haushalte als Hilfskonstruktion
angemessen sein. Für die übrigen vom Statistischen Bundesamt be-
rechneten Indizes müßte, da es für diese Haushaltstypen ja auch
spezifische Warenkörbe gibt, die Wägung mit den Länderanteilen
der entsprechenden Haushaltstypen bzw. sozialen Gruppen erfolgen.
Die Wägung mit den Bevölkerungsanteilen der Länder ist auch des-
halb problematisch, weil etwa im Falle des Berichtskreises K nur
ausgewählte Großstädte Berichtsgemeinden sind.
Veränderungen bei den Indexberechnungen?
----------------------------------------
Die Verfasser der hier in kleinen Ausschnitten vorgestellten
IMSF-Studie sind sich dessen bewußt, daß es "unter den gegebenen
Umständen" und bei den angewandten Methoden der Preisermittlung
sehr schwierig ist, ein allseits anerkanntes Meßinstrument der
Preisentwicklung vorzulegen. Vom Statistischen Bundesamt dürfte
man aber unter diesen Umständen erwarten, daß es seinen eigenen
Berechnungen kritischer gegenübersteht und ihre methodischen Pro-
bleme offener als bisher diskutiert. Außerdem scheint es an der
Zeit, die öffentliche Diskussion über moderne Verfahren der Prei-
serhebung zu führen.
In diesem Zusammenhang ist auch das Problem von Repräsentativer-
hebungen zu sehen, die allerdings von Seiten des Statistischen
Bundesamtes u.a. aus Gründen des Arbeitsaufwandes skeptisch, ja
ablehnend eingeschätzt werden. Zu ihren Befürwortern zählt
Deneffe, der früher die preisstatistische Abteilung beim Stati-
stischen Bundesamt geleitet hat.
Während Deneffe in einer früheren Veröffentlichung das Problem
sehr vorsichtig anspricht: "Von vornherein (läge) angesichts der
außerordentlich großen Zahl von laufend sich vollziehenden Kau-
fakten die Anwendung des Repräsentativverfahrens nahe" 70),
stellt er wenig später fest: "Eine erhebliche Verbesserung der
Methodik der Preisstatistik ist mit der Einführung eines angemes-
senen Repräsentationsverfahrens anstelle des jetzt praktizierten
willkürlichen Auswahlverfahrens möglich. Eine Systematik für die
zufällige Auswahl von Kaufkontrakten für die einzelnen interes-
sierenden Märkte und Sortimente aufzubauen, stellte bei den heute
erreichten theoretischen Erkenntnissen und Auswahltechniken keine
nennenswerte Schwierigkeit dar. Es ist hier nicht der Ort, Ein-
zelheiten eines solchen Erhebungssystems für Kaufkontrakte auf
der Basis einer zufallsgesteuerten Auswahl zu entwickeln; sicher
ist, daß ein solches System mit einem zu rechtfertigenden Aufwand
möglich ist und weit bessere Resultate der Preisstatistik liefern
würde als bisher.
Diese Daten würden nämlich nicht nur aus Preisangaben, sondern
auch aus Angaben über die Zahl der Kaufkontrakte und über die
Mengen der umgesetzten Güter (und Dienste) nach Art und Qualität
bestehen und damit im zeitlichen und regionalen Vergleich wich-
tige zusätzliche Aufschlüsse liefern. So könnte dann für jede
Ware ein Durchschnittspreis als gewogenes arithmetisches Mittel
mit einer den Marktvorgängen angemessenen Mengengewichtigung
(Umsätze statt Einwohnerzahlen; d. Verf.) berechnet werden. Dar-
über hinaus ließe sich der in diesem Zusammenhang meist noch aus-
sagekräftigere häufigste Preis (verstanden als derjenige, zu dem
die größte Menge gekauft, oder auch als derjenige, zu dem die
meisten Kaufkontrakte abgeschlossen wurden) sichtbar machen. Au-
ßerdem könnten Streuungsangaben vermittelt und schließlich auch
die möglichen Fehlerbereiche der gewonnenen Zahlen genannt wer-
den." 71)
_____
1) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 7/1978, S. 11.
2) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.8.1978.
3) Siehe: Wirtschaft und Statistik, 12/1973, S. 723 * ff. Anteile
in Promille.
4) Das Umsatzsteuergesetz und die inzwischen ergangene Rechtspre-
chung sind kompliziert und lassen viele Ausnahmen zu, so daß ohne
Spezialuntersuchungen eine voll befriedigende Zuordnung der ein-
zelnen Waren zu den verschiedenen Kategorien nicht möglich ist.
5) Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.8.1978.
6) Vgl. Statistisches Bundesamt. Fachserie 15, Reihe l, Einnahmen
und Ausgaben ausgewählter privater Haushalte, Januar 1978, S. 6.
6a) Nach Abschluß des Manusktipts wurden Daten aus der Tages- und
Wirtschaftspresse bekannt, die Einkommenssteuerentlastung und
Mehrwertsteuerzusatzbelastung gegenüberstellen (vgl. etwa Han-
delsblatt vom 31.7. 1978). Nach diesen Berechnungen des Bundesfi-
nanzministeriums ergibt sich für alle Bruttoeinkommensgruppen
eine jährliche Steuerentlastung. D i e s e B e r e c h n u n-
g e n d e s B u n d e s f i n a n z m i n i s t e r i u m s
s i n d f a l s c h. Nach telefonischer Auskunft des Ministe-
riums wurde bei diesen Berechnungen die Auswirkung der Mehrwert-
steuererhöhung auf die Verbrauchsausgaben einheitlich mit 0,55
Prozent angesetzt. Tatsächlich ist aber dieser Satz nach unseren
Berechnungen nur für Verbrauchsausgaben an der unteren Grenze des
Existenzminimums annähernd zutreffend. Nach den derzeitig gelten-
den Warenkörben beträgt die Belastung rein rechnerisch für
Einkommensgruppen ab etwa 15 000 DM 0,67 Prozent. Wird die
Überwälzung zu weiteren Preissteigerungen benutzt, ist die
Zusatzbelastung selbstverständlich noch höher. Insgesamt führt
das dazu, daß der Saldo aus Lohnsteuerentlastung und rechneri-
scher Auswirkung der Mehrwertsteuererhöhung (0,67%) bei den
Verheirateten (Steuerklassen III/O, III/l und HI/2 - vgl.
Handelsblatt vom 31.7.1978, S. 2) bei einem Haushaltseinkommen
zwischen 15 000 und 40 000 DM negativ ist.
7) Im Januar 1978 hatte der Haushaltstyp 1: "2-Personen-Haushalte
von Renten-und Sozialhilfeempfängern mit geringem Einkommen" Ver-
brauchsausgaben von 938,17 DM. Vgl.: Einnahmen und Ausgaben aus-
gewählter privater Haushalte, Januar 1978, S. 6. Auch hier wurde
eine 5prozentige Steigerung der Verbrauchsausgaben bis Mitte 1979
unterstellt.
8) "Die Statistik der Verbraucherpreise ist wie die gesamte amt-
liche Preisstatistik in erster Linie auf den Nachweis von Preis-
veränderungen abgestellt. Deshalb sind ihre wichtigsten Ergeb-
nisse Preisindizes und Preismeßzahlen und nicht etwa Durch-
schnittspreise in absoluter Höhe." Statistisches Bundesamt, Fach-
serie 17. Reihe 7, Preise und Preisinidizes für die Lebenshal-
tung, April 1978, S. 6.
9) Ebenda, S. 20 ff.; Wägungsanteile nach: Wirtschaft und Stati-
stik. 12/1973. S. 723 * ff.
10) Berechnet nach: Preise und Preisindizes, April 1978. S. 34.
11) Nach ebenda, S. 20 ff.; Wägungsanteile wie unter (9).
12) Diese Waren wurden 1975 neu in den Warenkorb eingeführt. 1975
wurde der Warenkorb in vielen Positionen verändert, manche Waren
fielen weg, andere kamen neu hinzu, viele Warenbeschreibungen
wurden verändert, ohne daß das Statistische Bundesamt jemals die
veränderten Wägungsanteile bekanntgegeben hätte. Mündliche Vor-
sprachen und schriftliche Bitten, Positionen des "neuen" Waren-
korbs - angesichts des Umfangs der Veränderungen handelt es sich
darum - bekanntzumachen, wurden vom Statistischen Bundesamt ab-
schlägig beschieden. Dabei fragt man sich ohnehin, was z.B. Lkw-
Reifen eigentlich in einem Warenkorb für alle privaten Haushalte
zu suchen haben.
13) Zentral ermittelte Einzelpreise - so die für Zeitschriften,
für Tabakwaren, Pauschalreisen, Leistungen der Versicherungen
usw. usf. unterliegen der Geheimhaltung. Nur einigen "Eingeweih-
ten" des Statistischen Bundesamtes - den betroffenen Konzernen
aber vielleicht auch - ist bekannt, wie die entsprechenden
Indizes berechnet werden.
14) Ausgezählt nach: Preise und Preisindizes, April 1978, S. 43
ff.
15) Vgl. Statistisches Bundesamt, Richtlinien zur Verbraucher-
preisstatistik, Wiesbaden, Januar 1973. S. 7.
16) Außer einem allgemeinen Hinweis - "Erst die Preisindizes für
die Lebenshaltung auf Basis 1970 werden genauso wie der Einzel-
handelspreisindex auch unter Verwendung besonderer Versandhan-
delspreisreihen berechnet" (Wirtschaft und Statistik, 12/1973, S.
693) - hat es das Statistische Bundesamt bis heute nicht für nö-
tig gehalten, auf die Methoden dieser "Verwendung" einzugehen.
17) Vgl. Eberhard Dähne und Jörg Dieckhoff, Die Preisindizes für
die Lebenshaltung und die Entwicklung der Preise, Eine kritische
Auseinandersetzung mit den Berechnungen des Statistischen Bundes-
amtes - Bericht über den Preisindex der französischen Gewerk-
schaft CGT, Informationsbericht des IMSF Nr. 30, Frankfurt 1978.
18) "Le Peuple", No 985, März 1976, S. 4 ff.
19) Statistisches Bundesamt, Hg., Das Arbeitsgebiet der Bundes-
statistik, Ausgabe 1976, Stuttgart-Mainz 1976, S. 337.
20) Vgl. Wirtschaft und Statistik, 10/1963, S. 5947, wo ausge-
führt wird: "Schwierigkeiten ergeben sich auch vor allem dadurch,
daß der Einfluß erkannter Qualitätsänderungen gar nicht erst er-
kannt werden. Es wird nun häufig hervorgehoben, daß aus diesen
Gründen die Preisstatistik fehlerhaft sein muß; entsprechende
Hinweise u.a. auf der Tagung des Statistischen Beirats am 7./8.
Mai 1963 haben die vorliegenden Ausführungen veranlaßt."
21) Dadurch verändert sich auch der durchschnittliche Jahresindex
- d. Verf.
22) Kurt Weihs, Zum neuen Verbraucherpreisindex, Weg und Ziel,
Wien, H. 7/8 - 1976, S. 285.
23) Vgl. H. Swoboda, Knauers Buch der modernen Statistik, Mün-
chen-Zürich 1971,5. 118.
24) Siehe dazu auch: D.H. Bott, Der Anteil staatlich-admimstrier-
ter Preise am Preisindex für die Lebenshaltung, Eine empirische
Untersuchung für die Periode 1950 bis 1973, Berichte der Kommis-
sion für wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Göttingen 1976.
25) Vgl. E. Laspeyres, Hamburgische Warenpreise 1851 bis 1863 und
die californisch-australischen Goldentdeckungen seit 1848, in:
Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 3. Bd. 1864.
26) Eine informative Übersicht über die verschiedenen Möglichkei-
ten der Preisindexberechnung bei: W. Neubauer, Über die Konstruk-
tion, den Sinn und die Zwecke von Preisindexzahlen, in: Umrisse
einer Wirtschaftsstatistik, Festgabe für Paul Flaskämpet zur 80.
Wiederkehr seines Geburtstages, hg. von A. Blind, Hamburg 1966,
S. 190-215.
27) Wir hatten bereits darauf verwiesen, daß sich das Statisti-
sche Bundesamt nicht streng an diese methodische Grundlage hält.
28) Kontrollrechnungen erfolgen mit jeweils aktuellen Warenkörben
nach dem sog. Paasche-Index.
29) Insgesamt sind über 800 Haushalte in diese Rechnungen einbe-
zogen.
30) Wirtschaft und Statistik, 8/1964, S. 438.
31) Wirtschaft und Statistik, 12/1973, S. 695.
32) Berechnet nach: Statistisches Bundesamt, Fachserie M, Reihe
13, Einnahmen und Ausgaben ausgewählter privater Haushalte 1970,
S. 14.
33) Preise und Preisindizes 1970, S. 64 ff.
34) Preise und Preisindizes, Juni 1978, S. 10 f.
35) Vgl. Statistisches Bundesamt. Richtlinien. Anhang.
36) P. Danner, Das Berechnungsverfahren beim Preisindex für die
Lebenshaltung, in: Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Lan-
desamtes, 107. Jg. 1975, S. 21.
37) Es handelt sich um die folgenden Städte: Kiel, Lübeck, Ham-
burg, Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Bremen, Essen, Düssel-
dorf, Aachen, Frankfurt, Kassel, Mainz, Koblenz, Saarbrücken,
Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, München, Nürnberg, Augsburg,
Westberlin.
38) Wirtschaft und Statistik, 11/1952, S. 443.
39) Wirtschaft und Statistik, 5/1966, S. 334 f.
40) Nach Hessisches Statistisches Landesamt, Statistische Be-
richte, MI2-m6/77m, S. 26, und Statistisches Bundesamt Fachserie
17, Reihe 7, Preise und Preisindizes für die Lebenshaltung, S.
19.
41) Wirtschaft und Statistik, 12/1973,S 723 ff.
42) Vgl. Wirtschaft und Statistik, 2/1964, S 82.
43) Wirtschaft und Statistik, 8/1976, S. 481 f.
44) K. Bittmann, Arbeiterhaushalt und Teuerung, Jena 1914, S.
149.
45) Rolf Wagenführ, Statistik leichtgemacht, Bd. l, Einführung in
die deskriptive Statistik. 6. Aufl., Köln 1971, S. 291.
46) Wirtschaft und Statistik, 3/1949, S. 64.
47) Wirtschaft und Statistik, 10/1963, S. 594-599.
48) Wirtschaft und Statistik, 10/1956, S. 510.
49) Richtlinien, S. 14.
50) Wirtschaft und Statistik, 4/1966, S. 246.
51) Detaillierte Warenbeschreibungen werden in den Monatsveröf-
fentlichungen der entsprechenden Fachserie vorgelegt.
52) Preise und Preisindizes, 1974, S. 49.
53) Preise und Preisindizes, 1975, S. 49.
54) Ähnlich auch bei anderen Waren, deren Preise zentral ermit-
telt werden. Insgesamt handelt es sich hierbei um einen Waren-
korbanteil von gut 10 Prozent.
55) Richtlinien, S. 8.
56) Ebenda.
57) LePeuple, No 888, März 1972.
58) R. Wagenführ, Lebenshaltungskosten und Lebenshaltungskosten-
index, eine Kritik der amtlichen Indexziffern, in: Mitteilungen
der Abteilung Statistik und Wirtschaftsbeobachtung des Wirt-
schaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften. Nr. 10-
11-12/1948, S. 42.
59) R. Krengel in "Wirtschaftswoche" vom 9.10.1970, S. 377 ff.
60) E. Linhart in "Wirtschaftswoche" vom 16.10.1970, S. 43 ff.
61) G. Heske und B. Nieradt, Westdeutscher Preisindex für die Le-
benshaltung nach dritter Berechnungsumstellung aussagekräftiger?
In: Statistische Praxis, Nr. 5/1965, S. 180 ff.
62) Wirtschaft und Statistik, 10/1963, S. 595.
63) Ebenda, S. 598 (Unterstreichung durch d. Verf.).
64) Ebenda.
65) Das Statistische Bundesamt arbeitet nicht mit der Stiftung
Warentest zusammen.
66) Richtlinien, S. 16.
67) Richtlinien, S. 17.
68) Richtlinien, S. 7.
69) Danner, Berechnungsverfahren, S. 30.
70) P. Deneffe, Artikel "Preisstatistik" im Handwörterbuch der
Sozialwissenschaften, Bd. 8, Stuttgart 1964, S. 513.
71) P. Deneffe, Zum Preisbegriff und zur Methodik der Preisstati-
stik, in: Umrisse einer Wirtschaftsstatistik, Festgabe für Paul
Flaskämper zur 80. Wiederkehr seines Geburtstages, a.a.O., S.
188.
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