Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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ARBEITERBEWUSSTSEIN UND KRISE 1)

Johannes Henrich von Heiseler I. Wenn wir hier die Frage nach den Wirkungen der Krise, der Er- scheinungen der Depression und der Arbeitslosigkeit auf das Be- wußtsein der Arbeiter und Angestellten stellen, so stellen wir die Frage nach der möglichen Entwicklung von Klassenbewußtsein in der Arbeiterklasse der BRD unter den heutigen ökonomischen und sozialen Bedingungen, die sich ja wesentlich von denen unterscheiden, die jahrelang für die Bundesrepublik gegolten haben. Klassenbewußtsein - auf die Gefahr hin zu wiederholen, stellen wir das voraus - ist letzten Endes die entwickelte Form des Ver- hältnisses der Klasse zu sich selbst und ihrer sozialen und hi- storischen Lage. Klassenbewußtsein entsteht nicht abgelöst von der wirklichen Geschichte der Klasse, als Reflexion über allge- meine Prinzipien; Klassenbewußtsein entsteht als theoretische Verarbeitung ihrer Kämpfe und Erfahrungen. Entwickeltes Klassenbewußtsein, sozialistisches Bewußtsein wird gekennzeichnet durch die Erkenntnis, daß der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital die ganze Gesellschaft und nicht nur die betrieblichen Verhältnisse, nicht nur die Arbeitswelt prägt. Dar- aus ergibt sich im sozialistischen Bewußtsein die Erkenntnis, daß die Arbeiterklasse den politischen Kampf gegen die kapitalisti- sche Klasse und ihre Gewalt führen muß, daß sie die zentrale po- litische Macht erkämpfen muß und daß sie die kapitalistische Ord- nung beseitigen muß, um eine andere, die sozialistische, an ihre Stelle zu setzen. Entwickeltes Klassenbewußtsein ist also theoretisches Bewußtsein. Wenn wir darauf bestehen, so heißt das nicht, daß wir es von sei- ner lebendigen Grundlage, der Lage der Arbeiterklasse gegenüber den anderen Grundklassen und den anderen großen Gruppen der Ge- sellschaft, ihrer Tätigkeit, ihren Erfahrungen und ihren Organi- sationen, ablösen wollen . Wir können vielmehr feststellen, wie aufgrund der Lage der Arbeiterklasse und ihrer allgemeinen und konkreten Stellung in der Gesellschaft spontane Prozesse wirksam werden, durch die innerhalb der Arbeiterklasse Erkenntnisse über den Widerspruch zum Kapital vornehmlich auf betrieblicher Ebene und im Arbeitsleben und praktische Erkenntnisse der Aktionsmög- lichkeiten entstehen. Solch ein entsprechend den besonderen hi- storischen und nationalen Bedingungen in kleinerem oder größerem Umfang innerhalb der Arbeiterklasse sich spontan herausbildendes Bewußtsein wird von uns kategorial als noch nicht entfaltetes Klassenbewußtsein, als elementares Klassenbewußtsein, als gewerk- schaftliches Bewußtsein bezeichnet. Auf diese Weise wird auch die Verbindung zwischen dem Klassenbe- wußtsein und seiner Grundlage in der Lage der Arbeiterklasse, ihre Tätigkeit, ihren Organisationen und Erfahrungen gekennzeich- net. Würde man das Klassenbewußtsein von seiner lebendigen Grund- lage ablösen, dann kämen seine Vermittlungen in die Nähe der mis- sionarischen Tätigkeit irgendwelcher Heilslehren. Klassenbewußt- sein ist ja Klassenbewußtsein gerade deshalb und insofern, als sich in ihm das Wesen der sich aus der objektiven Lage der Arbei- terklasse ergebenden Aufgaben für die Klasse vorzeichnet. Aber zugleich ist es wichtig, zu betonen, daß das Klassenbewußtsein nicht einfach das jeweils empirisch gegebene Bewußtsein der Ar- beiterklasse ist und daß man nicht von einem naturwüchsigen Pro- zeß des Wachstums von Klassenbewußtsein lediglich im Zuge der sich ergebenden Kampferfahrungen ausgehen kann. Der Prozeß der Aneignung des Klassenbewußtseins durch eine beliebige Gruppe der Arbeiterklasse ist ein Lernprozeß, der spontan beginnt und auf einer spontanen Grundlage beruht, aber als gesellschaftlicher Wi- derspiegelungsprozeß vermittelt und wesentlich geformt wird durch die ganze Sphäre der Politik und Ideologie, wie sie unter be- stimmten Umständen für das Land, die Periode, ja die Region, die Gruppe der Arbeiterklasse usw. gegeben ist. Selbst wenn wir zunächst von der politischen und ideologischen Vermittlung abse- hen, reicht die Vorstellung seines naturwüchsigen Wachstums nicht hin, weil das Klassenbewußtsein zwar starke spontane Grundlagen in der objektiven sozialen Lage hat, aber zugleich in der Lage des Lohnarbeiters in der kapitalistischen Wirklichkeit ebenfalls spontane Grundlagen für die Entwicklung von bürgerlichem Bewußt- sein liegen. Die spontane Anschauungsweise der Arbeiterklasse ist also z u n ä c h s t aus sehr allgemeinen Gründen notwendiger- weise widersprüchlich. Gerade in den sich am Marxismus orientierenden theoretischen und empirischen Ansätzen in den letzten Jahren ist zu Recht oft her- vorgehoben worden, daß für die westdeutschen Arbeiter und Ange- stellten diese Widersprüchlichkeit besonders kennzeichnend ist. Man kann dabei zeigen, daß diese Widersprüche nicht nur im Kopf des einzelnen Arbeiters und Angestellten aufzufinden sind, son- dern sich auch im gesellschaftlichen Prozeß der Meinungsbildung unter den Kollegen des Betriebs zeigen. In unserer Untersuchung hat sich gezeigt, daß diejenigen, die in ihren Vorstellungen von möglichen gesellschaftlichen Veränderungen Elemente von Klassen- bewußtsein aufwiesen, stärker im Zentrum des betrieblichen Kommu- nikations- und Meinungsbildungsprozesses standen als die anderen, die diese Vorstellungen nicht hatten. Aber ebenso galt das für die Kollegen mit deutlich sozialpartnerschaftlichen Vorstellun- gen. Auch sie stehen keineswegs am Rande des Meinungsbildungspro- zesses der Belegschaft, sondern mitten darin. Dieses Ergebnis ist zunächst noch überraschender als die bloße Feststellung widersprüchlicher Vorstellungen und Haltungen bei der Mehrzahl der Arbeiter und Angestellten . Es verweist aber darauf, daß man, will man die Ursachen der bestehenden Widersprü- che im Bewußtsein der Arbeiter und Angestellten aufklären, nicht bei der offensichtlichen Tatsache stehen bleiben darf, daß hier fortschrittliche und reaktionäre meinungsbildende Faktoren ein- wirken. Es ist sehr richtig darauf hingewiesen worden, daß man hier analytisch zunächst einmal die Grundlagen dieses Prozesses der Herausbildung widersprüchlicher Vorstellungen und Haltungen, auf den dann die ganzen politischen und ideologischen Vermitt- lungsinstanzen einwirken, erfassen muß. Aus der wirklichen Lage des Lohnarbeiters muß sich zunächst und spontan ein widersprüch- liches Bewußtsein herausbilden. Seine Grundlage liegt einerseits in der Tatsache, daß der Lohnarbeiter seiner Lage nach letzten Endes objektiv darauf angewiesen ist, diese Verhältnisse, die ihn bedrücken, aufzuheben. Das ist die spontane Grundlage antikapita- listischer Haltung und Einstellungen. Aber zugleich verweist auch die Wirklichkeit den Lohnarbeiter immer wieder auf die andere Seite seiner Existenz: Auf die objektive Konkurrenz zwischen dem einzelnen Verkäufer seiner Arbeitskraft und anderen Lohnarbei- tern, die selbst Ergebnis und abgeleitetes Moment der tieferen Erscheinung ist, daß der Lohnarbeiter seine Arbeitskraft verkau- fen muß, um sein Leben zu sichern. Das ist die Grundlage für das spontane Wachstum bürgerlicher Ideologie unter Lohnarbeitern. Auch hier verweist also das verkehrte Bewußtsein letzten Endes auf eine verkehrte Wirklichkeit. Eine gesellschaftliche Wirklich- keit, in der die Konkurrenz begleitendes Moment der Kooperation der Lohnarbeiter ist, produziert nicht nur mit Notwendigkeit spontane Kritik an diesen Zuständen, sondern sie produziert mit Notwendigkeit auch spontane Illusionen. Scheinbar steht der Lohnarbeiter als Eigentümer einer Sache, sei- ner Arbeitskraft, oder wie es ihm scheint, seiner Arbeit, dem Ka- pitaleigentümer als Kontraktpartner auf gleichem Fuße gegenüber. Wie es diesem zusteht, beliebig mit seinem Kapital zu verfahren, so steht es ihm zu, beliebig mit sich selbst zu verfahren. Die Freiheit gilt für beide Vertragskontrahenten: Er ist frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen oder keinen Arbeitslohn für seine Re- produktion zu erhalten; das Kapital ist frei, ihn einzustellen oder ihn arbeitslos zu lassen. Die Freiheit des Kapitals ist, so sieht es in dieser Welt des Scheins aus, auch seine Freiheit. Und um die illusionäre Auffassung seiner eigenen Lage noch tiefer zu begründen , erscheint dem Lohnarbeiter der Arbeitslohn - der Preis seiner zur Ware gewordenen Arbeitskraft - als Geldausdruck des Werts "der Arbeit". Die Vorstellung vom Lohn als Preis der Arbeit wird begünstigt und unterstützt durch die Lohnformen, die als Berechnungsgrundlage die aufgewandte Arbeitszeit oder die hergestellten Stücke benutzen. Hier verschwindet dann völlig die grundlegende Unterscheidung zwischen notwendiger und Mehrarbeit. Die gesamte Arbeitszeit scheint bezahlte Arbeitszeit zu sein. Je- der Begriff der Mehrarbeit geht verloren und damit auch jeder Be- griff von dem durch die Arbeiterklasse produzierten und vom Kapi- tal angeeigneten Mehrwert. Die Vorstellung vom Wert der Arbeit mystifiziert letztlich den Wertbegriff überhaupt. In seiner Analyse dieser Illusionen besteht Marx darauf, daß es sich nicht bloß um ungenaue Metaphern handelt, die durch eine Art Sprachkritik zu beseitigen seien. Er weist nachdrücklich darauf- hin, daß sich diese Form von Widersspiegelung elementar aus den objektiven Verhältnissen selbst ergibt, solange die Widerspiege- lung noch als nur spontaner Prozeß, noch nicht als aktiver, be- wußter Vorgang abläuft. "Auf der Oberfläche der bürgerlichen Ge- sellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Ar- beit gezahlt wird. Man spricht hier vom Wert der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck ihren... Preis." "Im Ausdruck - Wert der Ar- beit - ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck... Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produkti- onsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsfor- men wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich allen Wissenschaften bekannt." 2) Die Entwicklung des gewerkschaftlichen und politischen Bewußts- eins der Arbeiter und Angestellten vollzieht sich daher nicht als ein einfacher Prozeß des Lernens aus Erfahrung. In den Lernprozeß gehen vielmehr die Elemente der ökonomischen, politischen und ideologischen Situation auf dieser Grundlage ein. Schon auf der Ebene der Wertorientierungen drücken sich die grundlegenden Widersprüche aus. Als beherrschende Wertorientie- rung zeigten sich in unserer Untersuchung Jugendlicher im Großbe- trieb die Orientierung auf gemeinsames Handeln, die Orientierung auf Kollegialität, auf Gleichheit und auf Leistung. Was den letztgenannten Wert angeht, so ist die Orientierung auf Leistung von Anfang an immer schon beides: Zeichen der Befangenheit in bürgerlichen Bewußtseinsformen, wie in der Untersuchung von Eier- baum u.a. 3) gesagt wird, aber zugleich, was hier völlig überse- hen wird, möglicher Ansatzpunkt antikapitalistischer Kritik. Die sehr komplexe und in sich selbst widersprüchliche Rolle der Ori- entierung auf Leistung für das Bewußtsein der Lohnarbeiter wenig- stens zum Teil deutlich gemacht haben, ist das Verdienst der Er- langer Studie von Kudera u.a. 4) Wie wir in unserer Untersuchung zeigen konnten, geht allerdings sehr starke Orientierung auf den Wert Leistung tatsächlich meist zusammen mit integrationistischen und reaktionären Haltungen in anderen Bereichen. So ist Lei- stungsorientierung zwar einerseits Element des Selbstbewußtseins der wichtigsten produktiven Klasse, andererseits gelingt es der bürgerlichen Ideologie nach wie vor in starkem Maße, diese Werto- rientierung mit der Seite seiner Existenz zu verbinden, die den einzelnen Lohnarbeiter als mit anderen Lohnarbeitern konkurrie- renden Anbieter seiner Arbeitskraft erfaßt. Demgegenüber zeigt sich, daß die Orientierung auf Gleichheit, auf gemeinsames Han- deln und auf Kollegialität meist mit Elementen von Klassenbewußt- sein verbunden waren. Ein absolut beherrschender Wert ist dabei die Orientierung auf Kollegialität; und es zeigt sich, daß es von dieser Wertorientierung Beziehungen zu den Vorstellungen im ge- werkschaftlichen und politischen Bereich bis hin zu dem Gesell- schaftsbild gibt. Wenn also davon gesprochen wird, daß sich die Herrschaft der bür- gerlichen Bewußtseinsformen gerade in den Wertvorstellungen zeigt (Westberliner Untersuchung), so kann man dem nur sehr bedingt und nicht in dieser Form zustimmen. Die spontane Reproduktion der bürgerlichen Ideologie und das bewußte Aufgreifen dieser sponta- nen Reproduktion durch die vermittelnden ideologischen Instanzen zeigt sich eine Ebene weiter. Es zeigt sich vor allem in der Ten- denz, die Ergebnisse gesellschaftlicher Verhältnisse, gesell- schaftlicher Widersprüche, die Ergebnisse von Ausbeutung und Un- terdrückung einer Klasse durch die andere als individuelles Ge- schehen, als individuelles Versagen wahrzunehmen und erscheinen zu lassen. Als Beispiel für eine solche Tendenz kann man die Zu- stimmung zu der Aussage "Wenn man sich genügend anstrengt, be- kommt man auch eine gute Lehrstelle. Die meisten suchen aber nicht richtig, haben zu schlechte Noten oder sind zu pingelig" ansehen. (In unserer Untersuchung stimmten dieser Aussage immer- hin 58 Prozent der befragten Jugendlichen zu, davon 25 Prozent ohne Einschränkung.) Gerade das Ansteigen der Arbeitslosenzahlen hat offenbar zunächst dazu geführt, daß die Individual- und Grup- penkonkurrenz stark betont wurde. Dabei geht in diese Reaktion der Arbeiterklasse auf die für die Bundesrepublik neue Lage selbstverständlich schon das Ensemble von Bedingungen ein, das mit zu der Unterstützung dieser Seite der Arbeiterexistenz und zu der Behinderung der Entwicklung der anderen Seite beiträgt. Daß das Kapital und seine politischen und ideologischen Institu- tionen die Seite der Konkurrenz gegenüber anderen Arbeitskraft- verkäufern aufgreifen, ist naheliegend. Aber es greift auch die andere Seite auf, die Tendenz nach Solidarität und Kollegialität. Es ist nichts anderes als das Bedürfnis nach Identifizierung nach einer "sozialen Heimat" das kapitalistisch verbogen und verdreht die Grundlage abgibt für alle Illusionen über eine mögliche und erstrebenswerte soziale Partnerschaft zwischen Lohnarbeit und Ka- pital. Dabei gehen auch Erfahrungen über die Verknüpfung des Ar- beiterschicksals mit der Lage des Kapitals gerade in der Krise in diese Vorstellungen ein. In unserer Untersuchung zeigte sich, daß sozialpartnerschaftliche Vorstellungen die Zustimmung von zwischen 86 und 96 Prozent der Befragten fanden. Es gibt keinen Grand anzunehmen, die Zustim- mungsraten zu sozialpartnerschaftlichen Aussagen seien in anderen Gruppen und Abteilungen der Arbeiterklasse wesentlich niedriger als bei Jugendlichen in einem Großbetrieb. 5) Man kann davon aus- gehen, daß selbst in Gruppen, die in bezug auf andere Aussagen zu einem großen Teil antikapitalisrischer Kritik zustimmen, ja sogar zur Hälfte Sympathien zu einer sozialistischen Ordnung, oder dem, was sie darunter verstehen, äußern, zugleich überwiegend sozial- partnerschaftlichen Vorstellungen anhängen. Die Tatsache, daß die bürgerliche Ideologie in der westdeutschen Arbeiterklasse besonders in Form sozialpartnerschaftlicher Vor- stellungen erscheint und daß sie in dieser Form selbst solche Teile und Gruppen der Arbeiterklasse (mit Ausnahme kleiner Min- derheiten) durchdringt, die in anderer Hinsicht ihren Klassenge- nossen in der Orientierung auf ihre Interessen voraus sind, ist selbst Ergebnis der ökonomischen und politischen Geschichte der Bundesrepublik. Die lange Phase rascher Akkumulation ermöglichte einen solchen Abbau der Arbeitslosigkeit, daß für lange Zeit selbst die Tiefpunkte des Zyklus sich nicht auf die Beschäftigung auswirkten. Zugleich ermöglichte diese Akkumulationsphase Steige- rungen der Löhne und Gehälter, die von den Arbeitern und Ange- stellten mit dem niedrigen Niveau am Kriegsende verglichen wurden und zugleich selten gewerkschaftliche Aktionen kosteten, wobei die Stärke der Gewerkschaften und die Existenz des sozialisti- schen Nachbarlandes die Bereitschaft des Kapitals zu Zugeständ- nissen stark erhöhte. Die Schwäche der kommunistischen Arbeiter- bewegung nach den Jahren des Faschismus und ihre Illegalisierung in der Adenauer-Ära harte eine allgemeine Schwächung der an den Klasseninteressen orientierten Strömung in den Gewerkschaften zur Folge. Die dominierende Linie in den Gewerkschaften trat, ohne auf den Rückgriff auf die Mobilisierung der gewerkschaftlichen Militanz gänzlich zu verzichten, einer weiteren Verbreitung der sozialpartnerschaftlichen Illusionen nicht systematisch entgegen. Es ist nicht verwunderlich, wenn man jetzt feststellt, daß die Anerkennung der Notwendigkeit der Gewerkschaften durch die Bevöl- kerung nach den Umfragen des Gewerkschaftsbarometers zyklisch und parallel zum ökonomischen Zyklus schwankt. Ausgerechnet dann, wenn die Krise eine wirkungsvollere Koalition der Lohnarbeiter verlangt, sinkt die Einsicht in die Notwendigkeit der Gewerk- schaften ab. Dies ist das spontane Ergebnis der Bindung der ge- werkschaftlichen Organisation an die staatliche Wirtschaftspoli- tik. Integrationistische Strömungen spielen bei der Politik der Ge- werkschaften eine nicht übersehbare Rolle. Wir können aber empi- risch feststellen, daß sie nicht im Einklang mit der sozialen Wirklichkeit der Gewerkschaft an der Basis stehen. Aus unserer Untersuchung, - in der Jugendliche in einem Großbetrieb befragt wurden, in dem die Betriebsratsführung gemeinsam mit der von ihr dominierten Verwaltungsstelle eine Politik des "Betriebsfriedens" macht - geht hervor, daß sich Gewerkschaftsmitglieder auch unter solchen Verhältnissen gegenüber ihren Kollegen dadurch auszeich- nen, daß sie in geringerem Maße sozialpartnerschaftlichen Vor- stellungen verhaftet sind. Während von den gewerkschaftlich orga- nisierten befragten Jugendlichen 58 Prozent dem Satz "Wenn die Unternehmer gute Gewinne machen, können die Arbeiter und Ange- stellten auch gut verdienen", zustimmten, waren es unter ihren unorganisierten Kollegen 84 Prozent. Und während von den unorga- nisierten Befragten 62 Prozent waren, die meinten, es verbessere sehr viel, "wenn die Unternehmer und die Gewerkschaften sich bes- ser aufeinander einstellen würden", waren es unter den befragten Gewerkschaftsmitgliedern 36 Prozent. Wir können daraus schließen, daß sich aus der Funktion der Gewerkschaften als allgemeinem öko- nomischen Interessenverband Tendenzen entwickeln, die geeignet sind, sozialpartnerschaftliche Illusionen abzubauen. Es wird allerdings von der Politik der gewerkschaftlichen Organi- sationen abhängen, wie diese Tendenz wirksam wird. Daß es notwen- dig ist, die Wirkung dieser spontanen Tendenz bewußt zu verstär- ken, zeigen beispielsweise die oben zitierten Zahlen mit gleicher Deutlichkeit. Am Anfang des Jahres 1976 waren sich die meisten Beobachter dar- über einig, daß die Krise und die Arbeitslosigkeit vor allem eine dämpfende Wirkung auf die Aktivität der westdeutschen Arbeiter- klasse gehabt hatten. (Allerdings prognostizierten schon damals Josef Schleifstein und Jörg Huffschmid, ausgehend von den voraus- sehbaren objektiven Entwicklungen, daß mit zunehmenden Klassen- auseinandersetzungen zu rechnen sei.) Im Jahre 1976 kam der erste große Tarifkampf der IG Druck und Papier; es nahmen lokale Aktio- nen gegen Stillegungen zu; 1977 kam es zu größeren Aktionen gegen Stillegungspläne im Saarland, in Bremen und anderswo; 1978 waren es dann die Streiks der Hafenarbeiter, die zweite große Bewegung der Setzer und Drucker und die Aktionen der Metaller, die das Bild veränderten. Für die Aktionen war - anders als 1969 - die Herausbildung der Haltung der gewerkschaftlichen Organisation und Führung von großer Bedeutung - ein Problem auf das später noch einmal eingegangen wird. 6) Die lähmende Wirkung, die die hohe Arbeitslosenzahl eine lange Zeit ausübte, hätte möglicherweise unter anderen Bedingungen schon früher überwunden werden können. Sicher aber war sie auch und gerade an der gewerkschaftlichen Basis spürbar. Wenn wir von dem Widerspruch zwischen Solidarität und Konkurrenz in der Lage der Lohnarbeiter ausgehen, so verstärkt die Existenz eines Ar- beitslosenheeres zunächst und spontan die Seite der Konkurrenz, es sei denn, es sind von der Arbeiterbewegung überlieferte Inter- pretations- und Handlungsmuster schon dann wirksam. Solche Inter- pretations- und Handlungsmuster müssen aber in der Bundesrepublik erst erneut gebildet werden. Wie stark die Tendenz, die Verantwortung für die Arbeitslosigkeit auf den einzelnen Arbeitslosen oder auf andere Gruppen von Lohn- arbeitern (ausländische Arbeiter) zu verlagern, unter den von uns befragten Jugendlichen im Großbetrieb im Herbst 1976 wirksam war, wurde sehr deutlich an einer Frage, in der es hieß: "Schon seit längerer Zeit gibt es eine ziemlich hohe Arbeitslosigkeit in der BRD. Vor allem viele Jugendliche sind arbeitslos. Uns interes- siert, woran das wohl liegt. Was meinen Sie dazu?" Der Vorgabe "Wenn die Ausländer weg sind, gibt es wieder Arbeit für uns" stimmten 45 Prozent der Befragten zu; der Vorgabe "Die Arbeitslo- sen sind häufig auch faul; oft arbeiten sie schwarz" 62 Prozent, mindestens einer von beiden Vorgaben 79 Prozent. Von den gleichen Befragten stimmten andererseits 40 Prozent einer Vorgabe zu, in der prinzipielle antikapitalistische Aussagen zur Arbeitslosig- keit enthalten sind, nämlich der Vorgabe: "Arbeitslosigkeit gibt es, solange es Privatunternehmen gibt, die nur produzieren, um Gewinne zu machen. Da gibt es für Jugendliche und ältere Kollegen keine größeren Unterschiede. Erst wenn die Kapitalistenklasse weg ist; ist auch die Arbeitslosigkeit verschwunden." Auf die ein- gangs geschilderten Widersprüche verweist die Tatsache, daß 3 2 Prozent der Befragten sowohl einer der beiden das Moment der Kon- kurrenz hervorhebenden Aussagen als auch der letzten Aussage zu- stimmten. Die weitaus stärkste Zustimmung aber fand mit 91 Pro- zent eine Vorgabe, in der das System nicht in Frage gestellt wird und an das, was sich die Befragten unter "Staat" vorstellen, ap- pelliert wird. Diese Aussage lautet: "Die Arbeitslosigkeit ist schlimm, aber es herrscht nun mal eine Krise. Der Staat müßte aber für die Arbeitslosen und vor allem für die Jugendlichen mehr tun, damit die auch wieder arbeiten können." Hier wird deutlich, daß die Erarbeitung einer alternativen Wirt- schaftspolitik nicht nur - und das ist selbstverständlich - für die gewerkschaftliche Gesamtstrategie immer notwendiger wird; es zeigt sich, daß diese Aufgabe auch unbedingt vom Gesichtspunkt der Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter und Angestellten an- gegriffen werden muß. 7) Die Erwartungen an den Staat gerade in der Krise paaren sich bei einem großen Teil der Befragten mit Il- lusionen über den Charakter dieses Staates; aber sie verbinden sich auch bei einem großen Teil der Befragten mit Handlungsbe- reitschaft. Nicht selten findet sich beides nebeneinander. 58 Prozent der Befragten erklärten sich bereit, im Falle von be- trieblichen Entlassungen dagegen zu streiken, 71 Prozent erklär- ten, sie würden an einer Demonstration teilnehmen, wenn es eine große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit gäbe. Wir glauben, daß sich in diesem Nebeneinander von Erwartungen an den Staat und Handlungsbereitschaft ausdrückt, daß in den Erwar- tungen an den Staat zwar einerseits auch spontan reproduzierte und bewußt gepflegte bürgerliche Ideologie zu finden ist, zugleich aber ist darin auch eine spontane Form der Widerspiege- lung der Funktionserweiterung des Staates im staatsmonopolisti- schen Kapitalismus zu finden. Das bedeutet aber, daß für eine Strategie der Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter und Ange- stellten in der BRD die Dimension staatlicher Wirtschaftspolitik nicht ausgespart werden kann. Wir hatten festgestellt, daß Vorstellungen von einer möglichen und erstrebenswerten sozialen Partnerschaft zwischen Lohnarbeit und Kapital offenbar bei den Arbeitern und Angestellten der Bun- desrepublik weit verbreitet sind. Diese Sozialpartnerschaftlichen Vorstellungen sind eine Hauptform, in der heute bürgerliche Ideo- logie bei Arbeitern und Angestellten auftritt (und nicht so sehr autoritäre und konservative Varianten bürgerlicher Ideologie, die wohl von Bierbaum u.a. in ihrer Bedeutung für die Arbeiterklasse heute überschätzt werden). Dabei zeigen sich aber bedeutsame Un- terschiede, je nachdem ob die sozialpartnerschaftlichen Vorstel- lungen auf den Betrieb und die Kooperation im betrieblichen Rah- men oder ob sie auf die "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" (in der sozialpartnerschaftlichen Terminologie ) insgesamt und auf die Krise bezogen waren. Die eine Vorgabe hieß: "Im Betrieb ist es wie überall im Leben: Wenn man sich nicht verständigt, klappt es nicht. Arbeiter, Ange- stellte und Betriebsleitung müssen aufeinander Rücksicht nehmen und besser zusammenarbeiten, damit es weniger Probleme gibt." Die andere lautete: "Arbeiter und Arbeitnehmer sollten versuchen, miteinander auszukommen und gemeinsam die Krise zu überwinden." Beiden Aussagen stimmten jeweils 95 Prozent der Befragten zu. Der Unterschied zeigte sich bei der starken Zustimmung. Diese lag bei der ersten Aussage bei 85 Prozent, bei der zweiten bei 65 Pro- zent. Man kann daher annehmen, daß die sozialpartnerschaftlichen Vor- stellungen bei den jugendlichen Befragten gleich weit verbreitet waren, gleichgültig, ob es sich um den Bereich der betrieblichen Kooperation oder um den Bereich des Verhältnissses der Klassen in der Krise zueinander handelte; daß aber im ersteren Bereich diese illusionären Vorstellungen in den realen Verhältnissen eine Basis haben und daher fester verwurzelt sind, während sie im zweiten Fall eher auflösbar sind. Das kann bedeuten, daß innerhalb der bürgerlichen Ideologie im Zusammenhang mit dem Übergang von einer langen Prosperitätsphase zu einer Depressionsphase eine Verlagerung eintritt; es kann be- deuten, daß die Bourgeoisie versuchen wird, dort, wo die sozial- partnerschaftliche Spielart ihrer Ideologie nicht ausreicht, sie durch konservative und autoritäre Spielarten zu ergänzen oder zu ersetzen. Die bisherige Dominanz sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen unter den Arbeitern und Angestellten in der Bundesrepublik war zugleich verbunden mit Ansprüchen auf die Erhaltung des erreich- ten Status. (Insofern ist es nicht falsch, wenn gesagt wurde, das Lohnbewußtsein der Arbeiter trage - in einem großen Teil der Klasse - systemkonforme Züge. Wenn aber daraus die Schlußfolge- rung gezogen wird, daß in diesem Lohnbewußtsein keine Dynamik steckt, die freigesetzt werden kann, so wird die Widersprüchlich- keit des Bewußtseins der Arbeiterklasse unterschätzt). Die Erbitterung, die in den Kämpfen dieses Jahres zum Ausdruck kam, geht auf den Zusammenstoß der Erfahrungen von Angriffen auf den erreichten Status mit den in den Jahren der Prosperität ge- wachsenen Klassenansprüchen wie mit den in den gleichen Jahren gewachsenen Sozialillusionen zurück. Die Erfahrung von Rationalisierungen und Stillegungen, die Erfah- rung des Drucks auf Löhne und Arbeitsbedingungen, der von der Ar- beitslosigkeit ausgeht, die Erfahrung der Arbeitslosigkeit selbst sind neue Erfahrungen für die Arbeiter und Angestellten der BRD. Sie haben sich rasch über den Kreis derer, die unmittelbar davon betroffen sind, verbreitet. Wir können nicht sagen, daß diese neuen Erfahrungen für sich be- reits die Widersprüche, die das Arbeiterbewußtsein in der Bundes- republik kennzeichnen, auflösen. Zunächst werden sich die Wider- sprüche zwischen illusionären Elementen und Ansätzen von Klas- senerkenntnissen eher noch weiter verschärfen. II. Klassenbewußtsein als theoretische Verallgemeinerung der Kämpfe und Erfahrungen der Klasse - darin liegt sowohl die Bestimmung, daß Klassenbewußtsein nicht abgelöst werden kann von der wirkli- chen Geschichte der Arbeiterklasse, als auch die Bestimmung als theoretisches Bewußtsein, die es abhebt gegenüber dem im Augen- blick gerade vorfindlichen und empirisch erfaßbaren Bewußtsein der Klasse. Gerade um das in dieser gegenwärtigen Lage vorhandene Bewußtsein in der Arbeiterklasse beurteilen und einschätzen zu können, um mitzuhelfen an seiner Entwicklung, brauchen wir einen Begriff von Klassenbewußtsein, der nicht einfach mit dem, was ge- rade schon da ist, zusammenfällt. Dagegen ist das, was sich zunächst und elementar als Bewußtsein bei Arbeitern und Angestellten herausbildet, immer beides: Es enthält Ansätze zu Klassenbewußtsein, Keime von Klassenbewußt- sein, aber zugleich die elementare Reproduktion bürgerlicher Be- wußtseinsformen. Erst auf dem Wege der Erfahrungen in den prakti- schen Kämpfen und Auseinandersetzungen und der Vermittlung von Bildungselementen - beides konkret verknüpft mit den gewerk- schaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterklasse - löst sich diese Widersprüchlichkeit der Tendenz nach auf, bildet sich eine die eigene Lage angemessen widerspiegelnde Wahrnehmung, die verbunden ist und ausgerichtet ist auf die die Lage der Klasse verändernde Aktion, bildet sich zusammenhängendes Klassen- bewußtsein zunächst in seiner elementaren gewerkschaftlichen Form heraus, als notwendige Vorbedingung und Durchgangsstufe für die Entwicklung seiner höheren Form, sozialistischen Bewußtseins. "Die 'Idee' blamierte sich immer, soweit sie von dem 'Interesse' unterschieden war." 8) Auf Aktion, letzten Endes auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gerichtet, ist Klassenbewußtsein immer i n s o f e r n instrumentelles Bewußtsein. Die Bedeutung von der Instrumentalisierungsthese für die Bewußtseinsanalyse kann daher auch nichts anderes als Verwirrung stiften. In letztet Instanz steht hinter der Benutzung der Instrumentalisierungsthese (wie bei der Frankfurter Studie) immer auch das Bemühen, die "Idee" vom "Interesse" abzuheben. Auf der anderen Seite ist der Status von Elementen bürgerlichen Bewußtseins wie von Elementen des Klassenbewußtseins bei den Au- toren der Westberliner Studie ungeklärt. Sie entwickeln die Exi- stenz von beidem aus dem Reproduktionsprozeß im Ganzen. Daß die Denkform auf der Grundlage der Gesellschaftsform entsteht, ist k e i n Streitpunkt. Für uns ist aber schon kategorial die ge- sellschaftliche Lage der Lohnarbeiter wichtiges Glied der Ver- mittlungskette. Hieran knüpft sich eine andere Kontroverse. Ich habe nicht die Absicht, noch einmal die Differenzen zwischen unserer Klassenana- lyse und der Klassenanalyse der Westberliner Autoren darzustel- len. In einem wichtigen Punkt zeigen sich aber an der Bewußt- seinsanalyse in der Westberliner Studie die Unzulänglichkeiten ihrer Klassenanalyse. Nach der Auffassung der Mehrheit der Auto- ren der Westberliner Studie fallen die im öffentlichen Dienst Be- schäftigten ganz aus der Arbeiterklasse heraus. (Allerdings wird in "Ende der Illusionen" im Gegensatz zu dieser Anschauung auch wieder differenziert und eine "kleine Gruppe industrieller Lohn- arbeiter beim Staat" ausgenommen a.a.O. S. 141) In der Untersu- chung zeigt sich nun, daß in einer ganzen Reihe von Fragen es in- nerhalb der Beschäftigten im öffentlichen Dienst deutlich erkenn- bare Ansätze von Klassenbewußtsein gibt, in einigen Fragen sogar aufgrund der geringeren Konkurrenz gegenüber anderen Lohnarbei- tern im Ansatz weniger widersprüchlich. Dies ist mit dem klassen- analytischen Ansatz dieser Gruppe nicht gut vereinbar. Eigentlich hätte die Begegnung mit der Empirie des Bewußtseins hier auch zur Überprüfung der spezifischen Theorie der Klassenstruktur führen müssen. Schon auf der Ebene der Wertorientierungen drücken sich unserer Auffassung nach die grundlegenden Widersprüche in der Lage der Lohnarbeiter im Kapitalismus aus. Darüber besteht wohl keine Dif- ferenz. Kontrovers wird es aber, wenn wir die Bedeutung einzelner Wertorientierungen zu untersuchen haben, vor allem die Orientie- rung auf Leistung. Die Autoren der Westberliner Untersuchung ge- ben hier zwei verschiedene Antworten. In der Darstellung in "Ende der Illusionen" werden verschiedene, gegensätzliche Dimensionen in der Orientierung auf Leistung unterschieden. 9) Auch die Auto- ren der Erlanger Untersuchung kommen zu dem Ergebnis, daß hier in der Orientierung auf Leistung völlig gegensätzliche Dimensionen zum Ausdruck kommen können. Sie belegen das aus ihrer genaueren Analyse der Art der Leistungsorientierung. In unserer Untersu- chung hatten wir festgestellt, daß eine starke Orientierung auf Leistung oft mit reaktionären Auffassungen mit Elementen bürger- lichen Bewußtseins bei den von uns Untersuchten zusammenging, aber daß andererseits in der Orientierung auf Leistung auch Ele- mente des Selbstbewußtseins der wichtigsten produktiven Klasse zum Ausdruck kommen, Vorstufen eines kollektiven Bewußtseins, das eine antikapitalistische Zuspitzung erfahren kann. Deutlich wird das daran, daß in der von uns untersuchten Gruppe zwar eine Min- derheit, aber immerhin 29% die Aussage "Wer viel leistet, ver- dient auch gut" nicht dem kapitalistischen, sondern dem soziali- stischen System zuordneten. Mit der Darstellung in "Ende der Illusionen" scheint es also keine Widersprüche zu geben. Anders wird es, wenn man den Aufsatz in den 'Gewerkschaftlichen Monatsheften' der gleichen Autoren heranzieht. 10) Hier wird die Orientierung auf den Wert "Leistung" nur noch eindimensional als Befangenheit in bürgerli- chen Bewußtseinsformen interpretiert. Dieser Widerspruch bleibt ebenso in der Diskussion aufzuklären wie die eigenartige Formu- lierung der gleichen Autoren, wenn sie schreiben: "In den kapita- listischen Staaten verteilt der Markt die Einkommen nach Lei- stung." 11) Wenn irgendwo ein Leistungsbegriff vorgewiesen wird, der direkt im Zusammenhang mit der b ü r g e r l i c h e n Ideologie der Leistung steht, dann doch sicher hier. Was allgemein die Frage der Wertorientierungen angeht, so scheint sie mir in allen Untersuchungen, unserer eingeschlossen, nicht ausführlich genug behandelt. Offenbar hat sich bei uns allen erst im Verlauf der Arbeit herausgestellt, wie wichtig diese Fragen für die Erfassung der Prozesse der Bewußtseinsbildung sind. Hier ist vielleicht in der Diskussion festzuhalten, was die Hauptge- sichtspunkte für zukünftige empirische Forschungen sein könnten. Die bürgerliche Ideologie erscheint in der westdeutschen Arbei- terklasse vor allem in der Form sozialpartnerschaftlicher Vor- stellungen. Die Ursachen hierfür liegen in der Geschichte der Bundesrepublik, der langen Prosperitätsphase als ökonomischer Grundlage, aber auch der Schwäche der kommunistischen Arbeiterbe- wegung nach den Jahren des Faschismus und der Illegalisierung der Kommunisten in der Adenauer-Zeit, der Schwächung der an den Klas- seninteressen orientierten Strömung in den Gewerkschaften. Dabei zeigt aber die empirische Untersuchung, daß die soziale Wirklich- keit der Gewerkschaft an der Basis mit sozialpartnerschaftlichen Strömungen nicht im Einklang steht. Dieser Befund verkleinert nicht die Verantwortung, die die Gewerkschaften haben. Wenn in bezug auf die Gewerkschaften von den Autoren der Kriti- schen Gewerkschaftsjahrbücher mit dem Begriffspaar "konflikto- risch orientierte Gewerkschaftspolitik" versus "kooperativ orien- tierte Gewerkschaftspolitik" gearbeitet wird - wobei die koope- rative Orientierung durchaus die Erhaltung und gelegentliche Erprobung der Streikfähigkeit der Organisation einschließen sollte -, so ist klar, daß hiermit eine bestimmte Entwick- lungsphase der Bundesrepublik angesprochen wird. Es fragt sich aber erstens, ob dieses Begriffspaar irgend etwas erklärt - meiner Meinung nach bleibt man damit bei der Beschreibung stehen -, und zweitens, ob es heute unter den veränderten Bedingungen überhaupt möglich ist, auch nur brauchbare Beschreibungen mit Hilfe dieses Begriffspaars zu gewinnen. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Diskussion darüber bei diesem Kreis inzwischen steht. In den Jahren der Prosperität sind sowohl Klassenansprüche als auch Sozialillusionen gewachsen. Mit dem Übergang zu einer eher depressiven Phase verband sich die Erfahrung von Angriffen der Kapitalseite auf den erreichten Status. Nun zeigte sich z u n ä c h s t infolge der Existenz der Ar- beitslosigkeit, wie stark der lähmende Einfluß der Krise auf das Bewußtsein der Arbeiter und Angestellten sein kann. Von den wi- dersprüchlichen Elementen, die sich aus der Lage des Lohnarbei- ters ergeben, wurde zunächst die Seite der Konkurrenz zu anderen Lohnarbeitern oder Lohnarbeitergruppen aktiviert. Haltungen, die dem einzelnen Arbeitslosen oder z. B. den ausländischen Kollegen anlasteten, was Ergebnis kapitalistischer Produktionsverhältnisse war, zeigten sich sehr verbreitet. Krise, Arbeitslosigkeit und die Aufkündigung der bisher geübten Formen von Sozialpolitik durch die Kapitalseite boten aber ande- rerseits auch Ansatzpunkte für die Entwicklung von Klassenbewußt- sein. Im Zusammenstoß mit den Erwartungen, die sich vorher aufge- baut hatten, lag ein Potential, das mobilisiert werden konnte. Diese These ist zwar von vielen, die heute hier sind, vertreten worden. Aber z.B. Schumann und Wittemann vertraten noch vor einem Jahr die gegenteilige Ansicht, daß "in der Krise... aus der Dif- ferenz von normativer Anspruchshaltung und realer Situation kein Verhaltenspotential erwächst". 12) Die Entwicklung vor allem durch die Aktionen der IG Druck und Papier hat inzwischen unsere These bestätigt. Dabei zeigt sich - im Unterschied zur Situation von 1969 ", daß die gewerkschaftliche Organisation und die gewerkschaftliche Füh- rung eine Schlüsselrolle für die Freisetzung dieses Potentials hat. Darauf geht Frank Deppe ausführlich ein. Hier ist aber festzuhalten, daß die Richtung, in der die Widersprüche im Be- wußtsein, die sich in der Krise schärfer gegenüberstehen, aufge- löst werden, entscheidend von der gewerkschaftlichen Aktion und der Haltung der gewerkschaftlichen Führung abhängt. Die gewerk- schaftliche Aktion und die Haltung der gewerkschaftlichen Führung darf keineswegs, wie das gelegentlich die Tendenz bei den Autoren der 'Kritischen Gewerkschaftsjahrbücher' ist, den Potenzen der Basis entgegengestellt werden. Aber die Haltung der gewerkschaft- lichen Führung und die gewerkschaftliche Aktion sind auch keines- wegs bloß Reflex der Situation des Arbeiterbewußtseins, wie das der Tendenz nach von den Westberliner Autoren behauptet wird. Meiner Ansicht nach rächt sich hier bei den Westberliner Autoren die Tatsache, daß für die organisatorischen, politischen und ideologischen Vermittlungen bei ihnen theoretisch kein Platz freigehalten wird. Bei ihnen ist das Modell eines Transmissions- mechanismus von der Ökonomik zum Arbeiterbewußtsein und vom Ar- beiterbewußtsein zum gewerkschaftlichen Handeln erkennbar, das Modell eines Transmissionsmechanismus, in dem die vermittelnden Glieder überhaupt keine Selbständigkeit mehr besitzen. Dann ist aber auch überhaupt keine kritische Beurteilung der gewerkschaft- lichen Aktion mehr möglich. Was auch immer geschieht, es ist - so kann man die Westberliner Autoren verstehen - das jeweils einzig Mögliche. Unter unseren Verhältnissen führt das dann nicht nur zur völlig unkritischen Bestätigung der jeweiligen gewerkschaft- lichen Politik, sondern auch zur gleichen Haltung gegenüber der Politik der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung, die mit der gewerkschaftlichen' Politik bruchlos in eins gesetzt wird. Bei den Westberliner Autoren heißt es: "Da die in der Bundesrepu- blik bislang von Regierung und Gewerkschaften verfolgte Politik des Ausbaus sozialer Gerechtigkeit angesichts der starken Verfan- genheit in bürgerliche Wertorientierungen von einem Großteil der Befragten unterschätzt wird, erscheint in dieser Situation, wo die ökonomische Stabilität vorübergehend gefährdet erscheint, diejenige politische Orientierung als Ausweg, in der ohne große gesellschaftliche Veränderungen eine Rückkehr zu vertrauen Zu- ständen angeboten wird." 13) Ich weiß nicht, ob die Autoren wei- terhin die gewerkschaftliche Politik mit der Politik der Bundes- regierung gleichsetzen und an der Qualifizierung der Politik der Bundesregierung als einer Politik des Ausbaus sozialer Gerechtig- keit festhalten. Es lohnt sich aber darüber nachzudenken, welche theoretischen Irrtümer zu solchen Entgleisungen führen. Meiner Ansicht nach hängt das mit der - im wörtlichen Sinne - mechani- schen Auffassung von Vermittlung zusammen. Ähnlich weit verbreitet wie die Zustimmung zu solchen Vorgaben, die sozialpartnerschaftliche Haltungen ausdrückten, war bei unse- rer Untersuchung die Zustimmung zu zwei Vorgaben, die Erwartungen an den Staat ausdrückten. Die eine (3b) lautete: "Lehrstellen sind knapp, weil es eine Krise gibt. Die Betriebe haben nicht das Geld, Leute auszubilden. Deswegen sollte der Staat da mehr hel- fen." Die andere (1d) hieß: "Die Arbeitslosigkeit ist schlimm, aber es herrscht nun mal eine Krise. Der Staat müßte aber für die Arbeitslosen , und vor allem für die Jugendlichen, mehr tun, da- mit die auch wieder arbeiten können." Die starke Zustimmung er- reichte bei beiden Vorgaben 76%; die Zustimmung überhaupt 90 bzw. 91%. Bei der Interpretation dieser Ergebnisse dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, daß gerade auf dieser Ebene der Abstrak- tion die gleichzeitige Zustimmung zu widersprüchlichen Aussagen weit verbreitet ist. 14) Jedenfalls weist aber die hohe Zustimmung zu den Vorgaben mit so- zialpartnerschaftlicher Tendenz darauf hin, daß wir mit den For- mulierungen offenbar weitverbreitete Stereotype getroffen haben. Das muß aber nicht heißen, daß es sich hier um einen einheitli- chen Kreis von Vorstellungen handelt. Im Gegenteil, gerade die hohe Zustimmung macht es wahrscheinlich, daß sich hier wider- sprüchliche Elemente in e i n e m Stereotyp ausdrücken: sowohl passiv-resignative als auch Erwartungen, die sich unter bestimm- ten Bedingungen in Motivierungen für Aktionen verwandeln können. Dabei sind die Ergebnisse unserer Untersuchung insofern auf- schlußreich, als sich hier zeigt, daß etwa die starke Zustimmung zu der oben zitierten Aussage 1d), in der die Erwartungen an den Staat im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit ausgedrückt werden, in keinem einzigen Fall mit der Ablehnung von Aktionen korreliert. Daß eine solche Beziehung nicht besteht, läßt sich an der folgen- den Tafel klar ablesen: 22 Wenn es jetzt eine große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit ge- ben würde, werden Sie sich dann an einer Demonstration beteili- gen? keine Aktions- bereitschaft aktionsbereit starke Zustimmung 28 73 101 (= 100) schwache Zustimmung; Ablehnung 55 65 100 1d (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist schlimm, aber es herrscht nun mal eine Krise. Der Staat müßte aber für die Ar- beitslosen, und vor allem für die Jugendlichen. mehr tun, damit die auch wieder arbeiten können. Ähnlich sieht es aus, wenn wir die starke Zustimmung zu der Aus- sage 3b), die Erwartungen an den Staat im Hinblick auf den Lehr- stellenmangel ausdrückt, mit der Bereitschaft, sich angesichts der Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung mit anderen Lohnar- beitern und Jugendlichen gegen die Unternehmer zusammenzuschlie- ßen, vergleichen. 21 Arbeiter, Angestellte, Lehrlinge und andere Jugendliche sollten sich gegen die Unternehmer organisieren. Zustimmung Ablehnung starke Zustimmung 60 40 100 andere 44 56 100 3b (Einstellung zum Lehrstellenmangel) Lehrstellen sind knapp, weil es eine Krise gibt. Die Betriebe haben nicht das Geld, Leute auszubilden. Deswegen sollte der Staat da mehr helfen. 23 Aktionserfahrung starke schwache Zustim- Zustimmung mung; Ablehnung keine Aktionser- fahrung 85 15 100 Aktionserfahrung 60 40 100 1d (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist schlimm, aber es herrscht nun mal eine Krise. Der Staat müßte aber für die Ar- beitslosen, und vor allem für die Jugendlichen, mehr tun, damit die auch wieder arbeiten können. Sowohl die Kollegen des Göttinger Sozialforschungsinstituts (SOFI) wie die Kollegen um das 'Kritische Gewerkschaftsjahrbuch' haben nun die Auffassung vertreten, daß sich in den Erwartungen an den Staat lediglich bürgerliches Bewußtsein ausdrückt und daß die militanten Arbeiter und Angestellten ihre Forderungen nicht gegen den Staat, sondern gegen das Kapital richten. Dies ist em- pirisch falsch; auch aus theoretischen Überlegungen kommt man dazu, daß das eine unhaltbare Position ist. Die Auseinanderset- zung zwischen den gegensätzlichen Interessen von Lohnarbeit und Kapital kann nicht auf der Ebene des Betriebs künstlich angehal- ten werden. In der Geschichte der Arbeiterbewegung war es stets ein Zeichen für die Entwicklung des Bewußtseins und der Organisa- tion der Arbeiterklasse, wenn diese den Kampf über die betriebli- che Ebene hinaus auf immer höheren Ebenen führen konnte, bis zur Auseinandersetzung auf staatlich-politischer Ebene. Die Entwick- lung zum staatsmonopolistischen Kapitalismus bedeutet unter an- derem, daß der bürgerliche Staat neue, erweiterte Funktionen er- hielt, daß er in stärkerer und qualitativ neuer Weise auf die Be- dingungen der Ausbeutung der Lohnarbeit einwirkt. Diese Entwick- lung ist Reflex der objektiven Entwicklung der Produktivkräfte unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Die vermehrten Erwartungen, die die Arbeiter und Angestellten an den Staat rich- ten, sind daher auch die subjektive Widerspiegelung dieses objek- tiven Prozesses. Damit soll nicht geleugnet werden, daß auch Tendenzen der Passi- vität, des Sich-Abfindens mit den Erwartungen an den Staat ver- bunden sein können. Der Abbau der starken Zustimmung zu der oben genannten Vorgabe der Orientierung auf den Staat durch Aktionser- fahrung läßt sich so interpretieren, daß durch die Aktionserfah- rung Resignation und Passivität überwunden werden. Dabei zeigt sich, daß zwar die Erfahrung des Drucks auf Löhne und Arbeitsbedingungen, der von der Arbeitslosigkeit ausgeht, eine für die Arbeiter und Angestellten der Bundesrepublik neue Erfah- rung ist. Aber die Erfahrung aus anderen Bereichen läßt sich of- fenbar in gewissem Maße übertragen und für die Herausbildung von Aktionsbereitschaft auf diesem Felde nutzen. So zeigte sich, daß diejenigen Jugendlichen, die in einem Kon- flikt um das Weihnachtsgeld, um den Prüfungsdruck oder um die Be- urteilung stärker als ihre Kollegen zu verschiedenen Formen von Aktionen bereit waren, auch im Falle betrieblicher Entlassungen zu einem größeren Anteil streikbereit waren. 15) In hohem Maße hängt auch die Bereitschaft, an einer Demonstration für eine bes- sere Berufsausbildung, gegen die Bildungsmisere teilzunehmen, mit der Aktionsbereitschaft bei betrieblichen Entlassungen zusammen. 21 Konflikt um Entlassungen keine Streik- bereitschaft streikbereit Aktionsbereitschaft 35 65 100 nicht aktionsbereit 63 38 101 (= 100) 20 Berufsausbildungsdemonstration Die Bereitschaft, im Falle von Entlassungen im eigenen Betrieb sich an einem Streik zu beteiligen, also die Bereitschaft zu be- trieblichen Aktionen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, wird daher, so kann man schließen, sowohl von der betrieblichen wie von der überbetrieblichen Aktionsbereitschaft in anderen Fragen befördert. Überbetriebliche Aktionsbereitschaft für eine bessere Berufsaus- bildung begünstigt aber auch, so scheint es, die Bereitschaft, sich an einer überbetrieblichen Kampagne gegen die Arbeitslosig- keit zu beteiligen. 22 Wenn es jetzt eine große Kampagne gegen die Arbeitslosigkeit ge- ben würde, werden Sie sich dann an einer Demonstration beteiligen? Aktions- nicht bereitschaft aktionsbereit Aktionsbereitschaft 83 18 101 (= 100) nicht aktionsbereit 33 67 100 20 Berufsausbildungsdemonstration Betriebliche Aktionsbereitschaft gegen Entlassungen wird offenbar auch begünstigt durch die Entwicklung von an den Arbeiterinteres- sen orientierten Positionen in bezug auf das Verhältnis von Löh- nen und Gewinnen. 21 Konflikt um Entlassungen keine Streik- bereitschaft streikbereit Ablehnung 60 40 100 Zustimmung 33 67 100 8a (Lohn- und Einkommensfragen) Wenn die Gewinne steigen, sinken die Löhne. Nur wenn die Arbeiter und Angestellten den Lohnkampf führen, bekommen sie ein gerechtes Einkommen. Ebenso hängt eine Kombination von Reaktionen zu Fragen der Ein- kommens- und Vermögensunterschiede, die wir als "stark links" be- zeichnet haben und in der wichtige Klasseneinsichten zum Ausdruck kommen, eng mit der betrieblichen Aktionsbereitschaft gegen die Arbeitslosigkeit zusammen: 21 Konflikt und Entlassungen keine Streik- bereitschaft streikbereit stark links *) 17 83 100 andere 53 47 100 11 Einkommens- und Vermögensunterschiede _____ *) stark links: Ablehnung der Aussage: "Die Leute mit den großen Vermögen und Einkommen arbeiten eben mehr", verbunden mit der nicht eingeschränkten Zustimmung zu der Aussage: "Die großen Kon- zerne machen auch die höchsten Profite. Sie benutzen ihre Macht, um die Einkommensverteilung zu erhalten. Erst wenn die Arbeiter die Konzerne kontrollieren, ist eine gerechtere Einkommensvertei- lung möglich." Neben der Einstellung zu Löhnen und Gewinnen und der Einstellung zu Einkommens- und Vermögensunterschieden ist es vor allem die Einstellung zum Lehrstellenmangel, die mit der Aktionsbereit- schaft gegen die Arbeitslosigkeit zusammenhängt. Dabei zeigt sich eine Beziehung sowohl zur betrieblichen wie zur überbetrieblichen Aktionsbereitschaft gegen die Arbeitslosigkeit. Auflösung der Widersprüche im Arbeiterbewußtsein im progressiven Sinne und Entwicklung von praktischer Orientierung auf Aktionen sind zwei zusammenhängende Dinge. Die Wirkungen der Krise auf das Bewußtsein der Arbeiter und Angestellten in der Bundesrepublik hängen daher wesentlich davon ab, ob die aktionslähmende Wirkung, die verbunden ist mit der Individualisierung oder Parzellierung des Bildes der Gesellschaft , mit der Betonung der Konkurrenz ge- genüber anderen Lohnarbeitern oder Lohnarbeitergruppen zur be- stimmenden Wirkung wird, oder ob es gelingt, durch die Erfahrung von Aktionen neue Lernprozesse zu ermöglichen. Gruppenkonkurrenzhaltungen formulieren sich häufig gegenüber den ausländischen Arbeitern in der Bundesrepublik. Nun zeigt sich deutlich, daß diese Parzellierung, diese Haltung der Gruppenkon- kurrenz mit der ungenügenden Wahrnehmung der wirklichen wirt- schaftlichen Machtverhältnisse zusammenhängt. 9 Vermögenskonzentration Es wird behauptet, in der Bundesrepublik besitzen weniger als ein Zehntel der Bevölkerung mehr als drei Viertel des Produktivvermö- gens. Stimmt diese Aussage nach Ihrer Meinung? übertrieben; stimmt falsch Zustimmung 28 72 100 Ablehnung 50 50 100 1a (Arbeitslosigkeit) Wenn die Ausländer weg sind, gibt es wieder Arbeit für uns. Von denen, die die gegen die ausländischen Arbeiter gerichtete Aussage 1a ablehnen, haben deutlich mehr eine Vorstellung von der Konzentration des Produktivvermögens in der BRD. (Ebenso lehnen nur 46% derjenigen, die die Aussage 9 für übertrieben oder falsch halten, aber 68% derjenigen, die der Aussage 9 zustimmen, die Be- hauptung, "Wenn die Ausländer weg sind, gibt es wieder Arbeit für uns", ab.) Umgekehrt hängt die Überwindung der Tendenz zur Konkurrenz eng mit der Anerkennung der Notwendigkeit der politischen Organisa- tion zusammen. Dies zeigt sich deutlich, wenn wir die Aussage "Die Arbeitslosen sind häufig auch faul; oft arbeiten sie schwarz" betrachten. In der Zustimmung zu dieser Aussage drückt sich, so meinen wir, die Neigung aus, die Ursachen der Arbeitslo- sigkeit nicht in gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen, son- dern die Schuld daran den einzelnen Arbeitslosen selbst anzula- sten. 17 f (Einkommens-und Vermögensunterschiede II) Nur durch ständige Arbeit in politischen Organisationen können wir letzten Endes diese Unterschiede überwinden. Nennung andere Zustimmung 34 66 100 Ablehnung 67 33 100 1b (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosen sind häufig auch faul; oft arbeiten sie schwarz. Unter denjenigen, die die individualisierende Aussage, die der Tendenz nach dem einzelnen Arbeitslosen die Schuld an seiner Lage selbst zuschreibt, ablehnten, lag die Anerkennung der Notwendig- keit der politischen Organisation für die Überwindung der Einkom- mens- und Vermögensunterschiede mit zwei Dritteln dieser Gruppe doppelt so hoch wie bei denen, die der individualisierenden Aus- sage zustimmten. In der Zeit der Depression verändert sich das spontane Verhältnis von Tendenz zur Konkurrenz und Tendenz zur Solidarität. Die Über- windung der Tendenz zur Konkurrenz wird für die Arbeiterorganisa- tionen zu einer besonders wichtigen Aufgabe. Die Überwindung der Tendenz zur Konkurrenz ist vor allem möglich durch die Erfahrung in Aktionen, durch die Entwicklung von Kampfbereitschaft. Dabei spielt, so haben wir gesehen, die Erfahrung und die Kampfbereit- schaft in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. Die neue Lage infolge des Endes der Prosperitätsphase macht daher auch auf nicht unmittelbar mit Fragen der Arbeitslosigkeit zusammenhängen- den Gebieten die systematische gewerkschaftliche und politische Arbeit und die Entwicklung gewerkschaftlicher Aktion zu einer dringenden Notwendigkeit. Die Arbeitslosigkeit wirkte zunächst lähmend. Die mit dieser Läh- mung verbundene Haltung ist das Sich-Abfinden mit der Arbeitslo- sigkeit. In der Formulierung: "Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem Sozialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten" kommen geläufigen Klischees der Bagatellisie- rung der Arbeitslosigkeit, wie sie auch von den bürgerlichen Mas- senmedien und den systemtragenden Parteien vorgetragen werden, zum Ausdruck. Nun zeigt sich deutlich, daß die Ablehnung der Ba- gatellisierung der Arbeitslosigkeit mit linkeren Einstellungen auch auf anderen Gebieten zusammenhängt. 3 Lehrstellenmangel integra- widersprüchlich links tionistisch u. reformistisch Zustimmung 49 27 24 100 Ablehnung 29 24 47 100 1c (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So- zialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten. Diejenigen, die die Bagatellisierung der Arbeitslosigkeit ableh- nen, sind zugleich eine Gruppe, von denen auch mehr in der Ein- stellung zum Lehrstellenmangel eine linke Haltung aufweisen. Ebenso ist es mit der Beziehung zur Einstellung zu den betriebli- chen Macht-und Autoritätsverhältnissen: 5 Macht- und Autotitätsverhältnisse widersprüchlich autoritär Mitte und links Zustimmung 34 29 37 100 Ablehnung 30 5 65 100 1c (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerschei- nung, die in unserem Sozialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten. Deutliche Beziehungen zeigen sich aber nicht nur zu Einstellungen auf anderen Gebieten, sondern auch zur Aktionsbereitschaft auf anderen Gebieten. 13 Konflikt um Weihnachtsgeld keine Streik- bereitschaft streikbereit Zustimmung 57 43 100 Ablehnung 35 65 100 1c (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So- zialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten. 15 Beurteilungskonflikt keine Aktions- aktionsbereit bereitschaft Zustimmung 46 54 100 Ablehnung 68 32 100 1c (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So- zialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten. Selbstverständlich ist anzunehmen, daß die Beziehung, die sich hier zeigt, in der sozialen Wirklichkeit vor allem in der umge- kehrten als der hier dargestellten Richtung verläuft: Die Ent- wicklung von Aktionsbereitschaft und Aktionserfahrung in anderen Bereichen trägt mit dazu bei, die Haltung des Sich-Abfindens in bezug auf die Arbeitslosigkeit abzubauen. Die Überwindung der Haltung des Sich-Abfindens und die Entwicklung von Aktionsbereit- schaft sind zwei Seiten des gleichen Prozesses. Dieser Prozeß ist ein wesentlich praktischer Prozeß, der jedoch selbst vermittelnde Glieder im Bewußtsein der an ihm Beteiligten hat. Die Ablehnung der Bagatellisierung der Arbeitslosigkeit macht of- fenbar auch den Weg frei für die Entwicklung weitreichender Ele- mente von Klassenbewußtsein. So hängt die Antwort auf die Frage, welches System man vorziehen würde, mit der Ablehnung der Baga- tellisierung der Arbeitslosigkeit zusammen. Nun kann man mit Recht sagen, daß eine Frage, welches System der Befragte vorziehen könnte, wenn er "völlig frei wählen könnte", so abstrakt ist, daß für die Befragten wahrscheinlich eine Hand- lungsrelevanz, eine Bedeutsamkeit für ihr heutiges praktisches Verhalten kaum oder sehr schwer erkennbar ist. Aber es zeigt sich, daß gerade die Handlungsbereitschaft in bezug auf Entlas- sungen sehr eng mit der Antwort auf die Frage nach der Systemwahl zusammenhängt. 12 Systemwahl Nehmen wir an, Sie könnten völlig frei wählen, welches Wirt- schaftssystem würden Sie dann vorziehen? Würden Sie lieber in ei- nem kapitalistischen oder lieber in einem sozialistischen Land wohnen? lieber Kapitalismus lieber Sozialismus Zustimmung 56 44 100 Ablehnung 36 64 100 1c (Arbeitslosigkeit) Die Arbeitslosigkeit ist eine Randerscheinung, die in unserem So- zialstaat keine verheerenden Wirkungen mehr hat. Es gibt in der Wirtschaft nun mal gute und schlechte Zeiten. 12 Systemwahl Nehmen wir an, Sie könnten völlig frei wählen, welches Wirt- schaftssystem würden Sie dann vorziehen? Würden Sie lieber in ei- nem kapitalistischen oder lieber in einem sozialistischen Land wohnen? lieber lieber Kapitalismus Sozialismus keine Streikbereitschaft 63 37 100 streikbereit 38 62 100 21 Konflikt um Entlassungen Von denjenigen, die erklärten, daß sie bei einem Konflikt um Ent- lassungen im Betrieb bereit wären, zu streiken, erklärten 62% , sie würden den Sozialismus vorziehen, während von denen, die dies nicht erklärten, nur 37% angaben, den Sozialismus vorzuziehen. Aktionsbereitschaft macht den Weg frei für die Auflösung wider- sprüchlicher Haltungen und für die Entwicklung von Klassenbewußt- sein. Aktionsbereitschaft ist eng mit der Kampferfahrung ver- knüpft und oft ihr Ergebnis. Neue Lernprozesse werden ermöglicht, wenn auch noch nicht gegeben, durch die Erfahrung von Aktionen. Die Auflösung der widersprüchlichen Einstellungen, ihre Polari- sierung, die Herausbildung von zusammenhängend rechten, system- konformen und zusammenhängend linken antikapitalistischen Haltun- gen erfolgt allgemein einerseits durch die Zufuhr von Bildungs- elementen (im weitesten Sinne, von der Erhöhung des Anteils von Mittelschülern bis hin zur Bildungsarbeit der Arbeiterorganisa- tionen), andererseits durch die praktischen Kämpfe und Auseinan- dersetzungen. In den praktischen Kämpfen wird das widerspruchs- volle Nebeneinander von spontaner Kritik und spontaner Illusion der Tendenz nach zerstört durch den Zwang zur Parteinahme für die eine oder die andere Seite des Widerspruchs - das heißt letzten Endes für die herrschenden Zustände oder die eigene Klasse. Kampferfahrung fördert auf der einen Seite die Entstehung von Elementen von Klassenbewußtsein; zugleich unterstützt sie, auf einer anderen Ebene, überhaupt in sich zusammenhängendere Haltun- gen oder die Entwicklung zu einem stärkeren inneren Zusammenhang der verschiedenen vorhandenen Einstellungen. Auch die Vereinheitlichung von Anschauungen und Einstellungen auf Grund der Erfahrung von Auseinandersetzungen und Aktionen bleibt für sich genommen noch in starkem Maße situationsbezogen. Kamp- ferfahrung ist aber einmal das wichtigste und stärkste Moment in der Herausbildung von Kampfbereitschaft. Und die - wenn auch noch situationsbezogene - Vereinheitlichung von Anschauungen und Ein- stellungen bietet bereits eine entwickeltere Grundlage für die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie und für die Entwicklung der ersten, unteren Stufe von Klassenbewußtsein in großem Maßstab: dem gewerkschaftlichen Bewußtsein. _____ 1) Überarbeiteter und erweiterter Einleitungsbeitrag für das Kol- loquium des IMSF "Krisenentwicklung und Arbeiterbewußtsein" vom 17./18. Juni 1978. Vgl. den in diesem Band abgedruckten zweiten Einführungsbeitrag von Frank Deppe sowie den Kolloquiumsbericht von Klaus Priester. Der Aufsatz beruht auf der Untersuchung des IMSF: Jugendliche im Großbetrieb. Studie zum gewerkschaftlichen und politischen Be- wußtsein arbeitenderjugendlicher. Verfaßt von J.H. v. Heiseler unter Mitwirkung von D. Manisch und A. Jansen. Beiträge des IMSF Bd. 5, Frankfurt am Main 1978. Soweit Zahlen und Ergebnisse unserer Untersuchung hier angeführt werden, ist zu sagen, daß es sich um eine Auswahl aus den männli- chen jugendlichen (15-25 Jahre alten) Lehrlingen, Arbeitern und Angestellten aus einem Großbetrieb der chemischen Industrie han- delt. Die Verteilungen werden in anderen Teilen der Arbeiter- klasse andere sein; die Beziehungen werden sich sicher im wesent- lichen ähnlich darstellen. Die Untersuchung beruht auf einer Be- fragung, die im Sommer 1976 vorgenommen wurde. Soweit im folgen- den Text Mehrfeldertafeln aufgenommen wurden, sind diese nicht in dem Band enthalten. Insofern beruhen diese Überlegungen auch ge- genüber dem Buch auf zusätzlichem Material. 2) Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: Marx/Engels, Werke Bd. 23, S. 557 und 559. 3) Christiane Bierbaum, Joachim Bischoff, David Eppenstein, Seba- stian Herkommer, Karlheinz Maldaner, Ende der Illusionen? Frank- furt am Main/Köln 1977. 4) Werner Kudera, Werner Mangold, Konrad Ruff, Rudolf Schmidt, Theodor Wentzke, Gesellschaftliches und politisches Bewußtsein von Arbeitern, Erlangen 1976. 5) Das belegen auch die entsprechenden Ergebnisse in der Hambur- ger Dissertation von Helmut Moser: Einstellungen der Industriear- beitnehmerschaft zur Mitbestimmung, Hamburg 1975. 6) Vgl. hierzu den Beitrag von Klaus Pickshaus, Krisenbedingungen und Arbeitskämpfe. Zur Entwicklung sozialer Kämpfe in der Bundes- republik 1975 bis 1978, in diesem Band. 7) Es ist sehr auffällig, daß das vor allem von den Autoren des "Kritischen Gewerkschaftsjahrbuchs" und seiner Vorläufer bzw. der Frankfurter Gewerkschaftsstudie (Joachim Bergmann, Otto Jacobi, Walther Müller-Jentsch, Gewerkschaften in der Bundesrepublik, 2. Bd., 2. A. Frankfurt am Main 1976) nicht berücksichtigt wird. 8) Friedrich Engels, Karl Marx, Die heilige Familie, in: Marx/Engels, Werke Bd. 2, S. 85. 9) Vgl. Christiane Bierbaum u.a., a.a.O., S. 89. 10) Siehe: Gewerkschaftliche Monatshefte 7/1976. 11) Ebenda, S. 434. 12) Michael Schumann, Klaus Peter Wittemann, Tendenzwende im Ar- beiterbewußtsein? in: Frankfurter Hefte 4/1977, S. 73. 13) Christiane Bierbaum u.a., a.a.O., S. 187/188. 14) Vgl. Jugendliche im Großbetrieb, a.a.O., S. 117 ff., insbe- sondere S. 120. 15) Ebenda, S. 104 f. zurück