Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978


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DAS 'INSTITUT FÜR SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNG', MÜNCHEN

Johanna Hund Das Institut für sozialwissenschaftliche Forschung (München) ist zu den bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Forschungseinrich- tungen der BRD zu rechnen, die sich mit Problemen der Arbeit und den Bedingungen ihres Einsatzes, mit Fragen der Qualifikation und des Arbeitsmarktes beschäftigen. Das ISF in seiner jetzigen Form entstand Ende 1964 und begann mit seiner Arbeit im März 1965. Die Rechtsform ist die eines einge- tragenen Vereins mit anerkannter Gemeinnützigkeit. "Die Finanzie- rung der Forschungsarbeit des Instituts erfolgt zu annähernd gleichen Teilen aus Mitteln der allgemeinen Forschungsförderung (insbesondere der Deutschen Forschungsgemeinschaft) sowie durch Forschungsaufträge öffentlicher Stellen." 1) Letztere konzentrie- ten sich auf die Ministerien für Arbeit und Soziales, Bildung und Wissenschaft sowie Forschung und Technologie. Das Institut beschäftigt ca. 20 Wissenschaftler es wird geleitet von zwei Forschungsdirektoren: Dr. Norbert Altmann und Prof. Dr. Burkhart Lutz (Geschäftsführender Direktor). Die innere Struktur gliedert sich in Forschungsteams, die den jeweiligen Hauptschwer- punkten der Forschungsarbeit zugeordnet sind. Die Arbeit wird im Selbstverständnis des Instituts wie folgt skizziert: "Die For- schungsarbeiten des ISF München sind zentriert aufprägen der Ar- beitsktäfte- und Berufsforschung. In spezifischer Form nehmen sie auf gesellschaftliche Probleme Bezug, denen auch in der politi- schen Diskussion der letzten Jahre ein hoher Stellenwert zugemes- sen wurde: Einsatz von Arbeitskräften und Gestaltung von Arbeits- bedingungen, technisch-organisatorische Veränderung von Arbeits- prozessen in Betrieben und in der öffentlichen Verwaltung, Siche- rung gegenüber sozialen Risiken, Qualifizierung und Reform im Bildungs- und Berufsbildungssystem, Mobilität, Funktionsbedingun- gen und Probleme regionaler und betrieblicher Arbeitsmärkte bzw. Teilarbeitsmärkte. Das ISF versucht, diese Probleme nicht in aus- schließlich anwendungsbezogener Orientierung als isolierte Ein- zelfragen anzugeben, sondern die objektiven gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung und Entwicklung und den Kontext ih- rer gesellschaftlichen Thematisierung in die Forschungsperspek- tive miteinzubeziehen." 2) Im Rahmen dieser Vorstellung der Arbeiten des ISF kann leider keine Diskussion über die theoretischen Konzeptionen geführt wer- den. Sie wäre allerdings sehr wünschenswert und sicherlich auch reizvoll: Das betrifft besonders den sogenannten Betriebsansatz, dessen Kern ein aus marxistischer Sicht recht problematisches Konstrukt einer betrieblichen Autonomie ist. Andererseits hat ge- rade dieser Betriebsansatz - abstrahiert man von einer nicht be- friedigenden Einbettung der Probleme in den gesellschaftlichen Kontext - die Blickrichtung für einzelbetriebliche Strategien des Arbeitskräfteeinsatzes bzw. der konkret betrieblichen Verwer- tungsbedingungen geöffnet. Dadurch hat man es in den Ergebnissen und Aussagen in einer wohltuenden Weise mit konkreten Problemen und deren wissenschaftlicher Erfassung zu tun. Im folgenden sollen dem Leser aus den vier Arbeitsgebieten 1. Betrieb und technischer Fortschritt, 2. Betrieb, Arbeitskraft und öffentliche Interventionen, 3. Bildung und Arbeit, 4. Arbeitsmarkt und betriebliche Beschäftigungspolitik 3) exem- plarisch einzelne neuere Arbeiten vorgestellt werden. 1. Schultz-Wild, R., Weltz, F., Technischer Wandel und Industrie- betrieb. Die Einführung numerisch gesteuerter Werkzeugmaschinen in der Bundesrepublik, Athenäum-Verlag, Frankfurt 1973. In dieser Untersuchung geht es um den Einsatz von NC-gesteuerten Werkzeugmaschinen in der Einzel- und Kleinserienfertigung. Die Arbeit konzentriert sich auf die sozialen Bedingungen und Auswir- kungen der Einführung dieser NC-Werkzeugmaschinen in die beste- henden Fertigungssysteme. Zwei Untersuchungsergebnisse sollten hervorgehoben werden: Erstens zeigt sich, daß eine Aufteilung von vorher eine Einheit bildenden Arbeitsaufgaben an diesen neuen Ma- schinen möglich ist und vorgenommen wird. Die Informationseinga- ben zur Steuerung der Maschinenfunktionen können in einem von der Maschinenbedienung abgetrennten Arbeitsprozeß (programmieren) er- ledigt werden. Andere Arbeiten, vor allem das Auf- und Abspannen der Werkzeuge, bleiben Teil der (reduzierten) Arbeit an der Ma- schine. Zweitens gibt es eine "große Variationsbreite in den Aus- wirkungen'", d. h. es existieren offensichtlich Spielräume bei der durch den Einsatz neuer Techniken notwendig werdenden Neuor- ganisation des Arbeitsprozesses und somit auch der Arbeitsbedin- gungen. 2. Weltz, F., Schmidt, G., Saff, J., Facharbeiter im Industriebe- trieb - Eine Untersuchung in metallverarbeitenden Betrieben, Athenäum-Verlag, Frankfurt 1974. Auch in dieser Untersuchung bestätigt sich ebenso wie in der vor- her skizzierten, daß die Bedeutung der Facharbeiter für die Be- triebe nicht so sehr in deren handwerklichtraditionellen Fähig- keiten liegt, sondern eher in dem mit Facharbeiterqualifikation verbundenen sogenannten Flexibilitätspotential. Denn unter der Voraussetzung, daß einerseits innerbetrieblich nur geringe Lohn- differenzen zwischen Facharbeitern und qualifizierten Angelernten besteht, andererseits aber angesichts sehr teurer Produktionsmit- tel und entsprechend hoher Maschinenstundensätze die Lohnkosten kaum mehr ins Gewicht fallen, wird gerade das von den Facharbei- tern gewährleistete hohe Maß an Zuverlässigkeit und Verantwor- tungsbewußtsein im Umgang mit komplizierten und teuren Produkti- onsmitteln zur Voraussetzung für einen reibungslosen Produktions- ablauf. Je qualifizierter und damit vielseitiger einsetzbar eine Arbeitskraft ist, um so größer ist das Interesse des Kapitals für sie. In dieser Untersuchung wird festgestellt: Der Facharbeitermangel hat dazu geführt, die Arbeitsorganisationen so zu strukturieren, daß der Anteil der Arbeitsplätze für Un- und Angelernte wächst. Mit anderen Worten: Es wird die interessante These entwickelt, daß die Qualität des Arbeitskräfreangebotes die Investitionsent- scheidungen mit beeinflußt und sich dadurch gleichzeitig sowohl die spezifische Ausprägung der Arbeitsorganisation als auch die Bündelung der Arbeitsaufgaben zu Tätigkeiten verschieden hoher Qualifikation herauskristallisiert. Gegenwärtig wird an einer umfangreichen Untersuchung im Auftrag des BMFT im Rahmen von Humanisierungsmaßnahmen gearbeitet, und zwar im wesentlichen zu zwei Fragenkomplexen: E r s t e n s: In Produktionsbereichen, wo traditionell körper- liche Schwerarbeit vorherrscht (Bergbau und Gießerei), soll an- hand der Entwicklung öffentlicher Interventionen (z. B. in Form von Normvorschrifren oder tariflichen Übereinkünften) ermittelt werden, wie betriebliche Maßnahmen zur "Humanisierung der Arbeit" zustande kommen und durch welche innerbetrieblichen oder arbeits- marktpolitischen Probleme des Arbeitskräfteeinsatzes diese Maß- nahmen veranlaßt werden. Die staatlichen Interventionen (nicht ganz klar ist, ob staatlich geförderte Humanisierungsmaßnahmen auch als solche gefaßt werden) werden als Maßnahmen, die eine Ge- fährdung der Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft präventiv vermeiden sollen, charakterisiert. Dabei geht es immer um die Grenzen des Spielraums der Nutzung von Arbeitskraft bzw. darum, wie weit die Schranken der betrieblichen Verwertung ausgedehnt werden können. Das "erkenntnispolitische" Interesse bei dieser Untersuchung wird als die Frage nach den staatlichen und/oder ge- sellschaftlichen Eingriffsmöglichkeiten in die individuellen Pro- duktionsbedingungen formuliert. Im theoretischen Ansatz vermißt man allerdings eine tiefergreifende Erfassung des Staates, und somit bleibt auch die Funktion staatlicher Interventionen in die Reproduktionsbedingungen der Arbeitskräfte unklar. Aus dem z w e i t e n Untersuchungsschwerpunkt liegen schon ei- nige Ergebnisse vor. Hier geht es um betriebsspezifische Qualifi- zierungsprozesse zum Zweck des Erwerbs notwendiger zusätzlicher oder andersartiger Qualifikationen für Anforderungen, die aus den Veränderungen durch sogenannte Humanisierungsmaßnahmen resultie- ren. Es wird festgestellt, daß diese betriebsspezifischen Quali- fizierungsprozesse - bei den Humanisierungsmaßnahmen finden aus- schließlich betriebsspezifische Qualifizierungsprozesse statt - genauso ablaufen wie bisher bei traditionellen qualifizierten An- gelernten. (Diese befinden sich insbesondere in den Produktions- bereichen, wo traditionell wenig Facharbeiter tätig sind und die Arbeitsvorgänge wenig zerlegt werden können und wo gleichzeitig kaum traditionelle Ausbildungsberufe existieren.) Die Qualifizierungsmaßnahmen sind auf die betriebsspezifischen, oft sogar lediglich arbeitsplatzspezifischen Erfordernisse zuge- schnitten. Im wesentlichen werden die ohnehin vorhandenen Quali- fikationspotentiale ausgeschöpft, indem lediglich die Anpassung an neue Anforderungen erleichtert wird. In der Regel verfügen die über diese Maßnahmen qualifizierten Arbeitskräfte kaum über Qua- lifikationsgrundlagen, die über die unmittelbar abgeforderten Kenntnisse und Fertigkeiten hinausgehen, d.h. ihre Fähigkeiten bleiben ausschließlich auf den praktischen Umgang mit den jewei- ligen Produktionsanlagen begrenzt. Theoretische Kenntnisse als Voraussetzung für die Einsicht in größere technologische und öko- nomische Wirkungszusammenhänge bleiben ausgespart. Diese Qualifi- zierungsprozesse finden meistens nach dem Prinzip "learning by doing" statt, also während der faktischen Arbeitstätigkeit. Da- durch kann der Aufwand für den Einsatz von qualifizierten Ausbil- dern entfallen. Die Folge ist eine verstärkte Abhängigkeit vom Betrieb insbeson- dere aus zwei Gründen : Einmal bekommt der Arbeitende kein Zerti- fikat. Verläßt er den Betrieb, ist er wieder "Hilfsarbeiter". Zum anderen ist die Rekrutierung der für die Qualifizierungsmaßnahmen "geeigneten" Arbeitskräfte eine Selektion nach ausschließlich be- triebsspezifischen Interessen und doch zugleich eine scheinbar vorhandene individuelle Aufstiegsmöglichkeit. Erwartungen, daß sich über die Qualifizierung der Arbeitenden - im Zusammenhang mit Humanisierungsmaßnahmen allgemein postuliert - auch die sub- jektive Situation sowohl hinsichtlich der Arbeit als auch bis hinein in den privaten Bereich wesentlich ändert, müssen mit Skepsis betrachtet werden. 3. Altmann, N., Bohle, F., Betriebsspezifische Qualifizierung und Humanisierung der Arbeit; in: Institut für sozialwissenschaftli- che Forschung, München (Hrsg.): Betrieb - Arbeitsmarkt - Qualifi- kation, Band 1 - Beiträge aus der laufenden Forschungsarbeit, Aspekte-Verlag, Frankfurt 1976. In diesem Zusammenhang auch: 4. Maase, M., Sengenberger, W., Weltz, F., Weiterbildung - Akti- onsfeld für den Betriebsrat? - Eine Studie über Arbeitnehmerin- teressen und betriebliche Sozialpolitik, Europäische Verlagsan- stalt, Köln 1975. Hier wurde am Beispiel der betrieblichen Weiterbildung unter- sucht, ob die mit dem novellierten Betriebsverfassungsgesetz von 1972 "formal-gesetzlich erweiterten Einfluß-Spielräume auch für eine wirksame Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen genutzt werden". Ähnlich wie in der Studie über betriebsspezifische Qua- lifizierung wird - über einen anderen Zugang zum Problem - fest- gestellt, daß die innerbetrieblichen Qualifizierungsprozesse fast ausschließlich in der Hand des jeweiligen Managements liegen und somit vorrangig auch die Interessen des Betriebes an Qualifika- tion oder weiter gefaßt an Personalplanung realisiert werden. Trotz der Mitwirkungsrechte des Betriebsrats nach dem BVG kann gegenwärtig nicht von einer wirksamen Einflußnahme im Interesse der abhängig Beschäftigten die Rede sein. Die Studie arbeitet die spezifischen Handlungsbedingungen der Betriebsräte heraus, also die verschiedenen Schwierigkeiten und Hemmnisse bei Wahrung des Mitwirkungsrechts für Weiterqualifizierung. Eine umfangreiche Studie ist dem Problem der Qualifizierung und des betrieblichen Einsatzes von sogenannten Jungarbeitern gewid- met. Jungarbeiter sind Jugendliche, die ohne Ausbildung ein Ar- beitsverhältnis eingegangen sind. In ihrer übergroßen Mehrzahl sind sie ohne Hauptschulabschluß, kommen sie von Sonderschulen und werden sie als sogenannte (Lern-)Behinderte bezeichnet. Die empirischen Untersuchungen zum Problem der beruflichen Perspek- tive von Jungarbeitern wurden 1974 durchgeführt, also zu einer Zeit, als sich die Krise 1973/74 noch nicht in vollem Ausmaße be- merkbar machte. 5. Drexel, I., Nuber, Ch., Behr, M. v., Zwischen Anlernung und Ausbildung, Qualifizierung von Jungarbeitern. Zwischen Betriebs- und Arbeitnehmerinteressen, Frankfurt 1976. Die Autoren tragen folgende Thesen vor: Der Mangel an Facharbei- tern und Auszubildenden läßt die Rekrutierung und Qualifizierung von Jungarbeitern geboten erscheinen; demzufolge werden geson- derte Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt, um sich den notwen- digen Bedarf an Arbeitskräften zu sichern. Jungarbeiter werden entweder zu Produktionsarbeitern oder zu sogenannten Teilfachar- beitern herangebildet. Der Produktionsarbeiter ist ein Arbeits- kräftetyp für weite Teile der Industrie, die nicht auf Facharbei- terproduktion beruhen: Für diesen Arbeitskräftetyp ist zwar keine anerkannte Ausbildung erforderlich, er repräsentiert aber auch keine Hilfsarbeit. Die Arbeitsplätze der Produktionsarbeiter sind gekennzeichnet durch generell besonders belastende Arbeitsbedin- gungen wie Akkordarbeit, Schicht- oder Kontischichtarbeit, Hitze, Lärm und Schmutz, Gefährlichkeit, Repetitivität und Monotonie der Arbeit, hohen körperlichen Kraftaufwand, Anspannung, unerfreuli- che Arbeitsumgebung und Situierung in den unteren Bereichen der betrieblichen Hierarchie. (Vgl. S. 138) Diese Arbeitsplätze un- terliegen fast ausschließlich dem Jugendarbeitsschutzgesetz, so daß die betreffenden Jugendlichen hier erst ab dem 18. Lebensjahr eingesetzt werden können. In der Studie wird zu Recht vermutet, daß der Einsatz von Facharbeitern an derartigen Arbeitsplätzen mit größeren Schwierigkeiten verbunden sein dürfte als bei den hierfür gesondert qualifizierten Jungarbeitern. Bei dem anderen Arbeitskräftetyp, dem Teilfacharbeiter, handelt es sich um Arbeitsplätze in eher typischen Facharbeiterbereichen (facharbeiterintensive Fertigung, Reparatur- und Instandhaltungs- werkstätten etc.), nur mit deutlich geringeren Anforderungen. Die Teilfacharbeiter sind quasi Facharbeiterhelfer unterschiedlichen Qualifikationsniveaus und Spezialisierungsgrades, sie verrichten Zuarbeiten für einzelne Facharbeiter, Gruppen oder auch Abteilun- gen von Facharbeitern (vgl. S. 217). Die Qualifizierungsmaßnahmen von Jungarbeitern obliegen keiner öffentlichen Normierung und Kontrolle; die Betroffenen erhalten auch keine arbeitsmarktgängigen Zeugnisse. Die Maßnahmen haben den Charakter zusätzlicher freiwilliger Leistungen, nicht aber den einer vom Betrieb zu erbringenden Qualifizierungsleistung, die ein Jugendlicher einfordern kann, wenn er einen Ausbildungs- vertrag hat (vgl. S. 211). Diese Art der Qualifizierung führt objektiv zu einer spezifischen Abhängigkeit vom Betrieb; subjektiv erzeugt sie nach den erlebten vorberuflichen Mißerfolgen ein Gefühl der "Dankbarkeit" dafür, daß man doch noch eine - wie auch immer reduzierte - Ausbildung erhalten hat. Dies beides hat eine ausgeprägte Betriebsloyalität zur Folge. Es ist bedauerlich, daß diese außerordentlich sorgfältige und ins Detail gehende Studie sich nur auf Phänomene wie z.B. Facharbei- terknappheit und Notwendigkeit der Besetzung besonderer Ar- beitsplätze beschränkt. Dadurch bleiben die Gesetzmäßigkeiten spezifischer Arbeitskräftepolitik (auch hinsichtlich der Rekru- tierung von Facharbeitern) ausgeklammert, und der Leser empfindet angesichts der gegenwärtigen Situation des Lehrstellenmangels und jugendlicher Arbeitslosigkeit eine ärgerliche Unzufriedenheit. Die Arbeiten zu Arbeitsmarktproblemen sind insbesondere hinsicht- lich der Erarbeitung eines analytischen Kategoriensystems von Be- deutung. Bahnbrechend für diese Arbeiten war die sogenannte Augs- burg-Studie: 6. Lutz, B., unter Mitwirkung von Nase, H., Sengenberger, W. und Weltz, F., Arbeitswissenschaftliche Modelluntersuchungen eines Arbeitsmarktes, Zusammenfassung, RKW-Projekt A 44, RKW (Hrsg.) Frankfurt/Main 1973. Es handelt sich um eine empirische Modelluntersuchung eines (geschlossenen) regionalen Arbeitsmarktes. Dabei wurde festge- stellt, daß nicht der vermeintliche Lohnanreiz der dominierende Faktor für allgemeine zwischenbetriebliche Fluktuationsprozesse ist. Dagegen lassen sich drei Typen in sich relativ geschlossener betrieblicher Teilarbeitsmärkte beobachten: 1. Teilarbeitsmärkte für fachliche Nachwuchskräfte, 2. fachliche Arbeitsmärkte für betriebsunspezifische Fachqualifikationen und schließlich 3. fachliche Teilarbeitsmärkte für "Jedermanns-Quali- fikationen". Zwischen diesen drei Typen von Teilarbeitsmärkten und den ihnen entsprechenden Arbeitskräftetypen bestehen nur be- grenzte und zumeist einseitige Übergangs- und Übertrittsmöglich- keiten. Eine neuere Arbeit in diesem Problemfeld ist: 7. Schultz-Wild, R., Betriebliche Beschäftigungspolitik in der Krise, Campus-Verlag, Frankfurt 1978. Diese Studie untersucht das widersprüchliche Interesse der Be- triebe an der von überbetrieblichen Arbeitsmarktschwankungen re- lativ unabhängigen Verfügung von Arbeitskräften (d. h. der Her- ausbildung stabiler betrieblicher Arbeitsmärkte) sowie einer mög- lichst kostengünstigen Nutzung dieser Arbeitskräfte (was Anpas- sungsmöglichkeiten an den überbetrieblichen Arbeitsmarkt voraus- setzt). Ausgehend von der These "realativer betrieblicher Autono- mie", die "zwar einerseits die Bedeutung externer nicht unmittel- bar durch den Betrieb beeinfluß- und kontrollierbarer Bedingungen des betrieblichen Produktionsprozesses zu erfassen sucht, ande- rerseits jedoch betriebliche Aktionen und Reaktionen nicht ein- deutig durch die äußeren (Markt-, Konkurrenz-) Bedingungen deter- miniert sieht" (wobei ersterer Aspekt de facto in der Studie zur Bedeutungslosigkeit gerät), wird ein Katalog möglicher betriebli- cher Strategien sowohl zur Personalstabilisierung als auch zur Personalanpassung bei Nachfrageschwankungen entwickelt. Es zeigt sich, daß Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie z.B. Produktspezifi- zierung, -differenzierung und -diversifikation oder auch erwei- terte Lagerhaltung oder Einführung von Lieferfristen als Maßnah- men in der Regel ausscheiden, im Gegenteil eher auf der Basis ge- ringeren Personaleinsatzes mit Hilfe neuer technischer Verfah- rensweisen, also über Rationalisierungsmaßnahmen versucht wird, sich den Absatzschwankungen anzupassen. Mit anderen Worten er- folgt nach anfänglicher Drosselung der Ausbau der Produktion mit weniger Personal. Somit sind auch die betrieblichen Maßnahmen vorrangig an der Reduzierung des Arbeitskräfteeinsatzes orien- tiert (Abbau von Überstunden, Entlassungen, Einstellungssperre, Kurzarbeit). Lediglich bei Großunternehmen ist eine relative Ten- denz zur Personalstabilisierung zu beobachten, wobei gerade hier die Inanspruchnahme von staatlichen Mitteln, z. B. bei Kurzarbeit u.ä., am ehesten möglich ist und auch am häufigsten erfolgt. In einer weiteren neueren Arbeit: 8. Sengenberger, W., Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit - auch ein Strukturproblem des Arbeitsmarktes, Campus-Verlag, Frankfurt 1918, wird die Bedeutung von Arbeitsmarktstrukturen für Arbeitslosig- keit untersucht und eine zunehmende Segmentierung (Spaltung) des Arbeitsmarktes in einen stabilen-primären Sektor (Stammbeleg- schaften in den Hauptbetrieben der Großkonzerne) und einen instabilen-sekundären Sektor (Randbelegschaften in Zweit- und Zulieferbetrieben) festgestellt. Sengenbergers Hauptthese ist, daß dieser Segmentierung eine Strategie zugrunde liegt, bei Aufschwung die sich wieder ausweitende Produktion möglichst mit der Stammbelegschaft z.B. über Überstunden zu bewältigen, um teure Nachfolgekosten bei Ein- und Ausgliederung von Arbeitskräf- ten zu vermeiden. Gleichzeitig besteht aber auch ein Interesse am instabilen Sektor des Arbeitsmarktes, weil hiermit die Abwälzung der Kosten auf die betrieblichen Randbelegschaften möglich ist. Die besondere Betroffenheit der Randbelegschaften von Arbeitslo- sigkeit ist insbesondere hierauf zurückzuführen. Es muß aufgrund dieser Arbeitsmarktstrukturen mit einem anhaltenden Sockel von Erwerbslosen gerechnet werden, der zahlenmäßig nicht sehr viel geringer sein wird als die jetzt offiziell registrierte eine Mil- lion. Das ISF leistet - das zeigen die hier ausgewählten Publikationen - einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Bedingungen des Einsatzes von Arbeitskraft und deren Reproduktion. In den Arbei- ten wird der Versuch deutlich, sich an den Interessen der Lohnab- hängigen zu orientieren. Sie sind insofern auch ein wertvolles Material für den gewerkschaftlichen Kampf. _____ 1) ISF - Institut für sozialwissenschaftliche Forschung München, Arbeiten 1975-1978, München 1978. S. 5. 2) Ebenda, S. 7. 3) Ebenda, S. 8. zurück