Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978
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ZUR DISKUSSION UM MARXISTISCHE KULTURTHEORIE *)
Kaspar Maase
Kultur als Menschwerdung des Menschen? - Der Gegenstand: Gattung-
Mensch-Individuum? - Wir erfaßt man die Kulturprozesse in der Ar-
beiterklasse? - Probleme: Gegenstandsabgrenzung und Wertung -
Einheit von Vielfalt und Bewußtheit - Bewußtheit oder Selbst-
zweckhaftigkeit?
Die Tagung des IMSF im Oktober 1977 zum Thema "Kulturelle Bedürf-
nisse der Arbeiterklasse" war ein Anlaß zur Ausarbeitung und Ge-
genüberstellung verschiedener Ansätze für Methode und Begriff-
lichkeit marxistischer Kulturtheorie. Die Materialien der Konfe-
renz sind inzwischen erschienen. Der folgende Beitrag kann die
unterschiedlichen Positionen nicht insgesamt behandeln; er will
auch nicht übereinstimmende, "gesicherte" Erkenntnisse zusammen-
stellen - es sollen vor allem einige kontroverse Anschauungen er-
örtert werden. Die Beiträge von Rüdiger Hillgärtner, Thomas Met-
scher, Wolfgang Fritz Haug und Kaspar Maase, aus denen im folgen-
den ohne weitere Angabe zitiert wird, sind in dem Band über die
IMSF-Konferenz abgedruckt. 1)
Kultur als Menschwerdung des Menschen?
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Zu den gemeinsamen Ausgangspositionen der marxistisch orientier-
ten Forscher zählt heute ein breiter Kulturbegriff. Das heißt,
man ist sich weitgehend einig über das Untersuchungs f e l d:
Für eine Analyse kultureller Entwicklung hat man nicht allein das
Verhalten von Menschen gegenüber Kunst, Wissenschaft und Wertsy-
stemen ödet deren Entstehung, Veränderung und soziale Funktion zu
untersuchen; Kulturentwicklung findet in der gesamten menschli-
chen Lebenstätigkeit statt. Da der Gegenstandsbereich im Umfang
praktisch mit "Gesellschaft" und "Geschichte" übereinstimmt, geht
es um die nähere Bestimmung jenes Aspekts in der menschlichen
Entwicklung, den Kulturanalyse als ihren Gegenstand erfaßt, und
um die Maßstäbe der Bewertung.
Thomas Metscher sucht diese Spezifik in der "Anbindung des Be-
griffs der Kultur an den der Humanität"; mit der Reproduktion
seines Lebens schaffe der Mensch "sein eigenes m e n s c h l i-
c h e s W e s e n, seine spezifische 'Natur' als Mensch: H u-
m a n i t ä t als menschliche Gattungsnatur". Genauer bestimmt
Metscher. "Diesen Bildungsprozeß menschlicher Bedürfnisse und
Fähigkeiten, den Ausbildungsprozeß der menschlichen P e r s o n
als g e s e l l s c h a f t l i c h e I n d i v i d u a l i-
t ä t in einer Vielzahl sozialer Beziehungen und Tätigkeiten
fassen wir unter dem Begriff des Kulturprozesses, seinen Inhalt
als ... H u m a n i t ä t." Ziele des Kulturprozesses, aus de-
nen dann auch Wertungsmaßstäbe folgen, seien: "Selbstverwirk-
lichung des Menschen, die totale Entwicklung und Befriedigung
seiner Bedürfnisse", "gesellschaftliche Genußfähigkeit", "Genuß
im Tätigsein"; "h u m a n bezeichnet... die Fähigkeit,
schließlich das Bedürfnis von Menschen, in ihrem Denken und
Handeln die Bedürfnisse anderer Menschen, schließlich der
gesamten Menschheit einzubeziehen; ... also so zu handeln, daß
die Maxime ihres Willens in der Tat zur Grundlage einer allgemei-
nen Gesetzgebung dienen kann".
Hier werden aufklärerische und klassische Humanitätsideale - ver-
mittelt über eine unhistorische Lesart der "Ökonomisch-philoso-
phischen Manuskripte von 1844" - in Richtung auf marxistische
Konzepte interpretiert. 2) Ähnlich verfährt Rüdiger Hillgärtner,
wenn er Kultur als "die Menschwerdung des Menschen" bestimmt und
als "Gesetz der Menschwerdung" "die universale Entfaltung aller
Eigenschaften der Gattung und des einzelnen" nennt. Mit unüber-
hörbaren Anklängen an Fausts Wunschtraum "Zum Augenblicke dürft
ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön" bestimmt Hillgärt-
ner den "eudämonischen Zustand" der "Übereinstimmung der Menschen
miteinander und mit der Natur": "Im Augenblick des tätigen Genus-
ses... ist diese Übereinstimmung absolut. (...) Dieser Augenblick
ist schön. Ihm eignet der Aspekt der Unvergänglichkeit, da Gegen-
wart, Vergangenheit und Zukunft wie in einem Punkte zusammengezo-
gen sind. Alle äußeren Zwecke ruhen. Im einzelnen Menschen ist
die Menschheit sich Selbstzweck. (...) Der Augenblick der Erfül-
lung ist zugleich wahr, da er in der Erkenntnis der Natur und der
Selbsterkenntnis des Menschen seinen Grund hat. Schließlich ist
er ethisch gut, da er die Anerkennung des Menschen durch den Men-
schen und die Anerkennung der Natur als des anorganischen Leibes
des Menschen beinhaltet. Diese Einheit des Schönen, Wahren, Guten
ist begründet in der gesellschaftlichen Praxis und ihren Organi-
sationsformen."
Im Anschluß an die Marxsche Formulierung, daß - der Mensch nach
dem Maß jeder species zu produzieren weiß und überall das inhä-
rente Maß dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert da-
her auch nach den Gesetzen der Schönheit" 3) macht Hillgärtner
zum Kernstück seines kulturtheoretischen Ansatzes den Begriff der
Schönheit: "Er bezeichnet die Autonomie des Menschen, über die
natürlichen und die eigenen Kräfte frei zu verfügen und sie zur
harmonischen Übereinstimmung nach menschlichen Zwecken zu brin-
gen. (...) Er läßt die Empfindung des Glücks ahnen, das in dieser
Synthese genossen werden kann." Konsequent bestimmt Hillgärtner
die Spezifik der Kultur im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß
so: "Gestalten und Bilden nach den Gesetzen der Schönheit, Aufhe-
bung des Gestalteten in weiteren, komplexeren und höheren Formen
- dies ist die Bewegung der Kultur. Dies ist der kulturelle
Aspekt aller Seiten der menschlichen Lebenstätigkeit. Autonomie
und Freiheit sind in ihn ebenso eingegangen wie Sinn und Glück
des Lebens."
Der Gegenstand: Gattung - Mensch - Individuum?
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Erfüllen die Ansätze von Metscher und Hillgärtner den eigenen An-
spruch auf präzise Abgrenzung von Kultur und Gesellschaft? Lie-
fern sie praktikable Wertmaßstäbe? Welche Aussagekraft haben sie
für Kulturpraxis und Kulturauffassung der Arbeiterklasse in der
Bundesrepublik?
Eine wesentliche Beschränkung ergibt sich daraus, daß Metscher
wie Hillgärtner weitgehend auf der Ebene der Gattung, "des" Men-
schen verbleiben - mit der Tendenz zur Identifikation von Indivi-
duum und Gattung ("gesellschaftliche Individualität" ist bei Met-
scher das Ziel der Gattungsentwicklung!). Wenn man individuelle
und gattungsmäßige Entfaltung in eins setzt, gerät man jedoch in
Widerspruch zu einer grundlegenden Erkenntnis der materialisti-
schen Persönlichkeitstheorie: "Im Laufe der sozialhistorischen
Entwicklung nimmt das Sozialerbe... einen Umfang an, der es un-
möglich macht, daß ein einzelnes Individuum es sich in seiner
Ganzheit aneignet. Es entsteht die Notwendigkeit einer begrenzten
Aneignung, wobei die Grenzen sich aus der gesellschaftlich-tech-
nischen Arbeitsteilung ergeben." 4)
Individuelle Entwicklung kann heute nur eine beschränkte auswäh-
lende Aneignung von der Gattung geschaffener Potenzen sein - und
die Auswahlprozesse und -kriterien sind zu diskutieren. Die be-
sondere Leistung marxistischer Kulturtheorie wird gerade durch
den Widerspruch gefordert, daß die Entfaltung der Arbeitsteilung
die Dynamik gesellschaftlicher Reichtumsproduktion ermöglicht und
zugleich die Individuen von der Aneignung weiter Bereiche aus-
schließt. Das absolute Wachstum individueller Entwicklungsmög-
lichkeiten ist gewaltig - aber das Einholen des Gattungsfort-
schritts an Kenntnissen und Fähigkeiten , Beziehungen und Tätig-
keiten Bedürfnissen und Genüssen durch die Individuen ist keine
sinnvolle Zielstellung für den Kulturprozeß.
Positiv steckt in dieser Nicht-Identität aber gerade die Chance
reichster Differenzierung der konkreten Individualitäten.
Zugleich folgt hieraus die große praktische Bedeutung der Ideen
und Aussagen , Normen und Werte , in denen soziale Klassen und
Gruppen ihre Vorstellungen von erstrebenswerter Individualitäts-
entwicklung ausdrücken: der Kulturauffassungen (zu denen in je-
weils besonderer Zusammensetzung unter anderem Alltagseinstellun-
gen ebenso wie wissenschaftliche Theorien und künstlerische Bil-
der gehören).
Der Ansatz von der Gattungsentwicklung her ist somit ungeeignet
für die Grundlegung einer historisch-materialistischen Kultur-
theorie, der es auf die Untersuchung, Bewertung und Veränderung
konkret-historischer Entwicklungsmöglichkeiten der wirklichen In-
dividuen ankommt. Die Ausbildung der konkreten Individuen ist nur
zu erfassen, wenn man davon ausgeht, daß ihre Lebensbedingungen
(als Entfaltungsbedingungen) dialektisch determiniert sind durch
die gesetzmäßige Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse;
vor allem die widersprüchlichen Tätigkeitsanforderungen und
Handlungsmöglichkeiten für die Individuen als Angehörige ver-
schiedener Klassen bestimmen Lebensweise und Typ der Persönlich-
keitsentwicklung.
"Die Einsicht, daß der produzierte gesellschaftliche Reichtum an
'menschlichen Wesenskräften' nur in dem Maße von den Individuen
für ihre Entwicklung fruchtbar gemacht werden kann , wie er ihnen
in der Gesamtheit ihrer Lebensbedingungen zur Verfügung steht -
diese Einsicht förderte die Erkenntnis, daß 'Kultur' kein Sammel-
begriff für alles Gute, Schöne, Wertvollesein kann, das ge-
schichtlich erzeugt worden ist und in konkreten Zusammenhängen
und Situationen seine Brauchbarkeit, seinen Wert bewiesen hat,
deshalb kumulativ von einer Generation zur anderen weitergegeben
und angeeignet werden muß. Vielmehr ist der Kulturbegriff wesent-
lich als a b b i l d e n d e und w e r t e n d e Erfassung
des Verhältnisses von objektiven Bedingungen individueller Ent-
wicklung und tatsächlicher Ausbildung von subjektiven Verhal-
rensqualitäten zu verstehen." 5) Daher scheint es mir methodisch
angemessen, vom Konzept konkret-historischer Vergesellschaftung
der Individuen als Teilprozeß der gesamtgesellschaftlichen Repro-
duktion auszugehen, weil damit genauer das V e r h ä l t n i s
von sozialen Entwicklungsbedingungen, Persönlichkeitsqualitäten
der wirklichen Individuen und gesellschaftlichem Reichtum
(Gattungspotenzen) in den Mittelpunkt gerückt wird. Zugleich er-
klärt ein solcher Ansatz, weshalb und wie Kulturrheorie als Teil
der Kulturauffassung der Arbeiterklasse zu entwickeln ist: Sie
hat unter anderem die Funktion, in der Arbeiterbewegung an der
Untersuchung und Diskussion der Ziele und Formen individueller
Entwicklung der Lohnarbeiter mitzuwirken.
So verstanden, kann marxistische Kulturtheorie heute nicht von
einer fixen Vorstellung "objektiver Kultur" ausgehen, die es für
alle Lohnarbeiter anzueignen gelte; vielmehr sind Maßstäbe und
Zielsetzungen für die Aneignung und Entwicklung von Elementen des
gesellschaftlichen Reichtums s o z i a l k o n k r e t im
Spannungsfeld zwischen den Tendenzen gegenwärtiger Individuali-
tätsentwicklung und realhumanistischen Idealen zu diskutieren.
Sie sind historisch konkret auf Handlungsanforderungen und -mög-
lichkeiten der Klassenindividuen in der Etappe bis zur Eroberung
der politischen Macht durch die Arbeiterklasse zu beziehen.
Metscher und Hillgärtner suchen qualitative Maßstäbe für indivi-
duelle Entwicklung, die deutliche Wertungen kultureller Verhält-
nisse und Entwicklungsniveaus ermöglichen. Das Ziel "universeller
Entfaltung" allein ist eher unhistorisch-quantitativ und wird
auch nicht zu den konkreten Individuen hin vermittelt. Was über
totale Entwicklung der Wesenskräfte, der menschlichen Bedürfnisse
etc. gesagt wird, ist materialistisch zu interpretieren nur (über
die 6. Feuerbachthese) als Qualität des Ensembles der gesell-
schaftlichen Verhältnisse - nicht als Maß und Ziel der Entwick-
lung konkret-historisch und sozial bestimmter Klassenindividuen.
Metscher liefert als nähere Bestimmung im wesentlichen ethische,
Hillgärtner ästhetische Kriterien aus dem Kanon des aufkläreri-
schen und klassischen deutschen Neuhumanismus. Darin sehen sie
philosophisch die allgemeinen Ziele kultureller Entwicklung zu-
sammengefaßt.
Undiskutiert bleibt allerdings auch auf dieser Ebene das Verhält-
nis objektiver und subjektiver Momente in den Wertkriterien: Wie
weit sind Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit, Glück, Eudämo-
nie, Genuß im Tätigsein subjektiv empfundene, aus der Sicht des
einzelnen gegenüber der Gesellschaft gesetzte Maßstäbe - wie weit
geht in sie die reale Vermittlung individueller Entfaltung über
die gesellschaftliche Beherrschung der Lebensbedingungen ein? Ge-
gen die Gefahr einer individualistischen Bestimmung kultureller
Ziele bezieht Hillgärtner sich auf eine Interpretation von Frei-
heit als Verwirklichung der gesellschaftlichen Notwendigkeiten -
läßt allerdings auch die Hoffnung auf Überwindung dieser Fesseln
anklingen. Tätiger Genuß wird gerade in der kollektiven Praxis,
Harmonie in der menschlichen Gestaltung der Beziehungen zwischen
den einzelnen gesehen. Metscher nennt Solidarität und bewußte Be-
achtung der Bedürfnisse anderer als Maßstab für Humanität.
Beiden gemeinsam ist der konsequent demokratische Anspruch: Maß
kulturellen Fortschritts ist die Entfaltung aller gesellschaftli-
chen Individuen, ist die Aufhebung des historischen Widerspruchs,
daß kultureller Fortschritt bisher die Form der Entwicklung weni-
ger auf Kosten ausgebeuteter und unterdrückter Massen hatte.
Bei Hillgärtner erklingt an, daß hier mehr als eine quantitative
Problematik liegt, daß diese Entwicklung die Qualität kultureller
Werte und Ideale beschädigte: "Auch die Sinne der Wenigen bleiben
beschränkt, gebannt in den engen Kreis ihrer Privilegien. (...)
Die Genußfähigkeit und die Kräfte bleiben einseitig und ver-
zerrt." Allerdings wird dieser wichtige Gedanke, der gerade eine
kritische Reflexion der so geprägten klassischen Kulturideale
nahelegt, nicht weiter verfolgt; die Auswirkungen der Trennung
und Entgegensetzung von Hand- und Kopfarbeit (geistig-sinnlicher
Welt- und Selbstgenuß stehen unter der Vorherrschaft intellektu-
ell-reflektierender Praxisformen), die soziale und politische Be-
schränktheit von Entfaltungsprogrammen, die Künstler und Philoso-
phen aus ihren Lebensbedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft
entwickelten, wären historisch und sozial zu konkretisiertende
Hinweise - Hillgärtner meint eher eine moralisch-ethische
Beschädigung privilegierter Entwicklung. In diesen Überlegungen
scheint der enge Zusammenhang zwischen ökonomisch-politischer
Verfassung der Gesellschaft und Kulturzustand auf; es wird auch
auf die freie Assoziation der gesellschaftlichen Produzenten, ge-
gründet auf gemeinsamen Besitz der großen Produktionsmittel und
verwirklicht über die realdemokratische Ausübung politischer
Herrschaft, als Voraussetzung für eine neue Stufe kulturellen
Fortschritts verwiesen - aber daraus folgt nichts für die Bestim-
mung der sozialen Handlungsanforderungen und Tätigkeitsformen der
Lohnarbeiter, die sozialökonomische Befreiung der Klasse und pro-
duktive Persönlichkeitsentfaltung der einzelnen verbinden lassen.
Wie erfaßt man die Kulturprozesse in der Arbeiterklasse?
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Was - entwickelt auf der Ebene von Gattungsentwicklung und
Menschheitsgeschichte - mit dem Anspruch präziser und spezifi-
scher Maßstäbe auftritt, zeigt seine Mängel bei der Probe, ob
daraus praktikable Kriterien für Entwicklungsstand und Zielstel-
lung der Arbeiterbewegung hier und heute folgen. Zugespitzt for-
muliert, handelt es sich um Varianten der "Vollstrecker-Theorie",
nach der die kulturelle Aufgabe der sozialistischen Arbeiterbewe-
gung in der Verwirklichung der neuhumanistischen Persönlich-
keitsideale für alle Gesellschaftsmitglieder besteht. Es gebe
einen Fundus kultureller Werte, Errungenschaften, Leistungen, Mo-
delle, deren Aneignung und praktische Verwirklichung im gegenwär-
tigen Kapitalismus auf Eliten beschränkt sei - mit Metscher (nach
Mühlberg 6)) die "objektive Kultur"; sozialistische Verhältnisse
werden dadurch gekennzeichnet, daß sie grundsätzlich die Möglich-
keit zu umfassender Aneignung der objektiven Kultur durch die Ar-
beiter, die Bauern und andere Werktätige eröffnen, sozialistische
Kulturpolitik wird ausgerichtet auf die konkrete, schrittweise
Verwirklichung dieser Möglichkeiten.
Offenbar sollen kulturpolitische Zielstellungen auch für die Ar-
beiterbewegung in unserem Land formuliert sein mit Metschers Kon-
zept der "Kultur eines realen Humanismus..., in der nicht nur für
eine privilegierte, aufgeklärte Elite der herrschenden Klasse,
sondern für alle Menschen (durch die... Reduktion der... notwen-
digen Arbeitszeit) 'Zeit zu menschlicher Bildung' frei geworden
ist". Die radikale Demokratisierung des Modells schöpferischer
Existenz, das bisher auf intellektuell-künstlerische Eliten be-
schränkt ist, strebt auch Hillgärtner an. "Es geht... um die
materialistische Aufhebung jenes in Kunst und Literatur inkor-
porierten und konzentrierten Elements, auf dem die Freiheits- und
Verwirklichungsvorstellungen des Neuhumanismus beruhen. Es geht
darum, das objektive Korrelat dessen, was sich in Kunst und Lite-
ratur widerspiegelt, in der gesellschaftlichen Praxis festzuma-
chen und... ins kulturpolitische Bewußtsein zu heben. (...) es
geht ferner darum, den in der ästhetischen Produktion und auch
der Aneignung prominent ausgebildeten Aspekt des Schöpferi-
schen... zu entdecken in allen Tätigkeiten . Die Trennung von Ar-
beit unter dem Gesetz der Notwendigkeit und Spiel, von labour und
travail attractif, von erzwungener Mühsal und freier Selbsttätig-
keit ist im ästhetischen Schaffen in historisch besonderer Weise
aufgehoben und zugleich perpetuiert." Die Aufhebung der Wider-
sprüche des ästhetischen Modells werde "selbst politisches Pro-
gramm in den Kämpfen der Ausgebeuteten und Unterdrückten".
Metscher zitiert Marx zur historischen Notwendigkeit des "total
entwickelten Individuums", um seine Zielstellung auch als Aus-
druck der im "Kapital" herausgearbeiteten sozialökonomischen Ge-
setzmäßigkeiten zu belegen. Eine Übereinstimmung läßt sich jedoch
allenfalls in der Begrifflichkeit feststellen. Methodisch ver-
fährt Metscher gerade nicht wie Marx', der bezieht die univer-
selle Entwicklung historisch und sozial konkret auf Lebensbedin-
gungen und Handlungsanforderungen, Beziehungs- und Qualifikati-
onsentwicklung der Lohnarbeiter in den Umwälzungsprozessen, die
durch die widersprüchliche Entwicklung der Produktivkräfte voran-
getrieben werden. In der zitierten Passage interpretiert Marx die
"totale Entwicklung" in sehr enger Bindung an die Erfordernisse
der großen Industrie - es geht um den universellen Maschinenbe-
diener, für den "wechselnde Arbeitserfordernisse" und "verschie-
dene gesellschaftliche Funktionen" die Persönlichkeitsentwicklung
determinieren. 7) Metscher liest hier "Das Kapital" durch die
Brille des spekulativen Humanismus; dieser wurde von Marx jedoch
- unverkennbar beginnend mit den "Thesen über Feuerbach" und der
- Deutschen Ideologie - inhaltlich wie methodisch radikal
überwunden und zurückgewiesen, zugleich allerdings in seinen
Motiven aufgehoben. Der marxistische wissenschaftliche Humanismus
"als Theorie der geschichtlichen Widersprüche und Entfaltungs-
bedingungen der Individuen" 8) entwickelt Perspektiven und
Idealsetzungen konsequent historisch aus der Analyse der wi-
dersprüchlichen Bestimmtheit individueller Entwicklung durch die
objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse.
Metscher und Hillgärtner setzten Ideale, die sozial und histo-
risch nur außerhalb der unterdrückten Klassen, außerhalb der Ar-
beiterklasse entstehen konnten, unvermittelt als Zielstellung
proletarischer Persönlichkeitsentwicklung. Ob und wie solche
Ideale für Lohnarbeiter und ihre Familien heute konkrete Orien-
tierungen abgeben können, wie sie sich zu den wirklichen Prozes-
sen individueller Entwicklung von Proletariern und zu den materi-
ellen Determinanten dieser Entwicklung verhalten, wo der Klassen-
charakter kultureller Zielstellungen und Ideale zu bedenken ist -
solche Fragen liegen offensichtlich außerhalb dieser Konzeption.
9) Metscher betont: Träger der Kulturentwicklung sind Klassen.
"Der kulturelle Prozeß ... ist durchgängig geprägt durch die ant-
agonistische Struktur der überlieferten gesellschaftlichen Forma-
tion; er ist Teil der Geschichte als einer Geschichte von Klas-
senkämpfen."
Es läuft jedoch auf soziale Verengung und Enthistorisierung hin-
aus, wie er primär in der Geschichte von Kunst und Literatur "die
Bildung der gesellschaftlichen Subjekte in paradigmatischer Form
- in ästhetischen Modellen "" aufspürt. Die Verbindlichkeit die-
ser einschichtigen Traditionslinie für sozialistische Kulturauf-
fassung heute wird nicht problematisiert; nur unter dem Ge-
sichtspunkt des "Erbens" wird - sehr zu Recht - auf die "sozialen
Kosten" klassischer Entfaltungskonzepte und auf individualisti-
sche Begrenztheit bürgerlicher Persönlichkeitsideale verwiesen.
Fruchtbar schiene mir jedoch die Frage nach der sozialen Diffe-
renzierung von Persönlichkeitsidealen und nach der Art und Weise,
wie sie auf unterschiedliche Lebensbedingungen (der Künstler wie
ihrer Figuren) zu beziehen sind, wie sich bürgerlich-humanisti-
sche von verschiedenen proletarischen Persönlichkeitskonzeptionen
und Wertsystemen unterscheiden und was sie eint. So könnte man
sich den Problemen nähern, was bisher an künstlerischen Beiträgen
zur Aufhebung der klassisch-neuhumanistischen Persönlichkeitskon-
zeption in der marxistischen Kulturauffassung der Arbeiterklasse
vorliegt.
Kulturtheorie mit diesem Anspruch darf m.E. nicht, wie Metscher
das tut, bei der Entwicklung ihrer Kategorien und Methoden unmit-
telbar kulturpolitische Leistungsansprüche zu vorrangigen Krite-
rien machen: "Was wir benötigen, ist ein wissenschaftlicher Be-
griff von Kultur, der die Kritik kultureller Deformationen unter
kapitalistischen Bedingungen möglich macht, der als theoretische
Plattform für das Bündnis aller demokratischen Kräfte im kul-
turellen Bereich dienen kann." Eine gewisse Vereinseitigung und
Vergröberung der legitimen Aufgabe wissenschaftlicher Imperialis-
muskritik hat in der Vergangenheit beigetragen zur pauschalisie-
renden Betrachtung der kulturellen Verhältnisse der Lohnarbeiter,
die man rein negativ, als Nicht-Verwirklichung humanistischer
Ideale und Ausschließung von kulturell wertvoller Produktion und
Aneignung erfaßte. Und neben der Formulierung von Bündnisplatt-
formen bedarf es der ständigen klaren und differenzierten Bestim-
mung der Tendenzen und Aufgaben, die zur kulturellen Emanzipation
der Arbeiterklasse als Teil ihrer revolutionären Gesamtstrategie
gehören.
Es geht nicht um den totalen Bruch mit der Traditionslinie bür-
gerlich-humanistischen Denkens, sondern darum, wie die großen hu-
manistischen Ideale in der proletarischen Kulturauffassung aufzu-
heben sind; polemisch formuliert: Es geht um Aufhebung statt
Übernahme. Gerade, wenn ich den in dieser Tradition enthaltenen
Anspruch sozial wirksam werden lassen will, muß ich zunächst die
wirkliche Persönlichkeitsentwicklung in verschiedenen Klassen und
Gruppen unserer Gesellschaft untersuchen, ihre inneren Gesetzmä-
ßigkeiten, Widersprüche und Entwicklungstendenzen objektiv her-
ausarbeiten. Wenn ich dabei feststelle, daß in der Lebenspraxis
der Lohnarbeiter heutzutage "kulturelle Kernbereiche" wie Philo-
sophie, Wissenschaft, künstlerische Produktion und Rezeption,
aber auch Körperkultur (Metscher) nur am Rande eine Rolle spie-
len, darf die Analyse eben nicht mit der radikal imperialis-
muskritischen Wertung beendet werden, wer als Soziologe über Kul-
tur der Arbeiterklasse spreche, müsse zuvörderst über "die impe-
rialistische Massenkultur" sprechen (Haag).
Ausgangspunkt einer wissenschaftlich-humanistischen Konzeption
sind die inneren Gesetzmäßigkeiten der gegenwärtigen Kulturpro-
zesse und ein materialistisches "Verständnis der Lebensfunktion,
des subjektiven Sinns und der objektiven Notwendigkeit, der Po-
tenzen und Defizite der heutigen Kultur der Arbeiterklasse, des
widersprüchlichen Prozesses der Entwicklung ihrer bewußten und
persönlichkeitsproduktiven Züge unter den Bedingungen der Ausbeu-
tung und Deformation. Erst das Aufweisen der objektiven Funktion
und der subjektiven Bedeutung von Verhaltensweisen als Reaktion
auf bestimmte Lebensbedingungen läßt wissenschaftliche Einsicht
zu, wie sie real zum entscheidenden Prozeß der Erhöhung der Be-
wußtheit in der Kultur der Klasse stehen" (Maase).
Der Schlüssel für die Entfaltung der immanenten Widersprüche und
Tendenzen in Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung der Lohn-
arbeiter liegt darin, konsequent von den Anforderungen an ihre
Lebenstätigkeit als Lohnarbeit und Reproduktion der Arbeitskraft
auszugehen. Das bedeutet nicht, wie Metscher mißverstanden hat,
der "Reproduktion der Arbeitskraft an sich" einen "kulturellen
Wert" zuzusprechen. Vielmehr soll konkret die Formbestimmtheit
kultureller Entwicklung der Lohnarbeiter im Kapitalismus entfal-
tet werden: "Die Fähigkeiten und Kenntnisse, Genüsse und Bedürf-
nisse, Beziehungen und Normen, die über die Produktion und Repro-
duktion der Arbeitskraft erworben und betätigt werden, bilden in
ihrer widersprüchlichen Entwicklung den wirklichen Grundstock für
Lebensweise und Persönlichkeitsentfaltung in der Arbeiterklasse"
(Maase). Diese Prozesse werden nicht wertfrei, voraussetzungslos
beschrieben; sie sind Gegenstand von Klassenkämpfen, es geht um
ihre Veränderung nach den Maßstäben kulturellen Fortschritts, mit
dem Ziel produktiver Persönlichkeitsentfaltung der Lohnarbeiter-
individuen. Daher ist erkenntnisleitend die "Frage, wie mit Er-
fahrung und Bewußtwerdung der proletarischen Klassensituation
bürgerliche Dominanz der subjektiven Kultur zurückgedrängt und
über erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft erworbene Fähigkei-
ten, Betätigungsmöglichkeiten, Bedürfnisse und Kenntnisse für
kulturellen Fortschritt genutzt werden können. Nicht die iso-
lierte Einschätzung von Prozessen der Qualifikations- und Repro-
duktionsentwicklung steht im Zentrum marxistischer Betrachtung.
Die objektiven sozialen Anforderungen an die Arbeitskraft und
ihre Wiederherstellung sind zur wirklichen Ausbildung von Lebens-
weise und Persönlichkeit der Lohnarbeiter vermittelt vor allem
über ihren Kampf um bessere Entwicklungsbedingungen, über Organi-
siertheit und Bewußtheit ihrer eigenen Praxis" (Maase).
Die bisher in dieser Richtung vorgetragenen Überlegungen wurden
mehrfach als positivistisch bezeichnet. Eine Konsequenz dieser
Kritik könnte die Unterscheidung zwischen "Lebensweise" als rein
beschreibender Kategorie und "Kultur" der Arbeiterklasse sein;
letztere bezöge sich dann auf die Seiten der Lebenstätigkeit der
Lohnarbeiter, in denen sie "sich ihre Aktivitäten als sinnvoll
und genießbar einrichten" (Haug). Eine solche Differenzierung
kann im Verlauf der Untersuchungen nützlich sein; als Vorab-Ent-
scheidung engt sie jedoch den Blick der Kulturwissenschaftler auf
problematische Weise ein. Ein konsequent historisches Vorgehen
verlangt die unvoreingenommene, unbeschränkte Aufarbeitung und
Untersuchung der Prozesse, Bedingungen und Widersprüche von Per-
sönlichkeitsentwicklung in der Arbeiterklasse als materiell be-
gründet und gesetzmäßig dialektisch determiniert. Nur in der
Spannung zwischen der Perspektive universeller Entfaltung und den
heutigen Entwicklungsbedingungen der Lohnarbeiter sind vom Stand-
punkt der Arbeiterklasse aus kulturelle Maßstäbe und Zielsetzun-
gen zu entwickeln, die von der konkreten Funktion bestimmter Nor-
men, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Bedürfnisse für die Lebensbe-
wältigung der Lohnarbeiter ausgehen und ihren möglichen Beitrag
zu produktive! Persönlichkeitsentwicklung untersuchen. Dabei geht
es nicht um positivistisches Festschreiben dieser Verhältnisse,
sondern um die materialisitische Bestimmung der für die Masse der
Proletarier wirklich begehbaren Wege zu vielfältiger Aneignung
des gesellschaftlichen Reichtums - wirklich im Zusammenhang mit
materiell fundierten Tendenzen ihrer Lebensbedingungen und Le-
bensanforderungen. Gegenüber den Ansätzen eines solchen Konzepts
- um mehr handelt es sich bisher nicht - scheint mir Haugs Sorge
unbegründet, man wolle das Verhalten der Arbeiter nach intellek-
tuelldogmatisch ausgeklügelten Kulturmodellen regeln.
Probleme: Gegenstandsabgrenzung und Wertung
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Bisher vorgebrachte Einwände zielen gleichwohl auf unverkennbare
Probleme. Angekreidet werden Vagheit und mangelnde Abgrenzung ge-
genüber dem Gesellschaftsbegriff. Formen, Bedingungen und Tenden-
zen der Persönlichkeitsentwicklung sozialer Individuen stellen
einen Gegenstand kulturwissenschaftlicher Untersuchungen dar, der
theoretisch von "Gesellschaft" zu unterscheiden ist. Der An-
spruch, im Grunde alle Vermittlungen der Persönlichkeitsentwick-
lung in der gesamten Lebenstätigkeit zu berücksichtigen und die
unmittelbaren Lebensbedingungen als spezifisch durch die Produk-
tionsweise determiniert zu erfassen, schafft jedoch wirklich ein
Forschungsfeld, in dem alle gesellschaftlichen Verhältnisse unter
dem Aspekt ihrer sozialisierenden Funktion bzw. ihrer Wirkung auf
Lebensbedingungen zu berücksichtigen sind. Selbst für eine kul-
turtheoretische Arbeit, die Ergebnisse vieler Einzelwissenschaf-
ten zugrunde legt, stellt sich damit das Problem der Kompetenz
und der sinnvollen Strukturierung und Hierarchisierung ihres Ge-
genstands.
Allerdings haben die Vorschläge von Metscher und Parade 10) noch
keine praktikablen Lösungswege gewiesen. Schul- und Bildungswe-
sen, Sport, Informations- und Unterhaltungsindustrie, Philosophie
und Wissenschaft sowie künstlerische Produktion und Rezeption als
"kulturelle Kernbereiche" (Metscher) zu verstehen, entspricht ei-
ner vernünftigen kulturpolitischen Gegenstandsbestimmung; die
Heraushebung ideologischer Apparate und Prozesse übergeht jedoch
die Einsichten in die persönlichkeitsprägende Funktion von Formen
sozialer Praxis wie Berufsarbeit, Familienleben, gewerkschaftli-
chem und politischem Engagement, alltäglicher persönlicher Kommu-
nikation usw. - Einsichten, die Metscher zumindest teilweise sel-
ber anführt. Hier sehe ich die Tendenz zur Wiederbelebung ideolo-
gie-theoretischer Konzepte, die die Arbeiterklasse im heutigen
Kapitalismus primär als Objekt ideologischer Beeinflussung ver-
stehen (kulminierend in der Manipulationstheorie) und die grund-
legenden Prozesse spontaner Ideologiebildung nicht beachten. Da-
mit vermag ich aber die Prozesse der Persönlichkeitsentfaltung
als aktive Leistung der Klasse in der Auseinandersetzung mit den
Lebensbedingungen der Lohnarbeit nicht zu erfassen. 11) Es kann
nicht das letzte Wort marxistischer Kulturauffassung sein, in der
konkret-historischen produktiven Aneignung und Erweiterung des
gesellschaftlichen und natürlichen Reichtums durch die arbeiten-
den materiellen Produzenten wesentlich nur die "Grundlage (Basis)
aller, auch der kulturellen Lebensprozesse" zu sehen (Metscher).
Parade will unter Kultur fassen die "Tätigkeiten, Beziehungen und
Gegenstände oder Elemente in ihnen, die einzig und allein zum
Zweck der Persönlichkeitsbildung geschaffen wurden", die
"primärfunktional der Persönlichkeitsbildung dienen". 12) Eine
solche Zusammenstellung von Elementen des gesellschaftlichen
Reichtums hat - wie die Bestimmung der Kernbereiche durch Met-
scher - durchaus analytischen und kulturpolitischen Sinn, vor al-
lem für die Erforschung der Kulturauffassung und der Institutio-
nen zu ihrer Vermittlung. Wenn dann aber Parade selber fest-
stellt, daß damit nicht erfaßte "politische, ökonomische oder so-
ziale Erscheinungen... ebenfalls und oft viel nachhaltiger auf
Persönlichkeitsentwicklung Einfluß nehmen" 13) qualifiziert er
seinen eigenen Vorschlag m.E. selber als zur Grundlegung histo-
risch-materialistischer Kulturtheorie ungeeignet. Wie schon ge-
sagt: Den Gedanken liegt ein wirkliches Problem marxistischer
Kulturtheorie zugrunde - das aber vor allem in der Sache selber
begründet ist und nur sekundär in ungenügendem Stand bisheriger
Theorieentwicklung.
Mit der Betonung der Wertungsfragen wird in der bisherigen De-
batte das zentrale Problem aufgegriffen. Wie sind hier und heute
kulturpolitische und -praktische Orientierungen für die Lohnar-
beiter zu begründen? Welche Bedeutung ist darin (neben den für
die Klasse wichtiger und leichter zugänglich werdenden Formen
künstlerischer Rezeption und Eigentätigkeit) fachlicher Qualifi-
kation und gewerkschaftlichem Engagement, gesellschaftspoliti-
scher Interessenbewußtheit, intensivem Schausportkonsum, erfolg-
reicher Kleingärtnerei, gekonnter praktisch-technischer Selbst-
hilfe, Briefmarkensammeln und Taubenzuchten, ausgedehnter Erho-
lung in der Natur, der Kommunikation mit Kollegen und Nachbarn,
Tanz und Feiern in der gegenwärtigen Verfassung zu geben? Wie be-
wertet man die Ausdehnung der Genüsse und Tätigkeiten, der Erfah-
rungen und Beziehungen der Lohnarbeiter durch erweiterte Konsum-
möglichkeiten, mehr Freizeit, Urlaubsreisen und Massenmedien -
über ideologiekritische Urteile hinaus? Wie stehe ich zur Bedürf-
nisdynamik in diesen Bereichen? Wie verhält sich das Ziel
"Selbstverwirklichung" zum Bild des qualifizierten, klassenbewuß-
ten, aktiven, in den sozialen Auseinandersetzungen standhaften,
einfallsreichen, beweglichen, solidarisch handelnden Arbeiters,
der Teil einer wirklich gleichberechtigten Familie ist, in seiner
beschränkten Freizeit gern schwierige Bergtouren unternimmt,
selbstsicher und kritisch die Massenmedien, v.a. das Fernsehen,
nutzt, ziemlich regelmäßig Tageszeitung und Gewerkschaftsveröf-
fentlichungen liest, auch bei Bier und Kegeln den Kontakt zu sei-
nen Kollegen hält... (auf eine weitere Ausmalung kann hier ver-
zichtet werden)? Gehört solche Idealbildung aus wirklichen Ten-
denzen in den Bereich der Politik statt in den der Kultur?
Einheit von Vielfalt und Bewußtheit
-----------------------------------
Wie in den genannten Aktivitäten und Qualitäten Elemente und Ten-
denzen produktiver und bereichernder Persönlichkeitsentfaltung
wirken, das ist im einzelnen differenziert, in seinen Widersprü-
chen und seiner kapitalistischen Formbestimmtheit herauszuarbei-
ten. Anstelle apodiktischer und menschheitsgeschichtlicher Maß-
stäbe scheinen mir gegenwärtig die Kriterien der V i e l-
f a l t, G e n u ß i n t e n s i t ä t, P r o d u k t i v i-
t ä t u n d B e w u ß t h e i t in der Aneignung des gesell-
schaftlichen Reichtums an Betätigungs- und Befriedigungsmöglich-
keiten brauchbar. Produktivität meint, ob solche Aktivitäten ins-
gesamt einen positiven Beitrag leisten können zur Bewältigung der
unmittelbaren Lebensaufgaben und Lebensprobleme, die letztlich in
einen kollektiven und solidarischen Zusammenhang führen muß, oder
ob sie zum Bornierten, Exzentrischen, individualistisch, wirk-
lichkeitsabgewandt und aggressiv unsolidarischen tendieren, ob
sie weitere Entwicklungen anregen oder abbremsen. Solche zurück-
haltenden und für das wirkliche Leben offenen Bestimmungen machen
es jedoch nötig, die Förderung von Bewußtheit ins Zentrum kultur-
politischer und kulturpraktischer Orientierung der Arbeiterbewe-
gung zu stellen: "Bewußt" wird umfassend und prozeßhaft verstan-
den - vom rationalen Verhalten gegenüber der Reproduktion der ei-
genen Arbeitskraft bis zum entwickelten wissenschaftlichen Klas-
senbewußtsein. Diese These steht nicht im Gegensatz zur Notwen-
digkeit, spontane Entwicklungen einzuschließen in die Betrachtung
des Prozesses, der mit "Kultur der Arbeiterklasse" angesprochen
ist; 14) aus ihr folgt keine negative Bewertung oder auch nur
Herabstufung spontaner, emotionaler, spielerischer, zweckfreier
Aktivitäten. Es geht um die Orientierung für das Eingreifen in
die Kulturprozesse in der Arbeiterklasse, um die Bestimmung des
entscheidenden Kettenglieds für die produktive Entfaltung des
gesamten Ensembles der Tätigkeiten und Persönlichkeitsqualitäten
der Lohnarbeiter unter unseren historischen Bedingungen.
Zugrunde liegt die These, daß man nicht sinnvoll isolierte Akti-
vitäten und Interessen bewerten kann, daß ihre Persönlich-
keitsproduktivität vielmehr nur im Zusammenhang der gesamten Le-
benstätigkeit zu bestimmen ist; sehr stark vereinfacht: Charakter
und Perspektive beispielsweise von Briefmarkensammeln oder Klein-
gärtnerei sind nicht die gleichen bei einem klassenbewußten und
aktiven Arbeiter und seinem Kollegen , der nicht an interessenbe-
wußter Praxis teilnimmt. Sinnvoll ist nicht die Abgabe kulturel-
ler Werturteile über Kleingärtnerei, sondern die Förderung der
bewußten, selbständigen Elemente in den Entscheidungen und Hand-
lungen der Individuen. Orientierung auf Bewußtheit bedeutet
nicht, vorhandene Vielfalt einzuengen und fest in der Lebensweise
verankerte Neigungen zu verdammen, sondern die real vorfindliche
und historisch notwendige Tendenz zur Bewußtheit in der Lebenstä-
tigkeit zu stärken . Aus dieser Sicht einige weitere Erläuterun-
gen.
- Die kulturelle Befreiung der Arbeiterklasse und anderer werktä-
tiger Klassen und Schichten ist vermittelt über die Eroberung der
politischen Macht und die Schaffung eines neuen, sozialistisch
strukturierten Typs von Entwicklungsbedingungen.
- Bewußtheit, Wissen und breiter Horizont sozialer und politi-
scher Interessen und Aktivitäten bilden für die Lohnarbeiter
einen wichtigen Durchgangspunkt zur Ausbildung von Motivationen
und Qualifikationen, die auf genußreiche und angemessene Kunstre-
zeption und schöpferische Selbsttätigkeit gerichtet sind.
- Die Entwicklung von Praxis und Theorie im Zusammenhang der
Durchsetzung der Interessen der Lohnarbeiter und der Arbeiter-
klasse stellt mit ihren Erfahrungen und Anforderungen einen er-
strangigen Entfaltungsraum proletarischer Persönlichkeiten dar.
- Mit der Stärkung der Bewußtheit in der Lebenstätigkeit können
die Lohnarbeiter praktisch eingreifen in den widersprüchlichen
Kulturprozeß der Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse,
Bedürfnisse und Genüsse, Normen und Werte, Beziehungen und Tätig-
keiten - widersprüchlich durch kapitalistische Formbestimmung und
bürgerliche Ideologie. "Im Maß der bewußten Behandlung, Nutzung
und Entwicklung der eigenen Vermögen wird alles im Produktions-
und Reproduktionsprozeß Erworbene auf seine Potenz für die Ver-
wirklichung selbstbestimmter Interessen geprüft und nach Möglich-
keit in die produktive Persönlichkeitsentwicklung einbezogen"
(Maase), wird die bürgerliche Hegemonie über die Kulturprozesse
in der Arbeiterklasse zurückgedrängt.
- Dieses Konzept beinhaltet viele Widersprüche und Probleme, auf
die hier nicht eingegangen werden kann; nicht das geringste ist
die Gefahr politischer Versimpelung, die das Kulturniveau harmo-
nisierend mit dem Aktivitätsgrad in der sozialistischen Arbei-
terbewegung gleichsetzt: "richtiges Bewußtsein = Kultur". Das
dürfte jedoch kein Argument dagegen sein, in einer auf Selbstbe-
stimmung, freie Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensform,
Sinn (Hillgärtner), auf Solidarität und Einbeziehung der Bedürf-
nisse aller (Metscher) orientierten kulturtheoretischen Konzep-
tion die Persönlichkeitsbedeutung individueller Teilnahme an der
selbstbestimmten Gestaltung der sozialen Verhältnisse sehr hoch
einzustufen. Die Kategorie Bewußtheit bringt zugleich den unver-
zichtbaren objektiven Bezug in die kulturelle Wertung. Ohne den
positiven Zusammenhang mit der kollektiven Beherrschung und ent-
wicklungsfördernden Gestaltung der sozial vermittelten Lebensbe-
dingungen wird jeder Genuß und Selbstgenuß, wird jede selbst-
zweckhafte Aneignung gesellschaftlichen Reichtums borniert; ohne
diesen Bezug gibt es keine Annäherung an das kommunistische Kul-
turideal, daß "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung
für die freie Entwicklung aller ist". 15)
Diesen Überlegungen wird sicher entgegengehalten werden, sie lie-
fen auf eine dogmatische Ideologisierung und Politisierung von
Kultur hinaus. Dazu nur zwei Bemerkungen. Bewußtheit, Rationali-
tät wird im kulturtheoretischen Zusammenhang sehr viel weiter
verstanden als "Kenntnis der gesellschaftlichen Entwicklungsge-
setze", "Wissenschaftlicher Sozialismus" oder ähnliches - es geht
um Vernunft, Bewußtheit in allen Bereichen individueller Le-
benstätigkeit. Tendenzen in dieser Richtung sind unter anderem
begründet in der Qualität der Arbeiterklasse als rationell die
modernsten Produktionsmittel anwendend, in denen immer mehr wis-
senschaftliche Erkenntnisse vergegenständlicht sind. Dabei geht
es für den Kulturtheoretiker letztlich um die bewußte Behandlung
der eigenen Entwicklung durch die Individuen - allerdings im be-
wußten Zusammenhang mit der rationalen Gestaltung ihrer sozialen
Bedingungen. Damit wird die wirkliche Rolle von Emotionalität für
individuelle Entfaltung und Befriedigung nicht geschmälert.
Wenn hier prononciert von sozialer Interessenvertretung und poli-
tischer Aktivität als herausragenden Feldern produktiver Entfal-
tung der einzelnen Lohnarbeiter die Rede war, so nicht aus der
Absicht äußerlicher Politisierung von Kultur um jeden Preis. Die
konsequente Beziehung individueller Entfaltung auf die in klas-
senspezifischen Lebensbedingungen enthaltenen Handlungsanforde-
rungen und -möglichkeiten verweist auf diese Praxisformen als
vorrangige Bereiche, in denen von den einzelnen Lohnarbeitern be-
wußtes und tendenziell selbstbestimmtes Verhalten verlangt wird.
Behauptung gegen das Kapital bis zum organisierten, auf wissen-
schaftlicher Grundlage geführten Kampf für seine Überwindung ist
ein objektives Erfordernis für die Lebensbewältigung der Proleta-
rier. Bei der Suche nach Möglichkeiten für proletarische Persön-
lichkeitsentfaltung, die unter kapitalistischen Bedingungen Ele-
mente freier, sinnvoller, bereichernder und befriedigender Tätig-
keit verwirklicht, muß man also auf gesellschaftsverändernde Pra-
xis als ein erstrangiges Entwicklungsfeld stoßen. Ich glaube, der
unvoreingenommene Blick auf die Zusammenhänge von aktiver Inter-
essenvertretung und reicher Individualität unter Lohnarbeitern
legt nahe, daß hier ein wirklicher Zusammenhang besteht. Daß sol-
che Entwicklungen nicht harmonisch, sondern geprägt durch ihre
widersprüchlichen und beschränkten Voraussetzungen verlaufen, ist
dabei mitgedacht.
Spätestens an dieser Stelle ist ein Hinweis darauf angebracht,
daß die hier vertretene kulturtheoretische Position keineswegs
nur als Ergebnis, Zwischenstand immanenter Theorienentwicklung zu
betrachten ist. Sie wurde und wird herausgefordert durch kultur-
politische und kulturpraktische Veränderungen der vergangenen
Jahre; dazu nur einige stichwortartige Bemerkungen.
Eine derartige Herausforderung war die Debatte um kommunale Kul-
turpolitik, die ausgelöst wurde in erster Linie durch sozialdemo-
kratische Reformvorschläge auf der Basis eines über Kunstpflege
hinaus bedeutend erweiterten Kulturverständnisses. Die Erarbei-
tung einer eigenständigen Konzeption im Interesse der Arbeiter-
klasse verlangte differenzierte Überlegungen zur Entwicklung kul-
tureller Bedürfnisse bei den arbeitenden Menschen. Die Verstär-
kung sozialer und politischer Auseinandersetzungen in der Bundes-
republik, an denen Teile der Arbeiterklasse teilnahmen, war ein
wesentlicher Anstoß dazu, in allen Bereichen marxistisch orien-
tierter Wissenschaft das Proletariat wieder deutlicher und kon-
kreter als S u b j e k t s e i n e r e i g e n e n E n t-
w i c k l u n g zu untersuchen. Das schlug sich unter anderem
nieder in einer Zunahme sozial- und kulturgeschichtlicher
Untersuchungen und Veröffentlichungen, die die selbständigen Lei-
stungen der Lohnarbeiter und ihrer Organisationen bei der Gestal-
tung einer spezifischen Lebensweise deutlich machten und einen
differenzierteren Blick auf die heutigen Lebensverhältnisse der
Arbeiter und Angestellten nahelegten.
Dem aufmerksamen Beobachter boten sich viele Anzeichen für ein
Wachstum kultureller Bedürfnisse und Ansprüche unter den abhängig
Arbeitenden, das im Verlangen nach höherer "Qualität des Lebens"
recht gut zusammengefaßt ist: Eine wachsende Sensibilität für die
Persönlichkeitsproduktivität von Lebensbedingungen (abwechslungs-
reiche und geistige Leistung fordernde Arbeitsplätze, Kommuni-
kationsmöglichkeiten im Wohngebiet, aktive Erholung, Erhaltung
natürlicher Umwelt, unverwechselbarer Charakter städtebaulicher
Ensembles) vergrößerte die Bereitschaft zum Widerstand gegen
Verschlechterungen und erfaßte auch Teile der Industriearbeiter-
schaft.
Bei der Suche nach den Gründen für solche Tendenzen wandte man
sich veränderten Bedingungen der Verausgabung und Wiederherstel-
lung der Arbeitskraft zu; Sicherung und Ausweitung der Reproduk-
tionsmöglichkeiten nahmen einen wachsenden Raum in der gewerk-
schaftlichen Diskussion und auch ansatzweise im praktischen Enga-
gement ein.
In der Kulturarbeit der Arbeiterorganisationen stehen Formen und
Bereiche im Vordergrund wie Schulung und Bildung, agitatorische
Genres und Methoden, Aufnahme von Elementen der "Jugendkultur"
(Beat, Rock, Folklore, Lied, Festivals, Motorradclubs), Feste,
Feiern und Kommunikation, Förderung aller Formen der Selbsttätig-
keit von den Thekenmannschaften bis zu den schreibenden Arbei-
tern. Selbst im Bereich künstlerisch-ästhetischer Produktion und
Rezeption in der Arbeiterklasse entwickelten sich Funktionsbezüge
und Wertungsprobleme, die - wie alle angeführten Tendenzen - die
Mängel unhistorischer und noch kulturkritisch beeinflußter Kul-
turauffassungen deutlich werden ließen; angeregt wurde eine Be-
schäftigung mit Kulturprozessen in der Arbeiterklasse, die stär-
ker die konkreten Bedingungen und Anforderungen berücksichtigt,
um reale Zielstellungen zu gewinnen.
Bewußtheit oder Selbstzweckhaftigkeit?
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In der Frage der Bewußtheit liegt der wesentliche Differenzpunkt
zu den Auffassungen von Haug, der die Elemente von Spontaneität
und Selbstzweckhaftigkeit im Kulturprozeß verabsolutiert. Er
greift die Marxsche Bemerkung zum "Reich der Freiheit" auf, das
charakterisiert sei durch menschliche "Kraftentwicklung, die sich
als Selbstzweck gilt" 16): Der Kulturaspekt in der menschlichen
Lebenstätigkeit liege immer dort, wo "sich Menschen als Selbst-
zweck setzen" (Haug), Haug will sich mit diesem "demokratischen
Begriff der Kultur 'von unten'" gegen elitär-bürgerliche Konzepte
wenden; primär ist seine Argumentation jedoch bestimmt durch die
Abgrenzung gegenüber einer Kulturauffassung, die bei der Bestim-
mung und Schaffung kultureller Entwicklungsmöglichkeiten und
-anforderungen für die Lohnarbeiter dem hier und heute verlangten
Maß an Bewußtheit, Organisiertheit und Arbeitsteiligkeit in der
sozialistischen Arbeiterbewegung Rechnung trägt. Haug attackiert
den Versuch, "von oben herab bestimmte Kulturstandards nach be-
stimmten Mustern zu propagieren" und so "das Verhalten der Arbei-
terklasse zu regeln", er wendet sich gegen "Administrationismus
und Edukationismus" sowie gegen die Instrumentalisierung der Kul-
tur durch ihre Gleichsetzung mit Ideologie. Leider bringt er da-
für keine Belege aus der Praxis; in diesem Fall könnte man kon-
kret argumentieren - sicher gab und gibt es Tendenzen und Verfah-
ren, denen gegenüber Haugs Einwände und die Betonung des sponta-
nen Elements in der Kulturentwicklung angebracht sind.
Sein Anspruch ist allerdings, nicht nur Korrekturen, sondern
einen eigenständigen Beitrag zur marxistischen Kulturtheorie zu
liefern. Was bringt sein Ansatz für die kulturwissenschaftliche
Forschung und für die kulturpolitische Orientierung der Arbeiter-
bewegung in ihrem Kampf gegen die staatsmonopolistische Kultur-
herrschaft? Haug erinnert uns an "die Marxsche Regel, nicht von
theoretischen Setzungen, sondern von der wirklichen Praxis der
Menschen auszugehen". In der Dialektik objektiver Handlungsanfor-
derungen und subjektiver Zielstellungen ist die Lebenstätigkeit
der Lohnarbeiter primär bestimmt durch die Notwendigkeiten des
Verkaufs, der Anwendung und Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft
für das Kapital - also nicht durch die Sinnvorstellungen und Per-
sönlichkeitsbedürfnisse der Individuen; auch die Anforderungen
der Interessenvertretung und des Kampfes zur Überwindung des Ka-
pitalverhältnisses folgen zunächst objektiven sozialen Gesetzmä-
ßigkeiten. Kann man da ausklammern, was in der so bestimmten Pra-
xis, bei der individuellen Bewältigung objektiver Anforderungen,
an Persönlichkeitsentwicklung stattfindet? Wie soll die Praxis im
Rahmen des Notwendigen gestaltet werden , um den Individuen opti-
male Entfaltung zu ermöglichen und abzuverlangen? Ist jenseits
subjektiver Zwecksetzung kulturelle Entwicklung unmöglich?
Schule, Ausbildung, Arbeitspraxis, Arbeitskämpfe können doch pro-
duktive Persönlichkeitsqualitäten vermitteln - auch wenn die In-
dividuen darin subjektiv zunächst keinen Sinn für sich selber se-
hen.
Haug zerreißt die reale Dialektik. Er greift einen Gedanken Marx'
zur kommunistischen Gesellschaft auf und entwickelt daraus als
Kriterium für wissenschaftliche Erfassung wie politische Behand-
lung aktueller Kulturprozesse - ihre Selbstzweckhaftigkeit. Ohne
Zweifel ist damit ein richtiger und wichtiger Aspekt der Kul-
turentwicklung aufgegriffen, für den unter der von Marx genannten
Voraussetzung "assoziierter Produzenten, ... (die) ihren Stoff-
wechsel mit der Natur rationell regeln" 17) - im Sozialis-
mus/Kommunismus also - zunehmend reale Voraussetzungen geschaffen
werden und der unter diesen Bedingungen an Bedeutung gewinnt.
An einer Stelle formuliert Haug die Dialektik von objektiven und
subjektiven Zwecksetzungen so, daß darin Platz ist für die Er-
kenntnis und Entwicklung der kulturellen Potenz in den sozialen
und politischen Aktivitäten engagierter Arbeiter: kulturelle
Zielstellung sei, dem Tun des Notwendigen Genuß und Befriedigung
für die Individuen abzugewinnen . Hier steht er ganz nahe bei Sè-
ves Konzept des - kämpferischen Lebens". 18) Der Bezug auf das
Notwendige als objektives Element kultureller Bewertung wird je-
doch verdrängt durch eine völlig subjektive Bestimmung des
Selbstzwecks: "Wir sollten den kulturellen Aspekt... u n m i t-
t e l b a r von den Lebenszwecken her bestimmen, wie die wirk-
lichen Menschen sie setzen" (Haug; Hervorhebung K.M.). Unter
denen, die Zwecke setzen, tauchen zwar auch die Organisationen
der Klassen und ihre Aktionen auf" aber ohne weitere Konsequenz.
Kultur beruhe "nicht... auf Einsicht in die Notwendigkeit", sie
sei erkennbar an der Abwehr äußerer Beeinflussungsversuche: "Das
Kulturelle ist das, was sich als das Nicht-Instrumentelle
auffaßt, was sogar als anti-instrumentell auftritt."
Die fatale Nähe zu bürgerlichen Konzeptionen von Kultur als dem
Zweckfreien, Spielerischen folgt aus der Mißachtung der materia-
listischen Grundeinsicht, daß Entfaltung, Genuß, Befriedigung der
Individuen stets vermittelt sind über die kooperative Sicherung,
Erweiterung und bewußte Regulierung des gesellschaftlichen Repro-
duktionsprozesses. Wie ist Haug anders zu verstehen, als daß er
Kultur allein aus der Entgegensetzung gegen solche äußeren Zweck-
setzungen, Notwendigkeiten und Instrumentalisierungen bestimmt?
Allerdings wird man Haug nicht ganz gerecht, wenn man nur auf der
Ebene kulturtheoretischer Fragestellungen argumentiert. Um die
geht es hier nicht; er nimmt polemisch Stellung zu kulturpoliti-
schen Kontroversen. Der rationale Kern seiner Thesen wird nämlich
deutlich, wenn man statt "Kultur" "Kunst" sagt (offensichtlich
sind Einwände gegen die Kunstpolitik kommunistischer Parteien der
reale Bezugspunkt). Die Wendung gegen Instrumentalisierung, Admi-
nistrationismus und Reduktion auf Ideologie bleibt allerdings ab-
strakt - und zur Begründung einer praktisch orientierten Kul-
turauffassung der Arbeiterklasse ist dieser Ansatz denkbar unge-
eignet.
Durchgängig polemisiert Haug auch gegen eine Analyse des Verhält-
nisses von Partei und Klasse, wie sie etwa in Lenins Feststellung
sich ausdrückt, es könne "von einer selbständigen, von den Arbei-
termassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideo-
logie keine Rede sein" 19); vielmehr kann ihnen wissenschaftli-
ches Klassenbewußtsein "nur von außen gebracht werden" - im Zu-
sammenwirken revolutionärer Kreise der Intelligenz mit Arbeiter-
Theoretikern und organisiert in die spontanen Entwicklungen hin-
eingetragen durch die wissenschaftlich geleitete Partei. 20) Für
die Kulturpolitik zumindest setzt Haug dem ein anderes Prinzip
entgegen: "Die kulturellen 'Wertungen' sind ein Vorgang im Leben
selbst, der Theoretiker kann nur analysieren, wie diese Prozesse
ablaufen oder warum sie in bestimmter Weise ablaufen oder bloc-
kiert sind; er kann dann... die Erkenntnis über den Zusammenhang
fördern und dadurch die Selbsttätigkeit unterstützen." Kulturpo-
litik der Arbeiterorganisationen heißt allein: "Pflegen und ent-
wickeln, was es an kulturellen Regungen der Massen gibt, den vor-
handenen Versuchen Echo geben, sie verallgemeinern und dadurch
anderes ermutigen" (Haug).
Richtig ist dieses Prinzip doch nur, insoweit man wissenschaftli-
che Maßstäbe für Auswahl und Förderung, für die Entwicklung ange-
messenen Bewußtseins der Selbsttätigen hat. Haug stellt fest, in
der Arbeiterklasse gebe es "ein Übergewicht von Verhaltensweisen,
die Resultat der Einwirkung der ideologischen Apparate des Impe-
rialismus sind"; sogar hier findet er Elemente von Selbstzweck-
haftigkeit: damit dieses Angebot wirksam wird, müsse es "von den
Adressaten ergriffen und 'selbst' angenommen werden". Können un-
ter diesen Voraussetzungen Selbsttätigkeit und Selbstzweckhaftig-
keit ohne Bezug auf die historischen Aufgaben der Arbeiterklasse
Maßstab für Förderung sein?
So richtig es ist, daß "die Kulturauffassung der Arbeiterklasse
aus der ständigen Auseinandersetzung der Arbeiter mit ihren Le-
bensbedingungen hervor(geht)" 21), so unverzichtbar ist auch, daß
sie als wissenschaftliche von Intellektuellen wie Marx und vielen
anderen, "also außerhalb der Lebensbedingungen der Klassenindivi-
duen" und in Weiterführung bisheriger Überbauentwicklungen ausge-
arbeitet wird. Eine präzise Untersuchung der Lebensbedingungen,
die die kulturelle Unterdrückung der Arbeiterklasse determinieren
und auch den Charakter spontan entstehender Zwecksetzungen im
Sinn der Herrschaft bürgerlicher Ideologie bestimmen, begründet
die Notwendigkeit einer Arbeitsteilung in der Entwicklung der
Kulturkonzeption der Arbeitetbewegung und die unverzichtbare
Rolle von Wissenschaftlern, die Lebensbedingungen und spontane
Selbstverständigung der Massen mit der Erkenntnis der objektiven
gesellschaftlichen Bewegungsgesetze vermitteln - um die Selbsttä-
tigkeit bewußter zu gestalten. Haug versteht derartige Aussagen
offensichtlich nicht als das, was sie sind, als historische Ana-
lysen, sondern als technokratische Zielstellung einer intellektu-
ellen Schicht. Wenn er dagegen heute eine Qualität spontaner
Selbsttätigkeit voraussetzt, die erst über die von ihm angegrif-
fene Praxis herzustellen ist, verkennt er die wirkliche Dialektik
kultureller Befreiung der Arbeiterklasse: es setzen nämlich "die
gegenwärtig herrschenden Formen der Volkskultur, die zugleich
Auswirkung der Klassenherrschaft und der Reaktion auf diese Herr-
schaft sind, für die Klassen des Volkes die gegenwärtig unüber-
windbaren kulturellen Grenzen der revolutionären Veränderung der
Praktiken, die morgen die Überwindung dieser Grenzen ermöglichen
wird". 22)
Ist es denn gefährliche Instrumentalisierung von kultureller
Selbsttätigkeit, wenn die brennendsten sozialen Probleme der
Lohnarbeiter (Arbeitslosigkeit, Krise, Rationalisierung) zum
Grundthema der Ruhrfestspiele 1978 und zum Inhalt für künstleri-
sche Produktionsaufträge gemacht werden? Und ist es wirklich im-
mer "praktisch eine Tat gegen die Konzerne", "wenn irgendeiner
eine Gitarre in die Hand nimmt und Lieder dazu macht" (Haug) -
auch wenn er das Drogenparadies besingt oder der in der Arbeiter-
klasse noch vorherrschenden "Orientierung aufs Private" (Haug)
folgt? Ist nicht die genauere Bestimmung der inneren Widersprüch-
lichkeit solcher Selbsttätigkeit ertragreicher als ihre Fetischi-
sierung?
Das Konzept der Kultur als des Selbstzweckhaften erweist sich als
äußerst mißverständlich; es tendiert dazu, Kultur aus den Klas-
senkämpfen unserer Tage herauszulösen, Bewußtheit und Organi-
siertheit als grundlegende Tendenzen der Kultur der Arbeiter-
klasse "in sozialistischer Perspektive" (Haug) auszuklammern und
die Untersuchung der realen Entwicklungsbedingungen der Proleta-
rier durch die Beschwörung der abstrakten Wahrheit zu ersetzen,
daß die Massen das historische Subjekt seien (Haug).
Ich habe aus Haugs Überlegungen das Problematische herausgegrif-
fen. Bei allen Einwänden bleibt konstruktiv die Aufforderung, in
der weiteren Diskussion der Kulturauffassung der Arbeiterklasse
die Dialektik von Notwendigem und Selbstzweckhaftem, Bewußtem und
Spontanem genauer zu bestimmen. Das erfordert, die Kategorien und
Methoden so auf die wirklichen Prozesse bei den Menschen, vor al-
lem in der Arbeiterklasse, zu beziehen, daß sie uns helfen, hier
alle Tendenzen individueller produktiver Entfaltung und kollekti-
ver Befreiung zu erkennen und zu fördern.
_____
*) Dieser Aufsatz bezieht sich auf den Stand der Diskussion im
Oktober 1977. Die seither geführten Diskussionen haben zu einer
Weiterentwicklung der jeweiligen Position geführt; daher muß noch
stärker als bei der Abfassung des Artikels betont werden, daß ich
hier einzig und allein einige mir problematisch erscheinende Im-
plikationen in Thesen von Haug, Hillgärtner und Metscher zuspit-
zend herausgearbeitet habe. Im Bewußtsein der Vorläufigkeit des
eigenen Ansatzes verspreche ich mir von dieser Betonung von Dif-
ferenzen Anstöße für eine produktive Debatte.
1) Rüdiger Hillgärtner, Anmerkungen zum materialistischen Kultur-
begriff; Thomas Metscher, Kultur und Humanität; Wolfgang Fritz
Haug, Zu einigen Problemen der Diskussion über die Kultur der Ar-
beiterklasse; Kaspar Maase, Arbeiterklasse, Reproduktion und Kul-
tur im heutigen Kapitalismus. Allein: Institut für Marxistische
Studien und Forschungen (Hrg.), Kulturelle Bedürfnisse der Arbei-
terklasse, München 1978, Damnitz-Verlag.
2) Zum Status der "Manuskripte" im Begründungszusammenhang histo-
risch-materialistischer Persönlichkeitstheorie vgl. Lucien Sève,
Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt am Main 1972,
S. 61 ff.
3) Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr
1844, in: Marx/Engels, Werke, Ergänzungsband l, S. 517.
4) Karl-Heinz Braun, Kritische Psychologie als materialistische
Persönlichkeitstheorie, in: Marxistische Blätter, 15, 1976, 2, S.
77.
5) Irene Dölling, Kulturtheorie als angewandter historischer Ma-
terialismus, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 23, 1975,
3, S. 448.
6) Dietrich Mühlberg, Zur marxistischen Auffassung der Kulturge-
schichte, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12, 1964, 12.
7) Karl Marx, Das Kapital. 1. Band, in: Marx/Engels, Werke Bd.
23, S. 512. Auf die Differenzen zwischen verschiedenen Überlegun-
gen Marx', gegründet in unterschiedlichen Perspektiven der Ent-
wicklung der Arbeit, weist Agnes Heller, Theorie der Bedürfnisse
bei Marx, Westberlin 1976, v.a. S. 121 ff. hin.
8) Lucien Sève, a.a.O., S. 141.
9) Diskutiert wird hier nicht die aktuelle Bedeutung humanisti-
scher Ideale in der Entwicklung von Kunst und Philosophie, ihre
Rolle als Ansatzpunkt für die Stärkung antiimperialistischer Ten-
denzen der künstlerisch-ideologischen Entwicklung im breitestmög-
lichen Bündnis mit demokratisch und humanistisch orientierten
geistigen Produzenten. Keinesfalls geht es darum, Elemente der
Lebensweise der Arbeiterklasse hier und heute als Ziel jeder wei-
teten Entwicklung der Kultur des Proletatiats zu fetischisieren
und gar noch der Praxis in anderen sozialen Schichten und auf an-
deren Feldern geistiger Produktion als Norm aufzuzwingen - die
Rezeption von Kunstwerken bei "den Arbeitern" zum alleinigen
Wertmaßstab zu ernennen oder ähnlichen Schwachsinn zu fordern. Es
geht um die historisch-materialistische Analyse des sozialen Cha-
rakters von Kulturauffassungen, ihrer Entstehungs- und Wirkungs-
bedingungen. Dabei stehen die Fragen im Vordergrund, die sich für
die Entwicklung der Kulturauffassung der Arbeiterklasse stellen -
nicht als Proletkult-Nostalgie und nicht, "weil die Arbeiter-
klasse halt die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht", sondern als
methodische Konsequenz aus der marxistischen Erkenntnis, daß in
der Arbeits- und Lebensweise des Proletariats, das die hochent-
wickelte kapitalistische Großproduktion meistert, grundlegende
Entwicklungslinien, Voraussetzungen und Prinzipien der neuen, von
diesen Produzenten in ihrem Interesse bestimmten sozialen Ordnung
sich herausbilden. Wie Marx zugespitzt formuliert hat: Die Arbei-
terklasse "weiß, daß, um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene
höhre Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesell-
schaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich
entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse , lange Kämpfe, eine
ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch
welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden.
Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente
der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im
Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt ha-
ben". (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Marx/Engels,
Werke Bd. 17, S. 434.)
10) Lothar Parade, Die historische Mission der Arbeiterklasse und
die marxistisch-leninistische Kulturauffassung, in: Weimarer Bei-
träge 22, 1976, 4.
11) Vgl. Michel Verret, Über die Arbeiterkultur, in: Marxismus
Digest 31, 1977, "Kultur der Arbeiterklasse"; Renate Karolewski,
Gesellschaftlicher Reproduktionsprozeß und Kultur, in: ebenda.
12) Lothar Parade, a. a. O., S. 11, 112.
13) Ebenda.
14) Vgl. dazu Kaspar Maase, a.a.O.
15) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen
Partei, in: Marx/Engels, Werke Bd. 4, S. 482.
16) Karl Marx, Das Kapital. 3. Bd., in: Marx/Engels, Werke Bd.
25, S. 828.
17) Ebenda.
18) Lucien Sève, a.a.O., S. 384 f.
19) W.I. Lenin, Was tun? In: W.I. Lenin, Werke Bd. 5, S. 395.
20) Vgl. ebenda, S. 385 f., 395.
21) Dietrich Mühlberg, Zur weiteren Ausarbeitung unserer wissen-
schaftlichen Kulturauffassung, in: Weimarer Beiträge 23, 1977, 7,
S. 153.
22) Michel Verret, a.a.O., S. 88.
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