Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 01/1978
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FRAUEMEMANZIPATION UND WIRTSCHAFTSKRISE IN DER BRD
Ingeborg Nödinger
1. Frauenfrage und Feminismus - 2. Frauen unter dem Druck der ka-
pitalistischen Krise - 3. Frauenemanzipation und Arbeiterbewegung
Dieser Beitrag will auf einige Probleme und Fakten der Lage der
Frauen in der BRD aufmerksam machen, die im Zusammenhang mit der
krisenhaften Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre stehen. Das
Schwergewicht liegt dabei auf jenen Fragen, die die Stellung der
Frauen im Prozeß der gesellschaftlichen Arbeit betreffen. Damit
wird nicht nur die Untersuchung der Arbeitsbedingungen und der
sozialen Lage der Frauen der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt
gerückt, sondern auch die Grundfrage der Emanzipationsbestrebun-
gen der Frauen unter den konkreten Bedingungen der BRD angespro-
chen.
Der letztere Gesichtspunkt erscheint uns deshalb bedeutsam, weil
die theoretischen Grundpositionen und die davon beeinflußten po-
litischen Strategien im Rahmen der fortschrittlichen Frauenbewe-
gungen der BRD uneinheitlich und zum Teil gegensätzlich sind.
Eine soziologische Ursache dafür ist das relativ starke Gewicht
der Frauen aus den Mittelschichten im aktiven Kern dieser Bewe-
gung. Deshalb wird der faktenmäßigen Darstellung der Frauensitua-
tion in Abschnitt 2 die Auseinandersetzung mit einigen in der
Frauenbewegung wirksamen feministischen Positionen vorangestellt.
In Abschnitt 3 soll kurz auf den Zusammenhang von Frauenbewegung
und Arbeiterbewegung in der BRD eingegangen werden.
1. Frauenfrage und Feminismus
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Die Stellung der Frau in der Gesellschaft der BRD ist deshalb
eine 'Frage', weil sie durch faktische Ungleichheit gegenüber der
gesellschaftlichen Stellung des Mannes gekennzeichnet ist. Somit
setzt sich in der BRD die patriarchalische Prägung der Klassenge-
sellschaft fort. Das Streben nach realer Gleichstellung und
Gleichberechtigung ist deshalb der Grundantrieb der Frauenemanzi-
pationsbewegung. Weil jedoch patriarchalische Strukturen unmit-
telbar mit dem Privateigentum und damit mit antagonistischen
Klassenverhältnissen verbunden sind, kann die Frauenfrage nicht
losgelöst von der Eigentums- und Klassenfrage gestellt und nicht
isoliert von der grundlegenden Umgestaltung und Überwindung der
auf kapitalistischem Privateigentum beruhenden Gesellschaftsord-
nung gelöst werden. Nach Auffassung der modernen Arbeiterbewegung
ist deshalb die Frauenfrage ein Teil der sozialen Frage und
gleichzeitig Indiz für den Entwicklungsgrad der Gesellschaft.
Auch heute ist die Stellung zur Erwerbstätigkeit der Frau im Ka-
pitalismus ein zentrales Problem der Frauenbewegung. Die histo-
risch-materialistische Betrachtungsweise sieht in der Art und
Weise der Produktion und der dadurch bedingten Stellung der Men-
schen in der gesellschaftlichen Produktion - oder im weiteten
Sinne in der gesellschaftlichen Arbeit - die Grundlage für die
gesellschaftlichen Verhältnisse und damit die gesellschaftliche
Stellung der großen Menschengruppen als Klassen oder andere so-
ziale Gruppen. Dieser Ausgangspunkt gilt auch für die Untersu-
chung der spezifischen Stellung und Situation der Frauen. Frei-
lich ergibt sich schon daraus, daß die Diskriminierung der Frau
im Rahmen ihrer Stellung in verschiedenen Klassen und sozialen
Schichten, also in verschiedenen Reproduktions- und Aneignungszu-
sammenhängen, eine unterschiedliche Ausprägung erhält. Dies gilt
nicht erst für die kapitalistische Gesellschaft.
Charakteristisch für die kapitalistische Produktion - im weiteren
Sinn für die Wirtschaft im Kapitalismus - ist, daß die Produktion
in gesellschaftliche Produktion verwandelt, die Grundlage der in-
dividuellen Privatwirtschaft gesprengt und diese an den Rand ge-
drängt wird. Damit entsteht aber wieder in größerem Maßstab die
Möglichkeit - und vom Standpunkt der Entwicklung der kapitalisti-
schen Industrie die Notwendigkeit ", die Frauen massenhaft in die
gesellschaftliche Produktion und den Prozeß der gesellschaftli-
chen Arbeit einzubeziehen. Es entstehen damit materielle Grundla-
gen für die Veränderung der gesellschaftlichen Stellung der
Frauen. Die Frauenfrage wird damit zu einem Massenproblem und
nicht mehr nur das Problem von Gruppen und Personen der privile-
gierten Klassen. Von der Sache her verknüpfen sich die Emanzipa-
tionsbestrebungen der Frauen mit dem Kampf der Arbeiterklasse um
ihre Emanzipation, mit dem die Emanzipation der Menschheit zusam-
menfällt. Auch heute ist diese Verknüpfung offensichtlich, denn
der Kampf gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Ar-
beiterklasse betrifft auch unmittelbar die Emanzipationsbedingun-
gen der Frauen.
Welche Lösungsansätze werden von feministischen Gruppierungen
heute angeboten? Beispielhaft können hier die Parolen
'Verweigerung der Arbeit' und 'Lohn für Hausarbeit' genannt wer-
den. Mit ihnen wollen wir uns beschäftigen. Wenn nach unserer An-
sicht diese Parolen auch in die Irre führen und vom Standpunkt
der Arbeiterbewegung nicht zu akzeptieren sind - vor allem weil
sie an der Realität der Frauen der Arbeiterklasse in der BRD
vorbeigehen -, so ergibt sich gerade daraus die Notwendigkeit,
diese Positionen im Rahmen der Frauenbewegung zu diskutieren und,
trotz unterschiedlicher Position der verschiedenen Gruppierungen,
um gemeinsame aktuelle Aktionsziele und Aktionen zu ringen.
Die unzutreffende Bestimmung der Geschlechterfrage und ihre Iso-
lierung von der sozialen Problematik ist kein neues Phänomen. Die
feministische Bewegung von heute schleppt in dieser Hinsicht nur
theoretisch längst abgestreiften Ballast der Vergangenheit mit.
Als zeitgenössische Exponentin kann Simone de Beauvoir angesehen
werden. Nicht einmal parallel zum Klassenkampf soll der Ge-
schlechtetkampf geführt werden, wie Simone de Beauvoir fordrte
1), die den Widerspruch Frau / Mann als genauso wesentlich wie
alle anderen Widersprüche bezeichnete. 2) "Der Feminismus geht
grundsätzlich alle gesellschaftlichen Widersprüche tiefer und um-
fassender an." "Klassenfragen stellen einen Unterpunkt im umfas-
senden feministischen Kampf gegen die patriarchale Weltordnung
dar." 3)
Auf dem Hintergrund des Kampfes gegen das Patriarchat, das alle
Gesellschaftsordnungen überdauere, entstand die radikale Losung
der Verweigerung der Arbeit. "Wir wollen nicht das 'Recht auf Ar-
beit', denn wir arbeiten schon die ganze Zeit." 4) Jede Frau - ob
berufstätig oder nicht - sei in erster Linie Hausfrau. Im Hin-
blick auf die tatsächlich von der Mehrzahl der Frauen zu bewälti-
gende "zweite Schicht" der Hausarbeit nach der Berufsarbeit wird
die These aufgestellt, der Kampf um die Befreiung der Frau habe
vom Haushalt auszugehen.
Vor der "Zwangs-"Alternative der Berufstätigkeit wird gewarnt,
erstens wegen der in Kauf zu nehmenden Doppelbelastung 5), zwei-
tens da Erwerbsarbeit unter kapitalistischen Bedingungen keines-
wegs schöpferischer Arbeit mit der Möglichkeit der Selbstverwirk-
lichung entspricht und "eine derart unmittelbare Instrumentali-
sierung... auf den ausschließlichen Zweck der Verbesserung beruf-
licher Leistungsorientierung" die "produktiven, lebendigen
Aspekte" der Frauenbefreiung ignoriere. 6)
Der marxistischen Position wird die simple Ineinssetzung von Be-
rufstätigkeit und Emanzipation zugeschrieben. Die Unterstellung
eines solchen gedanklichen Automatismus bedeutet nichts anderes,
als vom Sinn des Satzes abzusehen: Die Berufstätigkeit der Frau
ist V o r a u s s e t z n g für ihre Emanzipation.
Wir wenden uns an diesem Punkt nochmals der Rolle der Teilnahme
am Prozeß der gesellschaftlichen Arbeit für die Entwicklung des
Menschen zu. Selbstverständlich ist auch die Tätigkeit im Haus-
halt, im Rahmen der Reproduktionseinheit Familie, im weiteren
Sinne Arbeit. Aber sie ist isolierte private Tätigkeit, sie ist
nicht unmittelbare Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß.
Sie isoliert das Individuum vom gesellschaftlichen Prozeß, an-
statt es mit ihm zu verbinden; sie schließt es von Produktion und
Verteilung aus und bindet es nur über die Zirkulation und Konsum-
tion an den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß.
Arbeit ist "die erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens,
und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinne sagen
müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen". 7) Der Mensch
produziert nicht nur Gegenstände, er produziert zugleich die Ver-
hältnisse, in denen er mit anderen Menschen zusammenlebt, wenn-
gleich ihm das nicht immer bewußt ist. - Die Menschen haben Ge-
schichte, weil sie ihr Leben produzieren müssen..." 8) Frauen da-
von abbringen zu wollen, berufstätig zu sein, bedeutet in der
Konsequenz, ihnen die Möglichkeit zu verwehren, Geschichte zu ma-
chen. Ihnen die Teilnahme an der gesellschaftlichen Arbeit zu
verweigern, heißt letztlich Einschränkung ihrer Entfaltung als
Menschen.
Die praktische Seite der Erwerbstätigkeit ist die Aufhebung des
für die Frau entwürdigenden Umstandes, bloßes ökonomisches An-
hängsel des Mannes zu sein. Die Erwerbstätigkeit befreit die
Frauen darüber hinaus von ihrer Isolierung 'am heimischen Herd'
und bringt sie mit Frauen und Männern gleicher Lage und Situation
in Kontakt. Sie ermöglicht den Anschluß an die Organisationen der
Arbeiterklasse, weitet ihren geistigen Gesichtskreis und fördert
die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und an den Pro-
zessen und Bewegungen zur Veränderung der Gesellschaft. Marxisten
haben jedoch nie geleugnet, daß Frauen den Ausbeutungs- und Herr-
schaftsverhältnissen der kapitalistischen Lohnarbeit in beson-
derem Maße unterworfen sind. Selbst dann, wenn die Arbeit sich
nur als äußerer Zwang und dementsprechend die Nichtarbeit als
Freiheit darstellt, ist die Frauenarbeit aber als wichtiger
Schritt ihrer Emanzipation zu unterstützen.
Die Unterbezahlung der Frau ist nach Meinung der Feministinnen in
ihrem Status als Geschlechtswesen begründet. Entscheidend für
niedrigere Bezahlung ist jedoch der Umstand, daß die Mehrarbeit -
bei gleicher Qualifikation und Leistungsfähigkeit - um so größer
ausfällt, je niedriger der Anteil der notwendigen Arbeit ist, der
für den Gegenwert des Lohnes geleistet werden muß - oder: je ge-
ringer der Lohn ist. Das Kapital tendiert aus seinen fundamenta-
len Interessen heraus danach, all jene Momente zu verewigen, die
den Lohn herabdrücken. Es strebt hauptsächlich aus diesem Grunde
danach, die Diskriminierung der Frau zu befestigen.
Die Forderung nach Lohn für Hausarbeit verwechselt die Variante
mit der Alternative. Sie verewigt - konsequent zu Ende gedacht -
die alte Trennung der Geschlechter in das Privatwesen Frau und
das öffentliche Wesen Mann. Diese Forderung kann nur als Lösungs-
weg angesehen werden, wenn zwischen häuslicher Privatarbeit und
Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß nicht unterschieden
wird. Aus den schon genannten Gründen zielen demgegenüber die
Forderungen und Vorstellungen der Arbeiterbewegung darauf ab, die
Frauen von der Bürde der Hausarbeit weitgehend zu entbinden, in-
dem diese in öffentliche Industrien und Dienstleistungen verwan-
delt wird. Dies schließt allerdings nicht aus, unter den gegen-
wärtigen Umständen in der Gleichbewertung der Hausarbeit - z.B.
bei Scheidungs-, Sterbe-, Rentenfällen - einen wichtigen Schritt
der materiellen Absicherung zu sehen.
Die genannten Forderungen der feministischen Gruppen der Frauen-
bewegung ignorieren die wesentlichen Gesichtspunkte der Situation
von Lohnarbeiterfamilien. Gerade die Frauen aus diesen Familien -
besonders jene der jüngeren und mittleren Generation - sind unter
den heutigen Bedingungen zur Sicherung eines normalen Reprodukti-
onsstandards auf die Erwerbstätigkeit angewiesen. Aber sie über-
gehen auch die Bestrebungen jener wachsenden Frauengruppe, die
als Alleinstehende auf die Erwerbstätigkeit angewiesen sind ödet
in eigenen Erwerbseinkommen die Grundlage ihrer finanziellen Un-
abhängigkeit vom Mann sehen.
Die Ähnlichkeit dieser Forderungen mit den Scheinalternativen der
CDU/CSU müßte die Feministinnen eigentlich nachdenklich machen.
Diese Partei verspricht den Frauen ein Erziehungsgeld, wenn sie
sich verpflichten, aus der Erwerbstätigkeit auszuscheiden. Der
Traditionsbereich der drei 'K' (Kinder, Küche, Kirche) soll damit
wieder attraktiv gemacht werden. Das Erziehungsgeld ist, so heißt
es, "für die CDU in erster Linie eine familienpolitische Maß-
nahme. Sie ist bereits seit Jahren sehr dringlich. Der arbeits-
marktpolitische Entlastungseffekt läßt den gegenwärtigen Zeit-
punkt für die Einführung des Erziehungsgeldes jedoch als beson-
ders günstig erscheinen." 9) Dabei sind die finanziellen Anreize
zum Eintritt in die industrielle Reservearmee - abgesehen von Mo-
dellversuchen - noch nicht einmal real, da die Forderung nach Er-
ziehungsgeld immer auch auf dem Hintergrund gesehen werden muß,
daß die CDU/CSU seinerzeit die Einführung des Babyjahres verhin-
dert hat.
Es ist in diesem Artikel nicht der Platz, besonders darauf ein-
zugehen, daß die Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschafts-
krise, die 1973/74 offen ausbrach, bis in die Gegenwart die Si-
tuation der Arbeiterklasse insgesamt verschlechtert haben. Die
Krisenerscheinungen reichen in alle Bereiche des menschlichen Le-
bens hinein. Zu den verschärften Existenzbedingungen, die sich
ausdrücken in sozialer Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, Kurzar-
beit, in der ständigen Verteuerung der Lebenshaltungskosten - und
die beide Geschlechter gleichermaßen betreffen - kommen die im
kapitalistischen System begründeten Diskriminierungen und Benach-
teiligungen, denen die Frauen ausgesetzt sind.
Diese besondere Diskriminierung soll im folgenden Abschnitt be-
trachtet werden. 10) Zeigt sich bei den verschiedenen Problemfel-
dern eine besondere Betroffenheit der Frauen , dann ist dies
gleichzeitig der Beweis für die diskriminierte Stellung der Frau
in der Gesellschaft der BRD.
2. Frauen unter dem Druck der kapitalistischen Krise
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Die Frauenarbeitslosigkeit
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Frauen sind überproportional von der A r b e i t s l o s i g-
k e i t als einer der einschneidendsten Auswirkungen der kapi-
talistischen Krise betroffen. Obgleich Frauen nur etwas mehr als
ein Drittel der Erwerbstätigen stellen, erreichte ihr Anteil an
den Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 1977 50%, d.h. jeder
zweite Arbeitslose in der BRD ist eine Frau. Auch der Anteil der
arbeitslosen Frauen an den Erwerbstätigen, die spezifische Ar-
beitslosenquote, stieg seit Jahresende 1974 kontinuierlich an: Im
Oktober 1977 übertraf sie die der Männer um 94%. Die offiziellen
Zahlen vermitteln jedoch nur ein höchst unvollständiges Bild von
der Betroffenheit der weiblichen Erwerbspersonen, da sie darüber
hinaus noch den größten Teil der sogenannten "stillen Reserve"
stellen. So veranschlagt H. Däubler-Gmelin den Anteil der arbeit-
losen Frauen an allen Arbeitslosen unter Berücksichtigung der
"stillen Reserve" auf 60%.
Die nachstehend geschilderten Ursachen der überproportional hohen
Frauenarbeitslosigkeit unterscheiden sich prinzipiell nicht vom
allgemeinen Mechanismus der Freisetzung von Lohnarbeitern aus dem
kapitalistischen Produktionsprozeß. Sie werfen jedoch ein Licht
auf die Tatsache, daß Frauen infolge ihrer diskriminierten Stel-
lung in Wirtschaft und Gesellschaft in erhöhtem Maße anfällig für
die Folgen der Krise und überproportional ihre Opfer sind. Und
nur so kann ihnen im Profitkalkül der Unternehmer in besonderem
Maße die Funktion einer flexiblen und beliebig einzusetzenden Ar-
beitsmarktreserve zukommen. Zu den spezifischen Ursachen der
Frauenarbeitslosigkeit gehören:
- Die hohe Konzentration der erwerbstätigen Frauen auf nur wenige
Berufe (75% aller Mädchen, die eine Lehre absolvieren, lassen
sich in nur 16 von insgesamt 500 Berufen ausbilden) und wenige
Wirtschaftszweige und der damit verbundene mitunter bis zu 90%
reichende Frauenanteil an den Beschäftigten begünstigen eine ver-
stärkte Frauenarbeitslosigkeit.
- Die typischen Frauenberufe gehören größtenteils Branchen an,
die sich in Strukturkrisen befinden: Textil- und Bekleidungsindu-
strie, Leder- und Schuhindustrie, Einzelhandel, und in jüngster
Zeit verschiedene Bereiche des Dienstleistungssektors. Die seit
Anfang der siebziger Jahre verstärkt einsetzende Rationalisierung
sowie der verstärkte Kapitalexport haben - unabhängig vom jetzi-
gen Krisenzyklus - Zigtausende von Arbeitsplätzen beseitigt.
- In den von Krisen betroffenen Branchen finden umfangreiche Kon-
zentrationsprozesse statt, die verstärkt mittlere und kleinere
Unternehmen beseitigen. Da sich die erwerbstätigen Frauen vor al-
lem auf diese Betriebsgrößen verteilen, verstärkt dies die Frau-
enarbeitslosigkeit.
- Industrien mit hohem Frauenanteil sind häufig in ländlichen Ge-
bieten angesiedelt, die eine einseitige Wirtschaftsstruktur vor-
weisen. Arbeitslose Frauen finden hier keine alternativen Be-
schäftigungsmöglichkeiten, ihre Mobilität ist jedoch aufgrund der
familiären Verantwortlichkeiten stark eingeschränkt.
- Frauen können vielfach nur eine kurzzeitige Betriebszugehörig-
keit vorweisen. Im Unterschied zur Stammbelegschaft, der notfalls
Kurzarbeit aufgezwungen wird, werden Frauen zuerst entlassen. Die
Stammbelegschaft wird möglichst erhalten und für die niedriger
qualifizierte Tätigkeit der verbliebene männliche Kollege einge-
setzt.
- Die Konjunkturabhängigkeit von Teilzeitarbeit erhöht das Ar-
beitsplatzrisiko. Sie fällt als erste den Rationalisierungsmaß-
nahmen und konjunkturellen Sparmaßnahmen zum Opfer.
- Nicht zuletzt spielt der geringere gewerkschaftliche Organisa-
tionsgrad von Frauen eine Rolle in den Entscheidungen der Unter-
nehmer. Frauen verfügen über weniger Kampferfahrung und
-bereitschaft in sozial- und tarifpolitischen Auseinandersetzun-
gen, sie sind weniger über ihre Rechte informiert. Aufgrund tra-
dierten Rollenverhaltens tendieren arbeitslos gewordene Frauen
weniger dazu, sich gegen ihre Einbeziehung in die "stille Reser-
vearmee" zur Wehr zu setzen. Oftmals melden sie sich nicht einmal
arbeitslos.
Auch für die kommenden Jahre sind Veränderungen nicht abzusehen.
Berechnungen des Ifo-Institutes ergaben, daß mit jährlichen wirt-
schaftlichen Wachstumsraten von 6% die Arbeitslosenquote auf 2%
reduziert werden könnte. Aber für die BRD sind solche Wachstums-
raten unrealistisch.
Die Kette 'Minderqualifikation - unterprivilegierte Stellung -
besondere Arbeitsplatzgefährdung und Krisenanfälligkeit' wird zum
fatalen Kreislauf und baut für all diejenigen Frauen nahezu un-
überwindliche Barrieren auf, die durch ihre Erwerbstätigkeit ihre
wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung verbessern wollen.
Die besondere Betroffenheit der Frauen durch die krisenhafte Ent-
wicklung ist keineswegs eine Besonderheit der BRD, obgleich diese
auch hier zur "Spitzengruppe" gehört. OECD-Prognosen gehen für
die nächsten Jahre von einer weiteren Verschärfung der Beschäfti-
gungsprobleme der Frauen aus.
Die Betroffenheit der Arbeiterinnen
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Arbeiterinnen sind in besonderem Maße von zyklischen und struktu-
rellen Krisen der kapitalistischen Wirtschaft betroffen. Die mas-
sive Freisetzung von Arbeiterinnen durch Kapitalkonzentration und
-export sowie intensivierte Rationalisierung und Stillegung von
Produktionsbereichen entspricht einer Gesetzmäßigkeit kapitali-
stischer Krisenentwicklung: Bei Ausbruch der Krise werden zuerst
die "unqualifizierten" und "weniger leistungsfähigen" Arbeits-
kräfte entlassen. In Zeiten der Hochkonjunktur, in denen der Pro-
duktionsapparat vor allem durch Arbeitskräfte erweitert wird,
werden Arbeiterinnen als billige Lückenfüller angeworben; sie
werden dann in der Krise als erste, insbesondere wegen
"zusätzlicher geschlechtsspezifischer Kosten", wieder entlassen.
Ein wichtiger Effekt gerade der Freisetzung der Arbeiterinnen be-
steht in der Dequalifikationstendenz für männliche Arbeitskräfte.
So werden in der Krise Facharbeiter zwar im Betrieb behalten, sie
müssen dann jedoch die un- oder angelernten Tätigkeiten ihrer
ehemaligen Kolleginnen übernehmen.
1976 betrug der Anteil der Arbeiterinnen an den abhängig Er-
werbstätigen 13,2%, bezogen auf die abhängig erwerbstätigen
Frauen 33,9%. 1977 stellten sie 47,1% aller arbeitslosen Frauen,
die Arbeitslosenquote für Arbeiterinnen lag mit 6,9% noch über
der Arbeitslosenquote aller Frauen mit 6,2%.
I n d u s t r i e a r b e i t e r i n n e n sind in der Mehrzahl
in Branchen beschäftigt, in denen das Beschäftigungs- und Ar-
beitsplatzrisiko aufgrund fortschreitender Rationalisierung und
(Teil-) Automatisierung vergleichsweise hoch ist.
Industriearbeiterinnen sind in der Mehrzahl in sogenannten
Schrumpfbranchen wie Leder-, Schuh-, Textil-, Bekleidungsindu-
strie sowie Feinkeramik beschäftigt. Betriebsverlagerungen in
Niedrig-Lohn-Länder und erweiterte Rationalisierung (z.T. mit
Hilfe staatlicher Subventionen) hatten zur Folge, daß z.B. in der
Textilindustrie von 1970 bis 1975 jeder vierte Arbeitsplatz abge-
baut wurde. Dabei handelte es sich gerade um Arbeitsplätze von
Frauen, und zwar in der gleichen Industriebranche, in der 1976
91,4% aller Arbeitslosen ohne Berufsausbildung Frauen waren. Für
die Zukunft wird gerade in der Textil- und Bekleidungsindustrie
mit einem Verlust von 1,5 Millionen Arbeitsplätzen gerechnet.
Arbeiterinnen - wie alle erwerbstätigen Frauen - konzentrieren
sich auf wenige Wirtschaftszweige. Im produzierenden Gewerbe
stellen weibliche Arbeiter 29,5% aller dort beschäftigen Arbei-
ter. Erheblich höher aber als die Beschäftigungsquote ist die Ar-
beitslosenquote der Frauen in diesem Wirtschaftszweig. Sie betrug
im Mai 1977 50,3%, bezogen auf alle arbeitslosen Arbeiter dieses
Bereiches.
Über drei Viertel (76,7%) aller Arbeiterinnen in der verarbeiten-
den Industrie verteilen sich auf 10 von 38 Industriebranchen. Na-
hezu die Hälfte konzentriert sich auf drei Branchen: elektrotech-
nische Industrie 20%, Textilindustrie 13,3%, Bekleidungsindustrie
10,5%. Aber auch nahezu die Hälfte der arbeitslosen Frauen kommt
aus den drei genannten Branchen: elektrotechnische Industrie
17,3%, Bekleidungsindustrie 13,3% und Textilindustrie 13,3%.
Die Arbeitslosigkeit von Frauen ist gerade in solchen Gruppen
überproportional hoch, die die höchsten Frauenanteile aufweisen.
So stellten im Mai 1976 Frauen 78% aller Erwerbstätigen in der
Bekleidungs- und Textilindustrie, im Januar 1977 stellten sie 90%
aller Arbeitslosen in diesem Sektor.
Überrepräsentiert sind arbeitslose Frauen ebenfalls in sogenann-
ten "Männerberufen". So betrug beispielsweise in der Gruppe der
Metallerzeuger und -bearbeiter mit einem Arbeiterinnenanteil von
11% der Anteil der weiblichen Arbeitslosen 20%.
Eine Ausnahme bildete die Gruppe "Hilfsarbeiter ohne nähere Tä-
tigkeitsangabe". Hier war der Anteil der arbeitslosen Frauen mit
33% niedriger als der Frauenanteil an den Beschäftigten mit 39%.
Der Vergleich von Frauenanteilen in bestimmten Berufsgruppen mit
den statistisch ausgewiesenen offenen Stellen ergibt ähnliche
Verhältnisse.
Frauen mit und ohne Hauptschulabschluß stellten mit 78% im Mai
1977 den größten Anteil der arbeitslosen Frauen. 62% der arbeits-
losen Frauen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Der An-
teil der Frauen an den Facharbeitern entwickelte sich rückläufig:
1970 9,5% und 1974 9,3%.
Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit betrug im Mai
1977 1 bis 3 Monate, bei Arbeiterinnen betrug sie dagegen 6 bis
12 Monate. Im Vergleich zum Vorjahr hatte die Gruppe der Arbeite-
rinnen, die zwei Jahre und länger arbeitslos sind, um 114% zuge-
nommen. In der Betroffenheit nach dem Alter ragen zwei Gruppen
von Frauen besonders hervor: In der Altersgruppe unter 20 Jahren
hat die Zahl der arbeitslosen Arbeiterinnen vom Mai 1970 bis Mai
1977 am stärksten zugenommen; die Gruppe der 55- bis 60jährigen
Arbeiterinnen verzeichnete von 1976 bis 1977 eine Zunahme von
19%.
Die Arbeitslosigkeit weiblicher Angestellter
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Die w e i b l i c h e n A n g e s t e l l t e n sind mit etwa
4 Millionen die größte Gruppe der weiblichen Beschäftigten. Sie
machen etwa die Hälfte aller Angestellten aus. Der Frauenanteil
ist dort besonders hoch, wo die Angestellten die Basisfunktionen
wahrnehmen, z.B. im Handel, bei den Banken, generell in den Büros
und Verwaltungen. Die Situation der mit einfachen und ausführen-
den Arbeiten beschäftigten weiblichen Angestellten ist also ver-
gleichbar mit der der Arbeiterinnen.
Zentrale Bedeutung für Arbeitsbedingungen und Beschäftigungslage
der weiblichen Angestellten besitzt gegenwärtig die Rationalisie-
rungswelle im Büro- und Dienstleistungsbereich. Davon sind nicht
nur untere Qualifikationsgruppen betroffen, sondern auch in hohem
Maße mittlere Funktions- und Qualifikationsgruppen. Gerade hier
konzentrieren sich die zahlenmäßig bedeutsameren Gruppen qualifi-
zierter weiblicher Beschäftigter.
Mit der Textverarbeitung beispielsweise, die das Konzipieren,
Formulieren, Diktieren, Schreiben, Kopieren und Befördern von
Texten umfaßt, sind rund 10 Millionen Beschäftigte in der BRD be-
faßt. Davon sind ca. 2 Millionen Schreibkräfte - in der Regel
Frauen - und 3 Millionen Korrespondenten bzw. Diktierende. Der
Prozeß der Rationalisierung der Textverarbeitung, der vor allem
die Tätigkeiten weiblicher Angestellter betrifft, umfaßt die Re-
duktion des Schriftgutes, die Arbeitsintensivierung und die Auto-
matisierung. Der Einsatz von Computern steht in der Bundesrepu-
blik erst am Anfang. Das akten- oder papierlose Büro ist heute
keine utopische Vorstellung mehr.
Im Bereich des Handels werden durch integrierte Datensysteme eine
Reihe von Tätigkeiten in der Verwaltung, im Verkauf und im Lager
überflüssig, auch hier wiederum in erster Linie die Arbeitsplätze
von weiblichen Angestellten betreffend. Im Bereich der Banken und
Versicherungen wird eine Sachbearbeiterin, die in früheren Jahren
noch vollständige Vorgänge bearbeitete, bei Anwendung von EDV-Sy-
stemen heute weitgehend zu deren Zulieferer "degradiert".
In erster Linie bedingt durch verstärkte Rationalisierungsmaßnah-
men im Angestelltenbereich ist ein "neues" Merkmal in der Struk-
tur der Arbeitslosigkeit die wachsende Angestelltenarbeitslosig-
keit. De Anteil der arbeitslosen Angestellten an allen Arbeitslo-
sen stieg von 23% (1960) über 30% (1975) auf 42,7% (1976). Ende
September 1977 ging er leicht zurück (41,9%). Bei den Männern be-
trug der Anteil der arbeitslosen Angestellten 1976 28%, bei den
Frauen 51%. Der Anteil der arbeitslosen weiblichen Angestellten
an allen arbeitslosen Angestellten nahm von 55 auf 63% zu.
Schwerpunkte der Frauenarbeitslosigkeit bei den Angestellten la-
gen im Mai 1976 bei Verwaltung/kaufm. Berufe mit 51% und im Ver-
kauf mit 26%, bezogen auf alle arbeitslosen weiblichen Angestell-
ten. Insgesamt liegt die Frauenquote an der Angestelltenarbeits-
losigkeit (63%) beträchtlich über ihrer Beschäftigtenquote (ca.
50%). Seitdem auch die mittleren Funktions- und Qualifikations-
gruppen hiervon betroffen sind, muß damit gerechnet werden, daß
in vielen Bereichen der Beschäftigung der weiblichen Angestellten
berufliche Aufstiegsmöglichkeiten noch mehr als bisher eingeengt
werden.
Jugendarbeitslosigkeit
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Im Unterschied zu früher ist heute die Jugendarbeitslosigkeit
größer als die älterer Jahrgänge. Sie weist für w e i b l i-
c h e J u g e n d l i c h e überproportionale Quoten auf. In
der Gruppe der unter 20jährigen muß die tatsächliche Arbeits-
losigkeit doppelt so hoch veranschlagt werden, wie offizielle
Daten ausweisen.
Der Anteil der weiblichen Arbeitslosen unter 25 Jahren stieg von
20,6% (1964) über 24,9% (1971) auf 32,7% (1977) an, der der männ-
lichen Arbeitslosen dieser Altersgruppe von 5,4% (1964) über
14,3% (1971) auf 25,5% (1977). Während 1976 insgesamt ein
gewisser Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit zu verzeichnen war,
erhöhte sich der Anteil der Mädchen jedoch weiter. Im September
1977 lag die Zahl der männlichen Arbeitslosen unter 20jahren nur
0,5% über dem Vorjahresstand, die Zahl der weiblichen Arbeits-
losen jedoch um 5,3%. Die Zunahme der Arbeitslosen gegenüber der
Vorjahresfrist in den Altersgruppen unter 30jahren wurde im
September 1977 fast ausschließlich durch den Anstieg der arbeits-
losen Frauen bestimmt.
Weibliche arbeitslose Jugendliche sind durchschnittlich länger
arbeitslos als männliche. Den höchsten Anteil der dauerarbeitslo-
sen weiblichen Jugendlichen hat die Altersgruppe unter 20 Jahre.
Fast die Hälfte (45,9%) der arbeitslosen weiblichen Jugendlichen
fallen unter die Angestelltenberufe (Jungen: 12%).
Mädchen sind durch Bildungsabschlüsse weniger vor Arbeitslosig-
keit geschützt als Jungen. Einen Hauptschulabschluß besitzen
56,4% der Jungen und 60,6% der Mädchen; 8,6% der Mädchen, 5,8%
der Jungen haben die mittlere Reife oder die Hoch-/Fachschul-
reife. 67,6% der arbeitslosen Jungen und 68,4% der arbeitslosen
Mädchen sind ohne Berufsbildungsabschluß.
Neben den allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ur-
sachen der Arbeitslosigkeit können als spezifisch für die beson-
ders hohe Mädchenarbeitslosigkeit genannt werden: überkommenes
Rollenverhalten, geringer veranschlagtes "Schutzbedürfnis" - Mäd-
chen werden als erste entlassen und finden am schwersten wieder
Arbeit -, verstärkte Rationalisierung und Krisen in frauenspezi-
fischen Wirtschaftszweigen.
In einer betrieblichen Berufsausbildung befand sich 1975 nur je-
des fünfte Mädchen (20,6%), jedoch jeder dritte Junge (35,4%).
Bei den erwerbstätigen Jungen der Altersgruppe zwischen 15 und 20
Jahren befanden sich 82,7% in einer Ausbildung, bei den Mädchen
nur 55,2%. Die Mehrheit der weiblichen Auszubildenden konzen-
triert sich auf wenige Ausbildungsberufe, von denen die am stärk-
sten besetzten den sogenannten "Frauenberufen" zuzurechnen sind.
Diese Berufe sind meist durch kürzere Ausbildungsdauer, geringere
Aufstiegsmöglichkeiten, größere Krisenanfälligkeit sowie leich-
tere Ersetzbarkeit gekennzeichnet. Die Ausbildungsplätze im ge-
werblich-technischen Bereich sind nur zu knapp 10 Prozent mit
Mädchen besetzt. Bereits 68,5% aller weiblichen Auszubildenden
haben Ausbildungsziele, die sich im wesentlichen auf kaufmänni-
sche, pflegerische und Büroberufe beschränken. Über 90% liegt der
Anteil der Mädchen in Berufen wie Florist, Näher, Schneider, Dro-
gist und Friseur. Entsprechend wurden 1975 in Berufen wie Dreher,
Feinmechaniker, Mechaniker, Büromaschinenmechaniker, Werkzeugma-
cher, Fernmeldetechniker, Elektrogerätemechaniker sowie Radio-
und Fernsehtechniker im ganzen Bundesgebiet nur 295 Mädchen aus-
gebildet.
Der seit Beginn der siebziger Jahre zu beobachtende Lehrstellen-
abbau und die anhaltende Lehrstellenknappheit wirken sich für
Mädchen noch stärker aus als für Jungen, auch wenn sie durch-
schnittlich bessere schulische Abschlüsse haben. Sie werden in
besonderem Maße gerade in einer Altersperiode, in der die Lernfä-
higkeit höher ist, an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten gehindert
und um ihre Zukunftserwartungen betrogen. Nach dem vorläufigen
Bericht der Bundesanstalt für Arbeit über den Ausbildungsstellen-
markt 1976 / 77 waren Ende September 1977 10 060 männliche und
16 973 weibliche Bewerber noch nicht untergebracht.
Hochschulabsolventinnen und Studentinnen
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Auch für H o c h s c h u l a b s o l v e n t i n n e n tritt
heute Arbeitslosigkeit auf: Im September 1977 waren über 8000
weibliche Hochschulabsolventen mit abgeschlossenem Studium als
arbeitslos registriert. Ihr Anteil an den arbeitslosen Absolven-
ten liegt über ihrem Anteil an allen Absolventen. Zur generellen
Akademikerarbeitslosigkeit - vorwiegend durch die Restriktionspo-
litik des Staates hervorgerufen - kommt für die Frauen der Ver-
weis auf "frauenspezifische" Studienrichtungen sowie Erschwer-
nisse in der Wissensaneignung im nach wie vor von männlichen,
meist konservativen Kollegen bestimmten Wissenschaftsbetrieb. Das
Hauptkontingent der arbeitslosen Akademiker stellen die arbeits-
losen Lehrerinnen . Das klassische Frauenstudium weist den
höchsten weiblichen Arbeitslosenanteil auf.
Mädchen sind im höheren allgemeinbildenden und im Hochschulwesen
nach wie vor unterrepräsentiert. Im WS 1972 betrug der Anteil der
weiblichen Studierenden in der BRD 30,4%, im SS 1977 33,9%. Seit
dem SS 1975 (33,5%) ist der Anteil der Studentinnen nahezu kon-
stant geblieben. Der Frauenanteil an den bundesdeutschen Hoch-
schulen tangiert im Vergleich der EG an fünfter Stelle.
Über 70% aller Studentinnen verteilen sich auf drei von acht
Fachrichtungen (einschließlich Erziehungswissenschaften). Über
50% aller Studentinnen wählen einen lehrerbildenden "Kurz"-
studiengang. Auch hier werden sie trotz ihres hohen Anteils in
die niedriger qualifizierten und bezahlten Lehrämter abgedrängt.
Schon gegenwärtig ist eine Herabminderung der Studienbereitschaft
von Abiturientinnen sichtbar. Die Situation im Zweiten Bildungs-
weg, der gerade für Frauen eine Möglichkeit des Nachholens von
Voraussetzungen zum Zugang zu Hochschulen darstellt, ist erheb-
lich erschwert worden. (1977 waren rd. 70% aller Absolventen des
Zweiten Bildungsweges Frauen.)
Restriktionen im Weiterbildungsbereich
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W e i t e r b i l d e n d e M a ß n a h m e n sollen die vor-
handene Qualifikation an neue erhöhte Anforderungen anpassen so-
wie durch die Benachteiligung in der beruflichen Bildung entstan-
dene Defizite aufholen. Diesem Anspruch wird die derzeitige Pra-
xis der Weiterbildung in keiner Weise gerecht.
Die Volkshochschulen sind der bedeutendste Träger in der Erwach-
senenbildung, in dem Frauen seit Jahren erheblich überrepräsen-
tiert sind. Dort besuchen die meisten der sich weiterbildenden
Frauen Veranstaltungen. Die Volkshochschulen sprechen jedoch mit
ihrem dem traditionellen Rollenklischee verhafteten Angebot in
erster Linie Frauen der sogenannten Mittelschichten an. Nur in
geringerem Umfang werden Frauen "unterer sozialer Schichten" bei
Angeboten beruflicher Weiterbildung erreicht.
Im Bildungsurlaub und in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit
sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Hier sind in
der letzten Zeit verstärkte Anstrengungen zu beobachten, Frauen
mehr als bisher einzubeziehen.
Der größte und finanzkräftigste Träger von Weiterbildung ist die
Privatwirtschaft. Betriebliche Weiterbildung steht aber den
Frauen in der Krise weniger denn je zur Verfügung. Privilegierte,
bereits qualifizierte Arbeitskräfte, meist männliche Kollegen,
werden bevorzugt. Die fast immer kürzere Betriebszugehörigkeit
wird als Anlaß genommen, Frauen von der betrieblichen Bildung
auszuschließen.
Die staatliche Förderung der beruflichen Weiterbildung über das
Arbeitsförderungsgesetz (AFG) ist sowohl in bezug auf ihren fi-
nanziellen Hintergrund als auch in bezug auf die Beteiligung der
Frauen rückläufig. Aufgrund des 1976 verabschiedeten Haushalt-
strukturgesetzes werden Frauen heute kaum mehr nennenswert durch
das AFG gefördert. Die staatlichen Maßnahmen zur beruflichen Wei-
terbildung dienen letztlich nur der Manipulation der sogenannten
"stillen" Arbeitsmarktreserve.
Rationalisierung in Bereichen der Frauenbeschäftigung
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Lag in den letzten Jahrzehnten die Quote der Frauenarbeitslosig-
keit stets unter der der Männer, so zeichnete sich seit Beginn
der siebziger Jahre ein grundlegender Wandel ab, der - neben den
gesellschaftlichen - seine Ursachen vor allem im beginnenden Au-
tomationsschub und in der massenhaften Anwendung von neuen Tech-
nologien hat. Während die konjunkturelle (zyklische) Wirtschafts-
krise ab 1976 - was Produktion und Umsatz betrifft - zeitweilig
überwunden werden konnte, nimmt die durch die kapitalistische
Einführung neuer Technologien bedingte Strukturkrise an Umfang
und Tiefe zu. Durch die n e u e R a t i o n a l i s i e-
r u n g s w e l l e sind ganz besonders stark die Arbeitsplätze
der an-und ungelernten Arbeitskräfte betroffen, also in erster
Linie Arbeitsplätze von Frauen.
Einige sog. "typische Frauenarbeitsplätze" werden sogar vollstän-
dig beseitigt. So hat die Aufnahme der Produktion eines auf Elek-
tronik umgestellten Fernschreibers bei SEL (ITT-Konzern) in
Pforzheim auf einen Schlag Hunderte von Arbeitsplätzen (50-60%)
vernichtet. Ein einziger integrierter Schaltkreis ersetzte im
Speichersender 936 mechanische Bauteile. Anstelle der früheren
Herstellung, Montage und Justage komplizierter Dreh-, Stanz- und
Biegeteile steht heute nur noch die Montage von wenigen elektro-
nischen Bauelementen. Angelernte treten an die Stelle von Frä-
sern, Feinmechanikern und Elektrikern. Ein Großteil der Fachar-
beiter wurde entlassen, die verbleibenden um 4, einige sogar um 5
Lohngruppen abgruppiert. Die Fertigungszeit schrumpfte beim Fern-
schreiber von 75,3 auf 17,7 Stunden.
Die mechanische Uhr, bisher ein Kunststück mechanischer Präzision
von etwa 100 Einzelteilen, deren Herstellung rund 1000 qualifi-
zierte Arbeitsgänge benötigte, wird jetzt von der elektronischen
Uhr verdrängt. Ihr Werk besteht nur noch aus vier Teilen. Quali-
fizierte Facharbeiter, darunter viele Frauen, sind zur Herstel-
lung nicht mehr nötig. Die wenigen Handgriffe können von ange-
lernten Kräften ausgeführt werden. Jeder Zweite in der Uhrenindu-
strie verlor bereits seinen Arbeitsplatz.
Die Auswirkungen des technischen Wandels auf die Q u a l i f i-
k a t i o n s s t r u k t u r wird von Fachleuten verschiedener
Richtung einhellig dahingehend charakterisiert, daß einerseits
eine Reihe hochqualifizierter Tätigkeiten entsteht, daß aber
andererseits das Gros der neuen Einsatzbereiche durch ein relativ
niedrigeres Qualifikationsniveau gekennzeichnet ist. Frauen haben
zwar theoretisch die Chance, auch höher qualifizierte Tätigkeiten
auszuführen, aber überall zeigt die bisherige Praxis, daß den
Frauen in der Regel die neu entstandenen unqualifizierten
Einsatzbereiche vorbehalten bleiben, während alle neu
entstehenden Arbeitsplätze mit höheren Qualifikationsanforderun-
gen ausschließlich mit Männern besetzt werden. Typisch ist also,
daß die Erhöhung des Mechanisierungsniveaus und die Schaffung hö-
her qualifizierter Vorrichtungen unter kapitalistischen Bedingun-
gen die geschlechtsspezifische Differenzierung im Produktionspro-
zeß vorantreibt.
Zur arbeitsorganisatorischen Strategie des Managements gehört
auch der flexiblere Einsatz des Personals. Kurzarbeit, freiwil-
lige unbezahlte Überstunden, Verzicht auf Ersatzkräfte bei Fehlen
oder Ausscheiden von Arbeitskräften, Abbau von Pausen sind in
vielen Unternehmen gegenwärtig zu finden. Die extremste Methode
erleben wir zur Zeit im Handel, in Ansätzen auch im Banken-und
Versicherungsbereich, unter dem Begriff "kapazitätsorientierte
Arbeitszeit". Gearbeitet wird in "variablen Arbeitsstunden". Eine
geregelte Arbeitszeit gibt es nicht mehr. Vertraglich werden bei-
spielsweise 100 Stunden pro Monat gegen ein festes Monatsgehalt
vereinbart. Wann diese zu leisten sind, wird von den Unternehmern
je nach dem Bedarf des Geschäftsablaufes vorgeschrieben. Zumeist
wird gleichzeitig ein neues Zeiterfassungssystem eingeführt, das
nur die direkt am Arbeitsplatz verrichtete Arbeit wertet. Wege
von einem Stockwerk zum anderen oder gar der Gang zur Toilette
werden nicht als Arbeitszeit gewertet. Die Folgen dieses ausge-
klügelten Rationalisierungssystems sind weiterer Personalabbau,
weiterer Verlust von Ganztagsarbeitsplätzen, Leistungsverdich-
tung, gesteigerter Streß und letztlich Einkommensminderung.
Die Lohndiskriminierung
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Augenscheinlich wird die Diskriminierung der Frauen auch in der
L o h n s i t u a t i o n. Frauen verdienen im Durchschnitt nach
wie vor 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen . Die
Leichtlohngruppen, formaler Ersatz für die nicht aufrechtzuerhal-
tenden Frauenlohngruppen, sind Lohngruppen, die an das unterste
Ende der Lohnskala - unter die Lohngruppen für (männliche) Hilfs-
arbeitertätigkeiten - angehängt wurden. Ihre Haupteingruppie-
rungsmerkmale sind vage Begriffe wie "leichte Arbeiten" oder
"einfache Arbeiten". Darüber hinaus werden physische Anstrengun-
gen höher bewertet als psychische und nervliche Belastungen oder
Konzentration. Folglich überrascht nicht, daß 90% der in Leicht-
lohngruppen eingestuften Arbeiter Frauen sind.
Je mehr Frauen in einer Branche oder einem Beruf vertreten sind,
desto niedriger ist der Durchschnittsverdienst. Z.B. verdiente
eine drei Jahre ausgebildete kaufmännische Kraft 1976 im Einzel-
handel 1385 DM, während eine gleichwertige Tätigkeit im Bankenbe-
reich mit 1803 Mark abgegolten wurde. Hier bestätigt sich, daß
ein Beruf dann zum "Frauenberuf" wird, wenn sich Aufstiegschancen
und soziale Anerkennung verringern. Umgekehrt sinken soziales
Prestige und Anziehungskraft eines Berufes auf Männer, sobald der
Frauenanteil steigt.
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei den Bruttostun-
denverdiensten der Arbeiter in der Lohngruppe 1 (also bei glei-
chen Tätigkeitsanforderungen) bewegen sich zwischen 2,- bis über
3,- Mark pro Stunde. Im Metallbereich waren z.B. 1972 in der Lei-
stungsgruppe 1 (Facharbeiter) 3% aller Frauen eingestuft und 58%
aller Männer, während sich das Verhältnis fast umkehrt, betrach-
tet man die Leistungsgruppe 3 (Hilfsarbeiter): 59% aller Frauen
und 12% aller Männer.
Vergleichbar ist die Situation bei den Angestellten: Die Unter-
schiede zwischen männlichen und weiblichen kaufmännischen Ange-
stellten betrugen im April 1976 z.B. in der Leistungsgruppe II
von DM 400,- bis zu DM 750,- brutto pro Monatsverdienst. In der
Leistungsgruppe II für Angestellte (Tätigkeiten mit besonderen
Fachkenntnissen) war 1974 der relative Anteil der Männer mit
36,4% sechsmal höher als bei den Frauen mit 6,2%.
Die betrachteten Einzelergebnisse zur Lohnsituation der er-
werbstätigen Frauen spiegeln sich auf gesellschaftlicher Ebene in
der Einkommensverteilung wieder. Obwohl rund ein Drittel aller
abhängig Beschäftigten Frauen sind, erhalten sie nur knapp ein
Viertel der gesamten Bruttolohn- und Gehaltssumme.
Die für die Werktätigen krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung
in der BRD bringt - weit über die im Arbeitsleben anstehenden
Probleme hinaus - in allen gesellschaftlichen Bereichen ein-
schneidende Folgen mit sich. Sie macht keineswegs halt vor den
Standards der Infrastruktur und erstreckt sich bis in angeblich
"persönliche Sphären", bis in den sogenannten Privatbereich hin-
ein. Auf die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit von Frauen auf
ihre finanzielle, familiäre und psychische Situation sei hier nur
am Rande verwiesen. Persönliche Ausgaben und Anschaffungen, die
unter Einbeziehung des Einkommens der Frau geplant waren, müssen
z.B. zurückgestellt werden. Der Kontakt zu den Kollegen wird in
der Isoliertheit zu Hause von Frauen besonders vermißt.
Einschnürung der sozialen Leistungen
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Neben den bereits genannten Aspekten im Zusammenhang mit der Si-
tuation weiblicher Jugendlicher, der Studentinnen und sich wei-
terbildender Frauen werden hier weitere ausgewählte Beispiele
aufgezeigt, wie durch restriktive Maßnahmen im R e p r o d u k-
t i o n s b e r e i c h während der Krise die Lage der Frauen
verschlechtert wurde. Das Zurückbleiben des Ausbaus der sozialen
Infrastruktur hat für Frauen besonders einschränkende Wirkung -
gerade in bezug auf die Integration von Berufstätigkeit und
Mutterschaft. Dies betrifft besonders alleinstehende Frauen mit
Kindern.
Nach wie vor sind Einrichtungen für Kinder wie Kindergärten,
Krippen und Horte nur in unzureichendem Maße vorhanden. Der An-
teil der Freizeit am Tagesablauf wird für viele berufstätige
Frauen mit Kindern durch lange Wege von und zur Arbeit und die
Aufgaben in der Familie fast unter das lebensnotwendige Minimum
reduziert. Die Verteuerung der Sozialtarife und der Mieten trifft
gerade die Frauen, sie haben alle Anstrengungen zu unternehmen,
mit dem Haushaltsgeld bei ständig wachsenden Ausgaben zurechtzu-
kommen.
Die ärztliche Versorgung hinkt hinter den Anforderungen durch
veränderte Krankheitsbedingungen und eine veränderte Krankheits-
struktur her. Die Säuglingssterblichkeit - als Indiz für die Qua-
lität ärztlicher Betreuung - liegt in der BRD im internationalen
Vergleich mit an der Spitze.
Noch immer nehmen über die Hälfte der weiblichen Versicherten die
Möglichkeiten von Vorsorgeuntersuchungen nicht wahr. Die Chancen
der Früherkennung sind dadurch und durch die Beschränkung der Un-
tersuchungen auf wenige traditionelle Krankheiten stark redu-
ziert. Eine in Baden-Württemberg durchgeführte Modelluntersuchung
hatte zum Ergebnis, daß bei 71,1 Prozent der untersuchten arbei-
tenden Frauen medizinische Maßnahmen für erforderlich gehalten
wurden. Jede achte Frau litt an einer bisher nicht wahrgenommenen
Krankheit.
Zu Belastungen und Überforderungen führen Arbeitsplatzbedingungen
wie zu schnelles Arbeitstempo, Lärm, Licht, Schmutz. Durch die
zunehmenden Rationalisierungsmaßnahmen steigen die psychischen
Belastungen rapide an. Der Krankenstand gerade der Frauen ent-
spricht in Krisenzeiten noch weniger als in den Jahren der Hoch-
konjunktur dem tatsächlich vorfindlichen Gesundheitsstand. Die
Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führt dazu, daß Vorsor-
geuntersuchungen nicht wahrgenommen, daß gesundheitliche Schäden
bewußt oder unbewußt übergangen und in Kauf genommen werden.
Diese Tendenz drückt sich in den sinkenden Arbeitsunfallmeldungen
und zurückgehenden Kuranträgen seit 1974/75 aus.
Kaum eine sozialpolitische Maßnahme der letzten Jahre stand so im
Vordergrund der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wie die Re-
form des sogenannten "Abtreibungsparagraphen" 218 StGB. Die durch
die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes geschaffene Lage
entspricht keineswegs den Forderungen der breiten Bewegung, die
für die Reform dieser Gesetzgebung eingetreten ist. Frauen aus
Arbeiterfamilien sind auch heute benachteiligt. Aufgrund der oft
bürokratischen Anwendung oder gar strikten Ablehnung eines
Schwangerschaftsabbruchs durch die "Indikationsregelung" wird die
Alternative der "Reise nach Holland" nach wie vor ins Auge ge-
faßt. Sie muß jedoch für Arbeiterfrauen häufig an der Begrenzt-
heit der finanziellen Mittel und der Furcht, ins Ausland reisen
zu müssen, scheitern. Vielen bleibt deshalb auch gegenwärtig nur
der Weg zum illegalen Abbruch offen, obgleich Untersuchungen des
Familienministeriums ergaben, daß in bundesdeutschen Kliniken Ka-
pazitäten für 100 000 bis 250 000 Abbruche pro Jahr vorhanden wä-
ren.
Die Arbeitslosigkeit vieler Frauen bewirkt nicht etwa die Zunahme
von Entscheidungen zugunsten eines Kindes, wie von bestimmten
Kreisen erwünscht. So hat die Statistik der PRO FAMILIA von 1976
bereits ergeben, daß die Anzahl von arbeitslosen Ratsuchenden bei
Frauen von 304 (1975) auf 1260 (1976) und bei Männern von 68
(1975) auf 378 (1976) bei einer gleichzeitigen Zunahme der
Schwangerschaftskonfliktberatung von 2845 (1975) auf 7545 (1976)
gestiegen ist.
Die Rentendiskriminierung
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Ein Ergebnis der Diskriminierung der Frauen im Berufsleben stellt
die Form ihrer Versorgung im R e n t e n a l t e r dar. Niedri-
gere Löhne und Gehälter sowie nicht angerechnete Ausfallzeiten
durch die Familienbetreuung haben zur Folge, daß die Mehrzahl der
Frauen nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben oder nach dem
Tod des Ehepartners mit einem völlig unzureichenden monatlichen
Einkommen existieren müssen, das oftmals gar die Armutsgrenze un-
terschreitet.
Das vor kurzem erfolgte Urteil des Bundesverfassungsgerichtes,
wonach eine Witwe auch weiterhin nur 60% der Rente ihres verstor-
benen Ehemannes erhalten soll, ist der jüngste Beweis für die
Mißachtung des im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigungs-
grundsatzes.
45,8% (= rund 1,6 Millionen) vormals erwerbstätiger Frauen bezo-
gen im Juli 1976 eine Rente unter 300 DM, 31,2% (= rund 1,09
Mill.) zwischen DM 300,- und 600,-. Die Witwenrenten lagen für
etwas mehr als 1,5 Millionen Frauen zwischen 300 und 600 DM und
für 521 900 Frauen unter 300,- DM. Von der Erhöhung der Mindest-
beiträge für die freiwillige Rentenversicherung durch das 20.
Rentenanpassungsgesetz (bis 1980 um das Dreieinhalbfache) werden
gerade Frauen aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien betroffen.
Oftmals bedeutet dies, daß ihr eigenständiger Rentenanspruch
fraglich bleibt oder - aufgrund der Bestimmungen des 21. Renten-
anpassungsgesetzes - die Wartezeit für das Altersruhegeld nicht
erfüllt werden kann. In gleicher Weise wurden die Renten der
landwirtschaftlichen Alterskassen und die der Kriegsopferversor-
gung beeinträchtigt.
Weitere Verschlechterungen für die von ihrer Rente lebenden
Frauen sind in der Rücknahme der Befreiung von der Arzneimittel-
gebühr zu sehen, in der Kürzung des bei geringem Einkommen ge-
zahlten Wohngeldes, in der Rücknahme der Ermäßigung von Telefon-
und Rundfunkgebühren sowie auch in der Verringerung zusätzlicher
Sozialhilfe bei unzureichender Rentenhöhe.
3. Frauenemanzipation und Arbeiterbewegung
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Die angeführten Fakten zur Situation der Frauen in der BRD unter
den Bedingungen krisenhafter Entwicklung verweisen eindeutig auf
den Sachverhalt der Diskriminierung. Dieser ohnehin auch in Zei-
ten der Hochkonjunktur bestehende Zustand verschärft sich mit der
anhaltenden Dauer der sozialen und ökonomischen Krisenprozesse.
Materielle und soziale Voraussetzungen und Bedingungen der Frau-
enemanzipation werden wesentlich eingeschränkt.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen verweisen aber auch
darauf, daß es unabdingbar ist, sowohl im Rahmen der Frauenbewe-
gung als auch der Organisationen der Arbeiterklasse zur Überwin-
dung dieser Situation im Interesse der Frauen spezifische Forde-
rungen zu erheben und um ihre Durchsetzung zu kämpfen. Mit diesen
Besonderheiten begründen heute feministische Gruppierungen die
Notwendigkeit Autonomer' Organisationsformen, also einer von der
Arbeiterbewegung getrennter Organisierung der Frauen. Unbestrit-
ten ist dabei, daß es gerade in Anfangsstufen der Bewegung not-
wendig sein kann, sich kurzzeitig in Frauengruppen zurückzuzie-
hen, um Rollendefizite und Benachteiligungen aufzuarbeiten und
Gemeinsamkeiten in der Betroffenheit zu erfahren. Wird diese Or-
ganisationsform jedoch zum absoluten Postulat erhoben, negiert
man die grundlegenden Interessengemeinsamkeiten aller Gruppen der
Arbeiterklasse und der Lohnabhängigen und ihrer Angehörigen.
Es ist eine Binsenweisheit, daß das Bewußtsein von Diskriminie-
rung und Unterdrückung diese selbst noch nicht aufhebt. Kaum zu
bestreiten ist auch, daß die potentielle gesellschaftliche Macht
der Arbeiterklasse gegenüber der Klasse der Produktionsmittelbe-
sitzer und der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in ihrem
Zusammenschluß in gewerkschaftlichen und politischen Organisatio-
nen und deren kämpferischer Orientierung und Praxis besteht.
Selbst die berechtigte Kritik an Politik und Praxis der Gewerk-
schaften, an der unzureichenden Repräsentanz der Frauen in ihren
Vertretungs- und Leitungsgremien, an der vielfach noch bestehen-
den Alibifunktion ihrer Frauenausschüsse usw., schafft die Tatsa-
che nicht aus der Welt, daß in der BRD die Gewerkschaften des DGB
die umfassendsten Organisationen der Arbeiterklasse und der
Lohnabhängigen sind. Die wachsende Beteiligung von Frauen an der
Gewerkschaftsarbeit entspricht deshalb der Notwendigkeit, in die-
sen Organisationen mitzuarbeiten und in ihnen die spezifischen
Interessen der Frauen zur Geltung zu bringen und für ihre Durch-
setzung im Kampf der gesamten Arbeiterklasse zu wirken.
Daß diese Orientierung nicht frommem 'traditionalistischem'
Wunschdenken entspringt, sondern unter den Bedingungen unseres
Landes realisierbar ist, zeigten die Streikkämpfe im Frühjahr
1978. Im Bereich der IG Metall z.B. konnte die untere Leichtlohn-
gruppe abgeschafft und konnten Schutzmaßnahmen gegen Abstufungen
und Dequalifizierungen durchgesetzt werden.
Allerdings ist es auch erforderlich, daß marxistische Kräfte
stärker als bisher dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der Frau-
enbewegung und ihren Organisationsformen Rechnung tragen. Dies
bedeutet vor allem, einen Beitrag in der Formulierung gemeinsamer
antimonopolistischer Interessen und Forderungen zu leisten, auf
deren Grundlage punktuelle Bündnisse zwischen der Frauenbewegung
und Organisationen der Arbeiterbewegung möglich und erfolgver-
sprechend sind. Unterschiedliche Positionen in Grundsatzfragen
sind dabei keine unüberwindbaren Hürden.
Zeigt schon das Problem der ökonomischen und sozialen Krisenaus-
wirkungen, daß der Kampf gegen die kapitalistische Wirtschafts-
krise und ihre Auswirkungen unmittelbar auch ein Kampf für die
Chancengleichheit und Emanzipation der Frauen ist, so trifft dies
auch für die Bewegungen zur Verteidigung demokratischer Rechte
zu. Einschüchterungsversuche, Disziplinierungsmaßnahmen und Be-
rufsverbote, die zu 60% bislang Frauen betrafen, sollen dazu bei-
tragen, ein Klima der Angst und der sozialen Unsicherheit zu
schaffen und gesellschaftliches und politisches Engagement zu un-
terbinden. Die politische Rechtsentwicklung wirkt sich nicht zu-
letzt in der Propagierung konservativer bis reaktionärer Frauen-
leitbilder aus, die das Recht der Frau auf Arbeit als absurd -
weil ihrer Bestimmung widersprechend - abtun oder gar arbeitslo-
sen Frauen mangelnde Motivation und Bereitschaft zur Arbeit un-
terstellen.
Dies zeigt, daß heute der Fortschritt der Emanzipationsbestrebun-
gen der Frauen an eine Veränderung der politischen Verhältnisse
gebunden ist, und zwar an Veränderungen demokratischen Charak-
ters, die gesamtgesellschaftliche Kräfteverhältnisse herbeifüh-
ren, die auch progressive soziale und ökonomische Entwicklungen
einzuleiten in der Lage sind.
Umgekehrt kommt auch der Frauenbewegung in diesem Prozeß eine
hervorragende Rolle zu. Es ist z.B. eine alte Erfahrung des ge-
werkschaftlichen Kampfes der Arbeiter, deren Gültigkeit heute in
keiner Hinsicht gemindert ist, daß die Einbeziehung der Frauen
ein wichtiges Moment ist, um die durch die Unternehmer geförderte
Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten einzuschränken und zu kontrol-
lieren. Dies gilt aber mehr oder weniger auch für andere soziale
und politische Bewegungen.
Der Kampf um die Emanzipation der Frau ist nicht nur ein Kampf um
die Gleichberechtigung der Geschlechter. Würde er sich darauf be-
schränken, würde er den Rahmen der Ausbeutung, Unterdrückung und
Ungleichheit der kapitalistischen Klassengesellschaft akzeptie-
ren. Die realen Verhältnisse in der BRD zeigen jedoch, daß selbst
von einer Gleichheit der Ausbeutungsbedingungen nicht die Rede
sein kann.
_____
1) Vergl. Simone de Beauvoir, Alles in allem, Reinbek 1974, S.
450 f.
2) Vergl. Simone de Beauvoir über sich selbst, Interview in
"Emma", Köln, Nr. 2" vom Februar 1978, S. 19/20.
3) Frauenjahrbuch '76, München 1976, S. 69 und 68.
4) Selma James, Frauen, Gewerkschaft und Arbeit oder Was nicht
tun? In: Lohn für die Hausarbeit, München 1974, S. 62.
5) Vergl. Frauenjahrbuch '76, S. 81.
6) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Be-
schränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche,
Frankfurt/M. 1976, S. 10.
7) Marx/Engels, Werke, Bd. 20, Berlin 1971, S. 444.
8) Dies., Bd. 3, Berlin 1969, S. 30.
9) Frauenvereinigung der CDU, Vorschläge zur Überwindung der
Frauenarbeitslosigkeit, hektograf. Manuskript, Bonn 1978, S. 6.
10) Abschnitt 2 stützt sich auf Ergebnisse einer umfassendeten
Untersuchung des IMSF. Auf die Angabe der Originalquellen wird
hier verzichtet. Der interessierte Leser sei verwiesen auf: IMSF-
Informationsbericht Nr. 31, Wirtschaftskrise und Frauenemanzipa-
tion, erarbeitet von einer Autorengruppe, abgeschlossen im April
1978, Frankfurt am Main 1978.
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