Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979
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REGIONALE STRUKTURKRISEN IM STAATSMONOPOLISTISCHEN KAPITALISMUS
UND MARXISTISCHE RAUMÖKONOMIE. AM BEISPIEL DER RUHRGEBIETSKRISE
Hermann Bömer
I. Entwicklung der Ruhrgebietskrise: empirische Daten - II. Die
staatlichen Maßnahmen zur Dämpfung der Krisenfolgen - III. Ele-
mente einer marxistischen Theorie räumlicher (regionaler und
städtischer) Krisen - IV. Wesen und Erscheinungsformen der staat-
lichen räumlichen Regulierung - V. Räumliche Vergesellschaftungs-
prozesse und theoretische Auseinandersetzungen
I. Entwicklung der Ruhrgebietskrise: empirische Daten
-----------------------------------------------------
"Seit Ende der 50er Jahre ist durch das unterdurchschnittliche
Wachstum der Stahlindustrie und die Rückbildung im Bergbau minde-
stens einer halben Million Beschäftigten unmittelbar oder mittel-
bar die Erwerbsgrundlage entzogen worden." 1) Die Zahl der Be-
schäftigten in der eisenschaffenden Industrie Nordrhein-Westfa-
lens reduzierte sich dabei von Ende 1960 bis Ende 1978 um über
86 000 und betrug im September 1978 noch 212 000 Personen. 2)
Die Zahl der Beschäftigten im Steinkohlenbergbau an der Ruhr ist
seit 1957 um über 350 000 zurückgegangen, so daß 1978 143 000 im
Bergbau beschäftigt waren. Die Anzahl der Schachtanlagen ging von
140 (1957) auf 31 (1978) zurück.
Tabelle 1:
Die Entwicklung des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet von 1957
bis 1978 3)
1957 1960 1965 1970 1975 1978 1)
Förderung (Mio. t 2)) 123,2 115,4 110,9 91,1 75,9 67,1
Lagerbestände
(Mio. t 2), 3)) 0,9 11,0 13,5 0,7 14,2 15,6
außerdem:
Kohlereserve
(Mio. t 2), 3,) 4)) 0,9 0,4 10,0
Beschäftige
(Anzahl) 496000 398000 307000 202000 160000 143000
Schichtleistung
unter Tage
(t je Mann u. Schicht) 1,6 2,1 2,8 3,8 3,9 3,9
Fördernde Schacht-
anlagen (Anzahl) 140 122 90 56 35 31
_____
1) vorläufige Zahlen
2) verwertbare Förderung
3) Koks in Kohle umgerechnet
4) Bundesgebiet insgesamt
Trotz dieser massiven Reduzierung der Arbeitsplätze des Montan-
sektors sind nach wie vor 48% aller Industriebeschäftigten
(einschl. Bergbau) im Bergbau, in der Eisen- und Stahlindustrie,
in den Gießereien, Ziehereien und Kaltwalzwerken oder der Stahl-
verformung tätig. 4)
Zahlreiche Städte speziell der Emscher- und Lippezone des Ruhrge-
biets sind daher nach wie vor massiv monostrukturiert vom Bergbau
abhängig:
Tabelle 2:
Anteil der Bergbaubeschäftigten an den Industriebeschäftigten 5)
Stand 31.12.1976, in v.H.
Kreise und kreisfreie Städte des Ruhrgebietes
Mülheim -
Bochum 0,62
Duisburg 7,06
Essen 15,53
Oberhausen 17,36
Dortmund 20,99
Herne 29,84
Unna 31,06
Gelsenkirchen 32,45
Hamm....... 40,39
Recklinghausen 42,99
Wesel........ 43,81
Bottrop....... 68,56
Das RWI schätzt die Zahl der Arbeitsplätze im Bergbau und der En-
ergiewirtschaft für 1978 auf 190 000, das Gesamtvolumen des dar-
auf aufbauenden Energiekomplexes auf ca. 350 000 Arbeitsplätze.
6) Diese Zahlen zeigen, welche herausragende Bedeutung in der
Vergangenheit und ebenso in der Zukunft der Energiepolitik und
Energiewirtschaft für die Entwicklung des Ruhrgebiets zugekommen
ist und auch weiter zukommen wird.
Offensichtlich ist die regionale Strukturkrise des Ruhrgebiets
damit wesentlich auf die komplizierten Entwicklungsbedingungen
und Strategien des Montankapitals zurückzuführen. Im Verhältnis
von Zweig- und Territorialstruktur der Produktion und des gesell-
schaftlichen Lebens ist die Dominanz der Verwertungsbedingungen
der im wesentlichen sektoral strukturierten Konzerne offensicht-
lich ein Schlüsselproblem, das eine ausgeglichene territoriale
Bewegung der kapitalistischen Produktionsweise verhindert. Natür-
lich haben in den Jahren seit 1957 Strukturveränderungen größten
Ausmaßes im Ruhrgebiet stattgefunden. Insgesamt zeigt sich, daß
die Investitionsgüterindustrien heute ein deutlich höheres Ge-
wicht als in der ersten Hälfte der 60er Jahre haben. - Die Abhän-
gigkeit des Reviers von der Montanwirtschaft bleibt zwar beste-
hen, aber sie ist deutlich gesunken: Während 1957 etwa 5 5 % al-
ler Erwerbstätigen im Revier im Montansektor und in den damit
verflochtenen Wirtschaftszweigen tätig waren, sind es heute nur
noch 37%." 7) Diese Schlußfolgerung der Landesregierung muß je-
doch teilweise relativiert werden, weil der relative Anstieg der
Investitionsgüterindustrien verdeckt, daß diese besonders kon-
junkturanfällig und außerdem sehr stark auf den Montansektor aus-
gerichtet sind.
In der Zeit von Mai 1970 bis April 1977 ging die Zahl der Er-
werbstätigen in der BRD um 2,3 % zurück, im Ruhrgebiet um 7,9%.
Die Zahl der Industriebeschäftigten ging in der BRD vom 30.9.1967
bis 30.9.1976 um 4,5%, im Ruhrgebiet um 11,4% zurück. Von Januar
1977 bis Oktober 1978 waren es in der BRD "0,5 %, im Ruhrgebiet -
-4,0%! 8)
Folglich ging die ohnehin schon vergleichsweise niedrige Er-
werbstätigenquote des Ruhrgebiets (BRD in Klammern) von Mai 1970
bis April 1977 von 38,9% (43,9%) auf 37,5% (42,1%) zurück.
Während der Abstand sich bei der Erwerbstätigenquote der Männer
von Mai 1970 von 57,8% (59,2%) auf 54,0% (55,5%) kaum veränderte,
betrug die Differenz bei den Frauen im Mai 1970 8,4 Prozent-
punkte (BRD: 30,0%; Ruhrgebiet: 21,6%), im April 1977 immer noch
7,2 Prozentpunkte (BRD: 30,0%; Ruhrgebiet: 22,8%). 9)
Mit diesen wenigen Zahlen ist die typische Erwerbstätigenstruktur
einer alten schwerindustriellen Region skizziert. Trotz der ins-
gesamt raschen Expansion des tertiären Sektors in den 70er Jahren
ist damit die weibliche Erwerbstätigenquote im Ruhrgebiet nach
wie vor extrem niedrig. Die nach Wirtschaftsbereichen zusammenge-
faßte Erwerbstätigenstruktur erklärt diese Situation teilweise:
Tabelle 3:
Erwerbstätige nach zusammengefaßten Wirtschaftsbereichen 1977 10)
Anteile in %
Bundesgebiet Land NW Ruhrgebiet
Land- und Forstwirtschaft 6,0 2,8 1,3
Produzierendes Gewerbe 44,8 50,9 53,1
Handel und Verkehr 17,4 17,0 18,5
Übrige Dienstleistungen 31,8 29,3 27,1
Anzumerken bleibt, daß diese Ziffern für das Ruhrgebiet die teil-
weise äußerst starke intraregionale Differenzierung, das Süd-
Nord-Gefälle des Ruhrgebiets, verdecken. Denn ein Großteil der
Dienstleistungen ist im südlichen Ruhrgebiet konzentriert. Ferner
wird ein großer Teil der Dienstleistungen für das Ruhrgebiet vom
Raum Düsseldorf, dem sogenannten Schreibtisch des Ruhrgebiets,
wahrgenommen. Insofern ist es nur bedingt richtig, das Ruhrgebiet
relativ isoliert zu betrachten und zu analysieren. Denn die funk-
tionale Arbeitsteilung fällt mit der territorialen Arbeitsteilung
zwischen dem Ruhrgebiet und der Rheinschiene überdeutlich zusam-
men.
Nach einem starken W a n d e r u n g s v e r l u s t des enge-
ren Ruhrgebiets in den 60er Jahren (-258 900 von 1961 bis 1969)
zeigte die erste Hälfte der 70er Jahre zunächst ein etwas günsti-
geres Bild. "In den Jahren 1970 bis 1975 haben 1,5 Mill. Personen
das Ruhrgebiet verlassen, in der gleichen Zeit sind 1,4 Mill.
Personen dazugezogen. Da viele der Abwanderer lediglich das Um-
land aufgesucht haben, weist das Ruhrgebiet (in dieser konjunktu-
rell günstigen Zeit, H.B.) einschließlich seinem Umland sogar
einen Zuwanderungsgewinn aus." 11) Allerdings hat sich die Bevöl-
kerung insgesamt von Mai 1970 bis April 1977 um 4,5% oder 228 500
reduziert. Seit 1976 haben die Wanderungsverluste wieder stark
zugenommen. Verglichen mit anderen Verdichtungsräumen oder schwa-
chen Arbeitsmarktregionen sind die Wanderungsverluste des Ruhrge-
biets mit etwa 20 000 Personen pro Jahr "als unverändert hoch zu
bezeichnen". 12)
Das Ruhrgebiet umfaßt ca. 17% der Fläche Nordrhein-Westfalens,
stellt ein Drittel der Wohnbevölkerung und Erwerbstätigen, war
jedoch im März 1979 mit mehr als 40% der A r b e i t s l o s e n
und nur rund einem Viertel der offenen Stellen Problemregion Nr.
l in Nordrhein-Westfalen. Die registrierte Arbeitslosenquote be-
trug im Ruhrgebiet Ende März 1979 6,4% (130 200). Auf eine of-
fene Stelle kamen 6,8 Arbeitslose. 13/14)
"Hinter diesen Daten verbergen sich regional differenzierte Ent-
wicklungen. So lag die Arbeitslosenquote im Durchschnitt der
letzten 3 Jahre (1976, 1977, 1978) jeweils Ende September in ei-
nigen Arbeitsämtern im Bundesgebiet zwischen 1,3% und 1,8%, im
Bundesdurchschnitt bei 3,9%, im Landesdurchschnitt bei 4,5%, wäh-
rend Gelsenkirchen 6,6%, Duisburg 6,3%, Bochum 5,8%, Dortmund
5,7%, Essen 5,6%, Hamm 5,5% und Recklinghausen 5,4% aufweisen."
15)
Im März 1979 waren in den Arbeitsamtsbezirken Gelsenkirchen 8,0%,
Duisburg 7,6%, Bochum 7,0%, Dortmund 7,0% und Oberhausen 6,1% Ar-
beitslose offiziell registriert.
Diese Abkoppelung des Ruhrgebiets vom Bundes- und Landestrend er-
folgte paradoxerweise in einem Zeitraum, in dem die Investiti-
onstätigkeit der Industrie in Prozent des Landesdurchschnitts im
Ruhrgebiet mit 104,3% (1970) über 123,0% (1972), 119,0% (1974)
und 123,0% (1976) weit über dem Durchschnitt lag. Dies ist nur
durch die kapitalintensiven Rationalisierungsinvestitionen er-
klärbar, die vor allem im Montansektor und der Investitionsgüter-
industrie realisiert wurden. 16)
Die S t r u k t u r d e r A r b e i t s l o s i g k e i t
verweist darauf, daß die Unternehmen die Dauer der hohen Arbeits-
losigkeit zu einer massiven Auslesepolitik benutzt und damit die
von ihnen beklagten "Problemgruppen" selbst geschaffen haben:
Im September 1978 entfielen von 119 000 registrierten Arbeitslo-
sen 34% auf Angestellte; 54% hatten keine abgeschlossene Be-
rufausbildung; 32% waren gesundheitlich eingeschränkt; 10% waren
jünger als 20 Jahre; 23% waren 50 Jahre und älter; 25% waren län-
ger als ein Jahr arbeitslos. Eine Sondererhebung des Landesar-
beitsamtes NRW ergab, daß von den Ende Mai 1978 registrierten
108837 Arbeitslosen der Arbeitsamtsbezirke Hamm, Oberhausen,
Recklinghausen, Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen
und Wesel nur 9,9% aus den Wirtschaftsbereichen Metallerzeugung,
Metallverformung und Kohlenbergbau, dagegen aber 16,1% aus dem
Handel, 10,5% aus dem Baugewerbe und 63,5% aus den übrigen Wirt-
schaftsbereichen kommen. 17)
Es besteht also ein Widerspruch zwischen der sektoral sehr unter-
schiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung und der Struktur der
Arbeitslosigkeit nach Wirtschaftsbereichen . Offensichtlich hat
eine weitgehende Abkoppelung der wichtigsten Ursachen der Regio-
nalkrise des Ruhrgebiets - der Krise der die Monostruktur prägen-
den Montanindustrie - von den inzwischen verfestigten Erschei-
nungsformen dieser Krise, die teilweise in ganz anderen Wirt-
schaftszweigen ihren Niederschlag finden, stattgefunden. Allge-
meine und besondere Krisenerscheinungen sind außerdem auf das
engste miteinander verflochten.
II. Die staatlichen Maßnahmen zur Dämpfung der Krisenfolgen
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"In den Jahren 1966 bis 1978 wurde der Steinkohlenbergbau in Nor-
drhein-Westfalen insgesamt mit ca. 15 Milliarden DM aus Bundes-
und Landesmitteln unterstützt. Allein das Land hat dabei ca. 5,6
Milliarden DM zur Verfügung gestellt..." 18)
Tabelle 4:
Aufschlüsselung der Landesmittel für den Steinkohlenbergbau von
1966 bis 1978 19)
- Sozialleistungen 948 Mio. DM
- Stillegungshilfen 836 Mio. DM
- Absatzhilfen 1697 Mio. DM
- Investitionshilfen , 1090 Mio. DM
- Maßnahmen speziell zugunsten der Ruhrkohle AG 483 Mio. DM
- Forschung und Entwicklung 420 Mio. DM
- sonstige Förderungsmaßnahmen 101 Mio. DM
(Der überwiegende Teil - und zwar ca. 90% - dieser Mittel ist dem
Ruhrgebiet zugute gekommen.)
1978 wurde eine weitere Aufstockung der Investitionshilfe um 582
Mill. DM pro Jahr von 1978 bis 1981 für den Steinkohlenbergbau
beschlossen.
Für das Jahr 1979 stehen nach den Haushaltsplänen des Bundes und
des Landes dem Ruhrbergbau weitere 2,7 Mill. DM zu Verfügung.
"Weitere energie- (und umwelt-)politische Investitionen im Ruhr-
gebiet im Rahmen einer Energiesicherungspolitik sind:
- Ausbau der Fernwärmeversorgung. Bund und Land fördern diesen
Ausbau gemeinsam im Rahmen des Programms für Zukunftsinvestitio-
nen. Bisher wurden im Ruhrgebiet 15 Einzelvorhaben mit einem In-
vestitionsvolumen von insgesamt 200 Mill. DM gefördert. Bis zum
Jahre 1981 werden für den Ausbau der Fernwärmeversorgung über 400
Mill. DM investiert.
- Gewährung von Bürgschaften durch das Land für verschiedene
Zwecke der Energiewirtschaft" z.B.:
- Haldenfmanzierungsbürgschaften für die Ruhrkohle AG
- Kraftwerksfinanzierungsbürgschaften für die STEAG und die VEBA-
Kraftwerke Ruhr AG
Außerdem wirkt sich für Nordrhein-Westfalen, insbesondere für das
Ruhrgebiet aus:
die Ausgleichsabgabe nach dem 3. Verstromungsgesetz, die vom Ver-
braucher erbracht wird. Diese Ausgleichsabgabe stabilisiert den
Absatz des Ruhrbergbaus in der Steinkohleverstromung. Das Gesamt-
aufkommen aus der Ausgleichsabgabe betrug 1978 ca. 2 Milliarden
DM.
Die Landesregierung hat den LEP VI, Gebiete für flächenintensive
Großvorhaben und Kraftwerksstandorte' erlassen." 20)
Dieser Plan weist unter anderen 16 Standorte für Großkraftwerke
aus. Die Behauptung der Landesregierung vom "Vorrang für die
Kohle" entspricht allerdings nur teilweise der Wahrheit, da der
LEP VI eben auch Standorte für Kernkraftwerke ausweist und die
Landesregierung die Sabotage der wichtigsten Kraftwerksbetreiber
gegen den weiteren Bau von Kohlekraftwerken unterstützt bzw.
nicht wirkungsvoll bekämpft.
R e g i o n a l e W i r t s c h a f t s f ö r d e r u n g: Nach
Angaben der Landesregierung wurden im Ruhrgebiet nach § 23 Abs. 2
Kohlegesetz in den kreisfreien Städten und Kreisen des Ruhrge-
biets von 1968 bis 1974 Investitionen von 21,76 Milliarden DM mit
10% Investitionsprämie gefördert. Von 1972 bis 1977 wurden zu-
sätzlich 4,67 Milliarden DM Investitionen mit Hilfe der
"Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschafts-
struktur" und landeseigener Förderungsprogramme mit 10-20% sub-
ventioniert. Im Jahre 1979 stehen dafür 360 Millionen DM zur Ver-
fügung. 21)
Die M i t t e l s t a n d s f ö r d e r u n g beträgt 1979 ca.
83,5 Millionen DM. Seit 1974 wurden im Ruhrgebiet diverse
K o n j u n k t u r p r o g r a m m e einschl. des Zukunftsinve-
stitionsprogramms in Höhe von knapp 2 Milliarden DM hauptsächlich
im Bereich Infrastruktur, Stadtsanierung, Wohnungsmodernisierung,
Wasserwirtschaft, Fernwärme und Verkehr getätigt.
Mit dem T e c h n o l o g i e - P r o g r a m m E n e r g i e
wurden Mittel bereitgestellt:
- zur Verbesserung der herkömmlichen und der Entwicklung neuer
Kohlegewinnungs- und Veredelungsverfahren (1979: 75,6 Mill. DM);
- zur Entwicklung neuer Technologien zur Kohleverwendung (Kohle-
druckvergasungsanlage, bisher mit 56 Mill. DM subventioniert;
Kohleverflüssigung, insgesamt mit ca. 120 Mill. DM subven-
tioniert; nukleare Prozeßwärme zur Kohlevergasung, THTR 300 -
Hochtemperaturreaktor -, insgesamt bislang 1,2 Mill. DM Subven-
tionen) sowie für das Technologieprogramm Wirtschaft (innova-
tionsfördernde Projekte).
A r b e i t s m a r k t p o l i t i s c h e M a ß n a h m e n:
Die Hauptkompetenz liegt in diesem Bereich beim Bund und der Bun-
desanstalt für Arbeit. Nach Angaben des Landesarbeitsamtes 22)
wurden allein 1978 über die Arbeitsämter des Ruhrgebiets 1,7027
Milliarden DM (ohne Kindergeld) ausgezahlt. Davon 198,1 Millionen
DM für berufliche Bildung, 57,5 Millionen DM für die Förderung
der Arbeitsaufnahme, 794,4 Millionen DM für Arbeitslosengeld,
252,9 Millionen DM für Arbeitslosenhilfe.
Die Hauptaktivitäten der Landesregierung liegen auf dem Gebiet
der sogenannten Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. - Im Jahre
1979 dürften voraussichtlich rund 20 000 Plätze für Jugendliche
im Land insgesamt gefördert werden, darunter in erheblichem Um-
fang auch im Ruhrgebiet. Der Bewilligungsrahmen (Ansätze und Ver-
pflichungsermächtigung) des Landes zur Bekämpfung der Jugendar-
beitslosigkeit beträgt 1979 rund 620 Millionen DM" 23), davon ca.
ein Drittel im Ruhrgebiet.
W i s s e n s c h a f t u n d F o r s c h u n g: Seit 1961
wurden im Ruhrgebiet 5 Universitäten und Gesamthochschulen ge-
gründet: Bochum (1961), Dortmund (1962), Duisburg (1972), Essen
(1972), Fernuniversität-Gesamthochschule Hagen (1974). Die Stu-
dentenzahl stieg von 2000 (1960) auf 67 150 (1979). Der Anteil
der im Ruhrgebiet Studierenden an der Gesamtzahl der nordrhein-
westfälischen Studenten stieg damit von 2,8% im Jahre 1950 über
18,3% im Jahre 1970 auf z.Z. 23,2%. 24) An den Hochschulen sind
1979 ca. 12 000 Arbeitskräfte beschäftigt. Bis Ende 1978 sind für
die 5 Hochschulneugründungen über 3 Milliarden DM investiert wor-
den, während an laufenden Ausgaben für die Revier-Hochschulen im
Jahre 1979 etwa 800 Millionen DM vorgesehen sind.
Der Ausbau der Forschung außerhalb der Hochschulen wurde eben-
falls vorangetrieben: Unter anderem sind hier zu nennen die Berg-
bauforschungs GmbH Essen (1051 Mitarbeiter); das Rheinisch-West-
fälische Institut für Wirtschaftsforschung, Essen; die For-
schungsgesellschaft für Arbeitsphysiologie und Arbeitsschutz,
Dortmund; die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Unfallfor-
schung, Dortmund; das Silikose-Forschungsinstitut, Bochum.
V e r k e h r: "Für das Wegenetz des ÖPNV im Ruhrgebiet (ohne S-
Bahn) sind von 1967 bis 1978 staatliche Zuschüsse in Höhe von
rund 1,8 Milliarden DM geleistet worden." 25) Die Investitions-
planung 1977 bis 1990 für den Stadtbahnbau sieht im Bereich
Rhein-Ruhr ca. 9 Milliarden DM vor. 1990 sollen ca. 172 km Stadt-
bahnstrecke in Betrieb sein. Für den Bau von S-Bahnen der Deut-
schen Bundesbahn sind 3 Milliarden DM Finanzhilfen vorgesehen.
Seit 1967 sind im Ruhrgebiet rund 175 km Autobahnen mit Kosten in
Höhe von ca. 2 Milliarden DM neu gebaut worden. 26)
Die Investitionen für den Neu-, Um- und Ausbau der Landstraßen im
Ruhrgebiet betrugen seit 1967 etwa 1,25 Milliarden DM. Für die
kommenden Jahre sind Investitionen in der gleichen Größenordnung
vorgesehen. Für kommunale Straßenverkehrsprojekte wurden von 1967
bis 1978 den Kommunen 1,5 Milliarden DM Zuschüsse gewährt, ebenso
1,1 Milliarden DM Straßenbauzuweisung zur Erfüllung ihrer
Aufgaben aus der Straßenbaulast. Bund und Land haben für den Aus-
bau der Wasserstraßen seit 1967 ca. 1,5 Milliarden DM aufgewandt.
U m w e l t s c h u t z: Auch im Bereich des Umweltschutzes sind
die organisatorischen, gesetzgeberischen und finanziellen Maßnah-
men des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes nicht unerheb-
lich gewesen: 1962 wurde in Nordrhein-Westfalen als erstem Bun-
desland ein Immissionsschutzgesetz verabschiedet. 1963 wurde die
Landesanstalt für Immissionsschutz (Essen) gegründet. Ein Immis-
sionsschutzkataster wurde aufgebaut. Bei der Bekämpfung von
Grobstaub, Ruß und Schwefeldioxyd wurden Erfolge erzielt. 1975
wurde für alle 43 Siemens-Martin-Öfen der Eisen- und Stahlindu-
strie die Entstaubung angeordnet, die bis Ende 1979 bis auf 4
Öfen abgeschlossen ist. In Nordrhein-Westfalen werden "Luftrein-
haltepläne" aufgestellt. "Das Schwergewicht der Sanierungsmaß-
nahmen der Luftreinhaltepläne liegt im industriellen Bereich. So
müssen allein im Rahmen der 1977 bzw. 1978 aufgestellten Pläne
für das Ruhrgebiet-West und Ruhrgebiet-Ost ca. 400 Einzelmaß-
nahmen an Kraftwerken, Kokereien, Hochöfen, Sinteranlagen, Stahl-
werken, Gießereien und Chemieanlagen durchgeführt werden." 27)
Die wichtigste Form der staatlichen Subventionierung der Umwelt-
schutzinvestitionen an Industrieanlagen ist neben der Förderung
von Einzelprojekten die Steuervergünstigung nach § 7d EinkStG
(erhöhte Absetzungen für Wirtschaftsgüter, die dem Umweltschutz
dienen). Im Rahmen des hierzu erforderlichen Bescheinigungverfah-
rens wurden im Jahre 1978 Bescheinigungen über ein Investitions-
volumen von ca. 359 Millionen DM erteilt. Hiervon entfielen auf
Investitionen im Ruhrgebiet ca. 182 Millionen DM. 28)
Insgesamt hat sich zwischen 1963/64 und 1977 im Ruhrgebiet der
Staubniederschlag um mehr als die Hälfte verringert. Im gleichen
Zeitraum haben die Schwefeldioxydemissionen um ca. 50% abgenom-
men. Zwischen 1970 und 1977 konnten die Feinstaubemissionen im
Ruhrgebiet um 1/5 verringert werden.
Der Lärmschutz steht dagegen vergleichsweise noch am Anfang. Ana-
log zu den Luftreinhalteplänen sollen Lärmminderungspläne in
Nordrhein-Westfalen erarbeitet werden.
W a s s e r v e r s o r g u n g: Für den Ausbau des vorzüglichen
Talsperrenwesens sind seit 1963 86 Millionen DM, für die Abwas-
serbeseitigung seit 1967 481 Millionen DM als Unterstützung für
die Gemeinden, den Ruhrverband, die Emscher-Genossenschaft und
den Lippe-Verband vom Lande zusätzlich bereitgestellt worden. In
den nächsten 5 Jahren sind Abwasseranlagen mit Kosten in Höhe von
etwa 500 Millionen DM geplant. 29)
Auch im Bereich der A b f a l l w i r t s c h a f t gibt es im
Ruhrgebiet im großen und ganzen richtungweisende Konzeptionen und
Lösungen. So wird z. B. in Herten vom Siedlungsverband Ruhrkoh-
lenbezirk ein Rohstoffrückgewinnungszentrum geplant und gebaut,
an dem sich auch das Land NRW mit ca. 35 Millionen DM beteiligt.
S t ä d t e b a u, F r e i z e i t u n d E r h o l u n g,
W o h n u n g s b a u, s o z i a l e I n f r a s t r u k t u r:
"Die städtebauliche Situation des Ruhrgebiets ist gekennzeichnet
durch seine bergbaubedingte polyzentrische Siedlungsstruktur mit
meist ungünstiger Gemengelage von Wohn- und Industriebereichen,
die als Folge früher Industrialisierung heute das Wohnumfeld oft
beeinträchtigt." 30) Deshalb sind an zahlreichen Orten, besonders
in den Stadtzentren und Nebenzentren, Stadtumbaumaßnahmen,
zunächst in den 60er Jahren in der Regel als Kahlschlagsanierun-
gen mit anschließender hochverdichteter Bebauung, ergriffen wor-
den. Auf Grund des Widerstandes gegen die Flächensanierungen wur-
den in jüngster Zeit verstärkt Altbaumodernisierungsmaßnahmen
durchgeführt. Aus Städtebauförderungsmitteln hat das Land die
Verbesserung des Freizeit- und Erholungsangebotes im Ruhrgebiet
seit 1969 mit ca. 211 Mill. DM bezuschußt.
Betriebsverlagerung zwecks Entflechtung von Wohn- und Gewerbe-
bzw. Industriegebieten wurden von 1970 bis 1978 mit ca. 223 Mill.
DM bezuschußt. Insgesamt wurden von Bund und Land Städtebauförde-
rungsmittel in Höhe von 1,226 Mrd. DM von 1971 bis 1978 einge-
setzt. Im Ruhrgebiet wurden von 1958 bis 1978 510 000 WE mit ca.
13 Mrd. DM im sozialen Wohnungsbau gefördert.
Von 1967 bis 1978 hat sich die Zahl der Heime der offenen Tür für
Jugendliche vervierfacht, und die Zahl der Jugendfreizeitheime
stieg von knapp über 200 auf annähernd 350 Für Tageseinrichtungen
für Kinder wurden von 1969 bis 1978 ca. 222,7 Mill. DM Investiti-
onskosten aufgewandt.
In der Zeit von 1960 bis 1978 wurden im Ruhrgebiet insgesamt 40
Krankenhausneu- bzw. Ersatzneubauten sowie Teilneubauten mit ins-
gesamt 13179 Betten mit Unterstützung des Landes errichtet.
Zur Förderung des Sportstättenbaus wurden seit 1960 vom Land Nor-
drhein-Westfalen insgesamt rund 224 Mill. DM plus 34 Mill. DM für
Großstadien bereitgestellt. Darüber hinaus wurden und werden im
Ruhrgebiet noch Bundes- und Landesleistungszentren finanziert.
Die K u l t u r l a n d s c h a f t R u h r g e b i e t ist
durch einige wichtige Investitionsobjekte abgesichert worden:
Über eigenes Theaterangebot verfügen die Städte Dortmund, Bochum.
Gelsenkirchen, Oberhausen, Essen, Duisburg und Recklinghausen als
Sitz der Ruhrfestspiele. Städtische Orchester gibt es in Duis-
burg, Essen, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen und Oberhausen sowie
weitere Orchester in Mari, Recklinghausen und Essen. Das Biblio-
thekswesen ist ebenfalls entwickelt und erhält durch die neuen
Hochschulbibliotheken einen weiteren Aufschwung. 31)
Die Maßnahmen des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen be-
züglich des Ruhrgebiets wurden deshalb so relativ ausführlich
dargestellt, um im folgenden deutlich herausarbeiten zu können,
warum trotz dieser beträchtlichen staatlichen Aktivitäten die
heutige Krise des Ruhrgebiets nicht verhindert werden konnte. Die
Erklärung hierfür wird im folgenden Kapitel versucht werden. Ge-
nerell liegt sie in dem nichtplanmäßigen Strukturwandel der ge-
sellschaftlichen Produktion und ihrer territorialen Bewegungsform
durch das Lenkungsprinzip des Monopolgewinns. Der für die regio-
nale Entwicklung ausschlaggebende Faktor ist die Bewegung der
territorialen Produktionsstruktur, die im wesentlichen durch die
monopolistischen Kapitalverwertungsbedingungen determiniert wird.
Es wird die Hypothese formuliert, daß die Unternehmen, die an der
mit staatlichem entwertetem Kapital unterstützten sektoralen und
territorialen Kapitalwanderung beteiligt sind, einerseits nicht
an einer vollständigen Beseitigung der Folgen der Stagnation der
dominierenden Branchen interessiert sind, weil eine überdurch-
schnittlich hohe Arbeitslosigkeit ein günstiges regionales Milieu
für Branchen mit unterdurchschnittlich guten Kapitalverwertungs-
bedingungen ist, daß andererseits die Restrukturierung einer Re-
gion in Form einer nachträglichen Anpassungsplanung an staatli-
cherseits geförderte sektorale und regionale Kapitalmobilität die
Krise nicht beheben kann, weil das Tempo der Kapitalwanderung
viel höher ist als das des Umbaus der regionalen Infra- und Sied-
lungsstruktur sowie des Aufbaus einer neuen territorialen Produk-
tionsstruktur.
Das Volumen und die Struktur der staatlich finanzierten Anpas-
sungsinvestitionen ist andererseits verantwortlich dafür, in wel-
chem Ausmaß die Krisenfolgen auf die Regionsbevölkerung abgewälzt
werden. In diesem Punkte wiederum ist die Situation der Ruhrge-
bietsbevölkerung relativ günstig im Vergleich zu den entsprechen-
den alten Montanregionen der Europäischen Gemeinschaft (Saarland,
Lothringen, Belgien, Nordfrankreich sowie die verschiedenen Mon-
tanregionen Großbritanniens). Eine Theorie räumlicher Krisen hat
daher auch einen Erklärungsbeitrag dafür zu leisten, warum sich
die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung auch im unterschiedlichen
Verlauf und unter der unterschiedlichen Intensität regionaler und
städtischer Krisen niederschlägt, warum schließlich das Ausmaß
der Abwälzung der Krisenlasten auf die betroffenen Regionsbevöl-
kerungen unterschiedlich ist. Es ist wahrscheinlich, daß eine
Strategie des beschleunigten Strukturwandels, d.h. der staatli-
chen Förderung des Abbaus von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger
relativ ausgebauter sozialer Absicherung der betroffenen Arbeits-
kräfte und hohen Anpassungsinvestitionen, die Arbeitsproduktivi-
tät der Beschäftigten so schnell erhöht, daß eine derartige Poli-
tik in Wachstumszeiten finanzierbar ist und gegenüber der inter-
nationalen Konkurrenz Vorteile verschafft. Ein Indiz für diese
Strategie des aktiven Strukturwandels ist die Tatsache, daß al-
lein von 1958 bis 1967 insgesamt ca. 16,3 Mrd. DM an Hilfen der
öffentlichen Finanzwirtschaft für den Ruhrbergbau vergeben wur-
den, davon ca. 10,4 Mrd. DM allein an Subventionen für den Ar-
beitgeberanteil zur Knappschaftsrentenversicherung (6,7 Mrd. DM)
und an Unterstützungen für den Arbeitnehrneranteil der Knapp-
schaftsrentenversicherung (3,7 Mrd. DM). 32)
Im folgenden Abschnitt soll versucht werden, einige Aspekte einer
Theorie regionaler Strukturkrisen aus der marxistischen Raumöko-
nomie abzuleiten.
III. Elemente einer marxistischen Theorie räumlicher
----------------------------------------------------
(regionaler und städtischer) Krisen
-----------------------------------
1. Grundelemente der räumlichen Dimension des
---------------------------------------------
kapitalistischen Reproduktionsprozesses
---------------------------------------
Die Integration der Raumdimension in die Politische Ökonomie hat
in doppelter Weise zu erfolgen: "Zum einen über die Naturbedingt-
heit menschlicher Arbeit, also über die Abhängigkeit jeglicher
gesellschaftlicher Arbeit von dem vorhandenen (und zunehmend ge-
sellschaftlich geschaffenen, H.B.) 'geographischen Milieu' 33)
und damit den naturbedingten Produktivkräften, zum anderen über
die R a u m s p h ä r e bzw. den W i r k u n g s r a u m der
gesellschaftlichen Arbeit, wie sie aus den je historisch spezifi-
schen Kooperationsformen resultieren... Die entscheidende Frage
ist nun, wie sich diese in den natürlichen und gesellschaftlichen
Produktivkräften angelegten allgemeinen räumlichen Determinatio-
nen über die formationsspezifische Entwicklung der Produktiv-
kräfte in eine den jeweiligen Produktionsverhältnissen adäquate
territoriale Produktions- und Siedlungsstruktur umsetzen." 34)
Der kapitalistische industrielle Produktionsprozeß ist wider-
sprüchliche Einheit von Arbeits- und Wertbildungs-/Verwertungs-
prozeß des Kapitals. Der kapitalistische Arbeitsprozeß weist zwar
bestimmte Besonderheiten auf - er findet unter dem Kommando des
auf das begrenzte Profitziel orientierten Kapitals statt und
unterscheidet sich deshalb wesentlich vom sozialistischen
Arbeitsprozeß -, ist jedoch als Arbeitsprozeß, d.h. als Prozeß
der Einwirkung des Menschen auf die Natur vermittels Maschinen
und Technologien, bestimmten Natur- und Technikgesetzen unter-
worfen, die formationsunspezifisch wirken. Deshalb muß zunächst
die Analyse der territorialen Arbeitsteilung und ihrer Organisa-
tionsformen 35) vorgenommen werden.
Die Höherentwicklung der Verausgabung der menschlichen Arbeits-
kraft, deren Maß die zunehmende Fähigkeit ist, ein immer größeres
absolutes und relatives Mehrprodukt zu erzeugen, führt über den
Weg der fortschreitenden Vergesellschaftung des Reproduktionspro-
zesses , d. h. über immer höhere Formen der Arbeitsteilung. Räum-
liche Organisationsformen dieser Arbeitsteilung sind:
- territoriale Spezialisierung
- territoriale Komplexität
- territoriale Kombination
- territoriale Kooperation und Konzentration.
Die verschiedenen Kommunikationssysteme und Transportsysteme sind
die Adern, die sachlich und räumlich den Gesamtcharakter des aus-
differenzierten Reproduktionsprozesses realisieren. Grundlegend
ist hierbei die Unterscheidung von "zwischengebietlichen"
(interregionalen) und "innergebietlichen" (intraregionalen) Ele-
menten der Arbeitsteilung.
Ausmaß und Struktur des Entwicklungsniveaus der territorialen Ar-
beitsteilung sind abhängig vom Stand der Produktivkraftentwick-
lung, die selbst wiederum von den Produktionsverhältnissen geför-
dert oder gehemmt wird. So ist z.B. der mögliche Grad der Konzen-
tration der Produktion einer bestimmten Ware (Automobile) an ei-
nem Standort im Kapitalismus nicht nur abhängig von dem histo-
risch variablen Gefüge von Kostendegression der Massenproduktion,
Transportökonomie und Bodennutzungsbedingungen, den sogenannten
raumdifferenzierenden Faktoren 36), sondern auch bestimmt vom
Stand der Konkurrenz zwischen den Automobilkonzernen, ihren
verfestigten und monopolisierten Absatzmärkten usw. Insofern ist
die räumliche Organisation des gesellschaftlichen Reproduktions-
prozesses formationsspezifisch und prägt somit auch die konkreten
Formen und Dimensionen der territorialen Arbeitsteilung und ihrer
Organisationsformen. Die marxistische Grundthese "Nicht was, son-
dern wie produziert wird, unterscheidet die verschiedenen Gesell-
schaftsformationen" muß dementsprechend auch bei der Analyse der
räumlichen Bewegungsformen des Reproduktionsprozesses berücksich-
tigt werden. Zu jeder Produktionsweise gehört die Produktion von
Gebrauchswerten und damit auch von Produktions- und Siedlungs-
strukturen. Produktionsweisen mit industrieller Grundlage erzeu-
gen überwiegend städtische Siedlungsstrukturen. Das Eigentümliche
ist auch hier die F o r m der Siedlungsstruktur, ihr interre-
gionales Muster (Größenstruktur, Hierarchie) und die interne
Struktur der einzelnen Städte und Siedlungen. Die Form der Pro-
duktion wiederum entscheidet über Prioritäten und Proportionen
der Produktion und damit über die konkrete Gebrauchswertstruktur
des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Während z.B. Brasilien als
Entwicklungsland über eine für seinen Entwicklungsstand parasi-
täre Pkw-Produktion verfügt, deren Stellung im krassen Gegensatz
zum niedrigen Niveau der Befriedigung der Grundbedürfnisse Nah-
rung, Wohnung, Bildung und Gesundheit steht, ist der kubanische
Produktionsapparat heute auf die Befriedigung dieser Grundbedürf-
nisse ausgerichtet. Die Struktur des Outputs der Produktion ist
folglich sehr unterschiedlich, ebenso die Standortstruktur der
Produktivkräfte und der Siedlungsstruktur.
Für die territoriale Betrachtungsweise ist nicht nur die Analyse
des Produktionsprozesses notwendig, sondern die Betrachtung des
Gesamtprozesses der gesellschaftlichen Reproduktion als Einheit
von Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionsprozeß. Läpple
schlägt hier vor, die Kategorie des "gesellschaftlichen Gesamtar-
beiters" zentral zu nutzen. 37) Aus dieser Sicht betrachtet man
nicht nur die Standortstrukturentwicklung der Industrie, der
Landwirtschaft und der Verwaltungseinrichtungen, d.h. die Stand-
ortstruktur der Produktivkräfte (territoriale Produktionsstruk-
tur), sondern immer auch die an jedem Einzelstandort sich entwic-
kelnde Siedlungsstruktur einschließlich der Standortsysteme der
Zirkulation und Konsumtion sowie der Art und Weise, des Ausmaßes
und der Dimensionen der Nutzung der natürlichen Ressourcen, die
Errichtung von Anlagen zu ihrem Schutz bzw. zu ihrer erweiterten
Reproduktion usw.
Von besonderem Interesse sind dabei zwei Problembereiche: einer-
seits die Widersprüche zwischen der Dynamik der Produktionsstruk-
tur und der relativen Trägheit der Siedlungsstruktur, anderer-
seits der 'feed back', den eine zur Produktionsstruktur dysfunk-
tionale Siedlungsstruktur auf deren Dynamik und Produktivität
ausübt.
Alle Ökonomie löst sich letztlich auf in die Ökonomie der Zeit.
38) Anders ausgedrückt: "Der gemeinsame Nenner der Einsparung al-
ler Arten von Aufwendungen zur Erreichung eines bestimmten Resul-
tats ist die Zeit." 39) Dies gilt folglich auch für das Maß der
Effektivität der räumlichen Verteilung der gesellschaftlichen
(lebendigen und vergegenständlichten) Arbeit.
Die zur Erreichung eines gegebenen Ziels erforderliche Minimie-
rung des gesellschaftlichen Arbeitsaufwandes (begleitet von rele-
vanten Arbeitszeitverkürzungen und der humaneren Gestaltung der
Arbeitsbedingungen) bzw. - was nur ein anderer Ausdruck des Opti-
mierungsproblems ist - die Maximierung des Zielerreichungsgrades
bei einem gegebenen gesellschaftlichen Arbeitsaufwand ist nicht
das Ziel der kapitalistischen Proportionierung des Arbeitaufwan-
des, da das Mehrwertgesetz die Kapitalisten zur Minimierung der
bezahlten Arbeitszeit, nicht zur Minimierung der Gesamtarbeits-
zeit veranlaßt. Dies führt zum Verschleiß der Arbeitskraft, zu
Verschwendung von Arbeitsvermögen in Form von Arbeitslosigkeit,
brachliegenden Produktionsanlagen sowie zu einer am Profitziel
orientierten räumlichen Organisation des gesellschaftlichen Le-
bens.
Das Wertgesetz in der einfachen Warenproduktion, das Produktions-
preisgesetz bzw. seine Modifikationen durch die monopolistische
und staatsmonopolistische Weiterentwicklung des Kapitalismus ha-
ben die Konkurrenz der individuellen und nationalen Kapitale zur
Voraussetzung. Entscheidungen über die Nutzung der räumlichen
Ressourcen sowie die räumliche Struktur des gesellschaftlichen
Gesamtarbeiters fallen daher nicht nach Maßgabe gesamtgesell-
schaftlicher Optimierungskriterien, sondern grundsätzlich spontan
als Resultat von an Partialinteressen orientierten Einzelent-
scheidungen. Der Anarchie der Produktion entspricht damit die An-
archie der Standortstruktur. Eine hohe Wertschöpfung muß daher
nicht unbedingt eine hohe und qualitativ gute reale Versorgung
der Menschen bedeuten, sondern kann z.B. mit überaus ungünstigen
räumlichen Zuordnungen von Produktion, Zirkulation, Dienstlei-
stungseinrichtungen und individueller Konsumtion verbunden sein,
mit einer ungünstigen Rohstoffverwertung, hohen Wiederauf -arbei-
tungskosten und hohem Transportaufwand.
Der g e b i e t s w i r t s c h a f t l i c h e A u f w a n d,
ein Maß für die Effektivität der räumlichen Organisation des Re-
produktionsprozesses, ist der Aufwand, "den ein beliebiger Be-
trieb oder ein Produkt, eine Einrichtung oder auch die gesamte
Wirtschaft eines Gebietes durch den Bedarf an gebietswirtschaft-
lichen Produktionsbedingungen im Wirtschaftsgebiet verursacht".
40) Diese Kategorie ist formal vergleichbar mit dem Konzept der
Berechnung der Kosten einer Maßnahme, z.B. einer Stadtteilsanie-
rung, nach dem F o l g e k o s t e n p r i n z i p oder mit dem
Konzept der positiven oder negativen "externen Effekte" betrieb-
licher oder städtischer Investitionsmaßnahmen. Nur durch die kom-
plexe Berechnung der Gesamtkosten (des gesamtgesellschaftlichen
Arbeitsaufwands) kann z.B. entschieden werden, ob der Bau von
1000 neuen Wohnungen - bei Einhaltung eines je nach dem Stand des
gesellschaftlichen Reichtums möglichen qualitativen Standards so-
wie bei Berücksichtigung der unterschiedlichen Produktivität ver-
schiedener Bauverfahren - günstiger auf der grünen Wiese oder
aber durch Verdichtung und Umprofilierung vorhandener Siedlungs-
gebiete erfolgen kann, ob also eine extensiv oder intensiv erwei-
terte Reproduktion der Siedlungsstruktur erfolgen soll. Ein
Hauptaspekt der städtischen und regionalen Krisen im heutigen Ka-
pitalismus besteht daher darin, daß die profitorientierte Zirku-
lation des Mehrwerts verhindert, daß eine konsequente intensiv
erweiterte Reproduktion der städtischen Substanz realisiert wird.
41)
Für den industriellen Bereich gibt es zahlreiche Beispiele für
eine hocheffektive, überwiegend intensiv erweiterte Reproduktion,
die in der Regel nach folgendem Phasenschema verläuft: monopoli-
stische Konkurrenz-Fusion-Programmbereinigung, Spezialisierung
der einzelnen Werke einschließlich Rationalisierung - allmähliche
Ausrichtung der Infrastruktur auf die neue Standortstruktur sowie
Anpassung der städtischen Siedlungsstruktur. Dieser Prozeß läßt
sich sehr gut z.B. an den Stahlkonzernen des Ruhrgebiets studie-
ren (Krupp, Hoesch, Thyssen und Mannesmann), die nach der Fusi-
onswelle Mitte der sechziger Jahre mangels Möglichkeiten nicht
hauptsächlich in neue Küstenwerke investierten - im Gegensatz zum
Klöckner-Konzern und den französischen Stahlkonzernen -, sondern
den Hauptteil ihrer Investitionen auf die Modernisierung, Ratio-
nalisierung und Kapazitätsausweitung der jeweils günstigsten al-
ten Standorte konzentrierten.
Die intensiv erweiterte territoriale Reproduktion der Stahlindu-
strie im Ruhrgebiet ist mit ein Hauptgrund dafür, daß die heutige
Konkurrenzposition der Stahlindustrie des Ruhrgebiets im Ver-
gleich zur saarländischen, luxemburgischen und lothringischen
Stahlindustrie vergleichsweise günstig ist. 42)
Am Beispiel der Fried. Krupp Hüttenwerke 43) soll der Prozeß der
intensiv erweiterten Reproduktion und ihrer territorialen Bewäl-
tigung kurz dargestellt werden.
Tabelle 5:
Roheisen- und Rohstahlerzeugung der Fried. Krupp Hüttenwerke
Roheisenerzeugung
Werk Rheinhausen Werk Bochum
1966
Anzahl der Hochöfen 7 5
Kapazität in Mill. t/Jahr 1,8 1,1
1977
Anzahl der Hochöfen 5 -
Kapazität in Mill. t/Jahr 4,8 -
Ziel
Anzahl der Hochöfen 3 -
Kapazität in Mill. t/Jahr 5,4 -
Rohstahlerzeugung
Werk Rheinhausen Werk Bochum
1966
Anzahl der Anlagen 1) 11 21
Kapazität in Mill. t/Jahr 2,2 1,5
1977
Anzahl der Anlagen 1) 7 7
Kapazität in Mill. t/Jahr 5,5 1,2
Ziel
Anzahl der Anlagen 1) 3 3
Kapazität in Mill. t/Jahr 6,0 1,2
_____
1) LD-Konverter, Siemens-Martin-Öfen, Elektroofen.
Für das geplante Ziel ergibt sich eine im Durchschnitt zehnfache
Produktionsleistung der Einzelanlagen gegenüber dem Ausgangszu-
stand von 1966. Für den notwendigen Roheisentransport von Rhein-
hausen nach Bochum wurde die Bahnstrecke von der Bundesbahn voll
elektrifiziert. Im Zuge dieser Rekonstruktion wurde bei einer
fast 100prozentigen Steigerung der Kapazitäten die Staubemission
beider Werke auf ca. 30% des Ausgangswertes gesenkt. In einer Mo-
dellrechnung wurden die Investitionskosten dieser Rundumerneue-
rung mit 350 DM je Tonne Rohstahlkapazität bei hypothetischen Ko-
sten von 500 DM je Tonne für ein neues Werk auf der grünen Wiese
errechnet. "Der Unterschied von 150 DM (t/Jahr) ist dadurch be-
dingt, daß bei dem Ausbau... sehr weitgehend die vorhandene In-
frastruktur mitbenutzt werden konnte und daß diese mit verhält-
nismäßig geringem Aufwand an die gestiegenen Leistungen angepaßt
werden konnte." 44) Ein wichtiger Aspekt von typischen Auswirkun-
gen der intensiv erweiterten Reproduktion der territorialen Pro-
duktionsstruktur kann jedoch an diesem Beispiel nicht aufgezeigt
werden: der Prozeß der R e k o n z e n t r a t i o n und der
damit verbundenen vollständigen Aufgabe der jeweils ungünstigsten
Standorte und damit einer in Hochkonjunkturzeiten durch Auslage-
rung von Teilproduktionen oder durch Zentralisation entstandenen
komplexen Konzernstandortstruktur. Beispielsweise fusionieren
zwei Konzerne mit 10 bzw. 5 Produktionsstandorten. Durch die Kon-
zentration der verschiedenen Teilproduktionen auf die jeweils
günstigsten Standorte reduziert sich die Zahl der intensiv
erweiterten Standorte z.B. auf 12, wobei das Produktionsvolumen
insgesamt größer sein mag als vor Beginn des "Bereinigungspro-
gramms". Dies ist der typische Fall einer intensiven Erweiterung
der territorialen Produktionsstruktur. Bei dem Krupp-Beispiel
sind die gesellschaftlichen Aufwendungen für Umschulung, die
Bereitstellung neuer Arbeitsplätze, die Milderung der sozialen
Folgen der Arbeitslosigkeit (1978 war z.B. die Arbeitslosigkeit
in Duisburg und Bochum doppelt so hoch wie im Bundesdurch-
schnitt), die Kosten der Neuausrichtung der regionalen Infra- und
Siedlungsstruktur auf die neue Standortstruktur der Industrie
kein Passivposten in den konzerninternen Wirtschaftlichkeitsbe-
rechnungen derartiger Umstrukturierungsmaßnahmen, auch wenn sie
oftmals ein Mehrfaches der Konzerninvestitionen betragen haben
mögen. 45) Derartige intensiv erweiterte Umstrukturierungsmaß-
nahmen sind vielmehr nur mit massiver staatsmonopolistischer
Finanzierung des siedlungsstrukturellen Umbaus möglich. Dies gilt
freilich erst recht für die Neuaufschließung von Standorten etwa
an der Küste, wie es die Beispiele Klöckner, der französischen,
belgischen, britischen und italienischen Konzerne zeigen. 46)
Dennoch ergibt ein Vergleich beider Reproduktionstypen - die in
der Realität natürlich nicht in reiner Form, sondern gemischt
auftreten -, daß zumindest für die Industrie mit hohem Anteil des
fixen konstanten Kapitals eine intensiv erweiterte Reproduktion
an bereits historisch aufbereiteten Standorten einerseits
betriebswirtschaftlich sehr kostengünstig, andererseits mit einem
vergleichsweise niedrigeren gebietswirtschaftlichen Aufwand ver-
bunden ist. Deshalb ist der Begriff der t e r r i t o r i a-
l e n R a t i o n a l i s i e r u n g 47), der im Sozialismus
eine umfassende Strategie zur Durchsetzung der räumlichen
Komponente des Gesetzes der Ökonomie der Zeit beinhaltet, außer-
ordentlich wichtig für das Verständnis der ökonomischen Effekti-
vität der räumlichen Organisation des gesellschaftlichen Lebens.
2. Die Spezifik territorialer Disproportionen,
----------------------------------------------
Widersprüche und Krisen
-----------------------
Von territorialen Krisen kann im Kapitalismus dann gesprochen
werden, wenn sich die räumlichen Verteilungsverhältnisse der ein-
zelnen Elemente des Reproduktionsprozesses in ihren stofflichen
und wertmäßigen Dimensionen gegenüber den Erfordernissen des Re-
produktionsprozesses als disproportional (Überschuß oder Mangel)
herausstellen. Die wichtigsten Erscheinungsformen territorialer
Krisen sind:
- regional konzentrierte Vernichtung von Kapital aufgrund fehlen-
der Reinvestitionen (statt dessen regionaler Kapitalexport);
- Zerstörung des regionalen Reproduktionsprozesses durch Überbe-
anspruchung der natürlichen und menschlichen Ressourcen
(Beispiel: Ruhrgebiet im letzten Drittel des 19.
Jh.);
- dauerhafte Nichtauslastung der sachlichen und menschlichen Pro-
duktivkräfte sowie der Infrastruktureinrichtungen;
- generelle Unterausstattung der Regionen mit Einrichtungen der
sozialen Infrastruktur;
- erzwungene Mobilität der Arbeitskräfte usw. 48)
Die typische kapitalistische Form der relativen "Lösung" der Ter-
ritorialkrisen ist die regional konzentrierte Kapitalvernichtung,
die geographische Zirkulation des Mehrwerts sowie die erzwungene
Mobilität der Arbeitskräfte. Die S p e z i f i k der räumlichen
Disproportionen und folglich auch der Territorialkrisen liegt in
dem "Trägheitsmoment der Territorialstruktur" begründet: im Akku-
mulationsprozeß werden zwar immer auch neue Regionen erschlossen,
neue Städte gebaut und die bereits vorhandenen aufgrund der not-
wendigen ungleichmäßigen Entwicklung des Akkumulationsprozesses
ungleichmäßig reproduziert. Der Zeitraum der Erschließung und des
Neubaus von Regionen und Städten ist jedoch wesentlich geringer
als die Lebensdauer, denn die Umschlagsgeschwindigkeit der
stofflichen Infrastruktureinrichtungen (allgemeine Produktionsbe-
dingungen wie: Verkehrsanlagen, Wasseraufbereitung und -entsor-
gung, Einrichtungen für die Qualifikation und Reproduktion der
Arbeitskräfte einschließlich des Wohnungsbestandes) liegt zwi-
schen 50 bis 100 und mehr Jahren. Aufgrund der zunehmenden Verge-
sellschaftung der Produktion und des tendenziellen Falls der Pro-
fitrate erfolgt zweitens eine zunehmende I n f r a s t r u k-
t u r i e r u n g von immer mehr Bereichen des Reproduktions-
prozesses; da der fixe Teil dieser Produktionsfonds zunimmt,
erfolgt eine immer langfristigere räumliche Fixierung dieser
Infrastrukturanlagen 49), während gleichzeitig die potentielle
räumliche Mobilität der noch unter der Verfügung des privaten
Kapitals verbleibenden speziellen Produktionsprozesse ansteigt.
"Wenn die wertmäßige Umschlagszeit der (speziellen, H.B.)
Arbeitsmittel sich heute dem Fünfjahreszyklus annähert, so
braucht es wenig Phantasie, um sich vorzustellen, welche Unzahl
von Möglichkeiten zum Entstehen räumlicher Disproportionen sich
allein aus dieser Ungleichmäßigkeit ergibt." 50)
Das Kapital ist folglich in der Lage, eine über Jahrzehnte und
Jahrhunderte entwickelte Region innerhalb kurzer Zeit zu destabi-
lisieren, wenn die Konkurrenz zu einer Kapitalvernichtung führt
bzw. wenn die speziellen Produktionsprozesse ganz oder teilweise
demontiert und in anderen Gegenden der kapitalistischen Welt wie-
der aufgebaut werden. (Die dort ebenfalls notwendige Bereitstel-
lung der allgemeinen Produktionsbedingungen und der Arbeitskräfte
erfolgt zunehmend als Ergebnis der territorialen Konkurrenz der
Staaten und Regionen, heute unter der Bedingung der staatsmonopo-
listischen Finanzierung dieser Voraussetzungen.) Die Spezifik der
territorialen Krise ist dann ebenfalls ihr D a u e r c h a-
r a k t e r, weil das fixe konstante staatliche Kapital nicht
schlagartig vernichtet werden kann. Die Krisen schleppen sich
über Jahrzehnte hin, da es in der Regel nicht vorkommt, daß eine
entwickelte Region, in der das Kapital der jeweils dominierenden
Branchen vernichtet wird, vollständig das territoriale Anlagefeld
anderer Branchen wird. Dafür gibt es vielfältige Gründe: unter
anderem kommt es in der Regel nicht zur totalen Demontage der
alten Branchen, und zwar dann nicht, wenn es sich um
monopolistische Wirtschaftssektoren mit hoher organischer
Zusammensetzung des Kapitals und hohem Anteil des fixen
konstanten Kapitals handelt. Diese Monpole sind nicht an einer
weitgehenden Umprofilierung und Neubesetzung - ihrer Region" in-
teressiert, weil eine regional fixierte industrielle Reservearmee
und bereits "eingearbeitete" staatliche Apparate zu sehr günsti-
gen Kapitalverwertungsbedingungen der noch vorhandenen Kapitale
führen können.
Tabelle 6:
Schema der Kapitalstruktur einer Region
Werteinheiten Umschlagszeit Beschäftigte
in Jahren
Gesamtkapital einer Region
(staatliches und privates
Kapital) 1000 - 1000
Kapital und Vermögen im Infra-
strukturbereich (staatlich)
und im Wohnungssektor 800 100 200
Kapital im privaten Sektor 200 7 1/2 800
- davon im Basissektor 100 5 400
- davon im Nicht-Basissektor 100 10 400
Eine Vernichtung von nur 25 Kapitaleinheiten, d.h. von nur 2,5
Prozent des Gesamtkapitals, im Basissektor des regionalen Produk-
tionskapitals 51) zieht unter sonst gleichbleibenden Umständen
eine Nichtauslastung von ebenfalls 25 Einheiten im Nicht-Basis-
sektor sowie von 200 Einheiten im IS-Bereich nach sich. Die Zahl
der Arbeitsplätze würde theoretisch um 250 zurückgehen, die Ar-
beitslosenquote auf 25 Prozent steigen können. Praktisch wird die
Arbeitslosigkeit nicht auf dieses Niveau steigen, weil die Ar-
beitslosen nicht völlig als Nachfrager ausfallen. Ihr Einkommen
würde sich in der BRD um etwa 40"50 Prozent verringern.
Für Produktionen, die keine hohe Infrastrukturierung der allge-
meinen Produktionsbedingungen zur Voraussetzung haben, die aber
dennoch regional stark konzentriert sind (z.B. die Uhrenindustrie
im Schwarzwald oder die Textilindustrie im Münsterland) kann die
"Lösung" einer Branchenkrise ein sehr schneller Niedergang dieser
Region mit der erzwungenen Abwanderung der Bevölkerung sein. 52)
Es ist folglich zweckmäßig, von einem im Kapitalismus unlösbaren
Widerspruch zwischen der Dynamik der Zweigstruktur der Produktion
und den Proportionalitätsinteressen der Territorialstruktur der
Produktion und des gesellschaftlichen Lebens zu sprechen. 53)
Ein weiterer territorialer Disproportions- und Krisentyp ist der
der zu schnell wachsenden neuen Regionen, d. h. eine nicht plan-
mäßige Mischung von extensiv und intensiv erweiterter territori-
aler Reproduktion. Der Konkurrenz der Kapitale untereinander ent-
spricht die Konkurrenz der Gebietskörperschaften bzw. der Staaten
selbst. Um neue Industrie anziehen zu können, werden massive In-
frastrukturvorleistungen erbracht, gerade auch in solchen Regio-
nen, die eine künftige Entwicklungschance etwa aufgrund einer
günstigen Lage zum sich schnell entwickelnden kapitalistischen
Welthandel aufweisen. In Boom-Zeiten werden in solchen Regionen
aufgrund der Arbeitskräfteknappheit vor allem die innerregionalen
Proportionalitätsbedingungen für die Reproduktion der Arbeits-
kraft verletzt. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit werden dann
speziell die produktionsorientierten IS-Systeme weiter ausgebaut,
es sei denn, die Qualität der haushaltsorientierten IS sei selbst
ein wichtiger Ansiedlungsfaktor. Dies trifft zu für Industrien
und Dienstleistungsunternehmen , deren Arbeitskräfte hoch-
qualifiziert sind und damit auch hohe Einkommen erzielen. Die
Konkurrenz der Regionen untereinander erzeugt damit bei den alten
Regionen "Abwehrinvestitionen" im IS-Bereich, die entsprechend
der ökonomischen Leistungsfähigkeit ungleichmäßig dimensioniert
sind. Insgesamt werden zu viele Regionen und Städte aufbereitet
bzw. erhalten. Damit wird gesellschaftliche Arbeit überproportio-
nal verausgabt, die dann nicht entsprechend genutzt werden kann
und folglich brachliegt und vernichtet wird. Es realisiert sich
somit im Kapitalismus eine Gesetzmäßigkeit der Überproduktion von
Produktionsstandorten, Regionen und Städten. 54)
Ein anderer Aspekt des gleichen Mechanismus ist die Tatsache, daß
der Kapitalaufwand für jeden einzelnen Produktionsstandort zu ge-
ring ist, um ihn in seinen technisch möglichen Dimensionen zwecks
Ausnutzung der Kostendegression zu entwickeln. Aufgrund der mono-
polistischen Beherrschung der Regionen erfolgt in der Regel auch
keine komplexe Entwicklung der neuen Regionen. Suboptimale Kombi-
nationsmöglichkeiten innerhalb von Industrieregionen führen aber
zwangsläufig zu einer Überproportionierung der Transportarbeit
zwischen den Regionen.
Damit ist nicht gesagt, daß alle Agglomerationen zu klein seien.
Im Gegenteil: Die Produktionsentwicklung im Transportwesen ermög-
licht gerade eine riesige spontane Zusammenballung von Industrie
und tertiärem Sektor bei gleichzeitiger Entleerung großer ländli-
cher Gebiete.
Ein ähnlich kostspieliger Prozeß findet innerhalb jeder einzelnen
Region und Stadt statt. Das Ausufern der Siedlungsstruktur der
Metropolen, die rasche Expansion von Stadtteilen bei gleichzeiti-
gem Niedergang der alten Stadtteile, die Suburbanisierung, die
räumliche S e g r e g a t i o n der Bevölkerung entsprechend
der Klassen- und Schichtenstruktur als Folge der Konkurrenz um
die Nutzung des städtischen Grund und Bodens, die funktionale
Trennung der Daseinsfunktionen aufgrund des städtischen Grundren-
tenmechanismus 55) sind Erscheinungsformen der Dominanz der pri-
vatkapitalistischen Interessen über den heute hochvergesellschaf-
teten räumlichen Reproduktionsprozeß.
3. Staatsmonopolistische Finanzierung der extensiven und
--------------------------------------------------------
intensiven Reproduktion territorialer Produktions- und
------------------------------------------------------
Siedlungsstruktuten
-------------------
Es liegt auf der Hand, daß die gewaltigen Kosten für die infra-
strukturelle Aufbereitung der neuen Industriegebiete, ihre Anbin-
dung an das vorhandene Netz der Siedlungsstruktur sowie die
"Verteidigunsinvestitionen" in den von hoher Arbeitslosigkeit be-
troffenen alten Industriegebieten und Großstädten großenteils aus
staatlichen Mitteln finanziert werden. Die staatlichen Haushalte
werden folglich doppelt belastet. Der gleiche Mechanismus setzt
sich auch innerhalb der Stadtregionen durch. Während in den Städ-
ten mit hohem Aufwand und oftmals mit äußerst negativen sozialen
Folgen Sanierungs- und Erneuerungsinvestitionen getätigt werden,
werden gleichzeitig durch den Bau von großspurigen Verkehrssyste-
men die Innenstädte auch für das Umland so gut erreichbar, daß
sich die Investitionen bestimmter Teile der Industrie, des Gewer-
bes, Handels und Dienstleistungssektors sowie der Wohnungswirt-
schaft zunehmend auf das Umland konzentrieren und hier wieder
hohe Folgeinvestitionen erforderlich machen, so daß die kommuna-
len Haushalte doppelt belastet werden und schnell an ihre Ver-
schuldungsgrenzen stoßen.
Die kommunale und verstärkt die regionale und internationale Kon-
kurrenz um die Ansiedlung von Großbetrieben, Verwaltungen bzw.
Forschungseinrichtungen treibt die jeweiligen Gebietskörperschaf-
ten - nur ein kleiner Teil kann sich diesem Wettbewerb überhaupt
mit Aussicht auf Erfolg stellen - in einen verheerenden Subventi-
onswettlauf, der unter den Bedingungen der hohen Arbeitslosigkeit
eine Umschichtung innerhalb der Haushalte in Richtung Industrie-
förderung, infrastrukturelle Aufbereitung von Standorten und
Steuererleichterungen erzeugt, die nur durch eine Austerity-Poli-
tik und zusätzliche Verschuldung zu finanzieren ist.
Auch auf kleinräumiger Ebene ist dieser Konkurrenzprozeß nach wie
vor voll wirksam 56) und führt zwangsläufig zu den bekannten
Überproduktionstendenzen und der skizzierten Haushaltssituation.
Es hängt dabei entscheidend von der Qualität des horizontalen und
vertikalen Finanzausgleichs als einem Instrument der Abschwächung
der territorialen Konkurrenz ab, wie intensiv sich diese auch in
Unterschieden des Lebensstandards niederschlägt. In den USA herr-
schen diesbezüglich wesentlich schlechtere Bedingungen als in der
BRD. 57)
Insgesamt erzeugt damit der skizzierte Krisenmechnismus ein
schnell wachsendes, unübersichtliches und teilweise widersprüch-
liches System der staatsmonopolistischen Finanzierung der exten-
siv und intensiv erweiterten territorialen Produktions- und Sied-
lungsstrukturen. Die in Abschnitt II für das Ruhrgebiet aufge-
führten staatlichen Maßnahmen sind dafür Beleg.
4. Wissenschaftlich-technische Revolution (wtR) 58) und
-------------------------------------------------------
raumstrukturelle Gesetzmäßigkeiten
----------------------------------
Die Revolutionierung der Produktivkräfte wälzt den Arbeitsprozeß,
die sektorale und räumliche Struktur des Produktions- und Konsum-
tionsprozesses grundlegend um. Auch hier gilt es wieder, die for-
mationsunspezifischen objektiven Entwicklungsrichtungen des Ar-
beitsprozesses und folglich auch der Territorialstruktur analy-
tisch von den spezifischen, durch den staatsmonopolistischen Ka-
pitalismus formbestimmten Prozessen und ihren räumlichen Ausprä-
gungen zu unterscheiden. Dabei sei die Hypothese aufgestellt, daß
mit zunehmender absoluter und relativer Größe des gesellschaftli-
chen Mehrprodukts, das durch die Produktivitätssteigerungen in-
folge der wtR weiter steigt, der F r e i h e i t s g r a d bzw.
die G e s t a l t u n g s m ö g l i c h k e i t der räumlichen
Verteilung der Produktivkräfte entsprechend den Bedürfnissen der
Produzenten wächst. Dies hängt damit zusammen, daß bei wachsendem
Wert der Produkte (gemessen in Arbeitsaufwand pro Gewichtseinheit
Gebrauchswert) die Transportkosten einen zunehmend geringeren An-
teil an den Gesamtkosten und damit einen zunehmend geringeren
zwingenden Einfluß auf die Standortverteilung der Produktion aus-
üben. Das heißt, daß eine gegebene räumliche Verteilung der Be-
völkerung oder eine (etwa aus klimatischen Gründen) erwünschte
Umverteilung immer problemloser mit den entsprechenden Ar-
beitsplätzen versorgt werden könnte. Wird dieser Prozeß der ge-
sellschaftlichen Zuordnung von Arbeitskräften, natürlichen Res-
sourcen und Arbeitsplätzen jedoch nicht planmäßig beherrscht, so
steigen die Möglichkeiten der Disproportionen ebenfalls an.
Das Wachstum des Anteils der "fußlosen" Industrien und Beschäfti-
gungssektoren im Zuge der industriellen und wissenschaftlich-
technischen Entwicklung führt jedoch zugleich zu einem rasch zu-
nehmenden absoluten Niveau des Austausches Mensch-Natur und wird
deshalb als Gesamtsystem immer abhängiger von einer vernünftigen
Dimensionierung und Zuordnung der einzelnen Daseinsfunktionen im
gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß. Man darf den zunehmenden
Gestaltungsspielraum der sektoralen und räumlichen Struktur des
Reproduktionsprozesses deshalb nicht als zunehmende Unabhängig-
keit (im Sinne einer folgenlosen Willkürlichkeit) von der Bewirt-
schaftung der naturnahen Ressourcen Wasser, Luft, Energie und
sonstige Rohstoffe sowie der Fläche und des ökologischen Potenti-
als interpretieren. Im Gegenteil: Die zunehmende Standortunabhän-
gigkeit jeder Einzelproduktion entspricht einer umgekehrt propor-
tional zunehmenden Standortabhängigkeit des Gesamtsystems der
Produktivkräfte.
Bei den Arbeitsgegenständen findet im Zuge der wtR ein Größen-
wachstum des Verbrauchs von naturnahen Ressourcen statt, der
teilweise erdgeschichtliche Dimensionen angenommen hat. Durch die
Chemisierung werden prinzipiell neue Werkstoffe erzeugt. Gleich-
zeitig wachsen die technischen Möglichkeiten der Nutzung lokaler
Rohstoffe. Die Rohstoffe (einschließlich Wasser, Luft und Boden)
müssen zunehmend einer Mehrfachnutzung zugeführt werden. Die Aus-
beutung der Rohstoffe auf dem Meeresgrund und in den unwirtlich-
sten Gegenden der Erde (Alaska, Sibirien) wird in großem Maßstab
in Angriff genommen.
Es kommt zur Revolutionierung aller Arten von Arbeismitteln
(Werkzeug-, Kraft-, Kraftübertragungsmaschinen, Verkehrs- und
Kommunikationsmittel) und zur Entwicklung völlig neuer Arten
(Steuerungsmaschinen usw.). Die Elektronik als eine Hauptrichtung
der wtR im Bereich der Arbeitsmittel ermöglicht tendenziell die
Vollautomatisierung von Produktion, Lagerhaltung, Transport, Ver-
waltung sowie die Teilautomatisierung von Konstruktion, Projek-
tierung usw. In der Landwirtschaft entwickelt sich mit den Fort-
schritten der Transport- und Lagertechnik tendenziell ein Welt-
markt für alle Bereiche und Stufen der Produktion (Getreide,
Fleisch, Gemüse, Blumen usw.).
Durch umfassende Bewässerungs- und Entwässerungsmaßnahmen, Melo-
riation, Aufforstung usw. können und werden ganze Regionen in hi-
storisch kurzen Fristen umgestaltet und komplex kultiviert. Die
Biotechnologie eröffnet die Perspektiven der direkten biologi-
schen Produktion.
Die menschliche A r b e i t s k r a f t als wichtigste Produk-
tivkraft wird im Prozeß der wtR sowohl hinsichtlich ihrer Fähig-
keiten als auch ihrer Reproduktionsanforderungen tiefgehend ver-
ändert:
- rasches zahlenmäßiges Wachstum der Weltbevölkerung;
- Explosion des Qualifikations- und Ausbildungsniveaus (bei sehr
ungleicher räumlicher Verteilung);
- wesentlich bessere Ernährungssituation in den entwickelten Län-
dern;
- wesentlich bessere medizinische Versorgung in den entwickelten
Ländern;
- wesentlich verlängerte Lebenserwartung; kürzere Jahres-, Wo-
chen- und Tagesarbeitszeit; mehr Freizeit;
- wesentlich bessere Sport- und Freizeiteinrichtungen; erstmals
Urlaubsmöglichkeiten für große Teile der arbeitenden Klassen und
Schichten;
- wesentlich bessere Versorgung mit Wohnraum pro Person;
- wesentlich größere Mobilität durch Massenverkehrsmittel ein-
schließlich der Luftfahrt sowie der Individualmotorisierung.
Als Ergebnis dieser umfassenden Veränderungen der Arbeits- und
Lebensbedingungen entwickeln sich die materiellen, kulturellen
und ökologischen Bedürfnisse sprunghaft. Gleichzeitig wachsen die
objektiven und subjektiven Mitbestimmungs- und Demokratisierungs-
bedürfnisse der Arbeiterklasse als Resultat und treibendes Ele-
ment der Weiterentwicklung dieser Prozesse. 59) Daß sich aufgrund
dieser aufgezählten Tendenzen die Anforderungen an die räumliche
Organisation des gesellschaftlichen Lebens sowohl im Produktions-
als auch im Konsumtionsbereich grundlegend verändern, liegt auf
der Hand.
Diese neuen Anforderungen des Produktionsprozesses an die Repro-
duktion der Arbeitskraft und die aufgrund der neuen Möglichkeiten
sprunghaft wachsenden Bedürfnisse erfordern die komplexe Prognose
und Planung von t e r r i t o r i a l b e d i n g t e n u n d
u m w e l t b e d i n g t e n B e d ü r f n i s k o m p l e-
x e n. 60)
Schon diese Skizze der Dynamik der Produktivkräfte legt die Ver-
mutung nahe, daß auch neue Tendenzen der territorial-strukturel-
len Entwicklung wirksam werden:
Erstens: Entsprechend der zunehmenden Infrastrukturierung der
Produktions- und Reproduktionsprozesse (wachsender Anteil des
kollektiven bzw. gesellschaftlichen Konsums) wird es durch die
zunehmende Standortunabhängigkeit hochentwickelter Produktion
möglich und notwendig, die Proportionalitätsbedürfnisse der Regi-
onsbevölkerung und der anderen regionalen Ressourcen zunehmend
mit den zweiglichen Proportionalitätsbedingungen in Übereinstim-
mung zu bringen. Offensichtlich ist der Typ des Industriekombi-
nats in Form von "Wissenschaft-Technik-Industrie-Komplexen" die
konkrete Vergesellschaftungsform der Produktion, die es am ehe-
sten ermöglicht, diese beiden Proportionalitätsanforderungen der
Zweig- und Territorialstruktur des gesellschaftlichen Lebens in
Übereinstimmung zu bringen. 61)
Zweitens: Im Zuge der wtR werden Forschung, Entwicklung, Manage-
ment sowie die entsprechenden Hilfsdienste selbst zu einer Haupt-
anlagesphäre der gesellschaftlichen Arbeit. Die räumlichen Formen
der Lokalisation der Forschungs- und Entwicklungsfunktionen wer-
den damit zu einem immer bedeutsameren Faktor für die Bestimmung
der Entwicklungsfähigkeit von Städten und Regionen sowie ihren
inneren räumlichen Strukturen. 62) Wie die Darstellung der staat-
lichen Maßnahmen gezeigt hat, hat die Plazierung von fünf neuen
Hochschulen im Ruhrgebiet seit Beginn der 60er Jahre diesem ob-
jektiven Entwicklungstrend zumindest Rechnung getragen.
Drittens: Der dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit und der all-
seitigen Entfaltung der Persönlichkeit aller Gesellschaftsmit-
glieder widersprechende r ä u m l i c h e A r b e i t s t e i-
l u n g s t y p n a c h d e m P r o d u k t i o n s z y k-
l u s (jeweilige räumliche Konzentration der Produktionsphasen
Forschung, Entwicklung und Management in den Metropolen; breite
qualifizierte Industrieproduktion in den Mittelbereichen der
hochentwickelten kapitalistischen Länder; Auslagerung der
hochstandardisierten Endmontage in die unterentwickelten Regionen
der hochentwickelten Länder sowie in die Entwicklungsländer;
Auslagerung der stark emittierenden Grundstoffindustrie in die
abhängigen Zonen) kann als eine dem Monopolkapitalismus immanente
raumstrukturierende Gesetzmäßigkeit gelten. 63)
Die Durchbrechung dieses reinen Typs der heutigen imperialisti-
schen Raumstrukturentwicklung ist natürlich schon unter den heu-
tigen Bedingungen ein wesentliches Ziel des sozialen Kampfes der
Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten in den hochentwickelten Län-
dern des Kapitals ebenso wie das Ziel der Volksmassen in den Ent-
wicklungsländern, die sich nicht in die neue Abhängigkeit zu den
"Blaupausenexporteuren", d.h. in eine neue Form des Neokolonia-
lismus begeben wollen. Innerhalb der hochentwickelten Länder be-
deutet dies, die Vernichtung der Industrie in den Metropolen zu
verhindern, Forschungs- und Entwicklungszentren und Verwaltungen
relativ gleichmäßig über die nationale Siedlungsstruktur zu ver-
teilen sowie das Netz der zentralen Orte mit Versorgungsfunktio-
nen auf möglichst hohem Niveau mit den objektiv notwendigen Ab-
stufungen (Mindesteinzugsbereiche für Spezialeinrichtungen) mög-
lichst gleichmäßig im Raum zu streuen; ferner die gewachsenen
Ballungsgebiete über eine planmäßige interne intensiv erweiterte
Reproduktion ihrer anarchischen Struktur zu entledigen.
Viertens: Im Zuge der kapitalistischen Form der Internationali-
sierung der Produktion unter dem dominierenden Einfluß der inter-
nationalen Konzerne hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine
starke K ü s t e n o r i e n t i e r u n g der Grundstoffindu-
strie, zumeist auf Kosten hochentwickelter alter Industriege-
biete, herausgebildet. Dabei sind gleichzeitig alte komplexe Ver-
bundsysteme der Produktion, so z.B. im Rhein-Ruhr-Gebiet der
Kohle-Chemie-Verbund zerschlagen worden und durch den Petrol-Che-
mie-Verbund in Nordwesteuropa ersetzt worden.
Fünftens: Entsprechend den Erfordernissen der intensiv erweiter-
ten Reproduktion müssen im Zuge der wtR die vorhandenen Ballungs-
gebiete, Städte und Agglomerationen rekonstruiert werden. Unter
den Bedingungen der profitstimulierten Ü b e r m o b i l i t ä t
d e s K a p i t a l s besteht dabei die gefährliche Tendenz,
diesem Erfordernis durch die Industrialisierung und Tertiärisie-
rung der Ballungsrandzonen bzw. ländlichen Zonen in unmittelbarer
Nähe der Ballungsgebiete auszuweichen und damit vor allem die Um-
welt-, Verkehrs- und Freizeitprobleme weiter zu verschärfen. Die
S t a d t e r n e u e r u n g s p o l i t i k steht damit vor
der Aufgabe, dem parallel erfolgenden Stadtrand-Wanderungsprozeß
der Wohnbevölkerung, der teilweise durch die schlechten Wohn- und
Wohnumfeldbedingungen, durch die Verdrängungsprozesse aufgrund
des Grundrentenmechanismus v e r u r s a c h t, durch die indi-
viduelle Motorisierung sowie die einseitige Förderung des Eigen-
heimbaus e r m ö g l i c h t und verschärft wird, durch einen
planmäßigen Stadtumbau zu begegnen. Dieser stößt aber auf außer-
ordentliche Schwierigkeiten, weil eine umfassende Siedlungspoli-
tik, die alle wesentlichen Determinanten der Siedlungsstruktu-
rentwicklung erfaßt, derzeit nicht möglich ist.
Während das Kapital bei Krisen bzw. Akkumulationsproblemen auf-
grund des wachsenden Kapitalminimums mit Konzentration, Zentrali-
sation und Monopolisierung reagiert, entwickelt sich aufgrund der
zunehmenden gesellschaftlichen Kosten der disproportionalen ter-
ritorialen Entwicklungen, die zu einem großen Teil als zusätzli-
che Ausgaben bzw. verminderte Einnahmen in den staatlichen Haus-
halten ihren Niederschlag finden, auch auf der territorialen
Ebene ein Bedarf an zunehmender staatlicher Planung, und zwar auf
allen Ebenen. Dieser Bedarf wird durch die territorialen Bewe-
gungsformen der wtR enorm gesteigert.
IV. Wesen und Erscheinungsformen der staatlichen
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räumlichen Regulierung
----------------------
Lenin hat bei seiner Analyse des Monopolkapitalismus darauf ver-
wiesen, daß die zunehmende Verschärfung des Grundwiderspruchs die
Anpassung zum Monopolkapitalismus und SMK erzwingt. Dieser sei
die "vollständige m a t e r i e l l e Vorbereitung des Sozia-
lismus, seine unmittelbare V o r s t u f e..., denn auf der hi-
storischen Stufenleiter g i b t e s zwischen dieser Stufe und
derjenigen, die Sozialismus heißt, k e i n e r l e i Z w i-
s c h e n s t u f e m e h r". 64) Analog zur Herausbildung
eines formellen Apparates der gesellschaftlichen Rechnungsführung
in Form des Bankapparates hat sich in der Geschichte des
Monopolkapitalismus in allen kapitalistischen Hauptländern ein
f o r m e l l e r A p p a r a t d e r f l ä c h e n-
d e c k e n d e n r ä u m l i c h e n P l a n u n g u n d
R e c h n u n g s f ü h r u n g herausgebildet.
Die feudale Stadt wurde entsprechend den relativ stagnativen Pro-
duktivkräften streng geplant. Spontanes Wachstum der Städte
setzte erst mit der Manufakturperiode der kapitalistischen Ent-
wicklung an den vorhandenen und an neuen Standorten ein. 65) Aus-
gehend von den aus Brandschutzinteressen und polizeilich-militä-
rischen Interessen gespeisten Fluchtlinien- und Baubestimmungen
über die Anfänge einer Wohnplanung, die aus hygienischen Interes-
sen für die Quartiere der Arbeiterklasse erfolgen mußten, wurde
die räumliche und sektorale (Wohnen, Wasser, Verkehr) staatliche
Planung schrittweise ausgedehnt. 66)
Heute existiert in der BRD folgender räumlich relevante Planungs-
apparat, der gesetzlich und institutionell weitgehend abgesichert
ist:
Institutionen / Projekte Gesetzliche Grundlagen
Auf der städtischen Ebene: 67)
- Bebauungspläne; Flächennutzungs- Bundesbaugesetz; Städtebau-
pläne, Instrumente städtebaulicher förderungsgesetz; Wohnungs-
Erneuerungsmaßnahmen modernisierungsgesetz;
- Wirtschaftsförderungsämter; Baunutzungsverordnung;
- Stadtteil- und Stadtentwicklungspläne
Auf der Regionsebene: 68)
- Regionalpläne Landesplanungsgesetze,
(Gebietsentwicklungspläne) Landesraumordnungsgesetze;
- Landesentwicklungspläne Landesplanungsgesetz;
(z.B. Landesentwicklungsplan VI in
NRW zur Sicherung von flächeninten-
siven Großvorhaben);
- Landesentwicklungsprogramme
(z.B. Hessen '85, Nordrhein-Westfalen-
Programm '75);
Auf der Bundesebene: 69)
- Bundesraumordnungsprogramm; Bundesraumordnungsgesetz;
- Bundesraumordnungsberichte; Raumordnungsklauseln in den
- Ministerkonferenz für Raumordnung; verschiedensten Fachpla-
- Auf der EG-Ebene und Europarats- nungsgesetzen;
ebene:
- EG-Regionalfonds;
- Europäische Ministerkonferenz für Raumordnung
Auf der Weltebene:
- erste Informationskonferenzen
(z.B. Habitat-Konferenz) 70)
Festzustellen ist als generelle Tendenz die Zentralisierung der
Kompetenzen für die Festlegung der Flächennutzung (deutliches
Beispiel ist der Landesentwicklungsplan VI in NRW, der bestimmte
Teile der Bauleitplanung in die Kompetenz des Landes verlegt; als
Extremfall gilt hier die Standortplanung für Kernkraftwerke und
Wiederaufbereitungsanlagen und Endlagerungsstätten, die bereits
heute Gegenstand internationaler Planung sind). Die Blockierungen
und Gegenkräfte sind allerdings nicht zu unterschätzen. Die föde-
ralistische Staatsstruktur und das kommunale Selbstverwaltungs-
recht spielen dabei eine bedeutende Rolle.
Wichtiger als die direkten Raumplanungsgesetze sind für die kon-
krete räumliche Entwicklung die Fachplanungen, die sich ebenfalls
in einem langen historischen Prozeß herausgebildet haben. Raum-
planung versteht sich daher immer mehr als Instrument der räumli-
chen Integration der Fachplanung. Die wichtigsten Bereiche der
Fachplanungen sind:
- Verkehrsplanung;
- technische Infrastrukturplanung (Strom, Wasser, Gas), die teil-
weise privat betrieben wird;
- Planung der technischen Kommunikationsmittel (Post);
- militärische Territorialplanung.
Seit Mitte der sechziger Jahre sind als neue zentralstaatliche
Fachplanungen die Bildungsplanung, Teile der Gesundheitswesen-
Planung, die Umweltplanung sowie die Freizeit-, Erholungs- und
Landschafts- bzw. Naturschutzplanung hinzugekommen - Planungen,
die übrigens gleichzeitig durch die Schaffung von speziellen Aus-
bildungsgängen professionalisiert wurden.
Im Unterschied zu den Flächenplanungen sind es die Fachplanungen,
die nach dem Ressortprinzip auch unmittelbar finanziell ausge-
stattet sind. Eine integrierte Fach- und Raumplanung findet noch
nicht statt. Den formalen Anspruch, diese Integration zu reali-
sieren, erhebt die E n t w i c k l u n g s p l a n u n g, die
sich seit Mitte der sechziger Jahre ebenfalls auf allen Ebenen
(Stadtentwicklungsplanung, Gebietsentwicklungsplanung, Landesent-
wicklungsplanung, Bundesentwicklungsplanung [noch nicht reali-
siert!]) etabliert hat, jedoch eine wesentlich schlechtere ge-
setzliche Absicherung genießt und in ihrer Existenzberechtigung
immer wieder bestritten wird. 71)
Faktisch findet jedoch selbst ein Teil der Fachplanungen noch
nicht in wirklich integrierter Form statt (z.B. die Verkehrspla-
nung), weil sie in Form einer marktwirtschaftlich ausgerichteten
staatlichen Planung erfolgt, die dem Prinzip der Konkurrenz zwi-
schen den Verkehrsträgern huldigt und damit keine wirkliche Pla-
nung des Gesamtsystems Verkehr leisten kann.
Ein weiterer Typ von Planung bzw. Programmierung mußte sich
zwangsläufig mit dem Übergang von Wirtschaftssektoren und Regio-
nen in einen permanenten Krisenzustand sowie aufgrund sprunghaft
gestiegenen Kapitalminimums in den forschungsintensiven Branchen
wie Luft- und Raumfahrt, Energiewirtschaft und Computertechnolo-
gie 72) entwickeln.
Folge war und ist die immer neue Herausbildung von branchenbezo-
genen Programmen und Politiken, die sich unter dem Oberbegriff
"Industriepolitik" oder "sektorale Strukturpolitik" zusammenfas-
sen lassen: Energiepolitik, Stahlpolitik (auf EG-Ebene), Luft-
und Raumfahrtprogramme, EDV-Programme, Werftenprogramm und die
für die Raumentwicklung außerordentlich wichtige Agrarpolitik.
Eines der wichtigsten Instrumente dieser staatsmonopolistischen
sektoralen Strukturpolitik ist die staatliche Konzentrations- und
Fusionsförderung, die zur Herausbildung von "nationalen Einheits-
konzernen" oder wenigen Monopolgruppen und in deren Gefolge durch
eine "Flurbereinigung" und Rekonzentration der Produktion auf die
profitabelsten Standorte zu einer grundlegenden Umwälzung der
Territorialstruktur führt. Die RAG, Arbed, KWU, Siemens, MBB-VFW-
Fokker sind solche 'Einheitskonzerne' mit entsprechenden Folgen
für die Rekonzentration.
Parallel hierzu mußte sich zwangsläufig die regionale Wirt-
schaftspolitik (regionale Strukturpolitik) entwickeln, die mit
der "Gemeinschaftsaufgabe regionale Wirtschaftsförderung" einen
im Grundgesetz abgesicherten organisierten nationalen Ausdruck,
mit der Bildung des EG-Regionalfonds (1975) einen ersten westeu-
ropäischen Ausdruck gefunden hat. 73)
Der in der Regierungserklärung von 1976 angekündigte Aufbau eines
Informationssystems für sektorale Prognosen (Strukturbericht-
erstattung), die Vervollkommnung regionalisierter Bevölkerungs-
und Arbeitsmarktprognosen sowie die zunehmend explizite räumliche
Bestandsaufnahme des Forschungs- und Technologiepotentials ein-
schließlich der Überlegungen zur staatsmonopolistischen Verge-
sellschaftung von Forschungs- und Entwicklungsfunktionen (z.B. in
Innovationsberatungsstellen für Klein- und Mittelbetriebe)
komplettieren damit ansatzweise das räumliche und sektorale
Berichtswesen und Planungssystem auch über das "Eingemachte" des
Kapitals, die zentralen Bereiche der unter privater Verfügung
stehenden Teile des Produktions- und Reproduktionsprozesses.
Dieser Prozeß ist z.B. besonders weit fortgeschritten in der
Stahlindustrie, für die es bereits Investitionsmeldestellen auf
EG-Ebene gibt, während sie auf der OECD- und UN-Ebene in Planung
sind. 75) Die immer vollständigere und räumlich ausgedehntere
Schaffung der materiellen und informationellen Voraussetzungen
für eine an gesamtgesellschaftlichen Zielen orientierte
integrierte Planung aller Seiten des Reproduktionsprozesses ist
damit das "spontane" Ergebnis der jeweils partiellen Reaktion auf
zunächst als partiell erscheinende Planungserfordernisse.
Aus dieser Sicht wird auch verständlich, warum die Monopole in
jüngster Zeit verstärkt gegen die "Bürokratisierung" und das
"Auswuchern des Staates" polemisieren: Einerseits sollen die In-
vestitionen schnell und jeweils entsprechend der wechselnden Kon-
junkturlage flexibel realisiert werden, andererseits ist es je-
doch notwendig, bei der Integration neuer Großprojekte jeder Art
in eine hochkomplexe Territorialstruktur alle wesentlichen Sekto-
ren des Reproduktionsprozesses (und die für sie zuständigen Pla-
nungsinstitutionen) an der Planung zu beteiligen. Daß dies in
krassen Gegensatz zu den Anforderungen der Konzernplanungen und
auch einer Konjunkturpolitik nach optimaler Flexibilität gerät,
ist offensichtlich.
Die zunehmende Integration der drei skizzierten Planungstypen
(Flächenplanung/Fachplanung/Industrie- und Regionalplanung) zu
einer wirklich integrierten Planung erfordert schließlich den
Einbau der F i n a n z p l a n u n g in dieses Planungssystem.
Es steht zu vermuten, daß das sozialistische Beispiel einer immer
umfassenderen Integration der Volkswirtschafts- und Territorial-
planung einschließlich der Ressourcenplanung solche Tendenzen,
den staatsmonopolistischen Regulierungs- und Planungsapparat auf
allen Ebenen auszubauen, nicht unwesentlich beeinflußt, wobei ein
großer Teil der Planer, die im technischen Sinne mit dieser Pla-
nung beschäftigt sind, subjektiv gegen den Mißbrauch dieser In-
strumente im Monopolinteresse eingestellt ist.
Die ökonomischen und sozialen Widersprüche der kapitalistischen
Basis erlauben dem Staat kein einheitliches, widerspruchsfreies
Konzept des Eingriffs in den territorialen Reproduktionsprozeß
als territorial-ökonomische Form der Herrschaftssicherung. Folg-
lich ist der "Ressortegoismus", die territoriale Konkurrenz der
staatlichen Gebietseinheiten sowie das Auseinanderklaffen von
physischer und finanzieller Planung immer mehr als lediglich ein
bürokratisches oder wissenschaftlich-technisches Problem. 76) Die
sozialökonomischen Widersprüche reproduzieren sich im Staatsappa-
rat selbst. Betrachten wir z.B. nur diejenigen Widersprüche, die
infolge der 'Bündnispolitik' entstehen, die die Monopole zur Er-
haltung ihrer sozialen Basis gegenüber den Mittelschichten durch-
zuführen gezwungen sind. Dies gilt etwa hinsichtlich der Woh-
nungsbau- und Verkehrspolitik, der extremen Förderung des Eigen-
heimbaus usw. Durch die entsprechenden verkehrspolitischen Arron-
dierungen werden die Reproduktionskosten dieser Arbeitskräfte
einschließlich der kommunalen Folgekosten erhöht. Im Gegensatz
hierzu engt sich mit der Verschärfung der Stagnationstendenzen im
Zuge der allgemeinen Krise des Kapitalismus der finanzielle
Spielraum für diese "Mittelstandspolitik" ein. Gleichzeitig wer-
den durch derartige Strategien die Umweltprobleme in den Bal-
lungsgebieten verschärft und selbst zu einem Hauptanlagefeld des
entwerteten staatlichen Kapitals. Die hierdurch verstärkte Bin-
nenmarktorientierung der staatlichen Aktivitäten steht jedoch in
direktem Widerspruch zu den Interessen der führenden Monopole an
der Priorität der Außenexpansion. Die hohen sozialen Kosten einer
derartigen Politik erhöhen die Defizite in den Haushalten der Ge-
bietskörperschaften und erzeugen dadurch eine ständige Diskonti-
nuität in der staatlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik, die je-
doch eine denkbar schlechte Grundlage für die geforderte Langfri-
stigkeit der Infrastrukturplanung ist usw.
Der Begriff "Planung" erhält damit unter kapitalistischen Bedin-
gungen einen spezifischen Inhalt: Im Gegensatz zum Sozialismus
bedeutet die Beplanung eines Gegenstandes, z.B. die Entwicklung
einer Stadt, nicht, daß damit auch die Leitung, Durchsetzung und
die Kontrolle der Planung ermöglicht wird, eben weil die wichtig-
sten Determinanten und Variablen (die privaten Investitionen, der
Bodenpreismechanismus, die Steuereinnahmen) nicht direkt beein-
flußt werden können und sollen. Die räumliche Planung erhält da-
mit den Charakter von A n g e b o t s p l a n u n g bzw.
V o r r a t s p l a n u n g oder einer k o m p e n s a t o r i-
s c h e n A n p a s s u n g s p l a n u n g.
Im Bereich der räumlichen Entwicklung und Planung (und auch der
Fachplanungen) ist die klassen- und schichtenspezifische Selekti-
vität nicht immer unmittelbar ersichtlich, zumal die jeweiligen
staatlichen Maßnahmen immer auch Ausdruck des aktuellen Kräfte-
verhältnisses zwischen den Klassen sind. Einer abstrakten Netz-
struktur von Autobahnen z.B. sieht man zunächst ihren Klassencha-
rakter nicht an. Selbst in dem frappierend offen auf der Hand
liegenden Fall der ursprünglichen Autobahnplanung für den Dort-
munder Raum 77), die vorsah, an jedes der Haupttore der Hoesch-
Hüttenwerke eine Autobahn zu legen, findet man viele sozial moti-
vierte Gründe für eine derartige Straßenkonzeption (z.B. das Ar-
gument, daß durch die direkte Ableitung des Schwerlastverkehrs
auf die Autobahnen die Verkehrssicherheit in den innerstädtischen
Gebieten erhöht und die Lärmbelästigung, Abgasbelästigung und
Überbeanspruchung der innerstädtischen Straßen reduziert würde),
wenn man nicht an weitergehende verkehrspolitische Alternativen
denkt, etwa die administrative Verlagerung des Schwerlastverkehrs
auf das im Ruhrgebiet besonders dichte Schienennetz. Durch den
breiten Widerstand der Bevölkerung konnte diese Maximalkonzeption
inzwischen gestoppt werden. Eine generelle Neuorientierung der
Verkehrspolitik erfolgte jedoch nicht.
Bei der Analyse und Einschätzung von Infrastrukturplanungen, ih-
rer Dimensionierung und Netzstruktur kommt es folglich darauf an,
etwa die Mobilitätsbedürfnisse klassen- und schichtenspezifisch
zu untersuchen, die soziale Verteilung der Zeit- und Fi-
nanzbudgets einzubeziehen und zu beurteilen, ob die Grundbedürf-
nisse der Arbeiterklasse und ihrer Gruppen (darunter auch der
Rentner, Kinder jugendlichen, Behinderten usw.) auf hohem Niveau
befriedigt werden können oder bei den entsprechenden Planungen
nicht berücksichtigt werden.
Die objektiv notwendigen Zentralisationstendenzen im räumlichen
Planungssystem, die gleichzeitig immer auch begleitet sind von
Tendenzen der Rückverlagerung von Kompetenzen (Dezentralisie-
rung), gehen jedoch nicht einher mit einer zunehmenden Demo-
kratisierung und Kontrolle der Planungsentscheidungen auf den
verschiedenen Ebenen.
Auch im Bereich der Entscheidungen über die Entwicklung der Pro-
portionen der Raumstruktur wird sichtbar, daß dieser Entschei-
dungsprozeß zunehmend nicht von den Parlamenten kontrolliert
wird. Damit wird die Fiktion von der Gewaltenteilung im bürgerli-
chen Staat und deren Kernstück, die angebliche Kontrolle der Exe-
kutive durch die Legislative und der Abgeordneten durch ihre Wäh-
ler, erneut sichtbar. Da die Betroffenheit der "Planungs- und
Raumopfer" jedoch zunimmt, entwickelt sich notwendigerweise das
Bedürfnis nach mehr Mitbestimmung und Kontrolle, die zunächst
auch direkt - an den Parlamenten vorbei - in Form von betriebli-
cher Interessenvertretung und Bürgerinitiativen eine unmittelbare
Beeinflussung der Entscheidungen oder die Abwehr von negativen
Folgen bereits in der Vergangenheit getroffener Entscheidungen
zum Ziel haben.
Dabei läßt sich nicht die in demokratischen Bewegungen häufig an-
zutreffende These bestätigen, daß die Erfordernisse der Demokra-
tisierung immer mit der Durchsetzung von Dezentralisierungen der
Entscheidungskompetenzen zusammenfallen. Denn Zentralisierungs-
tendenzen resultieren gerade im Bereich der Raumplanung nicht
selten aus dem Erfordernis der Ausschaltung der territorialen
Konkurrenz sowie dem Erfordernis der komplexen und langfristigen
Planung von Netzen. Bei gegebenen Machtverhältnissen allerdings
würde ein Kompetenzzuwachs etwa der Landes- und Bundesraumplanung
gerade den Zugriff der stärksten Monopole erleichtern. Demokrati-
sierung aller staatliche Ebenen und eine den (sich historisch
verändernden) inneren Sachnotwendigkeiten entsprechende Kompe-
tenzverteilung zwischen den verschiedenen Ebenen ist deshalb die
Form, in der die scheinbare Unvereinbarkeit von Demokratie und
komplexen, langfristigen Planungserfordernissen aufgehoben werden
kann. Die außerordentlich breite Diskussion um die Tendenzen der
Aushöhlung der kommunalen Selbstverwaltung kreist letztlich um
diesen Fragenkomplex, der ihr größtes theoretisches und politi-
sches Problem darstellt.
V. Räumliche Vergesellschaftungsprozesse
----------------------------------------
und theoretische Auseinandersetzungen
-------------------------------------
Die territorialen Krisen und Disproportionen treten weitgehend
nicht unmittelbar als Resultat der "privatkapitalistischen Aneig-
nung des vergesellschafteten städtischen Raumes" in Erscheinung,
sondern - dies gilt insbesondere für die kleinräumigen Krisen und
Segregationsprozesse auf der städtischen Ebene - als Ergebnisse
des mit der Wahrnehmung "klassenneutraler, gemeinsamer" Interes-
sen beauftragten mystifizierten bürgerlichen Staates. 78)
Deshalb kommt es auch auf der theoretischen Ebene der Erklärungs-
versuche des Wesens der territorialen Widersprüche und der Ent-
wicklungsgesetzmäßigkeiten der Territorialstruktur zu ähnlich in-
tensiven Auseinandersetzungen wie z.B. auf dem Gebiet der Tech-
nik-Diskussion. Aus der Analyse des Mechanismus der regionalen
und städtischen Krisen und der Herausbildung eines entwickelten
Systems der staatlichen Beeinflussung der territorialen Entwick-
lung lassen sich folgende methodologische Schlußfolgerungen zie-
hen:
E r s t e n s: Territoriale Widersprüche sind von der gleichen
Qualität wie etwa sektorale Widersprüche bzw. Disproportionen
z.B. zwischen den verschiedenen Abteilungen des Produktionsappa-
rates; beide resultieren aus dem Grundwiderspruch der kapitali-
stischen Produktionsweise und dem aus ihm resultierenden Klassen-
widerspruch. Préteceille spricht in diesem Zusammenhang sogar vom
"Grundwiderspruch der Verstädterung im Kapitalismus" als dem
"Widerspruch zwischen der Notwendigkeit einer wachsenden Verge-
sellschaftung bei der Nutzung von Raum zur erweiterten Reproduk-
tion der Produktivkräfte und der privaten Nutzung dieses Raumes
im Kapitalismus, die von den zahlreichen und miteinander konkur-
rierenden Forderungen nach Verwertung der verschiedenen Kapita-
lien beherrscht ist". 79) Genausowenig, wie aus den Disproportio-
nen zwischen Abteilung I und Abteilung II der Produktion im
Wachstumsprozeß des Kapitals ein "Klassengegensatz zwischen
Wirtschaftssektoren" abgeleitet werden kann, genausowenig dürfen
aus räumlichen Disproportionen etwa zwischen den kapitalistischen
Metropolen und den Entwicklungsländern oder zwischen Stadt und
Land in den kapitalistischen Hauptländern - Klassengegensätze
zwischen Territorien" geschlußfolgert werden. Alle Theorien und
politischen Konzepte, die den räumlichen Widersprüchen eigen-
ständigen Charakter zuweisen (Extremfall: "Nord-Süd-Konflikt"),
lenken damit letztlich vom Klassencharakter der räumlichen Orga-
nisation des gesellschaftlichen Lebens auf allen territorialen
Ebenen ab. Kategorienpaare wie: Zentrum-Peripherie, Metropolen-
Hinterland, Agglomerationsräume-Entleerungsräume, Stadt-Land usw.
sind daher oftmals Indiz für einen in den Raumwissenschaften weit
verbreiteten "territorialen Determinismus", der sich analog zum
"technologischen Determinismus" 80), der die bürgerliche,
speziell die kleinbürgerliche Technikdiskussion weitgehend be-
herrscht, entwickelt hat.
Ebenso und aus den gleichen Gründen ist die Konvergenztheorie in
den Raumwissenschaften extrem weit verbreitet. Ihr objektiver
Nährboden ist die "Konvergenz der Erscheinungsformen" , die aus
den Gesetzmäßigkeiten der Produktivkraftentfaltung resultiert.
Häufig wird von derartigen Theorien (z.B. der Polarisationstheo-
rie 81), der Dualismus-Theorie oder den Dependencia-Ansätzen 82),
in denen oftmals partiell marxistische Kategorien Verwendung fin-
den, die Ungleichheit des sozialökonomischen Entwicklungsniveaus
der Staaten und Regionen in erster Linie aus Umverteilungsprozes-
sen der produzierten Werte zugunsten der Metropolen, nicht aber
aus der hohen Produktivkraftentwicklung und Wertbildung in den
hochentwickelten Regionen selbst und den Faktoren erklärt, die
eine schnelle Produktivkraftentwicklung auch in kapitalistischer
Form in den unterentwickelten Regionen behindern und unmöglich
machen.
Methodologisch ist deshalb die Leninsche Analyse des Gesetzes der
Ungleichmäßigkeit der Entwicklung richtungweisend. Angewandt auf
die internationalen Beziehungen der kapitalistischen Staaten be-
sagt dieses Gesetz, daß die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung das
Resultat ungleichmäßiger Produktivkraftentwicklung ist, die ver-
festigt wird, weil die imperialistische Beherrschung der abhängi-
gen Länder die Produktivkraftentwicklung in diesen Ländern insge-
samt hemmt. Erst in zweiter Linie vollzieht sich über den
"ungleichen Tausch", die Verlängerung dieser Ungleichheit in der
Zirkulationssphäre, ein Umverteilungsprozeß von gesellschaftli-
chem Reichtum. Analoges gilt für die inneren territorialen Dis-
proportionen in den einzelnen Ländern.
Z w e i t e n s: Die marxistische Raumökonomie ist auf das eng-
ste mit der marxistischen Politischen Ökonomie verknüpft, deren
Raumdimension 'lediglich' expliziert werden muß. Bei Marx und En-
gels geschah dies zunächst teilweise kursorisch, z. B. in Engels'
Schriften zur Wohnungsfrage und zur Lage der arbeitenden Klasse
in England, später systematisch in der Grundrententheorie.
"Lediglich explizieren" heißt nicht, daß die Aufdeckung und Er-
klärung der territorialen Widersprüche und Disproportionen ohne
eigene Forschungsanstrengungen möglich wären. Gemeint ist hier
vielmehr, daß wir hierzu keine "neue politische Ökonomie" brau-
chen, sondern daß wir vollständig auf dem Lehrgebäude der marxi-
stischen Politischen Ökonomie einschließlich der Theorie des
staatsmonopolistischen Kapitalismus aufbauen können. Dabei läßt
sich feststellen, daß gerade die Analyse der Gesetzmäßigkeiten
der räumlichen Entwicklung des heutigen Kapitalismus zu einer
eklatanten Bestätigung und streckenweise eine Bereicherung der
SMK-Theorie führt.
D r i t t e n s: Größere Defizite bestehen nach wie vor bei der
ausführlichen Analyse der historischen Entwicklung der Territori-
alstruktur. Die ungeheure Vielfalt der sozialgeographischen Er-
scheinungsbilder ist dabei nur auf der Grundlage einer konsisten-
ten Theorie als gesetzmäßiger Prozeß im Sinne des dialektischen
Determinismus darstellbar. 83) Dabei steckt der detaillierte For-
schungsprozeß über die Entwicklung einzelner Regionen über lange
Zeiträume in der Bundesrepublik noch weitgehend in den Anfängen.
84)
V i e r t e n s: Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der
bürgerlichen raumbezogenen Wirtschaftswissenschaft, die in der
Tradition der nachklassischen, tendenziell immer mehr formali-
sierten Ökonomie entstanden ist und heute unter der Rubrik
"Regional Science" Hunderte von Autoren und Abhandlungen umfaßt,
steht noch weitgehend aus. Dieses schwerwiegende Defizit, das aus
der explosionsartigen Ausdehnung und radikalen Spezialisierung
der Wirtschaftswissenschaften resultiert, muß Konsequenzen für
die Forschungsplanung haben. H. Lehmann 85), der die Entwick-
lungstendenzen in den bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften ana-
lysiert hat, weist daraufhin, daß im Zuge der Spezialisierung
ganze Wissenschaftszweige entstanden sind, z.B. die Praxeologie
86), die Ökonometrie, die Betriebswirtschaftslehre usw., denen es
nicht in erster Linie oder überhaupt nicht um die Erklärung bzw.
Rechtfertigung der politisch-ökonomischen Entwicklung der ge-
samten bürgerlichen Gesellschaft geht, sondern um die Analyse von
Detailprozessen, bestimmten Segmenten oder Ebenen der Realität,
die in planmäßiges 'rationales' Handeln in der kapitalistischen
Gesellschaft umgesetzt werden soll. Dabei werden wahre Erkennt-
nisse produziert, die in oftmals nur schwer zu identifizierender
Weise mit apologetischen Aussagen vermischt sind. Die Unterschei-
dung von zwei Grundtypen gesellschaftlicher Gesetze durch Bollha-
gen 87), den funktional-strukturellen und den genetischen Geset-
zen, bietet ein praktikables Abgrenzungskriterium für die Vermu-
tung produktiver wissenschaftlicher Erkenntnisse, die z. B. auch
für die sozialistischen Planungswissenschaften fruchtbar gemacht
werden können: Weite Teile der Praxeologie, der Ökonometrie und
des Operation Research, der Betriebswirtschaftslehre und auch der
"Regional Science" haben funktional-strukturelle Gesetzmäßigkei-
ten und ihre diversen Untertypen zum Gegenstand und werden für
die Analyse und praktische Beherrschung gesellschaftlicher Pro-
zesse nutzbar gemacht. Dabei entgeht diesen Wissenschaftlern die
historische Dimension sowie die Klassendimension der räumlichen
Entwicklung nahezu vollständig. Wo die historische Dimension ein-
gearbeitet ist - so bei E. von Böventers umfassender Darstellung
der bürgerlichen Raumwissenschaften "Standortentscheidung und
Raumstruktur" 88) -, geschieht dies in der Regel in Form eines
"quasi-historischen Ansatzes" in Anlehnung an die Stadientheorie
von Rostow. 89)
E. von Böventer z.B. unterscheidet in seiner Entwicklungstheorie
der Raumstrukturen drei Stadien:
"a) Dominanz der Landwirtschaft, Einrichtung von Regierungs- und
Verwaltungssitzen, Entwicklung anderer tertiärer und sekundärer
Funktionen der Wirtschaft";
"b) Starkes Hervortreten der Industrie";
"c) Überwiegen der Agglomerationseffekte".
Diesen drei Entwicklungsstadien der Raum-, Landschafts- und Städ-
testruktur ordnet er bestimmte Theorien und Modelle zu, die in
der Geschichte der Raumwissenschaft hervorgebracht worden sind:
die Modelle Thünens, Christallers und Löschs sowie Hoovers dem
ersten Stadium; die Theorien von Alfred Weber, Palander und Isard
sowie Theorien des ausgleichenden und kumulativen Wachstums dem
zweiten Stadium und schließlich Agglomerations- und Wachstums-
theorien dem dritten Stadium. 90) Es bleibt einer intensiven Aus-
einandersetzung mit diesen einzelnen Theorien vorbehalten, ihre
formationsspezifischen Elemente herauszuarbeiten und damit ihren
rationalen Inhalt zu dokumentieren und für die marxistische Ter-
ritorialökonomie fruchtbar zu machen.
F ü n f t e n s: Parallel zur Herausbildung der staatsmonopoli-
stischen Institutionen und Instrumente der räumlichen Planung
entwickelt sich das theoretische Potential und die Professionali-
sierung der Analyse und Bereitstellung von wissenschaftlich be-
gründeten räumlichen Leitbildern und Instrumenten der Steuerung
der Raumstrukturen.
Bei der Herausbildung des wissenschaftlichen Instrumentariums zur
im Kapitalismus weitgehend formalen, im Sozialismus auch zuneh-
mend substantiellen Beherrschung der räumlichen Entwicklung las-
sen sich folgende Schwerpunkte beobachten:
Da im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb zumeist unterstellt wird,
daß das Versagen bestimmter planerischer Instrumente oder auch
von erklärenden Theorien nicht in der Organisation der Gesell-
schaft bzw. in den theoretischen Grundaussagen über das Wesen der
gesellschaftlichen Widersprüche begründet liegt, sondern in Män-
geln der Informationsbeschaffung, zu wenig zeitlich und räumlich
ausdifferenzierten Prognosen bzw. Wirkungsanalysen von Planungs-
instrumenten oder der zu geringen Komplexität der mathematischen
Modellierung der funktionalen, strukturellen und sozialen Bezie-
hungen und anderen Gründen, gibt es eine außerordentliche Konzen-
tration von Forschungspotenzen auf die Entwicklung von hochforma-
lisierten Prognose-, Optimierungs- und Simulationsmodellen, die
technisch raffiniert ausgestattet werden. So sind etwa im Sonder-
forschungsbereich 26 der Deutschen Forschungsgemeinschaft ver-
schiedene Forschungsgruppen mit der Entwicklung von Modellen be-
schäftigt, die die räumlichen Entwicklungstendenzen, die Interde-
pendenzen zwischen großräumiger und kleinräumiger Entwicklung so-
wie die Optimierungserfordernisse der Raumstrukturen in rechenba-
ren Modellen widerzuspiegeln versuchen. 91) Dabei betont der Si-
mulationsmodelltyp die marktmäßigen Anpassungsprozesse und eignet
sich damit eher dazu, die Wirkungen partieller Planungsmaßnahmen
im Kapitalismus zu simulieren und damit - was für die Demokrati-
sierangsbemühungen nicht unwichtig ist - die Transparenz der
Wirkungen verschiedener Maßnahmen der Monopole und des Staates
herzustellen ("Frühwarnsystem" für territoriale Krisen und Wider-
sprüche). Die mit Hilfe der linearen Programmierung arbeitenden
Optimierungsmodelle (Thoss-Modell) sind dagegen eher geeignet,
optimale Zuordnungen von räumlichen und sektoralen Strukturen zu
berechnen und damit in zentral geplanten Volkswirtschaften Anwen-
dung zu finden, wobei nach dem Grad der planmäßigen Beherrschung
der gesellschaftlichen Prozesse und nach dem Grad der gewünschten
oder spontanen Selbstregulierung die Kombination beider Modellty-
pen möglich und notwendig ist. 92)
Da die wissenschaftliche Entwicklung im Kapitalismus und Sozia-
lismus nicht unabhängig voneinander erfolgt, kann man heute davon
ausgehen, daß das theoretische Instrumentarium für eine umfas-
sende Raumplanung zunehmend universell vorhanden ist. Um so
schärfer treten in den kapitalistischen Ländern die Defizite in
Erscheinung, die einerseits auf dem Gebiet der Informationsbe-
schaffung, hier vor allem infolge der Tabuisierung und Geheimhal-
tung der Informationen über die wichtigsten ökonomischen Daten
(Profite, Investitionen, langfristige Planungen) der Privatwirt-
schaft als dem Kernstück des räumlichen Reproduktionsprozesses,
andererseits darin begründet liegen, daß diese Kategorien
(Investitionen, Arbeitsplätze usw.) nicht zu direkten Aktionspa-
rametern der Planung gemacht werden können, solange das Privatei-
gentum an den wichtigsten Produktionsmitteln dies verhindert.
Zum Schluß halten wir es für angebracht, darauf zu verweisen, daß
eine ganze Reihe von Fragen, die im Rahmen der Analyse räumlicher
Entwicklungsgesetze zu untersuchen und darzustellen wären, in
diesem Beitrag nicht behandelt oder nur angedeutet werden konn-
ten. Hier konnte es nur darum gehen, räumliche Grundprozesse und
Krisen und die zu ihrer Analyse erforderlichen Kategorien im Zu-
sammenhang der politökonomischen Kapitalismusanalyse auf der
Ebene des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu entwickeln und
darzustellen.
Die Aufzählung der in den Untersuchungsgegenstand einzubeziehen-
den Fragen macht die Spannweite der Problematik deutlich und ver-
weist auf Schwerpunkte der weiteren wissenschaftlichen Arbeit.
Hierzu zählen Fragen wie: die Herausbildung der Raumtypen
(Metropolen, ausführende Industrieregionen, ländliche Räume); die
Industrialisierung der Landwirtschaft und ihre Auswirkungen auf
die Siedlungsstruktur; das Standortverhalten des tertiären Sek-
tors; die Herausbildung der Stadtregionen und der Städtebänder;
die sozialen Bewegungen in den Städten, die Stadtpolitik
(Kommunalpolitik) u.a. 93); die Orientierung der Gewerkschaften
der Bundesrepublik auf die Raumordnungs-, Regional- und Kommunal-
politik 94); die Integration von Umwelt- und Raumwissenschaften
bzw. Umwelt- und Raumpolitik; die sozialkulturellen, sozialpsy-
chologischen und politischen Auswirkungen der Ungleichmäßigkeit
und Krisenhaftigkeit räumlicher Entwicklung.
Schließlich konnten die Probleme der Ausarbeitung einer alterna-
tiven, an den Bedürfnissen der werktätigen Bevölkerung orientier-
ten Raumpolitik nur von den Ansätzen her aufgezeigt werden. Ge-
rade hierzu hat sich aber nicht nur schon eine umfangreiche wis-
senschaftliche Literatur entwickelt 95), sondern derartige Alter-
nativvorstellungen und -forderungen spielen in der sozialen Aus-
einandersetzung eine zunehmende Rolle. Dies ist die Bewährungs-
aufgabe progressiver Raumökonomie. Sie wird dieser Aufgabe jedoch
nur dann gerecht werden können, wenn sie sich gleichlaufend ihrer
theoretisch-wissenschaftlichen Grundlagen versichert.
_____
1) R. Brune, U. Heilemann, H. Karrenberg, K. Löbbe, Überlegungen
zu regionalpolitischen Maßnahmen für das Ruhrgebiet, Rheinisch-
Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, Mittei-
lungen, Heft 1/1979, S. 5 (im folgenden zitiert als: R. Brune
u.a., Überlegungen...). Vgl. auch die RWI-Studie: Wirtschafts-
strukturelle Bestandsaufnahme für das Ruhrgebiet - 1. Fortschrei-
bung, Gutachten erstellt im Auftrag des Ministers für Wirtschaft,
Mittelstand und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, des Sied-
lungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, der Industrie- und Handelskam-
mern zu Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen und Münster, (Bearbei-
ter: R. Brune, H. Hennies-Rautenberg, K. Löbbe), Essen 1978.
2) Politik für das Ruhrgebiet. Leistungen des Landes. Hrsg. Lan-
desregierung NRW, Mai 1979, S. 18 f.
3) ebenda, S. 20.
4) ebenda.
5) R. Brune u.a., Überlegungen... S. 21.
6) ebenda, S. 8.
7) Politik für das Ruhrgebiet... S. 73.
8) ebenda, S. 13 f.
9) ebenda, S. 13.
10) ebenda, S. 18.
11) ebenda, S. 22.
12) R. Brune u.a., Überlegungen... S. 3.
13/14) Landesarbeitsamt Nordrhein-Westfalen, Der Arbeitsmarkt im
Ruhrgebiet, Düsseldorf 1979, S. 2.
15) Politik für das Ruhrgebiet, S. 10.
16) ebenda, S. 14.
17) ebenda, S. 16.
18) ebenda, S. 28.
19) ebenda.
20) ebenda, S. 29 f.
21) ebenda, S. 33.
22) Landesarbeitsamt Nordrhein-Westfalen, Der Arbeitsmarkt im
Ruhrgebiet, Düsseldorf 1979.
23) Politik für das Ruhrgebiet, S. 40.
24) ebenda, S. 44.
25) ebenda, S. 48.
26) ebenda, S. 49.
27) ebenda, S. 54.
28) ebenda, S. 54.
29) ebenda, S. 60.
30) ebenda, S. 61.
31) ebenda, S. 65.
32) U. Sonnenschein, Die Industrie des Ruhrgebiets als Objekt der
Strukturpolitik, Dissertation, Bochum 1970, Tab. 1.
33) G. Schmidt-Renner, Elementare Theorie der ökonomischen Geo-
graphie, Gotha/Leipzig 1966, S. 55.
34) D. Läpple, Gesellschaftlicher Reproduktionsprozeß und Stadt-
strukturen, in: M. Mayer, R. Roth, V. Brandes (Hrg.), Stadtkrise
und soziale Bewegungen. Texte zur internationalen Entwicklung,
Köln/Frankfurt-Main, 1978, S. 33.
35) Territorialplanung. Herausgegeben von R. Bönisch, G. Mohs und
W. Ostwald, Berlin 1976, S. 25 ff. Dieses erste Lehrbuch der Ter-
ritorialökonomie in der DDR bietet einen systematischen Über-
blick. Vgl. auch die Rezession dieses Buches durch G. Streibelin:
Wirtschaftswissenschaft, Heft 8/1977, S. 1249 ff.
36) E. von Böventer, Standortentscheidung und Raumstruktur. Ver-
öffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung,
Bd. 76, Hannover 1979, S. 9 ff.
37) D. Läpple, a.a.O.
38) K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie
(Rohentwurf 1857-1858), Berlin (DDR), 1953, S. 89.
39) Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der
DDR, Berlin (DDR) 1969, S. 238.
40) Gisela Lindenau, Der gebietswirtschaftliche Aufwand. Planung
und Leitung der Volkswirtschaft, Heft 22, Berlin (DDR) 1968, S.
28.
41) Vgl. R. Child Hill, Staatskapitalismus und städtische Finanz-
krise in den USA, in: M. Mayer, R. Roth, V. Brandes (Hrsg.)
Stadtkrise und soziale Bewegungen, a.a.O., S. 79-99.
42) Dies muß jedoch nicht bedeuten, daß die Konzerne, die die Be-
sitzer der in den zuletzt genannten Gebieten lokalisierten veral-
teten Werke sind, im Konkurrenzkampf unterlegen sein müssen, da
sie in der Regel auch über neuerrichtete Küstenwerke verfügen.
Falls es ihnen gelingt, die veralteten Werke im Zuge des Davi-
gnon-Planes stillzulegen, kann sich die internationale Konkur-
renzsituation schnell ändern.
43) G. Meinshausen, Konzentration und Ausbau der Roheisen- und
Rohstahlerzeugung der Fried. Krupp Hüttenwerke. Bericht Nr. 546
des Ausschusses für Anlagetechnik des Vereins Deutscher Eisenhüt-
tenleute, in: Stahl und Eisen 97 (1977), Nr. 3, S. 110-117.
44) ebenda, S. 116.
45) So vorteilhaft die Konzentration der Rohstahlproduktion der
Fried. Krupp Hüttenwerke auf das Werk Rheinhausen war, so proble-
matisch waren die Auswirkungen auf den gesamten Duisburger Stand-
ort, weil Mannesmann und Thyssen ebenfalls ihre Produktion in
Duisburg konzentrierten. Duisburg blieb somit die Stadt mit der
stärksten Luftverschmutzung in Westeuropa. Dies trug mit bei zu
einer außerordentlich hohen Abwanderungsrate. Vgl. M. Walz, Die
Bedeutung der räumlichen Konzentration der Industrie für die Ent-
wicklungsplanung am Beispiel der (Nieder-)Rheinschiene. In: J.
Janssen, M. Statz (Hrsg.) Stadtentwicklungsprozesse in der BRD.
Ausdruck der Ohnmacht von Stadt- und Regionalplanung, Köln 1979.
46) Vgl. M. Castells und F. Godard, Monopolville, Paris 1976.
Vgl. ebenso H. Bömer, Internationale Kapitalkonzentration und re-
gionale Krisenentwicklung am Beispiel der Montanindustrie und der
Montanregionen der Europäischen Gemeinschaft, Dortmunder Beiträge
zur Raumplanung Bd. 5, Dortmund 1977.
47) C. Wurms, Raumordnung und Territorialplanung in der DDR. Un-
tersuchungen zur Entwicklung von Territorialstruktur, Planungsor-
ganisation und Raumwissenschaft in der DDR. Mit Beiträgen von M.
Görg, W. Selke und D. Töpfer, Dortmund 1976.
48) Vgl. hierzu: W. Linder, U. Maurer, H. Resch, Erzwungene Mobi-
lität. Alternativen zur Raumordnung, Stadtentwicklung und Ver-
kehrspolitik, Köln/Frankfurt a. M., 1975; Bundesraumordnungsbe-
richt 1974; 1978; Bundesraumordnungsptogramm 1975; Schriftenreihe
des Bundesministers für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau
06.012, Raumordnungsprognose 1990. Bonn 1977; Arbeitskreis ar-
beitsorientierteRegionalwissenschaft, Für eine arbeitnehmerorien-
tierre Raumordnungs- und Regionalpolitik. Erklärung zur Raument-
wicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Zusammengestellt von
Klaus Brake, Köln 1979.
49) Vgl. auch H. Bömer und L. Schröter, Ursachenanalyse regiona-
ler Krisenanfälligkeit. Zur Anwendung der Theorie der Überakkumu-
lation / Entwertung auf regionale Probleme. In: Gesellschaft für
Regionalforschung, Seminarberichte 10, St. Jakob 1974.
50) H.-J. Hermann, Gemeinsamer Informationsbedarf von Umweltpla-
nung und Raumplanung, Diplomarbeit, Universität Dortmund, Abt.
Raumplanung, Dortmund 1977, S. 137, vgl. auch: R. Katzenstein,
Technischer Fortschritt, Kapitalbewegung, Kapitalfrxierung, Ei-
nige Probleme der Ökonomie des fixen Kapitals unter den gegenwär-
tigen Bedingungen der Vergesellschaftung der Produktion im SMK,
Berlin (DDR), 1971.
51) Als Basissektor wird in der Regionalökonomie der Sektor be-
zeichnet, dessen Waren regional exportiert werden. Der Nichtba-
sissektor schafft innerhalb der Region mit dem Infrastruktursek-
tor die Voraussetzungen für die Produktionsmöglichkeiten des Ba-
sissektors. Vgl. dazu etwa F. Buttler, K. Gerlach, P. Liepmann,
Grundlagen der Regionalökonomie, rororo Studium, Reinbek bei Ham-
burg 1977.
52) In den USA ist aufgrund der großen Flächen- und Naturressour-
cen der Mechanismus der "Wegwerfstädte und -regionen" viel extre-
mer ausgeprägt als im dichtbesiedelten Westeuropa.
53) H. Bömer, L. Schröter, Ursachenanalyse..., a. a. O., S. 51.
54) H. Bömer, Internationale Kapitalkonzentration und regionale
Krisenentwicklung..., a.a.O., Kap. IV.
55) H. Brede, B. Dietrich, B. Kohaupt, Politische Ökonomie des
Bodens und Wohnungsfrage, Frankfurt 1976.
56) Für den Bereich der Industrie- und Gewerbeflächen vgl. K.-D.
Stark, Kommunale Wirtschaftsförderung und Standortwahl von Indu-
strie und Gewerbe, Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin
(West) 1978.
57) R. Child Hill, a.a.O.
58) Vgl. eine systematische Darstellung bei M. Buhr, G. Kröber,
Mensch, Wissenschaft, Technik. Versuch einer marxistischen Ana-
lyse der wissenschaftlich-technischen Revolution, Köln 1977.
59) Autorenkollektiv DDR-UdSSR (Tjulpanow u. a.), Kapitalistische
Ausbeutung heute, Berlin 1977, insbes. S. I. Tjulpanow, Die mar-
xistisch-leninistische Mehrwerttheorie und die Gegenwart. Vgl.
auch E. Weber, Kommunalpolitik muß sich an den Bedürfnissen der
werktätigen Bevölkerung orientieren, In: Grete Thiele (Hrsg.),
Kommunalpolitik, Gegenwart und Perspektive, Frankfurt 1975.
60) Vgl. die ausführliche Auseinandersetzung mit diesen in der
sowjetischen Wissenschaft entwickelten Kategorien bei H.-J. Her-
mann, a.a.O.
61) Die Lehre von den territorialen Produktionskomplexen in der
UdSSR und die Bedeutung für die territoriale Produktionsorganisa-
tion in der DDR, In: Beiträge zur territorialen Produktionsstruk-
tur, Wissenschaftliche Abhandlungen der Geographischen Gesell-
schaft der DDR, Bd. 13, Leipzig 1976.
62) Eine systematische Darstellung der Standortanforderungen für
Wissenschaftseinrichtungen findet sich im Lehrbuch 'Territorial-
planung', a.a.O., Kap. 4. Empirische Untersuchungen über die
räumliche Verteilung von Wissenschaftseinrichtungen und anderen
Sektoren des tertiären Sektors in der Bundesrepublik finden sich
bei: L. Krickau, J. Olbrich, Regionale Strukturpolitik mit
Dienstleistungsbetrieben von überregionaler Bedeutung am Beispiel
von Hauptverwaltungen (Industrieunternehmen, Banken, Versi-
cherung) und privaten Forschungseinrichtungen. Diplomarbeit, Uni-
versität Dortmund, Abt. Raumplanung, Dortmund 1978; vgl. auch J.
Frerich, R. Pötzsch, Tertiärer Sektor und Regionalpolitik,
Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Bd. 62,
Göttingen 1975.
63) Vgl. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau 06.010, Auswirkungen der europäischen In-
tegration auf die großräumige Entwicklung in der Bundesrepublik
Deutschland, Bonn 1976 sowie Nr. 06.021, Internationale Arbeits-
teilung und Raumentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland.
Szenarien zur Regionalpolitik, Bonn 1978; F. Fröbel. J. Hein-
richs, O. Kreye, Die neue internationale Arbeitsteilung. Struktu-
relle Arbeitslosigkeit in den Industrieländern und die Industria-
lisierung der Entwicklungsländer, Reinbek bei Hamburg, 1977.
64) W.I. Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämp-
fen soll. In: Lenin Werke, Bd. 25, S. 370.
65) Vgl. etwa K. Brake, Das Verhältnis von Stadt und Land, hek-
togr. Manu., Oldenburg 1978; E. Bremer, Funktion, Lokalisation
und Gestalt neuer Städte in Deutschland - unter besonderer Be-
rücksichtigung der Wohnumwelt fünf neuer Städte in der BRD (NRW),
Diplomarbeit, Dortmund 1977.
66) C. Wurms, Materialien zum Seminar "Räumliche Organisation und
gesellschaftliches System - Zur politischen Ökonomie der Raumpla-
nung", WS 72/73, Universität Dortmund, Abt. Raumplanung
(hektographiert).
67) Vgl. die Stichworte 'Städtebau', 'Städtebauliche Ordnung',
u.a. in: Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung, Akade-
mie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, neueste Auf-
lage.
68) ebenda, Stichworte 'Regionalplanung', 'Landesplanung' u.a.
69) ebenda, Stichworte 'Raumordnungsgesetz des Bundes',
'Raumplanung' u.a.
70) 1976 fand in Vancouver (Kanada) die UN-Konferenz "Habitat"
("Menschliche Siedlungen") statt. Vgl. den Nationalbericht für
die BRD, Der Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städte-
bau, o.O. (Bonn), o.J. (1976).
71) Die von H. Jung skizzierten beiden unterschiedlichen Entwick-
lungsvarianten des SMK werden in diesem Bereich sehr deutlich
sichtbar. Vgl. H. Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsva-
riante des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD: Voraus-
setzungen, Inhalt, Perspektiven. Entwicklungstendenzen 1973-1979.
In: Marxistische Studienjahrbuch des IMSF 1/1978, S. 9 ff.
72) Vgl. hierzu: Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik. Bei-
träge des IMSF 4, Frankfurt 1976, insbes. Kap. 2.4. Felder struk-
turpolitischer Aktivitäten...
73) Eine ausführliche Untersuchung der nationalen und supranatio-
nalen Raumordnungs- und Regionalpolitik auf westeuropäischer
Ebene wird in dem Forschungsauftrag des Bundesministeriums für
Raumordnung, Bauwesen und Städtebau "Analyse der funktionalen
Gliederung der Raumnutzung Europas und ihre Auswirkungen auf na-
tionale und supranationale Raumordnungspolitiken" von K. Kunzmann
und G. Rojann, Institut für Raumplanung, Universität Dortmund,
vorgenommen (erscheint demnächst in der Schriftenreihe des BM-
Bau).
74) Vgl. J. Glaubitz, K. Marth, Strukturberichterstattung: Wirt-
schaftliche Entwicklung als ein 'Lern- und Entdeckungsprozeß'.
Kritische Würdigung der von den Forschungsinstituten DIW, Ifo,
IFW, HWWA und RWI vorgelegten Vorberichte zur Strukturberichter-
stattung, WSI-Mitteilungen, Heft 12/1977.
75) Erklärung der IMB-Weltkonferenz für die Eisen- und Stahlindu-
strie, Pittsburgh 1976, In: Schriftenreihe der IG Metall 74, Zur
Situation bei Eisen und Stahl, Frankfurt 1977.
76) Vgl. die Kritik entsprechender Positionen durch F. Naschold,
Alternative Raumpolitik. Ein Beitrag zur Verbesserung der Ar-
beits- und Lebensverhältnisse, Kronberg/Ts. 1978.
77) Verkehrsuntersuchung für die Hoesch-Hüttenwerke AG, Dortmund,
IVV Aachen, 1971.
78) D. Läpple, a.a.O.
79) E. Préteceille, Städteplanung. Widersprüche der Stadtentwick-
lung im Kapitalismus, in: Marxismus Digest 26, Städtebau und
Städteplanung im Kapitalismus, Frankfurt 1976, S. 42.
80) Vgl. eine ausführliche Analyse des "technologischen Determi-
nismus" in: Internationales Autorenkollektiv, Wissenschaftlich-
technische Revolution und ideologischer Kampf, Frankfurt 1978.
81) Adalbert Evers, Fragen an eine korrigierte Raumordnungspoli-
tik. Das Bundesraumordnungsprogramm verheißt ungleiche Entwick-
lung und Abhängigkeit. In: Stadtbauwelt, Nr. 47/1975; F. Butter,
K. Gerlach, P. Liepmann, Grundlagen der Regionalökonomie, Reinbek
bei Hamburg 1977, vertreten explizit den Ansatz der Polarisie-
rungstheorie.
82) Vgl. die Kritik dieser Ansätze bei D. Läpple a.a.O., S. 25
ff. Bei den neomarxistischen Analysen der Unterentwicklung wird
damit die Ungleichheit und Unterentwicklung aus der Zirkulations-
sphäre und nicht aus den Widersprüchen der Produktionssphäre ab-
geleitet. Dies ist eine interessante Parallele zur 'Staatsab-
leitung' der gleichen Richtung (vgl. zur Kritik: R. Katzenstein,
Zum Problem einer marxistischen 'Staatsableitung', in: Blätter
für deutsche und internationale Politik, Heft 4/1975).
83) Vgl. dazu den ersten Versuch von G. Schmidt-Renner, a.a.O.,
ebenso K. Brake, a.a.O.
84) Vgl. z.B. Gert Zang (Hrsg.) Provinzialisierung einer Region.
Zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft in der Provinz,
Frankfurt a.M., 1978.
85) H. Lehmann, Entwicklungstendenzen in den bürgerlichen Wirt-
schaftswissenschaften. In: E. Altvater u. a., Materialien zur
Kritik der bürgerlichen Ökonomie, Gießen 1971, S. 80-103.
86) O. Lange, Politische Ökonomie. Bd. 1 und 2, Frankfurt 1969,
vor allem Bd. 1, 5. Kapitel: "Das Prinzip des rationalen Wirt-
schaftens. Ökonomie und Praxeologie".
87) P. Bollhagen, Gesetzmäßigkeit und Gesellschaft. Zur Theorie
gesellschaftlicher Gesetze, Berlin (DDR) 1967.
88) Vgl. Fußnote 36.
89) Vgl. W.W. Rostow, Stadien wirtschaftlichen Wachstums, Göttin-
gen 1960. Eine ausführliche Kritik der Industriegesellschafts-
theorie im Städtebau leistet Bruno Flierl, Industriegesell-
schaftstheorie und Städtebau. Zur Kritik der bürgerlichen Ideolo-
gie, Berlin 1973.
90) E. von Böventer, a.a.O., S. 237 ff.
91) Universität Dortmund, Abteilung Raumplanung, "Kleinräumige
Standortwahl und interregionale Mobilität", Teilprojekt A 6 des
Sonderforschungsbereichs 26 der Deutschen Forschungsgemeinschaft;
P. Velsinger, M. Wegener, C. Schönebeck u.a., laufend. Vgl. auch
A.G. Aganbegjan, Das System ökonomisch-mathematischer Modelle zur
Berechnung der optimalen Produktions- und Territorialstruktur für
die Perspektivplanung. In: Gesellschaftlicher Wohlstand und
Volkswirtschaftsplanung, Berlin (DDR), 1972.
92) M. Wegener, Mensch-Maschine-Systeme für die Stadtplanung, Ba-
sel und Stuttgart 1978.
93) Vgl. etwa die bei M. Castells, Die kapitalistische Stadt.
Ökonomie und Politik der Stadtentwicklung, Hamburg 1977, aufge-
führte Literatur (S. 294 ff) sowie die weiteren Beiträge des Sam-
melbandes "Stadtkrise und soziale Bewegungen" (Fußnote 2). Ferner
H. See, Grundwissen einer kritischen Kommunalpolitik, Wirtschaft,
Staat und kommunale Selbstverwaltung, Köln 1975.
94) Als eine der ersten Aktivitäten ist hier das Kommunalpoliti-
sche Programm des DGB Frankfurt von 1974 zu nennen.
95) Aufmerksam zu machen ist hier vor allem auf: Arbeitskreis ar-
beitsorientierter Regionalwissenschaft. Für eine arbeitnehmerori-
entierte Raumordnungs- und Regionalpolitik. Erklärung zur Raum-
entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, zusammengestellt
von K. Brake, Köln 1979; F. Naschold, Alternative Raumpolitik.
Ein Beitrag zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse,
Kronberg/Ts. 1978; Soziale Probleme der Städte und die Politik
der Kommunisten. Bericht über ein internationales Seminar. In:
Probleme des Friedens und des Sozialismus, Prag, Heft 6/1977.
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