Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979


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WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHER FORTSCHRITT, NEUE TECHNIK UND ARBEITERBEWEGUNG *)

Lothar Peter 1. Technischer Fortschritt im Kapitalismus oder "dritte industri- elle Revolution"? - 2. Gegenwärtige Tendenzen der neuen Technik in der materiellen Produktion; - 3- Technische und arbeitsorgani- satorische Rationalisierung der Büroarbeit; - 4. Tendenzen in den sozialen Auswirkungen der neuen Technik und Rationalisierung auf die Lohnabhängigen; - 5. Exkurs: Zur theoretischen Kontroverse um den Zusammenhang von technischem Fortschritt und Qualifikation; - 6. Arbeiterbewegung und neue Technik. 1. Technischer Fortschritt im Kapitalismus oder ----------------------------------------------- "dritte industrielle Revolution"? --------------------------------- Die Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in der Bundesrepublik ist gegenwärtig durch eine sprunghafte Zunahme neuer Technologien sowohl in der materiellen Produktion als auch im nichtproduktiven privaten oder öffentlichen Bereich des ge- sellschaftlichen Reproduktionsprozesses geprägt. Neben den Veränderungen der energetischen Basis der gesellschaft- lichen Produktion - es sei hier auf den wachsenden Anteil der Kernenergie an der Energieversorgung hingewiesen - gehören die neuen Technologien im Arbeitsprozeß zu den wichtigsten konkreten Erscheinungsformen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in unserem Land. Diese neuen Technologien beruhen wesentlich auf der Anwendung steuernder, kontrollierender, regelnder und informierender Funk- tionen der Elektronik. Sie umfassen vor allem Produkte der Halb- leiter- und Optoelektronik sowie der Speicher- und Sensorentech- nik. Unter diesen neuen Technologien kann die Mikroelektronik als die entscheidende, als Schlüsseltechnologie "mit der Funktion ei- ner echten Basisinnovation" 1) bezeichnet werden. Es handelt sich jedoch bei der Mikroelektronik auf ihrem heutigen Entwicklungs- stand technisch gesehen nicht um eine revolutionierende Errungen- schaft, um eine tatsächlich umwälzende Neuerung, 2) sondern um eine Weiterentwicklung schon jahrzehntelang bekannter wissen- schaftlich-technischer Gesetzmäßigkeiten und Funktionen. Wenn es trotzdem gerechtfertigt ist, von einer neuen Stufe des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu sprechen, so des- halb, weil durch die massenhafte Überleitung elektronischer Informations-, Steuerungs- und Regelungsmittel in den gesell- schaftlichen Arbeitsprozeß empirisch eindeutige, qualitativ und quantitativ relevante Veränderungen ausgelöst worden sind. Sie beziehen sich sowohl auf die Arbeitsproduktivität als auch auf die Entwicklung der sachlichen Momente des Arbeitsprozesses und nicht zuletzt auf die Stellung des Menschen im Arbeitsprozeß. Diese Veränderungen, deren Anfang vor etwa fünf bis zehn Jahren liegt, sind so enorm, daß sich der Vorsitzende der IG Metall, Eu- gen Loderer, veranlaßt sah, von einer "dritten industriellen Re- volution" zu sprechen. 3) Nach meiner Auffassung handelt es sich jedoch nicht um eine "dritte industrielle Revolution", sondern um eine neue Stufe im Prozeß des wissenschaftlich-technischen Fort- schritts, dessen ungehinderte Entfaltung innerhalb der Schranken des Privateigentums der kapitalistischen Gesellschaft nicht mög- lich ist. Der Begriff der "dritten industriellen Revolution" unterstellt - ähnlich wie die schon während der zwanziger Jahre von sozialdemo- kratischer Seite benutzte Formel der "zweiten industriellen Revo- lution", daß auf der Basis der gegebenen kapitalistischen Produk- tionsverhältnisse beliebig viele Umwälzungen der Produktivkraft- struktur stattfinden können, ohne daß es notwendigerweise zur antagonistischen Zuspitzung in der Beziehung der Produktivkräfte zu den Produktionsverhältnissen kommen müsse. Zumindest legt der Begriff der "dritten industriellen Revolution", wie er von Eugen Loderer dargestellt wird, nicht die Deutung nahe, daß zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen gesetzmäßige, sy- stemhafte Zusammenhänge bestehen und ein bestimmtes Niveau der Produktivkräfte und der Vergesellschaftung der Arbeit bestimmter Eigentumsformen, also bestimmter Produktionsverhältnisse bedarf, um sich weiterentwickeln zu können. Aber auch der in der marxistischen Diskussion häufig verwendete Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" 4) ist zu- mindest vorerst noch mit zu vielen Unsicherheiten behaftet, als daß er ohne weiteres für die Analyse der gegenwärtigen Produktiv- kraftentwicklung als theoretischer Leitbegriff dienen könnte. Ohne hier tiefer ins Problem eindringen zu können, sei nur auf einige Schwierigkeiten hingewiesen, die mit dem Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" verknüpft sind. Dem Begriff fehlt die erforderliche Bestimmungsschärfe seines zeitlichen Geltungsbereichs. Er trägt nicht zu einer präzisen Pe- riodisierung der Produktivkraftentwicklung bei. Da das Verhältnis zwischen "revolutionären" und "nicht-revolutionären" Phasen der kapitalistischen Produktivkraftgeschichte nicht exakt im Rahmen der Begriffsexplikation bestimmt wird, besteht die Gefahr einer Verflachung der theoretischen Qualität des Revolutionsbegriffs. Des weiteren gibt der Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution", der für die Analyse des Produktionsprozesses, vor allem seiner "stofflichen" Seite wichtige Erkenntnisse vermit- telt, nicht hinreichend Aufschluß über den Zusammenhang von Pro- duktivkraftentwicklung und sozialökonomischen Strukturveränderun- gen. Es bleibt unklar, inwieweit sich etwa wissenschaftlich-tech- nische Innovationen unabhängig von und ungleichzeitig zu sozial- ökonomischen und politischen Umwälzungen vollziehen können. Zwar läßt das den Begriff umgebende theoretische Konzept der "wissenschaftlich-technischen Revolution" keinen Zweifel daran, daß eine Vollendung der "wissenschaftlich-technischen Revolution" nur in den sozialökonomischen und politischen Entwicklungsformen einer sozialistischen Gesellschaft möglich ist, aber die Bezie- hung zwischen Produktivkräften, Produktionsverhältnissen und po- litischem System bleibt auffällig vage. So ist zum Beispiel unge- klärt, inwieweit die Qualifizierung der gegenwärtigen Phase der Produktivkraftbewegung als revolutionär mit jenen Anpassungspro- zessen und Modifikationen der kapitalistischen Produktionsver- hältnisse vereinbar ist, die zwar durchaus nicht die dem Kapita- lismus innewohnenden Antagonismen lösen können, aber doch eine zeitlich und qualitativ beträchtliche Flexibilität für die wei- tere Entfaltung produktiver Potenzen der Gesellschaft an den Tag legen. Aus diesen und anderen, hier nicht näher zu beschreibenden Grün- den scheint es mir geraten, solange auf den Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" zu verzichten, wie die erwähnten Probleme nicht ausreichend geklärt sind, und statt des- sen die gegenwärtige Phase der Produktivkraftbewegung als kapita- listisch bestimmten wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu bezeichnen. Die neue Stufe des technischen Fortschritts ist nicht durch revo- lutionierende wissenschaftliche oder technische Erfindungen ge- kennzeichnet, die plötzlich Umbrüche in der materiell-technischen Basis des Produktionsprozesses hervorrufen, sondern durch die Weiterentwicklung und Verallgemeinerung schon länger vorhandener Technologien. So ist die allerdings in der Form eines Innovati- onsschubs erfolgende Expansion der Mikroelektronik das Ergebnis einer systematischen Weiterentwicklung vor allem der Transisto- rentechnik, deren erste Produktgeneration Anfang der fünfziger Jahre wirksam wurde. Das gilt auch für andere Faktoren der neuen Technik wie beispielsweise für moderne Verbundtechniken, die die Vorzüge der Mikroelektronik mit denen synthetischer Werkstoffe verbinden (Spritzgußverfahren bei Bauteilen elektronischer Pro- duktion). Ihre spektakulärste Vergegenständlichung findet die Mi- kroelektronik in den sogenannten "Mikroprozessoren" oder "Minicomputern". Sie haben als "job-killer" bereits traurige Be- rühmtheit erlangt; denn unter kapitalistischen Bedingungen ist der technische Fortschritt, also auch die Mikroelektronik mit ih- ren immensen technischen Anwendungsmöglichkeiten, in erster Linie den Gesetzen und Verlaufsformen der kapitalistischen Akkumulation unterworfen 5). Wie der technische Fortschritt im Kapitalismus überhaupt, so hat folglich auch die Mikroelektronik den Zweck, "lebendige Arbeit" durch "vergegenständlichte Arbeit" zu erset- zen, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und damit das Ver- hältnis von produziertem Mehrwert und variablem Kapital (Löhne und Gehälter) zugunsten des Kapitals zu verändern. Die gesell- schaftlichen Produzenten, die Arbeiter und Angestellten, erfahren den wissenschaftlich-technischen Fortschritt als einen Prozeß, in dem einerseits ihre "selbständige Produktionsfähigkeit gebrochen wird, andererseits mit der Entwicklung der Maschinerie auch tech- nologisch die Bedingungen der Arbeit als die Arbeit beherrschend erscheinen und zugleich sie ersetzen, unterdrücken, überflüssig machen in ihren selbständigen Formen" 6). Aber die Verdrängung "lebendiger Arbeit" durch Maschinerie und Technik zum Zweck erhöhter Kapitalrentabilität ist für die kapi- talistische Entwicklung allgemein charakteristisch. Was die ge- genwärtige konkrete Erscheinungsform dieses Prozesses von voran- gegangenen Phasen der kapitalistischen Akkumulation seit Kriegs- ende unterscheidet, ist die Tatsache, daß die heutigen Technolo- gien nicht nur Arbeitskräfte freisetzen, wo sie in den verarbei- tenden Industrien angewandt werden, sondern gleichzeitig Arbeits- mittel - einsparen" und infolgedessen die Entwicklung der Inve- stitionsgüterindustrie dämpfen. 7) Technische Rationalisierung ist nicht mehr wie in den fünfziger und sechziger Jahren mit ei- nem ebenso breiten wie steilen Investitionsboom verbunden; denn die modernen Arbeitsmittel und Technologien ermöglichen enorme Kapazitätsausweitungen, ohne entsprechende arbeitsplatzschaffende Impulse in der Investitionsgüterindustrie auszulösen. Schließlich drosselt der technische Fortschritt den Beschäftigungseffekt selbst noch dann, wenn nicht nur Rationalisierungs- und Ersatzin- vestitionen getätigt werden, was zur Zeit allerdings überwiegend der Fall ist, sondern es sich um "echte" Erweiterungsinvestitio- nen handelt. Diesen Aspekt hat J. Huffschmid folgendermaßen prä- gnant beschrieben: "Daß durch reine Rationalisierungsinvestitio- nen normalerweise Lohnkosten eingespart, Arbeitskräfte 'frei- gesetzt' und Arbeitsplätze vernichtet werden, liegt auf der Hand, denn eben dies ist ein wichtiger Zweck der Rationalisie- rungsinvestitionen. Aber auch beim Ersatz von ausscheidenden An- lagen werden in der Regel nicht die gleichen Maschinen, sondern modernere installiert, deren Bedienung weniger Arbeitskräfte er- fordert. Allein die reinen Erweiterungsinvestitionen, die zu dem bestehenden Produktionsapparat neue Anlagen hinzufügen, schaffen Arbeitsplätze, allerdings aufgrund der Anwendung neuer Technolo- gien ebenfalls weniger als bei, am Ausstoß gemessen, gleich großen Anlagen früherer Jahre. Die Verschiebung der Strukturen der Investitionen zugunsten der Rationalisierungs- und Ersatz- und zuungunsten der Erweiterungsinvestitionen bedeutet, daß immer mehr arbeitsplatzvernichtende und immer weniger arbeitsplatz- schaffende Produktionsanlagen installiert werden und daß der Ar- beitskräftesaldo auch bei steigenden Investitionen negativ wird." 8) 2. Gegenwärtige Tendenzen der neuen Technik ------------------------------------------- in der materiellen Produktion ----------------------------- Untersucht man, wie die neue Technik im produktiven Bereich des Wirtschaftsprozesses in der Bundesrepublik angewandt und welche tatsächlichen Folgen sie für die Arbeiter, Angestellten und wis- senschaftlich-technischen Kader hat, so ist zunächst auf die in- dustrielle Fertigung als Zentrum des Reproduktionsprozesses ein- zugehen. Entsprechend dem jeweiligen technischen Stand vollziehen sich das Vordringen und die Ausbreitung neuer Technologien, namentlich der Mikroelektronik, in den einzelnen Industriezweigen sehr unter- schiedlich. In diesem Prozeß stehen zweifellos diejenigen Indu- striebereiche bzw. -zweige an der Spitze, die mit der Anwendung von Elektronik wegen der Gebrauchswerteigenschaften der durch sie erzeugten Produkte am engsten verbunden sind. Das gilt sowohl für die Abteilungen der elektronischen Industrie, wo die mikroelek- tronischen Bausteine hergestellt, als auch für die Industrien, wo sie - wie etwa im Elektrogerätebau - verarbeitet werden. Volks- wirtschaftlich ähnlich wichtig wie die elektronische Industrie ist der Maschinenbau. Auch hier hat ein mikroelektronischer Inno- vationsschub eingesetzt, dessen langfristige Auswirkungen auf die Struktur dieses arbeitsintensiven Zweiges (1977 über 1 Mio. Beschäftigte) 9) überhaupt noch nicht absehbar sind. Das trifft vor allem auf den Werkzeugmaschinenbau zu, wo automatisch gesteu- erte (numerical control) NC-Maschinen schon seit Anfang der sech- ziger Jahre verwendet werden. 10) Ihrer Zunahme waren nicht nur ökonomisch wegen der hohen Anschaffungskosten, sondern auch tech- nisch insofern Schranken gesetzt, als sie für Kleinserienferti- gung nur begrenzt geeignet waren. 1977 gab es in der Bundesrepu- blik ungefähr 5000 solcher Maschinen. Durch die Steuerung von NC- Maschinen durch Mikroprozessoren wurde im Werkzeugmaschinenbau eine bedeutende Veränderung ausgelöst. Die sogenannten (compute- rized numerical control) CNC-Maschinen, die seit einigen Jahren auf dem Markt sind, eignen sich auch für Kleinserienfertigung. Sie haben eine wesentlich höhere Laufgeschwindigkeit, sind einfa- cher zu bedienen und kosten nicht viel mehr als herkömmliche Werkzeugmaschinen. Die neue Technik entfaltet sich aber nicht nur in den genannten Spitzenindustrien, wo das technische Niveau oh- nehin sehr hoch ist, sondern sie erobert auch industrielle Berei- che, die traditionell durch einen hohen Grad unmittelbarer Ein- wirkung der menschlichen Arbeitskraft auf Arbeitsmittel und Ar- beitsgegenstand, verbunden mit hoher muskulärer und/oder psychi- scher Belastung charakterisiert waren. Betroffen sind davon zum Beispiel klassische Fertigungstätigkeiten im Fahrzeugbau, aber auch repetitive Teilarbeiten in anderen Industriezweigen, wie vor allem der Elektroindustrie. 1978 waren im Wolfsburger VW-Werk 85 Industrieroboter im Einsatz, die Fahrzeugteile schweißten, Pres- sen bedienten, Hinterachsen hoben und einlegten und Karosse- rieteile beschichteten. Handhabungssysteme, Sensoren und Indu- strieroboter verrichten heute bereits vielfältige Arbeitsopera- tionen, wie Schweißen, Lackieren, Materialbeschichtung und Sor- tieren von Werkstücken. Trotzdem ist die Anwendung von Industrie- robotern noch Neuland des wissenschaftlich-technischen Fort- schritts. 1978 soll es in der Bundesrepublik erst rund 520 ent- sprechende Maschinen gegeben haben. 11) Die jetzige Generation von Industrierobotern und Handhabungssystemen ist technisch noch nicht ausgereift. Sie kann Toleranzen von ±1 mm noch nicht unter- schreiten und ist auf zusätzliche Zuführungshilfen angewiesen. 12) Die zweite, gegenwärtig schon erprobte Generation soll über eigene "Sinnesorgane" und die dritte schließlich über eine "künstliche" oder "apparative Intelligenz" verfügen. Obwohl also die Entwicklung hier gerade erst begonnen hat, scheint die Pro- gnose zulässig, daß Industrieroboter noch in dem kommenden Jahr- zehnt, 1980-1990, gerade in arbeitsintensiven Arbeitsprozessen eine wichtige Rolle spielen werden. (Auf Industriezweige wie die Uhren- und die Druckindustrie sei hier nicht näher eingegangen, weil ihre Entwicklung relativ be- kannt ist und hier schon heute der systematische Einsatz der neuen Technik zu tiefgreifenden Strukturveränderungen geführt hat.) 13) Zu ergänzen wäre jedoch, daß die Anwendung der neuen Technik in den Industrieunternehmen nicht nur den Fertigungsbereich erfaßt, sondern inzwischen immer mehr auch auf die Abteilungen der Lage- rung, des Transports, Verkaufs und des Personalwesens übergreift, die mit Hilfe moderner Daten- und Informationstechnik mit der ma- teriellen Produktion zu integrierten Systemen zusammengeschlossen werden. 14) Vom Zugriff der neuen Technik bleiben auch Arbeitsbe- reiche der verarbeitenden Industrie nicht verschont, die der Fer- tigung vorgelagert sind und die man bisher für "immun" gegen die neue Technik gehalten haben mag. Daß dieses Vertrauen keine so- lide Grundlage mehr hat, beweist die Entwicklung beim technischen Zeichnen und in der Konstruktion. Beide, durch relativ hohe Qua- lifikationen der "lebendigen Arbeit" charakterisierten Tätig- keitsfelder werden zukünftig weitgehend durch sogenanntes compu- terunterstütztes Zeichnen (CAD = Computer aided design) übernom- men werden können. Nach Angaben des IG-Metall-Funktionärs Horst Hinz, der sich auf amerikanische Quellen stützt, sollen in den USA bis 1985 rund 90% aller technischen Zeichnungen durch CAD-Sy- steme hergestellt werden. 15) Obwohl die Entwicklung in der Bun- desrepublik nicht mit demselben rasanten Tempo verläuft, wird sich mit einer Phasenverzögerung von schätzungsweise zehn bis zwanzig Jahren ein vergleichbarer Prozeß vollziehen. 3. Technische und arbeitsorganisatorische Rationalisierung ---------------------------------------------------------- der Büroarbeit -------------- Der Vormarsch der neuen Technik bleibt nicht an den Grenzen der materiellen industriellen Produktion stehen. Er dringt auch mas- siv in den nichtproduktiven Sektor, sei er privat oder öffent- lich, vor und unterwirft in zunehmendem Umfang Büro- und Verwal- tungsarbeiten einem technischen und arbeitsorganisatorischen Strukturwandel: "In der materiellen Produktion schreitet die Au- tomation schon seit den letzten 10 bis 15 Jahren schnell, aber fast lautlos voran. Jetzt werden vor allem vor- und nachgelagerte Bereiche der Produktion, Büros und Verwaltungen, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, aber auch Dienstleistungsbereiche wie Gesundheitswesen, Handel, Banken und Versicherungen von der neuen Welle der Automation erfaßt. Inzwischen sind nämlich die Möglich- keiten einer Automatisierung auch dieser Bereiche gewachsen. We- sentliche Voraussetzung ist, geistige Fähigkeiten standardisieren zu können und sogenannte intelligente und lernfähige Systeme zu entwickeln, die diese Tätigkeiten ausführen können. Die Grenzen sind noch nicht erreicht." 16) Auch Büro- und Verwaltungsarbeit unterliegt der Ökonomisierung ihrer Produktionselemente, d.h. neue Technik und Rationalisierung verfolgen den Zweck, menschliche Arbeit durch technische und/oder organisatorische Mittel zu substituieren, die Leistung zu erhöhen und den Aufwand zu verringern. In höherem Maße als in der materiellen (industriellen) Produktion sind Leistungssteigerungen in der Büro- und Verwaltungsarbeit entweder auf nur arbeitsorganisatorische Maßnahmen oder auf Stra- tegien zurückzuführen, die technische und organisatorische Verän- derungen kombinieren. Für die Umstrukturierung nach der techni- schen Seite ist die Einführung von EDV und automatischer Textver- arbeitung typisch. Sie ist längerfristig mit einem enormen "Freisetzungs"-Effekt verbunden. 17) Nach der zunächst vertraulichen, inzwischen einer interessierten Öffentlichkeit zumindest in ihren Kernaussagen bekannt gewordenen Siemens-Studie "Büro 1990" können in der Großindustrie etwa 30% der Bürotätigkeiten "formalisiert", d. h. vereinfacht und stan- dardisiert werden (etwa durch Code-Ziffern, EDV-Formulare, Text- standardisierung usw.). 18) 25% der Büroarbeit lassen sich durch EDV automatisieren, die entsprechenden Arbeitsplätze werden also abgebaut. In Klein- und Mittelbetrieben ist das Rationalisie- rungsreservoir naturgemäß größer, da die Arbeitsabläufe in dieser Betriebsgrößenklasse weniger straff durchrationalisiert sind und die Arbeitsteilung nicht so weit fortgeschritten ist wie in Groß- betrieben. In Klein- und Mittelbetrieben sollen nach der Siemens- Studie 45% der Tätigkeiten formalisierbar und 25% direkt durch Technik ersetzbar sein. Für die öffentliche Verwaltung errechnet die Studie noch umfassendere Rationalisierungsmöglichkeiten: Hier seien 72% aller Tätigkeiten formalisierbar und 38% automatisier- bar. Die Siemens-Studie repräsentiert 2,7 Mio. Angestellten-Ar- beitsplätze, also mehr als ein Viertel aller Angestellten in der Bundesrepublik, deren Zahl sich auf rd. 9 Mio. beläuft. 19) Au- ßerdem nimmt die Studie für sich in Anspruch, auf die gesamte Struktur der Angestelltenarbeit in der Bundesrepublik übertragbar zu sein. Was die Einsparung an Arbeitszeit anbetrifft, kommt die Studie zu dem bemerkenswerten Schluß, daß - privater und öffent- licher Sektor zusammengenommen - bei konsequenter Automatisierung bis 1990 durchschnittlich ungefähr 40% des Arbeitsaufwandes ein- gespart werden können. In Verbindung mit arbeitsorganisatorischen Rationalisierungen kann die Einführung elektronischer Daten- und Textverarbeitung im Büro die Arbeitsteilung weiter vertiefen und die Arbeitsleistung um ein Mehrfaches steigern. Ein relativ einfaches Beispiel sol- cher Formen der Leistungsmaximierung ist die Auflösung sogenann- ter "Mischarbeitsplätze" zugunsten der Spezialisierung auf aus- schließlich eine Funktion bei gleichzeitiger Einführung von Dik- tiergeräten, elektrischen Schreibmaschinen oder Schreibautomaten. Bei größeren Betriebseinheiten führen solche Veränderungen häufig zur Einrichtung zentraler Schreibdienste, die, vom Standpunkt des Kapitals oder des Staates betrachtet, die leistungssteigernden Vorzüge des technischen Fortschritts und der Arbeitsteilung mit denen einer beträchtlichen Kostensenkung verbinden. 20) Der sy- stematischen Anwendung der neuen Technik in der Büroarbeit und den Veränderungen der Arbeitsorganisation auf der einen Seite entspricht auf der anderen Seite die Perfektionierung von wissen- schaftlichen Methoden, mit deren Hilfe die menschliche Arbeits- kraft, die "subjektiven Produktionsbedingungen" optimal ausge- schöpft werden können. Das geschieht hauptsächlich durch die Übertragung von Verfahren der analytischen Arbeitsplatzbewertung und "vorbestimmter Zeiten", die in der materiellen Produktion längst angewandt werden, auf Büro- und Verwaltungstätigkeiten, und zwar bis hin zu den relativ anspruchsvollen dispositiven Funktionen der Sachbearbeiterebene sowie des unteren und teil- weise sogar des mittleren Managements. 21) Vorgegebene Normzeit- werte für jeden einzelnen Arbeitsschritt und Soll-Zeit-Standards verdichten die "Poren des Arbeitstages" (Marx) und erhöhen gleichzeitig die Kontrollierbarkeit der einzelnen Angestellten, was wiederum die Herrschaftsfunktion des betrieblichen Leitungs- systems deutlicher hervortreten läßt. Die Erreichung maximaler bzw. optimaler Leistungswerte setzt allerdings die systematische Erfassung funktional wichtiger Merkmale der Arbeitskräfte voraus. Deshalb bauen vor allem Großunternehmen Personalinformationssy- steme auf, die sowohl die von einem spezifischen Arbeitsplatz ge- stellten Anforderungen als auch die Qualifikationsmerkmale und andere Daten der Arbeitskräfte speichern. Diese Informationssy- steme dienen dann zur Steuerung des Personaleinsatzes nach dem berühmten Motto des Vaters der kapitalistischen "wissenschaft- lichen Betriebsführung", F.W. Taylor: "Der richtige Mann am richtigen Platz". Mit dem von Siemens entwickelten und in der eigenen Forschungsabteilung erprobten "Integrierten Verarbei- tungs- und Informationssystem für Personaldaten" (IVIP) lassen sich bis zu 900 Merkmale pro Beschäftigtem erfassen. 22) Daß auf EDV-Basis beruhende Personalinformationssysteme mit einer so um- fassenden Kapazität gerade dazu prädestiniert erscheinen, auch als politisches Machtinstrument Anwendung zu finden, und zwar weit über betriebliche Zusammenhänge hinaus, ist kaum von der Hand zu weisen. 23) Der kapitalistische Bedarf an systematischer Sondierung und Aus- schöpfung von Rationalisierungsreserven hat inzwischen selbst einen ansehnlichen Zweig kapitalistischer Dienstleistungsunter- nehmen auf diesem Gebiet hervorgebracht. Gemeint sind die zahl- reichen und offensichtlich florierenden Unternehmensberatungsfir- men, deren Service immer häufiger auch zum Zweck der Rationali- sierung der Büro- und Verwaltungsarbeit in Anspruch genommen wird. So hat sich kürzlich die Commerzbank die amerikanische Un- ternehmensberatungsfirma McKinsey ins Haus geholt, um - wie es der Vorstand der Commerzbank ausdrückte - "den Wirkungsgrad zu erhöhen und Personalreserven für expandierende Bereiche verfügbar zu machen". 24) Bei der von McKinsey praktizierten und inzwischen berüchtigten Methode der sogenannten "Gemeinkosten-Wertanalyse" handelt es sich um eine besonders rigorose Rationalisierungsmethode, bei der, um das Maß voll zu machen, die Beschäftigten zudem aufgeru- fen sind, sich an der Analyse und Funktionsbestimmung ihrer eige- nen Arbeitsplätze zu beteiligen und damit faktisch ihre eigene berufliche Existenz zu untergraben. Von den eben skizzierten technischen und arbeitsorganisatorischen Rationalisierungsvorgängen bleibt auch die Verwaltung des öffent- lichen Dienstes nicht verschont. 25) Mit der Übernahme analoger Mittel und Verfahren der Leistungsverdichtung, Pensum vergröße- rung und Arbeitsintensivierung bestätigt der Staat auf seine Weise, daß er ein keineswegs neutraler Steuerungs- und Aus- gleichsmechanismus über den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft ist. Indem der Staat in seinem unmittelbaren Funkti- onsbereich ebenfalls durch Anwendung der neuen Technik und der erwähnten Rationalisierungsverfahren den sozialen Druck auf die öffentlich Bediensteten verschärft, folgt er jedoch nur seiner wesentlichen ökonomischen Bestimmung. Sie besteht im Fall der Ra- tionalisierung speziell darin, auch durch extensive Ausnutzung des technischen Fortschritts und der mit ihm verbundenen Formen der Vergesellschaftung der Arbeit im Arbeitsprozeß staatlicher Funktionen zusätzliche ökonomische Mittel (über die Verteilung des Sozialprodukts hinaus) aufzubringen und sie der Akkumulation der großen Einzelkapitale zur Verfügung zu stellen. 4. Tendenzen in den sozialen Auswirkungen der neuen Technik ----------------------------------------------------------- und Rationalisierung auf die Lohnabhängigen ------------------------------------------- Untersucht man die Veränderungen, die sich aus dem gegenwärtigen Innovations- und Rationalisierungsschub für die lohnabhängigen Beschäftigten ergeben, so lassen sich folgende Punkte festhalten und folgende Tendenzen prognostizieren: 1. Neue Technik und Rationalisierung bewirken eine enorme Lei- stungssteigerung bzw. Verkürzung der zur Herstellung eines Pro- dukts oder zur Erbringung einer Leistung gesellschaftlich notwen- digen Arbeitszeit. Das bedeutet aber, zumal unter den gegebenen Bedingungen einer offensichtlich langanhaltenden Krise, in erster Linie nichts anderes als die massenhafte Vernichtung von Ar- beitsplätzen. Das Schicksal der süddeutschen Uhrenindustrie und die Entwicklung in der Druckindustrie, wo die moderne Fotosatz- technik in den vergangenen Jahren Tausende von Arbeitsplätzen überflüssig gemacht hat, haben in der Öffentlichkeit ein lebhaf- tes Echo gefunden. Was in diesen Industriezweigen teilweise schon Wirklichkeit geworden ist, zeichnet sich auch für andere Zweige ab. Dabei liegt der zu erwartende "Freisetzungs"-Effekt um so hö- her, je weiter der Stand der Produktivkräfte fortgeschritten ist. Vertreter der IG Metall rechnen damit, daß durch den Übergang von der Produktion mechanischer zur Produktion mikroelektronischer Bauteile auf je fünf "eingesparte" Arbeitsplätze nur ein neu ge- schaffener Arbeitsplatz entfällt. 26) Industriezweige, die sich traditionell durch große "Fertigungstiefen" und differenzierte Qualifikationsprofile auszeichneten, können sich längerfristig dem Vordringen der neuen Technik nicht entziehen. Das gilt nicht nur für die Uhren- und Druckindustrie sowie die elektronische In- dustrie, sondern auch, wie schon erwähnt, beispielsweise für den Maschinenbau. Die IG-Metall-Zeitschrift "Der Gewerkschafter" be- richtete im Sommer 1978, daß die ersten 65 der von MAN bestellten ultramodernen CNC-Drehmaschinen 65 Dreher an konventionellen Drehbänken ersetzen können, weil sie genau die doppelte Leistung konventioneller Drehbänke erbringen. 27) Dem "Freisetzungseffekt" in der materiellen Produktion entspricht der Personalabbau in anderen Bereichen, ohne daß hier unbedingt immer die neue Technik wesentlich zum Zuge käme. Vielmehr geht die arbeitsplatzvernichtende Wirkung z.B. im Handel, besonders im Einzelhandel, hauptsächlich auf arbeitsorganisatorische Rationa- lisierungen und systematisch betriebene "Personaleinsatzplanung" zurück. In der Zeit zwischen 1972 und 1977 sollen nach Angaben des "Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes" (WSI) des DGB im Einzelhandel ungefähr 106 000 Vollarbeitsplätze (bei gleichzeitiger beträchtlicher Umsatzsteigerung) abgebaut worden sein. 28) Diese Beispiele illustrieren, daß unter kapitalistischen Bedin- gungen und zumal unter denen einer schweren Krise die einschnei- denste Folge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts die Vernichtung von Arbeitsplätzen ist. Da es sich dabei allerdings nicht um eine relativ isolierte, technisch vermittelte Struktur- krise einzelner Industriezweige handelt, sondern um den Ausdruck allgemeiner Verwertungsprobleme des Kapitals, sind für absehbare Zeit keine spürbaren positiven Veränderungen der Beschäftigungs- situation zu erwarten. 29) Von den wenigen Zweigen der warenpro- duzierenden Gewerbe, die 1978 im Vergleich zu 1977 noch eine zu- nehmende Beschäftigungstendenz aufwiesen, können längerfristig kaum wirksame Impulse ausgehen, zumal da der Fahrzeugbau, von dem ein positiver Beschäftigungseffekt ausging, inzwischen die Gren- zen der Kapazitätsauslastung erreicht hat und fieberhaft nach "arbeitssparenden" Innovationen sucht. Auch die hohen Erwartun- gen, die in die angeblich arbeitsplatzstiftende Eigenschaft der neuen Technik, namentlich der Elektronik gesetzt werden, erweisen sich bei eingehender Betrachtung als Beschwichtigungsversuch oder als Illusion, die aus der Abstraktion von den kapitalistischen Bestimmungsfaktoren des technischen Fortschritts erwächst. Ein vom Bundesministerium für Forschung und Technologie initiierter Gesprächskreis, der sich mit der "Modernisierung der Volkswirt- schaft" befaßte, verkündete vor einigen Monaten optimistisch: "Wenn auch die voraussichtliche Entwicklung des Arbeitsvolumens sich wegen der Vielzahl von Einflußfaktoren nicht zuverlässig ab- schätzen läßt, so gilt für die Bundesrepublik Deutschland doch ohne Einschränkung, daß mit breiter Anwendung der Elektronik mehr Arbeitsplätze gegen den Sog des internationalen Wettbewerbs gesi- chert werden können als ohne Elektronik". 30) Demgegenüber gelangte das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung auf Grund einer Untersuchung des Innovationspotentials in struk- turschwachen Wirtschaftsgebieten für die nächsten zehn Jahre zu genau entgegengesetzten Ergebnissen. 31) Bei seiner Analyse un- terschied das Institut zwischen der arbeitschaffenden Funktion sogenannter "produkttechnischer" Innovationen (Erzeugung neuer Produkte) einerseits und der arbeitsplatzvernichtenden Funktion" produktionstechnologischer" Innovationen (Automation, Elektronik im Produktionsprozeß usw.) andererseits. Das Institut kam zu dem Schluß, daß erstens die arbeitsplatzvernichtenden Innovationen quantitativ überwiegen werden, und zweitens auch da, wo "produkttechnische" Innovationen zu erwarten sind, sich diese In- novationen hauptsächlich in einem marktopportunen Formwandel des jeweiligen Produkts erschöpfen, ohne die Schaffung neuer Ar- beitsplätze in nennenswertem Umfang zu induzieren. Eine ähnlich nüchterne Auffassung vertreten auch Experten der Gewerkschaften wie der Automationsfachmann Günter Friedrichs von der IG Metall. Zu Recht hat Friedrichs darauf hingewiesen, daß auch die Zunahme bestimmter Spezialistenkategorien der neuen Technik, wie System- analytiker oder Programmierer, die vor allem wegen des relativen Zurückbleibens der Software-Entwicklung hinter dem Stand der hardware-Technik benötigt werden, den "Freisetzungseffekt" der neuen Technik keineswegs kompensieren können. 32) In einem ande- ren Zusammenhang hat Günter Friedrichs außerdem betont, daß auch der tertiäre Sektor, der während der Hochkonjunktur jahrelang aus der materiellen Produktion (Landwirtschaft, Bergbau, verarbeiten- des Gewerbe) abwandernde Arbeitskräfte absorbiert habe, für über- schüssige Arbeitskräfte nicht mehr zur Verfügung stehe, da er selbst einer stürmischen Modernisierung und Rationalisierungs- welle ausgesetzt sei. 33) 2. Die Einführung neuer Technologien und das Vorantreiben von Ra- tionalisierungen führen jedoch nicht nur zum Abbau von Ar- beitsplätzen, sondern auch zum Verlust von Qualifikationen, zur Entleerung von Arbeitsinhalten und zu neuen Belastungsformen am Arbeitsplatz. Selbst das Bundesministerium für Forschung und Technologie, das die Rationalisierungsbemühungen der privaten Un- ternehmen materiell und ideell unterstützt, sonnte nicht umhin zuzugeben: "Charakteristisch für den Einfluß der Elektronik auf einzelne Arbeitsplätze scheint zu sein, daß durch langjährige Er- fahrung erworbene Fertigkeiten und traditionelle Berufsbilder, vor allem im Bereich der Feinmechanik und Metallverarbeitung, aber auch einige handwerkliche Fähigkeiten an Bedeutung verlie- ren. Dies kann als Abqualifizierung erfahren werden". 34) Zwar widerruft das Ministerium dieses Eingeständnis im nächsten Satz, indem es gleichzeitig ein Anwachsen "prozeßunabhängiger" Qualifikationen (Abstraktions- und Reaktionsvermögen, anhaltende Konzentrationsfähigkeit, Verantwortungs- und allgemeines Problem- bewußtsein usw.) voraussagt, ohne diese Prognose allerdings empi- risch erhärten zu können. Bisherige Studien bestätigen jedoch, daß gerade in technisch fortgeschrittenen Industrien und Bereichen des Produktionsprozes- ses wie im Maschinenbau, beim Computerpersonal oder im Instand- haltungssektor sich eine Polarisierung in der Qualifikations- struktur abzeichnet. 35) Sie konzentriert Elemente hoher Qualifi- kationen bei einer relativ kleinen Gruppe von Beschäftigten, wäh- rend das Qualifikationsniveau einer breiten Schicht des "produktiven Gesamtarbeiters" sinkt oder zumindest stagniert. Ne- ben dem Hinweis auf konkrete Fälle, die den Zusammenhang von neuer Technik und Dequalifikation belegen 36), sei auch daran er- innert, daß massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen in der ka- pitalistischen Krise immer auch Entwertung von Qualifikationen einschließt. Die fortgeschrittenen Produktivkraftelemente ver- nichten also unter kapitalistischen Grundverhältnissen sowohl Ar- beitsplätze als auch Qualifikationen. Wie wenig es sich hier um eine theoretische Annahme handelt, beweisen die Arbeitskämpfe in der Druck- und Metallindustrie 1978, wo der Kampf gegen den Ver- lust des Arbeitsplatzes durch neue Technologien zugleich ein Kampf um den Erhalt von Qualifikationen gewesen ist. Der Bezirks- leiter der IG Metall Stuttgart, Franz Steinkühler, hat die Mei- nung geäußert, daß in der Metallindustrie seines Bezirks 40% al- ler Arbeitsplätze von Abgruppierung bedroht seien, wobei die ent- scheidende Ursache im Einsatz von Mikroprozessoren liege. 37) De- qualifizierung durch neue Technik und Rationalisierung bedeutet jedoch nicht nur Abgruppierung und damit Lohneinbußen, sie bein- haltet zugleich die Zersetzung schöpferischer Momente der Arbeit sowie die Verschärfung vor allem einseitiger Belastungen physi- scher und psychischer Art. Den ökonomischen Einschränkungen der Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft entspricht häufig eine Vertiefung der Entfremdung der Arbeiter und Angestellten von ih- rer beruflichen Tätigkeit, die einhergeht mit einem rascheren Ge- sundheitsverschleiß. Auch dieser Gesichtspunkt sollte nicht über- sehen werden, wenn es die Frage zu beantworten gilt, mit welchen Mitteln und Zielen sich die Lohnabhängigen gegen die kapitali- stisch bestimmten Folgen der neuen Technik und Rationalisierung zur Wehr setzen müssen. : 5. Exkurs: Zur theoretischen Kontroverse um den Zusammenhang ------------------------------------------------------------ von technischem Fortschritt und Qualifikation --------------------------------------------- An dieser Stelle scheint es angebracht, jene Kontroverse wenig- stens zu streifen, die sich an der Frage der zukünftigen Qualifi- kationsentwicklung im Bereich der Automationsarbeit unter kapita- listischen Produktionsverhältnissen entzündet hat. Gegen die bisher innerhalb der marxistisch orientierten oder be- einflußten Diskussion vorherrschende These einer Polarisierung in der Qualifikationsstruktur technisch fortgeschrittener Arbeits- prozesse hat die Westberliner Projektgruppe "Automation und Qua- lifikation" seit einiger Zeit die Behauptung gesetzt, daß Automa- tion schon unter kapitalistischen Produktionsbedingungen zu einer allgemeinen Höherqualifizierung der "lebendigen Arbeit" führe. Eine Höherentwicklung der Produktivkräfte schließe notwendig eine Höherqualifizierung der Produzenten ein. Da es sich bei der Auto- mation um den am weitesten fortgeschrittenen Bereich der gesell- schaftlichen Gesamtarbeit handele, sei gerade hier nicht nur eine Revolutionierung der sachlichen Produktionselemente, sondern auch eine Umwälzung der menschlichen Tätigkeit, eine qualitative Stei- gerung der produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten der Arbeits- kraft festzustellen: "Automation also verdrängt den Menschen aus der Produktion. Maschinen von immer höheren Werten stehen immer weniger Menschen gegenüber. Es scheint deshalb zunächst so, als ob damit der Mensch jede Bedeutung für die Produktion verlieren würde. In Wirklichkeit bekommt er jedoch eine Bedeutung, die ein- malig ist in der Geschichte der menschlichen Arbeit. Die ent- scheidende Stellung des produzierenden Menschen zwingt dazu, das Bild von Automation als eines rein maschinellen technischen Vor- gangs zu revidieren und sie zu begreifen als Umwälzung beider Quellen der Produktivität: der Maschine u n d der menschlichen Arbeit." 38) Automation führe mithin, wie auch der programmati- sche Titel des zitierten Aufsatzes verkündet, zur Höherqualifika- tion und zur Reunifikation von Hand- und Kopfarbeit. Die von der Projektgruppe prononciert vorgetragene These stützt sich mehr auf Ergebnisse einer teilweise scharfsinnigen und zu- treffenden theoretischen und methodischen Kritik einschlägiger Studien zum Thema als auf solide empirische Befunde, die allen- falls in der Form illustrativer Hinweise auf Beispiele hochquali- fizierter anspruchsvoller Automationsarbeit verstreut über ver- schiedene Publikationen beigebracht werden. Die Auffassung einer steigenden Qualifikation durch Automation ist nicht neu. Sie hat bekannte Vorläufer zum Beispiel in Robert Blauners Industrieanalysen oder in der Theorie der "neuen Arbei- terklasse", die in den Überlegungen von Serge Mallet oder André Gorz von der fortschreitenden Automation eine Requalifizierung der Arbeitstätigkeit und die Entstehung des "polyvalenten Kollek- tivarbeiters" oder "Arbeitertechnikers" erwartete. 39) Eine kri- tische Betrachtung der von der Westberliner Projektgruppe ver- fochtenen Konzeption ergibt eine Reihe von Mängeln und Widersprü- chen, die sie teilweise mit ihren berühmteren Vorläufern gemein- sam hat, teilweise jedoch gleichsam neu produziert. Die Projekt- gruppe unterscheidet nicht stringent und eindeutig zwischen den o b j e k t i v e n A n f o r d e r u n g e n einerseits, die auf der gegenwärtigen Stufe der Vergesellschaftung der Arbeit, der Komplexität der Arbeitsprozesse und der technischen Beschaf- fenheit der Produktionsmittel an die Arbeitskraft gestellt wer- den, und der t a t s ä c h l i c h e n E n t w i c k l u n g andererseits, den die Qualifikationsstruktur unter den Bedingun- gen des Produktionsprozesses als Verwertungsprozeß durchläuft. Wenn es auch richtig ist, daß ein krisen- und störungsfreier Pro- duktionsprozeß auf hochentwickelter materiell-technischer Basis eine umfassende Grundausbildung und oft wissenschaftliche Spezi- alqualifikationen erfordert, so ist es aber ebenso richtig, daß unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nur Teile des ge- sellschaftlichen "Gesamtarbeiters" die erforderliche Qualifika- tion auch tatsächlich erhalten. Der Irrtum der Projektgruppe be- steht offensichtlich darin, daß sie von der zunächst richtig er- kannten gesetzmäßigen Tendenz einer Höherentwicklung der Produk- tivkräfte auf das allgemeine Ansteigen der mit Automationsarbeit verbundenen Qualifikationen schließt. Aber der Widerspruch zwi- schen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen reproduziert sich in der konkret-historischen Bewegung der Produktivkräfte selbst: ebenso wie der Kapitalismus ständig neue produktive Po- tenzen, neue effektivere Arbeitsmittel, Werkstoffe und Technolo- gien hervorbringt, vergeudet und vernichtet er tagtäglich enorme Produktivkräfte. Was für die Produktivkräfte allgemein gilt, trifft auch auf die Qualifikation als eines ihrer Momente zu. Der Entfaltung hoher Qualifikationen, die für die Beherrschung kom- plizierter verwissenschaftlichter Produktionsprozesse erforder- lich sind, korrespondiert der Verschleiß und die Entwertung vor allem solcher Qualifikationen, die überwiegend oder ausschließ- lich auf enger empirischer Basis beruhen und auf spezielle Ar- beitsprozesse beschränkt sind. Dieser Prozeß macht um hochmecha- nisierte oder automatisierte Arbeitsprozesse keinen Bogen. Es ist deshalb der von W. Rügemer an der Projektgruppe geübten Kritik zuzustimmen, wenn er schreibt: "Aber offensichtlich verwechselt die Projektgruppe selbst etwas, nämlich die allgemeine und objek- tive Tendenz der Höherqualifikation des Gesamtarbeiterkörpers mit den innerhalb dieses erhöhten Gesamtdurchschnitts vermehrt vorge- henden Prozessen der Dequalifizierung und Polarisierung. Es gibt eine 'kapitalismusspezifische' Durchsetzungsweise der Automation, und dies widerspricht deswegen noch nicht der Höherentwicklung der Produktivkräfte in allgemeiner Hinsicht." 40) Obwohl die von der Westberliner Projektgruppe kritisierten Studien in einer Reihe von Punkten gewiß Mängel aufweisen, erscheinen ihre empiri- schen Ergebnisse hinsichtlich der Qualifikationsentwicklung in automatisierten Arbeitsprozessen so gut untermauert 41), daß sie sich durch die bislang dürftigen empirischen Belege der Projekt- gruppe kaum erschüttern lassen. Überzeugender noch als empirische wissenschaftliche Untersuchun- gen beweisen aber Klassenkonflikte wie die in der Metall- oder Druckindustrie, daß Automation und neue Technik als Verwertungs- mittel des Kapitals für breite Schichten der lohnabhängigen Be- schäftigten eine Zersetzung und Restriktion erworbener Qualifika- tionen verursachen. Wollte man wie die Westberliner Projektgruppe von einer gleichsam naturwüchsigen Anhebung und Erweiterung der Qualifikation durch Automation ausgehen, so liefe das theoretisch nicht nur auf eine Verabsolutierung der "stofflichen" Seite des Produktionsprozesses und ein Ausblenden seiner ökonomischen Form hinaus, sondern würde auch den Kampf der Arbeiterbewegung um den Erhalt erworbener oder die lohnmäßige Kompensation verlorener Qualifikationen als Anachronismus erscheinen lassen. Der Kampf gegen Abgruppierung oder technisch vermittelte Liquidierung des Facharbeiterstatus wäre, wenn die Automation im Kapitalismus eine universelle Entfaltung der produktiven Potenzen der menschlichen Arbeit erzeugen würde, nur noch ein romantisch-rückwärts gewand- ter Akt der Vergeblichkeit. Eine solche Interpretation legen For- mulierungen der Projektgruppe wie die folgende zumindest nahe: "Wo die Widersprüche einer gesellschaftlichen Entwicklung als praktische Eingriffsstellen vom begrifflich-methodischen Instru- mentarium her nicht erfaßbar gemacht werden können, muß die wis- senschaftliche Politikberatung der Arbeitenden und ihrer gewerk- schaftlichen Organisationen einen utopischen und zugleich, was die Kehrseite davon ist, defensiven Charakter bekommen; ... Wo immer nur die Auflösung der 'traditionell qualifizierten Fachar- beitertätigkeiten' (...) als Sturz in den Abgrund beschworen wird, bleibt als politische Orientierung nur der Verweis auf eine alternative Arbeit und die Verteidigung von Besitzständen, mit- samt dem historisch zum Untergang Verurteilten." 42) Die Problematik der Kritik liegt nicht darin, daß diese sich auf die Arbeiterbewegung bezieht - auch die Arbeiterbewegung kann, ja muß Gegenstand der wissenschaftlichen Kritik sein. Prekär ist die zitierte Auffassung der Projektgruppe deshalb, weil sie von einem marxistischen Ansatz aus letztlich und im wesentlichen auf das- selbe Argumentationsmuster hinausläuft, das auch von der Seite des Kapitals bemüht wird, wenn sowohl der Widerstand gegen den technischen Fortschritt als bornierte Weltfremdheit abgetan wird als auch der gewerkschaftlichen "Schwarzmalerei" die rosigen Bil- der von den menschenfreundlichen Möglichkeiten eines privatwirt- schaftlich determinierten technischen Fortschritts gegenüberge- stellt werden. Wollte man die Entwicklung der Qualifikationen vom Standpunkt der Verwertungslogik des Kapitals aus betrachten, so wäre in der Tat jeder Widerstand gegen den Verschleiß von Qualifikationen ein Ausdruck der Rückständigkeit, weil es der gesetzmäßigen Bewegung des Kapitals entspricht, den Wert der Ware Arbeitskraft möglichst weit zu senken, um den Lohnaufwand, das variable Kapital, verrin- gern zu können. Insofern haftet der Position der Projektgruppe die Gefahr einer Sichtweise an, die sie in Widerspruch zu ihrer erklärten fortschrittlichen politischen Zielsetzung geraten las- sen könnte. Der Gefahr einer subjektiv gewiß ungewollten Übernahme der kapi- talistischen Verwertungslogik korrespondiert außerdem die Tendenz zur Vernachlässigung derjenigen Schichten der Lohnabhängigen, die weder an automatisierten Aggregaten arbeiten noch über Qualifika- tionen verfügen, die ihnen auch nur kurzfristig ein halbwegs er- trägliches und sicheres Reproduktionsniveau gewährleisten könn- ten. Auch wenn sich die Projektgruppe nicht die Aufgabe gestellt hatte, die Qualifikationen in gering technisierten Arbeitsprozes- sen zu untersuchen, so müßte bei einer Prognose, die Anspruch auf perspektivische Geltung und große theoretische Reichweite erhebt, die Existenz der niedrig qualifizierten Kategorien der Lohnarbei- ter unbedingt berücksichtigt werden. Durch die Verabsolutierung von Qualifikationsmerkmalen, die einen hohen Grad an produktiven Fähigkeiten auf wissenschaftlicher Grundlage anzeigen, wird die Interessenlage der Gesamtheit der Lohnabhängigen theoretisch ver- zerrt widergespiegelt. Die Projektgruppe kann so die von ihr an- gestrebte Funktion einer Politikberatung für die Arbeiterbewegung kaum erfüllen. Demgegenüber könnte die von Franziska Wiethold vorgetragene Kon- zeption der Qualifikationsentwicklung für die gewerkschaftliche Praxis eine wichtige Erweiterung bewirken. Ausgehend von einer Tendenz zur Dequalifizierung, hervorgerufen durch Vertiefung der Arbeitsteilung sowie den Einsatz moderner Technologien und Werk- stoffe, unternimmt sie den Versuch, den Qualifikationsbegriff von der objektiven Interessenlage der Lohnabhängigen aus neu zu be- stimmen. Wenn auch einerseits nicht zu bestreiten sei, daß im mo- dernen Arbeitsprozeß herkömmliche Qualifikationen beständig ent- wertet und zerstört würden, so sei andererseits jedoch festzu- stellen, daß an die Stelle verlorener Qualifikationen neue Anfor- derungen treten, denen auf der Seite der Arbeitskraft zwar keine traditionell anerkannten Qualifikationen entsprechen, die aber nichtsdestoweniger aus einer an der gewerkschaftlichen Praxis orientierten Bestimmung von Qualifikation nicht herausfallen dürften: "Unbestritten ist, daß durch die vorher skizzierten Ten- denzen in der kapitalistisch geprägten Entwicklung von Arbeitsan- forderungen Gestaltungsspielräume für den einzelnen, Breite des Wissens, Kenntnis über die stofflichen Seiten des Arbeitsprozes- ses abnehmen. Aber gleichzeitig entstehen andere, neue Anforde- rungen, die sich wegen ihrer anderen Qualität einem Niveauver- gleich mit den an Bedeutung verlierenden Anforderungen entziehen ... Damit wird ein Qualifikationsbegriff problematisch, der meist nur spezielle, fachlich definierte Kenntnisse im Unterschied zu anderen Kenntnissen definierte. Diese an Bedeutung gewinnenden Anforderungen sind nicht auf einen bestimmten Arbeitsplatz zu be- schränken..." 43) F. Wiethold hebt vor allem jene Anforderungen bzw. Qualifikatio- nen hervor, die aus der Vergesellschaftung des Produktionsprozes- ses erwachsen und die Tendenz zur materiell-technischen Homogeni- tät unterschiedlicher Arbeitsprozesse widerspiegeln. Es sind dies namentlich sogenannte "prozeßunabhängige" Qualifikationen wie die Fähigkeit zur Kooperation, zur Systematisierung von Arbeitsvoll- zügen, zur Kommunikation, aber auch Abstraktions- und Reaktions- vermögen sowie Handlungsflexibilität. Im Unterschied zur projek- tiven und selektiven Deutung der Westberliner Forschungsgruppe, aber auch im Unterschied zu jener Haltung, die sich, indem sie Dequalifizierung als Resultat objektiven technischen Sachzwangs hinnimmt, der Logik des Kapitals widerstandslos beugt, versucht F. Wiethold aus der Analyse der widersprüchlichen Realentwicklung der Qualifikationsstruktur Ansatzpunkte für eine offensivere ge- werkschaftliche Politik auf diesem Kampffeld zwischen Kapital und Arbeit abzuleiten. Dabei extrapoliert sie weder die Merkmale hochqualifizierter Automationsarbeit einer zwar wachsenden, im Verhältnis zu allen Automationsarbeitern aber immer noch sehr kleinen Gruppe, indem sie diese Merkmale für die Qualifikations- entwicklung aller Automationsarbeiter verallgemeinert, noch ak- zeptiert sie den Verlust spezifischer Qualifikationen als schein- bar unumstößliche Begründung für die Wert- bzw. Preissenkung der Ware Arbeitskraft. Sie bezieht vielmehr die aus den technischen und organisatorischen Veränderungen des Produktionsprozesses sich ergebenden neuen Anforderungen an die Arbeitstätigkeit in die Be- stimmung der Qualifikation und damit im weiteren Sinne auch in die Bestimmung des Lohns und der Arbeitsbedinungen vom Interes- senstandpunkt der Lohnabhängigen ein: "Auch hier kann gewerk- schaftliche Politik einige Ansatzpunkte finden, um z.B. Eingrup- pierungs- und Abgruppierungsstrategien der Unternehmerseite und Eingruppierungsdefinitionen kritisch unter die Lupe zu nehmen, statt sofort dem Argument niedriger und/oder sinkender Qualifika- tionsanforderungen zu folgen. Denn vieles, was angeblich am kon- kreten Arbeitsplatz an Qualifikation und Arbeitsvermögen nicht erforderlich ist, wird trotzdem im realen Arbeitsprozeß - wenn auch nicht ständig sichtbar - abverlangt." 44) 6. Arbeiterbewegung und neue Technik ------------------------------------ Trotz der seit 1974 andauernden Krise wird auch gegenwärtig von den Verbänden und Repräsentanten des Kapitals hartnäckig die Auf- fassung vertreten, daß die unbeschränkte unternehmerische Initia- tive bei der Einführung neuer Technik eine notwendige Vorausset- zung des wirtschaftlichen Wachstums und steigender Arbeitseinkom- men darstelle. Noch immer gilt also die These, daß technischer Fortschritt gleich sozialem Fortschritt sei. Mit dieser Haltung, die man als den technologischen Zweck-Optimismus des Kapitals be- zeichnen kann, geht eine heftige Polemik gegen die angebliche Fortschrittsfeindlichkeit der Gewerkschaften einher. Hätten die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts die Maschinen zertrümmert, wie Ernst Günter Vetter in der FAZ schrieb, so seien die Gewerk- schaften heute "Maschinenstürmer durch die Hintertür". 45) Die von den Gewerkschaften geforderten Vereinbarungen liefen darauf hinaus, neue Maschinen erst gar nicht zum Einsatz kommen zu las- sen. 46) Aus mehreren Gründen ist die Argumentation des Kapitals unhaltbar. Sie verschleiert erstens, daß die Folgen des techni- schen Fortschritts in unserer Gesellschaft in erster Linie von Struktur und Verlauf der kapitalistischen Akkumulation abhängig sind. Wenn negative Auswirkungen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts abgeschwächt werden, dann letztlich niemals, weil solche Gegenmaßnahmen im Interesse des Kapitals lägen, sondern weil vor allem die Arbeiterbewegung sich gegen die Vernichtung von Arbeitsplätzen, gegen die Verschärfung des Arbeitstempos und gegen die Entwertung von Qualifikationen zur Wehr setzt. Die scheinbar dem Fortschritt verpflichtete Argumentation der Un- ternehmer enthält zweitens die Behauptung, daß die gewerkschaft- liche Politik eines weiterreichenden Rationalisierungsschutzes und der Absicherung gegen die negativen Auswirkungen der neuen Technik zu einer Gefährdung der Arbeitsplätze führe. Indem der technische Fortschritt behindert werde, blockierten die Gewerk- schaften den Weg zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. 47) Wäre diese Behauptung zutreffend, dann hätte es vor den Tarifverträgen der IG Druck und Papier sowie der IG Metall im Jahre 1978 kein "job-killing", keine Abgruppierung und keine Arbeitsintensivie- rung durch die neue Technik geben dürfen. Jeder Mensch, der die Entwicklung aufmerksam verfolgt, weiß, daß dies selbstverständ- lich nicht der Fall war. Man denke nur an die Uhrenindustrie oder an die Druckindustrie, bei der schon im Zeitraum zwischen 1970 und 1976 35 000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren. 48) Die Folgen des privatwirtschaftlichen Einsatzes der neuen Technik waren also längst aktuell, bevor die Gewerkschaften den Versuch begannen, auf die technischen Bedingungen des Produktionsprozes- ses selbst Einfluß zu nehmen. Viel zu lange nämlich hatten sich auch die Gewerkschaften unter dem Eindruck einer scheinbar ewig währenden Prosperität die Auffassung zu eigen gemacht, der tech- nische Fortschritt bewirke gleichsam naturgesetzlich eine Steige- rung des Lebensstandards der Arbeitnehmer. 49) Sind die Gewerkschaften nun zu Maschinenstürmern und Feinden der Technik geworden, weil sie anfangen, dem von der neuen Technik ausgehenden sozialen Druck Widerstand entgegenzusetzen? Die Frage läßt sich unmißverständlich verneinen, obwohl die Unternehmer in der Öffentlichkeit genau das Gegenteil suggerieren wollen. Nicht zufällig wird gerade in den Gewerkschaften, die den Kampf um die soziale Problematik neuer Technologien und Rationalisierungen aufgenommen haben, die Unterscheidung zwischen den objektiv posi- tiven Möglichkeiten der modernen Technik einerseits und ihrer Um- kehrung für die Zwecke der Kapitalverwertung andererseits beson- ders klar herausgearbeitet. So schrieb kürzlich das Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG Druck und Papier, Det- lef Hensche: "Überflüssig zu betonen, daß die Gewerkschaften sich noch nie gegen den Einsatz technischer Neuerungen an sich gewandt haben. Neue Technologien könnten zu besseren Arbeitsbedingungen führen. Sie könnten dazu beitragen, die Arbeitszeit zu verkürzen. Sie könnten anspruchsvolle Arbeit erhalten. Sie könnten zu billi- gerer Produktion und damit zu besserer gesellschaftlicher Be- darfsdeckung beitragen. Sie könnten. Doch - die Verhältnisse, sie sind nicht so. Die Herrschaft des Profitprinzips verhindert es, technische Neuerungen im Interesse der Produzenten einzusetzen, also derer, die den technischen Fortschritt erarbeitet haben: der Arbeiter und Angestellten." 50) Die eben zitierten Äußerungen sind kein spontaner Einfall, son- dern stehen in der Tradition der sozialistischen Arbeiterbewe- gung, die den technischen Fortschritt noch nie pauschal ablehnte. Für sie galt und gilt vielmehr die von Karl Marx wissenschaftlich begründete Erkenntnis, daß die Arbeiterklasse die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden müsse, um die wirkliche Ursache ihrer gesellschaftlichen Abhängigkeit bekämpfen zu können. 51) Wenn das Kapital heute notorisch versucht, die Gewerkschaften als Fortschrittsfeinde anzuprangern, dann besteht der wesentliche In- halt dieser Kampagne darin, die kapitalistische Zielsetzung tech- nischer Innovationen zu verschleiern. Weil es um möglichst hohe Kapitalrentabilität geht und dafür der Einsatz moderner Technik notwendig ist, wird jede Einschränkung des Profits durch die Po- litik der Gewerkschaften als Sabotage am Fortschritt denunziert. Aber die Arbeiterklasse und die anderen lohnabhängigen Schichten bekämpfen ja nicht die numerisch gesteuerte Werkzeugmaschine, den Mikroprozessor oder den Industrieroboter, sondern die materiel- len, sozialen und psychischen Folgen, die ein ausschließlich vom privaten Gewinnkalkül diktierter Einsatz der modernen Produkti- onsmittel für die Betroffenen hervorruft. Die Tatsache, daß sich die gewerkschaftlichen Aktivitäten vorerst noch hauptsächlich auf die unmittelbare Abwehr negativer Konsequenzen neuer Technolo- gien, neuer Fertigungsverfahren und veränderter Arbeitsabläufe konzentrieren, macht den noch überwiegend defensiven Charakter des Kampfes an dieser Frontlinie zwischen Kapital und Arbeit deutlich. Die Bezeichnung "defensiv" meint nicht im geringsten eine Herab- setzung der etwa von der IG Druck und Papier oder der IG Metall erreichten Ergebnisse. Im Gegenteil - die Verteidigung des Fach- arbeiterstatus von Schriftsetzern bei Einführung elektronischer Textverarbeitung oder die Absicherung gegen extreme Abgruppierun- gen durch die IG Metall stellt einen beträchtlichen Fortschritt, ja in gewisser Weise einen Durchbruch durch die Ideologie techni- scher Sachzwänge dar, zumal die tarifvertraglichen Ergebnisse nur durch Arbeitskampf und Mitgliedermobilisierung möglich geworden sind. 52) Es wäre im Interesse der Arbeiterklasse der Bundesrepu- blik erforderlich, daß ähnliche tarifvertraglich bindenden Rege- lungen möglichst für alle Bereiche und Zweige des gesellschaftli- chen Arbeitsprozesses entsprechend den konkreten Bedingungen durchgesetzt und festgeschrieben würden. Noch sind die tarifpoli- tischen Möglichkeiten keineswegs ausgeschöpft. So wichtig also die genannten gewerkschaftlichen Abwehrerfolge einerseits sind, so darf andererseits ihre Wirkung wiederum nicht überschätzt werden; denn obwohl die Tarifverträge der IG Druck und Papier oder IG Metall, die ja in erster Linie die härtesten Folgen der kapitalistisch angewandten neuen Technik abmildern sollen, unter Umständen auch indirekt die Investitionsüberlegun- gen der Unternehmen - vor allem bei Rationalisierungsinvestitio- nen - beeinflussen mögen, so steht doch außer Zweifel, daß diese tarifvertraglichen Vereinbarungen die zentralen Entscheidungen über Struktur, Umfang und Folgen des technischen Fortschritts nicht maßgeblich beeinflussen können. Die Dimensionen der neuen Technik - im Zusammenhang mit dem pri- vaten Entscheidungsmonopol des Kapitals über die Investitionen - übersteigen die Abwehrmöglichkeiten auch der besten tarifvertrag- lichen Regelung. Auch die offensivste Tarifpolitik vermag die ka- pitalistische Dynamik der neuen Technik nicht unter Kontrolle zu bringen. Weil die moderne Technik, weil Automation und Rationalisierung keine vermeidbaren Begleiterscheinungen der heutigen kapitalisti- schen Produktion sind, sondern ein strukturelles Moment der Kon- kurrenz, die das einzelne Unternehmen zur ständigen Produktivi- tätssteigerung antreibt, wird die neue Technik mehr oder weniger rasch alle Produktionsund Arbeitsbereiche ergreifen. Deshalb wird sich der Arbeiterbewegung auch immer dringlicher die Aufgabe stellen, den Kampf gegen die direkten Folgen des technischen Fortschritts mit dem Kampf um Einfluß auf die wesentlichen Ent- scheidungen über Mittel, Ziele und Folgen der modernen Produktiv- kraftentwicklung zu verknüpfen. Die von der IG Metall erhobene Forderung, sogenannte öffentliche "Innovationsberatungsstellen" in der ganzen Bundesrepublik einzurichten, die vor allem die Ein- haltung staatlicher Förderungskriterien bei technischen Neuerun- gen überwachen sollen, trägt gewiß der strukturpolitischen Bedeu- tung der neuen Technik theoretisch teilweise Rechnung. 53) Aber solche öffentlichen Innovationsberatungsstellen, deren Einrich- tung zur Zeit überhaupt nicht absehbar ist, könnten im Interesse der Lohnabhängigen ohnehin nur dann wirksam werden, wenn es der Arbeiterbewegung - ausgehend von den Betrieben - gelingt, den da- für erforderlichen politischen Druck auszuüben. Neben der extensiven Nutzung gesetzlicher Mitbestimmungsrechte nach dem Betriebsverfassungsgesetz und den Mitbestimmungsgesetzen sowie der Erzwingung von Tarifverträgen, die inhaltlich auf die Bedingungen des Arbeitsprozesses Einfluß nehmen, anstatt im nach- hinein lediglich soziale Korrekturen vorzunehmen, wie es bei den Rationalisierungsschutzabkommen nicht selten der Fall war, scheinen sich gegenwärtig vor allem Betriebsvereinbarungen als Möglichkeit anzubieten, um den spezifischen betrieblichen Bedin- gungen des technischen Fortschritts Rechnung zu tragen. Erfolgreicher Widerstand gegen technische und arbeitsorganisato- rische Rationalisierungen auf betrieblicher Ebene setzt aber vor- aus, daß die Betroffenen auf zu erwartende Konflikte vorbereitet und zu gemeinsamem Handeln fähig sind. Zu einem wirksamen Mittel des gemeinsamen Handelns der Belegschaften und ihrer Organisatio- nen könnte die praktische Ausgestaltung und Inanspruchnahme des- sen werden, was Heinz Oskar Vetter als "Frühwarnsystem" gegen die Willkür kapitalistischer Unternehmensstrategien bezeichnet hat. 54) Ein solches "Frühwarnsystem" hätte die Aufgabe, die Beleg- schaften rechtzeitig über bevorstehende unternehmerische Ent- scheidungen von großer Tragweite für die Sicherheit der Ar- beitsplätze, die Wahrung des sozialen Besitzstandes, das Qualifi- kationsprofil und die Arbeitsbedingungen zu unterrichten, um sie so in die Lage zu versetzen, gemeinsam mit ihren gewerkschaftli- chen Vertrauensleuten, mit den Betriebsräten und den Gewerk- schaftsorganisationen Abwehrstrategien zu beraten und die notwen- digen Maßnahmen für ihre praktische Durchsetzung zu ergreifen. Zwar wäre das von H.O. Vetter skizzierte "Frühwarnsystem" kein "Gegenmanagement" zu den fungierenden Geschäftsleitungen, aber es könnte in seiner Wirksamkeit über die verschiedenen gesetzlich eingeräumten Informationsrechte betrieblicher und gewerkschaftli- cher Interessenvertretungsorgane hinausgehen. Wenn ein solches "Frühwarnsystem" den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Mit- bestimmungsträgern, den gewerkschaftlichen Mandatsträgern und Be- legschaften festigen und die Informations- und Entscheidungspro- zesse der betroffenen Lohnabhängigen auf eine breitere Grundlage stellen würde, könnte es sich zu einem betrieblichen Kristallisa- tionspunkt gewerkschaftlicher Gegenmacht herausbilden. Gewiß zu Recht hat deshalb der DGB-Vorsitzende die Vermutung geäußert, daß die Realisierung seines Vorschlages auf heftigen Widerstand der Unternehmer stoßen werde; denn die Aufrechterhaltung des "Herr- im-Hause"-Standpunkts gerade auch in solchen Fragen, die die un- mittelbare Herrschaft über den Produktionsprozeß und damit über den Einsatz der Ware Arbeitskraft im Produktionsprozeß betreffen, gehört zum ehernen Bestand kapitalistischer Unternehmenspolitik, wie auch der längere Zeit geheimgehaltene "Tabukatalog" der Bun- desvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) nun in un- geschminkter Offenheit bestätigt. 55) Daß das Kapital und seine Organisationen zukünftig unnachgiebig auf Forderungen reagieren werden, die eine "Humanisierung der Arbeit" - sei es durch Ar- beitszeitverkürzungen, sei es durch arbeitsorganisatorische Ver- besserungen oder Änderungen des Arbeitszeitregimes - zum Ziel ha- ben, hat die BDA einmal mehr demonstriert, als sie den Arbeitge- berverband der nordrhein-westfälischen Bierbrauer zwang, einen bereits mit der NGG vereinbarten Tarifvertrag zurückzunehmen, weil dieser Vertrag in mehrfacher Weise gegen den "Tabukatalog" verstieß. Der Vertrag sah für ältere Arbeiter Arbeitszeitverkür- zungen bis zu 32 Wochenstunden vor und gestand den Betriebsräten Mitbestimmungsrechte bei der Maschinenbesetzung zu. 56) Ebenso wichtig wie die Fortentwicklung einer Tarifpolitik, die sich nicht auf Verteilungskonflikte beschränkt, und wie der Aus- bau von gewerkschaftlichen Gegenmachtpositionen bleibt aber im Kampf gegen die Rationalisierung nach wie vor die Durchsetzung der "klassischen" Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit dem Ziel der Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnaus- gleich. Von einer Verkürzung der Arbeitszeit ist trotz gegenteiliger Be- schwörungen der Arbeitgeberseite relativ kurzfristig ein quanti- tativ bedeutender Abbau der Arbeitslosigkeit zu erwarten. Manchmal wird von den Unternehmern selbst zugegeben, daß eine Re- duktion der Arbeitszeit zu Neueinstellungen von beträchtlichem Umfang führen würde. Auf die im Rahmen einer Ifo-Erhebung ge- stellte Frage, welchen Beschäftigungseffekt eine 5%ige Arbeits- zeitverkürzung nach sich ziehen würde, antworteten die befragten industriellen Unternehmen, daß sie die Belegschaften in der Pro- duktion durchschnittlich um 3,1% und in den Verwaltungen durch- schnittlich um 1,1% aufstocken würden. 57) Bei Arbeitszeitverkürzungen ist allerdings zu beachten, daß sie zwar zu einer beträchtlichen Abnahme des Erwerbslosenpotentials führen können, daß sich aber längerfristig die durch das Profit- prinzip vorgegebene Entwicklungsrichtung des technischen Fort- schritts auch durch Arbeitszeitverkürzungen, wie dringlich ihre Durchsetzung immer ist, nicht grundlegend verändern läßt. Erst mit der Erringung von wirtschaftlichen und politischen Machtposi- tionen, von denen aus die Gewerkschaften und andere demokratisch legitimierte Repräsentanten der arbeitenden Bevölkerung alterna- tive Forderungen zu den Zielen des Kapitals gesamtgesellschaft- lich geltend machen können, wären Interventionen in zentrale Ent- scheidungsprozesse über die Zielfunktionen, die Verteilung der Ressourcen und die Folgelasten des technischen Fortschritts mög- lich. Mir scheint es deshalb notwendig, daß sich die Arbeiterbewegung, besonders die Gewerkschaften, verstärkt der Wiederaufnahme oder Fortentwicklung gesellschaftlicher Alternativstrategien zuwenden, die den gesamten Problemkomplex der neuen Technik systematisch einbeziehen. 58) Dabei denke ich zum Beispiel an die Belebung ei- ner nicht an Sozialpartnerschaft gebundenen, auch überbetriebli- chen Mitbestimmungspolitik oder an die Konkretisierung von Vor- schlägen zur demokratischen Investitionslenkung und -kontrolle, wie sie in der Gewerkschaftsbewegung, aber auch von Teilen der politischen Linken vorgetragen worden sind. 59) Allerdings lassen sich Mitbestimmung, Investitionslenkung und -kontrolle über län- gere Dauer ohne Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen jener Unternehmen, bei denen das ökonomische und technische Hauptpoten- tial konzentriert ist, kaum aufrechterhalten. Aktueller denn je ist deshalb die Verwirklichung der Forderung nach "Überführung von Schlüsselindustrien und anderer markt-und wirtschaftsbeherr- schender Unternehmen in Gemeineigentum, verbunden mit demokrati- scher Kontrolle" 60), wie der 11. DGB-Bundeskongreß im Mai 1978 in Hamburg bekräftigte. Im Rahmen alternativer demokratischer Reformkonzeptionen, die den gesamten Wirtschaftsprozeß und alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen, wären dann jene Forderungen zu verankern, die nicht nur eine "soziale Abfederung" der krassesten Folgen moderner Technologien und Produktionsmethoden installieren wollen, sondern auf strukturelle Veränderungen der gesellschaftlichen Funktionen der neuen Technik im Interesse der arbeitenden Bevölkerung zie- len. _____ *) Dieser Beitrag schließt an den von mir verfaßten Beitrag "Neue Technik und die Folgen ihrer kapitalistischen Anwendung" an, der in den "Marxistischen Blättern" 2/1978 erschien. 1) Günter Friedrichs, Drei Millionen Arbeitsplätze fehlen, in: Wirtschaftswoche Nr. 21/1977, S. 62. 2) In diesem Punkt unterscheidet sich meine Einschätzung von der Johanna Hunds, die im Zusammenhang mit der Einführung von Mikro- prozessoren von "revolutionierenden Veränderungen" und "qualitativer Umwälzung" spricht (vgl. Johanna Hund, Zur techno- logischen Entwicklung und deren sozialen Auswirkungen. Unveröf- fentlichtes Manuskript, Oktober 1977, S. 4). Nach meiner Auffas- sung sind solche Kennzeichnungen Umwälzungsprozessen des gesamten Produktivkraftsystems vorbehalten, wie sie z.B. mit der industri- ellen Revolution des 18. /19. Jh. gegeben waren. Diese Kritik än- dert jedoch nichts daran, daß ich diesem Beitrag von Johanna Hund sowie ihrem Aufsatz: Zur gegenwärtigen technologischen Entwick- lung und deren Auswirkung auf die Beschäftigungslage, in: SOPO, 46/1978 wichtige theoretische Anregungen und zahlreiche konkrete Informationen verdanke. 3) Eugen Loderer, Strukturelle Arbeitslosigkeit durch technologi- schen Wandel, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 7/1977, S. 410. 4) Aus der großen Zahl von Veröffentlichungen zur Frage der "wissenschaftlich-technischen Revolution" seien hier nur bei- spielsweise erwähnt: Autorenkollektiv, Die gegenwärtige wissen- schaftlich-technische Revolution. Eine historische Untersuchung, Berlin (DDR) 1972; Tontscho Trendafilov, Wissenschaftlich-techni- sche und soziale Revolution, Frankfurt/Main 1976; Internationales Autorenkollektiv, Wissenschaftlich-technische Revolution und ideologischer Kampf, Frankfurt/Main 1978. 5) Daß sich die gesellschaftliche Folge der technologisch ange- wandten Mikroelektronik nicht unvermeidlich in Arbeitslosigkeit äußert, sondern ihre planmäßige Einführung im Sozialismus viel- mehr ebenso zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen wie zu einer Steigerung der Produktivkraft der Arbeit führt, macht Ger- hard Merkel, "Mikroelektronik und wissenschaftlich-technischer Fortschritt", in: Einheit, 12/1977, deutlich. 6) Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, in: Marx/Engels Werke, Bd. 26.1, Berlin (DDR) 1971, S. 367. 7) Vgl. den Aufsatz von Jörg Goldberg "Die Reproduktionsbedingun- gen des fixen Kapitals als Grundlage von Stagnationstendenzen" in diesem Band. 8) Jörg Huffschmid, Entkoppelung von Konjunktur und Beschäfti- gung. Eine wirtschaftliche Zwischenbilanz fünf Jahre nach der "Ölkrise", in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1/1979, S. 77. 9) Vgl. Johanna Hund, Zur gegenwärtigen technologischen Entwick- lung... SOPO 46/1978, S. 43. 10) Vgl. zum folgenden VDI-Nachrichten, Nr. 37/1977, Sonderbei- lage S. 40. 11) Vgl. W. Hanstein, Die Roboter kommen, in: Deutsche Volkszei- tung v. 27. Juli 1978. 12) Vgl. Günter Friedrichs, Rationalisierung durch den Einsatz von Mikroprozessoren - Auswirkungen auf Produktion und Verwal- tung. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, S. 8. 13) Vgl. dazu Lothar Peter, Neue Technik..., a.a.O. 14) Vgl. zum Beispiel Anton Safer, Rationalisierung im Angestell- tenbereich, in: O. Jakobi/W. Müller-Jentsch/E. Schmidt (Hrsg.): Gewerkschaftspolitik in der Krise. Kritisches Gewerkschaftsjahr- buch 1977/78, West-Berlin 1978. 15) Vgl. Horst Hinz beim Vorstand der IG Metall in einem Arbeits- papier vom 23. 5. 1978. Nach Schätzungen des Batelle-Instituts muß in der Bundesrepublik 1990 mit 260 000 arbeitslosen Ingenieu- ren und Naturwissenschaftlern gerechnet werden (vgl. Horst Hinz, Strukturwandel und mittlere Technologie aus der Sicht der Gewerk- schaften. Vortragsmanuskript vom 13. Juni 1978, S. 8.). 16) Johanna Hund, Zur gegenwärtigen technologischen Entwick- lung..., a.a.O., S. 45. 17) Vgl. dazu u.a. Ulrich Briefs, Der Wandel in den Büros - Aus- wirkungen von Krise und Arbeitslosigkeit auf die Angestellten und die Büroarbeit, in: WSI-Mitteilungen, 4/1977. 18) Die Angaben der Siemens-Studie sind entnommen aus Horst Hinz, Arbeitspapier, a.a.O., S. 9. 19) Einen guten Überblick über die Sozialstruktur der Bundesrepu- blik aus marxistischer Sicht gibt André Leisewitz, Klassen in der Bundesrepublik Deutschland heute, Frankfurt am Main 1977. 20) Die Nixdorf Computer AG rechnet vor, daß man mit ihrer Text- verarbeitungsmaschine Modell 8815 drei Schreibkräfte ersetzen kann. Bei einer Amortisierung des Automaten von ca. 6 Monaten und einem Anschaffungspreis von 50 000 können pro Jahr 105 000 DM Personalkosten (3x35 000 DM) eingespart werden. (Vgl. "Wirt- schaftswoche", 43/1978, S. 65.) Zu den Rationalisierungseffekten, die sich aus einer Kombination organisatorischer Maßnahmen der Arbeitszerlegung und technischen Mitteln ergeben vgl. an- schaulich: Michael Busse, Arbeit ohne Arbeiter. Wem nützt der technologische Fortschritt?, Frankfurt am Main 1978, besonders S. 129 ff. 21) Vgl. dazu Ulf Kadritzke, Lohnarbeit und Angestellte. Verge- sellschaftungsformen der Arbeit, Rationalisierung, Bewußtsein. Unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 1979, S. 7 ff. 22) Johanna Hund, Zur gegenwärtigen technologischen Entwick- lung..., a.a.O., S. 45. 23) Hier ist vor allem auf die beängstigenden Möglichkeiten des Datenmißbrauchs hinzuweisen. 24) Mister McKinsey auf leisen Sohlen in der Commerzbank, in: UZ v. 27.2.1979. 25) Zur Rationalisierung im öffentlichen Dienst vgl. z.B. Klaus Düll/Dieter Sauer, Gewerkschaftliche Monatshefte 2/1977, S. 97 ff. 26) Vgl. K.H. Janzen, Der Fortschritt darf nicht zu unseren La- sten gehen, in: Der Gewerkschafter, 5/1976, S. 10. 27) Fortschritt für wen?, in: Der Gewerkschafter, 7/1978. 28) Rationalisierung auf dem Rücken der Beschäftigten im Einzel- handel, in: UZ v. 6.3.1979. 29) Vgl. hierzu Johanna Hund, Zur gegenwärtigen technologischen Entwicklung..., a.a.O., S. 47; vgl. auch Justina Marx, Technik im Dienst des Kapitals, in: Einheit, 12/1977, S. 1364. 30) Gesprächskreis "Modernisierung der Volkswirtschaft" beim Bun- desminister für Forschung und Technologie, Stand 20.12.1978, S. 5. 31) Vgl. zum folgenden Johanna Hund, Zur gegenwärtigen technolo- gischen Entwicklung..., a.a.O., S. 37. 32) Vgl. Günter Friedrichs, Rationalisierung..., a.a.O., S. 25. 33) Vgl. Günter Friedrichs, Drei Millionen Arbeitsplätze, a.a.O., S. 62. 34) Gesprächskreis "Modernisierung der Volkswirtschaft", a.a.O., S. 6. 35) Zu diesem Ergebnis kommen z. B. Martin Baethge u.a., Produk- tion und Qualifikation. Eine Vorstudie zur Untersuchung von Pla- nungsprozessen im System der beruflichen Bildung, Berlin 1974. 36) Günter Friedrichs berichtet, daß im Fall der Umstellung der Produktion von Fernschreibern auf Elektronik von den Betroffenen Lohngruppeneinbußen bis zu vier Gruppen hingenommen werden mußten (vgl. G. Friedrichs, Rationalisierung..., a.a.O., S. 12). 37) Vgl. Ulrich Briefs, Neue Technologie als Herausforderung für die Gewerkschaften, in: Blätter f. deutsche u. internationale Po- litik, 10/1978, S. 1188. In einem anderen Zusammenhang hat Franz Steinkühler die Tendenz zur Dequalifizierung durch die neue Tech- nik folgendermaßen resümiert: "Im allgemeinen kann man sagen, daß Rationalisierungsmaßnahmen zu Dequalifizierung der Arbeit führen und damit bei den geltenden Eingruppierungskriterien auch zu Ab- gruppierungen, also zu weniger Lohn. Wir stellen zweitens fest, daß sich bei der Industriearbeit, was die Qualifikationsanforde- rungen angeht, eine Polarisierung ergibt. Ein Teil der Arbeiter wird höher qualifiziert, und der größere Teil der Arbeiter be- kommt niedriger qualifizierte Arbeiten. Dazwischen entsteht ein so riesiges Loch, das kaum mehr überbrückbar ist." (Zitiert nach Michael Busse, Arbeit ohne Arbeiter, a.a.O., S. 114.) 38) Frigga Haug u.a., Automation führt zur Höherqualifikation. Thesen über Hand- und Kopfarbeit, in: Demokratische Erziehung, 4/1975, S. 93. 39) Vgl. zum Begriff und zur Theorie der "neuen Arbeiterklasse" Frank Deppe, Hellmuth Lange und Lothar Peter (Hrsg.), Die neue Arbeiterklasse. Technische Intelligenz und Gewerkschaften im or- ganisierten Kapitalismus, Frankfurt/Main 1970. 40) Werner Rügemer, Automation, Qualifikation und subjektiver Faktor, in: Demokratischer Erziehung, 3/1977, S. 310. 41) Vgl. zum Beispiel Horst Kern und Michael Schumann, Industrie- arbeit und Arbeiterbewußtsein, 2 Bde., Frankfurt/Main 1970; O. Mickler, E. Dittrich und U. Neumann, Technik, Arbeitsorganisation und Arbeit, Frankfurt/Main 1976. 42) Frigga Haug, Hannelore May und Werner van Treeck, Produktion und Qualifikation zwischen Unternehmerwillkür und alternativer Technik, in: Projektgruppe Automation und Qualifikation: Theorien über Automationsarbeit (Band 3), Berlin 1978, S. 82. 43) Franziska Wiethold, Technisch-organisatorische Veränderungen des Arbeitsprozesses und Qualifikationsanforderungen, in: Demo- kratische Erziehung, 1/1979, S. 102. 44) Ebenda, S. 104. 45) Gleichlautende Überschrift eines Artikels von Ernst Günter Vetter in der FAZ vom 21.2.1978. 46) Ernst Günter Vetter, Kampf gegen den Fortschritt, in: FAZ vom 30.3.1978. 47) Ebenda. 48) Zur Entwicklung in der Uhrenindustrie vgl. z.B. Horst Hinz in: Der Gewerkschaftler 10/1975 und 1/1978; vgl. auch Erich Mayer, Neue Technologien und ihre Folgen: Modellfall Uhren, in: Strukturelle Arbeitslosigkeit und technischer Wandel, Schriften- reihe der IG Metall Nr. 72, Frankfurt a.M. 1977, S. 31-43. Nach Mayer sank die Beschäftigtenzahl in der Uhrenindustrie zwischen 1970 und 1975 um 25%. Zur Entwicklung in der Druckindustrie vgl. Bernd Güther/Klaus Pickshaus, Der Arbeitskampf in der Druckindu- strie im Frühjahr 1976, Frankfurt/Main 1976 (Soziale Bewegungen. Analyse und Dokumentation des IMSF), S. 14. 49) Selbstkritisch äußerte sich zu dieser Haltung der Gewerk- schaften z.B. Leonhard Mahlein auf dem 11. Gewerkschaftstag der IG Druck und Papier 1978; vgl. seinen Rechenschaftsbericht S. 58. 50) Detlef Hensche, Technische Revolution und Arbeitnehmerinter- essen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 4/1978, S. 413. 51) Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, in: Marx/Engels Werke, Bd. 23, Berlin (DDR) 1972, S. 451 ff. 52) Vgl. Klaus Pickshaus/Witich Roßmann, Streik und Aussperrung - 78, Hafen, Druck, Metall, Frankfurt/Main 1978 (Soziale Bewegun- gen. Analyse und Dokumentation des IMSF). 53) Vgl. Eugen Loderer, Strukturelle Arbeitslosigkeit durch tech- nologischen Wandel, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 7/1977, S. 413 f. Von der Gewerkschaft HBV wurden sog. "Technologie-Auf- sichtsräte" für die Kontrolle neuer Technologien gefordert. 54) Heinz Oskar Vetter, Erfahrungen mit dem Mitbestimmungsgesetz, in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 10/1978, S. 13 ff. 55) Vgl. Peter Baumöller, Tabukatalog - Konzernbremse gegen den sozialen Fortschritt, in: Deutsche Volkszeitung vom 1.3.1979. 56) Vgl. dazu Gert Siebert, Edles Tarifgebräu läßt Unternehmerwut überschäumen, in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 9/1978, S. 4. 57) Vgl. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Heft 2/1977, S. 293 ff. 58) Vgl. dazu die Überlegungen von Ulrich Briefs, Neue Technolo- gien als Herausforderung für die Gewerkschaften, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 10/1978, S. 1179-1197. 59) So vor kurzem wieder vom Bezirk Ostwestfalen/Lippe der Jungsozialisten. Vgl. Herforder Thesen, besonders S. 58/59, West- berlin 1978. Die Forderung nach "wirksamer Mitbestimmung der Ar- beiterklasse" und "demokratischer Investitionskontrolle" findet sich ebenfalls im Parteiprogramm der DKP, das im Okt. 1978 be- schlossen wurde. 60) Beschlüsse des 11. ordentlichen DGB-Bundeskongresses, in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 7/1978, S. 13. zurück