Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979


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RATIONALISIERUNG - ARBEITSPLÄTZE - TARIFKÄMPFE

Bericht über eine Tagung des IMSF 1) ------------------------------------ Klaus Priester I. Konzeption und Probleme der Vorbereitung - II. Die Einlei- tungsreferate: Politische Ökonomie der Arbeiterklasse heute - III. Moderne Technik und Rationalisierung - IV. Betriebsstille- gungen und Arbeitsplatzvernichtung - V. Lohn- und Tarifkämpfe/ Arbeitszeitverkürzung - VI. Kampfstrategien: Die Arbeitsgruppen- diskussion - VII. Resümee Am 10. und 11. März 1979 veranstaltete das IMSF in Frankfurt/M. eine Tagung, die sich unter dem Titel "Rationalisierung - Ar- beitsplätze - Tarifkämpfe" mit aktuellen Problemen der Durchset- zung von Arbeiterinteressen in der Bundesrepublik heute beschäf- tigte. Mehr als 500 Teilnehmer - einigen weiteren hundert mußte aus Ka- pazitätsgründen abgesagt werden ", die überwiegend aus dem unmit- telbaren betrieblichen und gewerkschaftlichen Bereich kamen, er- lebten an zwei Tagen eine Konferenz, die sich von den bisherigen wissenschaftlichen Veranstaltungen des IMSF, großen Konferenzen wie Kolloquien im kleineren Kreis, in inhaltlicher, organisatori- scher und didaktischer Hinsicht in einigen wesentlichen Punkten unterschied. Im folgenden Beitrag wird neben der Skizzierung der wichtigsten inhaltlichen Ergebnisse die Vermittlung der Überlegungen ver- sucht, die die Vorbereitung und Planung der Tagung bestimmten, um die mit der Tagung verfolgten Intentionen deutlicher werden zu lassen. I. Konzeption und Probleme der Vorbereitung ------------------------------------------- G e g e n s t a n d d e r T a g u n g waren die aktuellen Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der Bundesrepublik. Poli- tische Ökonomie der Arbeiterklasse heute - so ein Untertitel der Tagung - bedeutet Kampf um die Durchsetzung von Arbeiterinteres- sen gegen die Logik und die Prinzipien des Kapitals, also das Setzen von Bedingungen der Kapitalverwertung durch die Arbeiter- klasse und damit in den Kämpfen die keimhafte Infragestellung dieser Verhältnisse selbst. Das durch die Kampfkraft der Arbei- terklasse und ihre Entfaltung geschaffene s o z i a l ö k o- n o m i s c h e u n d p o l i t i s c h e K r ä f t e v e r- h ä l t n i s im Rahmen des durch aktuelle Krisenprozesse ge- kennzeichneten staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundes- republik ist mithin als S c h l ü s s e l b e g r i f f zum Verständnis der Durchsetzungsprobleme von Arbeiterinteressen zu sehen. Somit lautete die G r u n d f r a g e dieser Tagung: Wie und unter welchen Bedingungen, mit welchen Zielen und Erfolgen entwickelt sich diese Kampfkraft und wird sie wirksam? Die Erfahrungen der Kämpfe der fortgeschrittensten und aktivsten Teile der Arbeiterklasse der Bundesrepublik, der unmittelbare Er- fahrungsbereich der betroffenen Arbeiter und Angestellten selbst, standen also im Mittelpunkt der Tagung. Die Erfahrungen dieser Kämpfe sind gleichzeitig - unter Einbeziehung der Analyse der ökonomischen und politischen Verhältnisse und Tendenzen - wie- derum Grundlage zu ihrer Verallgemeinerung als Kampfstrategien der Arbeiterklasse. Zur Entwicklung solcher Kampfstrategien einen Beitrag zu leisten, war das wichtigste Ziel der Tagung. Wie und mit welchen Formen und Methoden wollten die Veranstalter dieses Ziel erreichen? Die in der inner- und außergewerkschaftli- chen Jugend- und Erwachsenenbildungsarbeit seit einigen Jahren gewonnenen Erfahrungen zeigen, daß der Ausgangspunkt für jedwede Art von Wissens- und Informationsvermittlung die unmittelbaren Erfahrungen der betroffenen Arbeiter und Angestellten sowie ihre Lebens-, Arbeits- und Kampfbedingungen selbst sein müssen. Anders als in der traditionellen, von oftmals abgehobenen akademischen Standards geprägten Vorgehensweise auf Tagungen sollten diesmal bewußt diese unmittelbaren Erfahrungen und ihre Darstellung und Analyse durch die Betroffenen selbst im Mittelpunkt stehen und den Ausgangspunkt für die Behandlung der einzelnen Themenbereiche bilden. Eine solche Vorgehensweise kann u.a. dazu beitragen, die in Kämp- fen Handelnden aktiv in die Verarbeitung, Analyse und Präsenta- tion ihrer Erfahrungen einzubeziehen, sie zum Hauptgestalter der- artiger Tagungen zu machen - und das nicht nur formal. Fort- schrittliche Wissenschaftler und Gewerkschafter sollten darüber hinaus dazu beitragen, die so dargestellten Kampferfahrungen auf die gesamtgesellschaftliche ökonomische und politische Situation und Entwicklung zu beziehen und Ansatzpunkte für die Verallgemei- nerung der konkreten einzelbetrieblichen Erfahrungen und des un- terschiedlichen Erfahrungs- und Bewußtseinshorizonts der Arbeiter herauszuarbeiten. Eine solche arbeitsteilige Kooperation von betrieblichen, wissen- schaftlichen und gewerkschaftlichen Experten hat sich u.a. des- halb als fruchtbar erwiesen, weil so auch die - auch bei fort- schrittlichen Wissenschaftlern noch beträchtlichen - Informati- onsdefizite in bezug auf die unmittelbare Erfahrungswelt der Be- triebsarbeiter, ihre Probleme und Bewußtseinslage verringert wer- den konnten. (Ein deutliches Beispiel für die Existenz solcher Defizite zeigte sich in einer Arbeitsgruppe, in der Drucker und Setzer mit fortschrittlichen Arbeits- und Sozialwissenschaftlern in einen produktiven Disput über die tatsächliche Bedeutung und das Ausmaß neuerworbener Qualifikationen an der neuen Technik ge- rieten). Schließlich war davon ausgegangen worden, daß kämpfende Arbeiter als Persönlichkeiten handeln. Eine Vermittlung und Aufarbeitung von Erfahrungen kann sich deshalb nicht nur auf die intellektu- ell-analytische Ebene reduzieren. Erfahrungen, Erwartungen, Hoff- nungen, Bestrebungen usw. werden vielmehr in adäquater, sich auf die ganze Persönlichkeit beziehender Form in der progressiven Li- teratur, Musik, Graphik, Malerei usw. ausgedrückt. Die Einbezie- hung entsprechender Aussageformen in den Ablauf einer solchen Konferenz hat deshalb nicht nur Auflockerungs- oder Unterhal- tungsfunktion, sie setzt vielmehr emotionale Momente frei, ver- mittelt von dieser Seite Anstöße für eine vertiefte intellektu- elle Einsicht in die Prozesse. Dies bezieht sich nicht nur auf den Ablauf der Tagung selbst, sondern auch auf eine entsprechende Abendveranstaltung mit den Schauspielern Heide Michels und Erich Schaffner, den Liedermachern und -sängern Brannasky & Honke und der Marburger Songgruppe sowie auf eine Fotoausstellung von Harald Frey und eine Ausstellung von Graphiken, Gemälden und Pla- stiken von Künstlern der Gruppe Tendenzen. Bei der Vorbereitung der Tagung war zu berücksichtigen, daß der angestrebte Teilnehmerkreis in seinem politischen Bewußtsein wei- ter entwickelt sein würde als der Durchschnitt der Gewerkschafts- mitglieder und -aktivisten. Entsprechende Erfahrungen lehren je- doch, daß dies nicht unbedingt auch für das Verständnis ökonomi- scher und gewerkschaftlicher Fragen und Probleme zutrifft. Das politische Bewußtsein vieler Arbeiter und Angestellten ist dar- über hinaus geprägt von den sozialen Kämpfen der siebziger Jahre, vor allem in der Druck- und Metallindustrie. In diesen Auseinan- dersetzungen, die für viele Arbeiter und Angestellte in der Bun- desrepublik entweder die ersten oder nach langer Zeit wieder neue Streikerfahrungen bedeuteten, wurden von Gewerkschaftern und un- mittelbar Betroffenen selbst neue Erfahrungen gesammelt und Stra- tegien des Kampfes entwickelt, die vielfach erfolgreich waren. An diesen fortgeschrittensten Erfahrungen galt es bei der Vorberei- tung der Tagung anzusetzen. Überdies haben diese Kollegen vielfach Gewerkschaftsschulungen durchlaufen, in denen die Erfahrungen aus den vorangegangenen Kämpfen ausgewertet und Lehren für künftige Auseinandersetzungen gezogen wurden. Weniger also die Beschäftigung mit marxistischer Theorie oder sozialistische Traditionen haben diese Gruppe der Arbeiterklasse geprägt als vielmehr ihre unmittelbaren Kampfer- fahrungen und deren Verarbeitung. Zu beachten waren auch die Hauptformen, in denen sich heute In- formations- und damit auch Bewußtseinsbildungsprozesse bei Arbei- tern und Angestellten vollziehen. Zweifellos kommt dabei den vi- suellen Medien eine erstrangige Rolle zu. Es waren deshalb Über- legungen anzustellen, wie dem bei einer größeren Tagung mit über 500 Teilnehmern Rechnung getragen werden kann. Es lagen und liegen hierzu zwar Erfahrungen vor allem aus der ge- werkschaftlichen Bildungsarbeit vor. Sie beziehen sich jedoch auf kleinere Diskussions- und Seminargruppen. Die IMSF-Veranstaltung hatte jedoch die Aufgabe, derartige Mittel und Methoden in einer 'Großveranstaltung' einzusetzen, die schon von der teilnehmenden Personenzahl her von vornherein andere Bedingungen setzt. Das Ab- gehen von dem in diesem Rahmen traditionellen Schema 'Referat- Diskussion' war also in gewissem Sinne ein Experiment. Es kam darauf an, bewußt von der an akademische Zirkel erinnernden troc- kenen Art der Aneignung und Vermittlung von Wissen durch langat- mige Referate, "Frontalunterricht" usw., die die Lernenden leicht zu bloßen Konsumenten von Stoff degradieren kann, abzugehen. Statt dessen mußte dafür gesorgt werden, daß die Lernenden selbst aktiv den Lernprozeß gestalteten. Hilfsmittel dazu waren der Ein- satz von Dias, kurzen Filmausschnitten, Liedern, Sketchen und schriftlichem Teilnehmermaterial, das zur Veranschaulichung und Vertiefung der in Referaten und Kurzbeiträgen angesprochenen The- men diente. Bei der Planung des Einsatzes solcher Illustrations- und Vermittlungsmedien war darauf zu achten, daß diesen nur Hilfsfunktion zukommt und sie sich nicht zu einer "Multi- mediaschau" verselbständigen durften, was von den zu trans- portierenden Inhalten abgelenkt hätte. Im Verlauf der Vorberei- tungsarbeiten zeigte sich dann auch sehr schnell, daß - entgegen ursprünglichen Vorstellungen - sehr starke Abstriche gerade in diesem Sektor gemacht werden mußten, daß Sketche, Lieder, Film- ausschnitte nur äußerst sparsam eingesetzt werden konnten. Etwas zahlreicher wurden dagegen textbegleitende oder -illustrierende Dias verwendet. Es ist einleuchtend, daß mehr als 40 Einzelbeiträge, dazu Lieder, Sketche, Filmausschnitte, Dias usw., mit denen der erste Konfe- renztag gestaltet wurde, in ein stellenweise sehr straffes Zeit- korsett gezwängt werden mußten, um einen kontinuierlichen Fort- gang der Konferenz, ohne allzuviel Leerlauf, gewährleisten zu können. Die Vorbereitungsgruppe im IMSF erarbeitete deshalb ein regelrechtes "Drehbuch", in dem die Länge der Einzelbeiträge, Filme, Lieder usw. sowie deren Abfolge genau festgelegt waren. Naturgemäß und unter Berücksichtigung der Tatsache, daß mit die- ser Veranstaltung Neuland betreten wurde und entsprechende Erfah- rungen nicht vorliegen konnten, erwuchsen daraus vielfältige Pro- bleme bei der Vorbereitung: Konnte den Referenten - betriebli- chen, wissenschaftlichen und gewerkschaftlichen Experten - zuge- mutet werden, über ein Thema, z.B. den Ablauf eines Streiks oder komplizierte politökonomische Zusammenhänge, innerhalb weniger Minuten möglichst umfassend zu berichten? Würde unter dem stren- gen Zeitregime - die meisten der über 40 Einzelbeiträge waren auf etwa 4-6 Minuten geplant - nicht die Verständlichkeit leiden? Würde die angebotene Themen- und Referentenvielfalt die Zuhörer im Saal nicht erschlagen? Wie konnte der - alles in allem - mehr als achtstündige erste Konferenztag so lebendig wie möglich ge- staltet ohne gleichzeitig überfrachtet zu werden? Nicht alle diese Probleme konnten befriedigend gelöst werden: So mußten im Laufe der mehr als 10monatigen Planungs- und Vorberei- tungsphase, je ausgefeilter das Tagungskonzept würde, die Anzahl der zu behandelnden Fallbeispiele innerhalb der drei Themenberei- che "Rationalisierung", "Betriebsstillegungen" und "Lohn-und Ta- rifkämpfe" z. T. radikal beschnitten und wichtige Kampfbeispiele ausgeklammert werden. Trotzdem war der erste Konferenztag - rück- blickend betrachtet - immer noch mit Einzelbeiträgen überladen, was sicherlich auf Kosten der Überschaubarkeit gegangen ist. (Dies wurde auch von vielen Teilnehmern bestätigt, die zwar über- wiegend einen guten bis sehr guten Eindruck von der Tagung hat- ten, gerade in dieser Frage aber Kritik übten.) Nicht alle der von der Vorbereitungsgruppe angefragten Referenten aus dem betrieblichen und wissenschaftlichen Bereich standen spä- ter auch tatsächlich zur Verfügung; bisweilen war es schwierig, kompetenten Ersatz für ausgefallene Experten zu bekommen. Ein weiteres Problem in der Vorbereitungsphase bestand darin, daß aufgrund des notwendig strengen Zeitregimes möglichst viele Ein- zelbeiträge mit den Experten so exakt wie möglich abgesprochen werden mußten. Die Vereinbarung eines Themas allein genügte nicht, um z. B. die Dia-Einblendungen vorbereiten zu können. Vielmehr mußte der Argumentationsgang - wo immer dies möglich war - ziemlich genau festgelegt werden - dies jedoch, ohne daß den Referenten allzu strenge inhaltliche und methodische Fesseln an- gelegt werden durften. Eine Reihe weiterer, vor allem technischer Probleme, mußte in der Vorbereitungsphase ebenfalls ständig neu überdacht werden: Wie würde es möglich sein, in einem Tagungsraum für mehr als 500 Teilnehmer die optischen und Lichtverhältnisse so zu gestalten, daß die Dias für diesen großen Kreis von Teil- nehmern auch tatsächlich erkennbar sein würden - ein Problem, das wegen der Vielzahl von Dias mit Zahlen- und Grafikmaterial wich- tig war. Können überhaupt die Lichtverhältnisse in einem Tagungs- raum so gestaltet werden, daß sowohl Dias erkennbar sind als auch für die Teilnehmer die Möglichkeit besteht, sich Notizen zu ma- chen, wichtige Beiträge wenigstens stichwortartig mitzuschreiben? Auch in dieser Frage konnten optimale Lösungen nicht gefunden werden, was sich dann auch in der Detailkritik der Teilnehmer ausdrückte. Die hier angerissenen wichtigsten Probleme bei der Vorbereitung und Durchführung der Tagung zeigen, welch immenser Vorbereitungs- aufwand nötig ist, um eine derartige Veranstaltung für einen großen Teilnehmerkreis zu gestalten. Allerdings war neben der Plenumsveranstaltung des ersten Tages, dem Herzstück der Tagung, auch noch der zweite Konferenztag vor- zubereiten. Hierbei war zu berücksichtigen, daß nach dem relativ straff ge- planten ersten Konferenztag am zweiten Tag mehr Raum für Spon- taneität, Teilnehmeraktivitäten und freie Diskussion, an der mög- lichst viele Kollegen teilnehmen sollten, geschaffen wurde. Die- ser Absicht zuwider lief allerdings der objektive Zwang, den zweiten Konferenztag auf insgesamt nicht länger als vier bis fünf Stunden ausdehnen zu können, da die Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik kamen, zum Teil lange Reisewege vor sich hatten und am folgenden Tag wieder in den Fabriken und Büros ihrer Ar- beit nachgehen mußten. Die Vorbereitungsgruppe im IMSF glaubte, durch eine möglichst große Zahl von Arbeitsgruppen - es waren schließlich neun ", in denen die am ersten Konferenztag angerissenen Themen und Frage- stellungen vertiefend diskutiert und zu Kampfstrategien verdich- tet werden sollten, dem Bedürfnis nach unmittelbarem Meinungsaus- tausch am besten nachkommen zu können. Wie sooft bei derartigen Tagungen erwies sich im Nachhinein die tatsächlich in den Ar- beitsgruppen zur Verfügung stehende Zeit als zu kurz. Viele Aspekte konnten nur andiskutiert, andere gar nicht behandelt wer- den - ein Problem jeder Tagung und jedes Wochenendlehrgangs in den Gewerkschaften. Gleichwohl kamen in den Arbeitsgruppen über- durchschnittlich viele Diskussionsredner mit größtenteils unvor- bereiteten Beiträgen zu Wort - auch ein Anzeichen dafür, daß mit den knappen und gut verständlichen Kurzreferaten am ersten Konfe- renztag, an die die Diskussionsredner in den Arbeitsgruppen des zweiten Tages mühelos anknüpfen konnten, der richtige Weg gegan- gen worden war. Kritisch zum zweiten Konferenztag ist anzumerken, daß die ange- strebte Strategiediskussion - auch aus zeitlichen Gründen - nicht in der Ausführlichkeit geführt werden konnte, wie dies beabsich- tigt worden war. Gleichwohl brachte sie doch handhabbare Ergeb- nisse. Wir hielten eine relativ ausführliche Skizzierung der inhaltli- chen und methodischdidaktischen Überlegungen sowie der Probleme und Schwierigkeiten ihrer Realisierung deshalb für erforderlich, um unsere Erfahrungen einem breiteren Interessentenkreis zugäng- lich zu machen. Der vorwiegend positive Eindruck - auch sehr kri- tischer Teilnehmer - hat bestätigt, daß es erforderlich ist, in der Organisierung kollektiver Lernprozesse neue Wege zu gehen und den neuen Bedingungen der Bewußtseinsbildung in der Arbeiter- klasse mit aller Konsequenz Rechnung zu tragen. Unseres Erachtens ist die Lösung dieses Problems nahezu von gleicher Bedeutung wie die wissenschaftliche Analyse der Kämpfe und Kampfbedingungen selbst. Nur wenn Marxisten jene Wege, Formen und Methoden finden, die das 'Einrasten' in die Vorstellungs-, Aufnahme- und Denkge- wohnheiten des fortgeschrittenen Teils der Arbeiterklasse ermög- lichen, können sie den notwendigen Beitrag zur Entwicklung von Klassenbewußtsein leisten. In den folgenden Abschnitten wird versucht, die wichtigsten in- haltlichen Aussagen und Ergebnisse der Tagung zusammenzufassen. II. Die Einleitungsreferate: ---------------------------- Politische Ökonomie der Arbeiterklasse heute -------------------------------------------- Die IMSF-Tagung gliederte sich thematisch in drei große Blöcke: die Themenbereiche "Moderne Technik und Rationalisierung als Kampfmittel des Kapitals und Möglichkeiten der Gegenwehr der Ar- beiter", "Betriebsstillegung und Arbeitsplatzvernichtung und die jüngsten Erfahrungen zur Sicherung von Arbeiterinteressen" und "Lohn- und Tarifkämpfe/Arbeitszeitverkürzung", die in einer Ple- numsveranstaltung am ersten Konferenztag behandelt wurden. Dem vorgeschaltet waren einleitende Worte des Institutsleiters, Prof. Dr. J. Schleifstein, und ein halbstündiges Referat von Dr. Heinz Jung (IMSF). Schleifstein wies zu Beginn der Veranstaltung auf die mehr als zehnjährige Erfahrung des IMSF mit der Analyse der Arbeits-, Le- bens- und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse in der Bundesrepu- blik hin, die sich in zahlreichen Studien- und Forschungsergeb- nissen des Instituts darstellten. Immer habe das IMSF versucht, Wissenschaft zu betreiben, "um den Kampf der Arbeiterbewegung zu unterstützen", und hierfür die "unmittelbare Verbindung zur be- trieblichen und gewerkschaftlichen Praxis und den in ihr tätigen Menschen" gesucht. Mit der Behandlung der aktuellen Themen "Rationalisierung", "Be- triebsstillegungen" und "Lohn-Tarifkämpfe" setzt das IMSF diese Arbeiten fort. Ausdrücklich erklärte Schleifstein - nicht zuletzt im Hinblick auf die aktuellen Auseinandersetzungen um den Charakter der Einheitsgewerkschaft in den Bundesrepublik -, daß mit dieser Tagung zwar gewerkschaftliche Probleme berührt würden, sie jedoch "weder eine Tagung der Gewerkschaften noch eine ge- werkschaftliche Tagung" sei, denn die "Erarbeitung und Formulie- rung der Gewerkschaftspolitik ist ausschließlich Sache der Ge- werkschaften, ihrer Mitglieder, ihrer gewählten Körperschaften, ihrer satzungsgemäßen Gliederungen". Und: "Wir diskutieren hier nicht als Vertreter gewerkschaftlicher Organe, sondern als Perso- nen, die ihrer eigenen Meinung Ausdruck geben, über ihre eigenen Erfahrungen berichten, als engagierte Arbeiter, Angestellte und Wissenschaftler." Jung sprach in seinem Einleitungsreferat über "Politische Ökono- mie der Arbeiterklasse, neue Technik und Kampfstrategien". Ausge- hend von dem "Umbruch im sozialen Klima", der sich in gesteiger- ten Streikaktivitäten der Gewerkschaften, aber auch in einer här- teren sozial- und gesellschaftspolitischen Gangart der Unterneh- mer und ihrer Verbände äußere, ging Jung auf einige Aspekte der politischen Ökonomie des Großkapitals ein. Dabei griff er z.B. die unternehmerischen Erklärungsmuster für die Ursachen der Ar- beitslosigkeit (Löhne/Arbeitslosigkeit) auf und kritisierte die regierungsamtlichen Konzeptionen zur Bewältigung der Arbeitslo- sigkeit. Mit der politischen Ökonomie des Kapitals kann jedoch die Arbeiterklasse ihre Probleme nicht lösen. - Sie braucht und sie hat ihre eigene politische Ökonomie. Sie ist der des Kapitals entgegengesetzt und muß dies auch sein, weil sie die Interessen der Arbeit gegen das Kapital ausdrückt, weil für sie das Inter- esse des arbeitenden Menschen im Mittelpunkt stehen muß und die- ses Interesse - solange die Herrschaft des Kapitals besteht - ge- gen die Logik des Kapitals durchgesetzt werden muß." Unter Rück- griff auf Marx wird die politische Ökonomie der Arbeiterklasse als "eine höhere Form der Rationalität" verkörpernd definiert. "Für sie stehen die gesellschaftliche Rentabilität und damit die gesellschaftlichen Kosten und damit die Entwicklungsbedingungen des arbeitenden Menschen als Ganzes im Mittelpunkt. Für sie steht deshalb auch die gesellschaftliche Produktion und ihre Unterwer- fung unter die Entwicklungsbedingungen des Menschen im Vorder- grund." Die politische Ökonomie der Arbeiterklasse ist der Logik des Kapitals nicht wehrlos ausgeliefert; sie meldet ihre Interes- sen an und läßt sie im Kampf gegen das Kapital wirksam werden. Dies gilt auch und gerade für den Kampf gegen die ungezügelte ka- pitalistische Anwendung der neuen Technik. Dabei wurde herausgestellt, daß das Verhältnis der Arbeiterklasse zur Technik kein neues Problem ist, durch die krisenhafte Wirt- schaftsentwicklung und neuerliche Rationalisierungswelle in der Bundesrepublik jedoch stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt und auch innerhalb der Gewerkschaften zum vieldiskutier- ten Thema geworden ist. Heute könne auch in der innergewerk- schaftlichen Diskussion um Rationalisierung und ihre Folgen für die Arbeiterklasse längst nicht mehr die bedingungslose Bejahung von Rationalisierung und technischen Neuerungen, wie sie in der Nachkriegszeit in den Gewerkschaften der Bundesrepublik vorherr- schend war, beibehalten werden. Vielmehr müsse sich - und Anzei- chen dafür sind sichtbar - "mehr und mehr wieder die alte und richtige Erkenntnis durchsetzen, daß man die sozialen Bedingungen der Anwendung von Technik im Sinne der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse gestalten muß, wenn die moderne Technik nicht zum bloßen Mittel massenhafter Arbeitsplatzvernichtung und Dequalifi- zierung mißbraucht werden soll". Hierin liege auch der Kern dessen, was die moderne Arbeiterbewe- gung aus den Erfahrungen der Maschinenstürmer der frühen Arbei- terbewegung lernen muß und gelernt hat: Nicht der wissenschaft- lich-technische Fortschritt an sich ist das Problem, sondern die Kontrolle seiner Anwendung, d.h. die Kontrolle der gesellschaft- lichen Verhältnisse oder - wie Marx es ausdrückt - die "Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht". Die Kämpfe der letzten Jahre in der Bundesrepublik haben deutlich gemacht, daß der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und die negati- ven Auswirkungen der neuen Technik mehr und mehr ins Zentrum der Klassenauseinandersetzungen überhaupt gerückt sind. Neue Erfah- rungen wurden gesammelt, es entstanden neue Einsichten und damit auch wichtige neue Voraussetzungen für weitere Kämpfe. Die Dis- kussion von Kampfstrategien heiße daher nichts anderes als die Suche nach Wegen und Orientierungen zur Durchsetzung und Vertei- digung der Interessen der Arbeiterklasse. Bei dieser Suche nach Möglichkeiten zur Abwehr von Verschlechterungen in den Arbeits- und Lebensbedingungen tauchen Widersprüche, ungleichmäßige und ungleichzeitige Entwicklungen auch in der Arbeiterklasse und ih- ren Gewerkschaften auf: "Es ist völlig klar, daß Arbeiter, Orga- nisationen, Funktionäre, bei denen gestern noch sozialpartner- schaftliche Ideologie und Praxis vorherrschte, heute nicht schon eine in jeder Hinsicht konsequente Klassenposition einnehmen." Zugleich liegt auf der Hand, "daß die Konzerne, die Unternehmer- verbände und ihre Presse in einer solchen Situation immer versu- chen, an aufbrechenden Widersprüchen anzusetzen, um vor allem die Gewerkschaften zu schwächen, den Spaltpilz in ihre Reihen zu tra- gen und den Prozeß der Umorientierung abzubremsen oder gar nach Möglichkeit umzukehren." Die Richtung der weiteren Entwicklung hänge entscheidend davon ab, "daß die Aktivitäten und Energien der Arbeiter und Angestellten, wie sie sich in den jüngsten Kämp- fen gezeigt haben, in den Gewerkschaften wirksam werden und ihre Geschlossenheit und Kampfentschlossenheit stärken". Dies sei heute entscheidende Grundbedingung der Entwicklung von Kampfstra- tegien. Allerdings verwies Jung weiterhin darauf, daß Kampfstrategien "nicht jenseits des Entwicklungsgrades der Gesellschaft und des Kapitalismus von heute" skizziert werden könnten. Es sei erfor- derlich, die Basisaktivitäten "auch auf die Beeinflussung der Entscheidungen in den Zentralen" zu lenken, denn die Arbeiter- klasse stünde letztlich hilflos den Manövern des Kapitals gegen- über, wenn es ihr nicht gelänge, ihren Einfluß auf allen Ebenen geltend zu machen. Zum Verhältnis von Tarifpolitik und dem Kampf um staatliche Maß- nahmen und Maßregeln bemerkte Jung abschließend, es sei offenkun- dig, daß gerade die Tarifpolitik jene Hebel biete, "die unmittel- bar zur Beeinflussung der Verhältnisse im Interesse der Arbeiter und Angestellten dienen". Allerdings habe die Tarifpolitik nur eine begrenzte Reichweite, und Forderungen und Bewegungen für al- ternative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gewännen an Wich- tigkeit. III. Moderne Technik und Rationalisierung als Kampfmittel --------------------------------------------------------- des Kapitals und Möglichkeiten der Gegenwehr der Arbeiter --------------------------------------------------------- Nach Jungs Überblick über den Gegenstand der Tagung folgte die erste Podiumsrunde. Elf betriebliche, wissenschaftliche und ge- werkschaftliche Experten gestalteten unter der Moderation von K. Pickshaus (IMSF) den Themenbereich "Moderne Techniken und Natio- nalisierung als Kampfmittel des Kapitals und Möglichkeiten der Gegenwehr der Arbeiter". Dabei ging es darum, an Beispielen aus der Druck- und Metallindustrie und dem Angestelltenbereich die Auswirkungen von technologischen Veränderungen und Rationalisie- rung darzustellen, nach Möglichkeiten der Abwehr von Rationali- sierungslasten zu fragen und beispielhafte Aktionen darzustellen. Erster Schwerpunkt war die D r u c k i n d u s t r i e - ein Industriezweig, dem inzwischen in zweifacher Hinsicht eine Vor- reiterrolle zukommt. Die technische Entwicklung hat hier mit am radikalsten Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Qualifikation und Einkommen der abhängig Beschäftigten gezeigt. Andererseits wurden gerade in der Druckindustrie positive Beispiele für gewerkschaft- liche Gegenwehraktionen demonstriert. Der mehrwöchige Arbeits- kampf 1978 und seine Ergebnisse haben dabei sicherlich Zeichen für neue Überlegungen zu einer gewerkschaftlichen Strategie gegen die negativen Rationalisierungsauswirkungen gesetzt. O. Wagner (Frankfurt/M.) schilderte aus der Sicht eines Betriebs- rats in einer Zeitungsdruckerei die gravierendsten Auswirkungen der modernen Satztechnik in der Druckindustrie, deren Hauptkenn- zeichen die von den Unternehmern angestrebte Ersetzung von Fach- kräften durch fachfremde Arbeitskräfte in der Textverarbeitung bei geringerer Bezahlung war. Die Sicherung der Facharbeitertä- tigkeit an der neuen Satztechnik und der Einkommen standen des- halb im Mittelpunkt der mehr als eineinhalbjährigen Verhandlungen der IG Druck und Papier mit den Unternehmern und waren auch Ge- genstand des Druckerstreiks 1978. Am Ende der Auseinandersetzung stand schließlich der "Tarifvertrag über Einführung und Anwendung rechnergesteuerter Textsysteme", mit dem das Einsetzen fachfrem- der, angelernter Arbeitskräfte und die Verdrängung der Facharbei- ter erheblich erschwert und Mindestanforderungen für die Gestal- tung der Arbeitsbedingungen und Pausen an Bildschirmgeräten gere- gelt werden konnten. Wagner stellte dar, daß Regelungen zur Be- einflussung von Inhalt und Organisation der Arbeit im Interesse der abhängig Beschäftigten auch über den Tarifvertrag hinausge- hend durchgesetzt werden können. Die Rationalisierung in der Druckindustrie erfaßt neben dem Satz- bereich weitere Zweige, z. B. die Arbeit der Drucker. In einem Ausschnitt aus dem Film - Die Maschine" konnten die Arbeitsbedin- gungen an einer sehr großen Tiefdruckmaschine veranschaulicht werden. Daran schloß E. Späth (München) mit seinem Beitrag "Der nächste Schlag geht gegen die Drucker" an, in dem er sich mit den Auswirkungen des Einsatzes von Druckmaschinen der neuen Genera- tion auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen der Drucker be- faßte. Hintergrundinformationen zum Zusammenhang von neuer Technik und Pressekonzentration lieferte Prof. Dr. H. Holzer (München). Er belegte anhand umfangreichen Datenmaterials, daß sich im Bereich der Tageszeitungen und der Zeitschriften eine monopolistische Struktur durchgesetzt hat. Allein in diesem Bereich mit zur Zeit noch 120 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 15 Mrd. DM sind seit 1972 fast 35 000 Arbeitsplätze vernichtet wor- den. Gleichzeitig sank der Lohnkostenanteil am Umsatz von 38 auf 32 Prozent. Zehn Unternehmen kontrollierten 1977 rund 60 Prozent des Tageszeitungsmarktes; der Zeitschriftensektor wird von den vier Konzernen Bauer, Springer, Grüner & Jahr und Burda zu 80 Prozent beherrscht. Monopolisierung in diesen Bereichen führt über zwei Wege zur Profitsteigerung: durch die kostensenkende Ra- tionalisierung des Herstellungs- und Verteilungsprozesses und durch die Risikostreuung, Steuerersparnis und erhöhte Attraktivi- tät als Werbeträger. Neue Techniken werden in diesem Prozeß von den Unternehmern stets unter dem Kapitalverwertungsgesichtspunkt eingeschätzt. Die Auseinandersetzungen um die neue Technik und ihre Folgen sind in der Druckindustrie bisher am bekanntesten geworden. Der Kampf der Drucker und Setzer bekommt damit eine Beispielfunktion für solche Industriezweige, in denen die Ausgangsbedingungen (ge- werkschaftlicher Organisationsgrad, Streikerfahrung) weniger günstig sind, die Rationalisierungswelle aber gleichfalls rollt, wie z.B. im A n g e s t e l l t e n b e r e i c h. Die Mannheimer Betriebsrätin U. Landin zeigte anhand der Darstel- lung eines Konflikts in einem modernen Textverarbeitungsbüro auf, welche Schritte Betriebsräte und Gewerkschaften gegen die Versu- che von Unternehmensleitungen unternehmen können, einseitig und ohne genügende Information der betrieblichen Interessenvertreter der Belegschaft, Arbeitsorganisation und Arbeitsstrukturen voll- ständig zu verändern. Nach starken Protesten der Belegschaft mußte die Geschäftsleitung des betreffenden Betriebes ihr ur- sprüngliches Konzept der Einführung neuer Textverarbeitungs- und Verwaltungssekretariate wesentlich modifizieren. Das Ziel der Be- schäftigten und der zuständigen Gewerkschaft, eine Betriebsver- einbarung abzuschließen, mit der auf Arbeitsorganisation und -ab- lauf Einfluß genommen werden kann, konnte allerdings noch nicht erreicht werden. Th. Steinberg (Frankfurt/M.) skizzierte im Anschluß daran die Auswirkungen des Einsatzes der Mikroelektronik auf die Büro- und Verwaltungsarbeit und die Arbeitsplätze der Angestellten. Unter Hinweis auf die (der brisanten Ergebnisse wegen inzwischen zu- rückgezogene) Siemens-Studie "Büro 1990", nach der 45 Prozent al- ler Büroarbeitsplätze formalisiert, d.h. zerlegt und vereinfacht, und 25 Prozent sogar automatisiert werden können, verdeutlichte Steinberg die Folgen der Büro- und Verwaltungsrationalisierung im Hinblick auf die Entwicklung der Arbeitsbelastungen und Qualifi- kationen. Mehr als die Hälfte aller Angestellten sind Frauen. Sie konzen- trieren sich auf Sektoren, die z.T. heute schon rationalisie- rungsbetroffen sind, z.T. aber auch erst in den nächsten Jahren von der Rationalisierungswelle voll erfaßt werden. E. Kronthaler (Ludwigshafen) machte in ihrem Beitrag die besondere Betroffen- heit der Frauen durch die Rationalisierung deutlich. Mikroelektronik und Mikroprozessoren als Schlüsseltechnologie für die weitere Umgestaltung von Arbeitsabläufen konnten im Anschluß daran in einem Filmausschnitt aus dem Film - Die alte neue Welt" in ihren unter kapitalistischen Bedingungen für die Arbeiter- klasse bedrohlichen Folgen sichtbar gemacht werden. Die Auswir- kungen des Einsatzes der Mikroelektronik schilderte am Beispiel der Metallindustrie der Betriebsratsvorsitzende G. Bauer (Reutlingen). Er berichtete, der Einbruch der Elektronik in die Uhrenindustrie der Bundesrepublik habe fast der Hälfte der dort Beschäftigten den Arbeitsplatz gekostet. Mit der Mikroprozessor- technik lassen sich heute fast alle elektronischen Geräte produ- zieren: Mikrocomputer, numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen, Industrieroboter sind Beispiele hierfür. Welche Antworten müssen Gewerkschaften und Arbeiterbewegung auf diese veränderten Bedingungen, unter denen sich Rationalisierung und wissenschaftlich-technischer Fortschritt vollziehen, geben? Ein praktischer Versuch der Abwehr negativer Rationalisierungs- auswirkungen auf die Einkommen von Arbeitern und Angestellten war der Tarifvertragsentwurf der IG Metall in Nordbaden/Nord- württemberg zur kollektiven und individuellen Absicherung vor Abgruppierungen, kurz "Tarifvertrag zur Besitzstandssicherung" genannt. Um ihn wurde im Frühjahr 1978 ein langer und harter Streik geführt, den die Unternehmer mit Aussperrung beantwor- teten. Der Streik endete mit einem Kompromiß, dessen Ergebnis gleichwohl über bisher durchgesetzte Regelungen hinausgeht. Die Etappen des Kampfes gegen die Abgruppierung skizzierte H. Ehinger (Stuttgart) in seinem Beitrag. Er verdeutlichte auch, daß sich mit fortschreitender wissenschaftlich-technischer Entwicklung die Frage nach einer breiteren, wirksameren Absicherung vor Abgrup- pierungen, gerade in der Metallindustrie, immer wieder stellen wird. Die erreichte individuelle Absicherung erfülle die Funktion eines Fallschirms: - Es wird eine weichere Landung erreicht, aber ein genereller Abfall der Lohngruppen kann damit nicht verhindert werden." Weitreichende Überlegungen sind also notwendig. Einige von ihnen nannte W. Roßmann (Marburg). Sie betreffen die Prinzipien und konkreten Formen der Grundlohndifferenzierung, die die Entwick- lung der Rationalisierung für die Veränderung der Arbeit berück- sichtigen, die Verbindung von Rationalisierungsschutz und "Humanisierung der Arbeit" und die Ausweitung von Mitbestimmungs- rechten im Rationalisierungsprozeß. Prof. Dr. L. Peter (Bremen) konnte in seinem Beitrag "Arbeiter- bewegung und neue Technik" einige Erfahrungen der Arbeiter- bewegung im Kampf gegen die negativen Auswirkungen der neuen Technik auf eine verallgemeinernde Stufe heben. Er wandte sich gegen das Unternehmerargument von den Gewerkschaften als "Maschinenstürmern durch die Hintertür" und skizzierte die Posi- tion der Arbeiterbewegung gegenüber der wissenschaftlich-techni- schen Entwicklung und ihrer Anwendung im Kapitalismus. Mit den gewandelten Einstellungen in einigen Gewerkschaften die- sen Entwicklungen gegenüber, die nicht zuletzt durch die Tarif- kämpfe der IG Druck und Papier und der IG Metall in den letzten Jahren geprägt wurden, beschäftigte sich der stellvertretende Landesvorsitzende der IG Druck und Papier in Hessen, Manfred Balder (Wiesbaden). Er umriß die Grundlinien der Tarifpolitik der IG Druck und Papier zum Rationalisierungsschutz, deren weitrei- chende Intention die Infragestellung des Alleinbestimmungsrechts der Unternehmer hinsichtlich der Art und Weise der Einführung und Anwendung neuer Techniken in den Betrieben ist. Dies bedeute aber auch, daß die klassischen gewerkschaftlichen Forderungen nach Mitbestimmung, Vergesellschaftung der Schlüssel- und marktbeherr- schenden Industrien und die demokratische Planung erhöhte Bedeu- tung erlangten. Die gewerkschaftliche Tarifpolitik sei zwar noch lange nicht an den Grenzen des Erreichbaren angelangt, aber poli- tische und gesellschaftliche Lösungen seien auf die Dauer uner- läßlich. Aus den vorstehend skizzierten Kurzbeiträgen des ersten Themenbe- reiches wurden die Fragestellungen für die diesem Bereich zuge- ordneten Arbeitsgruppen "Rationalisierungsschutz", "Rationalisie- rung im Angestelltenbereich" und "Allgemeine Probleme von Ratio- nalisierung und Gegenwehr im Betrieb" abgeleitet, die am zweiten Konferenztag behandelt wurden. IV. Betriebsstillegungen und Arbeitsplatzvernichtung und die ------------------------------------------------------------ jüngsten Erfahrungen zur Sicherung von Arbeiterinteressen --------------------------------------------------------- In der zweiten Podiumsrunde, die unter Moderation von Dr. J. Goldberg (IMSF) den Themenbereich - Betriebsstillegungen und Ar- beitsplatzvernichtung und die jüngsten Erfahrungen zur Sicherung von Arbeiterinteressen" behandelte, kamen fünfzehn Referenten aus dem betrieblichen und wissenschaftlichen Bereich zu Wort. Die Betriebsstillegung ist die spektakulärste Form der Arbeits- platzvernichtung und wirft andere Probleme auf als eine durch Ra- tionalisierung bewirkte schleichende, allmähliche Arbeitsplatz Vernichtung. Am Beispiel typischer Stillegungsfälle in der Luft- fahrt-, Stahl- und Werftindustrie, im öffentlichen Dienst und im Bereich von Klein- und Mittelbetrieben wurden sowohl relativ er- folgreiche Kämpfe als auch Mißerfolge und ihre Ursachen geschil- dert. Dabei lieferten direkt an den Kämpfen beteiligte Arbeiter und Angestellte Erfahrungsberichte aus den Betrieben, und wissen- schaftliche Experten versuchten ökonomische und politische Hin- tergrundinformationen zu geben. Zunächst verdeutlichte H. Vossen (Düsseldorf) Umfang und Ursachen von Betriebsstillegungen in der Bundesrepublik und befaßte sich mit Gegenstrategien aus der Sicht der Arbeiterklasse. Im Anschluß daran leitete der Vorsitzende des Vertrauensleutekör- pers der IG Metall im Zweigwerk Speyer von VFW-Fokker, G. Pfei- fenroth (Speyer), mit seinem Beitrag "Einheit von Belegschaft und Bevölkerung - die Grundlage für Erfolge bei VFW-Speyer" den Schwerpunkt "Luftfahrtindustrie" ein. Pfeifenroth schilderte die wichtigsten Stationen des Kampfes von Belegschaft und Bevölkerung gegen die geplante Stillegung des Speyerer VFW-Werkes, die schließlich verhindert werden konnte. Dieser Bericht wurde er- gänzt durch Szenen aus dem Film "Wachsam Tag und Nacht", die die Reaktionen der Bevölkerung auf die geplante Betriebsstillegung zeigen. Die VFW-Konzernpolitik beschränkte sich nicht auf die geplante Schließung des Werks in Speyer, sondern sie betraf auch ein- schneidende Veränderungen in anderen VFW-Werken, z. B. in Eins- warden bei Bremen. U. Nobel (Bremen), Betriebsrat in diesem Zweigwerk, schilderte wesentliche Momente des Widerstandskampfes auf VFW-Konzernebene. Insbesondere die Erfahrungen der Speyerer Kollegen konnten bei dem Arbeitskampf 1977 in Einswarden nutzbar gemacht werden, der verhinderte, daß bis heute Arbeiter entlassen wurden. Illustriert und ergänzt wurden Nobels Bemerkungen durch Ausschnitte aus dem Film "Wohin", der die Aktionen der Bremer VFW-Belegschaft dokumentiert. Prof. Dr. J. Huffschmid (Bremen) schließlich befaßte sich dann mit den Hintergründen der Stillegungspläne in der Luft- und Raum- fahrtindustrie der Bundesrepublik. Er stellte heraus, daß insbe- sondere zwei gefährliche Entwicklungen in diesem Industriezweig bevorstehen: die Bedrohung der Arbeitsplätze durch geplante Fu- sionen zwischen Messerschmitt-Bölkow-Blohm und VFW-Fokker sowie die Bedrohung von Frieden und Arbeitsplätzen durch mehr Rüstungs- aufträge. Diese Entwicklungen werden vom Staat nicht nur gedul- det, sondern aktiv gefördert und getragen, da der Staat praktisch Miteigentümer der wichtigsten Luft- und Raumfahrtkonzerne ist. Allerdings erwachsen aus dieser Tatsache auch Ansatzpunkte für die Entwicklung und Verbreitung von Forderungen nach einer Neuorientierung der Politik in diesem Bereich, z.B. durch Kon- trolle der beschäftigungssichernden Wirkungen von staatlichen Subventionen und die Umstellung der Rüstungs- auf Friedensproduk- tion. Eine Zusammenfassung der wichtigsten vorgetragenen Erfahrungen der Kämpfe in der Luft- und Raumfahrtindustrie zeigt, daß erfolg- reiche Abwehraktionen gegen Betriebsstillegungen nur dann durch- geführt werden können, wenn das gesamte Umfeld, und nicht nur die unmittelbar betroffene Belegschaft, einbezogen wird. Kampfformen und -forderungen, so zeigte sich weiter, können nicht von vorn- herein "am grünen Tisch" entwickelt werden. Sie sind vielmehr vom Massencharakter, der Breite, der Intensität, der Dauer und den Erfahrungen der Bewegung selbst abhängig, müssen m i t der Be- wegung und i n der Bewegung entwickelt und dürfen ihr nicht "aufgepropft" werden. Ein zentrales Problem in Kämpfen gegen Stillegungen wurde in der Gefahr gesehen, daß Belegschaften, Teile von Belegschaften und Betriebsräte sich die Position "ihres" Konzerns bzw. dessen Leitung im Sinne der Vertretung oder Berücksichtigung eines abstrakten "Unternehmensinteresses" zu ei- gen machen können. Allerdings hat sich gezeigt, daß die schein- bare Übereinstimmung der Interessen, die z.B. bei Subventionsfor- derungen zustande kommen kann, in aller Regel dann zerbricht, wenn die Belegschaften Arbeitsplatzgarantien fordern, da die Kon- zernleitungen natürlich keinerlei Interesse daran haben, Ent- scheidungsbefugnisse an staatliche Instanzen oder Belegschaften und deren Vertreter abzutreten. Die "Stahlkrise" in den westeuropäischen Ländern, ihre Erschei- nungsformen und Auswirkungen in der Bundesrepublik bildeten einen weiteren Schwerpunkt in der zweiten Podiumsrunde. Dr. H. Bömer (Dortmund) skizzierte zunächst Grundprobleme, Ursachen und Lö- sungsstrategien der Stahlkrise. Hierbei ging er auf Unternehmer- argumente zu den Ursachen der Krise ein, setzte diesen eine mar- xistische Ursachenanalyse entgegen und kritisierte die auch von IG-Metall-Funktionären vorgeschlagenen unzureichenden Lösungsver- suche. Der Betriebsrat bei Mannesmann-Reisholz W. Achten (Düsseldorf) gab danach einen längeren Überblick über den "Fall" Mannesmann- Reisholz, die sukzessive Schließung eines ganzen Werkes der Stahlindustrie. 800 Beschäftigte wurden im Konzern umgesetzt, 1000 Beschäftigte entlassen. Gerade Achtens Bericht kann verdeut- lichen, wie wichtig die frühzeitige Information von Betriebsräten und Belegschaft bei anstehenden Stillegungen ist und mit welchen durch nichts begründeten Versprechungen in den Vorstandsetagen großer Konzerne gearbeitet wird, um den Widerstand gegen geplante Betriebsstillegungen von vornherein zu verhindern, einzudämmen oder die Widerstandsbewegung zu spalten. Er verdeutlicht aber auch, welche Solidaritätsformen mit den betroffenen Belegschaften möglich sind. Wenn auch der Kampf bei Mannesmann-Reisholz mit der Schließung des Werks endete, können aus ihm doch wichtige Lehren für künftige Auseinandersetzungen gezogen werden. Mit der Krise der saarländischen Stahlindustrie befaßte sich C. Schirra (Oberkirchen/Saar), der die Auswirkungen der "Gesund- schrumpfungspläne" des multinationalen Arbed-Konzerns auf die Arbeitsplätze an der Saar schilderte, und über Kampfaktionen der saarländischen Hüttenarbeiter gegen die Stillegungspläne und -maßnahmen des Konzerns berichtete. Die breite Betroffenheit der Bevölkerung von der Vernichtung weiter Teile eines für diese Re- gion typischen Industriezweiges wurde durch Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über die Aktion der Arbeiter und Angestellten ge- gen die Stillegungs- und Austrocknungspläne der Stahlkonzerne il- lustriert. Gerade die saarländische Stahlkrise zeigt deutlich, wie eng sich krisenhafte Entwicklungen in einzelnen Industriezweigen mit der Krise ganzer Regionen verbinden können. Deshalb bestehen hier auch von vornherein günstige Möglichkeiten zur Einbeziehung der Bevölkerung und einer breiten Öffentlichkeit in Widerstandsaktio- nen. In den Bewegungen dieser Regionen hat sich bisher auch am ausgeprägtesten die Forderung nach demokratischer Nationalisie- rung von Konzernen entwickelt, die in Verbindung mit der Forde- rung nach Entwicklung verbindlicher Regionalentwicklungspläne stehen. Wie unter Beteiligung der unmittelbar Betroffenen und der Bevöl- kerung geplante und gelenkte Betriebsstillegungen ohne so weitreichende negative Auswirkungen für die Werktätigen unter Be- dingungen einer sozialistischen Gesellschaft ablaufen können, schilderte G. Süß (Zwickau/DDR). Am Beispiel der Stillegung der Steinkohlegruben im Zwickau / Oelsnitzer Revier demonstrierte Süß die Etappen einer planmäßig vorbereiteten und durchgeführten Stillegung, von der 16 000 Bergarbeiter mit ihren Familien, ins- gesamt etwa 50 000 Menschen, betroffen waren. In deren Ergebnis erhielt schließlich jeder Bergarbeiter, unabhängig von Alter, Ge- sundheitszustand, Qualifikationsgrad, eine neue Tätigkeit in an- deren Bereichen. Mit der Krise im Schiffbau befaßten sich zwei Beiträge von F. Fiehler (Hamburg) und J. Roschmann (Kiel). Fiehler skizzierte die ökonomisch-strukturellen Ursachen und die internationalen Bedin- gungen der Schiffbaukrise und zeichnete die gegenwärtige wirt- schaftliche Situation dieses Industriezweiges nach. Kritisiert wurden dabei die staatlichen Werfthilfeprogramme und die Ignoranz gegenüber alternativen Vorstellungen zur Lösung der Krise. Roschmann stellte aus der Sicht der Beschäftigten einer Großwerft die Probleme des Kampfes gegen die Stillegungspläne der Schiff- baukonzerne dar und machte in diesem Zusammenhang auf mangelhafte gewerkschaftliche Konzeptionen zur Lösung der Schiffbaukrise auf- merksam. Auch hier spielen, ähnlich wie in der Stahlindustrie, regionalent-wicklungspolitische Fragen eine große Rolle, denn die Entwicklungsmöglichkeiten der Küstenregionen sind sehr eng mit der Entwicklung des Schiffbaus verbunden. Die ö f f e n t l i c h e n U n t e r n e h m e n als Arbeits- platzvernichter und die Auswirkungen der kapitalistischen Profit- logik im öffentlichen Dienst standen im Mittelpunkt dreier Bei- träge von Dr. E. Dähne (IMSF), A. Seiderer (Frankfurt/M.) und H. Meister (Stuttgart). Dähne verwies darauf, daß durch das Zurückdrängen der Gesetze der kapitalistischen Profitlogik im staatlichen Sektor der öffentli- che Dienst keineswegs zum "teuren Schlaraffenland" werden muß, sondern daß hierdurch sogar Gelder eingespart werden können, ohne daß die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in diesen Bereichen verschlechtert und die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürf- nisse durch die öffentlichen Unternehmen wie Post und Bahn beein- trächtigt würden. Seiderer zeigte anhand der Rationalisierungsentwicklung im Be- reich der Deutschen Bundesbahn auf, daß durch Privatisierungsbe- strebungen die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechtert und die Misere der Bahn nicht behoben wird. Der Kampf gegen unsinnige "Gesundschrumpfungs"-Pläne der Bundesbahn müsse als Kampf gegen die großen Konzerne, vor allem gegen die Automobil- und Trans- portmonopole, geführt werden. Meister wies in seinem Beitrag auf die Kehrseite der positiven Gewinnbilanz der Bundespost hin. Die hohen Gewinne der Post seit 1976 würden vor allem durch rigorose Personaleinsparungen, Lei- stungssteigerung bei den Beschäftigten und den Abbau unrentabler Diensleistungen erkauft. Dagegen würden seitens des Bundespostmi- nisteriums der Industrie großzügige Zugeständnisse gemacht. Bei- spiel hierfür ist die widerstandslose Hinnahme von Technologie-, Produkt- und Preisdiktaten von Elektrokonzernen. Hiergegen setzen die Postbediensteten und ihre Gewerkschaft ihre Forderungen gegen die weitere Privatisierung von Dienstleistungen und für die Si- cherung von Arbeitsplätzen. Diese Entwicklungen im öffentlichen Dienst zeigen, daß Verstaat- lichungen unter kapitalistischen Bedingungen allein zur Sicherung von Beschäftigteninteressen nicht ausreichend sind. Im Gegenteil dienen sie vielmehr häufig dazu, Privatisierungskampagnen zu starten und gegen Rationalisierungsforderungen in der Arbeiter- klasse Stimmung zu machen. Einem Beitrag von G. Arndt (Frankfurt/M.) über Probleme der Ra- tionalisierung und Stillegungen von Kleinbetrieben, die er anhand von Beispielen aus der Holzindustrie und dem Holzhandwerk ver- deutlichte, folgte dann F. Rische (Düsseldorf), Leiter des wirt- schaftspolitischen Arbeitskreises beim Parteivorstand der Deut- schen Kommunistischen Partei (DKP), der über Konzentrationspro- zesse und Nationalisierungsforderungen in der Bundesrepublik sprach. Er stellte heraus, daß die Erfahrungen der Arbeiterbewe- gung verdeutlichten, daß die Übernahme durch den Staat oder in andere Formen des öffentlichen Eigentums eine aktuelle Alterna- tive zur Erhaltung erkämpfter Rechte und von Arbeitsplätzen sei, somit eine große politische Bedeutung für weitergehende Forderun- gen und die antimonopolistische Umgestaltung habe. Eine antimono- polistisch-demokratische Gegenstrategie sei jedoch nur denkbar, wenn sich dafür die Mehrheit der Arbeiterklasse und der Werktäti- gen mit ihren Organisationen offensiv, und nicht nur verbal ein- setze. Diese antimonopolistisch-demokratischen Forderungen müssen in der gewerkschaftlichen Gegenwehr wieder stärker belebt werden. Ausgehend von den in den Beiträgen dieses Themenkomplexes ange- schnittenen Fragen und Problemen wurden schließlich am Ende der zweiten Podiumsrunde Fragestellungen für die Arbeit in den Ar- beitsgruppen "Mobilisierung der Bevölkerung und der Belegschaften im Kampf gegen Stillegungen" und - Subventionen oder Nationali- sierung - die Rolle von Alternativforderungen" formuliert. Sie bezogen sich hauptsächlich aufprägen der Kampfführung bei Be- triebsstillegungen und die Wirkung von Nationalisierungsforderun- gen in den Diskussionen und Kämpfen gegen Stillegungen. 314 V. Lohn- und Tarifkämpfe/Arbeitszeitverkürzung ---------------------------------------------- Die dritte Podiumsrunde, moderiert von Dr. J.H. v. Heiseler (IMSF), beschäftigte sich mit dem Themenbereich "Lohn- und Tarif- kämpfe / Arbeitszeitverkürzung". An ihr nahmen acht wissenschaft- liche und betriebliche Experten teil. Schwerpunkte waren der T a r i f k o n f l i k t i n d e r c h e m i s c h e n I n- d u s t r i e 1 9 7 7 (unter besonderer Berücksichtigung der Auseinandersetzungen bei BASF, Ludwigshafen), der S t r e i k b e i W e s e r - K u r i e r / B r e m e r N a c h r i c h- t e n, Bremen, im Jahre 1977 sowie der S t a h l a r b e i- t e r s t r e i k 1 9 7 8 / 7 9, bei dem es um die Durchsetzung des Einstiegs in die 35-Stunden-Woche ging. Heiseler schilderte einführend den Verlauf der Lohnrunde bei BASF, dem größten zusammenhängenden Chemiebetrieb in der Bundes- republik, in dem es nach 5 5 Jahren wieder eine harte Auseinan- dersetzung gab. Erfolglose Tarifverhandlungen, Einschüchterungs- versuche der Unternehmer, Demonstrationen der Belegschaft, Urab- stimmung, ein Warnstreik, schließlich Annahme eines Lohnkompro- misses durch die Tarifkommission der IG Chemie und große Unzu- friedenheit in der Belegschaft - dies sind die wesentlichen Sta- tionen der Lohnrunde bei BASF, die von O. Zimpelmann (Ludwigshafen), Betriebsratsmitglied bei BASF, ausführlicher dar- gestellt wurden. Besonders die rigorose praktische Anwendung der Arbeitskampfrichtlinien der Chemie-Unternehmer aus dem Jahre 1970, die teilweise auf der Tagung zitiert wurden, hat in diesen Auseinandersetzungen dazu beigetragen, daß schließlich doch ein Kompromiß ausgehandelt wurde, ohne die Streikbereitschaft der Be- schäftigten auszunutzen. Dieser Seite der Politik des Kapitals, die durch den unmittelba- ren Einsatz von Machtmitteln und durch Drohungen gekennzeichnet ist, steht gerade in der chemischen Industrie auch die andere Seite gegenüber: die Seite der Integration, der Einbeziehung von Arbeitern und Angestellten in das betriebliche Herrschaftssystem durch die Verbreitung und Verankerung von Klassenillusionen, etwa über die betriebliche Sozialpolitik. Wie eine derartige sozial- integrative Politik aussehen kann, stellte H. Landgraf (Frankfurt/M.) am Beispiel des Hoechst-Konzerns dar. Dennoch zeigt sich auch in solchen Betrieben, daß Rationalisierungsvorha- ben von der Belegschaft nicht widerstandslos hingenommen werden, selbst wenn oder gerade weil die Unternehmensleitung mit dem Be- triebsrat zu raschen Lösungen gelangte. Unternehmerische Machtdemonstrationen, die rücksichtslose Durch- setzung von Kapitalinteressen haben in den jüngsten Tarifausein- andersetzungen an Gewicht gewonnen. Besonders deutlich wurde dies u.a. auch im B r e m e r Z e i t u n g s s t r e i k, über den der Betriebsratsvorsitzende des Weser-Kuriers, F. Kammering be- richtete. Dort hatten Ende Mai 1977 etwa 100 Angestellte und Re- dakteure von Weser-Kurier und Bremer Nachrichten festgestellt, daß ihnen übertarifliche Leistungen auf Tariferhöhungen angerech- net worden waren. Auf eine Betriebsversammlung, die die Rücknahme der Kürzungen und die Festschreibung aller übertariflichen Lei- stungen forderte, reagierte der Verleger Meyer mit der Aussper- rung der Belegschaften. Die Beschäftigten wiederum reagierten mit Streik, den die IG Druck und Papier offiziell nicht unterstützen konnte, da Friedenspflicht bestand. Kammering schilderte die schwierige Entwicklung der Solidarität innerhalb der Belegschaft. Der Streik endete mit einem Erfolg: Bei rund 80 Prozent der Ange- stellten konnte die Festschreibung der übertariflichen Gehaltsbe- standteile erreicht und der Herr-im-Hause-Standpunkt des Verle- gers durchbrochen werden. Ausschnitte aus dem Film "Unser Gesetz heißt Soldidarität", der den Bremer Zeitungsstreik dokumentiert, konnten die Probleme der Solidarisierung innerhalb der Beleg- schaft verdeutlichen. Zur juristischen Seite des Problems, also der Rechtslage bei Streiks während der Friedenspflicht, sprach dann B. Degen. Die herrschende Rechtsprechung habe sich ein umfassendes System ge- schaffen, das spontane Streiks während der Laufzeit von Tarifver- trägen weitgehend be- oder verhindern soll. Dennoch habe sich in der Vergangenheit gezeigt, daß die faktische Wirkung solcher Rechtsnormen im Kampf duchlöchert werden kann. Gleichwohl bleibe das Problem, daß die Gewerkschaften offiziell solche spontanen Streiks nicht unterstützen können, um nicht geltende Verträge zu brechen, was allerdings in vielen Fällen die Belegschaften nicht hindern könne, ihren Kampf trotzdem zu führen. Dritter Schwerpunkt dieses Themenbereichs war der S t a h l- a r b e i t e r s t r e i k 1 9 7 8 / 7 9. G. Blum (Düssel- dorf), Referent beim Parteivorstand der DKP, skizzierte zunächst Ablauf und Ergebnisse der Stahltarifrunde 1978 / 79, in der die IG Metall u.a. den Einstieg in die 35-Stunden-Woche durchsetzen wollte. Nach 44 Streiktagen und der Aussperrung von 80 000 Stahlarbeitern akzeptierte die IG-Metall-Tarifkommission einen Kompromiß, gegen den sich in einer Urabstimmung mehr als 40 Prozent der Stahlarbeiter aussprachen. Das proklamierte Ziel der IG Metall, die tatsächliche Verkürzung der wöchentlichen Arbeits- zeit, konnte nicht erreicht werden, wohl aber Urlaubsverlängerun- gen und Freischichtregelungen. U. Schnabel erläuterte im Anschluß an Blum Probleme der innergewerkschaftlichen Diskussion und be- wußtseinsmäßigen Verankerung der Forderungen in der Stahlta- rifrunde und stellte Mängel und Fehler in der Streikführung her- aus. Auf die möglichen Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen ging G. Hautsch (IMSF) ein. Arbeitszeitverkürzungen würden, einmal durchgesetzt, in bestimmtem Umfang von den Unternehmern sicher- lich durch Rationalisierungsmaßnahmen kompensiert werden können. Dies fällt ihnen leichter, je geringer die Arbeitszeitverkürzung effektiv wirksam wird. Deshalb sei hier ein größerer Schritt bes- ser als viele kleine. Wichtiger sei jedoch, daß die Betriebsräte Mittestimmungsrechte über Umfang und Auswirkungen von Rationali- sierungsmaßnahmen erkämpfen. Damit könnte der Unternehmerstrate- gie schon entgegengewirkt werden. In der Stahlindustrie gibt es die Besonderheit relativ weitrei- chender Mitbestimmungsrechte auf Unternehmensebene, die durch das Montanmitbestimmungsgesetz von 1951 geregelt sind. Der Frage, ob unter solchen Bedingungen die Lösung betrieblicher Konflikte er- leichtert oder erschwert wird, ging G. Popp (Duisburg) nach. Zunächst einmal sei festzuhalten, daß auch die paritätische Be- setzung der Aufsichtsräte und die Existenz von - in der Regel auf Vorschlag der Gewerkschaften berufenen - Arbeitsdirektoren bis heute nicht verhindert hat, daß in der Montanindustrie, also im Bergbau und in der Stahlindustrie, Arbeitsplätze vernichtet wor- den sind und daß diese Arbeitsplatzvernichtung den Erfordernissen der Profitsicherung folgt. Zudem ergibt sich für die IG Metall die Besonderheit, daß in der Tarifkommission und in den Verhand- lungskommissionen Gewerkschaftsfunktionäre sitzen, die zugleich Mitbestimmungsträger sind. Sie stehen unter einem doppelten Druck: einmal, da sie über Informationen verfügen, die Unterneh- mens-interna betreffen und formaljuristisch der Schweigepflicht unterliegen; zum anderen sind diese Kollegen entsprechenden Auf- trägen der Gewerkschaftsmitglieder in den Betrieben verpflichtet; also erhalten sie auch von dieser Seite aus Druck. Popp führte weiter aus, diese zwiespältige Lage sei noch nie so deutlich ge- worden wie in der jüngsten Tarifrunde und im Stahlarbeiterstreik. Insbesondere dann sei es zu größeren Schwierigkeiten gekommen, wenn sich Aufsichtsräte und Arbeitsdirektoren von sozialpartner- schaftlichen Vorstellungen leiten ließen. Insgesamt habe sich im Stahlarbeiterstreik eine Differenzierung innerhalb der Gruppe der Mitbestimmungsträger feststellen lassen: Soweit sie gleichzeitig Betriebsräte oder Vertrauensleute waren, hätten sie sich in der Regel am Streik beteiligt, dagegen habe es kaum Äußerungen von Arbeitsdirektoren zum Streik und seinen Zielen gegeben. Als Er- fahrung aus 44 Tagen Streik und Aussperrung hielt Popp fest: "Trotz dieser oder jener Form der Mitbestimmung bleiben solche Fragen wie Lohn und Verkürzung der Arbeitszeit Machtfragen. Sie werden den Kollegen auch in diesen Betrieben nicht geschenkt, sondern müssen erkämpft werden." Ferner habe sich als wichtige Forderung ergeben, den Vertretern der Belegschaft in den Gremien der Unternehmensführung die Pflicht zur Rechenschaftslegung auf- zuerlegen sowie ihre Kontrolle und Abwählbarkeit sicherzustellen. Die sich aus diesem Themenbereich ergebenden Fragen und Probleme bezogen sich vor allem auf die Arbeitszeitverkürzung, die Lehren aus dem Stahlarbeiterstreik und den verschärften Konfrontations- kurs der Unternehmer in den jüngsten Tarifauseinandersetzungen. Sie wurden am zweiten Konferenztag in drei Arbeitsgruppen disku- tiert. VI. Kampfstrategien: die Arbeitsgruppendiskussion ------------------------------------------------- In insgesamt neun Arbeitsgruppen diskutierten die etwa 500 Teil- nehmer am Vormittag des zweiten Konferenztages die in der Plen- umsveranstaltung angerissenen Fragen. Durchgängig war dabei eine rege Diskussion zu verzeichnen, an der eine große Zahl der anwe- senden Kollegen teilnahm und in der sich produktive Auseinander- setzungen über kontroverse Fragen entwickelten. An die Arbeitsge- meinschaften schloß sich eine Plenumssitzung an, deren erster Teil durch Berichte aus den Arbeitsgemeinschaften bestritten wurde. Wir geben nachfolgend die wichtigsten Aussagen dieser Be- richte wider. Über die Ergebnisse der A r b e i t s g r u p p e 1, die sich mit Fragen des Rationalisierungsschutzes beschäftigte, berichtete H. Hummler (Stuttgart). Auffallend sei gewesen, daß Rationa- lisierung zwar von allen Teilnehmern als Problem auch in ihren Betrieben benannt wurde, zumeist jedoch ließen sich in den Be- trieben schleichende Rationalisierung feststellen und weniger mit spektakulären Maßnahmen verbundene Entwicklungen. Die technologi- sche Umwälzung stehe in vielen Bereichen erst am Beginn einer stürmischen Entwicklung, der Frage der Qualifikationsentwicklung müsse dabei mehr als bisher Aufmerksamkeit geschenkt werden. Mit- bestimmung und Kontrolle gewinnen durch die Entwicklung des wis- senschaftlich-technischen Fortschritts an Bedeutung. Zwar seien bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten des tarifvertraglichen Rationalisierungsschutzes ausgeschöpft, die Grenzen jedoch be- reits dort sichtbar, wo auf die Investitions- und Rationalisie- rungspolitik der Unternehmen kein ausreichender Einfluß mehr ge- nommen werden könne, ja sogar sichtbar werde, daß bereits abge- schlossene Tarifverträge von den Unternehmern zu unterlaufen ver- sucht würden. Daher seien Tarifverträge zum Rationalisierungs- schutz extensiv auszulegen und nötigenfalls über den Kampf der Belegschaften in die betriebliche Praxis umzusetzen - ein Kampf, der an die Frage nach gesamtgesellschaftlichen Alternativlösungen heranführen und damit bereits ansatzweise politischen Charakter bekommen könne. M. Gottier (Frankfurt/M.) berichtete aus A r b e i t s g r u p- p e 2, die sich mit der Rationalisierung im Angestelltenbereich befaßte. Er hob hervor, Bürorationalisierung sei nicht allein das Problem großer Industriebetriebe, sondern darüber hinaus seien auch kleine und mittlere Betriebe und der öffentliche Dienst betroffen. Deutlich geworden sei, daß die Unternehmer mit ihren Rationalisierungsabsichten und -plänen den Strategien der Gewerkschaften und der Betriebsräte zumeist einen oder mehrere Schritte voraus sind. Als in der betrieblichen Praxis schwierig anzugehen wurde das Problem betrachtet, vielen Angestellten die Gefährdung ihres Arbeitsplatzes - und damit natürlich auch die Notwendigkeit der Gegenwehr - klarzumachen, da Rationalisierungs- maßnahmen häufig mit unscheinbaren Arbeitsplatzbeobachtungen, Leistungskontrollen, aber auch mit Umsetzungen in andere Abteilungen begännen, ohne daß die Betroffenen den Arbeitsplatz verlieren. Zugleich sei bei einem großen Teil der Angestellten noch kein Bewußtsein von der eigenen Lage, sicherlich auch z.T. aufgrund der traditionell fehlenden Kampferfahrungen, vorhanden. Gottier berichtete weiter, es gäbe erst wenige konkrete Ansätze der Gegenwehr in den Büros, die auch zu dauerhaften Erfolgen geführt hätten. Jedoch bestehe eine Palette von Möglichkeiten, die zur Abwehr von Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und von Arbeitsplatzvernichtung genutzt werden müßten. Das Sammeln von Informationen, der Erfahrungsaustausch innerhalb der Gewerkschaften, die konsequente Ausnutzung betriebsverfassungs- rechtlicher Möglichkeiten, der Auf- und Ausbau von Vertrauensleu- tekörpern, die bessere Vorbereitung von Tarifrunden und die stär- kere Organisierung von Angestellten in den Gewerkschaften wurden dabei als wichtige Punkte genannt. Kurz gesagt: "Jedes Problem, das im Betrieb auftaucht, muß zu einer Maßnahme der Mitbestimmung gemacht werden." Mit allgemeinen Problemen von Rationalisierung und Gegenwehr im Betrieb befaßten sich die A r b e i t s g r u p p e n 3 a u n d 3 b. In den Berichten von K. Seibert und T. Sauer (Frankfurt/M.) wurde das Fehlen einer gesamtgesellschaftlichen Strategie der Gewerkschaften zur Sicherung der Arbeitsplätze kri- tisiert. Es genüge nicht, auf betrieblicher und Branchenebene das Rationalisierungsproblem nur zu diskutieren oder einzelne Gegen- wehrmaßnahmen durchzuführen. Gleichwohl können und müssen einzel- betriebliche Forderungskataloge entwickelt und gegen die Unter- nehmer durchgesetzt werden, um zumindest soziale Besitzstände zu sicher. Hierbei spielten die Ausweitung von Mitbestimmungsrechten und ihre konsequente Nutzung eine wesentliche Rolle. Aus der A r b e i t s g r u p p e 4 / 5, in der Probleme der Mobilisierung der Belegschaften und der Bevölkerung im Kampf ge- gen Stillegungen beraten wurden, berichtete G. Bischoff (Düsseldorf). Dabei stellte er - ausgehend von vorliegenden be- trieblichen Erfahrungen - heraus, daß die Belegschaften so früh als irgend möglich auch schon von Gerüchten über geplante Teil- stillegungen, Verlagerungen und Betriebsschließungen unterrichtet werden müßten. Bereits im Vorfeld zu erwartender diesbezüglicher Aktivitäten der Unternehmensleitung seien die Kollegen unbedingt zu informieren, sei vorliegendes Daten- und Faktenmaterial von den Betriebsräten in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft zu ana- lysieren und zu publizieren. Als weiteres Problem wurde die Kon- trolle der Beschäftigtenvertreter in den Aufsichtsräten der Un- ternehmen gesehen. Es nütze nichts, wenn in den Aufsichtsräten Kollegen säßen, die Informationen zurückhielten; es sei vielmehr ständig darauf zu dringen, daß die Betriebsräte und Vertrauens- leute für ihre Arbeit wichtige Informationen aus dem Aufsichtsrat erhielten, sowie darauf, daß Vorschläge und Forderungen von "unten" im Aufsichtsrat von den Beschäftigtenvertretern zur Spra- che gebracht und vertreten würden. Eine wichtige Rolle in der Diskussion der Arbeitsgruppe spielten ferner die Schwierigkeiten, eine solidarische Öffentlichkeit bei Betriebsschließungen und betrieblichen und gewerkschaftlichen Wi- derstandsaktionen herzustellen. Öffentlichkeit wurde als wichtig- ste Voraussetzung für erfolgreiche Bewegungen gegen Betriebs- schließungen genannt, für ihre Mobilisierung eine Reihe von er- probten Maßnahmen geschildert. Der beste Sozialplan bedeutet keine Alternative gegen Massenent- lassungen - diese Erkenntnis kann aus vielen Betriebsstillegungen gewonnen werden. In vielen Widerstandsbewegungen wurde von Be- triebsräten und Gewerkschaften der Fehler begangen, sich zu früh auf das Aushandeln von Sozialplänen einzulassen. In der Diskus- sion wurde betont, daß der Kampf um materielle Inhalte von Sozi- alplänen erst am Ende des Kampfes gegen Betriebsstillegungen ste- hen darf und erst dann forciert werden sollte, wenn die Schlie- ßung trotz Mobilisierung aller Kräfte nicht mehr zu verhindern ist. Insgesamt ergab die Diskussion in der Arbeitsgruppe, daß - dies haben einige Beispiele gezeigt - Betriebsstillegungen grund- sätzlich verhinderbar sind, wenn von Belegschaften, Gewerkschaft und einer breiten Öffentlichkeit konsequent gekämpft wird. In diesem Zusammenhang seien auch für die Bundesrepublik noch rela- tiv ungebräuchliche Kampfformen, wie z. B. Betriebsbesetzungen, zu erwägen. Spontane Forderungen von Belegschaften und das Verhalten von Ge- werkschaften bei Stillegungen, die Rolle der Mitbestimmung als Mittel zur Abwendung von Stillegungen und die bewußtseinsmäßige Verankerung von Verstaatlichungsforderungen in der Arbeiterklasse waren die Hauptdiskussionspunkte in der A r b e i t s g r u p- p e 6, aus der A. Brück (Gießen) berichtete. Dabei wurde deut- lich, daß insbesondere die Forderung nach Verstaatlichung in der Regel von Belegschaften nicht spontan in die Diskussion um Alter- nativen gebracht wird. Hinzu komme, daß Hemmnisse und Barrieren im Bewußtsein der Belegschaften und Gewerkschaftsfunktionäre ge- gen Verstaatlichungsforderungen von der Tatsache verstärkt wür- den, daß sich die bereits in staatlichem Besitz befindlichen Un- ternehmen in der Geschäftspolitik ähnlich verhielten wie die üb- rigen Unternehmen auch. Darin drücke sich zwar noch keine gene- relle und prinzipielle Ablehnung von Verstaatlichungsforderungen aus, wohl aber eine kritisch-distanzierte Haltung zum Charakter staatlichen Handelns unter kapitalistischen Bedingungen. Subven- tionierung von Betrieben sei nicht grundsätzlich abzulehnen, wohl aber zu verbinden mit Kontroll- und Mitbestimmungsrechten für die Belegschaften, Betriebsräte und den Staat als Finanzier. Die überbetriebliche, gesamtwirtschaftliche Mitbestimmung erhalte in diesem Zusammenhang größeres Gewicht. P. Raane (Düsseldorf) berichtete aus der A r b e i t s g r u p- p e 7: "Wege zur Arbeitszeitverkürzung", die sich schwerpunkt- mäßig mit den Problemen der Mobilisierung für den Kampf um Arbeitszeitverkürzung befaßte. Einigkeit wurde darüber erzielt, daß die Verkürzung der Wochenarbeitszeit die wichtigste, wahrscheinlich aber - angesichts des Unternehmer-Tabu-Katalogs und der relativ geschlossenen Front auf der Kapitalseite in dieser Frage - die auch am schwierigsten durchzusetzende Form der Arbeitszeitverkürzung sein dürfte. Allerdings kann eine ein- deutige Hierarchie der verschiedenen Formen der Arbeitszeitver- kürzung nicht aufgestellt werden, Kombinationen sind denkbar. Un- ter welchen mobilisierenden Aspekten und Losungen kann die Dis- kussion um Arbeitszeitverkürzungen in der Bundesrepublik vorange- trieben werden? Sicherlich wird dabei die Sicherung von Ar- beitsplätzen im Vordergrund zu stehen haben, aber auch die "klassischen" Begründungen wie Belastungsabbau und Ausweitung der Freizeit - beide voneinander nicht zu trennen - sind zu berück- sichtigen. Kein kontroverser Diskussionspunkt war die Forderung nach Ar- beitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Allerdings wurde auch angemerkt, daß eine solche Forderung und ihre Durchsetzung allein letztlich nicht ausreichten, um Beschäftigung und Arbeits- bedingungen zu sichern. Im Grunde müssen Fragen der Personalbe- messung in entsprechende Regelungen mit eingehen, um die weitere Intensivierung der Arbeitsverausgabung zumindest eindämmen zu können. Die Mitbestimmung über Arbeitsorganisation und Gestaltung der Arbeitsinhalte spielt hierbei eine große Rolle. U. Schnabel berichtete aus der A r b e i t s g r u p p e 8, in der Lehren aus dem Stahlarbeiterstreik 1978/79 diskutiert wurden. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach der Umsetzung der er- zielten Arbeitszeitverkürzung in zusätzliche Arbeitsplätze und die Abwehr von Unternehmerstrategien, ihnen im Streik abgerungene Freischichten durch Geldzahlungen an die Beschäftigten wieder ab- zubauen oder gar nicht erst wirksam werden zu lassen. Durch die Aktivierung der gewerkschaftlichen Basis in den Betrieben der Stahlindustrie und die konsequente Umsetzung der tarifvertragli- chen Regelungen durch Vertrauensleute und Betriebsräte kann viel getan werden, um den Streikerfolg auch abzusichern. Ferner sei notwendig, den Kollegen zu vermitteln, "daß auch nach diesem Er- gebnis nicht alles zu Ende ist". Es müsse dem Gefühl entgegenge- wirkt werden, der Streik sei umsonst gewesen, ansonsten sei für zukünftige Streikauseinandersetzungen zu befürchten, daß die Ak- tivitäts- und Kampfbereitschaft nachlassen könnte. Prof. Dr. F. Deppe (Marburg) schilderte schließlich die wichtig- sten Diskussionsergebnisse aus der A r b e i t s g r u p p e 9, die Antworten der Arbeiterbewegung auf den verschärften Konfron- tationskurs der Unternehmer diskutierte. Die Frage nach den Spielräumen für sozialpartnerschaftliche Varianten der Unterneh- merpolitik, die Betrachtung der beiden Seiten der Kapitalstrate- gie, also Konfrontation und Integration, nahmen breiten Raum in der Diskussion dieser am stärksten besetzten Arbeitsgruppe ein. Die Forderung nach der Verkürzung der Arbeitszeit, insbesondere nach der 35-Stunden-Woche, sei die zur Zeit richtige Antwort der Arbeiterbewegung auf die zugespitzte wirtschafts- und sozialpoli- tische Entwicklung. Dabei sei allerdings nicht aus den Augen zu verlieren, und dies müsse in der innergewerkschaftlichen Diskus- sion um alternative Strategien stärker als bisher betont werden, welche weiteren Antworten auf den verschärften Konfrontationskurs der Unternehmer sich aus den Beschlüssen von Gewerkschaftstagen, programmatischen Erklärungen der Gewerkschaften und schließlich dem noch gültigen DGB-Grundsatzprogramm von 1963 ergäben. Aktuelle betriebliche Gegenwehrmaßnahmen konnten dagegen in der Arbeitsgruppe nur noch kurz angerissen werden, hierunter insbe- sondere die Frage nach der Entwicklung neuer Kampfformen zur Durchsetzung von Forderungen sowie nach der Entwicklung neuer Formen der Kontrolle durch Mitbestimmung. Aufgrund der vorangeschrittenen Zeit kamen im Anschluß an die Be- richte aus den Arbeitsgruppen nur noch einige Diskussionsredner zu Wort; unter ihnen M. Balder, stellvertretender Landesbezirks- vorsitzender der IG Druck und Papier in Hessen, der über gewerk- schaftliche Strategien zur Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzun- gen sprach. Balder hob hervor, daß auch nach den Erfahrungen des Stahlarbeiterstreiks 1978/79 die IG Druck und Papier nicht bereit sei, "resignative Anpassung zum gewerkschaftlichen Programm zu erheben". Gleichwohl seien die Angriffe von Unternehmerseite und sozialpartnerschaftlich orientierten Kräften nicht zu übersehen, die den Zweck hätten, den Belegschaften in der Druckindustrie die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche auszureden. Daraus ergebe sich eine komplizierte Situation, die von der Gewerkschaft hohe takti- sche Fähigkeiten erfordere. Gegenwärtig laufe die Unternehmerpolitik im Druckbereich darauf hinaus, bereits im Vorfeld von Tarifauseinandersetzungen den Be- legschaften durch Parolen wie "Rationalisierung ohne Verlust von Arbeitsplätzen" die Existenzangst zu nehmen und damit eine der wesentlichsten Triebfedern sozialer Auseinandersetzungen auszu- schalten. Man hoffe, damit die Forderung nach Arbeitszeitverkür- zung im Bewußtsein der Belegschaften "überflüssig" machen und diskreditieren zu können. Allerdings sei auch den Unternehmern bewußt, daß die Zeit gegen sie arbeite, insbesondere dann, wenn die Belegschaften durch die gewerkschaftlichen Organisationen noch besser über Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Wirkungen von Arbeitszeitverkürzungen aufgeklärt würden, wenn sie erkennen, daß es realistische Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung gibt. Weiter hielt Balder es für möglich, daß in der laufenden Ta- rifrunde von den Unternehmern versucht werden könnte, der IG Druck und Papier den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie be- reits frühzeitig ein eigenes Angebot zur Arbeitszeitverkürzung unterbreiteten, das jedoch gewerkschaftlichen Vorstellungen nicht genüge und mit der 35-Stunden-Woche nichts zu tun habe. Dann käme es auf die Durchsetzungskraft der aktiven Kräfte in der Gewerk- schaft an, sich redlich und klassenbewußt zu schlagen. Rückblickend betrachtet hatte Balder mit dieser Prognose recht. Tatsächlich unterbreiteten die Druckunternehmer ein Arbeitszeit- verkürzungsangebot in der genannten Richtung. Allerdings konnte die IG Druck, sicherlich auch aufgrund verbreiteter resignativer Stimmungen innerhalb anderer Gewerkschaften nach dem Stahlarbei- terstreik, ihre eigenen Forderungen nicht durchsetzen. Diese Ent- wicklung verweist darauf, wie notwendig gerade in der augenblick- lichen Situation ein koordiniertes Vorgehen aller Gewerkschaften in der Arbeitszeitfrage ist. Zu den jüngsten Arbeiterkämpfen und der Entwicklung des Klassen- bewußtseins in der Bundesrepublik sprach im Anschluß an Balder das Mitglied des Präsidiums der DKP, W. Gerns (Düsseldorf). Es habe sich in den zurückliegenden Kämpfen gezeigt, führte Gerns aus, daß sich sozialpartnerschaftliche Einflüsse zurückdrängen ließen, nicht zuletzt angesichts der härteren Gangart der Unter- nehmer. Allerdings breche das Denkgebäude der Sozialpartnerschaft nicht völlig von selbst zusammen. "Wenn es zum Einsturz kommen soll, muß kräftig nachgeholfen werden. Es kommt darauf an, in Zeiten akuter Kämpfe den Schwindel der Sozialpartnerschaft mög- lichst weitgehend zu entlarven und danach nicht zuzulassen, daß die gewonnenen Einsichten wieder verschwinden." Das Selbstbewußt- sein der Arbeiter und die Einsicht in die Notwendigkeit solidari- schen Handelns seien gewachsen. Ein Ausdruck dieser Entwicklung sei die zunehmend kritischer werdende Haltung von Gewerkschaftern gegenüber Unzulänglichkeiten in der Kampfführung der eigenen Or- ganisation. Allerdings könne dieses kritische gewerkschaftliche Bewußtsein nur dann zur Entwicklung von Klassenbewußtsein beitra- gen, "wenn es sich nicht in Personaldebatten erschöpft, sondern den Blick für den tatsächlichen Gegner, das Großkapital, schärft und auf die Stärkung der Gewerkschaften als entscheidende Voraus- setzung für den erfolgreichen Kampf gegen diesen Klassengegner gerichtet wird". Politische Klassenerkenntnisse können viel weniger im Selbstlauf entstehen als elementare ökonomische Einsichten. Bestenfalls könnten in zugespitzten Klassenauseinandersetzungen politische Teilerkenntnisse spontan aufflackern. Daher sei die Vermittlung politischer Klassenerkenntnisse eine ständige und besonders wich- tige Aufgabe, ohne deren Lösung die Arbeiterklasse bestenfalls Abwehrerfolge gegen das Kapital erringen, jedoch ihre Lage als ausgebeutete Klasse nicht grundlegend verändern könne. VII. Resümee ------------ Ein vorläufiges Resümee der Tagung zog am Ende des zweiten Konfe- renztages der stellvertretende Leiter des IMSF, Dr. H. Jung. Er betonte, die auf der Tagung vermittelten Erfahrungen seien erst die Erfahrungen eines Teils der Arbeiterklasse, ihres fortge- schrittenen Teils. Die Tagung habe nicht das Ziel verfolgt, "fix und fertige Rezepte auf den Tisch zu legen". In diesem Sinne könnten die vorgetragenen Erfahrungen als Anregungen zur Entwick- lung und Formulierung von Kampfstrategien in den Bereichen bei- tragen, in denen aktive Gewerkschafter tätig seien. In den Dis- kussionen habe sich gezeigt, daß der Information als Grundlage von Kontrolle und für die Ausübung von Mitbestimmungsrechten eine wichtige Rolle zukommt. In diesem Zusammenhang sei die Durchset- zung der Forderung nach einem "Frühwarnsystem" über ökonomisch- technologische Entwicklungen und ihre Folgen, wie sie der DGB- Vorsitzende H.O. Vetter vorgeschlagen hat, von Bedeutung, damit die Gewerkschaften in Fragen der Technik und Rationalisierung aus der derzeitigen Position des defensiven Reagierens herauskommen und im Kampf gegen die kapitalistische Anwendung des wissen- schaftlich-technischen Fortschritts in einigen Punkten in die Of- fensive kommen können. Betriebsstillegungen sind in der Bundesrepublik Vorgänge, von denen erst ein kleiner Teil der Arbeiterklasse direkt betroffen ist. Allerdings sei abzusehen, daß die Probleme ganzer Industrie- regionen, die aus Stillegungen erwachsen, wie z.B. im Saarland sichtbar, zukünftig keine Einzelfälle bleiben, wenn das Großkapi- tal und das staatsmonopolistische System ihre Konzepte der Moder- nisierung, Umstrukturierung und Internationalisierung der Wirt- schaft ungehindert durchsetzen könnten. Daher sei die Vermittlung vorliegender Erfahrungen gerade aus diesen Bereichen wichtig ge- wesen, insbesondere auch deshalb, weil deutlich geworden sei, daß rein betriebliche Forderungen schnell an die Grenze der Wirksam- keit von Problemlösungen stießen, also gesamtwirtschaftliche und -gesellschaftliche Alternativen aufgezeigt werden müßten. "Man muß den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb, aber auch der Bevöl- kerung in der Stadt und in der Region aufzeigen, daß es auch un- ter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen - und zwar dann, wenn Massenbewegungen zustande kommen - Möglichkeiten gibt, Interessen der arbeitenden Menschen gegen die Profitlogik des Ka- pitals durchzusetzen." Damit ist die Wichtigkeit des Kampfes um das Denken der Menschen, um ihre Orientierung, also der ideologische Kampf, angesprochen. Ein Feld dieser Auseindandersetzung, daß nicht zu unterschätzen sei, ist die Auseinandersetzung um die Gewerkschaftsgeschichte und ihre Interpretation in den Gewerkschaften selbst, wie sie in den Diskussionen um die Arbeiten von F. Deppe und anderen zum Ausdruck gekommen sei. In gewisser Weise spiegelten diese Ausein- andersetzungen die Probleme der gewerkschaftlichen Orientierung heute wider. In dieser Situation der massiven Angriffe ginge es darum, ob den Gewerkschaften eine neue, modifizierte Form der So- zialpartnerschaft aufgezwungen werden könne oder ob sie auf dem Weg der autonomen Interessenvertretung nach vorn schreiten, wie es in einigen der jüngsten Kämpfe deutlich geworden sei. Daher sei die Geschlossenheit der Gewerkschaften und die Bewahrung und Entwicklung ihrer Kampffähigkeit und -bereitschaft unabdingbar, wenn Fortschritte für die Arbeiterklasse in der Bundesrepublik erreicht werden sollen. Die auf der IMSF-Tagung vermittelten Erfahrungen der fortge- schrittensten Teile der Arbeiterklasse stehen zur weiteren Aus- wertung und zur Verbreitung an. Sicherlich konnten auf der Konfe- renz selbst, nicht zuletzt aufgrund des gedrängten zeitlichen Rahmens, nur Ausschnitte aus der vielschichtigen Erfahrungswelt der Arbeiterklasse in unserem Land präsentiert werden. Gleichwohl lassen sich auch aus ihnen wertvolle Anregungen für die betrieb- liche, gewerkschaftliche und wissenschaftliche Praxis entnehmen. Dazu wollte die Tagung beitragen. _____ 1) Das Protokoll dieser Tagung, einschließlich der verwendeten literarischen Texte und Bilder, erscheint als Band 8 der Reihe "Arbeitsmaterialien des IMSF" unter dem Titel "Rationalisierung - Arbeitsplätze - Tarifkämpfe. Aktuelle Probleme der Durchsetzung von Arbeiterinteressen in der Bundesrepublik. Materialien einer Tagung des IMSF, Frankfurt/M., 10. und 11. März 1979." In diesem Materialband finden sich auch ausführlichere Überlegungen zu den methodisch-didaktischen Problemen. zurück