Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979


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BEMERKUNGEN ZUR ENTWICKLUNG DER SOZIALPARTNERSCHAFTLICHEN IDEOLOGIE UND PRAXIS

Josef Schleifstein Es soll im folgenden nicht der Versuch gemacht werden, eine um- fassende theoretische und historische Darstellung der Problematik zu geben. Die Absicht beschränkt sich vielmehr darauf, einige Kernpunkte zu skizzieren, die sowohl unter dem historischen als auch unter dem theoretischen Gesichtswinkel für die heutige aktu- elle Diskussion in unserem Lande von Interesse sein können. Dabei erheben diese Ausführungen keinen Anspruch auf Originalität, sie knüpfen bewußt an die von Marxisten in der Bundesrepublik seit längerem geführten Debatten an. 1. Unbestreitbar ist die Ideologie und Praxis der Sozialpartner- schaft, der Integration der Arbeiterklasse in das kapitalistische System und in den bürgerlichen Staat seit vielen Jahrzehnten die entscheidende Barriere für die Entwicklung des Klassenbewußtseins in der Arbeiterklasse und des politischen Kampfes der Arbeiterbe- wegung in der Bundesrepublik. Im größeren historischen Zusammen- hang gesehen, ist die sozialpartnerschaftliche, integrationisti- sche Praxis der deutschen Sozialdemokratie und rechtssozialdemo- kratischer Gewerkschaftsführer eine entscheidende Ursache für die in ihrem Ausmaß und in ihren internationalen Auswirkungen weltge- schichtlichen Niederlagen der deutschen Arbeiterbewegung 1914, 1918-1919, 1933 und für die in der Bundesrepublik vertane Chance eines grundlegenden antifaschistischen und antimonopolistischen Neubeginns nach 1945. Es sind also eminent praktische Gründe, die eine tiefere, intensivere Beschäftigung mit den objektiven und subjektiven gesellschaftlichen Wurzeln dieser Ideologie und Pra- xis, mit der soziologischen Stellung ihrer wichtigen Träger, mit ihren geistigen Inhalten, ihren Wirkungsmechanismen unter den ar- beitenden Massen, den Wegen zu ihrer Einschränkung und schließli- chen Überwindung nahelegen. 2. In ihren geschichtlichen Ursprüngen sind Ideologie und Praxis der Sozialpartnerschaft, der Integration der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung in das kapitalistische System zunächst eine Klassenpolitik der B o u r g e o i s i e oder von Teilen der Bourgeoisie gegenüber dem sich entwickelnden Industrieproleta- riat. Die nackte Apologie des kapitalistischen Manchestertums, die die Markt- und Konkurrenzgesetze der bürgerlichen Ökonomie in ihrer blinden Wirkung zur unantastbaren Grundlage des sozialen, physischen und psychischen Wohlbefindens aller Glieder der Ge- sellschaft, das Industrieproletariat eingeschlossen, erklärt, wird durch das furchtbare Elend und die grausame Ausbeutung des Kapitalismus allzu sichtbar Lügen gestraft. Stärkere Zweifel und soziale Gewissensskrupel beginnen sich aber erst dann unter der Bourgeoisie in bemerkenswertem Umfang zu regen, als die Proleta- rier selbst ihr Schicksal nicht mehr in stummer Ergebenheit hin- nehmen, als ihre Verzweiflung zur Auflehnung wird, als sie anfan- gen, sich zu organisieren und zu kämpfen. Es ist nicht das proletarische Elend und die proletarische Recht- losigkeit, es ist die beginnende R e b e l l i o n des frühen Industrieproletariats gegen dieses Elend und diese Rechtlosigkeit (der schlesische Weberaufstand, die Chartistenbewegung, die Kämpfe der französischen und deutschen Arbeiter in der Revolution 1848), die die bürgerliche Sozialphilantropie, den bürgerlichen Sozialliberalismus, die bürgerliche Sozialreform und die auch die zahlreichen Abarten des feudalen, christlichen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen "Sozialismus" hervorgebracht haben, wie sie von Marx und Engels im "Kommunistischen Manifest" kritisiert und par- odiert wurden. Die Hauptanklage, die seine feudalen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gegner gegen das brutale Manchestertum richteten, war die, daß die kapitalistische Produktionsweise eine Klasse erzeugt hatte, die - die ganze alte Gesellschaftsordnung in die Luft sprengen werde": "Sie werfen der Bourgeoisie mehr noch vor, daß sie ein revolutionäres Proletariat, als daß sie überhaupt ein Proletariat erzeugt." (Marx-Engels) 1) Wenn auch von unterschiedlichen, zum Teil sogar gegensätzlichen ökonomischen Interessenlagen und politischen Motiven her, so war es doch in erster Linie die F u r c h t vor den explosiven, die "gesamte Gesellschaft" bedrohenden Möglichkeiten der proletari- schen Rebellion gegen das kapitalistische Elend, die dann auch in der liberalen Bourgeoisie die Idee eines mildernden und lindern- den staatlichen Eingreifens gegen unerträglich gewordene kapita- listische Auswüchse, der gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit und der Arbeitsbedingungen, der Tolerierung und Legalisierung ge- werkschaftlicher Vereine und Verbände, später der Sozialpolitik und der Sozialreform an Einfluß gewinnen ließ. 3. Es liegt auf dieser generellen Linie der Entwicklung, die im einzelnen manche Differenzierung und Modifikation aufweist, wenn in Deutschland der Sozialliberalismus, die Sozialreform und die christlich-soziale Theorie als prononcierte ideologische Strömun- gen, die einen bestimmten Einfluß auf die Bourgeoisie, auf ihre politischen Bestrebungen und auf die staatliche Politik erlangen, erst nach der bleiernen Reaktionsperiode, erst als Antwort auf das Wiedererwachen der deutschen Arbeiterbewegung mit der Lassal- leschen Arbeiteragitation und der Gründung des Allgemeinen Deut- schen Arbeitervereins (1863) und später der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der Eisenacher (1869) einsetzen. Die deutsche Bourgeoisie, die nach der Revolution von 1848 in den zersplitter- ten organisierten Bestrebungen der Arbeiterklasse bloße politi- sche Hilfstruppen im bürgerlichen Kampf um die nationale Einigung und um Verfassungsrechte erblickt hatte, wird jetzt aufge- schreckt: einmal durch den s o z i a l e n Inhalt der Arbeiter- forderungen, zum anderen durch die S e l b s t ä n d i g k e i t des politischen Auftretens der Arbeiterklasse. So ist es kein Zufall, daß sich die wichtigste ideologische Strö- mung der bürgerlichen Sozialpolitik und Sozialreform als u n m i t t e l b a r e R e a k t i o n auf diese Entwicklung in den Reihen des Proletariats am Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herausbildet: der sogenannte K a t h e- d e r s o z i a l i s m u s. Seine führenden Köpfe - Gustav Schmoller, Lujo Brentano, Adolph Wagner - treten 1869 und 1870 mit Vorträgen und Schriften hervor, in denen sie sich gegen das von der herrschenden Linie der bürgerlichen Ökonomie, dem "Kongreß der Volkswirte", verfochtene unverhüllte Manchestertum wenden, dessen ungebrochenen Optimismus über die vom Kapitalismus erzeugte "Harmonie aller Privatinteressen" anzweifeln, die dro- hende Gefahr eines zerstörenden Klassenkampfes und einer sozialen Revolution beschwören und staatliche Eingriffe in das Wirt- schaftsleben, Koalitionsfreiheit für Gewerkvereine, sozialpoliti- sche und sozialreformerische Maßnahmen fordern. Wenige Jahre spä- ter - im Oktober 1872 - wird der "Verein für Sozialpolitik" als das geistige Zentrum der bürgerlichen Sozialreformer gegründet. Wiesen die ökonomischen Untersuchungen und die einzelnen sozial- politischen Vorschläge auch unterschiedliche Akzentuierungen auf, so war man sich in der Hauptrichtung - der Notwendigkeit gesetz- geberischer s t a a t l i c h e r Maßnahmen in der Arbeitsge- setzgebung, dem Koalitionsrecht, der Sozialpolitik - doch einig, und man war bestrebt, in diesem Sinne die staatliche Politik und die politischen Parteien des Bürgertums zu beeinflussen. Das ei- gentliche Ziel war und blieb die "Aussöhnung" von Bourgeoisie und Proletariat, die Milderung des Klassenantagonismus und des Klas- senkampfes; der allmähliche Abbau des Mißtrauens und der Feindse- ligkeit der Arbeiterklasse gegen den bürgerlichen Staat, das eben unter Führung Preußens geschaffene Deutsche Reich, mit seiner monarchisch-junkerlichen politischen Spitze; die Lösung der orga- nisierten Arbeiterbewegung von sozialistischen, revolutionären Ideen und Zielen. Der deutsche Kathedersozialismus war die voll- kommene Bestätigung dessen, was Marx und Engels bereits zwanzig Jahre zuvor im "Kommunistischen Manifest" beschrieben hatten: "Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren." 2) In seiner Eröffnungsrede bei der Gründung des "Vereins für Sozi- alpolitik" umriß Gustav Schmoller diese Ziele u.a. wie folgt: "Der tiefe Zwiespalt, der durch unsre gesellschaftlichen Zustände geht, der Kampf, welcher heute Unternehmer und Arbeiter, besit- zende und nichtbesitzende Klassen trennt, die mögliche Gefahr ei- ner uns zwar bis jetzt nur von ferne, aber doch deutlich genug bedrohenden sozialen Revolution haben seit einer Reihe von Jahren auch in weiteren Kreisen Zweifel erregt, ob die auf dem Markt des Tages unbedingt herrschenden volkswirtschaftlichen Doktrinen... immer die Herrschaft behalten werden. ... Unzufrieden mit unseren bestehenden sozialen Verhältnissen, erfüllt von der Notwendigkeit der Reform, predigen wir doch keine Umkehr der Wissenschaft, kei- nen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse, wir protestieren ge- gen alle sozialistischen Experimente... Wir glauben, daß eine zu große Ungleichheit der Vermögens- und Einkommensverteilung, daß ein zu erbitterter Klassenkampf mit der Zeit auch alle freien politischen Institutionen vernichten muß und uns wieder der Gefahr einer absolutistischen Regierung entgegenführt. Schon darum glauben wir, daß der Staat einer solchen Entwicklung nicht gleichgültig zusehen dürfe." 3) In einer geradezu klassischen Formel definierte Schmoller später, im ersten Weltkrieg, das geschichtliche Ziel der bürgerlichen Sozialpolitik und des Kathedersozialismus, als er sagte, es ginge darum, durch soziale Reformen die "großen sozialen Klassen zu einem dauernden geordneten friedlichen Zusammenleben" zu bringen. 4) Die Strömung der bürgerlichen Sozialreform wurde auch durch einen aus anderen geistigen Traditionen hervorgegangenen Zweig reprä- sentiert, durch die christlich-soziale Lehre, die gleichfalls, vor allem auf katholischer Seite, als d i r e k t e A n t- w o r t auf die sozialistischen Bestrebungen in der deutschen Arbeiterklasse entstanden war. Auch ihr erstes Auftreten datiert aus der Zeit unmittelbar nach Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle. Sein kirchlicher Hauptsprecher, der Mainzer Erzbischof Freiherr von Ketteler, veröffentlichte 1864 seine Schrift "Die Arbeiterfrage und das Christentum", 1871 die Arbeit "Liberalismus, Sozialismus und Christentum". Die christlich-katholische Sozialreform übte Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung und an dem Elend der Arbeiter, sie verurteilte das liberale Manchestertum und dessen von allen Skrupeln unberührte Apologie der gegebenen sozialen Verhältnisse. War sie bereits in ihrer ökonomischen Kritik am Kapitalismus stark von den kathedersozialistischen Professoren beeinflußt, so liefen auch ihre Vorschläge zur Abhilfe im wesentlichen in die- selbe Richtung: aktives wirtschaftliches und soziales Eingreifen des Staates, um die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern. Na- turgemäß verbanden die Vertreter der christlich-sozialen Lehre dies mit einer massiven Kritik am "radikalen" und "kollektivi- stischen" Sozialismus und begründeten ihre Forderungen mit einer religiös-ethischen Argumentation. Die Wirkung der kathedersozialistischen Strömung auf die prakti- sche Politik der liberalen Parteien der Bourgeoisie war schwach, bedeutsamer war der Einfluß der christlichen sozialen Lehren auf die Politik des katholischen Zentrums, das 1870 gegründet worden war, und auf dessen Wählerreservoir unter den katholischen Arbei- tern, besonders an Rhein und Ruhr. Um so wichtiger wurde die ka- thedersozialistische Propaganda für die staatliche S o z i a l- g e s e t z g e b u n g Bismarcks, die nach der Peitsche des Sozialistengesetzes von 1878 als "arbeiterfreundliches" Zucker- brot die Arbeiter der Sozialdemokratie abspenstig machen sollte. Es ist bekannt, daß weder die brutale Repression des Sozialisten- gesetzes noch das armselige Pflästerchen Bismarckscher Sozial- politik den glänzenden Aufschwung der damaligen Arbeiterbewegung verlangsamen oder gar aufhalten konnten. 4. Die b ü r g e r l i c h e Politik der Integration der Arbei- terklasse mit dem Mittel der Sozialpolitik und der Sozialreform vermochte in der deutschen Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung vor der Jahrhundertwende nur g e r i n g e, kaum ins Gewicht fallende Erfolge zu verbuchen. Was die objektiven Ursachen be- trifft, so lag dies an der völligen Unzulänglichkeit der staatli- chen Sozialmaßnahmen, die angesichts der Verfolgung durch das So- zialistengesetz kaum Illusionen aufkommen lassen konnten; es lag ferner an der fehlenden Bereitschaft der Kapitalisten und der po- litischen Repräsentanten der Bourgeoisie, sich angesichts eines rasch expandierenden Kapitalismus auf sozialreformerische Schwär- mereien einzulassen. Soweit die subjektiven Kräfte auf der Seite der Arbeiterbewegung in Betracht kommen, lag es daran, daß sie sich zu dieser Zeit in ihrer überwältigenden Mehrheit auf dem si- cheren Boden einer marxistischen Klassenpolitik bewegten, die nicht auf die Versöhnung mit der kapitalistischen Gesellschaft und dem junkerlich-bürgerlichen Staat, sondern auf deren Überwin- dung gerichtet war und die auch jede Verbesserung der Lebensbe- dingungen der Arbeiter und alle Reformen nur als Abschlagszahlun- gen auf dem Weg zu ihrem sozialistischen Ziel betrachtete. Dies änderte sich erst gegen Ende der neunziger Jahre mit dem zahlenmäßigen Wachstum der Gewerkschaften unter einer sich auf Tagesforderungen beschränkenden und mehr und mehr auf sozialre- formistische Positionen übergehenden Führungsschicht; mit der Herausbildung einer parlamentarisch-reformistischen Strömung und den leitenden Funktionären der Sozialdemokratie in den süddeut- schen Ländern; schließlich mit dem Revisionismus Eduard Bern- steins, der - unter dem Einfluß der britischen Fabian Society - die opportunistischen Strömungen theoretisch auf den Begriff zu bringen suchte und zum Generalangriff gegen die marxistischen Positionen der deutschen Sozialdemokratie aufrief. Auf die sozialökonomischen Grundlagen dieses Prozesses - das Eindringen kleinbürgerlicher Kräfte und Anschauungen, die Herausbildung einer Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie - ist oft genug hingewiesen worden. Es wäre aber ein Irrtum anzunehmen, daß etwa die Erkenntnis der objektiven Funktion des Revisionismus in der Klassenauseinandersetzung zwischen Bourgeoisie und Arbeitern und von der sozialen Basis des Sozialreformismus innerhalb der Arbeiterbewegung auf die Marxisten beschränkt gewesen sei. Mit unfehlbarem Klasseninstinkt registrierten die Gegner der Ar- beiterbewegung und des Sozialismus diese für sie vielversprechen- den Veränderungen sofort: daß sich nunmehr nämlich eine sozialre- formistische und teilweise sogar sozialliberal-integrationisti- sche Strömung mit beträchtlichem Einfluß auch i n n e r h a l b der Sozialdemokratie herauszubilden begann. Friedrich Naumann, der Kopf des politischen Sozialliberalismus, ließ nach dem Auf- treten Bernsteins in einem Flugblatt seines "Nationalsozialen Vereins" verlautbaren: "Bernstein beseitigt an der Hand der Wis- senschaft und des gesunden Menschenverstandes die Grundlage des Marxismus... Bernstein... ist der klassische Zeuge für die deut- sche Arbeiterschaft, daß die Hoffnung auf eine wahrhaft prakti- sche Arbeiterpolitik nicht bei der alten Sozialdemokratie liegt, sondern bei der jungen nationalsozialen Partei." 5) Der führende Ideologe der damaligen katholischen Soziallehre, der Theoretiker des "christlichen Sozialismus", Heinrich Pesch, sagte in seinem Buch "Liberalismus, Sozialismus und christliche Gesell- schaftsordnung" (Freiburg 1900), Bernstein habe die Theorie des Marxismus nicht revidiert oder verbessert, er habe sie "zu Grabe getragen". 6) Zu den weitestgehenden Einsichten über die zentrale Rolle der revisionistischen Führer bei der U m w a n d l u n g der Sozialdemokratie in eine bürgerlich-sozialliberale Arbeiter- partei kam Gustav Schmoller, als er schrieb: - Der Friede mit den Arbeitern kann nur durch die Arbeiterführer vermittelt werden... Die Masse kommt nicht soweit, ganz vernünftig zu sein, so daß die Unternehmer mit ihnen auskommen können." 7) Und diesen Gedanken- gang ergänzte er später, während des ersten Weltkrieges, durch die Feststellung, eine proletarische Klassenherrschaft würde um so "unwahrscheinlicher, als die Sozialdemokratie fortfährt, in sich selbst eine Aristokratie und Bureaukratie auszubilden". 8) Der bürgerliche Sozialliberalismus hatte sehr früh und absolut richtig erkannt, daß nur die i n n e r e Wandlung der Sozialde- mokratie in eine sozialreformistische, sich zur Klassenzusam- menarbeit bekehrende Partei unter den geschichtlichen Bedingun- gen, wie sie sich im Deutschen Reich entwickelt hatten, imstande sein würde, eine Integration der Arbeiterklasse herbeizuführen, daß dies von außen, durch die bürgerlichen Parteien, nicht gelin- gen konnte. Im Revisionismus und in dessen Einfluß auf die poli- tische Praxis von Gewerkschaftsführern, Parlamentariern, Redak- teuren sah er dieses i n n e r e Ferment, das die sozialdemo- kratische Partei in eine "nationale" und sozialliberale Partei umgestalten könnte. Friedrich Naumann, politischer Ideologe des Sozialliberalismus (der Lehrer von Theodor Heuss), äußerte 1901 die Auffassung, daß die "Neuwerdung des Liberalismus" in Deutsch- land sich nur über diese Wandlung der Sozialdemokratie vollziehen werde: "Daher ist die Frage, die wir jahraus, jahrein unermüdlich stellen, an der wir mit unserem ganzen Herzen arbeiten, wie wird die Sozialdemokratie zu einer nationalen, praktisch-politischen Partei, die Kernfrage der Bildung eines neudeutschen Liberalismus überhaupt." 9) Eines der Hauptziele des bürgerlichen Sozialliberalismus in sei- nen äußerst hartnäckigen und ausdauernden Versuchen, die revisio- nistische und gewerkschaftlich-sozialreformerische Strömung in der deutschen Sozialdemokratie zu beeinflussen, war das Bemühen, eine Aussöhnung mit den Rüstungs- und Expansionszielen des deut- schen Imperialismus in den Reihen der Arbeiterbewegung herbeizu- führen, alle s o z i a l i m p e r i a l i s t i s c h e n Ideen und Tendenzen zu fördern. Kern dieser Bestrebungen war die "Versöhnung" der Arbeiterklasse mit einer "sozialen" Hohenzol- lernmonarchie und einer "sozial gewandelten" liberalen Bour- geoisie und als wichtigstes Mittel dazu sollte der Nationalismus dienen, die Idee vom Zusammenfallen der "deutschen" Arbeiterin- teressen mit der wirtschaftlichen und politischen Expansion des deutschen Imperialismus und der dazu notwendigen militärischen Stärke. In ihrem Programm hatten die Sozialliberalen 1896 verkün- det, "wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deut- schen Nation nach außen" sei die Voraussetzung "aller größeren sozialen Reform im Innern". 10) Und der berühmteste Sozialwissen- schaftler, den der deutsche Sozialliberalismus hervorgebracht hat, Max Weber, hatte diese sozialimperialistische Grundidee so formuliert: "Die Machtinteressen der Nation sind... die letzten und entscheidenden Interessen... Nicht in erster Linie für die Art der volkswirtschaftlichen Organisation, die wir ihnen über- liefern, werden unsere Nachfahren uns vor der Geschichte verant- wortlich machen, sondern für das Maß des Ellenbogenraums, den wir ihnen in der Welt erringen und hinterlassen." 11) 5. Der Revisionismus Bernsteins, der den mehr als ein Jahrzehnt dauernden Umwandlungsprozeß der deutschen Sozialdemokratie in eine sozialliberale, bürgerliche Arbeiterpartei theoretisch ein- leitet, trat zunächst als eine sozial r e f o r m i s t i- s c h e, nicht die Klassenharmonie und Klassenzusammenarbeit un- verhüllt predigende Strömung auf. Natürlich hatte es auch schon früher sozialreformistische und opportunistische Tendenzen in der deutschen Sozialdemokratie gegeben, aber sie waren bis zum Auftreten des Revisionismus von relativ geringem Einfluß. Im Bernsteinschen Revisionismus fand der sich bereits nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, abzeichnende ökonomistische Sozialreformismus führender Gewerkschafter, der parlamentaristische Opportunismus sozialdemo- kratischer Politiker in den süddeutschen Ländern, der kaum verhüllte Sozialimperialismus zur SPD gestoßener klein- bürgerlicher Ideologen wie Wolfgang Heine und Max Schippel einen theoretischen Boden, eine die verschiedenen opportunistischen Tendenzen verbindende g e i s t i g e K l a m m e r. Seinen theoretischen und methodischen Grundlagen nach war Bern- steins Revisionismus rein eklektischer Natur, worauf schon Rosa Luxemburg hingewiesen hat. Seine Auffassungen waren von den un- terschiedlichsten bürgerlichen Modeströmungen beeinflußt. Sie re- flektierten die beginnende imperialistische Entwicklung mit ihren tiefen und beschleunigten Vergesellschaftungsprozessen; die län- gere Abwesenheit einer schweren zyklischen Wirtschaftskrise; das bedeutende Wachstum und gewisse Erfolge der Arbeiterbewegung im sozialen und politischen Tageskampf. Alle diese Entwicklungsten- denzen interpretierte der bis 1901 in London residierende Eduard Bernstein in optimistisch-idyllischem Licht, was eine Apologie der ökonomischen und politischen Entwicklung des modernen Kapita- lismus und eine faktische Absage an das revolutionäre Programm der deutschen Sozialdemokratie (Erfurt 1891) und an ihre historisch-strategische Zielsetzung zum Ergebnis hatte. Es soll hier nicht auf die philosophisch-erkenntnistheoretischen und theoretisch-ökonomischen Einwände Bernsteins gegen die Theorie von Marx und Engels eingegangen werden, die in den zeitgenössischen Antworten deutscher Sozialisten - Rosa Luxemburg, Karl Kautsky, Franz Mehring - einer vernichtenden Kritik unterzogen wurden. Bedeutsam für die konkrete ideologische und politische Auseinandersetzung in der Arbeiterbewegung wurden die Bernsteinsche Interpretation der aktuellen Entwicklung des Kapitalismus um die Jahrhundertwende und die politisch-taktischen Schlußfolgerungen, die er daraus zog. Bernstein deutete die wachsende kapitalistische Vergesellschaf- tung, die Bildung von Kartellen und Unternehmervereinigungen, die Ausweitung des Kredits und der Aktiengesellschaften, die Verbrei- tung neuer Verkehrsmittel, die Entstehung neuer Mittelschichten als Widerlegung der Marxschen ökonomischen Analyse, als Zeichen einer zunehmenden "Anpassungsfähigkeit" des Kapitalismus, als M i l d e r u n g der kapitalistischen Widersprüche, als Eindäm- mung der kapitalistischen Anarchie, als Möglichkeit, den Überpro- duktionskrisen vorzubeugen. Diese ökonomische Idylle übertrug er dann folgerichtig auch auf das Bild der p o l i t i s c h e n Entwicklungstendenzen, wo er eine unaufhörliche Ausweitung der Demokratie, einen stetigen Siegeszug von Reformen, eine ständige Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Kampfbedingun- gen der Arbeiterbewegung, ein Anwachsen der friedlichen Tendenzen in den Beziehungen der Großmächte untereinander zu erkennen glaubte. Aus diesen analytischen Voraussetzungen zog Bernstein für die po- litische Praxis den Schluß, daß die Sozialdemokratie auf das re- volutionäre Ziel der Überwindung des Kapitalismus und die Erobe- rung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse verzichten solle; daß es auf die Bewegung, nicht auf das Ziel ankomme; daß die schrittweise Durchsetzung der "gesellschaftlichen Kontrolle", der gewerkschaftliche Kampf, die politische Demokratisierung zu einer "allmählichen Einführung" des Sozialismus führen werde, den er nunmehr nur noch als die stufenweise Durchführung des "Genossenschaftlichkeitsprinzips" definierte. Wie für die briti- schen Fabier Straßenbahnen und öffentliche Bibliotheken schon So- zialismus bedeuteten, so sah Bernstein jetzt in der Fabrikgesetz- gebung oder in sozialpolitischen Maßnahmen bereits "ein Stück So- zialismus"; und das geringste von den Arbeitern erkämpfte politi- sche Recht war ihm ein Stück "Überwindung der Klassenherrschaft". Man brauchte diese - Stücke" nur noch zu vermehren und zu erwei- tern, dann war das sozialistische Programm überflüssig geworden. Ökonomisch und sozial wurde die Bernsteinsche Idylle schon wenige Jahre später durch eine schwere Wirtschaftskrise ad absurdum ge- führt. Politisch war es im Deutschen Reich - angesichts der ar- beiterfeindlichen Zollpolitik, der wahnwitzigen Aufrüstung und Militarisierung, dem verbissen verteidigten Dreiklassenwahlrecht, den ständigen Drohungen der Machthaber mit einer Neuauflage des Sozialistengesetzes gegen die Arbeiterbewegung (Umsturz- und Zuchthausvorlagen) - von Anfang an so wirklichkeitsfremd, daß der illusionäre Charakter mit Händen zu greifen war. Weltpolitisch widerlegten die sich verschärfenden imperialistischen Gegensätze und die wachsende Kriegsgefahr, die schließlich zum bis dahin mörderischsten Krieg der Menschheitsgeschichte führten, die Ana- lyse Bernsteins. Das waren auch die hauptsächlichen Gründe, weshalb der Revisio- nismus, der offene und unverhüllte Opportunismus, in der deut- schen Sozialdemokratie zunächst mehrheitlich auf Ablehnung stieß und weshalb die zunehmend opportunistische Praxis sich vor dem ersten Weltkriege mehr in einer verdeckten, durch verbalen Tribut an das Parteiprogramm und die alte Parteitaktik der Massenstim- mung angepaßten zentristischen Form durchsetzte. Bernsteins Revi- sionismus wurde aber ideologisch von g r u n d s ä t z l i- c h e r Bedeutung für die weitere Entwicklung der Sozialdemo- kratie, weil er - trotz der Beteuerung, mit dem praktischen Teil des Erfurter Programms durchaus einverstanden zu sein und nur den theoretischen Teil abzulehnen -, den Weg freilegte für die Um- wandlung der Sozialdemokratie in eine der Phraseologie nach reformsozialistische, der p o l i t i s c h e n P r a x i s nach aber s o z i a l l i b e r a l - bürgerliche Arbeiterpar- tei. Mit vollem Recht faßte Rosa Luxemburg ihre Kritik an den Auffassungen Bernsteins dahingehend zusammen, sie wählten nicht "einen ruhigeren, sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein a n d e r e s Ziel"; sie zielten nicht "auf die Verwirklichung der s o z i a l i s t i s c h e n Ordnung, sondern bloß auf die Reformierung der k a p i t a l i s t i- s c h e n, nicht auf die Aufhebung des Lohnsystems, sondern nur auf das Mehr oder Weniger der Ausbeutung, mit einem Worte auf die Beseitigung der kapitalistischen Auswüchse und nicht des Kapitalismus selbst". 12) Dieser Gegensatz zwischen dem Marxismus und dem Revisionismus Bernsteins bedeutete nach Meinung Rosa Luxemburgs die "Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen, zweier Klassen, zweier Gesellschaftsformen". 13) Es bedurfte eines so fundamentalen Einschnitts, wie es der erste Weltkrieg war, um die Ideologie und Praxis der Klassenzusammenar- beit, der "nationalen" Einheit mit Bourgeoisie, Junkertum, Mili- tarismus und Monarchie, des sozialen und politischen Burgfriedens mit Unternehmern und bürgerlichen Parteien, der offenen Bejahung und Unterstützung der imperialistischen Kriegspolitik in der deutschen Sozialdemokratie und in den Gewerkschaften zur dominie- renden Position werden zu lassen. Der Krieg war eine unvergleich- liche, die bis dahin schwerste Bewährungsprobe für die gesamte internationale Arbeiterbewegung, besonders aber für die deutsche Sozialdemokratie als die stärkste Partei der zweiten Internatio- nale. Daß sie diese Prüfung im Sinne ihrer eigenen Beschlüsse und Ziele nicht bestand, kann nicht allein erklärt werden aus dem massiven äußeren Druck des Belagerungszustands, aus dem psycholo- gischen Druck des chauvinistischen Taumels, aus der Gefahr für den Bestand der Organisationen und für die soziale Existenz der Funktionäre. Es ist ohne die vorangegangene Ausbreitung des Op- portunismus, der revisionistischen und sozialreformistischen Ideologie und Praxis, und ohne das ausschlaggebende Gewicht, das diese Strömung erlangt hatte, nicht zu verstehen. Die revisionistische Theorie wird durch die nun einsetzende poli- tische und gewerkschaftliche Praxis des Burgfriedens, durch die Unterstützung der imperialistischen Regierung und der Kriegfüh- rung weit überholt. Die ständige Abstimmung ihrer Politik mit der Reichsführung durch die dominierende rechtssozialdemokratische Führungsgruppe um Scheidemann, Ebert, David, Südekum; die Propa- gandareisen für die deutsche Kriegspolitik in neutrale Länder; die unmittelbare Mitarbeit der Gewerkschaftsführung an den unter- schiedlichsten wirtschaftlichen und sozialpolitischen Kriegsaus- schüssen und -maßnahmen - das alles bedeutete eine absolut n e u e Q u a l i t ä t, eine Politik, die nicht mehr sozialre- formistisch, die offen integrationistisch geworden war, sowohl im Verhältnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem wie zum bürger- lich-junkerlichen Staat und seinen imperialistischen Kriegszie- len. Erst mit dieser Praxis wurden a l l e G r e n z e n zur alten sozialdemokratischen, antikapitalistischen Praxis über- schritten, wurde sozialdemokratische Politik sozialliberal und nationalistisch, wurden die Bindungen an den die "nationale Ge- meinschaft" repräsentierenden Staat über alle Klasseninteressen und über die internationale Solidarität gestellt. Damit hatte die sozialdemokratische Praxis die kühnsten Träume des bürgerlichen Sozialliberalismus und seiner Ideologen von der "Aussöhnung" zwi- schen Unternehmern und Arbeitern, zwischen Monarchie, Militaris- mus und Sozialdemokratie weit hinter sich gelassen. 14) 6. Die sozialliberale Fiktion von der "nationalsozialen Volksge- meinschaft", der Klassenzusammenarbeit und Sozialpartnerschaft wurde schwer erschüttert, als die Periode der militärischen Siege zu Ende ging, als der Krieg sich in die Länge zog und immer mehr Menschenleben forderte, als Hunger und Elend in der Heimat sich ausbreiteten und die Frage nach dem Sinn des Mordens, nach den U r s a c h e n des Krieges und nach den V e r a n t w o r t- l i c h e n immer häufiger und bohrender gestellt wurde. Die großen Streiks vom April 1917 und Januar 1918, der erste Matro- senaufstand vom Sommer 1917 zeigten, daß die sozialdemokratischen Führer zwar noch imstande waren, aus Hunger und Empörung geborene Massenbewegungen und Klassenkämpfe umzubiegen, daß sie sie aber nicht mehr verhindern konnten. Nicht einmal die von der sozialdemokratischen Führung als säkulares Ereignis gepriesene "Parlamentarisierung" des Regimes vom Herbst 1918 und der Eintritt sozialdemokratischer Staatssekretäre in das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden konnten die Monarchie noch retten. Die elementare Gewalt der Novemberrevolution 1918 zerriß den Schleier der "nationalen Volksgemeinschaft" und der Sozialpart- nerschaft, stellte schärfer und prinzipieller, als es je zuvor in Deutschland geschehen war, die alten K l a s s e n fronten der kapitalistischen Gesellschaft wieder her und rüttelte an den Grundfesten der Macht des Kapitals. War die Politik der sozialde- mokratischen Führung seit dem August 1914 wichtigster Integrati- onsfaktor für die Eingliederung der Arbeiterklasse in die militä- rischen und ökonomischen Aufgaben der imperialistischen deutschen Kriegspolitik, so wurde sie nun zum unersetzlichen R e t t e r des kapitalistischen Systems, der ökonomischen und politischen Klassenherrschaft der Bourgeoisie. Das war eine Funktion, die an- gesichts der Bestrebungen und Forderungen der revolutionären Mas- sen k e i n e der b ü r g e r l i c h e n Parteien mehr er- füllen konnte. Eine bürgerliche Regierung o h n e die Sozialde- mokratie war u n m ö g l i c h geworden. Von General Groener bis zu Otto Bauer sind sich die zeitgenössi- schen Kommentatoren über diese Funktion der offiziellen Sozialde- mokratie in den Revolutionskämpfen 1918-1919 einig. Groener be- richtet 1925 über die Vereinbarungen zwischen Hindenburg und Ebert: "Ich habe dem Feldmarschall zuerst den Rat gegeben, nicht mit der Waffe die Revolution zu bekämpfen, weil zu befürchten sei, daß bei der Verfassung der Truppen eine solche Bekämpfung scheitern würde. Ich habe ihm vorgeschlagen, die OHL (Oberste Heeresleitung) möge sich mit der MSP (Mehrheitssozialdemo- kratischen Partei, J. Sch.) verbünden, da es zur Zeit keine Partei gebe, die Einfluß genug habe im Volke, besonders bei den Massen, um eine Regierungsgewalt mit der OHL wiederherzustellen. Die Rechtsparteien waren vollkommen verschwunden, mit den äußersten Radikalen zu gehen, war ausgeschlossen." 15) Natürlich verlangte die Revolution wesentliche K o n z e s- s i o n e n, eine veränderte Taktik und eine andere Sprache von der während des Krieges hurrapatriotischen und offen integratio- nistischen MSP. Sie erforderte eine R ü c k k e h r zu sozia- listischen Bekenntnissen, Sozialisierungsversprechungen, gegen die Macht der Junker und des Kapitals gerichtete Beteuerungen. Es ist eine von der gesamten bürgerlichen und sozialdemokratischen Geschichtsschreibung schamhaft verdeckte Wahrheit, daß die Republik, der Achtstundentag, das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht in Preußen und den anderen Ländern, die Aufhebung der Gesindeordnung auf dem Lande, sozialpolitische Fortschritte in Deutschland das Ergebnis einer R e v o l u t i o n, wenn auch einer nicht vollendeten, waren. Da aber die ökonomische Macht des Großkapitals und des Großgrundbesitzes unangetastet blieb, da der alte bürokratische und militärische Apparat weitgehend übernommen wurde, blieb auch der gesellschaftliche B o d e n für die monarchistische und später faschistische Reaktion, die den konterrevolutionären Gegenangriff selbst gegen die bürgerlich- demokratischen Errungenschaften der Novemberrevolution bald vorzubereiten begann, erhalten. Die Politik der rechtssozialdemokratischen Führung und der Spit- zen der Gewerkschaften basierte, trotz aller sozialistischen Be- kenntnisse und der Rückkehr der programmatischen Aussagen zu ei- ner marxistisch klingenden Phraseologie, von Anfang an in der Weimarer Republik auf der Ideologie der ökonomischen und politi- schen Klassenzusammenarbeit mit der Bourgeoisie, der Integration der Arbeiterklasse in die kapitalistische Gesellschaft und den bürgerlich-parlamentarischen Staat. In ihren wichtigsten Methoden und Zielen war sie die Fortsetzung und Steigerung der Politik während des Krieges, da nunmehr auch die V e r a n t w o r- t u n g für die L e i t u n g der staatlichen Angelegenheiten auf bürgerlich-kapitalistischen Grundlagen übernommen wurde. Klassischer Ausdruck dieser Politik war das Abkommen zwischen Ebert und dem alten kaiserlichen Generalstab und die Zentral- arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmern und Gewerkschafts- führung, das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen vom November 1918. Natürlich konnten die Gewerkschaften in diesem Abkommen manche Zugeständnisse erreichen, aber das waren Zugeständnisse nicht an eine sozialpartnerschaftliche Gewerkschaftspolitik, son- dern an den machtvollen und bedrohlichen Druck der arbeitenden Massen in der R e v o l u t i o n, gemacht in der Furcht, eine Weiterführung der Revolution könnte das Ende des Kapitals über- haupt bedeuten. Das geistige Haupt der Verhandlungen auf Unter- nehmerseite, Hugo Stinnes, gab offen zu verstehen, was es mit dieser Kompromißbereitschaft des Großkapitals auf sich hatte: "Geben wir", sagte er, "den Gewerkschaften ihre Anerkennung, was wir brauchen ist eine Atempause, die unsere Arbeit ermöglicht, nachher wird sich alles von selbst regeln." 16) Die q u a l i t a t i v neue gesellschaftliche und staatliche Funktion, die die sozialdemokratische Politik in der Weimarer Re- publik übernommen hatte, verlieh auch der sozialpartnerschaftli- chen, integrationistischen Ideologie neue Züge, wobei zu beachten ist, daß bei jeder stärkeren Radikalisierung der Arbeitermassen infolge ökonomischer und politischer Krisenprozesse, bei jeder Gefahr der Ausbreitung linker Strömungen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften, die verbalen Konzessionen an reformsoziali- stische Positionen zunahmen. Diese i n h a l t l i c h neue Stufe sozialpartnerschaftlicher Ideologie resultierte vor allem aus einer veränderten Stellung zum S t a a t, aus der Teilnahme an der staatlichen Machtausübung, aus der leitenden Stellung in den ersten Nachkriegsregierungen und der Koalitionspolitik mit den bürgerlichen Parteien. Die offizielle sozialdemokratische Ideologie interpretierte diesen ihren Regierungseinfluß als Auf- hebung der bürgerlichen Klassenherrschaft, sie faßte den nach wie vor von Kapitalinteressen beherrschten und ihnen dienenden Staat als über den Klassen stehende, dem "Gemeinwohl" verpflichtete De- mokratie auf, die machtpolitisch auch dann wesentlich von der Ar- beiterklasse beeinflußt würde, wenn die Sozialdemokratie nicht an der Regierung beteiligt sei. In Wahrheit war die Sozialdemokratie und ihre vom rechten Flügel eindeutig bestimmte politische Praxis zum aktiven Pfeiler, zum Verwalter und Garanten des kapitalisti- schen Wirtschaftssystems und der politischen Macht der Bour- geoisie geworden und spielte für deren Stabilisierung in den Jah- ren nach der Novemberrevolution die entscheidende Rolle. Der in- tegrative Kern dieser Politik bestand in der Aussöhnung breiter Teile der Arbeiterklasse mit der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung, in der Dämpfung und Abwürgung sozialer und politi- scher Klassenkämpfe, in einer Politik der Klassenkooperation, zu deren Legitimation insbesondere in den konjunkturell günstigeren Jahren 1924"1928 auch bestimmte sozialpolitische Reformmaßnahmen und tarifliche Zugeständnisse gehörten. In dieser rechtssozialde- mokratischen Ideologie und Praxis war, trotz des verbalen Tributs an marxistische Traditionen (etwa im Heidelberger Programm 1925) und antikapitalistische Stimmungen unter den sozialdemokratischen Mitgliedern und Anhängern, der soziale Fortschritt bereits an die Stabilität der k a p i t a l i s t i s c h e n Gesellschaft ge- bunden. Theoretisch lag dieser Politik H i l f e r d i n g s Konzeption vom "organisierten Kapitalismus" zugrunde. Die kapitalistischen Vergesellschaftungs- und Konzentrationsprozesse, die Entwicklung staatsmonopolistischer Regulierungsmethoden wurden in einer die gesellschaftlichen Realitäten verklärenden, illusionären Inter- pretation, die auf eine Apologie der sozialdemokratischen Koali- tionspolitik und Sozialpartnerschaft hinauslief, als allmähliche Überwindung des Kapitalismus durch das "sozialistische Prinzip der Planmäßigkeit" gedeutet, als bewußte Einwirkung des Staates auf die Wirtschaft im Interesse der Gesamtgesellschaft, als un- mittelbarer Weg zum Sozialismus. Diese Projektion sozialistischer Verhältnisse in das existierende monopolkapitalistische Wirt- schaftssystem wurde in der politischen Sphäre ergänzt durch die Fiktion einer nicht mehr bürgerlichen, nicht mehr klassengebun- denen Demokratie, in der der Einfluß der Arbeiterklasse nur noch quantitativ ausgeweitet werden müsse. Folgerichtig existierte für die rechtssozialdemokratische Ideolo- gie in der Weimarer Republik kein unvereinbarer Gegensatz der Klasseninteressen mehr. Die Eigentumsfrage war - infolge der Ver- gesellschaftungsprozesse und des Staatsinterventionismus - prak- tisch unbedeutend geworden. Es galt nunmehr nur noch, auf dem Wege der "Wirtschaftsdemokratie" (Hilferding, Naphtali, Tarnow), durch wachsende Teilhabe der Arbeiter und Angestellten an der Leitung der wirtschaftlichen Prozesse, die im politischen Leben bereits errungene Demokratie (die als dauerhaft angesehen wurde) durch die Demokratie im Wirtschaftsleben zu ergänzen. In dieser Mitbestimmungskonzeption wurde die "Teilhabe" nicht als Mittel des Klassenkampfes und der demokratischen Kontrolle der Arbeiter- klasse im Kampfe gegen die Kapitalmacht gesehen, sondern als partnerschaftliche "Gleichstellung von Kapital und Arbeit". Diese Auffassung Hilferdings, Naphtalis und anderer war, wenn man von der stärker der alten sozialistischen Tradition verhafteten Phra- seologie absieht, eine Vorwegnahme grundsätzlicher Positionen des Godesberger Programms: die Macht des Kapitals sollte gebrochen werden, ohne die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse anzuta- sten; man wollte in den Sozialismus "hineinwachsen", ohne die ka- pitalistischen Produktionsverhältnisse zu beseitigen. Kein Wun- der, daß auf dem Magdeburger Parteitag der SPD 1929 die Weimarer Republik bereits als Gesellschaft im "Übergang zum Sozialismus, wirtschaftlich, politisch, sozial" angesehen wurde. 17) Selbst als 1929 die furchtbarste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus hereinbrach, als Millionen ihren Arbeitsplatz verlo- ren und die Lebensbedingungen des arbeitenden Volkes sich extrem verschlechterten, änderte die sozialdemokratische Ideologie nicht ihr idyllisches Bild von den grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnissen der Weimarer Republik. In demselben Jahre, in dem der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem Jahrbuch eine niederschmetternde Bilanz der sozialen Entwicklung der Weimarer Republik ziehen mußte - das Tarifrecht habe gewaltig an realem Wert verloren; das staatliche Schlichtungswesen sei zu einer Waffe gegen die Arbeiterschaft geworden; die gesetzliche Arbeits- zeit sei überholt; die Sozialversicherung erfülle weniger denn je ihre soziale Schutzaufgabe; die Arbeitslosenversicherung sei den untersten Fürsorgesätzen angepaßt; der Einfluß der Gewerkschaften im öffentlichen Leben sei zurückgedrängt; - selbst in diesem Jahr 1931 erklärte einer der maßgeblichen Wirtschaftsexperten der SPD und der Gewerkschaften, Fritz Tarnow, auf dem Leipziger SPD-Par- teitag: "... wenn die Nebel dieser ökonomischen Krise sich verzo- gen haben werden, dann wird man deutlich sehen, daß auch in die- ser Zeit die sozialistischen Fundamente stärker, die kapitalisti- schen schwächer geworden sind." 18) Das war anderthalb Jahre vor der Aufrichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland. Da es hier vor allem darum geht, gewisse Entwicklungsstufen sozi- alpartnerschaftlicher Ideologie und Praxis zu skizzieren, soll nur angedeutet werden, daß die Haltung eines beträchtlichen Teils der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion im Mai und Juni 1933 und der Führung der Gewerkschaften - das Ja sozialdemokratischer Abgeordneter zu Hitlers Außenpolitik; der Aufruf zur Teilnahme am "Tag der nationalen Arbeit" und die Briefe des ADGB-Vorsitzenden Leipart an Hitler mit dem Angebot zur Mitarbeit - nicht psycholo- gisch aus der Charakterschwäche einzelner Führer zu erklären sind, sondern daß diesem Verhalten eine politische Konzeption zu- grunde lag, die einen u n v e r k e n n b a r e n Z u s a m- m e n h a n g aufweist mit der seit dem August 1914 betriebenen Politik der Klassenzusammenarbeit in einem "übergeordneten natio- nalen Interesse". Auf die Gewerkschaften bezogen, aber auch für die Politik der SPD-Führung gültig, sagt F. Deppe mit Recht: "Vom 'Burgfrieden' (1914), über die 'Arbeitsgemeinschaft' (1918), die Ablehnung der revolutionären Bewegung 1918/19, die Unterstützung der Koalitionspolitik der SPD mit den bürgerlichen Parteien in der Weimarer Republik, bis hin zur 'Tolerierung' Brünings und schließlich der Kapitulation vor dem Faschismus zieht sich - gleich einem roten Faden - eine politische Linie des Autonomie- verzichts, der Integration und schließlich der Vernichtung der freien Gewerkschaften." 19) 7. Idee und Praxis der Sozialpartnerschaft und Klassenharmonie von Kapital und Arbeit wurden auf deutschem Boden durch den Fa- schismus schwer erschüttert. Zu deutlich war der Zusammenhang von Monopolkapital und faschistischer Herrschaft, von großkapitali- stischen Interessen und den Weltherrschaftsplänen des faschisti- schen deutschen Imperialismus, zu kompromittierend die unmittel- bare Schuld und Verantwortung der kapitalistischen "Wehrwirtschaftsführer", zu furchtbar die Leiden des Volkes und die Opfer des antifaschistischen Widerstands, als daß der Kurs einer Zusammenarbeit mit dem deutschen Großkapital unmittelbar wieder hätte aufgenommen werden können. Obwohl in der Führung der Sozialdemokratie der Westzonen die personelle Kontinuität zur Po- litik der SPD vor 1933 eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte, so mußte das politische Programm in den ersten Jahren nach der militärischen Niederschlagung des Faschismus durch die Armeen der Anti-Hitler-Koalition die antifaschistischen, antika- pitalistischen reformsozialistischen Momente und Zielsetzungen doch stark betonen. Kurt Schumacher sprach jahrelang vom - Sozia- lismus als Tagesaufgabe" und identifizierte die wirtschaftlichen Zerstörungen durch die anglo-amerikanischen Bombenangriffe mit einer Vernichtung des Kapitalismus. Es lag in dieser Richtung, daß Sozialisierungsforderungen Eingang fanden in gemeinsam von Sozialdemokraten, Kommunisten und christlich-sozialen Kräften eingebrachte Gesetze und in Länderverfassungen. Diesen programmatischen Forderungen w i d e r s p r a c h aber die Praxis des dominierenden rechten Flügels der SPD in doppeltem Sinne: antimonopolistische, gegen das Großkapital gerichtete Maß- nahmen hatten nur eine Chance, wenn die Arbeiterklasse in Akti- onsgemeinschaft handelte; gerade das aber verhinderte der ver- blendete Antikommunismus der SPD-Führung. Was die äußeren Fakto- ren betrifft, so hatten solche Maßnahmen nur eine Chance, wenn man sich auf die Festlegungen des Potsdamer Abkommens stützte, das von den alliierten Großmächten gemeinsam unterzeichnet worden war. Dies wiederum verhinderte der Antisowjetismus und die auf die westlichen Besatzungsmächte orientierte Politik der SPD-Füh- rung. Hinzu kam, daß die SPD nicht bereit war, einem konkreten, den geschichtlichen Bedingungen entsprechenden antifaschistischen und antimonopolistischen Ü b e r g a n g s programm zuzustim- men, daß sie sich von Anfang an als "dritte Kraft" zwischen Kapi- talismus und Kommunismus verstand und behauptete, einen "dritten Weg" einschlagen zu wollen. Die Spaltung der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung, der Antikommunismus mußte die von den west- lichen Besatzungsmächten betriebene abermalige Stärkung der groß- kapitalistischen Wirtschaftsmacht fördern und die Wiederherstel- lung seiner politischen Macht begünstigen. Je weiter der ökonomische, politische und geistige Restaurations- prozeßfortschritt, um so mehr wurde die Programmatik, wurden die ökonomischen und politischen Forderungen der Sozialdemokratischen Partei unter dem Einfluß des rechten Flügels diesem Prozeß "angepaßt", desto mehr wurden die Sozialisierungsforderungen und antimonopolistischen Vorschläge fallengelassen, die Frage des Ei- gentums an den Produktionsmitteln für veraltet erklärt, wurde in Anlehnung an die wirtschaftsdemokratischen Konzeptionen aus der Periode der Weimarer Republik die "Planung und Lenkung" durch ein wirtschaftliches Eingreifen des bestehenden Staates zum aus- schlaggebenden Problem für die Durchsetzung gesellschaftlicher Veränderungen erklärt. Der Prozeß der Anpassung fand seinen Schlußpunkt im Godesberger Programm von 1959, wo nach dem Ver- ständnis der Parteiführung der "Ballast" marxistischer und sozia- listischer Traditionen endgültig über Bord geworfen und wo die in der Praxis längst wieder dominierende sozialpartnerschaftlich-in- tegrationistische Politik auch programmatisch verankert wurde. Die Gewerkschaften, nach 1945 als Einheitsgewerkschaften gemein- sam von Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen geschaffen, einigten sich bei der Gründung des DGB 1949 in München auf ein Programm der "Neuordnung" von Wirtschaft und Gesellschaft, das einen prononciert antifaschistichen und antimonopolistischen Cha- rakter trug und in dem die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum, die Planung der Wirtschaftsprozesse, die betrieb- liche und überbetriebliche Mitbestimmung im Sinne demokratischer Kontrolle gefordert wurden. Es war ein Reformprogramm mit deutli- chen antikapitalistischen Akzenten. Im Zusammenhang mit dem reak- tionären Restaurierungsprozeß, der Durchsetzung des rechten Flü- gels in der SPD, mit dem auch in den Gewerkschaften sich ausbrei- tenden Antikommunismus und der Atmosphäre des kalten Krieges er- langte auch in den Gewerkschaften der sozialpartnerschaftlich-in- tegrationistische Flügel starken Einfluß. Aber die Entwicklung verlief keineswegs in exakter Parallelität zu der in der sozial- demokratischen Partei. Die an den unmittelbaren sozialen und de- mokratischen Klasseninteressen orientierten, dem kapitalistischen System kritisch gegenüberstehenden, an antikapitalistischen Vor- stellungen festhaltenden Kräfte blieben ein wesentlicher Faktor und konnten z.B. 1963 in der Auseinandersetzung um das neue Grundsatzprogramm die von Georg Leber und anderen Protagonisten der Sozialpartnerschaft unternommenen Vorstöße zu einer völligen Gleichschaltung mit dem Geist des Godesberger Programms der SPD verhindern. So entstand ein politischer Kompromiß, in dem wich- tige Elemente einer Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft der Bundesrepublik und Forderungen antimonopolistischen Charak- ters enthalten sind. 8. Inhaltlich behielt die Ideologie der Sozialpartnerschaft in der Arbeiterbewegung bestimmte früher entwickelte Grundmuster bei - Klassenzusammenarbeit und Harmonisierung der Klasseninteressen, Begrenzung von Reformforderungen auf den Rahmen der kapitalisti- schen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, Anerkennung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie als nicht mehr an die bürgerliche Klassenherrschaft gebunden und daher als non plus ultra staatlicher Entwicklung, die Notwendigkeit einer die Klasseninteressen überschreitenden gemeinsamen Krisenbewältigung usw. Zugleich entwickelte die Ideologie nach dem zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik auch einige s p e z i f i- s c h e Züge: So erhielt der seit 1917 in der rechtssozial- demokratischen Ideologie als wichtiges Moment enthaltene Anti- kommunismus durch die zum Kampf zweier realer Gesellschafts- ordnungen gewordene Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalis- mus und Sozialismus ein weit größeres Gewicht, vor allem im Verhältnis der beiden deutschen Staaten, und durchdringt heute nahezu alle Fragestellungen. Die Identifizierung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, mit der "Marktwirtschaft" ist heute ausgeprägter als früher. Dies gilt noch mehr für die uneingeschränkte Bejahung des politischen Systems und für das grundsätzlich positive Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien, das auch die Koalition mit der konservativen CDU-CSU und die gemeinsame Regierung mit einem F.J. Strauß einschloß. Die in der weltweiten Systemauseinandersetzung getroffene Entscheidung beeinflußte wiederum die außenpolitischen und militärpolitischen Bereiche und führte hier zu einer fast vollständigen Identifizierung mit der Politik der USA und der NATO bis hin zur moralischen und politischen Unterstützung der US A-Aggression in Indochina (Helmut Schmidt; In Vietnam verteidigen die Amerikaner auch unsere Freiheit). Zunehmende Bedeutung erlangten die Probleme der Krisenbewältigung sowohl politischer wie ökonomi- scher Natur. Willy Brandt begründete die Entscheidung für die Große Koalition mit den Worten: "Sie fiel auch nicht, weil wir unbedingt einmal mitregieren wollten, sondern weil sie in der ge- gebenen Lage politisch notwendig war, um eine Krise der Wirt- schaft und des Staates abzuwenden.... In der Bevölkerung hat man im vergangenen Herbst nicht gewußt, wie weit der Zerfall der staatlichen Autorität vorgeschritten war." 20) 9. In den Gewerkschaften hatte sich mit dem Restaurationsprozeß in den fünfziger Jahren der Einfluß der offen sozialpartner- schaftlichen Strömung zweifellos erweitert. Ihre Bemühungen, die Gewerkschaften ganz auf den von der SPD eingeschlagenen Kurs zu bringen, verstärkten sich nach 1959 und abermals, nachdem die SPD die Regierungsgeschäfte in Bonn übernommen hatte. Aber weder in den Auseinandersetzungen um das Grundsatzprogramm 1963 noch spä- ter gelang es dem (damals besonders von Leber und Arendt reprä- sentierten) integrationistischen Flügel, die relativ starke, für eine selbständige, von den unmittelbaren Klasseninteressen gelei- tete Politik eintretende, in ihren Zielvorstellungen reformsozia- listische Strömung auszuschalten oder beiseite zu schieben. So erklärt sich auch, daß im Unterschied zur Periode der Weimarer Republik die Gewerkschaften in zentralen wirtschaftlichen, sozia- len und politischen Fragen links von der SPD standen und stehen. Nach Annahme des Grundsatzprogramms 1963 beklagte die Bundesver- einigung deutscher Arbeitgeberverbände, daß das Programm "kein klares Bekenntnis zu unserer Wirtschaftsordnung abgibt". 21) Die Frankfurter Allgemeine Zeitung' schrieb in ihrem Kommentar zur Programmdiskussion: "Leber geht es darum, die Gewerkschaften als Teil dieses Staates und dieser Wirtschaftsordnung zu verstehen. ... Er will die Gewerkschaften mit der bestehenden Ordnung aus- söhnen. Die Diskussion, vor allem der scharfe Widerspruch, den Leber verschiedentlich fand, hat deutlich gemacht, wie schwer diese Aufgabe noch ist und wie stark viele Funktionäre geneigt sind, auch das neue Programm im Sinne einer überholten Ideologie zu interpretieren. " 22) Die sozialpartnerschaftlich-integrationistische Strömung in den Gewerkschaften basiert ideologisch auf der prinzipiellen Bejahung des kapitalistischen Systems als des auch im Interesse der Arbei- ter bestmöglichen; in ihrer Kritik beschränkt sie sich auf - Aus- wüchse", auf die Sphäre der Verteilung und die Sozialpolitik. Da- her verzichtet sie nicht nur auf Forderungen, die die Überwindung des kapitalistischen Systems implizieren würden, sondern auch auf Reformvorstellungen, die Eingriffe in die Profit- und Machtsphäre des Kapitals im Sinne demokratischer Kontrolle bedeuten könnten. Sie sieht die Gewerkschaften als System- und staatserhaltende Kraft, als "Ordnungsfaktor" nicht nur in den ökonomisch-sozialen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, sondern auch in der po- litisch-staatlichen Sphäre, wobei diese Stellung unabhängig von der konkreten politischen Machtausübung eingenommen wird. Im Tarifbereich, in den Unternehmen und Betrieben faßt diese Strömung das Verhältnis von Unternehmern und Lohnabhängigen als das von Partnern auf, die aufeinander angewiesen sind und das "Gesamtinteresse" des Unternehmens zu vertreten haben. In den ge- werkschaftlichen Vorschlägen akzentuiert sie daher alles, was eine a k t i v e Bindung an das einzelne kapitalistische Unter- nehmen und an das kapitalistische Wirtschaftssystem bewirken könnte (Vermögensbildung, Gewinnbeteiligung, Kleinaktien, Mitei- gentum). Die Mitbestimmungskonzeption geht davon aus, daß Arbei- ter und Unternehmer gemeinsam "die Träger des Unternehmensinter- esses" sind, daß durch die Mitbestimmung "noch vorhandene Klas- senkampfgedanken in unserer Gesellschaft endgültig zur Wirkungs- losigkeit verurteilt" wären. 23) (So hatte Georg Leber 1965 das von der IG Bau-Steine-Erden abgeschlossene "vermögenswirksame" Tarifabkommen eine "soziale Revolution" genannt.) Die Zielstel- lung sozialpartnerschaftlicher Gewerkschaftspolitik umriß Leber 1963 wie folgt: "Es muß auf beiden Seiten der Wille dasein, eine neue Form zu finden und den alten Stil und das alte Verhältnis durch etwas Zeitgemäßeres zu ersetzen. Die erste Voraussetzung dazu ist das gegenseitige Anerkennen. ... das Den-anderen-Aner- kennen und sein Da-sein als einen elementaren und unseren gesell- schaftlichen Vorstellungen entsprechenden Tatbestand aufzufassen, mit dem Willen, mit ihm zusammen an der Gestaltung wichtiger und notwendiger gemeinsamer Aufgaben zu wirken!" 24) 10. Objektive Voraussetzungen der weiten Verbreitung sozialpart- nerschaftlicher Vorstellungen in der Arbeiterklasse der Bundesre- publik nach dem zweiten Weltkrieg waren vor allem die relativ lange dauernde wirtschaftliche Konjunktur; der hohe Beschäfti- gungsgrad; die durch die Stärke der Gewerkschaften (und durch die ständige unsichtbare Einwirkung der bloßen Existenz der DDR) er- reichte Steigerung des Reallohnniveaus; die günstigen Kapitalver- wertungsbedingungen, die soziale Zugeständnisse leichter machten; der Ausbau des Systems der staatlichen Sozialversicherung; die Systemauseinandersetzung, die den Antikommunismus zu pathologi- schen Ausmaßen steigerte, und die Dominanz des rechten Flügels der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung. Hinzu kamen die re- pressiven Maßnahmen gegen die marxistischen Kräfte in der Arbei- terbewegung, das KPD-Verbot, die politischen Gesinnungsurteile gegen Hunderte von Kommunisten und Antifaschisten. Die Wirtschaftskrise 1966-67, noch stärker die Krise 1974-75 und die ihr folgende Stagnationsperiode haben zweifellos die o b j e k t i v e n Grundlagen der sozialpartnerschaftlichen Ideologie geschwächt, was natürlich nicht gleichbedeutend ist mit der Einschränkung ihrer Ausbreitung und Wirkung. Massenarbeitslo- sigkeit, die unsozialen Auswirkungen der kapitalistischen Ratio- nalisierungsprpzesse, der enger gewordene Spielraum für soziale Zugeständnisse sowohl im Tarifbereich als auch im Bereich der staatlichen Sozialleistungen, die brutalen Aussperrungen in den jüngsten Streikkämpfen sind nicht gerade die überzeugendsten Be- weise für den sozialen Charakter des kapitalistischen Systems, für die "Gleichberechtigung" von Kapital und Arbeit und für die Liebe zur Sozialpartnerschaft bei den Unternehmern. Es ist daher nicht verwunderlich, daß in den Gewerkschaften die Kritik am Kapitalismus, die Zweifel am Erfolg sozialpartner- schaftlicher Praxis, die Stimmen für eine eigenständige, vom Klasseninteresse geleitete Gewerkschaftspolitik stärker geworden sind, und dies trotz einer sozialdemokratisch geführten Regie- rung. Anders können die Forderungen nach dem Verbot der Aussper- rung und nach Durchsetzung des Rechts auf Arbeit nicht gedeutet werden. Wenn der DGB-Vorsitzende Oskar Vetter 1977 erklärte, die "kapitalistische Industriegesellschaft" sei in ein Stadium einge- treten, "wo sie ohne Rücksicht auf die Arbeitnehmer mehr Ar- beitsplätze vernichtet, als sie gleichzeitig an anderer Stelle schafft", und wenn er daraus folgerte, eine "entsprechende Ände- rung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik" sei erforder- lich und es wirke wie das Rezept eines Kurpfuschers, "wenn Unter- nehmer und Marktwirtschaftsideologen immer wieder auf die angeb- lich 'selbstheilenden Kräfte der Marktwirtschaft' vertrösten 25), so ist das eine Absage an entscheidende Positionen sozialpartner- schaftlicher Ideologie. Zahlreiche Funktionäre und Sprecher von Einzelgewerkschaften ha- ben die Ursachen und Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die Ar- beitslosigkeit, die Massenaussperrungen in der Druck- und Stahl- industrie in ähnlicher Richtung analysiert und das verbunden sowohl mit einer kritischen Haltung zum kapitalistischen Gesell- schaftssystem als auch zur Wirtschaftspolitik der sozialdemokra- tischen Regierung. Sie haben zugleich weit stärker als in den vergangenen Jahren die Notwendigkeit der E i g e n s t ä n- d i g k e i t und der Kampfbereitschaft der Gewerkschaften be- tont. Georg Benz von der IG Metall hat diese Gedankengänge sehr nachdrücklich zum Ausdruck gebracht: "Wir halten nichts von der Ideologie der Sozialpartnerschaft mit einer fast festgeschrie- benen Ordnungsfunktion der Gewerkschaft, während die Unternehmer allein an den Schalthebeln der Macht sitzen. Die geistigen Väter solcher Wunschvorstellungen haben den Gewerkschaften vorrangig die Aufgabe der Disziplinierung der Arbeitnehmer zudiktiert. Die Ziele solcher reaktionären Ideologien sind allzu durchsichtig: Man versucht den Gewerkschaften innerhalb des bestehenden Systems einen festen Standort zuzuweisen und das System als Ganzes jeglichen Veränderungen zu entziehen. Diese Rolle aber werden wir nicht spielen. Die Gewerkschaften sind nicht Ordnungsfaktor dieser Gesellschaft. Wir werden künftig in noch viel stärkerem Maße als bisher unsere ganze organisatorische Kraft für grundlegende gesellschaftliche Reformen ins Spiel bringen." 26) So haben die Krisenprozesse Veränderungen in Gang gesetzt, die für die künftige Entwicklung von Bedeutung sind. Zwar konnte in- folge der Schwäche der Linkskräfte in der Bundesrepublik noch keine stärkere Entwicklung politischen Klassenbewußtseins bewirkt werden, aber die Lohnbewegungen, die Kämpfe gegen die Rationali- sierungsfolgen und für die Sicherung von Arbeitsplätzen sind zweifellos Ausdruck einer Schwächung illusionärer Vorstellungen und einer zunehmenden Bereitschaft, die eigenen sozialen Interes- sen zu verteidigen. Die Überwindung der integrationistischen Ideologie ist ein komplizierter und langwieriger geschichtlicher Prozeß, der tiefgehende Veränderungen im Kräfteverhältnis inner- halb der Arbeiterbewegung, eine Stärkung der klassenbewußten Kräfte und vor allem der DKP als marxistischer Arbeiterpartei voraussetzt. _____ 1) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 4, S. 493. 2) Ebenda, S. 488. 3) F. Boese, Geschichte des Vereins für Sozialpolitik 1872-1932, S. 6, S. 10, zitiert in: Autorenkollektiv, Bürgerliche und klein- bürgerliche ökonomische Sozialismus-Konzeptionen, Berlin/DDR 1976, S. 120-121. 4) G. Schmoller, Die soziale Frage, Klassenbildung, Arbeiter- frage, Klassenkampf, München-Leipzig 1918,5. 619, zitiert nach: Bürgerliche und kleinbürgerliche ökonomische Sozialismus-Konzep- tionen, a.a.O., S. 126. 5) F. Naumann, zitiert nach: Die bürgerlichen Parteien in Deutschland, Handbuch Bd. II, Leipzig 1970, S. 380. 6) H. Pesch, zitiert in: Bürgerliche und kleinbürgerliche ökono- mische Sozialismus-Konzeptionen, a. a. O., S. 161. 7) Zitiert bei Karl Kautsky, Schmoller über den Fortschritt der Arbeiterklasse, Die Neue Zeit, Jg. XXII, Bd. 2, 1904, S. 228 f. 8) G. Schmoller, in: Zwanzig Jahre deutscher Politik 1897-1917, S. 111, Zitiert in: Bürgerliche und kleinbürgerliche..., S. 125. 9) F. Naumann, Protokoll des 6. Vertretertages des Nationalsozia- len Vereins 1901, S. 100 f., zitiert in: Die bürgerliche Parteien in Deutschland, Handbuch Bd. II, a.a.O., S. 379-380. 10) Programm des Nationalsozialen Vereins, in: Handbuch ..., S. 377. 11) Max Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, Gesammelte polit. Schriften, S. 20, München 1921, zitiert in: R. Opitz, Der deutsche Sozialliberalismus 1917-1933, Köln 1973, S. 69. 12) Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution?, Gesammelte Werke Bd. 1, 1. Halbband, Berlin-DDR 1970, S. 429. 13) Ebenda, S. 440. 14) Vgl. E. Jaeckh, Der goldene Pflug, S. 104, zitiert in: R. Opitz, a.a.O., S. 55. 15) Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbei- terbewegung, Reihe II - Band 2, S. 357, Anmerkung. 16) Zitiert bei H. Böhme, Prolegomena zu einer Sozial- und Wirt- schaftsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, S. 112, hier nach: Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung (Deppe, Fülberth, Harrer [Hrg.]), Köln 1977, S. 152. 17) Protokoll des SPD-Parteitags 1929 in Magdeburg, S. 109. 18) Protokoll des SPD-Parteitags 1931 in Leipzig, S. 50. 19) F. Deppe, Autonomie und Integration, Materialien zur Gewerk- schaftsanalyse, Marburg 1979, S. 122. 20) Protokoll der Bundeskonferenz der SPD 1967 in Bad Godesberg, S. 117. 21) Demokratischer und sozialer Rechtsstaat, Dokumente zur Ge- werkschaftspolitik, Bochum 1964, S. 133 f. 22) FAZ vom 22.11.1963. 23) Karlheinz Sohn, Welt der Arbeit Nr. 37, September 1965. 24) Georg Leber, Unser Weg, Protokoll des 6.0. Gewerkschaftstages der IG Bau-Steine-Erden 1963, S. 153. 25) Oskar Vetter in: Gewerkschaftliche Monatshefte 4/1977, S. 219. 26) Georg Benz auf der 10. Jugendkonferenz der IG Metall 1974, zitiert in: IMSF (Hrg.), DBG - Wohin? Frankfurt/M. 1978, S. 79, 80. zurück