Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 02/1979
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ZWISCHEN SOZIALPARTNERSCHAFTSIDEOLOGIE UND KLASSENBEWUSSTSEIN -
ZUR BEDEUTUNG DER WIDERSPRÜCHE IM ARBEITERBEWUSSTSEIN
Harald Werner
1. Ursprung und Bedeutung widersprüchlichen Bewußtseins - 2. Der
Doppelcharakter von Staatsillusion und Partnerschaftsideologie -
3. Das ökonomische Lagebewußtsein - 4. Realistische Elemente im
Bewußtsein vom Staat - 5. Sozialpartnerschaftliches Denken der
Arbeiter - Widersprüche zur herrschenden Ideologie - 6. Die Wi-
dersprüche im projektiven politischen Denken - 7. Aktuelle Ent-
wicklungsbedingungen des Arbeiterbewußtseins in der BRD.
Die empirischen Untersuchungen zum Arbeiterbewußtsein, so unter-
schiedlichen Zielsetzungen und entgegengesetzten wissenschafts-
theoretischen Grundannahmen sie auch folgten, stimmen in der
Feststellung eines strukturierenden Bewußtseinsmerkmals überein:
In der Beschreibung widersprüchlicher Bewußtseinsinhalte. Je nach
dem, ob die jeweiligen Untersuchungen von der Hypothese einer Ni-
vellierung oder Integration der Arbeiterklasse ausgingen oder das
erkenntnisleitende Interesse der Forscher auf Keimformen klassen-
bewußter Realitätswiderspiegelung ausgerichtet war, wurden die
der eigenen Untersuchungsrichtung widersprechenden Bewußtseinsin-
halte dann als traditionsbedingte Restgrößen klassenkämpferischen
Denkens oder als ideologiebedingte Überlagerungen interpretiert.
Besonders die Parteilichkeit linker Sozialforscher scheint sol-
ches Vorgehen zu rechtfertigen. Kommt es doch darauf an, das
Neue, das Vorwärtstreibende zu erfassen und wo möglich auf seine
Entwicklungsbedingungen zurückzuführen. Doch dem liegt einmal
eine falsche Auffassung von der Struktur und inneren Gesetzmäßig-
keit des gesellschaftlichen Bewußtseins zugrunde, und das fußt
zum anderen auf einer zu oberflächlichen Interpretation dessen,
was scheinbar im Gegensatz zur realitätsgerechten Widerspiegelung
der Arbeiterexistenz und der Bedingung ihrer Emanzipation steht.
Oder anders gesagt, man müßte stärker der Frage nachgehen, ob die
als falsch abgetanen Bewußtseinsinhalte nicht doch Keimformen des
politischen Klassenbewußtseins sind.
Den aufgeworfenen Fragen soll im folgenden nachgegangen werden.
In einem zweiten Schritt soll versucht werden, anhand einer vor-
liegenden empirischen Untersuchung 1) die Bedeutung aktuell vor-
handener Widersprüche zu analysieren. Es geht dabei um den Inhalt
und die Funktion sozialpartnerschaftlichen Denkens beziehungs-
weise um die sogenannte Staatsillusion der Arbeiter.
1. Ursprung und Bedeutung widersprüchlichen Bewußtseins
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In zahlreichen empirischen Untersuchungen wird das Zurückbleiben
des Arbeiterbewußtseins hinter seinen objektiven Bedingungen, wie
auch die Widersprüchlichkeit einzelner Bewußtseinsinhalte, als
das Besondere der gegenwärtigen Epoche, als die eigentlich nicht
"normale" Entwicklung des Arbeiterbewußtseins behandelt. So
schreiben schon Kern/Schumann: "Die einheitlichen Strukturen im
gesellschaftlichen Denken haben sich offenkundig stark vermin-
dert." 2) Der Zerfall "kollektiven Denkens" wird als empirisch
feststellbare Retardierung behandelt, als hätte es vor dem ein
anderes, nämlich ein einheitliches Arbeiterbewußtsein gegeben.
Empirisch läßt sich solch eine Annahme nicht beweisen, und theo-
retisch ist sie nicht begründbar. Einheitliche Strukturen im Ar-
beiterbewußtsein sind nur anzunehmen, wenn der Satz, daß das ge-
sellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, mechanistisch miß-
verstanden wird. Eben dieses Mißverständnis des strukturellen Zu-
sammenhangs von Sein und Bewußtsein durchzieht nicht nur die bür-
gerliche Polemik gegen die marxistisch-leninistische Widerspiege-
lungstheorie, der auf dieser Grundlage unterstellt wird, Bewußt-
sein als Reflex der Ökonomie abzutun, diese Vereinseitigung steht
zweifellos auch Pate bei den zahlreichen Versuchen linker Wissen-
schaftler, die von Marx und Engels begründete Theorie der Entste-
hung gesellschaftlichen Bewußtseins durch allerlei Zutaten, be-
sonders solche der Psychoanalyse zu "ergänzen". 3)
Wenn etwa Thomas Leithäuser formuliert: "Der mögliche Entwick-
lungsprozeß vom Alltagsbewußtsein zum Klassenbewußtsein wird
durch gesellschaftliche Instanzen blockiert, die ... dem Überbau
zuzurechnen sind" 4), dann verbirgt sich dahinter die Annahme,
daß an sich das gesellschaftliche Sein seine Entsprechung im ge-
sellschaftlichen Bewußtsein fände, wenn es nicht wie auch immer
beschaffene Instanzen gäbe, die sich zwischen Sein und Bewußtsein
schieben.
Doch das empirisch auffindbare Arbeiterbewußtsein - und das gilt
nicht allein für unsere konkret historische Situation in der BRD
- ist mit all seiner Widersprüchlichkeit und seinen Vorstellungen
das "normale" Arbeiterbewußtsein. Die Widersprüchlichkeit des ge-
sellschaftlichen Seins selbst reflektiert sich ebenso wider-
sprüchlich im Denken der handelnden Menschen. Was hier wider-
sprüchlich ist, ist also nicht erst das Bewußtsein, sondern be-
reits das gesellschaftliche Sein. Dabei treten Erscheinungen des
gesellschaftlichen Überbaus zwar zwischen den funktionalen Zusam-
menhang von Sein und Bewußtsein, aber sie selbst sind nichts Ei-
genständiges, sondern selbst Produkte des gesellschaftlichen
Seins. Die Wirkung des subjektiven Faktors etwa gründet sich auf
nichts anderes als auf das gesellschaftliche Sein der Menschen;
auch wenn ihm eine relative Selbständigkeit zukommt.
Leontjew hat nachgewiesen, daß historisch mit der Entstehung der
Klassengesellschaften ein völlig neuer Typ des Bewußtseins ent-
steht. Das von ihm als "desintegriert" bezeichnete Bewußtsein in
Klassengesellschaften ist grundsätzlich durch das Auseinanderfal-
len von Sinn und Bedeutung gesellschaftlicher Tätigkeit gekenn-
zeichnet. "Der Arbeiter weiß zwar, welche allgemeine gesell-
schaftliche Bedeutung sein Schaffen hat; diese gesellschaftliche
Bedeutung stimmt jedoch nicht mit dem persönlichen Sinn überein"
5). Die Einsicht in die Bedeutung, die eine bestimmte Tätigkeit
für die Gesellschaft hat, steht in vielen Bereichen, nicht allein
in der Arbeitstätigkeit, im Gegensatz zum persönlichen Sinn, den
der Handelnde mit seinem Tun verbindet. Dementsprechend grundle-
gend charakterisiert Leontjew die Auswirkungen auf das die Hand-
lung steuernde Bewußtsein: "Es ist ganz gleich, welchen konkret-
psychologischen Zug im Psychischen eines Menschen, der unter den
Bedingungen des Privateigentums lebt, wir herausgreifen, es ist
ganz gleich, ob wir die Besonderheiten seines Denkens, seiner In-
teressen oder seiner Gefühle betrachten. Stets erkennen wir dabei
den Stempel dieser Bewußtseinsstruktur." 6)
Will man den Ursprung widersprüchlichen Denkens, letztlich aber
auch die Widersprüchlichkeit der gesamten psychischen Tätigkeit
des Arbeiters erfassen, dann reicht es nicht aus, diese aus der
Tätigkeit von Überbauinstitutionen oder aus der sich veränderten
organischen Zusammensetzung des Kapitals abzuleiten, wie dies
manche industriesoziologisch orientierten Untersuchungen unter-
nehmen. Vielmehr kommt es darauf an, die Wirkung all dieser na-
türlich trotzdem wirkenden Faktoren vor dem Hintergrund des an
sich durch widersprüchliche Realitätserfahrung typisierten Be-
wußtseins zu betrachten.
Soviel zum Ursprung und auch zur Natürlichkeit der empirisch auf-
findbaren Widersprüche im Arbeiterbewußtsein.
Damit ist für die weiteren Überlegungen festgestellt, daß die Ge-
gensätze im Bewußtsein, sowohl in ihrer Beziehung zur objektiven
Wirklichkeit als auch im Denken selbst, als Ausdruck der Klassen-
gesellschaft untersucht werden müssen. Aktuelle historische Be-
dingungen , wie der Entwicklungsstand der Produktionsweise oder
die besondere Qualität des subjektiven Faktors der BRD können
demnach nur als intervenierende, die allgemeinen Gesetzmäßigkei-
ten differenzierende Variablen betrachtet werden. Gleichzeitig
muß jedoch der Frage nachgegangen werden, wie sich die Wider-
sprüchlichkeit des Bewußtseins auf die psychische Tätigkeit, d.
h. auch auf die Bewußtwerdungsprozesse auswirkt. Was letztlich
auch der Beantwortung der Frage dient, ob das, was als wider-
sprüchlich oder der Realität widersprechender Bewußtseinsinhalt
diagnostiziert wird, nur falsch ist oder ob es nicht auch rich-
tige Elemente beinhaltet, die für den Bewußtwerdungsprozeß von
wichtiger Bedeutung sind.
Auch zur Beurteilung der Bedeutung von widersprüchlichen Bewußt-
seinsinhalten sind grundlegende Überlegungen notwendig. Als er-
stes muß hervorgehoben werden, daß das Bewußtsein unmittelbar mit
der Tätigkeit verbunden ist. Es verdankt seine Entstehung phylo-
genetisch und ontogenetisch der zielgerichteten Tätigkeit,
gleichzeitig steuert es jedoch auch die Tätigkeit, wobei alle Ar-
ten und Sphären sich durchdringen, voneinander abhängen und Form
und Inhalt des praktischen Handelns beeinflussen. 7)
So entstehen die unterschiedlichen Bewußtseinsarten aus der prak-
tischen Tätigkeit des Individuums, wie auch aus der Tätigkeit der
Gesamtgesellschaft, wobei die verschiedenen Elemente des subjeti-
ven Faktors wie ein nichtstatisches Prisma wirken, durch das sich
die Wirklichkeit bricht. Damit das Bewußtsein seine handlungs-
steuernde Funktion wahrnehmen kann, ist es gezwungen, eine ei-
gene, nämlich psychische Tätigkeit zu entwickeln. Diese Tätigkeit
besteht in der ständigen Anpassung der Bewußtseinsinhalte an die
Realität sowie auf einer höheren, nämlich erkennenden Ebene in
der Abstimmung der Bewußtseinsinhalte miteinander. Dabei spielen
die auftretenden Widersprüchlichkeiten eine besondere Rolle. Zum
einen ist der Hypothese Holzkamps zuzustimmen, - daß in der Wahr-
nehmung objektive Widersprüchlichkeiten subjektiv eingeebnet, Un-
vereinbarkeiten in ihren Bestimmungsmomenten isoliert und damit
unerkennbar gemacht werden". 8)
Andererseits findet die Einebnung bewußtseinsmäßiger Widersprüche
dort ihre Grenzen, wo diese Widersprüche nicht nur als solche der
Realität erfahren werden, sondern die wahrgenommenen Tatsachen
die soziale Existenz bedrohen. Die von Holzkamp beschriebene wi-
derspruchseliminierende Funktion der Wahrnehmung darf nicht als
absolut wirkender psychischer Mechanismus gewertet werden, der
unabhängig vom Inhalt der Wahrnehmung existiert.
Das empirisch erfaßbare Arbeiterbewußtsein ist zum Beispiel davon
gekennzeichnet, daß sich die Arten politisches und ökonomisches
Bewußtsein im Widerspruch zueinander entwickeln. Deppe hat in
seiner Analyse empirischer Arbeiten den Ursprung dieses - Dop-
pelcharakters" darin gesehen, daß das Bewußtsein "sowohl die Be-
dingungen der proletarischen Klassenlage als auch die Bedingungen
der relativen ökonomischen, politischen und ideologischen Stabi-
lität" in sich aufgenommen hat, die für die Periode des Nach-
kriegskapitalismus lange Jahre kennzeichnend war. 9) Bei der all-
täglichen Wahrnehmung sozialer Tatsachen wird der Arbeiter den
Widerspruch zwischen seiner Arbeitsplatzerfahrung und der herr-
schenden Ideologie so lange eliminieren können, so lange er sei-
nen Arbeitsplatz hat. Er wird die Tatbestände, die ihn an seine
Klassenlage erinnern, zwar wahrnehmen, und sie werden den Inhalt
seines ökonomischen Denkens bestimmen, da sie hier ihre Bedeutung
für das ökonomische Handeln haben, er wird das Wahrgenommene aber
nicht in Beziehung zu seiner Existenz als Staatsbürger bringen.
Gefragt nach seiner gesellschaftlichen Rolle, wird er jene Ideo-
logien verbalisieren, die die veröffentlichte Meinung für ihn
produziert hat. Er kann dies einerseits, weil sich diese Ideolo-
gien zumindest teilweise mit der relativen Stabilität der Gesell-
schaft decken, und er kann dies andererseits, weil seine eben-
falls erfahrene Klassenlage dem nicht so grundsätzlich wider-
spricht, daß sich alle Elemente der herrschenden Ideologie als
falsch herausstellen.
In diesem Fall kann davon ausgegangen werden, daß der Arbeiter
die Wirklichkeit selektiv wahrnimmt, daß seine psychische Tätig-
keit Widersprüche eliminiert. Bedingung eines solchen "stabilen
Doppelcharakters" ist freilich eine relative Stabilität äußerer
Bedingungen.
Selbstverständlich werden vom Arbeiter dennoch Gegensätze wahrge-
nommen. Aber diese Gegensätze erscheinen als ebenso natürlich,
wie die alltägliche Erfahrung des Widerspruchs zwischen dem per-
sönlichen Sinn und der gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit.
Die Gewöhnung an diesen Widerspruch entwickelt eine Vorstellung
von der Gesellschaft, in der notwendigerweise der einzelne gegen
das Ganze beziehungsweise jeder gegen jeden steht, und in der
notwendigerweise auch die Interessen der Arbeiter gegen die der
Kapitalisten stehen. Da die herrschende Ideologie dies nicht
leugnet, sondern in einem pluralistischen Gesellschaftsmodell
aufhebt, können sowohl die Erfahrung der Klassenlage als auch die
Übernahme der herrschenden Ideologie einer auf Gleichheit sich
gründenden Gesellschaft nebeneinander im Bewußtsein existieren.
Ganz davon abgesehen, daß auf der Ebene des Tausches tatsächlich
"ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte" 10) zu finden
ist.
Die Gegensätze im Bewußtsein werden nicht notwendigerweise elimi-
niert, sie existieren fort, einerseits weil die herrschende Ideo-
logie sie nicht leugnet, sonder erklärt, und andererseits, weil
bei relativ gesicherter Existenz der Widerspruch "erträglich"
bleibt. Bei näherer Betrachtung, und darauf hat Deppe bereits
hingewiesen, erweist sich der vorfindliche Doppelcharakter des
Arbeiterbewußtseins nicht als Resultat besonderer psychischer
Prozesse, sondern als Ergebnis herrschender objektiver Bedingun-
gen. Die herrschende Klasse erkauft sich den relativ stabilen
Doppelcharakter des Arbeiterbewußtseins, und das heißt letztend-
lich auch seine Loyalität, mit steigendem Realeinkommen und einer
Zunahme staatlicher Reproduktionsleistungen. Im gleichen Maße,
wie die Stabilität dieser objektiven Bedingungen durch die Krise
gefährdet wird, verliert auch der Widerspruch seine Stabilität.
Die entscheidende Frage, die sich gerade in der Krise stellt,
richtet sich damit auf die psychischen Gesetzmäßigkeiten des Be-
wußtseins. Setzt sich die eliminierende Funktion der Wahrnehmung
durch, wie sie Holzkamp beschreibt, kommt es also zu einer be-
wußtseinsmäßigen Einebnung der Widersprüche, oder wird der im Be-
wußtsein schärfer hervortretende Widerspruch zur Bedingung kämp-
ferischer Handlungsbereitschaft? Leontjew vertritt die letztere
Auffassung und folgert, daß der Mensch bestrebt ist, "die Desin-
tegration seines Bewußtseins zu überwinden. Er tut das nicht aus
abstrakter Liebe zur Wahrheit , sondern aus dem Verlangen nach
einem wahren Leben" 11). Und weiter weist er darauf hin, daß dar-
aus gerade beim Arbeiter "das Verlangen nach wahrem Verstehen und
Wissen" entsteht. 12) Aber auch diese der Aussage von Holzkamp
entgegengesetzte Annahme ist nach unserer Meinung nicht in der
Lage, die aufgeworfene aktuelle Frage zu beantworten. Beide psy-
chischen Mechanismen sind in den Gesetzmäßigkeiten des Bewußts-
eins aufgehoben, und welcher davon sich durchsetzt, ist offen-
sichtlich von weiteren, und zwar von äußeren Bedingungen abhän-
gig.
Die psychischen Strukturen und Gesetzmäßigkeiten existieren ja
nicht an sich, sondern sind ein Korrelat der Tätigkeit. Das Ver-
langen, den bewußt werdenden Widerspruch aufzuheben, wird nur
dann entstehen, wenn dies mit einer äußeren Handlung zusammen-
fällt. Solche äußeren Handlungen sind die spontanen Bewegungen
gegen die Willkür des Kapitals oder auch des Staates. Zum anderen
scheint es nicht gleichgültig, welche Bewußtseinsinhalte bereits
vorhanden sind. Wenn wir also die eingangs gestellte Frage beant-
worten wollen, wie sich unter den Bedingungen der Krise das durch
seinen Doppelcharakter gekennzeichnete Bewußtsein entwickelt,
dann müssen wir einmal die konkreten Kämpfe der Arbeiterklasse
beobachten, und wir müssen zum anderen die Inhalte der im Bewußt-
sein festgestellten Widersprüche untersuchen. Womit wir zu der
eingangs aufgestellten Hypothese zurückkommen, daß das, was als
falscher Bewußtseinsinhalt abgetan wird, für die Entwicklung des
Klassenbewußtseins ebenso wichtig ist, wie die bereits richtigen
Widerspiegelungsformen.
Frank Deppe hat in der Diskussion um das Arbeiterbewußtsein die
Frage aufgeworfen, ob nicht bereits die sogenannten Staatsillu-
sionen der westdeutschen Arbeiterklasse wichtige Keimformen poli-
tischen Bewußtseins enthalten. 13) Nach unserer Auffassung gilt
diese Frage nicht nur für das Staatsbewußtsein der Arbeiter, für
ihre sogenannte 'Staatsillusion', sondern das gilt in ähnlichem
Maße für die Sozialpartnerschaftsideologie. Auch hier gilt es zu
untersuchen, ob die Inhalte dieses Denkens bei den Arbeitern zu-
mindest vorwärtstreibende Elemente beinhalten.
2. Der Doppelcharakter von Staatsillusion
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und Partnerschaftsideologie
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Nicht erst in der BRD oder in der Weimarer Republik, sondern be-
reits im Kaiserreich entwickelte die deutsche Bourgeoisie gegen-
über den revolutionären Bestrebungen der Arbeiterbewegung eine
äußerst geschickte Integrationspolitik. In einer Quellenstudie
über den bürgerlichen Konservatismus weist Manfred Hahn nach, daß
Reformbereitschaft und schonungslose Aufdeckung sozialer Skandale
ein Wesensmerkmal der bürgerlichen Strategie zur Erhaltung ihrer
Existenzgrundlagen darstellen. "Soll das bedrohte System erhalten
bleiben, müssen seine 'Übel' beseitigt oder zumindest gemildert
werden. Daher als Hauptmoment des bürgerlichen Konservatismus der
Ruf nach bessernder Umbildung: gefordert wird die soziale Re-
form." 14) Wohl in keinem führenden kapitalistischen Land wurde
die Integration der Arbeiterschaft so früh und so konsequent be-
gonnen, wie in Deutschland. Das Ensemble staatlicher Sozialein-
richtungen, kombiniert mit schon früh entwickelten "Mitwir-
kungsmöglichkeiten" der Betriebsvertretungen, hat das Denken der
Arbeiter seit Generationen geprägt. Helmut Schmidts "Modell
Deutschland" ist so letztlich nur die ideologische Krönung einer
mehr als hundertjährigen Integrationsstrategie der deutschen
Bourgeoisie.
Deshalb sind Staatsillusion und Sozialpartnerschaftsideologie
auch kein allein für die BRD typisches Moment im gesellschaftli-
chen Bewußtsein, sondern besondere Elemente im subjektiven Faktor
der deutschen Gesellschaft seit Bismarck. Ohne diese Elemente
kann weder die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, noch die
verhinderte Neuordnung nach der Niederlage des Faschismus ausrei-
chend erklärt werden. Kein Wunder also, daß sie im Bewußtsein der
Arbeiter einen so nachhaltigen Niederschlag gefunden haben und
Wirklichkeitserfassung, aber auch das projektive politische Den-
ken durchdringen.
Ohne Zweifel sind die Erfolge der sozialintegrativen Strategie
beachtlich. Aber auch das nicht erst seit drei Jahrzehnten BRD.
Schon kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges konnte der Kathederso-
zialist Lujo Brentano auf stolze Erfolge der Integrationsstrate-
gie verweisen: "Durch den Kathedersozialismus ist das Deutsche
Reich vor dem Zusammenbruch bewahrt worden, der ihm ohne die von
den Kathedersozialisten befürwortete Politik vom Abfall der Ar-
beiterklasse gleich bei Ausbruch des Krieges gedroht hätte." 15)
Aber dies ist nur die eine Seite der Integration. Die andere be-
steht in einem tiefverwurzelten Anspruch der Arbeiterschaft auf
vernünftiges soziales Handeln des Staates. Die Sozialstaatsillu-
sion ist kein Bewußtseinsmerkmal, das seine Existenz der reinen
Ideologie verdankt, sie ist auch das Ergebnis materieller Bedin-
gungen. Wobei nicht übersehen werden kann, daß diese Bedingungen
selbst die Spuren erfolgreicher Kämpfe der Arbeiterklasse tragen.
Daß bei diesem Doppelcharakter der Sozialstaatsillusion die Seite
überwiegt, die das Bewußtsein der westdeutschen Arbeiterklasse
loyal an das bestehende System bindet, kann und soll hier nicht
bestritten werden. Was jedoch bestritten wird, ist die Behaup-
tung, daß dieser Bewußtseinsinhalt erst gänzlich absterben muß,
ehe die Arbeiterklasse ein politisches Bewußtsein entwickeln
kann, das seinen höchsten Ausdruck in der Einsicht in die Notwen-
digkeit politischer Machtergreifung findet. Vielmehr liegt in der
Sozialstaatsillusion die Einsicht in die Notwendigkeit der Ein-
flußnahme auf den Staat bereits begründet. Im gleichen Maße, wie
die Macht des bürgerlichen Staates nicht mehr in der Lage ist,
die Lebensinteressen der Arbeiterklasse zu gewährleisten, ent-
puppt sich der herrschende Staatsapparat als nur bürgerliches
Machtinstrument. Und dies nur deshalb, weil die Staatsvorstellung
der Arbeiter, so sehr sie auch vermittelt sein mag durch die
herrschende Ideologie, in Widerspruch gerät zur Wirklichkeit
staatlichen Handelns.
In die Überlegung, welche Rolle das Staatsbewußtsein der west-
deutschen Arbeiter in der gegenwärtigen Krise, in der offensicht-
lichen Unfähigkeit des Staates, seinen eigenen ideologischen An-
sprüchen gerecht zu werden, spielen wird, muß auch der Funktions-
wandel des Staates einbezogen werden. Unter den Bedingungen des
staatsmonopolistischen Kapitalismus greift der staatliche Macht-
apparat im zunehmenden Maße zugunsten der Monopole in die allge-
meinen Reproduktionsbedingungen ein. Dies kollidiert notwendiger-
weise mit den Erwartungen, die die Arbeiterklasse an den Staat
richtet. So sehr also diese Erwartungen auch das Ergebnis der
oben beschriebenen Integrationsstrategie sein mögen, im Zeitpunkt
ihrer Nichterfüllung führen sie zum Entstehen von Konflikten, die
nicht mehr allein auf ökonomischer Ebene angesiedelt sind.
Der These von Deppe, daß in den neueren empirischen Untersuchun-
gen die Sozialstaatsillusionen falsch interpretiert werden, kann
vor dem Hintergrund eines sich in seiner Funktion wandelnden
Staates voll zugestimmt werden. "Es handelt sich bei diesen Er-
wartungen (der Arbeiter, H.W.) vielmehr um Keimformen eines poli-
tischen Bewußtseins, das die richtige Erkenntnis in sich aufge-
nommen hat, daß die Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft ge-
genwärtig nicht mehr ausschließlich auf der Ebene des Austauschs
von Lohnarbeit und Kapital und auf der Ebene des Verteilungs-
kampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital gewährleistet werden kön-
nen." 16)
Wie weiter unten anhand empirischer Ergebnisse belegt werden
kann, treten bei gewerkschaftlich aktiven Arbeitern eine dezi-
dierte Kritik an den Handlungszielen des Staatsapparates zusammen
mit einer weitgehenden Bindung an die diesen Staat tragende Sozi-
aldemokratie auf.
Von einem ähnlichen Doppelcharakter ist die Sozialpartnerschaft-
sideologie. Auch in ihr liegt nicht nur eine Hinnahme der kapita-
listischen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel begründet,
sondern gleichermaßen das Ziel einer gesamtgesellschaftlichen
Ausrichtung ökonomischen Handelns. Und wenn auch durch solche so-
zialpartnerschaftlichen Institutionen wie die Konzertierte Aktion
nicht die Interessen der Arbeiterklasse, sondern die des Kapitals
durchgesetzt werden, so verankert sich doch im Bewußtsein der Ar-
beiter damit gleichzeitig der Gedanke zentraler Verteilungsent-
scheidungen.
Es ist in beiden Fällen, in der Verbreitung der Sozialstaatsillu-
sion und in der Verankerung der Sozialpartnerschaftsideologie,
das Paradoxon enthalten, daß die bürgerliche Herrschaft zu herr-
schaftssichernden Ideologien greift, die mit ihrem Gegenteil be-
haftet sind, nämlich mit Prinzipien, deren tatsächliche Verwirk-
lichung die Aufhebung bürgerlicher Herrschaft notwendig macht.
Es scheint sicher, daß Staatsillusionismus und sozialpartner-
schaftliches Denken in sich selbst zwar den Keim richtiger Ein-
sichten bergen, daß dieser Keim jedoch nicht biologistisch aus
sich selbst heraustreibend neue Einsichten hervorbringt. Auch der
Widerspruch zwischen der zutreffenden Einsicht in die Klassenlage
und der ideologisch mystifizierten Disposition gegenüber dem
Staat bringt von sich aus nicht die gedankliche Aufhebung des Wi-
derspruchs hervor. Trotzdem schafft der hier beschriebene Wider-
spruch in der Staatsillusion und der Sozialpartnerschaftsideolo-
gie, wie auch der Widerspruch zwischen diesen Vorstellungen und
der Einsicht in die eigene Klassenlage, eine psychische Ausgangs-
situation, die das Wirksamwerden besonderer Gesetzmäßigkeiten des
Bewußtseins möglich macht.
G.G. Diligenski greift in seiner Arbeit über die Bedürfnisse der
Arbeiterklasse 17) die These von Leontjew über das Auseinander-
fallen von persönlichem Sinn und gesellschaftlicher Bedeutung auf
und bezeichnet die hierbei auftretende Spannung als mächtigen
"inneren Stimulus" des Bewußtseins. 18) Nach seiner Auffassung
"fungiert die Basisspannung als A u s g a n g s c h a r a k t e-
r i s t i k des inneren Zustandes des Subjekts". 19)
So könnten auch die oben bezeichneten Widersprüche als "Basis-
spannung" gewertet werden, die vermittelt durch Tätigkeit zur
gedanklichen Aufhebung treibt. Wichtig ist aber auch hier
wiederum die Rolle der Tätigkeit, die einerseits den Widerspruch
im Bewußtsein zur psychischen Spannung werden läßt und anderer-
seits auch erst den äußeren Zwang zur Anpassung des Bewußtseins
an die Tätigkeit setzt. Damit der durch Tätigkeit beginnende und
sich psychisch fortsetzende Prozeß der Angleichung des Bewußts-
eins an die Realität und damit die Entwicklung von politischem
Klassenbewußtsein erfolgreich verlaufen kann, muß jedoch eine
weitere Voraussetzung vorhanden sein, nämlich die wirksame Propa-
gierung von Theorien, die an die richtigen Einsichten anknüpfen
können. Damit kommt der empirischen Untersuchung des Arbeiterbe-
wußtseins eine besondere Aufgabe zu. Sie hat die Inhalte wider-
sprüchlichen Bewußtseins unter der Prämisse zu erfassen, daß in
den "falschen "Bewußtseinsinhalten Elemente zutreffender Wirk-
lichkeitserfassung vorhanden sind, und sie muß das innere Band
deutlich machen, das Einsicht in die ökonomische Klassenlage und
Gesellschaftsvorstellung miteinander verbindet. Auf der Grundlage
dieser Kenntnis können erst weiterführende programmatische Forde-
rungen entwickelt werden, die an das vorhandene Bewußtsein an-
knüpfen. "Hier wird deutlich", so schreibt. J.H. v. Heiseler, -
daß die Erarbeitung einer alternativen Wirtschaftspolitik nicht
nur - und das ist selbstverständlich - für die gewerkschaftliche
Gesamtstrategie immer notwendiger wird; es zeigt sich, daß diese
Aufgabe auch unbedingt vom Gesichtspunkt der Entwicklung des Be-
wußtseins der Arbeiter und Angestellten angegriffen werden muß."
20)
3. Das ökonomische Lagebewußtsein
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Das ökonomische Lagebewußtsein ist bei der Arbeiterklasse im Ge-
gensatz zu anderen Bewußtseinsinhalten am weitesten entwickelt.
Das belegen fast alle empirischen Untersuchungen, die dieser Fra-
gestellung nachgehen. Bei Walter Nickel bezeichnen 70 Prozent der
Facharbeiter die Einkommens- und Vermögensverteilung als "unge-
recht und einseitig". 21)
In der von einer Forschungsgruppe vom Institut für Soziologie an
der FU in Westberlin durchgeführten Untersuchung zum Arbeiterbe-
wußtsein in der Krise waren es 63 Prozent der Lohnarbeiter, die
die bestehenden Einkommensunterschiede als "nicht berechtigt" be-
zeichneten. 22) Und in der IMSF-Studie zum Bewußtsein von Jugend-
lichen im Großbetrieb zeigten sich 74 Prozent der Ausgelernten
mindestens bedingt bereit, durch eigene Handlung etwas zur Verän-
derung der Einkommensverteilung beizutragen. 23)
In der uns vorliegenden Untersuchung fällt das Ergebnis noch ein-
deutiger aus, was einerseits darauf zurückzuführen sein mag, daß
die 298 Befragten zum Kern der gewerkschaftlichen aktiven Lohnab-
hängigen gerechnet werden können. Es sind Teilnehmer an gewerk-
schaftlicher Bildungsarbeit, die zu 23,5 Prozent Betriebsvertre-
tungen angehören oder Vertrauensleute sind. Andererseits wurden
eine ganze Reihe von Fragen zur ökonomischen Lage gestellt, so
daß das abgegebene Urteil an Sicherheit zunimmt. 24)
Auf die Frage, wie sie die Einkommensverteilung in der BRD beur-
teilen, antworteten 86,2 Prozent, daß "noch große Unterschiede"
bestehen, und nur 13,4 Prozent wählten die etwas weniger kri-
tische Antwortmöglichkeit "hier und da bestehen noch Ungerech-
tigkeiten". In einer weiteren Frage waren 71,5 Prozent sogar
davon überzeugt, daß diese Unterschiede größer geworden sind,
15,8 Prozent waren der Meinung, daß sich nichts verändert habe,
und nur 12,1 Prozent waren der Meinung, daß sich die Unterschiede
verringert hätten.
Ähnlich fallen die Antwortprofile zu Fragen der Vermögensbildung,
der Arbeitsbelastung und der Sicherheit der Arbeitsplätze aus. So
waren 85,5 Prozent der Meinung: "Vollbeschäftigung wie in den
vergangenen Jahren wird es nicht mehr geben, auch wenn die Ar-
beitslosenzahl zurückgeht." Die Belastung am Arbeitsplatz beur-
teilten 83 Prozent zunehmend negativ. Aus sechs Fragen mit 23
Antwortmöglichkeiten wurde dann eine neue Variable gebildet, für
die sich die in der Tabelle l festgehaltene Verteilung ergab.
Dabei entspricht der Typ 1 der neuen Variable einer durchgehend
zutreffenden Beurteilung bei allen sechs Fragen, während im Ge-
gensatz dazu der Typ 4 stark widersprüchliche Positionen zeigt.
Insgesamt kann davon ausgegangen werden, daß 54,3 Prozent der Be-
fragten eine sehr genaue Kenntnis der ökonomischen Klassenlage
haben. Ein Anteil, der bei keinem anderen Bewußtseinsinhalt er-
reicht wurde.
Tabelle 1:
Verteilung innerhalb der Variable "ökonomisches Lagebewußtsein"
Typ Kennzeichnung n %
1 Genaueste Kenntnis 82 27,5
2 Überwiegend genaue Kenntnis 80 26,8
3 Kritische, aber widersprüchliche Beurteilung 69 23,2
4 Unkritische, aber stark widersprüchliche Vorstellung 51 17,1
Nicht zuzuordnen 16 5,4
Insgesamt N =298 100,0
Setzt man diese Einschätzung der ökonomischen Lage in Beziehung
zu anderen Bewußtseinsinhalten, so zeigt sich, daß ein starker
Zusammenhang zwischen der Beurteilung der Klassenlage und der
Einstellung zum gewerkschaftlichen Kampf besteht. Das wird aus
den Tabellen 2 und 3 deutlich, deren Irrtumswahrscheinlichkeit
jeweils wesentlich geringer als 5 Prozent ist. Ganz offensicht-
lich bestehen deutliche Beziehungen zwischen der Einsicht in die
ökonomische Lage von abhängig Beschäftigten und einer entspre-
chenden Erwartung an die Gewerkschaften.
Tabelle 2:
Ökonomisches Lagebewußtsein / Beurteilung der gewerkschaftlichen
Kampfbereitschaft
Frage: Glauben Sie, daß die Gewerkschaften in der Geschichte der
BRD hätten härter vorgehen müssen, um die Interessen der Arbeit-
nehmer durchzusetzen?
Ja Nein Keine Antwort
N=213 N=39 N=30
Typ % % %
1 35,2 15,4 3,3
2 28,6 30,8 23,3
3 23,9 25,6 26,7
4 12,3 28,2 46,7
Es wird aus anderen Korrelationen auch sichtbar, daß die Beurtei-
lung der Lage der Arbeiterklasse Grundlage für bewußtes politi-
sches Denken ist. Jene Befragten, die ein entwickeltes politi-
sches Bewußtsein haben, finden sich fast ausschließlich bei den
beiden bewußtesten Typen in der Variable "ökonomisches Lagebe-
wußtsein", aber je nachdem, wie abstrakt der politische Inhalt
ist, der angesprochen wurde, findet sich ein immer kleiner wer-
dender Teil von Befragten mit zutreffender Beurteilung der ökono-
mischen Lage der Arbeiterklasse in den bewußtesten Typen politi-
schen Denkens. Das gilt auch für den Zusammenhang zwischen Ein-
stellung zur Sozialpartnerschaft und Lagebewußtsein.
Auch zur Sozialpartnerschaft wurde, wie noch weiter unten erläu-
tert wird, aus mehreren Fragen eine vierfachgestufte Variable ge-
bildet (vgl. Tab. 7). Nur 10,1 Prozent aller Befragten nahmen
hierbei eine eindeutige Ablehnung sozialpartnerschaftlicher Ver-
lautbarungen vor, während 48,7 Prozent sozialpartnerschaftlichen
Vorstellungen weitgehend zustimmten. Von der Gruppe derjenigen,
die durchgängig bei allen sechs Fragen zur ökonomischen Lage der
Arbeiterklasse zutreffende Antworten abgaben, fanden sich bei den
entschiedenen Gegnern sozialpartnerschaftlichen Denkens nur noch
26,8 Prozent. Umgekehrt in Beziehung gesetzt, was aus der Tabelle
4 nicht sichtbar wird, zeigten aber 90 Prozent der Befragten mit
eindeutiger Ablehnung der Sozialpartnerschaft eine genaue oder
überwiegend genaue Kenntnis der Einkommens- und Vermögensvertei-
lung sowie der Entwicklungsbedingungen von Arbeitsbelastung und
Arbeitsmarkt.
Tabelle 3:
Ökonomisches Lagebewußtsein / Bejahung politischer Aktivitäten
der Gewerkschaften
Frage: Sollten die Gewerkschaften ihre Macht einsetzen, um poli-
tische Forderungen durchzusetzen?
Ja Nein Keine Antwort
N=173 N=98 N=10
Typ % % %
1 40,5 10,2 20,0
2 26,6 31,6 30,0
3 20,2 34,7 0,0
4 12,7 23,5 50,0
Tabelle 4:
Zusammenhang zwischen ökonomischem Lagebewußtsein und Einstellung
zur Sozialpartnerschaft
Einstellung zur Ökonomisches Lagebewußtsein
Sozialpartnerschaft Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Typ 1 26,8 6,6 2,9 2,0
Typ 2 20,7 30,3 23,5 5,9
Typ 3 15,9 13,1 19,2 29,4
Typ 4 36,6 50,0 54,4 62,7
Auch bei dieser Verteilung ist die Irrtumswahrscheinlichkeit
kleiner als 1 Prozent.
4. Realistische Elemente im Bewußtsein vom Staat
------------------------------------------------
Die vorliegende Untersuchung ging von der Hypothese aus, daß sich
im staatsmonopolistischen Kapitalismus so zahlreiche Beziehungen
zwischen der ökonomischen Lage der Arbeiterklasse und dem ökono-
mischen Handeln des Staates ergeben, daß zum ökonomischen Lagebe-
wußtsein auch die Beurteilung der Staatstätigkeit gehört. Da die
Untersuchung nicht nur in eine Zeit ungebrochener Krisenentwick-
lung, sondern auch in einen Bundestagswahlkampf fiel, konnte da-
von ausgegangen werden, daß gerade die gewerkschaftlich aktiven
Lohnabhängigen die wirtschaftlichen Aktivitäten der Bundesregie-
rung bzw. ihre ideologische Begründung intensiv wahrgenommen hat-
ten.
Erstaunlicherweise zeigt sich denn auch bei diesem Aspekt des Be-
wußtseins eine deutliche Kritik an der Wirtschaftspolitik der
Bundesregierung und eine kritische Einschätzung der Machtkonzen-
tration. Es wäre jedoch verfehlt, die folgenden Ergebnisse als
die allein wesentlichen Indikatoren der Staatsbeurteilung zu wer-
ten. Aus anderen Abschnitten der Untersuchung läßt sich ein ent-
gegengesetztes Urteil über den kapitalistischen Staat ablesen.
Deutlich wird jedoch, daß das Bewußtsein vom Staat nicht nur wi-
dersprüchlich ist, sondern auch Elemente enthält, an die sich an-
knüpfen läßt, die eine Basis für die Einsicht in die Notwendig-
keit der Eroberung politischer Macht durch die Arbeiterklasse
darstellen.
Bezogen auf die allgemeinen Krisenerscheinungen, wurden die In-
terviewpartner gefragt: "Die Bundesregierung hat eine Reihe von
Maßnahmen ergriffen, die der Beseitigung der Wirtschaftskrise
dienen sollen. Wem nutzen diese Maßnahmen am meisten?" Nur 12,1
Prozent waren der Auffassung, daß diese Maßnahmen den
"Arbeitnehmern" nutzen, 28,5 Prozent gingen davon aus, daß sie
"allen gleichermaßen" zugute kommen, und 53,0 Prozent gaben als
Hauptnutznießer die Unternehmer an. Da nur 4,4 Prozent aller Be-
fragten keine Antwort abgaben, kann man davon ausgehen, daß auf
diese Frage mit großer Sicherheit geantwortet wurde.
Noch kritischer fällt die Beurteilung der Wirtschaftspolitik aus,
wenn nach dem größten Einfluß verschiedener Machtgruppen gefragt
wird. Hier waren 67,1 Prozent der Meinung, daß die Unternehmer
den größten Einfluß auf die Wirtschaftspolitik der Bundesregie-
rung ausüben. 14,4 Prozent glaubten, daß die Gewerkschaften den
größeren Einfluß haben, und 13,1 Prozent gaben als mächtigsten
Einflußfaktor - das Ausland" an. Wird die Frage weiter gefaßt und
nach dem allgemeinen Einfluß verschiedener Machtgruppen auf die
gesamte Politik der Bundesregierung gefragt, dann werden immer
noch mit 44 Prozent die Unternehmerverbände an erster Stelle er-
wähnt. Hier aber sind bereits 14,4 Prozent der Meinung, daß sich
die Bundesregierung nicht "von außen" beeinflussen läßt.
Tabelle 5:
Verteilung innerhalb der Variable "Beurteilung der politisch-öko-
nomischen Machtverhältnisse"
Typ Kennzeichnung n %
1 Bewußte, den Klassenantagonismus widerspiegelnde
Vorstellung 72 24,2
2 Überwiegend vom Klassenantagonismus geprägte
Vorstellung 61 20,5
3 Kritische bis pluralistische Beurteilung
der Machtverhältnisse 104 34,9
4 Pluralistische oder stark widersprüchliche
Beurteilung 49 16,4
Nicht zuzuordnen 12 4,0
Insgesamt N=298 100,0
Auch in diesem Fall wurden mehrere Fragen zu einer neuen Variable
zusammengefaßt. Es ergibt sich eine Verteilung, die nicht mehr so
eindeutig wie bei der Beurteilung der ökonomischen Lage der Ar-
beiterklasse ist, die aber dennoch deutlich macht, wie kritisch
das ökonomische Handeln der Bundesregierung beurteilt wird und
wie stark die Einsicht in die politische Machtlosigkeit der ab-
hängig Beschäftigten entwickelt ist.
Das hier vorliegende Ergebnis bestätigt die Annahme, daß es nicht
nur Widersprüche zwischen ökonomischem und politischem Bewußtsein
gibt, sondern daß das politische Bewußtsein selbst, als das Be-
wußtsein vom Staat und seiner Funktion, dort beginnt in sich wi-
dersprüchlich zu werden, wo der Staat unmittelbar in die Vertei-
lungskämpfe eingreift.
Wie aus anderen, weiter unten zitierten Ergebnissen hervorgeht,
herrschen bei der Befragungsgruppe, trotz überwiegend kritischer
Beurteilung der ökonomischen Tätigkeit des Staates, erhebliche
Illusionen über die Entwicklungsmöglichkeiten des bestehenden
Staats- und Gesellschaftssystems. Diese Illusionen knüpfen sich
eindeutig an die Rolle der SPD in der Regierungsverantwortung. Es
kann aber nicht mehr davon ausgegangen werden, daß sich diese Il-
lusionen an einen grundsätzlich neutralen Staats- und Regierungs-
apparat knüpfen.
Für eine sehr große Gruppe der aktiven Gewerkschafter gilt offen-
sichtlich, daß antimonopolistische Forderungen und sogenannter
Staatsillusionismus gleichermaßen im Bewußtsein verankert sind.
Die Klammer beider sich widersprechender Bewußtseinsinhalte liegt
in dem großen Vertrauen begründet, das diese Befragten in die SPD
setzen. Deppe folgert, daß dieses Bewußtsein "deshalb illusionär
und widersprüchlich bleiben muß, weil es nicht durch die gewerk-
schaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterbewegung
zur praktischen Kritik der Staatstätigkeit und zum Kampf um die
Durchsetzung allgemeiner Reproduktionsinteressen auf der Ebene
der Staatstätigkeit vermittelt wird." 25)
Der Weg, auf dem diese Vermittlung stattfinden kann, ist in den
vergangen Monaten deutlich geworden. Der Auszug aus der Konzer-
tierten Aktion, der Kampf um die 35-Stunden-Woche und auch die
Beschlüsse des 11. DGB-Bundeskongresses zeigen, daß dieser Weg
über autonome gewerkschaftliche Positionen und Kämpfe führen muß.
Nur so lassen sich die bestehenden Widersprüche im Bewußtsein
auflösen.
5. Sozialpartnerschaftliches Denken der Arbeiter -
--------------------------------------------------
Widersprüche zur herrschenden Ideologie
---------------------------------------
Ohne Zweifel wird jede empirische Untersuchung zum Arbeiterbe-
wußtsein eine Vielzahl sprachlicher Äußerungen erheben können,
die als gängige Formulierungen der herrschenden Sozialpartner-
schaftsideologie identifiziert werden können. Es liegt jedoch die
Vermutung nahe, daß die Inhalte dieser Äußerungen nicht mit den
Inhalten identisch sind, die die bewußten Produzenten dieser
Ideologie damit verbinden. In der Vorbereitung der hier angespro-
chenen Untersuchung tauchte dieser Verdacht erstmals bei der Kon-
struktion des Fragebogens auf.
Um in den standardisierten Fragebogen Antwortmöglichkeiten aufzu-
nehmen, die der Sprachform und der Argumentationsrichtung der Be-
fragtengruppe entsprechen, wurden vorbereitete Intensivinterviews
geführt, die in ihrer Struktur zwar schon dem endgültigen Frage-
bogen entsprachen, die aber wörtliche Antwort-Formulierungen er-
zielten und Nachfragen zuließen. Dabei zeigte sich, daß die bloße
Frage nach der Möglichkeit sozialpartnerschaftlicher Zusammenar-
beit zwar klare Antworten erbringt, daß die Interviewpartner auch
relativ flüssig antworten, daß aber hinter Ablehnung oder Zustim-
mung sehr unterschiedliche Beweggründe stehen. Gleichzeitig
knüpften die Befragten an die sozialpartnerschaftliche Koopera-
tion Bedingungen, die die Verwirklichung solcher antimonopolisti-
scher Forderungen, wie Investitionskontrolle und Einschränkung
der Monopolmacht notwendig machen. Mit einem geschlossenen Frage-
bogen lassen sich solche Differenzierungen nur schlecht einfan-
gen. Sie können nur im Vergleich zwischen verschiedenen Aussagen
annähernd beschrieben werden.
Um mehr zufällige Einstufungen zu verhindern, wurden den Befrag-
ten sieben Fragen beziehungsweise Statements zum Thema Sozial-
partnerschaft vorgelegt. Auf die Frage: "Glauben Sie, daß Gewerk-
schaften und Unternehmer grundsätzlich als Partner zusammenarbei-
ten können, oder ist das nicht möglich?", antworteten 52 Prozent
mit ja und 45 Prozent mit nein, nur 3 Prozent gaben keine Antwort
ab. Das Ergebnis für sich allein interpretiert berechtigt zu der
Annahme, daß der Anteil der Sozialpartnerschaftsideologie ableh-
nend gegenüberstehender Befragter relativ hoch ist. Die Annahme
freilich ist falsch. Wie sich aus der Tabelle 6 ablesen läßt,
gibt es einen sehr hohen Anteil von Interviewpartnern, die Sozi-
alpartnerschaft nur deshalb nicht für möglich halten, weil be-
stimmte Bedingungen, wie etwa das Einhalten der Absprachen durch
die Unternehmer oder die Voraussetzungen zur "vertrauensvollen
Zusammenarbeit" nicht gegeben sind.
Darüber hinaus ist die Bereitschaft sehr groß, sozialpartner-
schaftlichen Aussagen zuzustimmen, wenn mit dem vorgelegten Sta-
tement bestimmte Stereotype, wie der Bezug auf das Gemeinwohl,
verbunden sind.
Insgesamt gibt es bei der Reaktion auf die Statements zur Sozial-
partnerschaft eine erhebliche Streuung. Die Ablehnung sozialpart-
nerschaftlicher Aussagen schwankt zwischen 45 und 12,8 Prozent
und die Zustimmung zwischen 52 und 74,5 Prozent. Das macht be-
reits sichtbar, daß der Anteil entschiedener Sozialpartner-
schaftsgegner relativ klein ist, jedenfalls erheblich kleiner als
die Antwort auf die vorab genannte Grundsatzfrage vermuten läßt.
In der Auswertung wurden dann typische Antwortkombinationen er-
mittelt und wiederum einer vierfachgestuften Variable zugeordnet.
Wie die Tabelle 7 erkennen läßt, ist die Gruppe der grundsätzlich
Ablehnenden nach der Auswertung nur noch mit 10,1 Prozent vertre-
ten. Selbst wenn man berücksichtigt, daß Verständnisfehler bei
der Antwortabgabe möglich sind und die Befragten des Typ 2 immer
noch eine grundsätzliche Ablehnung der Sozialpartnerschaft zei-
gen, was die Zusammenfassung der Typen 1 und 2 rechtfertigte,
sind es nicht mehr als 31,2 Prozent aller Befragten, die eine si-
chere Ablehnung der Sozialpartnerschaftsideologie vornehmen. Die
eigentliche Mittelgruppe, die sehr widersprüchlich antwortete,
machte nur 18,5 Prozent aus, und der Typ 4, dem Befragte zugeord-
net wurden, die fast durchgängig sozialpartnerschaftliche Stereo-
type als richtig ankreuzten, nimmt mit 48,7 Prozent den größten
Anteil ein.
Für die weitere Analyse der Daten war es wichtig zu erfahren,
welche anderen Bewußtseinsinhalte gerade diejenigen haben, die
eine stark widersprüchliche oder die Sozialpartnerschaft beja-
hende Einstellung aufweisen. Denn auf diese Weise konnte festge-
stellt werden, welche inhaltlichen Vorstellungen hinter der Beja-
hung der Sozialpartnerschaft zu suchen sind.
Die Tabellen 8 und 9 verdeutlichen den Zusammenhang zwischen der
Einstellung zur Sozialpartnerschaftsideologie und der Beurteilung
einer kämpferischen Gewerkschaftsstrategie. So wurde unter an-
derem gefragt: "Glauben Sie, daß die Gewerkschaften irgendwann in
der Geschichte der Bundesrepublik hätten härter vorgehen müssen,
um die Interessen der Arbeitnehmer durchzusetzen?" Die Frage
schloß sich an eine Fragenbatterie zum Thema Streik an, so daß
dieses härtere Vorgehen bereits eine recht konkrete Richtung an-
sprach. 74,5 Prozent aller Befragten stimmte dieser Meinung zu.
Tabelle 6:
Einstellung zum Verhältnis zwischen Unternehmern und abhängig Be-
schäftigten
Frage: Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen zum Verhältnis
von Unternehmern und abhängig Beschäftigten. Welche der nebenste-
henden Meinungen finden Sie richtig, und welche finden Sie
falsch?
Statement Richtig Falsch Keine Antwort
N = 298 % % %
Kapital und Arbeit haben zwar
unterschiedliche Interessen, doch
wenn beide Seiten das Gemeinwohl
beachten, können Konflikte vermieden
werden. 67,8 23,8 8,4
Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit
zwischen Kapital und Arbeit ist nicht
möglich, weil die Unternehmer ihren
Gewinn nur auf Kosten der Arbeiter und
Angestellten erwirtschaften können. 58,4 28,9 12,8
58,4
Ein partnerschaftliches Verhältnis
zwischen Kapital und Arbeit wäre
möglich, wenn sich die Unternehmer an
die getroffenen Vereinbarungen halten
würden. 61,1 27,9 11,1
Der Gedanke der Sozialpartnerschaft
verschleiert die wirklichen Verhält-
nisse in der Gesellschaft. 59,4 25,8 14,8
Seitdem die Macht der Unternehmer
durch Gesetze und Tarifverträge
eingeschränkt wurde, ist in der BRD
die Sozialpartnerschaft an die Stelle
des Klassenkampfes getreten. 50,3 35,6 14,1
Sozialpartnerschaft ist nur dort
möglich, wo sich beide Seiten um ver-
trauensvolle Zusammenarbeit bemühen. 74,5 12,8 12,8
Die in der Tabelle auftretenden Differenzen sind nicht mehr si-
gnifikant. Nach dem Chi-Quadrat-Test kann nicht mit ausreichender
Sicherheit ausgeschlossen werden, daß die auftretenden Abweichun-
gen mehr als zufälliger Natur sind. Das heißt, daß unabhängig von
der Einstellung zur Sozialpartnerschaft ein härteres Vorgehen der
Gewerkschaften für notwendig befunden wird oder abgelehnt wird.
Da die der Sozialpartnerschaftsideologie weitgehend zustimmenden
Befragten des Typ 4 immer noch zu 70,3 Prozent eine härtere
Gangart der Gewerkschaften befürworten, läßt sich vermuten, daß
das Verhaftetsein in sozialpartnerschaftlichem Denken eine Beja-
hung kämpferischer Gewerkschaftsstrategie nicht ausschließt.
Diese Annahme läßt sich durch die Korrelation mit einer weiteren
Frage zur Gewerkschaftspolitik erhärten. Gefragt, ob die Gewerk-
schaften ihre Macht auch einsetzen sollten, um politische Forde-
rungen durchzusetzen, also Forderungen gegenüber dem Staat,
stimmten 61,3 Prozent dem zu, 35,3 Prozent lehnten eine solche
Gewerkschaftspolitik ab, und 3,4 Prozent gaben keine Antwort.
Tabelle 7:
Einstellung zur Ideologie der Sozialpartnerschaft
Typ Kennzeichung n %
1 Grundsätzlich ablehnende Einstellung 30 10,1
2 Ablehnende Einstellung mit widersprüch-
licher Beurteilung 63 21,1
3 Ablehnende, aber stark widersprüchliche
Einstellung 55 18,5
4 Überwiegend positive Einstellung zur
Sozialpartnerschaft 145 48,7
nicht zuzuordnen 5 1,6
N = 298 100,0
Tabelle 8:
Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Bejahung eines härteren
Vorgehens der Gewerkschaften
Bejahung eines härteren Einstellung zur Sozialpartnerschaft
Vorgehens der Gewerkschaften Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Ja 93,4 77,7 74,5 70,3
Nein 3,3 17,5 16,4 15,2
Keine Antwort/Weiß nicht 3,3 4,8 9,1 14,5
Tabelle 9:
Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Bejahung einer politische
Forderungen durchsetzenden Gewerkschaftsstrategie
Sollten die Gewerkschaften
ihre Macht einsetzen, um
politische Forderungen Einstellung zur Sozialpartnerschaft
durchzusetzen? Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Ja 86,7 58,7 63,0 56,6
Nein 10,0 39,7 31,5 40,0
Keine Antwort/Weiß nicht 3,3 1,6 5,6 3,4
Auch bei dieser Tabelle ist die Irrtumswahrscheinlichkeit mit 6
Prozent so hoch, daß die Unterschiede nicht mehr als signifikant
angenommen werden können. Obwohl also im Typ 1 immerhin 86,7 Pro-
zent der Forderung zustimmen und im Typ 4 nur noch 56,6 Prozent,
kann nicht davon gesprochen werden, daß die Einstellung zur Sozi-
alpartnerschaft zu signifikanten Unterschieden in der Beurteilung
einer politische Forderungen durchsetzenden Gewerkschaft führt.
Hält man sich vor Augen, daß 56,6 Prozent derjenigen, die am
deutlichsten für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den
Unternehmern sind, trotzdem für eine Gewerkschaft eintreten, die
ihre Macht einsetzt, um politische Forderungen durchzusetzen, was
eindeutig gegen die herrschende Ideologie der Sozialpartnerschaft
spricht, dann lassen sich zumindest zweierlei Schlußfolgerungen
ziehen. Entweder ist die Bereitschaft zur partnerschaftlichen Zu-
sammenarbeit mit den Unternehmern auf einen sehr engen, nämlich
den betrieblichen Bereich begrenzt, oder die Befragten haben
tatsächlich eine völlig andere Vorstellung von Sozialpartner-
schaft, als auf der Grundlage ihrer Antwortstruktur angenommen
werden kann.
Beide Annahmen, die sich im übrigen auch nicht gegenseitig aus-
schließen, finden sich bestätigt, wenn man die Reaktion auf sozi-
alpartnerschaftliche Statements in Beziehung zu antimonopolisti-
schen Forderungen setzt. Im Anschluß an einen Fragenkomplex zur
Krisenpolitik wurden die Interviewpartner gefragt, ob sie
"grundlegende Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem für not-
wendig" halten. 63,8 Prozent stimmten solchen Veränderungen zu.
Den Zustimmenden wurden dann vier verschiedene Veränderungen vor-
gelegt und nach ihrer Stellungnahme gefragt. Setzt man diese
Stellungnahmen in Zusammenhang zur Bejahung oder Ablehnung der
Sozialpartnerschaft, dann ergeben sich für die Beurteilung der
Widersprüche im Arbeiterbewußtsein bedeutsame Ergebnisse.
Tabelle 10:
Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Befürwortung von Investi-
tionskontrollen und Investitionslenkung
Kontrolle und Lenkung Einstellung zur Sozialpartnerschaft
der Investitionen Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Ja 89,7 88,6 75,0 65,7
Nein 10,3 9,1 15,0 30,7
Keine Antwort 0 2,3 10,0 3,6
Hier sind die auftretenden Differenzen zwischen den verschiedenen
Typen der Einstellung zur Sozialpartnerschaft so gering, daß die
Irrtumswahrscheinlichkeit, die Unterschiede könnten doch mehr als
zufällig sein, 38 Prozent beträgt. Da in den Sozialwissenschaften
höchstens eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent akzeptiert
wird, ist die Interpretation erlaubt, daß kein Zusammenhang zwi-
schen den beiden Variablen besteht.
Tabelle 11:
Einstellung zur Sozialpartnerschaft und Befürwortung der Verge-
sellschaftung der Schlüsselindustrie und marktbeherrschender Un-
ternehmen
Vergesellschaftung der
Schlüsselindustrie und markt- Einstellung zur Sozialpartnerschaft
beherrschender Unternehmen Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Ja 93,1 72,2 65,0 54,1
Nein 6,9 22,7 22,5 38,8
Keine Antwort 0 5,1 12,5 7,1
Die in der Tabelle 11 aufgeworfene Frage nach der Vergesellschaf-
tung der Schlüsselindustrie und marktbeherrschender Unternehmen
ist dann allerdings von so großer Bedeutung gewesen, daß hier
hochsignifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Typen der
Einstellung zur Sozialpartnerschaft errechnet wurden. Die Irr-
tumswahrscheinlichkeit ist kleiner als ein Prozent. Selbst wenn
man berücksichtigt, daß in diese Rechnung nur jene Befragten
eingingen, die Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem für
notwendig erachten - immerhin ein Anteil von 63,8 Prozent -, so
ist doch die Gruppe, die einerseits der Sozialpartnerschaft posi-
tiv gegenübersteht, andererseits aber für die Vergesellschaftung
der Schlüsselindustrie ist, insgesamt sehr groß. Stellt man die
in der Tabelle 11 formulierte Frage nach dem Zusammenhang zwi-
schen beiden Bewußtseinsmerkmalen anders , so sind 35,1 Prozent
der Befragten, die sich für die Vergesellschaftung der Schlüssel-
industrie aussprechen, in ihrer Beurteilung der Sozialpartner-
schaft dem Argumentationstyp 4 zuzurechnen; also einem Typ, der
weitgehend sozialpartnerschaftlich im Sinne der vorgegebenen Sta-
tements denkt.
Doch der sich hier auftuende Widerspruch tritt noch schärfer her-
vor, wenn eine Kreuzung zwischen der Bereitschaft, eine Entwick-
lung zum Sozialismus zu unterstützen und den Typen sozialpartner-
schaftlichen Denkens hergestellt wird. Die Ausgangsfrage lautete:
"Würden Sie eine Entwicklung der Bundesrepublik zum Sozialismus
unterstützen?" 39,9 Prozent aller Befragten stimmten dem zu, 46
Prozent lehnten das ab, und 14,1 Prozent konnten keine Antwort
abgeben. In der Tabelle 12, in der dargestellt wird, wie sich die
verschiedenen Argumentationstypen zum Bereich Sozialpartnerschaft
auf die Antwortkategorien zur Sozialismusfrage verteilen, wird
sichtbar, daß auch hier der größte Teil der Befürworter einer so-
zialistischen Entwicklung in sozialpartnerschaftlichem Denken be-
fangen ist.
Tabelle 12:
Bereitschaft zur Unterstützung sozialistischer Politik und Ein-
stellung zur Sozialpartnerschaft
Frage: Würden Sie eine Entwicklung der Bundesrepublik zum Sozia-
lismus unterstützen?
Einstellung zur
Sozialpartnerschaft Ja Nein Keine Antwort
N=117% N=135% N=41%
Typ % % %
1 24,8 0,0 2,4
2 23,1 17,8 29,3
3 15,4 20,7 22,0
4 36,8 61,5 46,3
Die Frage anders gestellt, sind 96,7 Prozent der entschiedenen
Gegner sozialpartnerschaftlicher Vorstellungen auch für eine so-
zialistische Entwicklung der BRD. Daraus wird bereits deutlich,
daß hier signifikante Unterschiede feststellbar sind; so ist denn
auch die Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner als 0,1 Prozent.
Unberücksichtigt muß hierbei bleiben, was die Befragten unter ei-
ner Entwicklung zum Sozialismus verstehen. Andere Ergebnisse der
Untersuchung zeigen, daß diese Vorstellungen weitgehend unklar
sind, wie auch die Vorstellungen über den Weg dahin mit Illusio-
nen durchsetzt sind, die sich insbesondere an die Rolle der SPD
knüpfen. Trotzdem bleibt festzuhalten, daß das oft zitierte sozi-
alpartnerschaftliche Denken zumindest bei aktiven Gewerkschaft-
lern in vielen Fällen nicht mit der gängigen Vorstellung von So-
zialpartnerschaft übereinstimmt. Untersuchungen, die bei der ein-
fachen Feststellung sozialpartnerschaftlicher Bewußtseinsinhalte
stehenbleiben, erwecken dementsprechend zu leicht den Eindruck,
als würden mit der sozialintegrativen Ordnungsvorstellung weiter-
gehende politische Perspektiven im Bewußtsein blockiert. Auf der
Basis der zitierten Ergebnisse kann eine solche Annahme nicht be-
stätigt werden.
6. Die Widersprüche im projektiven politischen Denken
-----------------------------------------------------
Eine wesentliche Funktion des Bewußtseins ist das projektive Den-
ken, das Setzen von Zielen und Wertvorstellungen. Während die Wi-
derspiegelung der ökonomischen Klassenlage eng an die sinnliche
Wahrnehmung gebunden ist, wobei Elemente des subjektiven Faktors
nur eine vermittelnde Funktion übernehmen, kann das projektive
politische Denken nicht aus der unmittelbaren Alltagserfahrung
entspringen. Es entsteht im Zusammenhang mit dem gesellschaftli-
chen Prozeß, aus der besonderen Form der Teilnahme an diesem Pro-
zeß und ist entscheidend geprägt durch die Struktur des subjekti-
ven Faktors.
Der oft zitierte und bewußt mißgedeutete Satz Lenins, daß das po-
litische Klassenbewußtsein dem Arbeiter nur von außen gebracht
werden kann, "das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomi-
schen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Ar-
beitern und Unternehmern" 26) findet seine Begründung in der An-
eignungsweise des Lohnarbeiters.
Im Kommunistischen Manifest weisen Marx und Engels auf den Unter-
schied zwischen dem Emanzipationskampf der früheren Klassen und
dem Kampf der Arbeiterklasse hin: "Alle früheren Klassen, die
sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Le-
bensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Be-
dingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich
die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie
ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bishe-
rige Aneignungsweise abschaffen." 27)
Der noch unfreie Bourgeois praktizierte das bereits Neue in der
alten Gesellschaftsformation. Der Widerspruch zwischen seinem Tun
und der die Entwicklung fesselnden Gesellschaftsverfassung war
nicht nur alltäglich erfahrbar, aus seiner alltäglichen Aneig-
nungsweise konnte darüber hinaus projektives politisches Denken
entstehen, das letztlich auf die Ausdehnung dieser Aneignungs-
weise hinauslief. Die erste Bedingung, nämlich die Einsicht in
den Widerspruch zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftli-
cher Beschränkung, gilt auch für die Existenz des Lohnarbeiters.
Aber die Arbeiterklasse findet das Ziel ihrer historisch notwen-
digen Aktion nicht schon in der alltäglichen Praxis begründet,
sie muß es gedanklich entwickeln.
Historisch ist die Entwicklung dieser Gedankenform durch die Be-
gründung des wissenschaftlichen Sozialismus vollzogen, und die
Notwendigkeit der Arbeiterpartei gründet sich nicht zuletzt auf
die Funktion dieser Klassenorganisation, die Einsicht in die Ge-
setzmäßigkeiten des Kampfes an jede neue Arbeitergeneration wei-
terzugeben. Das projektive politische Denken der Arbeiter ist
also an die Praxis einer selbständigen, die aktuellen und histo-
rischen Erfahrungen verallgemeinernden Arbeiterpartei gebunden.
Die besonderen Bedingungen der Bundesrepublik erschweren die
Transformation spontaner ökonomischer und politischer Erfahrungen
der Arbeiterklasse in politisches Klassenbewußtsein. Daß in den
vergangenen 46 Jahren die Partei der Arbeiterklasse zusammenge-
nommen 24 Jahre in die Illegalität gedrängt wurde und noch immer
die legale Arbeit der Kommunisten behindert wird, wie in keinem
anderen kapitalistischen Land Europas, ist von nachhaltigem Ein-
fluß auf die Entwicklung des Arbeiterbewußtseins. Besonders deut-
lich wird das an der untersuchten Stichprobe aus der Grundgesamt-
heit aktiver Gewerkschaftler. Denn so überraschend ausgeprägt das
ökonomische Lagebewußtsein bei dieser Gruppe auch ist, wie skep-
tisch sie auch das ökonomische Handeln des Staates beurteilen und
auch antimonopolistische Forderungen weitgehend unterstützen, das
projektive politische Denken steht einerseits im Gegensatz zu
diesen Einsichten und ist andererseits in sich selbst stark wi-
dersprüchlich.
Der Gegensatz zwischen der Übernahme sozialpartnerschaftlicher
Ordnungsvorstellungen bei gleichzeitiger Befürwortung entschei-
dender antimonopolistischer Veränderungen ist nur aus den oben
beschriebenen Bedingungen heraus zu erklären. Die sozialistische
Alternative findet sich im Bewußtsein der Befragten in zahlrei-
chen richtigen Einsichten. Was jedoch fehlt, was am wenigsten
entwickelt ist, das ist die Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des
Handelns, das zur Durchsetzung der als richtig anerkannten Forde-
rungen führt. Auch die Tatsache, daß sich relativ viele Befragte
für den Sozialismus aussprechen, kann nicht darüber hinwegtäu-
schen, daß das projektive politische Denken der Befragten wenig
entwickelt ist.
Dieser Widerspruch, einerseits die sozialistische Alternative zu
bejahen und andererseits im projektiven politischen Denken an sy-
stemimmanenten Wertvorstellungen und Zielsetzungen festzuhalten,
erfährt im Bewußtsein der Befragten eine vielfache Ausprägung. Im
folgenden sollen dafür drei Beispiele dargestellt werden. Einmal
der Zusammenhang zwischen der Einstellung zur sozialistischen Al-
ternative und der Bewertung der beiden Gesellschaftssysteme, dann
die Vorstellung über den möglichen Weg zum Sozialismus und
schließlich noch einmal der Zusammenhang zwischen Zukunftserwar-
tung und Einstellung zu einer sozialistischen Entwicklung der
BRD.
Bereits in der Voruntersuchung, die die Antwortvorgaben für die
Hauptuntersuchung lieferte, nahmen die Interviewpartner eine auf
den ersten Blick diffuse oder widersprüchliche Beurteilung der
beiden Gesellschaftssysteme vor. Einerseits wurde unser Gesell-
schaftssystem weitgehend klassenbewußt kritisiert, andererseits
wurde die sozialistische Gesellschaftsordnung mit Kennzeichnungen
versehen, die ihren Ursprung im herrschenden Antikommunismus ha-
ben. Die Tabelle 13 verdeutlicht anschaulich die Widersprüchlich-
keit in der Bewertung der Gesellschaftssysteme. Zwar erhielten
die entscheidenden Statements zur klassenbewußten Beschreibung
der bestehenden Gesellschaftsordnung in der BRD die meisten zu-
stimmenden Antworten, gleichzeitig stimmten viele dieser Befrag-
ten jedoch solchen Statements zu, die auch den Sozialismus als
Alternative ausschließen.
Tabelle 13:
Beurteilung verschiedener Statements, mit denen die beiden Ge-
sellschaftssysteme beschrieben werden
Frage: Hier finden Sie eine Reihe von Meinungen, wodurch sich un-
sere Gesellschaft von einer sozialistischen unterscheidet. Kreu-
zen Sie bitte an, welche Meinung zutreffend ist, und welche Sie
falsch finden.
Statement Richtig Falsch Keine Antwort
% % %
In unserem Gesellschaftssystem wird
jeder nach seiner Leistung bezahlt,
und der Tüchtige kann sich durch-
setzen 42,3 53,0 4,7
Im Sozialismus wird nicht die Lei-
stung bezahlt, es werden alle gleich-
geschaltet 37,2 53,7 9,1
In unserer Gesellschaftsordnung kön-
nen sich die Unternehmer zu Lasten der
abhängig Beschäftigten bereichern 87,2 7,7 5,0
Im Sozialismus entscheidet der Staat
über die Verteilung der erwirtschaf-
teten Einnahmen 68,8 22,5 8,7
In unserer Gesellschaftsordnung ist
die Zugehörigkeit zu einer sozialen
Klasse durch Besitz oder Nichtbesitz
von Kapital vorgegeben. Es gibt keine
Chancengleichheit 73,2 20,8 6,0
Im Sozialismus gibt es keine durch
Besitz vorgegebenen sozialen Unter-
schiede 58,1 33,9 8,1
Im Sozialismus kann man nur etwas
werden, wenn man in der Partei ist 55,7 36,9 7,4
Es gibt für den Arbeiter keine
Unterschiede in den beiden Gesell-
schaftssystemen, er ist hier wie
dort benachteiligt 52,7 37,9 9,4
Die Erklärung für dieses Antwortverhalten, das in hohem Maße wi-
dersprüchlich scheint, ist jedoch in der widersprüchlichen Situa-
tion der bundesdeutschen Arbeiterbewegung begründet. Auf der
einen Seite hat gerade die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die
ja gerade die aktiven Gewerkschafter erfaßt, den Stoff für eine
fundierte Kritik der kapitalistischen BRD geliefert, andererseits
blendet sie aber die konkrete sozialistische Alternative aus,
bleibt bei diffusen Sozialismusvorstellungen stehen und überläßt
die Information über den real existierenden Sozialismus der bür-
gerlichen Ideologieproduktion.
Der Widerspruch im Denken ist auch hier wiederum nichts anderes
als ein Reflex widersprüchlicher Praxis, ist Spiegelbild einer
Praxis, in der die Gebrechen der kapitalistischen Gesellschaft
erklärt und im gewerkschaftlichen Kampf auch angegangen werden,
in der es aber an politischen Alternativen mangelt.
Die verschiedenen Statements zum Problemkreis Systembewertung
sind einzeln kaum aussagekräftig, sie müssen im Zusammenhang zu-
einander interpretiert werden. Deshalb wurde auch hier eine aus
den vorliegenden Antworten vierfach gestufte Variable gebildet,
wobei entscheidende Fragen für die Zuordnung jene waren, die ein-
deutigen Charakter hatten und nicht unterschiedlich interpretiert
werden konnten. Die Gruppe, die bei allen acht Fragen eindeutig
die bestehende Gesellschaftsordnung kritisierte und den Sozialis-
mus positiv beurteilte, beziehungsweise antikommunistische Ste-
reotype zurückwies, ist verschwindend klein. Die zweite Gruppe,
die mit 26,8 Prozent relativ stark besetzt ist, nahm zwar eine
eindeutig ablehnende Haltung zum bestehenden Gesellschaftssystem
ein, wich aber in jeweils einer Frage von einer positiven Beur-
teilung des Sozialismus ab. Die größte Gruppe bilden jedoch jene
Befragten, die weitgehend systemloyal argumentieren und ein stark
widersprüchliches bis negatives Sozialismusbild haben.
Tabelle 14:
Verteilung innerhalb der neuen Variable "Systembewertung"
Typ Kennzeichnung n %
1 Eindeutig kritische Einstellung zur
kapitalistischen Gesellschaftsformation
und widerspruchslos positive Beurteilung
des Sozialismus 9 3,0
2 Eindeutig kritische Einstellung zur kapi-
talistischen Gesellschaftsformation und
überwiegend positive Beurteilung des
Sozialismus 80 26,8
3 Kritische, aber widersprüchliche Ein-
stellung zur kapitalistischen Gesell-
schaftsformation, unklares bis negatives
Bild vom Sozialismus 64 21,5
4 Überwiegend positive Bewertung der kapi-
talistischen Gesellschaftsformation und
stark negatives Sozialismusbild 84 28,2
Nicht zuzuordnen 61 20,5
Insgesamt 298 100,0
Setzt man die Systembewertung der Befragten in Beziehung zur Ab-
lehnung oder Befürwortung einer sozialistischen BRD, dann ergibt
sich zwar ein sehr starker Zusammenhang zwischen den beiden Vari-
ablen, ein recht großer Teil von Befürwortern einer sozialisti-
schen Entwicklung findet sich aber in den Gruppen, die weder die
kapitalistische Gesellschaftsordnung eindeutig kritisieren, noch
ein positives Sozialismusbild haben.
Stellt man den Zusammenhang anders dar als in der Tabelle 15,
dann sind nur 8,1 Prozent der Befürworter einer sozialistischen
Entwicklung im Typ 1 vertreten, sind also eindeutig in der Lage,
das bestehende Gesellschaftssystem zu kennzeichnen und beurteilen
durchgängig auch den Sozialismus positiv. 56,6 Prozent dieser Be-
fragten wurden in den Typ 2, 23,2 Prozent in den Typ 3 und immer
noch 12,1 Prozent in den Typ 4 eingeordnet.
Tabelle 15:
Zusammenhang zwischen Systembewertung und Bereitschaft zu einer
Unterstützung sozialistischer Entwicklung
Würden Sie eine Entwicklung Bewertung der Gesellschaftssysteme
der BRD zum Sozialismus
unterstützen? Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Ja 88,9 70,0 35,9 14,3
Nein 0 17,5 48,4 73,8
Keine Antwort / Weiß nicht 11,1 12,5 15,7 11,9
Tabelle 16:
Antworten der Befragten zur Entwicklung in der DDR
Frage: Nebenstehend finden Sie einige Meinungen zur gesellschaft-
lichen Entwicklung in der DDR. Welche Aussagen finden Sie rich-
tig, und welche finden Sie falsch?
Statement Richtig Falsch Keine Antwort
% % %
Die DDR ist ein sozialisti-
scher Staat 48,3 44,0 7,7
In der DDR wird die Entwicklung
zum Sozialismus durch mangelnde
Freiheitsrechte verhindert 74,8 18,5 6,7
Abgesehen von einigen Fehlentwick-
lungen ist die DDR auf dem Weg zum
Sozialismus 41,9 47,3 10,7
In der DDR ist nur die Wirtschaft
verstaatlicht worden, die Wirtschafts-
form ist aber immer noch wie im Kapi-
talismus 46,3 44,0 9,7
Die Verhältnisse in der DDR sind ein
Beweis dafür, daß unser Gesellschafts-
system dem Sozialismus überlegen ist 52,7 38,6 8,7
Es lag die Vermutung nahe, daß die meisten Befragten die Beurtei-
lung der sozialistischen Gesellschaftsordnung nicht auf der
Grundlage einer Utopie, sondern auf der Basis ihrer Kenntnisse
über den existierenden Sozialismus vornahmen. Deshalb wurden in
einem zweiten Schritt den Befragten Statements zur DDR vorgelegt.
Dabei zeigte sich, daß eine weitgehende Übereinstimmung zwischen
der abstrakten Beurteilung des sozialistischen Gesellschaftssy-
stems und der Einstellung zur DDR besteht. Bei der Zusammenfas-
sung der verschiedenen, in Tabelle 16 aufgeführten Antwortvorga-
ben, ergab sich wiederum nur eine Gruppe von 10,4 Prozent aller
Befragten, die ein weitgehend positives DDR-Bild haben. Klar um-
grenzbar ist auch die Gruppe jener, die die DDR ausgesprochen ne-
gativ beurteilt, sie umfaßt 30,2 Prozent. Der größte Teil der In-
terviewpartner, nämlich 59,4 Prozent, argumentierte jedoch so wi-
dersprüchlich, daß einerseits keine inhaltlichen Differenzierun-
gen, aber auch keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten mehr festzu-
stellen waren. Bedeutsam waren nur noch Kreuzungen zwischen ein-
zelnen Statements. So glauben 70,4 Prozent jener Befragten, die
die DDR als sozialistischen Staat bezeichnen und die gleichzeitig
der Meinung sind, daß die DDR auf dem richtigen Weg ist, trotz-
dem, daß "die Entwicklung zum Sozialismus durch mangelnde Frei-
heitsrechte verhindert wird".
Das projektive politische Denken der Arbeiterklasse, als eine we-
sentliche Funktion des Bewußtseins, stößt ganz offensichtlich an
die Grenzen, die der Antikommunismus setzt. Das verbale Bekennt-
nis zur sozialistischen Entwicklung findet keine Fortsetzung in
der Parteinahme für den real existierenden Sozialismus, sondern
steht im Widerspruch zur konkreten Bestimmung einer sozialisti-
schen Gesellschaftsordnung.
Betrachtet man diese Funktion des Bewußtseins jedoch wiederum als
eine, die an praktisches Handeln gebunden ist, die sich erst her-
ausbildet unter dem Zwang, alle Bewußtseinsinhalte an die Erfor-
dernisse der zielgerichteten Handlung anzupassen, dann wird deut-
lich, daß diese Widersprüche erst aufhebbar sind durch die Ak-
tion, durch den Kampf um gesellschaftliche Veränderungen, die den
Rahmen der gewerkschaftlichen Kämpfe überschreiten. Solange dies
nicht der Fall ist, sind auch genauere Vorstellungen über die so-
zialistische Gesellschaft wie über den Weg dorthin nicht zu er-
warten.
Von den Befragten, die eine sozialistische Entwicklung der BRD
unterstützen wollen, knüpft die Mehrheit große Erwartungen an die
SPD. Wie aus der Tabelle 17 deutlich wird, sind 57,5 Prozent der
Auffassung, - die SPD muß die absolute Stimmenmehrheit im Bundes-
tag haben, dann wird sie schon einen Weg zum Sozialismus finden".
Aber nur 82,2 Prozent dieser Gruppe sind gleichzeitig der Auffas-
sung, daß die SPD am ehesten Arbeiterinteressen vertritt. Insge-
samt waren 70,1 Prozent aller Befragten dieser Meinung. Der CDU
trauten 7 Prozent am ehesten zu, Arbeiterinteressen zu vertreten,
2,7 Prozent meinten das von der FDP, und die DKP wurde von 8,1
Prozent als Partei genannt, die - die Interessen der Arbeitnehmer
in den Vordergrund stellt".
Das große Vertrauen, das die Befragten in die SPD setzen, insbe-
sondere auch jene, die eine Entwicklung zum Sozialismus befürwor-
ten, kontrastiert stark mit der Beurteilung der von der SPD in
der Bundesregierung betriebenen Wirtschaftspolitik. Es steht aber
auch im Gegensatz zur Beurteilung der aktuellen Verfassung der
Partei. Nur 20,5 Prozent aller Befragten halten die SPD für eine
Arbeiterpartei, 53 Prozent stimmten dem Statement zu "nicht in
jedem Fall, aber im Prinzip schon", und 20,1 Prozent entschieden
sich für ein klares Nein.
Wenn man davon ausgeht, daß die Frage danach, welche Partei am
ehesten "die Interessen der Arbeitnehmer in den Vordergrund
stellt" mit der potentiellen Bereitschaft zusammenfällt, diese
Partei auch zu wählen, dann sind die SPD-Wähler unter den Befür-
wortern einer sozialistischen Entwicklung fast ebenso stark ver-
treten wie bei denen, die sich gegen eine solche Entwicklung aus-
sprechen.
Die Beurteilung der Parteien wird übrigens recht stark durch das
Alter differenziert. Die unter 25 Jahre alten Befragten verhalten
sich wesentlich kritischer zur SPD als die anderen Altersgruppen,
und sie zeigen auch eine andere Einstellung zur DKP.
Tabelle 17:
Vorstellungen über den in der BRD möglichen Weg zu einer soziali-
stischen Gesellschaft
Frage: Wie, glauben Sie, kann in der Bundesrepublik der Weg zum
Sozialismus vorbereitet werden? Geben Sie jeweils an, welche Mei-
nung Sie richtig und welche Sie falsch finden.
Statement Richtig Falsch Keine Antwort
N = 127/132 % % %
Die SPD muß die absolute Stimmen-
mehrheit im Bundestag haben, dann
wird sie schon einen Weg zum Sozia-
lismus finden 57,7 41,0 1,5
Wenn es gelingt, die Linke in der
SPD zu stärken, dann gibt es eine
reale Chance, einen sozialistischen
Weg einzuschlagen 55,1 40,2 4,7
Die Gewerkschaften haben allein die
Möglichkeit, den Weg zum Sozialismus
vorzubereiten 23,6 72,4 4,0
Die Deutsche Kommunistische Partei
(DKP) muß stärker werden. Vorher
ist eine Entwicklung zum Sozialismus
undenkbar 18,9 78,6 2,3
Das gemeinsame Handeln von Sozial-
demokraten und Kommunisten ist not-
wendig 36,4 61,3 2,3
Es müßte eine völlig neue Partei
entstehen 25,8 71,2 3,0
Tabelle 18:
Die Beurteilung der Parteien bei Befürwortern und Gegnern einer
sozialistischen Entwicklung der Bundesrepublik
Frage: Von welcher neben- Frage: Würden Sie eine Entwicklung
stehenden Partei würden der Bundesrepublik zum Sozialismus
Sie am ehesten erwarten, unterstützen?
daß sie die Interessen der Ja Nein Keine Antwort
Arbeitnehmer in den Vorder- N=119 N=137 N=42
grund stellt? % % %
SPD 69,7 70,8 69,0
CDU 1,7 11,7 7,2
FDP 1,7 2,9 4,8
DKP 18,5 1,5 0,0
Keine Antwort 8,4 13,1 19,0
Tabelle 19:
Der Zusammenhang von Altersstufe und Beurteilung der Parteien
Frage: Von welcher der nebenstehenden Parteien würden Sie am ehe-
sten annehmen, daß sie die Interessen der Arbeitnehmer in den
Vordergrund stellt?
Partei bis 25 26-35 36-45 46-55 56-65
N=44% N=104 N=60 N=43 N=4
% % % % %
SPD 59,1 82,7 81,7 90,7 100,0
CDU 4,5 6,7 15,0 2,3 0,0
FDP 11,4 1,9 1,7 0,0 0,0
DKP 25,0 8,7 1,7 7,0 0,0
Gleiches gilt für die Beurteilung der Aktionseinheit von Kommuni-
sten und Sozialdemokraten. Während von allen Befragten, die sich
für den Sozialismus aussprachen, 38,4 Prozent die Aktionseinheit
als eine für den sozialistischen Weg unabdingbare Notwendigkeit
erachteten, waren es bei den Befragten unter 25 Jahren bereits
57,1 Prozent.
Tabelle 20:
Erwartungen an die Zukunft der BRD
Frage: Wie schätzen Sie die politische und soziale Zukunft der
Bundesrepublik ein? Geben Sie bitte an, welche der nebenstehenden
Meinungen Sie richtig oder falsch finden.
Statement Richtig Falsch Keine Antwort
N = 298 % % %
Die BRD steht im Weltmaßstab am
besten da und wird diesen Vorsprung
auch halten können 55,7 37,6 6,7
Es wird einen Rechtsruck in der BRD
geben, und mit der Reformpolitik wird
es für einige Zeit aus sein 35,6 56,0 8,4
Langfristig können die linken Kräfte
in der BRD stärker werden. Die wirt-
schaftlichen und sozialen Probleme
werden immer mehr Arbeitnehmern die
Augen öffnen 58,1 35,6 6,4
Trotz einiger wirtschaftlicher
Schwierigkeiten sind wir auf dem rich-
tigen Weg, daher wird sich nichts
grundsätzlich an unserem Gesellschafts-
aufbau ändern 61,1 32,9 6,0
Die breite Masse ist viel zu unpoli-
tisch, als daß sich bei uns etwas
ändern könnte 60,7 33,6 5,7
Im Zusammenhang mit den Vorstellungen über wirtschaftliche Refor-
men und der Einstellung zu einer sozialistischen Entwicklung der
BRD wurden den Befragten fünf Statements über die zukünftige Ent-
wicklung vorgelegt, die in dieser Formulierung auch in den Vorin-
terviews genannt wurden. In ihnen kommen grundsätzlich drei un-
terschiedliche Erwartungen zum Ausdruck. Eine positive, an das
bestehende Gesellschaftssystem geknüpfte Hoffnung auf Kontinui-
tät, eine resignative und eine klassenbewußt optimistische Hal-
tung.
Die sich aus der Kombination der Statements zur Zukunftserwartung
ergebende neue Variable zeigt, wie resignativ die meisten Befrag-
ten in die Zukunft schauen. Auch die große Zahl widersprüchlicher
Antworten bei trotzdem durchgängig pessimistischer Einstellung
fällt auf. Differenziert man die Ergebnisse der Tabelle 21 jedoch
mit verschiedenen objektiven Merkmalen, so ergibt sich ein inter-
essantes Bild. 78,1 Prozent derjenigen, die in die ersten beiden
Typen eingeordnet werden konnten, sind jünger als 35 Jahre, sie
nehmen überdurchschnittlich häufig an Bildungsveranstaltungen
teil, und 54,3 Prozent von ihnen haben Funktionen in der Gewerk-
schaft.
Tabelle 21:
Verteilung innerhalb der neuen Variable "Zukunftserwartung"
Typ Kennzeichnung n %
1 Kritische Einschätzung der BRD, optimisti-
sche Einschätzung der Entwicklung gesellschafts-
verändernden Potentials 20 6,7
2 Kritische, aber widersprüchliche Einschätzung
der BRD, eher optimistische Einschätzung der Ent-
wicklung gesellschaftsverändernden Potentials 35 11,7
3 Stark widersprüchliche Einschätzung der BRD,
nicht ablehnende, eher resignative Einschätzung
der Entwicklung gesellschaftsverändernden Poten-
tials 164 55,0
6 Stark positive Einstellung zur BRD 66 22,1
Nicht zuzuordnen 13 4,4
Insgesamt 298 100,0
So resignativ die Zukunftserwartung bei den meisten Befragten
auch ausfällt, die signifikant andere Erwartungshaltung bei den
gewerkschaftlichen Funktionsträgern und bei den unter 35 Jahre
alten Interviewpartnern verweist auf das wahrscheinlich hand-
lungsbereitere Potential. In der Wertung dieser Differenzierung
ist Deppe zuzustimmen, daß hier "eine neue Generation von Kadern
der Arbeiterbewegung" heranwächst. 28)
7. Aktuelle Entwicklungsbedingungen des Arbeiterbewußtseins
-----------------------------------------------------------
in der BRD
----------
Bevor aus den festgestellten Häufigkeiten in der vorliegenden Un-
tersuchung allgemeine Schlußfolgerungen gezogen werden, müssen
die empirischen Ergebnisse in ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit
gewertet werden. Zum einen ist nochmals zu betonen, daß die
Stichprobe, so sehr sie auch Zufallskriterien gerecht wird, nicht
aus der Grundgesamtheit der Lohnarbeiter gezogen wurde, sondern
aus der Grundgesamtheit gewerkschaftlich aktiver Lohnarbeiter.
Zum anderen muß aber auch betont werden, daß das Problem der Ver-
allgemeinerung kein nur statistisches ist. Das gilt einmal für
die Bedeutung, die die Ergebnisse für die gesamte Arbeiterklasse
haben, das gilt zum anderen aber auch für die Verallgemeinerung
der in dieser Untersuchung deutlich werdenden positiven Entwick-
lungslinien des Arbeiterbewußtseins. Statistische Verfahren, die
über das Zählen von Häufigkeiten hinausgehen, haben in der Be-
wußtseinsforschung dort eine Bedeutung, wo die beobachtbaren Zu-
sammenhänge nach ihrer Überzufälligkeit berechnet werden können,
was durch das Prüfen der Null-Hypothese mit dem Chi-Quadrat-Test
ausreichend geschehen ist. Ob eine dabei beobachtbare Tendenz von
größerer oder geringerer Bedeutung ist, kann allerdings nicht
mehr mit statistischen Verfahren ermittelt werden, so interessant
Kontingenzkoeffizienten oder gar mögliche Rangreihenkorrelationen
auch sein mögen. Deshalb wurden diese Koeffizienten, obwohl sie
in der Untersuchung ermittelt wurden, in die Interpretation nicht
einbezogen. "Das Neue tritt ja nicht sogleich auf als Massener-
scheinung, als Durchschnitt", schrieb Frigga Haug in einer Wer-
tung empirischer Methoden. 29) Von daher verbietet sich die sta-
tistische Messung - im eigentlichen Sinne gebraucht - der vor-
wärtstreibenden Elemente im Arbeiterbewußtsein.
Will man dennoch, aus einer Verbindung von Theorie und Empirie,
die zitierten Ergebnisse zusammenfassen, so lassen sich folgende
Tendenzen feststellen, die gleichzeitig Entwicklungstendenzen des
Arbeiterbewußtseins in der BRD sind. Das ökonomische Lagebewußt-
sein der Lohnarbeiter spiegelt ganz offensichtlich weitgehend re-
alistisch die soziale Lage der Arbeiterklasse wider. Hier sind
die Widersprüche gering und das Urteil sicher. Im Bewußtsein vom
Staat gibt es Widersprüche zwischen der kritischen Beurteilung
der konkreten Staatstätigkeit und den Erwartungen, die insbeson-
dere an die diesen Staat tragende Sozialdemokratie geknüpft sind.
Festzuhalten ist aber auch, daß die Befragten unserer Untersu-
chung die Bedeutung des Staatsapparates für die Sicherung der
allgemeinen Reproduktionsbedingungen erkannt haben und daß sie
darüber hinaus an diesen Staat antimonopolistische Forderungen
richten, die wichtige Anknüpfungspunkte für die Politik der Ar-
beiterorganisation darstellen. Insgesamt gesehen sind daher nicht
die Illusionen das Entscheidende, die sich die Befragten vom
herrschenden Staatsapparat machen, sondern entscheidend, weil
weiterführend, ist die Einsicht in die Notwendigkeit des staatli-
chen Handelns im Interesse der Arbeiterklasse.
Auch die durchaus feststellbaren sozialpartnerschaftlichen Illu-
sionen sind mit ihrem Gegenteil behaftet, nämlich mit dem An-
spruch nach Einschränkung der Unternehmermacht, nach vernünftiger
Organisation des ökonomischen Prozesses. Diese Ansprüche sind
entscheidende Elemente des auf die ganze Gesellschaft bezogenen
Bewußtseins, das sich nur deshalb sozialpartnerschaftlich ge-
riert, weil es an tieferer Einsicht mangelt.
Der oben beschriebene Mangel aber ist keiner, der aus der Heftig-
keit resultiert, mit der sozialpartnerschaftliches Gedankengut
bei uns produziert wird, sondern dieser Mangel entspringt aus der
Schwäche des politischen Kampfes.
Die positiven Elemente im Arbeiterbewußtsein werden nicht an
sich, auf der Ebene der Erkenntnis zur Aufhebung der Widersprüche
beitragen, aber es sind Elemente, die bei zunehmenden Klassenaus-
einandersetzungen sehr schnell an Bedeutung gewinnen können, und
an die in jeder ökonomischen Auseinandersetzung angeknüpft werden
muß. Ob das geschieht, wird im ganz entscheidenden Maße von der
Stärke und dem Einfluß einer selbständigen Arbeiterpartei abhän-
gen.
Deshalb sei zum Schluß noch einmal ein wichtiges Ergebnis dieser
vorliegenden Untersuchung zitiert. Alle Bewußtseinsfragen und die
daraus gebildeten neuen Variablen wurden mit 28 objektiven Daten
der Befragten gekreuzt. Darunter waren Daten zu Arbeitsplatzmerk-
malen, zu sozialstatistischen Kennzeichnungen, zur Tätigkeit im
Freizeitbereich und zur gesellschaftlichen Aktivität. Dabei
konnte festgestellt werden, daß Merkmale, die eine bestimmte ge-
sellschaftliche Aktivität ausdrücken, eher zu signifikanten Un-
terschieden im Bewußtsein führen als Arbeitsplatzmerkmale und an-
dere sozialstatistische Faktoren. Hier war nur die Altersgruppe
in den meisten Fällen ein differenzierendes Merkmal.
Unter den Faktoren der gesellschaftlichen Aktivität, die ja je-
weils mit bestimmten Kontakten verbunden sind, erwies sich ein
Merkmal durchgängig bei allen Bewußtseinsarten als differenzie-
rend: Der Kontakt, den die Befragten zu Mitgliedern der DKP hat-
ten. Wenn man diese Kontakte nun auch nicht als kausal bestimmend
für das Bewußtsein ansehen kann, so verweist doch der festge-
stellte Zusammenhang auf die wichtige Bedeutung, die das Wirken
von Kommunisten in Betrieb und Gewerkschaft hat.
_____
1) Harald Werner, Arbeiterbildung und gesellschaftliches Bewußt-
sein, Köln 1979.
2) Horst Kern/Michael Schumann, Industriearbeit und Arbeiterbe-
wußtsein, Frankfurt 1973, Teil I, S, 275.
3) Vgl. dazu z.B. O. Negt / A. Kluge, Öffentlichkeit und Erfah-
rung, Frankfurt 1972, S. 55: "Wenn er (der Arbeiter - H.W.) in
seinem Vorstellungsvermögen, z.B. mit Hilfe der Phantasie, seine
Lage zu erfahren sucht, so verdrehen allein schon die Abwehrme-
chanismen des in der Phantasie gebundenen Lustprinzips das reale
Gesellschaftsbild zu einem verzerrten. Aufgrund dieses verzerr-
ten, zum Teil sogar harmonistischen Weltbilds setzt sich der Ar-
beiter nicht in Bewegung."
4) Thomas Leithäuser, Formen des Alltagsbewußtseins, Frank-
furt/New York 1976, S. 180.
5) A.N. Leontjew, Probleme der Entwicklung des Psychischen, Ber-
lin 1971, S. 201.
6) a.a.O., S. 202.
7) Die Bestimmung von Arten und Sphären des Bewußtseins lehnt
sich hier an die Definition Uledows an, der mit den Arten Inhalte
beschreibt, die sich auf bestimmte Bereiche der gesellschaftli-
chen Praxis richten. So etwa unterscheidet er zwischen politi-
schen, ökonomischen, rechtlichen u. a. Bewußtseinsarten. Die Be-
wußtseinssphären dagegen entsprechen den verschiedenen Formen der
Realitätswiderspiegelung, wie etwa die wissenschaftliche, die
ideologische oder die emotionale. Die Bewußtseinsarten sind dem-
zufolge das einzelne im Bewußtsein, während die Sphären das Be-
sondere darstellen. Vgl. A.K. Uledow, Die Struktur des gesell-
schaftlichen Bewußtseins, Berlin 1972, S. 282 ff.
8) Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, Kronberg 1976, S. 221.
9) Frank Deppe, Das Bewußtsein der Arbeiter, Köln 1971, S. 113.
10) Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: Marx/Engels, Werke, Bd.
23, S. 189.
11) Leontjew, a.a.O., S. 207.
12) ebenda S. 209.
13) Frank Deppe, Zur theoretischen und empirischen Analyse des
'Staatsbewußtseins' der Arbeiter, in: Kritische Psychologie, Be-
richt über den 1. Internationalen Kongreß "Kritische Psycholo-
gie", Köln, 1977, S. 420 ff.
14) Manfred Hahn, Historiker und Klassen, Frankfurt 1976, S. 133.
15) zitiert nach Manfred Hahn, a.a.O., S. 123.
16) Deppe, Zur theoretischen und empirischen Analyse..., a.a.O.,
S. 430 f.
17) G.G. Diligenski, Sozialpsychologie und Klassenbewußtsein der
Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus, Hrsg. IMSF (Theorie und
Methode I), Frankfurt 1978.
18) Diligenski, a.a.O., S. 61.
19) ebenda.
20) Johannes Henrich von Heiseler, Arbeiterbewußtsein und Krise,
in: Marxistische Studien Jahrbuch des IMSF 1/1978, S. 279.
21) Walter Nickel, Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Gewerk-
schaft, Köln 1974, S. 39.
22) Christiane Bierbaum u.a., Ende der Illusionen, Köln 1977, S.
113.
23) J.H. von Heiseler, Jugendliche im Großbetrieb, Beiträge des
IMSF 5, Frankfurt 1978, S. 84.
24) Die Befragung wurde im Sommer 1976 bei einer gewichteten Zu-
fallsstichprobe durchgeführt, die aus den Teilnehmern von Bil-
dungsveranstaltungen der DGB-Gewerkschaften gezogen wurde. Dabei
wurde darauf geachtet, daß fast ausschließlich Beschäftigte aus
dem Bereich der materiellen Warenproduktion erfaßt wurden. 65,8
Prozent sind Produktionsarbeiter aus Betrieben mit mehr als 50
Beschäftigten.
25) Deppe, Zur theoretischen und empirischen Analyse..., a.a.O.,
S. 431.
26) W.I. Lenin. Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, in:
Lenin, Werke, Band 5, Berlin 1955, S. 436.
27) Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen
Partei, in: Marx/Engels, Werke, Bd. 4, Berlin 1959, S. 472.
28) Frank Deppe, Zu einigen Problemen der Bestimmung des gegen-
wärtigen gewerkschaftlichen und politischen Bewußtseins der Ar-
beiterklasse der BRD, in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF
1/1978, S. 293.
29) Frigga Haug, Theorie und empirische Methodik, in: Das Argu-
ment 111, S. 653.
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