Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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MONOPOLGRUPPEN UND STAAT
Christoph Butterwegge
1. Problemstellung - 2. Zur Entstehungs- und Entwicklungsge-
schichte der Monopolgruppentheorie - 3) Ökonomie und Politik im
staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD - 4. Zur Bedeutung
der Monopolgruppentheorie für die marxistische Staatsdiskussion
(Forschungsperspektiven)
1. Problemstellung
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Seit sich um die Jahrhundertwende das Ende des Kapitalismus der
freien Konkurrenz abzeichnete, schenken Marxisten dem Monopol als
der für den Imperialismus konsumtiven Entwicklungsform des Kapi-
talverhältnisses besondere Aufmerksamkeit. Im Übergang vom Kon-
kurrenz- zum Monopolkapitalismus veränderten sich nicht nur die
sozialökonomischen Rahmenbedingungen der Tätigkeit des Staates,
vielmehr dieser selbst, sein Verhältnis zur herrschenden Klasse,
die tiefgreifenden Wandlungsprozessen unterworfen war. Seine Son-
derstellung im Reproduktionsprozeß ermöglicht dem Monopol die Re-
alisierung überdurchschnittlicher Profite und macht seine Reprä-
sentanten zur dominanten Schicht der Bourgeoisie. Das Monopolka-
pital ist kein monolithischer Machtblock, sondern vielfach in
sich differenziert. Die Monopolgruppentheorie nahm sich dieser
Fraktionierungstendenzen, sofern sie in den Kernbereich der indu-
striellen Großkonzerne fielen, an und versuchte, Ursachen und
Wirkung ihrer Entwicklung auf der Grundlage des historischen Ma-
terialismus zu erfassen.
Was die wissenschaftliche Erklärung der Machtübernahme des Hit-
lerfaschismus 1933, ihrer Wurzeln in der Wirtschaftsentwicklung
der Weimarer Republik und des Schuldanteils der deutschen Großin-
dustrie (Widerlegung der Kollektivschuldthese, Konkretisierung
der Klassenschuldthese) durch marxistische Historiker betrifft,
hat die Monopolgruppentheorie während der Nachkriegszeit hervor-
ragende Hilfsdienste geleistet. Sie ließ es nicht bei der pau-
schalen Charakterisierung des imperialistischen Staates als In-
strument der herrschenden Klasse bewenden, sondern markierte die
mehrdimensionalen Differenzierungs- und Polarisierungsprozesse
innerhalb des Monopolkapitals, ihre Folgen für die staatliche Po-
litik im Einzelfall und historische Entwicklungstrends, deren
Gültigkeit teilweise bis in die Gegenwart reicht.
Der vorliegende Beitrag stellt sich die Aufgabe, wichtige Aspekte
der Monopolgruppentheorie in Erinnerung zu rufen, einige der Dis-
kussionspositionen zu skizzieren und Verbindungslinien zur heuti-
gen Staatsdiskussion herzustellen.
Unser Erkenntnisinteresse ist darauf gerichtet, die methodischen
Prämissen und Paradigmen der Monopolgruppentheorie, sofern sie
sich nicht dem staatsanalytischen Zugriff entziehen, in die hi-
storisch-materialistische Sichtweise des Staates einzufügen. Wir
wollen uns auf die Frage konzentrieren, ob und ggf. mit welchen
Modifikationen ihr Ansatz geeignet ist, Aufschluß über das kom-
plizierte Beziehungsgefüge zwischen Ökonomie und Politik im
staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus zu geben. Daß man hin-
sichtlich der Strategien und Aktivitäten der Machtzentren in den
meisten Fällen nicht über vage Vermutungen hinauskommt, liegt in
der Sache selbst begründet und hängt nur bedingt mit methodischer
Unzulänglichkeit oder mangelndem Geschick des Analytikers zusam-
men . Die Quellenlage ist in der Regel schlecht, es sei denn, die
Forschung kann - wie im Fall des Hitlerfaschismus DDR-Historiker
- auf Archivmaterial zurückgreifen, das ihr im Gefolge eines
Krieges und/oder einer Revolution in die Hände fällt. Je näher
man dem politischen und ökonomischen Nervenzentrum des Systems
kommt, um so mehr hüllen sich seine Herrschaftsträger in Schwei-
gen und nimmt die Zahl der Zeugen ab.
2. Zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte
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der Monopolgruppentheorie
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Die Anatomie der herrschenden Klasse ist von der Ökonomie des Ka-
pitalismus nicht abzulösen. Schon Marx hat darauf hingewiesen,
daß sich die Bourgeoisie in Fraktionen teilt, deren Flügelkämpfe
um die politische Vorherrschaft genauso zur Geschichte der
Klassengesellschaft gehören wie die Auseinandersetzungen zwischen
Kapital und Arbeit. Ein Locus classicus für die Analyse der
Bildung von Gruppen innerhalb der herrschenden Klasse, ihrer
Interessenunterschiede und Kämpfe um die Staatsmacht ist "Der 18.
Brumaire", wo Marx die Strömungen innerhalb der französischen
Bourgeoisie untersucht, um die sozialen Wurzeln des Bonapartismus
des zweiten Kaiserreiches bloßzulegen. In den Orleanisten und den
Legitimisten erkannte Marx die politische Repräsentanz zweier
Bourgeoisfraktionen, deren Existenz er auf die Interessendiver-
genz zwischen Großgrundbesitzern und industriellen Unternehmern
zurückführte. "Wenn jede Seite gegen die andre die Restauration
ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte, so hieß das nichts
andres, als daß die zwei großen Interessen, worin die Bourgeoisie
sich spaltet - Grundeigentum und Kapital -, jedes seine eigne Su-
prematie und die Unterordnung des ändern zu restaurieren suchte."
1) Aus dem Interessenkonflikt zwischen diesen Richtungen, der
nicht ohne Rückwirkung auf das politische System und die Staats-
form blieb, ging die bürgerlich-parlamentarische Demokratie als
Kompromißlösung hervor. "Die parlamentarische Republik war mehr
als das neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französi-
schen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundei-
gentum und Industrie, gleichberechtigt nebeneinander hausen konn-
ten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer gemeinsamen Herr-
schaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines Klassenin-
teresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besondern Fraktionen
wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf." 2)
Lenin entwickelte die Marxsche Methodik weiter, indem er sie auf
den Imperialismus, das höchste Entwicklungsstadium des Kapitalis-
mus, anwandte. Ein ums andere Mal hob er ihre Bedeutung für die
Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung hervor. "Das Proleta-
riat steht jeder Bourgeoisie und allen Erscheinungsformen der
bürgerlichen Ordnung feindlich gegenüber, aber diese Feindschaft
enthebt es nicht der Pflicht, zwischen den historisch fort-
schrittlichen und den reaktionären Vertretern der Bourgeoisie zu
unterscheiden." 3)
Die Weltwirtschaftskrise des Kapitals 1929/33 verschärfte die In-
teressengegensätze innerhalb der herrschenden Klasse so sehr, daß
Eugen Varga von einer "Krise der oberen Klassen" sprach, die der
Faschismus in Deutschland diktatorisch zu lösen versuchte. Varga
diagnostizierte eine Verminderung der Mehrwertsumme infolge der
Massenarbeitslosigkeit, die auch durch Intensivierung der Ausbeu-
tung nicht wettzumachen war. "Da dieser Mehrwert je nach der
Stärke der Monopole zu einer sehr ungleichmäßigen Verteilung kam;
da die stärksten Monopole den Löwenanteil an der verminderten
Mehrwertsumme an sich rissen, so mußten sich starke Kämpfe inner-
halb der herrschenden Klassen entwickeln, die die Tendenz zeig-
ten, zu einer Krise der oberen Klassen auszureifen. Die einzelnen
Schichten und Gruppen der herrschenden Klassen versuchten durch
Ausnützung der Staatsmacht die Verteilung des Profits zu ihren
Gunsten zu beeinflussen. Es entspann sich ein wütender Kampf um
den Einfluß auf den Staat zwischen allen Klassen, Schichten, ein-
zelnen Gruppen der herrschenden Klassen. Die politische Form die-
ses Kampfes war die Zersplitterung der bürgerlichen Parteien, der
parlamentarische Wirr-Warr und ständige 'Kuhhandel', kurzlebige
Koalitionen und rasche Folge der Ministerkrisen, eine mehr oder
minder ständige Krise der parlamentarischen Form der bürgerlichen
Diktatur." 4)
Obwohl während der Weimarer Republik bereits zwei Lager innerhalb
des Großkapitals existierten, deren Interessengegensätze die po-
litische Entwicklung, den Entdemokratisierungs- und Faschisie-
rungsprozeß des bürgerlichen Staates mitbestimmten, konnte noch
nicht von einer entwickelten marxistischen Monopolgruppentheorie
gesprochen werden. Die Periode ihrer Entwicklung und Ausformulie-
rung fällt in die Nachkriegsperiode. Besonders Wirtschaftstheore-
tiker wie Jürgen Kuczynski, Kurt Gossweiler u.a. hatten daran
entscheidenden Anteil.
Jürgen Kuczynski unterschied zwischen folgenden Hauptgruppen des
Monopolkapitals: der Gruppe Kohle-Eisen-Stahl und der Gruppe
Elektro-Chemie bzw. (nach dem Einflußgewinn der IG Farben gegen
Mitte der zwanziger Jahre) Chemie-Elektro. Ihre Politik kenn-
zeichnete er als "anti-etatistisch" bzw. demokratisch, offen bzw.
verdeckt aggressiv, "Herr-im-Hause"-Standpunkt bzw. zur Verein-
nahmung der reformistischen Parteien bereit. Abgesehen von dieser
unpräzisen Charakterisierung der taktischen Gegensätze zwischen
den Gruppierungen der Großbourgeoisie wies Kuczynskis Ansatz zwei
Schwachstellen auf. Einmal vernachlässigte er die Rolle der Mono-
polbanken: "Die Bankmonopole können keine 'eigene' politische
Rolle spielen, da sie stets mit Industriemonopolen verbunden sind
- Finanzkapital!" 5)
Demgegenüber machte Kurt Gossweiler geltend, "daß die Monopolban-
ken selbst Monopolgruppen bilden, Finanzgruppen, in deren Mittel-
punkt jeweils eine Monopolbank steht, und deren übrige Elemente
die mit dieser Bank fest und dauerhaft verbundenen Unternehmungen
in Industrie, Handel, Verkehr usw. sind. Die Gruppenbildung in
der Monopolbourgeoisie erfolgt also nicht nur um eine, sondern um
zwei Achsen, erstens um die Achse der sich aus den ökonomisch-
technischen Produktions- und Absatzbedingungen ergebenden spezi-
fischen Industriezweiginteressen, zum anderen um die Achse der
aus finanzkapitalistischen Verflechtungen hervorgehenden Interes-
sen. Beide Achsen überschneiden sich, stellen gewissermaßen die
Abszisse und die Ordinate im monopolkapitalistischen Koordinaten-
system dar." 6) Vor einer Überbewertung der Gegensätze zwischen
den Monopolgruppen warnte Gossweiler: "Das gemeinsame Interesse
der Monopole an der Erhaltung der Herrschaft der kapitalistischen
Ordnung war und ist stärker und gewichtiger als ihre Interessen-
gegensätze zusammengenommen." 7)
Gossweiler hielt zwar an Kuczynskis Gliederungsschema, der
Zweiteilung des deutschen Großkapitals in die Monopolgruppen der
Schwerindustrie und der "neuen Industrien", wie er die Chemie-
und Elektrobranche nennt, fest, schätzte ihre Konsistenz jedoch
geringer ein und bestritt, daß sie ausreicht, um eine historische
Kontinuität über Jahrzehnte hinweg zu begründen. Alfred Schröter
wiederum sah den Interessengegensatz zwischen der schwerindustri-
ellen Monopolfraktion und dem Chemie-Elektro-Flügel als geradezu
konstitutiv für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des impe-
rialistischen Deutschland an. "Der Kampf der beiden Hauptgruppie-
rungen des deutschen Monopolkapitals zieht sich durch die gesamte
Geschichte des deutschen Imperialismus. Er ist ein Kampf um die
ökonomische und politische Vorherrschaft, der im Streben nach Be-
herrschung des Staates einen Höhepunkt fand." 8) Schröter betonte
die Notwendigkeit einer weiteren Unterteilung der Monopolgruppen,
um der komplizierten Gruppenstruktur des Großkapitals gerecht
werden zu können. Kurzfristig zustande kommende Interessenkonglo-
merate bezeichnete er im Unterschied zu den konstanten Mono-
polgruppen als - m o n o p o l i s t i s c h e B ü n d n i s-
s e". In diesem Zusammenhang sprach Dietrich Eichholtz von
"s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n G r u p p i e-
r u n g e n", womit er die Verflechtung des Finanzkapitals mit
(Zweigen) der Staatsadministration, dem politischen und
Parteiensystem meinte. "Unter einer staatsmonopolistischen Grup-
pierung ist ein Interessen- und Machtkomplex zu verstehen, in dem
bestimmte Monopole, Gruppen von Monopolen oder auch ganze Mono-
polgruppen (Kohle/Eisen/Stahl, Chemie/Elektroindustrie) mit be-
stimmten Teilen des Staatsapparates und Parteiapparats ver-
wachsen." 9) Einer ähnlichen Intention entsprang offensichtlich
die Einführung des Begriffs der "s t a a t s m o n o p o l i-
s t i s c h e n K o m p l e x e" durch sowjetische Autoren. 10)
Georgi Dimitroff definierte den Faschismus an der Macht auf dem
VII. Weltkongreß der Komintern 1935 in Moskau als "offene terro-
ristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinisti-
schen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals".
11) Die Monopolgruppentheorie füllte diese Definition aus, beant-
wortete nicht nur die Frage, wer die aggressivsten Kreise der
Großbourgeoisie waren, sondern erklärte auch, auf welche Weise
die Machtverschiebungen innerhalb der herrschenden Klasse zugun-
sten des Faschismus wirkten, wie sie Hitler und seine Partei nach
oben spülten, ihnen die Regierungsgeschäfte überantworteten. Die
Machtübergabe an den Hitlerfaschismus erfolgte, nachdem die poli-
tisch flexiblere Fraktion des Finanzkapitals, durch Kapitalbetei-
ligungen, Kreditvergabe und personelle Verflechtungen mit Chemie-
und Elektrokonzernen liiert, 1932/33 ihre Bündnisstrategie, die
Konzessionen an das Proletariat ebenso einschloß wie die Koopera-
tion mit dem reformistischen Flügel der Arbeiterbewegung, SPD-
und Gewerkschaftsführung, geändert hatte und auf die Linie ihrer
Konkurrenzgruppierung mit dem Schwergewicht in der Montanindu-
strie eingeschwenkt war.
Die deutsche Arbeiterbewegung erwies sich aufgrund ihrer Spal-
tung, des Antikommunismus der rechtssozialdemokratischen Partei-
führung, aber auch infolge taktischer Fehler der KPD als unfähig,
den faschistischen Staatsstreich abzuwehren. Wahrscheinlich hätte
es ihr die Bildung der Einheits- und Volksfront erlaubt, der In-
stallation einer NSDAP-geführten Reichsregierung erfolgreich Wi-
derstand entgegenzusetzen. "Das heißt, die Spaltung der Arbeiter-
klasse machte es unmöglich, die Errichtung der faschistischen
Diktatur zu verhindern. Und auch so muß man formulieren: die
Spaltung der Arbeiterklasse machte es dem Flügel Kohle-Eisen-
Stahl möglich, den Flügel Chemie-Elektro für seine Linie der of-
fenen faschistischen Diktatur, alles auf eine Karte zu setzen, zu
gewinnen, da Chemie-Elektro mehr und mehr den Eindruck gewinnen
konnten, ein Kapp-Debakel stehe außer Frage, und die 'Variante
Faschismus' für sie eine rein taktische Frage war." 12)
Die Machtkämpfe zwischen den Monopolfraktionen gingen unter dem
Faschismus weiter, verloren jedoch an Heftigkeit. Das Studium der
Stellung beider Monopolgruppierungen in der Wirtschaft des
"Dritten Reiches" und im System der faschistischen Wirtschaftspo-
litik ergibt allerdings, daß 1936 ein Führungswechsel stattfand,
bei dem sich die "neuen Industrien" an die Spitze der Monopolöko-
nomie setzten. "War es vor 1933 die montane Schwerindustrie gewe-
sen, die am entschiedensten die faschistische Diktatur und über
sie die militante Aggression anstrebte, übernahm diese Funktion
nunmehr die Gruppierung der Chemie- und Elektroindustrie, während
die montane Schwerindustrie in eine Partnerposition gedrängt
wurde." 13) Diese Machtverlagerung innerhalb des Monopolkapitals
basierte im wesentlichen auf einer Umorientierung der Chemie- und
Elektrokonzerne vom zivilen Warenexport zur Militärproduktion für
den Binnenmarkt, die lange Zeit eine Domäne der Montanindustrie
geblieben war.
3. Ökonomie und Politik im staatsmonopolistischen Kapitalismus
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der BRD
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Unter der Ägide der Westalliierten kehrten die Monopolkapitali-
sten schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in dem von
ihnen besetzten Teil Deutschlands an die Schalthebel der Macht
zurück. Allerdings trug die nur halbherzig durchgeführte Ent-
flechtung im Bereich der Montanindustrie, der Großchemie (IG Far-
ben) sowie des Bank- und Kreditwesens mit dazu bei, daß die Gren-
zen zwischen den Monopolgruppen, wie sie während der Weimarer Re-
puplik bestanden hatten, fließend wurden. Die Konturen der Frak-
tionen innerhalb des Finanzkapitals verschwammen. "Die Jahre der
Neukonsolidierung der inneren Machtstruktur des Monopolkapitals
war weitgehend identisch mit der Zeit der staatsmonopolistischen
Marktwirtschaft. Unter diesen Bedingungen traten die Konkurrenz-
Rivalitäten der Monopolgruppen noch nicht offen zutage. Beide
Gruppen waren im wesentlichen an der Erfüllung der Hauptaufgaben
interessiert, der raschen Kapitalbildung, der Rückeroberung des
Weltmarktes, der Sicherung des kapitalistischen Reproduktionspro-
zesses durch den Staat und am schnellen Anschluß an die tech-
nischwissenschaftliche Entwicklung." 14)
Weitere für die Nivellierung der Interessengegensätze zwischen
Einzelmonopolen und Monopolgruppen wichtige Faktoren waren die
fortschreitende Verschmelzung des Industrie- und Bankkapitals zum
Finanzkapital, der "diagonale" Konzentrationsprozeß industrieller
Schlüsselbereiche und der forcierte Ausbau des staatsmonopolisti-
schen Regulierungsapparates. Dadurch wurde die monopolkapitali-
stische Gruppen- und Machtstruktur komplexer. Die Monopolisierung
des BRD-Kapitals stieß, nachdem der Anschluß an das Weltmarktni-
veau erreicht war, in internationale Dimensionen vor. "Inter-
nationalisierungen der Produktion (multinationale Konzerne)
erschweren (...) die Fixierung nationaler Fraktionen innerhalb
der Monopolbourgeoisie, die zwar in internationalen Zusammenhän-
gen steht, jedoch Monopolinteressen nach 'innen', d.h. im Rahmen
des Nationalstaats durchsetzt." 15)
Aufgrund seiner ökonomischen, politischen und militärischen
Stärke spielte der US-Imperialismus, an den sich eine Fraktion
des westdeutschen Finanzkapitals anlehnte, nach 1945 die Füh-
rungsrolle. "In der Nachkriegsentwicklung erlangten vor allem
diejenigen Monopol- und Kapitalgruppen eine dominante Position,
die besonders eng mit dem USA-Kapital liiert waren. (...) Die
Macht der Montanmonopole an Rhein und Ruhr wurde zwar nicht ge-
brochen. Aber sie konnten - einerseits aufgrund der 'Entflech-
tungsmaßnahmen', andererseits aufgrund der schon in den 50er
Jahren einsetzenden Strukturveränderungen im kapitalistischen
Akkumulationsprozeß - nicht mehr jene Rolle zurückgewinnen, die
sie in der bisherigen deutschen Geschichte gespielt hatten. Das
'Führungszentrum' des Kapitals verlagerte sich zu den dynamischen
Monopolgruppen der Elektroindustrie, der Elektronik, des
Fahrzeugbaus und der Großchemie." 16)
Im Universalbankensystem der BRD bauten die Monopolbanken
(Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank), begünstigt durch ge-
setzliche Regelungen (Depotstimmrecht, Schachtelbeteiligung, Li-
mitierung der Aufsichtsratsmandate), ihre gesamtwirtschaftliche
Machtstellung kontinuierlich aus. Dementsprechend konstatierte
Kurt Gossweiler eine tendenziell wachsende Bedeutung des Bankka-
pitals, insbesondere der Großbanken, die als Knotenpunkte des Ka-
pitalverkehrs weite Wirtschaftsbereiche kontrollieren: "Weil der
ins Politische transportierte Kampf der verschiedenen Mono-
polgruppen letzten Endes seine - zeitweilige, vorübergehende -
Lösung nur auf der Linie des jeweiligen monopolistischen Gesamt-
interesses finden kann, wird die Rolle der Monopolbanken für den
Ausgang der Kämpfe zwischen monopolistischen Gruppen immer ent-
scheidender, denn diese Banken sind viel eher imstande, die Linie
des Gesamtinteresses ausfindig zu machen, als die einzelnen indu-
striellen Monopolgruppen das können. Der Apparat aber, mit dessen
Hilfe die Lösung auf dieser Linie durchgesetzt wird, ist der im-
perialistische Staat. Somit ist die Universalität der Banken eine
der Ursachen dafür, daß diese auch auf die Entscheidungen des
Staates einen größeren Einfluß als die Industriemonopole gewin-
nen. Je notwendiger im Verlauf der Entwicklung des staatsmonopo-
listischen Kapitalismus das direkte Eingreifen des Staates in die
Wirtschaft wird, desto mehr müssen der Einfluß und die Macht
nicht nur der Monopole überhaupt, sondern in ganz besonderem Maße
der Einfluß und die Macht der Monopolbanken wachsen." 17)
Ebensowenig wie der Staat sind die Großbanken unmittelbar an be-
stimmte Konzerne der Privatindustrie gebunden. Heute erscheint
der Versuch, den Monopolgruppierungen einzelne Großbanken bzw.
Finanzblöcke zuzuordnen, aussichtsloser denn je. 18) Überkommene
Geschäftsbeziehungen lösen sich auf, andere werden neu geknüpft.
Häufig übersteigt das Investitionsvolumen eines Riesenprojekts
selbst die Finanzkraft der größten Monopolbank, und diese gründet
mit einem oder mehreren Konkurrenzunternehmen ein Bankenkonsor-
tium, während der Staat das Restrisiko trägt. Gleichzeitig ver-
mittelt der Staat zwischen verschiedenen Monopolfraktionen, die
unterschiedliche, aber nicht unversöhnliche Interessen haben. Dem
muß die Soziologie der herrschenden Klasse Rechnung tragen.
Mehr noch als die Großbanken vertritt der Staat den Monopolgrup-
pen gegenüber imperialistische Globalinteressen, betätigt sich
als Clearingstelle und wirkt als Kohäsionsfaktor, der das Ge-
samtsystem zusammenhält und sein Funktionieren gewährleistet,
zentrifugalen Tendenzen entgegen. Er bildet gewissermaßen ein
Gravitationszentrum, um das sich Großbanken, (multinationale)
Konzerngiganten und Monopolverbände gruppieren. Kein Widerspruch
besteht zwischen der Wahrnehmung des gesamtkapitalistischen Sy-
stemerhaltungsinteresses und der Bevorzugung einzelner Mono-
polgruppen, sowenig wie zwischen der Repressionsfunktion des
Staates und seinem integrativen Auftrag, weil die Anwendung von
Gewalt bei der Integration unvermeidlich ist. "Es gibt nicht eine
staatliche Maßnahme, nicht ein Gesetz, nicht eine Finanzierungs-
form, die nicht sowohl zum Schutz der monopolistischen Fraktion
in ihrer Gesamtheit dient als auch insofern diskriminierend
wirkt, als sie einen Konzern zum Nachteil eines anderen begün-
stigt, ein Gesamtproblem 'auf dem Rücken' eines Teils der monopo-
listischen Fraktion provisorisch zu lösen sucht." 19) Die Einbe-
ziehung des Staates in den kapitalistischen Reproduktionsprozeß,
seine Regulierung der Klassenbeziehungen und des Wirtschaftsle-
bens ermöglicht den Monopolen nicht nur die Realisierung kontinu-
ierlich über dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegender Pro-
fite, sondern läßt die Konzerne auch einen Modus vivendi finden,
der sie im Kampf gegen die Arbeiterklasse, ihre nichtmonopolisti-
schen und ausländischen Konkurrenten eint.
Die staatsmonopolistische Wirtschaftsregulierung gleicht einem
Balanceakt, der zum Interessenausgleich zwischen den Kapitalfrak-
tionen und Monopolgruppierungen führt, die Konjunkturentwicklung
ebenso berücksichtigt wie Veränderungen der Sozialstruktur, Klas-
senkonstellationen und das finanzkapitalistische Kräfteparallelo-
gramm. Der imperialistische Staat spielt nicht nur seine konven-
tionelle Rolle als Instrument der herrschenden Klasse, sondern
auch die des Puffers, der Interessengegensätze des Monopolkapi-
tals auffängt und Konflikte zwischen seinen Flügeln entschärft.
Durch die Bedeutung der ökonomischen Staatsfunktionen wird er zum
bevorzugten Objekt des Machtstrebens der Monopolgruppen. "Je be-
deutungsvoller der Staat als Auftraggeber, Verteiler von Rohstof-
fen und Investmitteln, als Umverteiler des Volkseinkommens zugun-
sten der Monopole wird, desto bedeutungsvoller wird die Beherr-
schung des Staates für jedes einzelne Monopol und jede Mono-
polgruppe. Je größer das Gewicht, das die Politik des Staates für
die Profite erlangt, desto mehr wird der ökonomische Konkurrenz-
kampf der Monopole ergänzt und verschärft durch ihren politischen
Machtkampf um die innigste 'Verschmelzung' mit dem Staat; dies
jedoch immer nur in den Grenzen, die vom monopolistischen Gesamt-
interesse gezogen werden." 20)
Im Staat kreuzen sich einzelkapitalistische Verwertungsinteres-
sen, strategische Konzeptionen der Monopolfraktionen und Repro-
duktionserfordernisse des Gesamtsystems, die, zu einem Interes-
senquerschnitt verdichtet, das Handeln der verantwortlichen Poli-
tiker determinieren. Für die Nachkriegsperiode kommt außerdem die
Dominanz der imperialistischen Besatzungsmächte und ausländischer
Kapitalgruppen hinzu: "Die Eigenart der Situation führte in West-
deutschland zu einer besonderen Art von staatsmonopolistischem
Kapitalismus, dessen Hauptkennzeichen ein hoher Grad direkter,
allumfassender Eingriffe der ausländischen imperialistischen Be-
satzungsmächte und der hinter ihnen stehenden ausländischen Mono-
polgruppen in das politische Leben, in das Wirtschaftsgeschehen
und andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit vorwiegend
militärisch-administrativen Methoden war. Ohne diese spezifische
Form der Reglementierung des gesamten ökonomischen und politi-
schen Lebens in Westdeutschland durch imperialistisch-militäri-
sche Gewalt wäre ein Wiedererstehen des deutschen Imperialismus
auch in den Westzonen nicht möglich gewesen." 21)
Die Regeneration des Monopolkapitals und die Reorganisation sei-
nes Staatsapparates gingen Hand in Hand. Beide ergänzten einander
und vollzogen sich ohne radikalen Bruch mit der Vergangenheit,
was zum schnellen Wiedererstarken des Imperialismus beitrug.
"Somit gab es in der Bundesrepublik keinen langwierigen neuen
Prozeß der Verschmelzung von Staats- und Monopolmacht, sondern
gleich den zielgerichteten Aufbau eines bereits miteinander ver-
flochtenen Herrschaftssystems." 22)
Die von den CDU/CSU- bzw. Bürgerblockregierungen der "Ära
Adenauer" betriebene "Politik der Stärke" entsprach dem Expansi-
onsdrang der westdeutschen Monopole und fügte sich bruchlos in
die amerikanische Globalstrategie des Kalten Krieges gegen die
sozialistischen Staaten ein. Günstige Verwertungsbedingungen ge-
statteten es der Großbourgeoisie, horrende Profite zu erzielen
und eine führende Stellung auf dem Weltmarkt rasch zurückzugewin-
nen. Gleichzeitig erlaubte die relative Prosperität und Stabili-
tät des westdeutschen Nachkriegskapitalismus seiner herrschenden
Klasse soziale Konzessionen, Kompromißbereitschaft im Rahmen von
Lohnkämpfen und Korrekturen am Sozialversicherungssystem
(Rentengesetzgebung). Die als "Wirtschaftswunder" verherrlichte
Rekonstruktionskonjunktur des BRD-Kapitalismus währte fast zwei
Jahrzehnte, bis die Rezession 1966/67 das Ende der schwach ausge-
prägten Zyklen, der Krisenfestigkeit und der Interessenkonvergenz
zwischen den Monopolfraktionen signalisierte.
Die Aufnahme der SPD in eine Koalitionsregierung mit Kurt Georg
Kiesinger als Bundeskanzler wurde notwendig, weil die Wirt-
schaftskrise auf das politische System der BRD ausstrahlte, und
erscheint auch im nachhinein als geschickter Schachzug der Herr-
schenden, um ihre akuten Verwertungsschwierigkeiten durch Anpas-
sung der Außenpolitik an die veränderte Weltlage (militärisches
Kräftegleichgewicht zwischen Imperialismus und Sozialismus, Auf-
schwung der nationalen Befreiungsbewegungen, Entkolonialisie-
rung), durch staatsmonopolistische Modernisierungsformen und Auf-
brechung verkrusteter Machtstrukturen zu bewältigen, was im Über-
gang zu den siebziger Jahren mittels eines neuerlichen Regie-
rungswechsels (SPD/FDP-Koalition) gelang. Eine wichtige Hand-
lungsdeterminante der Regierungspolitik, die vom neoliberalen
Laisser-faire abrückte und zu neokeynesianischen Regulierungsmaß-
nahmen Zuflucht nahm, war die starke Exportabhängigkeit der west-
deutschen Industrie. Der sozialdemokratische Wirtschaftsminister
Karl Schiller verkörperte die Bemühungen der Bundesregierung um
eine Verstetigung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses
durch staatliche Lenkungsmaßnahmen ("Globalsteuerung"), die Kon-
trolle der Reallohnentwicklung durch Disziplinierung der Gewerk-
schaften im Rahmen einer institutionalisierten Klassenkollabora-
tion ("konzertierte Aktion") sowie die perspektivische Koordina-
tion und Zentralisation der staatlichen Haushaltspolitik
("mittelfristige Finanzplanung").
Die Ausweitung der Staatsnachfrage, die Lohnregulierung und die
durch steuerliche Vergünstigungen unterstützte Exportoffensive
des BRD-Kapitals trugen mit dazu bei, die Krisenerscheinungen von
1966/67 zu überwinden. Der Aufschwung nach der Rezession 1966/67
schien die Richtigkeit des wirtschaftspolitischen Wandels zu be-
weisen, war jedoch nur von kurzer Dauer und wurde von einer Pro-
fitexplosion begleitet, die den Protest der Lohnabhängigen und
ihrer Gewerkschaften herausforderte, die Kampfbereitschaft in den
Betrieben schlagartig erhöhte und als Auslöser für verschärfte
Klassenauseinandersetzungen (Septemberstreiks 1969) wirkte. Die
Boomphase gegen Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre
stellte das staatsmonopolistische Regulierungsinstrumentarium vor
unlösbare Probleme. Hohe Preissteigerungsraten machten die Ziel-
projektionen der Regierung Brandt/Scheel zunichte, gefährdeten
die Konkurrenzfähigkeit des BRD-Kapitals auf dem Weltmarkt und
beeinträchtigten den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung,
zumal sie trotz stagnativer bzw. rezessiver Entwicklungstendenzen
1972/73, die - spätestens seit der sog. Ölkrise - das nächste
Krisendebakel ankündigten und die reformistische These der Plan-
barkeit des kapitalistischen Reproduktionsprozesses widerlegten,
anhielten ("Stagflation" bzw. "Slumpflation").
In dieser prekären Situation, als ein Rückgang der Industriepro-
duktion und Massenarbeitslosigkeit drohten, verlagerte die
SPD/FDP-Regierung das Schwergewicht ihrer Gegenmaßnahmen von der
Fiskalpolitik zur Geld- und Kreditpolitik, verfolgte sie eine re-
striktive Ausgabenplanung und schloß sich dem kontraktiven Kurs
der Bundesbank (Diskont- und Lombardsatzerhöhungen, Anhebung der
Mindestreservesätze) an. Diese - Stabilitätspolitik", in der ka-
pitalistischen Weltwirtschaftskrise 1974/76 durch "Sparprogramme"
zur Budgetsanierung, Abbau von Sozialleistungen (sog. Haushalts-
strukturgesetz) und Kürzung der Staatsinvestitionen in diesem Be-
reich fortgesetzt, bürdete den Werktätigen die Kosten des Krisen-
managements auf (Mehrwertsteuererhöhungen), wohingegen das Kapi-
tal entlastet wurde (Vermögenssteuersenkung, Wegfall der Lohnsum-
mensteuer, Gewinn- und Verlustrücktrag). Der neoklassische Mone-
tarismus à la Milton Friedman verdrängte den Neokeynesianismus
als wirtschaftspolitische Maxime, trat neben ihn, ohne daß die
Abkehr von den Imperativen der antizyklischen Konjunkturbeein-
flussung mittels Staatsverschuldung (Deficit-spending) einen Re-
gierungswechsel erfordert hätte. Der Kanzlerwechsel Brandt/
Schmidt im Frühjahr 1974 reichte aus, um den veränderten
sozialökonomischen Rahmenbedingungen sozial-liberaler Regierungs-
politik Rechnung zu tragen. Die Koalition stellte sich auf die
Akkumulationsschwierigkeiten des Monopolkapitals ein, indem sie
der Reformpolitik, sofern diese nicht, wie Ost- und Entspannungs-
politik, zumindest mittelbar seinen Verwertungsbedürfnissen
(Erschließung neuer Absatzmärkte) diente, gänzlich entsagte, die
Inflationsrate unter der des imperialistischen Auslands zu halten
suchte und die Konfliktstrategie gegenüber der Arbeiterklasse
(Mitbestimmungsklage der Unternehmerverbände, sog. Tabukatalog,
Flächenaussperrungen) durch Einschränkung demokratischer Grund-
rechte flankierte. Reprivatisierungskampagnen der Kapitalver-
bände, der Unionsparteien und anderer Rechtskräfte rundeten das
Bild einer zweiten Restaurationsperiode ab. In diesem Zusammen-
hang wurde in der marxistischen Literatur von einer privatmonopo-
listischen, antietatistischen Entwicklungsvariante des staatsmo-
nopolistischen Kapitalismus gesprochen. 23)
4. Zur Bedeutung der Monopolgruppentheorie für die
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marxistische Staatsdiskussion (Forschungsperspektiven)
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Im staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus ist die Fraktionierung
seiner herrschenden Klasse weniger ausgeprägt als früher, weshalb
eine bloße "Fortschreibung" der Monopolgruppentheorie, wie sie
für die Weimarer Republik und den Faschismus entwickelt wurde,
unzureichend wäre. Traditionelle Bindungen haben sich gelockert
oder aufgelöst, die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital
ist so weit fortgeschritten, daß der Finanzsektor feindliche Mo-
nopolgruppierungen zusammenschweißt. Der Internationalisierungs-
prozeß des Kapitals bedingt eine Verschiebung der Fronten, in die
der bürgerliche Nationalstaat einbezogen ist. Widersprüche und
Interessengegensätze überlappen sich, leben jedoch auch dann
fort, wenn sie durch Gemeinsamkeiten im Kampf gegen die Arbeiter-
klasse und den realen Sozialismus relativiert werden. "Den Diffe-
renzierungserscheinungen in der Monopolbourgeoisie liegen (...)
neben den relativ leicht zu erfassenden unmittelbaren Anlässen,
Ursachen, Taktiken usw. auch langfristig wirkende, stabile Gegen-
sätze zugrunde, darunter auch wesentlich ökonomische Gegensätze.
Dabei zeigt sich, daß sich ihr Gewicht im Hinblick auf bestimmte
politische Konzeptionen, daß sich der Bogen von den ökonomischen
Ursachen zu den politischen Konzeptionen unterschiedlich dar-
stellt. Die Linie ist direkter dann, wenn konkurrierende Profi-
tinteressen zwischen verschiedenen Fraktionen des Monopolkapitals
unmittelbar im Spiel sind, weniger direkt, wenn Grundfragen des
Systems zur Debatte stehen, die zwar das Profitinteresse einzel-
ner Kapitale nicht unmittelbar berühren, aber die Problematik der
Profitmacherei überhaupt aufwerfen, und es entstehen Systemfra-
gen, besonders auch im Bereich der Außenpolitik, wo die politi-
schen Gesetzmäßigkeiten die ökonomischen an Gewicht übertreffen,
wobei natürlich nicht außer acht gelassen werden darf, daß die
Politik auch hier der konzentrierteste Ausdruck der Ökonomie
ist." 24)
Die marxistische Prozeßanalyse des Wechselverhältnisses von Öko-
nomie und Politik muß also mehrdimensional angelegt sein, beide
Bezugsebenen überspannen und differenzierter als bürgerliche Ver-
gleichsstudien argumentieren, um ihrem Forschungsgegenstand ge-
recht zu werden. Einflußanalytische Erklärungsmuster für staatli-
ches Handeln zugunsten des Monopolkapitals laufen so lange auf
eine Simplifizierung, Schematisierung und Schablonisierung kom-
plizierter Entwicklungsprozesse hinaus, wie sie der historisch-
materialistischen Begründung entbehren. Agententheoretische Deu-
tungsversuche verkürzen die Problematik der Umsetzung ökonomi-
scher Interessen in politische Entscheidungen, verharren an der
Oberfläche. Selbst ausgesprochen informative und verdienstvolle
Konzernbiographien bleiben Stückwerk, wenn sie nicht in den Kon-
text der kapitalistischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte ein-
gebettet sind 25).
Die Kritik an der Monopolgruppentheorie kaprizierte sich bisher
auf ihre Tendenz zur Personalisierung ökonomischer und politi-
scher Machtstrukturen. So beklagte Niels Kadritzke, "daß in der
Geschichtsforschung der DDR das Verhältnis von Ökonomie und Poli-
tik noch nicht ausreichend thematisiert und zum Problem einer ma-
terialistischen Staatstheorie gemacht worden ist, und daß dement-
sprechend auch in der historisch konkreten Staatsanalyse noch im-
mer verkürzte und personalisierende Fragestellungen vorherr-
schen." 26) Derselbe Autor muß jedoch zugeben, daß die methodi-
schen Prämissen der Monopolgruppentheorie nicht notwendigerweise
mit dem Marxismus und wissenschaftlichen Prinzipien kollidieren:
"Eine personalisierende Darstellungsweise kann eine sinnvolle und
legitime Funktion haben, etwa im Falle einer didaktisch reflek-
tierenden Veranschaulichung . Sowohl in analysierender als auch
in veranschaulichender Funktion werden aber verhängnisvolle Feh-
ler nur dann zu vermeiden sein, wenn die Frage nach den Beziehun-
gen zwischen Personen und ihren Handlungen als Teil eines umfas-
senderen Erklärungszusammenhangs bewußt und methodisch unter Kon-
trolle gehalten wird." 27)
Das Problem wäre allerdings falsch gestellt, wollte man sich der
Einsicht verweigern, daß die Personalisierung nicht nur Illustra-
tionszwecken dient, also strukturelle Zusammenhänge aufdeckt und
verdeutlicht, sondern daß die personelle Verflechtung - als Er-
gänzung und Verstärkung der institutionellen Vermittlung - zwi-
schen Staat und Monopolen auch eine Realitätsebene ausdrückt:
"Die wechselseitige Verflechtung, Interaktion und Austauschbar-
keit zwischen den Spitzen der Konzerne, der Unternehmensverbände
und des Staatsapparates charakterisiert nicht nur den Herr-
schaftsmechanismus selbst - sie reflektiert zugleich auf einer
personell-sozialen Ebene die funktionelle Verflechtung von ökono-
mischer und politischer Herrschaft, von Staat und Monopolen, im
heutigen Kapitalismus." 28)
Bescheinigte Kadritzke der Konzeption Gossweilers, die tautologi-
sche Erklärung von Macht durch Macht hinter sich zu lassen, so
sah Eike Hennig darin im Gegenteil einen Rückfall auf Positionen
vor dem VII. Komintern-Kongreß und monierte die mangelnde Bereit-
schaft zur Selbstkritik. Hennig stellte Vermutungen über die po-
litisch-strategischen Implikationen der Monopolgruppentheorie an,
die ob ihrer spekulativen Ignoranz gegenüber der Realität nicht
der Peinlichkeit entbehren, mit Sicherheit aber ihren Monopolan-
spruch auf wissenschaftliche Redlichkeit bei der Beweisführung
verfehlen. "Von ihrer politischen Vermitteltheit her läßt sich
die Monopolgruppentheorie als ein Versuch begreifen, die selbst-
kritischen Tendenzen zurückzudrängen, die vor allem Mitte der
30erJahre - auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Interna-
tionale und auf der sog. 'Brüsseler Konferenz' der KPD (beide
1935) - aufgeklungen sind." 29)
Der von Hennig erhobene Vorwurf des Positivismus, Empirismus und
"linken Historismus" fällt bei genauer Betrachtung in sich zusam-
men. Auch ist nicht einsichtig, warum die m e t h o d i s c h e
Trennung zwischen Klassenkämpfen und klasseninternen Auseinander-
setzungen obsolet sein, weshalb die arbeitsteilige Untersuchung
von Differenzierungsund Fraktionierungstendenzen innerhalb des
Monopolkapitals eine Ausblendung der Arbeiterbewegung und ihrer
Geschichte bewirken soll, wie Hennig meint: "Wenn sich die Moto-
rik der Geschichte darin äußert, daß Geschichte die Geschichte
von Klassenkämpfen ist, und die ihrer kritischen Darstellung ad-
äquate Verfahrensweise folglich in der klassenanalytischen Be-
trachtung gesellschaftlich-antagonistischer 'Totalität' liegt, so
wird Gossweiler diesem Anspruch nicht gerecht; denn er entwickelt
seinen Beitrag zur Monopolgruppentheorie gerade nicht aus den Di-
mensionen des Konflikts von Kapital und Arbeit." 30)
Umgekehrt kommt man der Wirklichkeit näher, denn die Klassen-
kämpfe werden überhaupt erst verständlich, wenn wir die Interes-
sengegensätze innerhalb der herrschenden Klasse, die Bündnispoli-
tik ihrer Fraktionen und die Möglichkeiten für eine "anta-
gonistische" Kooperation über Klassen- bzw. Systemgrenzen hinweg
(berühmtestes Beispiel auf internationaler Ebene ist die Anti-
Hitler-Koalition von Staaten unterschiedlicher Gesellschafts-
ordnung) berücksichtigen.
Die Monopolgruppentheorie kann der marxistischen Staatsdiskussion
wichtige Impulse geben, zur Klärung des Verhältnisses von Ökono-
mie und Politik beitragen, vorausgesetzt, sie wird nicht mecha-
nisch auf den staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus übertragen,
sondern weiterentwickelt und seiner Entwicklung angepaßt. Es be-
darf ihrer Forschungsergebnisse auch als Beitrag zur politischen
Orientierung der Arbeiterklasse. "Es geht darum, für den tägli-
chen Kampf zu bestimmen, in welche Richtung die unterschiedlichen
Fraktionen der Klasse an der Macht den Staat drängen und weiter-
hin okkupieren." 31)
Dies sind Aufgaben, auf die mit diesem Aufsatz aufmerksam gemacht
werden sollte. Es wird in der Zukunft erforderlich sein, die Mo-
nopolgruppenkonzeption - im Sinne des Grundzusammenhangs ökonomi-
scher und politischer Interessen des Monopolkapitals - stärker
als bisher in Untersuchungen zur Soziologie der herrschenden
Klasse zu berücksichtigen.
_____
1) Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in:
MEW, Bd. 8, S. 139.
2) Ebd., S. 177.
3) W.I. Lenin, Der Fall von Port Arthur, in: LW, Bd. 8, S. 39.
4) Eugen Varga, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im zweiten
Vierteljahr 1934, in: Rundschau über Politik, Wirtschaft und Ar-
beiterbewegung 46/1934, S. 1912.
5) Jürgen Kuczynski, Zur Soziologie des imperialistischen
Deutschland, in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut
für Geschichte (Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1962,
Teil II, Berlin (DDR) 1962,5. 57.
6) Kurt Gossweiler, Großbanken - Industriemonopole - Staat, Öko-
nomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in
Deutschland 1914-1932, Westberlin 1975 (Reprint), S. 35
(Berlin/DDR 1971).
7) Ebd., S. 88.
8) Alfred Schröter, Einige methodologische Fragen der Entstehung
und Entwicklung monopolistischer Gruppierungen in Deutschland,
in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte
(Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1966, Teil IV, Berlin
(DDR) 1966, S. 132.
9) Dietrich Eichholtz, Die Geschichte der deutschen Kriegswirt-
schaft 1939-1945, Bd. 1: 1939-1941, Berlin (DDR) 1969, S. 9.
10) Zur Konzeption der staatsmonopolistischen Komplexe vgl. Heinz
Jung, Gesamtkapital - Monopole - Staat, Gesichtspunkte des ökono-
mischen Mechanismus im staatsmonopolistischen Kapitalismus, in:
Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.), Marxi-
stische Studien, Jahrbuch des IMSF 2 (1979), Frankfurt am Main
1979, S. 76 ff.
11) Siehe Georgi Dimitroff, Die Offensive des Faschismus und die
Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Ein-
heit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: Institut für
Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.), VII. Kongreß der
Kommunistischen Internationale, Referate und Resolutionen, Frank-
furt am Main 1975, S. 93.
12) Jürgen Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter
dem Kapitalismus, Bd. 5: Darstellung der Lage der Arbeiter in
Deutschland von 1917/18 bis 1932/33, Berlin (DDR) 1966, S. 124.
13) Eberhard Czichon, Der Primat der Industrie im Kartell der na-
tionalsozialistischen Macht, in: Das Argument 47 (1968), S. 185.
14) Eberhard Czichon, Der Bankier und die Macht, Hermann Josef
Abs in der deutschen Politik, Vorwort von George W.F. Hallgarten,
Köln 1970, S. 179 f.
15) Rudolf Hickel, Kapitalfraktionen, Thesen zur Analyse der
herrschenden Klasse, in: Kursbuch 42 (1975), S. 148.
16) Frank Deppe/Heinz Jung, Entwicklung und Politik der herr-
schenden Klasse in der Bundesrepublik, in: Ulrich Albrecht u.a.,
Beiträge zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln
1979, S. 451.
17) Kurt Gossweiler, Die Rolle der Großbanken im Imperialismus,
in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte
(Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1971, Teil III, Ber-
lin (DDR) 1971, S. 42.
18) Alfred Schröter, Einige methodologische Fragen der Entstehung
und Entwicklung monopolistischer Gruppierungen in Deutschland,
a.a.O., S. 138.
19) Jean Pierre Meynard, Der monopolistische Staat und die neuen
Widersprüche der Reproduktion, in: Marxismus Digest 32 (1977), S.
125.
20) Kurt Gossweiler, Großbanken - Industriemonopole - Staat,
a.a.O., S. 83.
21) Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED
(Hrsg.), Der Imperialismus der BRD, Frankfurt am Main 1971, S.
59.
22) Eberhard Czichon, Der Bankier und die Macht, a.a.O., S. 178.
23) So: Heinz Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsvari-
ante des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD: Vorausset-
zungen, Inhalt, Perspektiven, Entwicklungstendenzen 1973-1978,
in: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.),
Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 1 (1978), Frankfurt am
Main 1978, S. 9 f.
24) Peter Hess, Ökonomische Grundlagen für Differenzierungspro-
zesse in der Monopolbourgeoisie, in: Wirtschaftswissenschaft
3/1972, S. 403.
25) So z.B. Kurt Pritzkoleit, Männer, Mächte, Monopole, Hinter
den Türen der westdeutschen Wirtschaft, Düsseldorf 1953; ders.,
Wem gehört Deutschland?, Eine Chronik von Besitz und Macht, Mün-
chen/Wien/Basel 1957.
26) Siehe Niels Kadritzke, Faschismus und Krise, Zum Verhältnis
von Politik und Ökonomie im Nationalsozialismus, Frankfurt am
Main/New York 1976, S. 138.
27) Ebd., S. 133.
28) Frank Deppe/Heinz Jung, Entwicklung und Politik der herr-
schenden Klasse in der Bundesrepublik, a. a. O., S. 455.
29) Eike Hennig, Monopolgruppentheorie in der DDR, diskutiert an
"Großbanken, Industriemonopole, Staat" von Kurt Gossweiler, in:
Leviathan 1/1973, S. 143.
30) Ders., Materialien zur Diskussion der Monopolgruppentheorie,
Anmerkungen zu Kurt Gossweilers "Großbanken, Industriemonopole,
Staat", in: Neue Politische Literatur 2/1973, S. 192. Ähnlich ar-
gumentiert auch Joachim Radkau. Vgl.: George W.F. Hallgar-
ten/Joachim Radkau, Deutsche Industrie und Politik von Bismarck
bis heute, Frankfurt am Main/Köln 1974, S. 281 f.
31) Norman Paech, Staat und Krise - Krise des Staats?, in: Werner
Goldschmidt (Hrsg.), Staat und Monopole (III), Argument-Sonder-
band 36 (1979), S. 25.
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