Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980

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MONOPOLGRUPPEN UND STAAT

Christoph Butterwegge 1. Problemstellung - 2. Zur Entstehungs- und Entwicklungsge- schichte der Monopolgruppentheorie - 3) Ökonomie und Politik im staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD - 4. Zur Bedeutung der Monopolgruppentheorie für die marxistische Staatsdiskussion (Forschungsperspektiven) 1. Problemstellung ------------------ Seit sich um die Jahrhundertwende das Ende des Kapitalismus der freien Konkurrenz abzeichnete, schenken Marxisten dem Monopol als der für den Imperialismus konsumtiven Entwicklungsform des Kapi- talverhältnisses besondere Aufmerksamkeit. Im Übergang vom Kon- kurrenz- zum Monopolkapitalismus veränderten sich nicht nur die sozialökonomischen Rahmenbedingungen der Tätigkeit des Staates, vielmehr dieser selbst, sein Verhältnis zur herrschenden Klasse, die tiefgreifenden Wandlungsprozessen unterworfen war. Seine Son- derstellung im Reproduktionsprozeß ermöglicht dem Monopol die Re- alisierung überdurchschnittlicher Profite und macht seine Reprä- sentanten zur dominanten Schicht der Bourgeoisie. Das Monopolka- pital ist kein monolithischer Machtblock, sondern vielfach in sich differenziert. Die Monopolgruppentheorie nahm sich dieser Fraktionierungstendenzen, sofern sie in den Kernbereich der indu- striellen Großkonzerne fielen, an und versuchte, Ursachen und Wirkung ihrer Entwicklung auf der Grundlage des historischen Ma- terialismus zu erfassen. Was die wissenschaftliche Erklärung der Machtübernahme des Hit- lerfaschismus 1933, ihrer Wurzeln in der Wirtschaftsentwicklung der Weimarer Republik und des Schuldanteils der deutschen Großin- dustrie (Widerlegung der Kollektivschuldthese, Konkretisierung der Klassenschuldthese) durch marxistische Historiker betrifft, hat die Monopolgruppentheorie während der Nachkriegszeit hervor- ragende Hilfsdienste geleistet. Sie ließ es nicht bei der pau- schalen Charakterisierung des imperialistischen Staates als In- strument der herrschenden Klasse bewenden, sondern markierte die mehrdimensionalen Differenzierungs- und Polarisierungsprozesse innerhalb des Monopolkapitals, ihre Folgen für die staatliche Po- litik im Einzelfall und historische Entwicklungstrends, deren Gültigkeit teilweise bis in die Gegenwart reicht. Der vorliegende Beitrag stellt sich die Aufgabe, wichtige Aspekte der Monopolgruppentheorie in Erinnerung zu rufen, einige der Dis- kussionspositionen zu skizzieren und Verbindungslinien zur heuti- gen Staatsdiskussion herzustellen. Unser Erkenntnisinteresse ist darauf gerichtet, die methodischen Prämissen und Paradigmen der Monopolgruppentheorie, sofern sie sich nicht dem staatsanalytischen Zugriff entziehen, in die hi- storisch-materialistische Sichtweise des Staates einzufügen. Wir wollen uns auf die Frage konzentrieren, ob und ggf. mit welchen Modifikationen ihr Ansatz geeignet ist, Aufschluß über das kom- plizierte Beziehungsgefüge zwischen Ökonomie und Politik im staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus zu geben. Daß man hin- sichtlich der Strategien und Aktivitäten der Machtzentren in den meisten Fällen nicht über vage Vermutungen hinauskommt, liegt in der Sache selbst begründet und hängt nur bedingt mit methodischer Unzulänglichkeit oder mangelndem Geschick des Analytikers zusam- men . Die Quellenlage ist in der Regel schlecht, es sei denn, die Forschung kann - wie im Fall des Hitlerfaschismus DDR-Historiker - auf Archivmaterial zurückgreifen, das ihr im Gefolge eines Krieges und/oder einer Revolution in die Hände fällt. Je näher man dem politischen und ökonomischen Nervenzentrum des Systems kommt, um so mehr hüllen sich seine Herrschaftsträger in Schwei- gen und nimmt die Zahl der Zeugen ab. 2. Zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ---------------------------------------------- der Monopolgruppentheorie ------------------------- Die Anatomie der herrschenden Klasse ist von der Ökonomie des Ka- pitalismus nicht abzulösen. Schon Marx hat darauf hingewiesen, daß sich die Bourgeoisie in Fraktionen teilt, deren Flügelkämpfe um die politische Vorherrschaft genauso zur Geschichte der Klassengesellschaft gehören wie die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit. Ein Locus classicus für die Analyse der Bildung von Gruppen innerhalb der herrschenden Klasse, ihrer Interessenunterschiede und Kämpfe um die Staatsmacht ist "Der 18. Brumaire", wo Marx die Strömungen innerhalb der französischen Bourgeoisie untersucht, um die sozialen Wurzeln des Bonapartismus des zweiten Kaiserreiches bloßzulegen. In den Orleanisten und den Legitimisten erkannte Marx die politische Repräsentanz zweier Bourgeoisfraktionen, deren Existenz er auf die Interessendiver- genz zwischen Großgrundbesitzern und industriellen Unternehmern zurückführte. "Wenn jede Seite gegen die andre die Restauration ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte, so hieß das nichts andres, als daß die zwei großen Interessen, worin die Bourgeoisie sich spaltet - Grundeigentum und Kapital -, jedes seine eigne Su- prematie und die Unterordnung des ändern zu restaurieren suchte." 1) Aus dem Interessenkonflikt zwischen diesen Richtungen, der nicht ohne Rückwirkung auf das politische System und die Staats- form blieb, ging die bürgerlich-parlamentarische Demokratie als Kompromißlösung hervor. "Die parlamentarische Republik war mehr als das neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französi- schen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundei- gentum und Industrie, gleichberechtigt nebeneinander hausen konn- ten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer gemeinsamen Herr- schaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines Klassenin- teresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besondern Fraktionen wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf." 2) Lenin entwickelte die Marxsche Methodik weiter, indem er sie auf den Imperialismus, das höchste Entwicklungsstadium des Kapitalis- mus, anwandte. Ein ums andere Mal hob er ihre Bedeutung für die Strategie und Taktik der Arbeiterbewegung hervor. "Das Proleta- riat steht jeder Bourgeoisie und allen Erscheinungsformen der bürgerlichen Ordnung feindlich gegenüber, aber diese Feindschaft enthebt es nicht der Pflicht, zwischen den historisch fort- schrittlichen und den reaktionären Vertretern der Bourgeoisie zu unterscheiden." 3) Die Weltwirtschaftskrise des Kapitals 1929/33 verschärfte die In- teressengegensätze innerhalb der herrschenden Klasse so sehr, daß Eugen Varga von einer "Krise der oberen Klassen" sprach, die der Faschismus in Deutschland diktatorisch zu lösen versuchte. Varga diagnostizierte eine Verminderung der Mehrwertsumme infolge der Massenarbeitslosigkeit, die auch durch Intensivierung der Ausbeu- tung nicht wettzumachen war. "Da dieser Mehrwert je nach der Stärke der Monopole zu einer sehr ungleichmäßigen Verteilung kam; da die stärksten Monopole den Löwenanteil an der verminderten Mehrwertsumme an sich rissen, so mußten sich starke Kämpfe inner- halb der herrschenden Klassen entwickeln, die die Tendenz zeig- ten, zu einer Krise der oberen Klassen auszureifen. Die einzelnen Schichten und Gruppen der herrschenden Klassen versuchten durch Ausnützung der Staatsmacht die Verteilung des Profits zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Es entspann sich ein wütender Kampf um den Einfluß auf den Staat zwischen allen Klassen, Schichten, ein- zelnen Gruppen der herrschenden Klassen. Die politische Form die- ses Kampfes war die Zersplitterung der bürgerlichen Parteien, der parlamentarische Wirr-Warr und ständige 'Kuhhandel', kurzlebige Koalitionen und rasche Folge der Ministerkrisen, eine mehr oder minder ständige Krise der parlamentarischen Form der bürgerlichen Diktatur." 4) Obwohl während der Weimarer Republik bereits zwei Lager innerhalb des Großkapitals existierten, deren Interessengegensätze die po- litische Entwicklung, den Entdemokratisierungs- und Faschisie- rungsprozeß des bürgerlichen Staates mitbestimmten, konnte noch nicht von einer entwickelten marxistischen Monopolgruppentheorie gesprochen werden. Die Periode ihrer Entwicklung und Ausformulie- rung fällt in die Nachkriegsperiode. Besonders Wirtschaftstheore- tiker wie Jürgen Kuczynski, Kurt Gossweiler u.a. hatten daran entscheidenden Anteil. Jürgen Kuczynski unterschied zwischen folgenden Hauptgruppen des Monopolkapitals: der Gruppe Kohle-Eisen-Stahl und der Gruppe Elektro-Chemie bzw. (nach dem Einflußgewinn der IG Farben gegen Mitte der zwanziger Jahre) Chemie-Elektro. Ihre Politik kenn- zeichnete er als "anti-etatistisch" bzw. demokratisch, offen bzw. verdeckt aggressiv, "Herr-im-Hause"-Standpunkt bzw. zur Verein- nahmung der reformistischen Parteien bereit. Abgesehen von dieser unpräzisen Charakterisierung der taktischen Gegensätze zwischen den Gruppierungen der Großbourgeoisie wies Kuczynskis Ansatz zwei Schwachstellen auf. Einmal vernachlässigte er die Rolle der Mono- polbanken: "Die Bankmonopole können keine 'eigene' politische Rolle spielen, da sie stets mit Industriemonopolen verbunden sind - Finanzkapital!" 5) Demgegenüber machte Kurt Gossweiler geltend, "daß die Monopolban- ken selbst Monopolgruppen bilden, Finanzgruppen, in deren Mittel- punkt jeweils eine Monopolbank steht, und deren übrige Elemente die mit dieser Bank fest und dauerhaft verbundenen Unternehmungen in Industrie, Handel, Verkehr usw. sind. Die Gruppenbildung in der Monopolbourgeoisie erfolgt also nicht nur um eine, sondern um zwei Achsen, erstens um die Achse der sich aus den ökonomisch- technischen Produktions- und Absatzbedingungen ergebenden spezi- fischen Industriezweiginteressen, zum anderen um die Achse der aus finanzkapitalistischen Verflechtungen hervorgehenden Interes- sen. Beide Achsen überschneiden sich, stellen gewissermaßen die Abszisse und die Ordinate im monopolkapitalistischen Koordinaten- system dar." 6) Vor einer Überbewertung der Gegensätze zwischen den Monopolgruppen warnte Gossweiler: "Das gemeinsame Interesse der Monopole an der Erhaltung der Herrschaft der kapitalistischen Ordnung war und ist stärker und gewichtiger als ihre Interessen- gegensätze zusammengenommen." 7) Gossweiler hielt zwar an Kuczynskis Gliederungsschema, der Zweiteilung des deutschen Großkapitals in die Monopolgruppen der Schwerindustrie und der "neuen Industrien", wie er die Chemie- und Elektrobranche nennt, fest, schätzte ihre Konsistenz jedoch geringer ein und bestritt, daß sie ausreicht, um eine historische Kontinuität über Jahrzehnte hinweg zu begründen. Alfred Schröter wiederum sah den Interessengegensatz zwischen der schwerindustri- ellen Monopolfraktion und dem Chemie-Elektro-Flügel als geradezu konstitutiv für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des impe- rialistischen Deutschland an. "Der Kampf der beiden Hauptgruppie- rungen des deutschen Monopolkapitals zieht sich durch die gesamte Geschichte des deutschen Imperialismus. Er ist ein Kampf um die ökonomische und politische Vorherrschaft, der im Streben nach Be- herrschung des Staates einen Höhepunkt fand." 8) Schröter betonte die Notwendigkeit einer weiteren Unterteilung der Monopolgruppen, um der komplizierten Gruppenstruktur des Großkapitals gerecht werden zu können. Kurzfristig zustande kommende Interessenkonglo- merate bezeichnete er im Unterschied zu den konstanten Mono- polgruppen als - m o n o p o l i s t i s c h e B ü n d n i s- s e". In diesem Zusammenhang sprach Dietrich Eichholtz von "s t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n G r u p p i e- r u n g e n", womit er die Verflechtung des Finanzkapitals mit (Zweigen) der Staatsadministration, dem politischen und Parteiensystem meinte. "Unter einer staatsmonopolistischen Grup- pierung ist ein Interessen- und Machtkomplex zu verstehen, in dem bestimmte Monopole, Gruppen von Monopolen oder auch ganze Mono- polgruppen (Kohle/Eisen/Stahl, Chemie/Elektroindustrie) mit be- stimmten Teilen des Staatsapparates und Parteiapparats ver- wachsen." 9) Einer ähnlichen Intention entsprang offensichtlich die Einführung des Begriffs der "s t a a t s m o n o p o l i- s t i s c h e n K o m p l e x e" durch sowjetische Autoren. 10) Georgi Dimitroff definierte den Faschismus an der Macht auf dem VII. Weltkongreß der Komintern 1935 in Moskau als "offene terro- ristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinisti- schen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals". 11) Die Monopolgruppentheorie füllte diese Definition aus, beant- wortete nicht nur die Frage, wer die aggressivsten Kreise der Großbourgeoisie waren, sondern erklärte auch, auf welche Weise die Machtverschiebungen innerhalb der herrschenden Klasse zugun- sten des Faschismus wirkten, wie sie Hitler und seine Partei nach oben spülten, ihnen die Regierungsgeschäfte überantworteten. Die Machtübergabe an den Hitlerfaschismus erfolgte, nachdem die poli- tisch flexiblere Fraktion des Finanzkapitals, durch Kapitalbetei- ligungen, Kreditvergabe und personelle Verflechtungen mit Chemie- und Elektrokonzernen liiert, 1932/33 ihre Bündnisstrategie, die Konzessionen an das Proletariat ebenso einschloß wie die Koopera- tion mit dem reformistischen Flügel der Arbeiterbewegung, SPD- und Gewerkschaftsführung, geändert hatte und auf die Linie ihrer Konkurrenzgruppierung mit dem Schwergewicht in der Montanindu- strie eingeschwenkt war. Die deutsche Arbeiterbewegung erwies sich aufgrund ihrer Spal- tung, des Antikommunismus der rechtssozialdemokratischen Partei- führung, aber auch infolge taktischer Fehler der KPD als unfähig, den faschistischen Staatsstreich abzuwehren. Wahrscheinlich hätte es ihr die Bildung der Einheits- und Volksfront erlaubt, der In- stallation einer NSDAP-geführten Reichsregierung erfolgreich Wi- derstand entgegenzusetzen. "Das heißt, die Spaltung der Arbeiter- klasse machte es unmöglich, die Errichtung der faschistischen Diktatur zu verhindern. Und auch so muß man formulieren: die Spaltung der Arbeiterklasse machte es dem Flügel Kohle-Eisen- Stahl möglich, den Flügel Chemie-Elektro für seine Linie der of- fenen faschistischen Diktatur, alles auf eine Karte zu setzen, zu gewinnen, da Chemie-Elektro mehr und mehr den Eindruck gewinnen konnten, ein Kapp-Debakel stehe außer Frage, und die 'Variante Faschismus' für sie eine rein taktische Frage war." 12) Die Machtkämpfe zwischen den Monopolfraktionen gingen unter dem Faschismus weiter, verloren jedoch an Heftigkeit. Das Studium der Stellung beider Monopolgruppierungen in der Wirtschaft des "Dritten Reiches" und im System der faschistischen Wirtschaftspo- litik ergibt allerdings, daß 1936 ein Führungswechsel stattfand, bei dem sich die "neuen Industrien" an die Spitze der Monopolöko- nomie setzten. "War es vor 1933 die montane Schwerindustrie gewe- sen, die am entschiedensten die faschistische Diktatur und über sie die militante Aggression anstrebte, übernahm diese Funktion nunmehr die Gruppierung der Chemie- und Elektroindustrie, während die montane Schwerindustrie in eine Partnerposition gedrängt wurde." 13) Diese Machtverlagerung innerhalb des Monopolkapitals basierte im wesentlichen auf einer Umorientierung der Chemie- und Elektrokonzerne vom zivilen Warenexport zur Militärproduktion für den Binnenmarkt, die lange Zeit eine Domäne der Montanindustrie geblieben war. 3. Ökonomie und Politik im staatsmonopolistischen Kapitalismus -------------------------------------------------------------- der BRD ------- Unter der Ägide der Westalliierten kehrten die Monopolkapitali- sten schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in dem von ihnen besetzten Teil Deutschlands an die Schalthebel der Macht zurück. Allerdings trug die nur halbherzig durchgeführte Ent- flechtung im Bereich der Montanindustrie, der Großchemie (IG Far- ben) sowie des Bank- und Kreditwesens mit dazu bei, daß die Gren- zen zwischen den Monopolgruppen, wie sie während der Weimarer Re- puplik bestanden hatten, fließend wurden. Die Konturen der Frak- tionen innerhalb des Finanzkapitals verschwammen. "Die Jahre der Neukonsolidierung der inneren Machtstruktur des Monopolkapitals war weitgehend identisch mit der Zeit der staatsmonopolistischen Marktwirtschaft. Unter diesen Bedingungen traten die Konkurrenz- Rivalitäten der Monopolgruppen noch nicht offen zutage. Beide Gruppen waren im wesentlichen an der Erfüllung der Hauptaufgaben interessiert, der raschen Kapitalbildung, der Rückeroberung des Weltmarktes, der Sicherung des kapitalistischen Reproduktionspro- zesses durch den Staat und am schnellen Anschluß an die tech- nischwissenschaftliche Entwicklung." 14) Weitere für die Nivellierung der Interessengegensätze zwischen Einzelmonopolen und Monopolgruppen wichtige Faktoren waren die fortschreitende Verschmelzung des Industrie- und Bankkapitals zum Finanzkapital, der "diagonale" Konzentrationsprozeß industrieller Schlüsselbereiche und der forcierte Ausbau des staatsmonopolisti- schen Regulierungsapparates. Dadurch wurde die monopolkapitali- stische Gruppen- und Machtstruktur komplexer. Die Monopolisierung des BRD-Kapitals stieß, nachdem der Anschluß an das Weltmarktni- veau erreicht war, in internationale Dimensionen vor. "Inter- nationalisierungen der Produktion (multinationale Konzerne) erschweren (...) die Fixierung nationaler Fraktionen innerhalb der Monopolbourgeoisie, die zwar in internationalen Zusammenhän- gen steht, jedoch Monopolinteressen nach 'innen', d.h. im Rahmen des Nationalstaats durchsetzt." 15) Aufgrund seiner ökonomischen, politischen und militärischen Stärke spielte der US-Imperialismus, an den sich eine Fraktion des westdeutschen Finanzkapitals anlehnte, nach 1945 die Füh- rungsrolle. "In der Nachkriegsentwicklung erlangten vor allem diejenigen Monopol- und Kapitalgruppen eine dominante Position, die besonders eng mit dem USA-Kapital liiert waren. (...) Die Macht der Montanmonopole an Rhein und Ruhr wurde zwar nicht ge- brochen. Aber sie konnten - einerseits aufgrund der 'Entflech- tungsmaßnahmen', andererseits aufgrund der schon in den 50er Jahren einsetzenden Strukturveränderungen im kapitalistischen Akkumulationsprozeß - nicht mehr jene Rolle zurückgewinnen, die sie in der bisherigen deutschen Geschichte gespielt hatten. Das 'Führungszentrum' des Kapitals verlagerte sich zu den dynamischen Monopolgruppen der Elektroindustrie, der Elektronik, des Fahrzeugbaus und der Großchemie." 16) Im Universalbankensystem der BRD bauten die Monopolbanken (Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerzbank), begünstigt durch ge- setzliche Regelungen (Depotstimmrecht, Schachtelbeteiligung, Li- mitierung der Aufsichtsratsmandate), ihre gesamtwirtschaftliche Machtstellung kontinuierlich aus. Dementsprechend konstatierte Kurt Gossweiler eine tendenziell wachsende Bedeutung des Bankka- pitals, insbesondere der Großbanken, die als Knotenpunkte des Ka- pitalverkehrs weite Wirtschaftsbereiche kontrollieren: "Weil der ins Politische transportierte Kampf der verschiedenen Mono- polgruppen letzten Endes seine - zeitweilige, vorübergehende - Lösung nur auf der Linie des jeweiligen monopolistischen Gesamt- interesses finden kann, wird die Rolle der Monopolbanken für den Ausgang der Kämpfe zwischen monopolistischen Gruppen immer ent- scheidender, denn diese Banken sind viel eher imstande, die Linie des Gesamtinteresses ausfindig zu machen, als die einzelnen indu- striellen Monopolgruppen das können. Der Apparat aber, mit dessen Hilfe die Lösung auf dieser Linie durchgesetzt wird, ist der im- perialistische Staat. Somit ist die Universalität der Banken eine der Ursachen dafür, daß diese auch auf die Entscheidungen des Staates einen größeren Einfluß als die Industriemonopole gewin- nen. Je notwendiger im Verlauf der Entwicklung des staatsmonopo- listischen Kapitalismus das direkte Eingreifen des Staates in die Wirtschaft wird, desto mehr müssen der Einfluß und die Macht nicht nur der Monopole überhaupt, sondern in ganz besonderem Maße der Einfluß und die Macht der Monopolbanken wachsen." 17) Ebensowenig wie der Staat sind die Großbanken unmittelbar an be- stimmte Konzerne der Privatindustrie gebunden. Heute erscheint der Versuch, den Monopolgruppierungen einzelne Großbanken bzw. Finanzblöcke zuzuordnen, aussichtsloser denn je. 18) Überkommene Geschäftsbeziehungen lösen sich auf, andere werden neu geknüpft. Häufig übersteigt das Investitionsvolumen eines Riesenprojekts selbst die Finanzkraft der größten Monopolbank, und diese gründet mit einem oder mehreren Konkurrenzunternehmen ein Bankenkonsor- tium, während der Staat das Restrisiko trägt. Gleichzeitig ver- mittelt der Staat zwischen verschiedenen Monopolfraktionen, die unterschiedliche, aber nicht unversöhnliche Interessen haben. Dem muß die Soziologie der herrschenden Klasse Rechnung tragen. Mehr noch als die Großbanken vertritt der Staat den Monopolgrup- pen gegenüber imperialistische Globalinteressen, betätigt sich als Clearingstelle und wirkt als Kohäsionsfaktor, der das Ge- samtsystem zusammenhält und sein Funktionieren gewährleistet, zentrifugalen Tendenzen entgegen. Er bildet gewissermaßen ein Gravitationszentrum, um das sich Großbanken, (multinationale) Konzerngiganten und Monopolverbände gruppieren. Kein Widerspruch besteht zwischen der Wahrnehmung des gesamtkapitalistischen Sy- stemerhaltungsinteresses und der Bevorzugung einzelner Mono- polgruppen, sowenig wie zwischen der Repressionsfunktion des Staates und seinem integrativen Auftrag, weil die Anwendung von Gewalt bei der Integration unvermeidlich ist. "Es gibt nicht eine staatliche Maßnahme, nicht ein Gesetz, nicht eine Finanzierungs- form, die nicht sowohl zum Schutz der monopolistischen Fraktion in ihrer Gesamtheit dient als auch insofern diskriminierend wirkt, als sie einen Konzern zum Nachteil eines anderen begün- stigt, ein Gesamtproblem 'auf dem Rücken' eines Teils der monopo- listischen Fraktion provisorisch zu lösen sucht." 19) Die Einbe- ziehung des Staates in den kapitalistischen Reproduktionsprozeß, seine Regulierung der Klassenbeziehungen und des Wirtschaftsle- bens ermöglicht den Monopolen nicht nur die Realisierung kontinu- ierlich über dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegender Pro- fite, sondern läßt die Konzerne auch einen Modus vivendi finden, der sie im Kampf gegen die Arbeiterklasse, ihre nichtmonopolisti- schen und ausländischen Konkurrenten eint. Die staatsmonopolistische Wirtschaftsregulierung gleicht einem Balanceakt, der zum Interessenausgleich zwischen den Kapitalfrak- tionen und Monopolgruppierungen führt, die Konjunkturentwicklung ebenso berücksichtigt wie Veränderungen der Sozialstruktur, Klas- senkonstellationen und das finanzkapitalistische Kräfteparallelo- gramm. Der imperialistische Staat spielt nicht nur seine konven- tionelle Rolle als Instrument der herrschenden Klasse, sondern auch die des Puffers, der Interessengegensätze des Monopolkapi- tals auffängt und Konflikte zwischen seinen Flügeln entschärft. Durch die Bedeutung der ökonomischen Staatsfunktionen wird er zum bevorzugten Objekt des Machtstrebens der Monopolgruppen. "Je be- deutungsvoller der Staat als Auftraggeber, Verteiler von Rohstof- fen und Investmitteln, als Umverteiler des Volkseinkommens zugun- sten der Monopole wird, desto bedeutungsvoller wird die Beherr- schung des Staates für jedes einzelne Monopol und jede Mono- polgruppe. Je größer das Gewicht, das die Politik des Staates für die Profite erlangt, desto mehr wird der ökonomische Konkurrenz- kampf der Monopole ergänzt und verschärft durch ihren politischen Machtkampf um die innigste 'Verschmelzung' mit dem Staat; dies jedoch immer nur in den Grenzen, die vom monopolistischen Gesamt- interesse gezogen werden." 20) Im Staat kreuzen sich einzelkapitalistische Verwertungsinteres- sen, strategische Konzeptionen der Monopolfraktionen und Repro- duktionserfordernisse des Gesamtsystems, die, zu einem Interes- senquerschnitt verdichtet, das Handeln der verantwortlichen Poli- tiker determinieren. Für die Nachkriegsperiode kommt außerdem die Dominanz der imperialistischen Besatzungsmächte und ausländischer Kapitalgruppen hinzu: "Die Eigenart der Situation führte in West- deutschland zu einer besonderen Art von staatsmonopolistischem Kapitalismus, dessen Hauptkennzeichen ein hoher Grad direkter, allumfassender Eingriffe der ausländischen imperialistischen Be- satzungsmächte und der hinter ihnen stehenden ausländischen Mono- polgruppen in das politische Leben, in das Wirtschaftsgeschehen und andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit vorwiegend militärisch-administrativen Methoden war. Ohne diese spezifische Form der Reglementierung des gesamten ökonomischen und politi- schen Lebens in Westdeutschland durch imperialistisch-militäri- sche Gewalt wäre ein Wiedererstehen des deutschen Imperialismus auch in den Westzonen nicht möglich gewesen." 21) Die Regeneration des Monopolkapitals und die Reorganisation sei- nes Staatsapparates gingen Hand in Hand. Beide ergänzten einander und vollzogen sich ohne radikalen Bruch mit der Vergangenheit, was zum schnellen Wiedererstarken des Imperialismus beitrug. "Somit gab es in der Bundesrepublik keinen langwierigen neuen Prozeß der Verschmelzung von Staats- und Monopolmacht, sondern gleich den zielgerichteten Aufbau eines bereits miteinander ver- flochtenen Herrschaftssystems." 22) Die von den CDU/CSU- bzw. Bürgerblockregierungen der "Ära Adenauer" betriebene "Politik der Stärke" entsprach dem Expansi- onsdrang der westdeutschen Monopole und fügte sich bruchlos in die amerikanische Globalstrategie des Kalten Krieges gegen die sozialistischen Staaten ein. Günstige Verwertungsbedingungen ge- statteten es der Großbourgeoisie, horrende Profite zu erzielen und eine führende Stellung auf dem Weltmarkt rasch zurückzugewin- nen. Gleichzeitig erlaubte die relative Prosperität und Stabili- tät des westdeutschen Nachkriegskapitalismus seiner herrschenden Klasse soziale Konzessionen, Kompromißbereitschaft im Rahmen von Lohnkämpfen und Korrekturen am Sozialversicherungssystem (Rentengesetzgebung). Die als "Wirtschaftswunder" verherrlichte Rekonstruktionskonjunktur des BRD-Kapitalismus währte fast zwei Jahrzehnte, bis die Rezession 1966/67 das Ende der schwach ausge- prägten Zyklen, der Krisenfestigkeit und der Interessenkonvergenz zwischen den Monopolfraktionen signalisierte. Die Aufnahme der SPD in eine Koalitionsregierung mit Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler wurde notwendig, weil die Wirt- schaftskrise auf das politische System der BRD ausstrahlte, und erscheint auch im nachhinein als geschickter Schachzug der Herr- schenden, um ihre akuten Verwertungsschwierigkeiten durch Anpas- sung der Außenpolitik an die veränderte Weltlage (militärisches Kräftegleichgewicht zwischen Imperialismus und Sozialismus, Auf- schwung der nationalen Befreiungsbewegungen, Entkolonialisie- rung), durch staatsmonopolistische Modernisierungsformen und Auf- brechung verkrusteter Machtstrukturen zu bewältigen, was im Über- gang zu den siebziger Jahren mittels eines neuerlichen Regie- rungswechsels (SPD/FDP-Koalition) gelang. Eine wichtige Hand- lungsdeterminante der Regierungspolitik, die vom neoliberalen Laisser-faire abrückte und zu neokeynesianischen Regulierungsmaß- nahmen Zuflucht nahm, war die starke Exportabhängigkeit der west- deutschen Industrie. Der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Karl Schiller verkörperte die Bemühungen der Bundesregierung um eine Verstetigung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses durch staatliche Lenkungsmaßnahmen ("Globalsteuerung"), die Kon- trolle der Reallohnentwicklung durch Disziplinierung der Gewerk- schaften im Rahmen einer institutionalisierten Klassenkollabora- tion ("konzertierte Aktion") sowie die perspektivische Koordina- tion und Zentralisation der staatlichen Haushaltspolitik ("mittelfristige Finanzplanung"). Die Ausweitung der Staatsnachfrage, die Lohnregulierung und die durch steuerliche Vergünstigungen unterstützte Exportoffensive des BRD-Kapitals trugen mit dazu bei, die Krisenerscheinungen von 1966/67 zu überwinden. Der Aufschwung nach der Rezession 1966/67 schien die Richtigkeit des wirtschaftspolitischen Wandels zu be- weisen, war jedoch nur von kurzer Dauer und wurde von einer Pro- fitexplosion begleitet, die den Protest der Lohnabhängigen und ihrer Gewerkschaften herausforderte, die Kampfbereitschaft in den Betrieben schlagartig erhöhte und als Auslöser für verschärfte Klassenauseinandersetzungen (Septemberstreiks 1969) wirkte. Die Boomphase gegen Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre stellte das staatsmonopolistische Regulierungsinstrumentarium vor unlösbare Probleme. Hohe Preissteigerungsraten machten die Ziel- projektionen der Regierung Brandt/Scheel zunichte, gefährdeten die Konkurrenzfähigkeit des BRD-Kapitals auf dem Weltmarkt und beeinträchtigten den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung, zumal sie trotz stagnativer bzw. rezessiver Entwicklungstendenzen 1972/73, die - spätestens seit der sog. Ölkrise - das nächste Krisendebakel ankündigten und die reformistische These der Plan- barkeit des kapitalistischen Reproduktionsprozesses widerlegten, anhielten ("Stagflation" bzw. "Slumpflation"). In dieser prekären Situation, als ein Rückgang der Industriepro- duktion und Massenarbeitslosigkeit drohten, verlagerte die SPD/FDP-Regierung das Schwergewicht ihrer Gegenmaßnahmen von der Fiskalpolitik zur Geld- und Kreditpolitik, verfolgte sie eine re- striktive Ausgabenplanung und schloß sich dem kontraktiven Kurs der Bundesbank (Diskont- und Lombardsatzerhöhungen, Anhebung der Mindestreservesätze) an. Diese - Stabilitätspolitik", in der ka- pitalistischen Weltwirtschaftskrise 1974/76 durch "Sparprogramme" zur Budgetsanierung, Abbau von Sozialleistungen (sog. Haushalts- strukturgesetz) und Kürzung der Staatsinvestitionen in diesem Be- reich fortgesetzt, bürdete den Werktätigen die Kosten des Krisen- managements auf (Mehrwertsteuererhöhungen), wohingegen das Kapi- tal entlastet wurde (Vermögenssteuersenkung, Wegfall der Lohnsum- mensteuer, Gewinn- und Verlustrücktrag). Der neoklassische Mone- tarismus à la Milton Friedman verdrängte den Neokeynesianismus als wirtschaftspolitische Maxime, trat neben ihn, ohne daß die Abkehr von den Imperativen der antizyklischen Konjunkturbeein- flussung mittels Staatsverschuldung (Deficit-spending) einen Re- gierungswechsel erfordert hätte. Der Kanzlerwechsel Brandt/ Schmidt im Frühjahr 1974 reichte aus, um den veränderten sozialökonomischen Rahmenbedingungen sozial-liberaler Regierungs- politik Rechnung zu tragen. Die Koalition stellte sich auf die Akkumulationsschwierigkeiten des Monopolkapitals ein, indem sie der Reformpolitik, sofern diese nicht, wie Ost- und Entspannungs- politik, zumindest mittelbar seinen Verwertungsbedürfnissen (Erschließung neuer Absatzmärkte) diente, gänzlich entsagte, die Inflationsrate unter der des imperialistischen Auslands zu halten suchte und die Konfliktstrategie gegenüber der Arbeiterklasse (Mitbestimmungsklage der Unternehmerverbände, sog. Tabukatalog, Flächenaussperrungen) durch Einschränkung demokratischer Grund- rechte flankierte. Reprivatisierungskampagnen der Kapitalver- bände, der Unionsparteien und anderer Rechtskräfte rundeten das Bild einer zweiten Restaurationsperiode ab. In diesem Zusammen- hang wurde in der marxistischen Literatur von einer privatmonopo- listischen, antietatistischen Entwicklungsvariante des staatsmo- nopolistischen Kapitalismus gesprochen. 23) 4. Zur Bedeutung der Monopolgruppentheorie für die -------------------------------------------------- marxistische Staatsdiskussion (Forschungsperspektiven) ------------------------------------------------------ Im staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus ist die Fraktionierung seiner herrschenden Klasse weniger ausgeprägt als früher, weshalb eine bloße "Fortschreibung" der Monopolgruppentheorie, wie sie für die Weimarer Republik und den Faschismus entwickelt wurde, unzureichend wäre. Traditionelle Bindungen haben sich gelockert oder aufgelöst, die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist so weit fortgeschritten, daß der Finanzsektor feindliche Mo- nopolgruppierungen zusammenschweißt. Der Internationalisierungs- prozeß des Kapitals bedingt eine Verschiebung der Fronten, in die der bürgerliche Nationalstaat einbezogen ist. Widersprüche und Interessengegensätze überlappen sich, leben jedoch auch dann fort, wenn sie durch Gemeinsamkeiten im Kampf gegen die Arbeiter- klasse und den realen Sozialismus relativiert werden. "Den Diffe- renzierungserscheinungen in der Monopolbourgeoisie liegen (...) neben den relativ leicht zu erfassenden unmittelbaren Anlässen, Ursachen, Taktiken usw. auch langfristig wirkende, stabile Gegen- sätze zugrunde, darunter auch wesentlich ökonomische Gegensätze. Dabei zeigt sich, daß sich ihr Gewicht im Hinblick auf bestimmte politische Konzeptionen, daß sich der Bogen von den ökonomischen Ursachen zu den politischen Konzeptionen unterschiedlich dar- stellt. Die Linie ist direkter dann, wenn konkurrierende Profi- tinteressen zwischen verschiedenen Fraktionen des Monopolkapitals unmittelbar im Spiel sind, weniger direkt, wenn Grundfragen des Systems zur Debatte stehen, die zwar das Profitinteresse einzel- ner Kapitale nicht unmittelbar berühren, aber die Problematik der Profitmacherei überhaupt aufwerfen, und es entstehen Systemfra- gen, besonders auch im Bereich der Außenpolitik, wo die politi- schen Gesetzmäßigkeiten die ökonomischen an Gewicht übertreffen, wobei natürlich nicht außer acht gelassen werden darf, daß die Politik auch hier der konzentrierteste Ausdruck der Ökonomie ist." 24) Die marxistische Prozeßanalyse des Wechselverhältnisses von Öko- nomie und Politik muß also mehrdimensional angelegt sein, beide Bezugsebenen überspannen und differenzierter als bürgerliche Ver- gleichsstudien argumentieren, um ihrem Forschungsgegenstand ge- recht zu werden. Einflußanalytische Erklärungsmuster für staatli- ches Handeln zugunsten des Monopolkapitals laufen so lange auf eine Simplifizierung, Schematisierung und Schablonisierung kom- plizierter Entwicklungsprozesse hinaus, wie sie der historisch- materialistischen Begründung entbehren. Agententheoretische Deu- tungsversuche verkürzen die Problematik der Umsetzung ökonomi- scher Interessen in politische Entscheidungen, verharren an der Oberfläche. Selbst ausgesprochen informative und verdienstvolle Konzernbiographien bleiben Stückwerk, wenn sie nicht in den Kon- text der kapitalistischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte ein- gebettet sind 25). Die Kritik an der Monopolgruppentheorie kaprizierte sich bisher auf ihre Tendenz zur Personalisierung ökonomischer und politi- scher Machtstrukturen. So beklagte Niels Kadritzke, "daß in der Geschichtsforschung der DDR das Verhältnis von Ökonomie und Poli- tik noch nicht ausreichend thematisiert und zum Problem einer ma- terialistischen Staatstheorie gemacht worden ist, und daß dement- sprechend auch in der historisch konkreten Staatsanalyse noch im- mer verkürzte und personalisierende Fragestellungen vorherr- schen." 26) Derselbe Autor muß jedoch zugeben, daß die methodi- schen Prämissen der Monopolgruppentheorie nicht notwendigerweise mit dem Marxismus und wissenschaftlichen Prinzipien kollidieren: "Eine personalisierende Darstellungsweise kann eine sinnvolle und legitime Funktion haben, etwa im Falle einer didaktisch reflek- tierenden Veranschaulichung . Sowohl in analysierender als auch in veranschaulichender Funktion werden aber verhängnisvolle Feh- ler nur dann zu vermeiden sein, wenn die Frage nach den Beziehun- gen zwischen Personen und ihren Handlungen als Teil eines umfas- senderen Erklärungszusammenhangs bewußt und methodisch unter Kon- trolle gehalten wird." 27) Das Problem wäre allerdings falsch gestellt, wollte man sich der Einsicht verweigern, daß die Personalisierung nicht nur Illustra- tionszwecken dient, also strukturelle Zusammenhänge aufdeckt und verdeutlicht, sondern daß die personelle Verflechtung - als Er- gänzung und Verstärkung der institutionellen Vermittlung - zwi- schen Staat und Monopolen auch eine Realitätsebene ausdrückt: "Die wechselseitige Verflechtung, Interaktion und Austauschbar- keit zwischen den Spitzen der Konzerne, der Unternehmensverbände und des Staatsapparates charakterisiert nicht nur den Herr- schaftsmechanismus selbst - sie reflektiert zugleich auf einer personell-sozialen Ebene die funktionelle Verflechtung von ökono- mischer und politischer Herrschaft, von Staat und Monopolen, im heutigen Kapitalismus." 28) Bescheinigte Kadritzke der Konzeption Gossweilers, die tautologi- sche Erklärung von Macht durch Macht hinter sich zu lassen, so sah Eike Hennig darin im Gegenteil einen Rückfall auf Positionen vor dem VII. Komintern-Kongreß und monierte die mangelnde Bereit- schaft zur Selbstkritik. Hennig stellte Vermutungen über die po- litisch-strategischen Implikationen der Monopolgruppentheorie an, die ob ihrer spekulativen Ignoranz gegenüber der Realität nicht der Peinlichkeit entbehren, mit Sicherheit aber ihren Monopolan- spruch auf wissenschaftliche Redlichkeit bei der Beweisführung verfehlen. "Von ihrer politischen Vermitteltheit her läßt sich die Monopolgruppentheorie als ein Versuch begreifen, die selbst- kritischen Tendenzen zurückzudrängen, die vor allem Mitte der 30erJahre - auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Interna- tionale und auf der sog. 'Brüsseler Konferenz' der KPD (beide 1935) - aufgeklungen sind." 29) Der von Hennig erhobene Vorwurf des Positivismus, Empirismus und "linken Historismus" fällt bei genauer Betrachtung in sich zusam- men. Auch ist nicht einsichtig, warum die m e t h o d i s c h e Trennung zwischen Klassenkämpfen und klasseninternen Auseinander- setzungen obsolet sein, weshalb die arbeitsteilige Untersuchung von Differenzierungsund Fraktionierungstendenzen innerhalb des Monopolkapitals eine Ausblendung der Arbeiterbewegung und ihrer Geschichte bewirken soll, wie Hennig meint: "Wenn sich die Moto- rik der Geschichte darin äußert, daß Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist, und die ihrer kritischen Darstellung ad- äquate Verfahrensweise folglich in der klassenanalytischen Be- trachtung gesellschaftlich-antagonistischer 'Totalität' liegt, so wird Gossweiler diesem Anspruch nicht gerecht; denn er entwickelt seinen Beitrag zur Monopolgruppentheorie gerade nicht aus den Di- mensionen des Konflikts von Kapital und Arbeit." 30) Umgekehrt kommt man der Wirklichkeit näher, denn die Klassen- kämpfe werden überhaupt erst verständlich, wenn wir die Interes- sengegensätze innerhalb der herrschenden Klasse, die Bündnispoli- tik ihrer Fraktionen und die Möglichkeiten für eine "anta- gonistische" Kooperation über Klassen- bzw. Systemgrenzen hinweg (berühmtestes Beispiel auf internationaler Ebene ist die Anti- Hitler-Koalition von Staaten unterschiedlicher Gesellschafts- ordnung) berücksichtigen. Die Monopolgruppentheorie kann der marxistischen Staatsdiskussion wichtige Impulse geben, zur Klärung des Verhältnisses von Ökono- mie und Politik beitragen, vorausgesetzt, sie wird nicht mecha- nisch auf den staatsmonopolistischen BRD-Kapitalismus übertragen, sondern weiterentwickelt und seiner Entwicklung angepaßt. Es be- darf ihrer Forschungsergebnisse auch als Beitrag zur politischen Orientierung der Arbeiterklasse. "Es geht darum, für den tägli- chen Kampf zu bestimmen, in welche Richtung die unterschiedlichen Fraktionen der Klasse an der Macht den Staat drängen und weiter- hin okkupieren." 31) Dies sind Aufgaben, auf die mit diesem Aufsatz aufmerksam gemacht werden sollte. Es wird in der Zukunft erforderlich sein, die Mo- nopolgruppenkonzeption - im Sinne des Grundzusammenhangs ökonomi- scher und politischer Interessen des Monopolkapitals - stärker als bisher in Untersuchungen zur Soziologie der herrschenden Klasse zu berücksichtigen. _____ 1) Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, S. 139. 2) Ebd., S. 177. 3) W.I. Lenin, Der Fall von Port Arthur, in: LW, Bd. 8, S. 39. 4) Eugen Varga, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im zweiten Vierteljahr 1934, in: Rundschau über Politik, Wirtschaft und Ar- beiterbewegung 46/1934, S. 1912. 5) Jürgen Kuczynski, Zur Soziologie des imperialistischen Deutschland, in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte (Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1962, Teil II, Berlin (DDR) 1962,5. 57. 6) Kurt Gossweiler, Großbanken - Industriemonopole - Staat, Öko- nomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914-1932, Westberlin 1975 (Reprint), S. 35 (Berlin/DDR 1971). 7) Ebd., S. 88. 8) Alfred Schröter, Einige methodologische Fragen der Entstehung und Entwicklung monopolistischer Gruppierungen in Deutschland, in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte (Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1966, Teil IV, Berlin (DDR) 1966, S. 132. 9) Dietrich Eichholtz, Die Geschichte der deutschen Kriegswirt- schaft 1939-1945, Bd. 1: 1939-1941, Berlin (DDR) 1969, S. 9. 10) Zur Konzeption der staatsmonopolistischen Komplexe vgl. Heinz Jung, Gesamtkapital - Monopole - Staat, Gesichtspunkte des ökono- mischen Mechanismus im staatsmonopolistischen Kapitalismus, in: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.), Marxi- stische Studien, Jahrbuch des IMSF 2 (1979), Frankfurt am Main 1979, S. 76 ff. 11) Siehe Georgi Dimitroff, Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Ein- heit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.), VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale, Referate und Resolutionen, Frank- furt am Main 1975, S. 93. 12) Jürgen Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 5: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1917/18 bis 1932/33, Berlin (DDR) 1966, S. 124. 13) Eberhard Czichon, Der Primat der Industrie im Kartell der na- tionalsozialistischen Macht, in: Das Argument 47 (1968), S. 185. 14) Eberhard Czichon, Der Bankier und die Macht, Hermann Josef Abs in der deutschen Politik, Vorwort von George W.F. Hallgarten, Köln 1970, S. 179 f. 15) Rudolf Hickel, Kapitalfraktionen, Thesen zur Analyse der herrschenden Klasse, in: Kursbuch 42 (1975), S. 148. 16) Frank Deppe/Heinz Jung, Entwicklung und Politik der herr- schenden Klasse in der Bundesrepublik, in: Ulrich Albrecht u.a., Beiträge zu einer Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln 1979, S. 451. 17) Kurt Gossweiler, Die Rolle der Großbanken im Imperialismus, in: Deutsche Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte (Hrsg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1971, Teil III, Ber- lin (DDR) 1971, S. 42. 18) Alfred Schröter, Einige methodologische Fragen der Entstehung und Entwicklung monopolistischer Gruppierungen in Deutschland, a.a.O., S. 138. 19) Jean Pierre Meynard, Der monopolistische Staat und die neuen Widersprüche der Reproduktion, in: Marxismus Digest 32 (1977), S. 125. 20) Kurt Gossweiler, Großbanken - Industriemonopole - Staat, a.a.O., S. 83. 21) Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Hrsg.), Der Imperialismus der BRD, Frankfurt am Main 1971, S. 59. 22) Eberhard Czichon, Der Bankier und die Macht, a.a.O., S. 178. 23) So: Heinz Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsvari- ante des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD: Vorausset- zungen, Inhalt, Perspektiven, Entwicklungstendenzen 1973-1978, in: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.), Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 1 (1978), Frankfurt am Main 1978, S. 9 f. 24) Peter Hess, Ökonomische Grundlagen für Differenzierungspro- zesse in der Monopolbourgeoisie, in: Wirtschaftswissenschaft 3/1972, S. 403. 25) So z.B. Kurt Pritzkoleit, Männer, Mächte, Monopole, Hinter den Türen der westdeutschen Wirtschaft, Düsseldorf 1953; ders., Wem gehört Deutschland?, Eine Chronik von Besitz und Macht, Mün- chen/Wien/Basel 1957. 26) Siehe Niels Kadritzke, Faschismus und Krise, Zum Verhältnis von Politik und Ökonomie im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main/New York 1976, S. 138. 27) Ebd., S. 133. 28) Frank Deppe/Heinz Jung, Entwicklung und Politik der herr- schenden Klasse in der Bundesrepublik, a. a. O., S. 455. 29) Eike Hennig, Monopolgruppentheorie in der DDR, diskutiert an "Großbanken, Industriemonopole, Staat" von Kurt Gossweiler, in: Leviathan 1/1973, S. 143. 30) Ders., Materialien zur Diskussion der Monopolgruppentheorie, Anmerkungen zu Kurt Gossweilers "Großbanken, Industriemonopole, Staat", in: Neue Politische Literatur 2/1973, S. 192. Ähnlich ar- gumentiert auch Joachim Radkau. Vgl.: George W.F. Hallgar- ten/Joachim Radkau, Deutsche Industrie und Politik von Bismarck bis heute, Frankfurt am Main/Köln 1974, S. 281 f. 31) Norman Paech, Staat und Krise - Krise des Staats?, in: Werner Goldschmidt (Hrsg.), Staat und Monopole (III), Argument-Sonder- band 36 (1979), S. 25. zurück