Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


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WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHER FORTSCHRITT UND QUALIFIKATIONSENTWICKLUNG

Frigga Haug I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide" - II. Wis- senschaftlich-technische Revolution oder wissenschaftlich techni- scher Fortschritt? - III. Was neu ist. Der vorgegebene Titel *) meines Beitrags enthält mehrere Be- griffe, die umstritten sind. Warum sollte man über Begriffe streiten? Ist dies nicht eine akademische Spielerei, die ablenkt von wirklich relevanten praktischen Fragen ? Die Frage muß verneint werden: Begriffe sind selber ein Programm, sind Hand- lungsanweisungen für die politische Praxis, von ihrer richtigen Fassung hängt ab, welchen Weg man gehen wird, welcher Strategie man folgt. Nehmen wir den Begriff "Wissenschaftlich-technischer Fort- schritt". Er stellt nicht nur offenbar den Sprachkonsens in den verschiedenen in diesem Band versammelten Beiträgen dar, er ist auch das Ergebnis eines Beitrages von Lothar Peter, der eine scharfe Kritik an den Positionen des 'Projekts Automation und Qualifikation' enthält und auf den meine Ausführungen eine Entgegnung darstellen. I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide" ------------------------------------------------------ Der abfertigende Ton, in dem Peters Kritik gehalten ist, macht mutlos, oder er verführt denjenigen, der dennoch das Voranschrei- ten nicht aufgeben will, zur Polemik. Peter wirft dem Projekt vor, Widersprüche zu mißachten, einen Kapitalstandpunkt einzuneh- men, "projektiv" und "selektiv" vorzugehen - lauter Aburteilun- gen, deren Widerlegung die Diskussion um die Folgen der Automa- tion kaum voranbrächte. Sein Haupteinwand: "Die von der Projekt- gruppe prononciert vorgetragene These (Automation führt zu Höher- qualifikation, F. H.) stützt sich mehr auf Ergebnisse einer teil- weise scharfsinnigen und zutreffenden theoretischen und methodi- schen Kritik einschlägiger Studien zum Thema als auf solide empi- rische Befunde, die allenfalls in der Form illustrativer Hinweise auf Beispiele hochqualifizierter anspruchsvoller Automationsar- beit verstreut über verschiedene Publikationen beigebracht wer- den." Der Satz scheint gerecht, bescheinigt er doch Scharfsinnig- keit, bevor er kritisiert. Dadurch übersieht man leicht, daß er praktisch den sehr plumpen Versuch darstellt, durch reine Stim- mungsmache die Arbeiten des 'Projekts' aus der Diskussion zu neh- men. Da wir meinen, daß zur Wissenschaft und zu der durch sie ge- stützten Politik bestimmte Formen der Auseinandersetzung gehören, die niemals unterschritten werden sollten, seien einige Bemerkun- gen zum oben zitierten Satz erlaubt. Der Leser gewinnt den Ein- druck, als ob es sich bei den Arbeiten des Projekts um "unseriöse" Dinge handle. Dieser Eindruck kommt zustande durch mehrere Wendungen: die Befunde wurden "verstreut über verschie- dene Publikationen beigebracht". Was ist eigentlich gegen die Tatsache, daß mehr als nur ein Text veröffentlicht wurde, zu sa- gen? Peter gibt zu verstehen, daß er mehrere gelesen hat, und es gelingt ihm im gleichen Satz, den durch nichts abgestützten Ein- druck zu vermitteln, daß die Publikationstätigkeit des Projekts n i c h t s y s t e m a t i s c h sei - eben ziellos verstreut, ohne daß er dies so genau aussprechen muß. Er verschweigt, daß die einzelnen Arbeiten des Projekts überhaupt nicht das Ziel ver- folgen, empirische Befunde zu verstreuen, sondern jeweils ver- schiedene umstrittene Fragen im Gesamtfeld des mit den Begriffen Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse umrissenen Komplexes diskutieren. Zuvor aber spricht er seine Vorbehalte scheinbar deutlicher aus: Das 'Projekt' stütze seine These nicht "auf solide empirische Be- funde". Der Bannstrahl, mit dem die bürgerlichen Wissenschaftler lange schon die Marxisten aus der Wissenschaft exkommunizierten - was bedeutet er, wenn Marxisten ihn gegen Marxisten schleudern? Zweifellos soll auch hier eine Zensur erteilt, Untauglichkeit be- scheinigt werden. Aber was ist eigentlich "eine solide empirische Basis"? Leider gibt Peter dafür keine Maßstäbe an, gibt nur zu verstehen, daß Kern und Schumann oder auch das Göttinger SOFI trotz "methodischer Vorbehalte" hier doch vertrauenswürdiger seien. Was ist aber eine Empirie, gegen die man methodische Vorbehalte hat, bzw. was für Vertrauen verdienen da die Ergebnisse? Aber die Sa- che kommt noch schlimmer. Peter gibt in seinem Satz zu verstehen, daß die These "Automation führt zu Höherqualifikation" solide em- pirisch hätte untermauert werden müssen, als ob marxistische em- pirische Forschung in der Verifikation von Thesen bestünde! Tatsächlich werden unsere - empirischen" Bände, mit den Ergebnis- sen aus der Untersuchung an vielen 100 Arbeitsplätzen keineswegs den Beleg für soundso viele Höherqualifikationen bringen. Unsere "These" ist vielmehr - wie das in marxistischer Forschung üblich ist - h i s t o r i s c h abgeleitet, in empirischem Nachvoll- zug der Geschichte der Arbeitstätigkeiten (hierzu liegt ein Buch vor) und dient zur Bestimmung veränderter B e d i n g u n g e n, in denen die wirklichen Kämpfe stattfinden. Die tatsächlichen Lö- sungen, die Arbeiter und Unternehmer in der wirklichen Produktion tagtäglich hervorbringen, haben wir untersucht. Hierzu haben wir keine "These" vorweg formuliert, eben weil wir die veränderten Praxen erst erforschen mußten, die lebendige Geschichte sind, keine Verwirklichung von Gesetzen. Unnötig fast, auf die dritte Unterstellung in einem einzigen Satz einzugehen, wir hätten die oben angeführte ominöse These aus "scharfsinniger Kritik einschlägiger Studien" gewonnen, statt em- pirisch. Zwar erweckt diese Sequenz beim Leser den Eindruck, es handle sich beim Projekt um lauter Intellektuelle des sattsam be- kannten Typs von Kritikastern, die nichts Praktisches tun, wenn sie es auch beim Kritisieren zu einiger Meisterschaft bringen; übergangen wird dabei, daß wir die These eben nicht metatheore- tisch entwickelten, sondern historisch und ferner, daß die Kritik vorliegender empirischer Untersuchungen der Entwicklung von K a t e g o r i e n für unsere eigene Untersuchung diente. 1) Aber lassen wir die Auseinandersetzung mit den einzelnen Vorwür- fen Peters an uns, die hier dazu dienen sollte, bestimmte Um- gangsformen für wissenschaftliche Diskussionen zu fordern, und wenden uns dem Grund zu, der das Unbehagen hervorrief, das Peter zu solcher Abfertigung unserer Arbeit veranlaßte. Der Grunddis- sens, um den es sich zu streiten lohnt, besteht m.E. in einer Auffassung, die im Begriff des "wissenschaftlich-technischen Fortschritts" bzw. dem, der dabei nicht gesagt wird, "wissenschaftlich-technische Revolution", deutlich wird. II. Wissenschaftlich-technische Revolution ------------------------------------------ oder wissenschaftlich-technischer Fortschritt? ---------------------------------------------- In seinem 1954 erstmals veröffentlichten Werk "Science in hi- story" schlägt J.D. Bernal für die Benennung der revolutionären Umwälzungen in Industrie und Landwirtschaft im 20. Jahrhundert den Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" vor. 2) "Bedenkt man noch die plötzliche Beschleunigung der gesamten wis- senschaftlichen Arbeit und ihrer Anwendung von der Kernspaltung und vom Fernsehen bis zur Herrschaft über Krankheiten, dann sollte man meinen, es habe niemals eine wissenschaftliche Revolu- tion gegeben, wenn das keine ist." 3) Der Begriff setzte sich in der DDR relativ schnell durch, während insbesondere von konserva- tiver, aber auch liberaler Seite in den kapitalistischen Ländern hartnäckig vom "Wandel" die Rede war, von "Fortschritt" oder "Veränderung" und Produktivkraftentwicklung in "Stufen" gedacht werden sollte. 4) Daß für konservative Kreise die Vorstellung einer Revolution in den Produktivkräften, also einer Umwälzung der Stellung der Ar- beiter im Produktionsprozeß auf keinen Fall begrüßenswert ist, liegt auf der Hand. Warum aber wird von Lothar Peter vorgeschla- gen, den Revolutionsbegriff in diesem Fall durch den unbestimmte- ren des Fortschritts zu ersetzen? Er schreibt zunächst über die Mikroprozessoren: "Diese Veränderungen, deren Anfang vor etwa fünf bis zehn Jahren liegt, sind so enorm, daß sich der Vorsit- zende der IG Metall, Eugen Loderer, veranlaßt sah, von einer 'dritten industriellen Revolution' zusprechen. Nach meiner Auf- fassung handelt es sich jedoch nicht um eine 'dritte industrielle Revolution', sondern um eine neue Stufe im Prozeß des wissen- schaftlich-technischen Fortschritts, dessen ungehinderte Entfal- tung innerhalb der Schranken des Privateigentums der kapitalisti- schen Gesellschaft nicht möglich ist. Der Begriff der 'dritten industriellen Revolution' unterstellt - ähnlich wie die schon während der zwanziger Jahre von sozialdemokratischer Seite be- nutzte Formel der 'zweiten industriellen Revolution' -, daß auf der Basis der gegebenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse beliebig viele Umwälzungen der Produktivkraftstruktur stattfinden können, ohne daß es notwendigerweise zur antagonistischen Zuspit- zung in der Beziehung der Produktivkräfte zu den Produktionsver- hältnissen kommen müsse. Zumindest legt der Begriff der, dritten industriellen Revolution', wie er von Eugen Loderer dargestellt wird, nicht die Deutung nahe, daß zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen gesetzmäßige, systemhafte Zusammenhänge bestehen und ein bestimmtes Niveau der Produktivkräfte und der Vergesellschaftung der Arbeit bestimmter Eigentumsformen, also bestimmter Produktionsverhältnisse bedarf, um sich weiterent- wickein zu können." 5) Beim Versuch, im Namen "gesetzmäßiger, systemhafter Zusammen- hänge" die Möglichkeit einer 3. industriellen Revolution inner- halb der gleichen Gesellschaftsformation zurückzuweisen, stößt Peter zwangsläufig auf das Problem, überhaupt von technologischen Revolutionen zu reden, nach der bei Marx beschriebenen sogenann- ten Großen Industriellen Revolution, die an der Wiege des Kapita- lismus stand. Auch der in der bisherigen marxistischen Diskussion übliche Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" also scheint ihm zu unscharf, da er nichts aussage über den "zeitlichen Geltungsbereich", keine "präzise Periodisierung der Produktivkraftentwicklung" zulasse, das Verhältnis zwischen "revolutionären und nichtrevolutionären Phasen" der "kapitalisti- schen Produktivkraftgeschichte" nicht zu bestimmen erlaube und den "Revolutionsbegriff" verflache; ferner sei der Zusammenhang zur "sozialökonomischen Struktur" bzw. ihrer Veränderung nicht deutlich, Ungleichzeitigkeiten und Unabhängigkeiten von poli- tischen Veränderungen würden unklar. Er problematisiert, ob man überhaupt von revolutionären Prozessen reden könne, solange die kapitalistische Gesellschaftsformation die bestimmenden Verhält- nisse blieben, und schlägt vor, statt dessen die gegenwärtige Produktivkraftbewegung als "kapitalistisch bestimmten wissen- schaftlich-technischen Fortschritt" zu bezeichnen. 6) Inhaltlich scheint ihm der Verzicht auf den Revolutionsbegriff im genannten Zusammenhang auch deswegen berechtigt, weil die gemein- ten wissenschaftlichen und technischen Erfindungen nicht "plötzliche Umbrüche in der materiell-technischen Basis des Pro- duktionsprozesses" hervorbrächten, sondern wirklich nur schon länger vorhandene Technologien verallgemeinert würden 7) ("schon länger" meint hier, seit - Anfang der fünfziger Jahre"). Das tatsächliche Auseinanderklaffen zwischen Erfindung und Anwendung gibt ihm die Möglichkeit, den Revolutionsbegriff in jener Kluft verschwinden zu lassen, statt ihn - in seiner Logik konsequent - dem Erfindungszeitraum zuzuordnen. "Die technische Basis ist daher revolutionär" --------------------------------------------- Was gewinnt Peter mit der Auswechslung des Revolutionsbegriffs gegen den des Fortschritts? Wir erinnern uns, der Revolutionsbe- griff im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte war ihm zu unscharf, nicht präzise genug, nicht trennscharf. Wie könnte da der weit schwammigere Begriff des Fortschritts ein hö- heres Maß an Präzision bringen? Der Kontext macht deutlich, wo- rauf es ihm ankommt. Schließlich will er ja nicht einfach den Re- volutionsbegriff durch den des Fortschritts ersetzen, sondern nur dann, wenn die Gesellschaftsformation, in der die Produktivkräfte verändert werden, gleich bleibt. Die Dürftigkeit in der den Pro- duktivkräften zugemessenen Bestimmung, sie müßten, um revolutio- när zu sein, "plötzlich umbrechen", wird erweitert: sie können überhaupt nur revolutionär sein, wenn ein Formationswechsel stattfindet. Solange dies nicht geschieht, handelt es sich um "kapitalistisch bestimmten wissenschaftlich-technischen Fort- schritt". Man sieht, die Produktionsverhältnisse, als eine Art Subjekt der gegenwärtigen Geschichte, bestimmen, was technologisch verändert wird. Sie haben die Bewegung im Griff. Wir wollen nicht darauf bestehen, daß marxistische Wissenschaft wie in Beton gebettet Marxsche Erkenntnisse ausschließlich wiederholen darf, gleichwohl zitieren wir, was Marx zur technischen Basis der Produktion sagte, um überprüfen zu können, was die Peter'sche Revision sei- ner Aussagen bringt: "Die moderne Industrie betrachtet und behan- delt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als defi- nitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ war. Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso bestän- dig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleu- dert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Pro- duktionszweig in den ändern". Und Marx fährt fort, die Widersprü- che durch die Entwicklung der Produktivkräfte mit der Produkti- onsform, die sie selber vorantreibt, mit Worten wie Katastrophe, Leben und Tod, Ungeheuerlichkeit usw. zu beschreiben. Für die vorwärts treibenden Elemente führt er den Begriff des Umwälzungs- ferments ein. 8) Es liegt auf der Hand, daß unter dem begrifflichen Diktat "kapitalistisch bestimmten Fortschritts" die bei Marx geschilder- ten Katastrophen in gewisser Weise eine harmlose Einseitigkeit erhalten. Ein Vorteil solcher Betrachtungsweise liegt in einer geringer werdenden theoretischen Anstrengung. Man kann z.B. unge- hemmt über die schrecklichen Folgen des Einsatzes neuer Technolo- gie sprechen, ohne zugleich immer überprüfen zu müssen, ob die Folgen unter sozialistischen Bedingungen notwendig anders sind, das heißt ohne zugleich über die Perspektive der menschlichen Ar- beit unter den Bedingungen automatisierter Tätigkeiten forschen zu müssen. Man kann also sagen, durch Automation erfolgt Dequa- lifizierung, Polarisierung, Taylorisierung, Intensivierung, kurz eine vollständige Entmenschlichung der Arbeitsbedingungen, und kann im gleichen Atemzug behaupten, daß die automatisierte Pro- duktion die Arbeitsweise sozialistischer Gesellschaften auszeich- net, kurzum die Entwicklung der Arbeitenden befördert. Der Gegensatz liegt in der Bestimmtheit durch die Produktionsver- hältnisse. Wenn aber die Qualität der Arbeit bis zum Gegensatz ausschließliches Resultat der Verhältnisse ist, warum soll man dann überhaupt von dem spezifischen Entwicklungsstand der Produk- tivkräfte reden? Was hängt davon ab, ob wir es mit mechanisierter Produktion oder mit automatisierter zu tun haben? Letzteres, so erfahren wir bei Peter, ist gegenüber dem ersteren eine fort- schrittlichere Stufe. Worin aber besteht ihre Fortschrittlich- keit, wenn sie sich in den Händen der Kapitalisten ausschließlich rückschrittlich auswirkt? Wäre es da nicht konsequent, ganz auf einen Entwicklungsbegriff bei den Produktivkräften zu verzichten und von kapitalistisch bestimmter Veränderung zu sprechen? Aber da ist der "Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produkti- onsverhältnissen", an dem Peter doch festhalten möchte; dieser gibt ihm die Möglichkeit zu behaupten, daß bei kapitalistisch be- stimmtem technischen Fortschritt sich die neuen Technologien nicht wirklich "entfalten könnten". Diese Feststellung ist sicher richtig, jedoch zu wenig, zu ver- harmlosend. Denn sie lenkt ab von der Frage, welche Entfaltung denn möglich ist und welche schon realisiert ist. Und da wir se- hen, daß gegenwärtig der Kapitalismus zur Entfaltung dieser Pro- duktivkräfte immer noch geeignet ist, bleibt uns die Aufgabe, dieses zu begreifen, statt sich mit den Möglichkeiten des Sozia- lismus zu beruhigen. Peter versteht offensichtlich unter dem Wi- derspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß der Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt. Das ist aber noch ein sehr vereinfachendes Widerspruchsdenken. Denn in Wirklichkeit hemmt der Kapitalismus die Produktivkräfte und entwickelt sie zugleich. Und dabei geschieht auch nicht nur diese Hemmung, sondern zugleich eine Destabilisierung der Gesell- schaftsformation durch die Entwicklung der Produktivkräfte, die immer neue Bewegungsformen notwendig macht. Insofern wirken die Produktivkräfte, ihrerseits durch Verwertung des Werts und Aufrü- stung angetrieben, immer noch als eine Art blinder Geschichts- kraft. Sie sind durch die Produktionsverhältnisse nicht eindämm- bar. Ihre Folgen sind von uns genau zu studieren. Peter ersetzt dieses Studium und darin insbesondere die Frage, ob Umbrüche, eine technologische Revolution stattgefunden haben, deren unter- drückte Widersprüche ans Licht zu holen wären, durch die Vorab- Definition, daß gar keine stattfinden können. Er sucht begriffli- che Garantien. Dabei führt die Unverträglichkeit einer bestimmten Art und Weise zu produzieren mit den sozialen Verhältnissen, un- ter denen dieses geschieht, hier im Falle von Automation und Ka- pitalismus für ihn dazu, daß unter dem Diktat der Verhältnisse alles Vorwärtsweisende und Widerstreitende aus den Produktivkräf- ten ausgemerzt wird, ihre Folgen für die Arbeitenden mithin aus- schließlich negativ sind. Fragen wir hier noch nicht, wie dies technisch möglich sein kann, sondern sehen zunächst, daß auf diese Weise jeder Widerspruch der Entwicklung und damit auch ein Motor der Geschichte stillgestellt ist. Diese Konsequenz scheint von Peter auch gewollt. Gegen Klassenkampfismus, für Analyse von Kampfbedingungen --------------------------------------------------------- Peter fragt nicht, wie sich die Entwicklung der Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse und die Klassenkämpfe aufeinander be- ziehen, sondern postuliert schlicht als einzige bewegende Kraft den Klassenkampf. Dabei soll es mir keinesfalls darum gehen, dem- gegenüber einen Fortschrittsautomatismus zu behaupten, der den politischen Veränderungen die Arbeit abnimmt. Dennoch muß genau studiert werden, welche Prozesse einem der blinde Mechanismus der Produktivkraftentwicklung abnimmt und welche nicht. Gegen die Verwendung des Revolutionsbegriffs für die Produktivkraftentwick- lung hält Peter die Notwendigkeit einer "Systematisierung und Pe- riodisierung", d.h. die Abfolge der Formationen, die durch die Klassenkämpfe umgewälzt werden. Im heute konkreten Fall des Einsatzes automatisierter Maschinen und Anlagen in den Betrieben macht er auf der Grundlage arbeits- orientierter Wissenschaft also Vorschläge für den Klassenkampf an die Gewerkschaften. Er rät im einzelnen: "politischen Druck" aus- zuüben, "Gegenmacht" herauszubilden, "Mitbestimmungsrechte" ex- tensiv zu nutzen, - den Kampf um Einfluß auf die wesentlichen Entscheidungen über Mittel, Ziele und Folgen der modernen Produk- tivkraftentwicklung zu verknüpfen", mit dem "Kampf gegen die di- rekten Folgen des technischen Fortschritts"; und er verrät, daß es zum "ehernen Bestand kapitalistischer Unternehmenspolitik" ge- höre, den "Herr-im-Hause-Standpunkt" aufrechtzuerhalten. - Aber wußten denn die Gewerkschaften dies nicht alles schon vorher, bzw. genügt für solche Ratschläge nicht schon das bloße Wissen um die Tatsache, daß wir überhaupt im Kapitalismus leben, unabhängig vom konkreten Stand der Produktivkräfte? Tatsächlich zitiert Pe- ter zur Bestätigung der Richtigkeit seiner Worte einige führende Gewerkschaftsvertreter und Programme bzw. bestätigt umgekehrt de- ren Richtigkeit dadurch, daß sie in seinen Ableitungszusammenhang passen. Die Produktivkräfte können im Kapitalismus nicht stillgestellt werden; hierfür kann das Kapital keine Befriedigungsstrategien entwickeln. Daher wird das Feld, auf dem die Klassenkämpfe statt- finden, ständig umstrukturiert durch Antriebskräfte, die außer- halb der politischen Kämpfe liegen, durch fortwährende Vergesell- schaftungsschübe. Indem Peter gegen diesen Zusammenhang einen Primat der Produktionsverhältnisse setzt, ist für ihn die Vor- stellung eines revolutionären Charakters der gegenwärtigen Pro- duktivkraftveränderungen unmöglich geworden; als Triebkräfte der Geschichte bleiben die Klassenkämpfe, die die Abfolge der Forma- tionen ausfechten. Aber gerade dieser Versuch, die Wichtigkeit der Klassenkämpfe durch Zuweisung an einen "systematischen" Ort in der Geschichte herauszuarbeiten, läßt sie in der geballten Kampfanstrengung erstarren, zeigt nicht die Verwicklungen in der konkreten Geschichte; gibt etwa der Erforschung der Produktiv- kraftentwicklung und ihrer Bedeutung für die Klassenkämpfe keinen Raum für neue Erkenntnisse im veränderten Kraftfeld und liefert so auch keine besseren Waffen. Wenn man darunter das Richtige versteht, kann man sagen, daß wir auf einem "Primat der Produktivkräfte" beharren. Die Formulierung ist für die schlecht, die nach Theorien suchen, die das Eingrei- fen für überflüssig erklären. Sie ist brauchbar, wenn man vom Eingreifen ausgeht. Man müßte vollständiger von einem - Primat der Produktivkraftentwicklung für das politische Eingreifen" sprechen. Die Produktivkräfte sind, wie die Produktionsverhält- nisse, die absolut unumgehbaren Bedingungen unserer Eingriffe in gesellschaftliche Verhältnisse. Aber anders als die Produktions- verhältnisse, die uns ständig zur Privatisierung drängen, üben die Produktivkräfte einen permanenten Vergesellschaftungsdruck aus. Will man nicht voluntaristisch eingreifen, muß man sich die- ses Drucks vergewissern. Sonst predigt man einen abstrakten, be- dingungslosen (d.h. seine Bedingungen ignorierenden) Klassen- kampf: K l a s s e n k a m p f i s m u s. Gegen Begriffsgarantien, für Widerspruchsdenken ----------------------------------------------- Beginnen wir von vorn: Die Produktivkräfte bezeichnen die Art und Weise des menschlichen Handelns gegenüber Natur, die Vergesell- schaftung der Arbeit. Sie bestimmen Kompetenzen, die akzeptiert werden müssen. Ihnen entsprechen soziokulturelle Formationen, d.h. auf einer neuen technologischen Basis werden neue Formatio- nen möglich. Historisch gab es auf der Basis einer Produktions- weise mehrere soziokulturelle Formationen. Heute finden wir die gleiche technologische Basis für die kapitalistischen wie für die sozialistischen Länder, bzw. wir finden die Technologie der 1. industriellen Revolution mit den soziokulturellen Formationen Ka- pitalismus und Sozialismus (hinzu kommen die unterschiedlichen soziokulturellen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern der Dritten Welt) und die gleiche Ungleichzeitigkeit für die Automa- tion. Die von Peter geforderte Periodisierung mit systemhaften gesetz- mäßigen Zusammenhängen findet realhistorisch so nicht statt. Der Sozialismus existiert schon mit den Produktivkräften, die dem Ka- pitalismus gemäß waren. Dieser brachte die Produktivkräfte her- vor, die den zukünftigen sozialistischen Gesellschaften angemes- sen sind, und existiert noch. Die Geschichte der Revolutionen, des absolut unregelmäßigen, sprunghaften "Gangs der Geschichte" lehrt, daß die Fähigkeit, Widersprüche (aus denen Entwicklungen ja resultieren) zu erfassen, hinter den wirklichen Widersprüchen meist meilenweit zurückbleibt. Wir haben sozialistische Gesellschaften auf technisch lächerli- cher Basis. Die kapitalistischen Gesellschaften sind den soziali- stischen in der technischen Entwicklung, Arbeitsproduktivität usw. überlegen. Wir haben technische Revolutionen, und die so- ziale bleibt aus. Wir haben soziale Revolutionen, und die techni- sche Entwicklung bleibt Jahr für Jahr hinter den Plänen zurück. Die Geschichte schreitet nicht ordentlich Stufe für Stufe voran. Wir haben in der "Dritten Welt" durch die Überlagerung vorkapita- listischer Gesellschaften durch einen kolonialen Kapitalismus und durch die Überlagerung der daraus resultierenden Formationen durch den Systemgegensatz gesellschaftliche Verhältnisse von ei- ner Widersprüchlichkeit, hinter der unsere Vorstellungskraft und unsere Denkfähigkeit weit zurückbleibt. Wir müssen alles tun, um die krassen Gegensätze, die Ungleichzeitigkeiten und die Antago- nismen so radikal zu erfassen wie sie sind. - Lothar Peters Dogma, daß Revolutionen in den Produktivkräften unmöglich sind ohne Revolutionen in den Produktionsverhältnissen, ist - selbst wenn man das Problem, ob eine Produktivkraftrevolution im Kapita- lismus f a k t i s c h stattgefunden hat, einmal ausklammert - gemessen an diesen Anforderungen unsinnig, ein widerspruchselimi- nierendes Denken, das Sprünge in der Realität verniedlicht und in dieser widerspruchseliminierenden Funktion lähmend ist. Die gegensätzlichen Gesellschaften haben, in der militärischen Konkurrenz der Systeme, ein Vernichtungspotential angehäuft, das den Globus per Knopfdruck atomisieren kann. Die Weltmacht USA er- leidet Niederlage auf Niederlage durch Kolonialvölker. Das zu er- fassen, braucht eine Denkweise, die mit Peters sicherem Stufen- gang nichts zu tun hat. Wir müssen die Risse im Gebäude studie- ren, nicht die Freitreppe. Dennoch gibt es Entsprechungen zwi- schen dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte und den ihnen möglichen Produktionsverhältnissen. Die Ungleichzeitigkeiten, das Auseinandertreten von Produktivkräften und Produktionsverhältnis- sen heißt dann doch aber, daß dies zum Basisproblem dieser Forma- tion wird und um so dringlicher von uns studiert werden muß. Sozialistische Gesellschaften mit zurückgebliebenen Produktiv- kräften, kapitalistische Gesellschaften mit "überentwickelten" Produktivkräften und das Aufeinandereinwirken dieser widersprüch- lichen Strukturen: dies scheint uns das vorgegebene Kraftfeld zu sein, in dem die Klassenkämpfe in der ersten und zweiten Welt sich bewegen. Die so sich verschärfenden Widersprüche zu begrei- fen und als Veränderung im Kampffeld aufzufassen, macht es not- wendig, am revolutionären Charakter der technologischen Basis festzuhalten und im hier diskutierten konkreten Fall die techno- logischen Veränderungen und ihre Folgen als wissenschaftlich- technische R e v o l u t i o n wahrzunehmen. III. Was neu ist ---------------- Was ist das Revolutionäre an den mit der Automatisierung gemein- ten technologischen Veränderungen? An der Technologie ist das Verhältnis der Menschen zur Natur ablesbar. Umwälzungen geschehen hier - miteinander verknüpft - auf zweierlei Weise. Automatisie- rung setzt voraus, daß in der Natur vorhandene Selbstregulierun- gen von Größen erkannt sind, um sie maschinell regulieren zu kön- nen, setzt also ein wissenschaftliches Verhältnis zur Natur vor- aus. Automationstätigkeit besteht im Studium der Fehler vergegen- ständlichter Regelungstheorie von Produktionsprozessen in der Perspektive ihrer Weiterentwicklung. 10) Die Anforderungen an die Produzenten verändern sich radikal. Sie müssen anderes wissen und können; sie brauchen eine andere Aus- bildung, andere Formen von Zusammenarbeit werden aktuell; vor al- lem wird eine andere Haltung gegenüber dem Produktionsprozeß und seinen Bestandteilen zwingend. Diese revolutionäre Umwälzung trifft einerseits auf die alten Produzenten, ihre Erfahrungen, Kenntnisse, Tugenden, andererseits wird sie vorangetrieben in den alten Verhältnissen. Soll der Produktionsprozeß überhaupt funk- tionieren (häufig tut er dies nicht), ist er eine Herausforderung für beide Seiten. Dabei versuchen die Unternehmer natürlich, mög- lichst billig davonzukommen: weniger Arbeiter einzustellen, die wenigen intensiver auszulasten, wenig Ausbildung zu vermitteln, wenig zu zahlen. Zugleich wissen sie selber nicht genau, was die neuen Produktivkräfte verlangen. Sie befinden sich in einer Expe- rimentalsituation, die sie für sich nutzen wollen . Jedes Mehr, das sie den Arbeitern einräumen, verlangt für sie zugleich eine psychologische Gegensteuerung, um weiter die Legitimation des Sy- stems aufrechtzuerhalten. Aber auch die Produzenten und ihre Or- ganisationen wissen nicht spontan, welche Folgen die neuen Pro- duktivkräfte für sie haben. Welche Ausbildung ist angemessen? Welche neuen Momente sollten Bestandteile der Tarifverhandlungen werden? Welche Verantwortung ist unzumutbar? Welche Arbeitsbedin- gungen sind in welcher Perspektive zu verändern? Welche Arbeits- teilung soll aufgehoben werden? Die Umwälzung der technologischen Produktivkräfte verändert das Kampffeld für die Klassenkämpfe. Gerade weil die Anforderungen an die Produzenten höher werden - hinsichtlich Qualifikation, Ent- wicklung in der Arbeit, Lernen, Kooperation ", werden die Kon- flikte schärfer, und es werden die Folgen für die einzelnen Ar- beiter katastrophal, sofern die Arbeiterorganisationen die den technologischen Umwälzungen angemessenen Bedingungen nicht durch- setzen. Die Gewerkschaften haben für wirklich emanzipatorische Forderungen die Produktivkräfte im Rücken. Eben deshalb sind die Abwehrstrategien der Unternehmer heftiger, die, da sie auf die entwickelten Produktivkräfte - die technologischen wie die men- schlichen - nicht verzichten können, verstärkt die Wissenschaften der Menschenverführung für sich in Anspruch nehmen. Zugleich ar- beitet die neue Technologie doppelt für die Unternehmer. Die dro- hende Arbeitslosigkeit nimmt ihnen ein Großteil an Integrations- bemühungen ab, und in dieser Form haben die Gewerkschaften die neuen Produktivkräfte auch gegen sich. Arbeitsorientierte Wissenschaft und revolutionäre Produktivkräfte ----------------------------------------------------------------- In diesem Zusammenhang ist eine intensive Erforschung der Anfor- derungen, der Bedingungen und Veränderungen vom Standpunkt ar- beitsorientierter Wissenschaft dringend geboten. Zustimmung zu dem, was die Gewerkschaften auch ohne die Wissenschaft wissen, und Ermunterung zu starkem Tun reichen keinesfalls. Aber die em- pirische Forschung ist ungeheuer schwierig. Gerade weil es sich um Neues handelt, taugen die alten Werkzeuge zum Begreifen nicht. Im Umgang mit wirklichen Veränderungen müssen die Wissenschaftler ihre Vorurteile abbauen, ihre alten Gedanken aufgeben. So werden sie auf Umstrukturierungen der Kraftfelder stoßen und zugleich mit der Entwicklung ihres Forschungsgegenstandes ihre eignen For- schungsmethoden entwickeln und ihre Erkenntnisse über die Dinge, die Menschen wie den Prozeß der Erkenntnis selber erweitern. Auch hier ist eine Revolutionierung der Wissenschaft auf der Tagesord- nung. Es scheint mir wenig sinnvoll, weitere Erklärungen zu formulie- ren, warum die Entwicklung der Produktivkräfte revolutionär ist und warum die wissenschaftlich-technische Revolution eine höhere Qualifikation von den Produzenten verlangt. Es ist dies auch eine Frage der Empirie, allerdings nicht so, daß Hochschulabschlüsse gezählt werden könnten und Facharbeiterlehren oder ähnliches und damit Beweise erbracht wären. Die gestiegenen Anforderungen be- zeichnen nur eine wesentliche Linie im Kraftfeld. Wie die Produ- zenten sich wirklich verhalten, läßt sich nicht ableiten und muß daher empirisch erforscht werden. Um die Auseinandersetzung fruchtbarer fortzusetzen, plädiere ich dafür, die Ebene zu wech- seln und die noch bleibenden Vorwürfe und Bemängelungen am kon- kreten Material zu entfalten. Daher stelle ich im Fortgang einen Ausschnitt aus unserer empirischen Arbeit vor. In dieser Konkre- tion sind natürlich nicht umfassende Aussagen zur Qualifikation zu erwarten; vielmehr ist es unsere Absicht, so genau wie möglich Grundlagen für gewerkschaftliche Forderungen in einzelnen Berei- chen zu entwickeln. Der Text entstand auf der Basis von Untersuchungen an 92 Meßwar- tenarbeitsplätzen und überprüft am Problem der Anforderung "Von- Hand-Fahren" die notwendige Qualifikation sowie die Ausbildungs- praxis in den Unternehmen. Der Text soll es möglich machen, nicht länger ausschließlich um "richtigen" oder "falschen" Marxismus zu streiten, sondern die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit unserer Vorgehensweise exemplarisch zu überprüfen. Von-Hand-Fahren 11) ------------------- Bei der Untersuchung der einzelnen Arbeitstätigkeiten gingen wir davon aus, daß es nicht genügt, den von uns beobachteten Aus- schnitt der täglichen oder wöchentlichen Arbeit zur Grundlage un- serer Analyse zu machen. Aber auch die Erfassung eines Tagesab- laufs im ganzen, so minutiös sie erfolgt, muß in ihrer unbe- grifflichen Vielfalt Entscheidendes verfehlen, so wie wenn ich einen Professor beschreibe als jemanden, der am Tage soundso viele Minuten mit Laufen verbringt, andere mit Sitzen und in die Landschaft blicken, wieder andere mit dem Tragen von mehreren Kilo Aktenordnern und Büchern; die Absurdität fällt uns in diesem Beispiel sofort auf, weil wir die wesentlichen Merkmale geistiger Arbeit etwa von Professoren kennen. Welches sind aber die wesent- lichen Merkmale der Arbeiten an den neuen Maschinen und Anlagen, und wie sind sie zu erfassen? Entscheidend für die Frage der Qua- lifikation und also der notwendigen Kompetenz muß auf jeden Fall sein, was der Arbeiter im Notfall, was er als Spitzentätigkeit vollbringen muß. In dieser Weise ist es sogar überflüssig, den gesamten Tagesablauf zu erheben, es sei denn, einzelne Momente enthalten ein besonderes Lernarrangement und tragen zur Entwick- lung des Arbeiters entscheidend bei, oder sie sind umgekehrt der- maßen belastend, daß sie Entwicklungen weitgehend verhindern. Wir fragen daher nach Spitzentätigkeiten ebenso wie nach dem Gewöhn- lichen und dem Verhältnis beider im Tageslauf. Die erstaunliche Antwort auf die Frage nach der Spitzentätigkeit: Von-Hand-Fahren, schien zunächst Beweis dafür, daß nur noch als Einsprengsel in den Tagesablauf existiert, was "früher" qualifi- zierte allgemeine Beschäftigung war, so daß auf eine Reduzierung, wenn nicht Dequalifizierung der Arbeiter geschlossen werden muß. Aus praktischer Erfahrung im Umgang mit den Dingen stellt sich hier allerdings eine Anschlußfrage. Wie kann es möglich sein, eine qualifizierte Tätigkeit, wie das Fahren einer Anlage von Hand, die nicht mehr zur alltäglichen Praxis gehört und daher auch der dauernden Übung entbehrt, als "Einsprengsel", also nur ab und an durchzuführen, ohne im Vollzug zu scheitern? Die Faktoren, die alle gleichzeitig beherrscht werden müssen, einschließlich der Genauigkeit der sensu-motorisch gesteuerten Handbewegungen, scheinen zunächst zwei mögliche Weisen der Aneig- nung nahezulegen: 1. M a n l e r n t e s d u r c h d e n t ä g l i c h e n U m g a n g, d u r c h Ü b u n g. Wenn man eine Sache immer wieder macht, können einzelne Elemente soweit routinisiert wer- den, daß sie (in der Sprache der Handlungsstrukturtheorie) "automatisch" ablaufen; das gibt die Möglichkeit, sich auf die weniger gewordenen übrigen zu konzentrieren. Nach einem Ablauf- plan - zunächst diesen Griff, dann jenen, den dritten nicht aus- lassen, dazwischen auf dieses und jenes achten - geschieht die weitere Aneignung, bis die Anlage "beherrscht" wird. Vorausset- zung für eine solche Beherrschung ist eine durch Training zu er- werbende Optimierung der Handlungsabfolge, nicht notwendigerweise die genaue Kenntnis der Vorgänge, die "gefahren" werden. Daß da- bei immer wieder Unfälle passieren, "menschliches Versagen" vor- kommt, liegt auf der Hand und scheint lediglich eine Frage der Konzentrationsfähigkeit zu sein und immer wieder der Praxis in der Form des - Auswendiglernens". 12) 2. D i e a n d e r e m ö g l i c h e W e i s e d e r A n- e i g n u n g w ä r e d i e t h e o r e t i s c h e D u r c h d r i n g u n g. Man eignet sich gewissermaßen "von oben" das Verfahren an und prüft dann, welche Regler welche theo- retisch abgeleiteten Funktionen ausführen. Hier verschwindet die unendliche chaotische Vielfalt der gleichzeitig zu verrichtenden und zu bedenkenden Elemente auf dem Wege der Abstraktion, nicht der "Routinisierung", nicht des "Auswendiglernens". Es leuchtet ein, daß dieses theoretische Verfahren ungleich ökonomischer und auch menschlicher ist, weil die wirkliche Relevanz der Dinge und Vorgänge Voraussetzung ist, nicht das Funktionieren allein. Zugleich erkennt man, daß es bei einem bestimmten Produktiv- kraftstand - dem automatisierten - das einzig Mögliche ist, da gerade die Nicht-Alltäglichkeit des Von-Hand-Fahrens das Kenn- zeichnende des Prozesses ist, ohne dabei jedoch diese Weise der Praxis ganz auszuschließen. - Die theoretische Aneignung hat al- lerdings (wie weiter oben ausgeführt) das Manko, daß sie für sich zwar bis zur praktischen Durchdringung vorstoßen können muß, dies jedoch auch nur in der Theorie. Kann man z.B. Auto fahren, wenn man es theoretisch ganz und gar begriffen hat? Keineswegs. Minde- stens zur Beherrschung der eigenen Bewegungen und ihrer Abfolge gehört Übung. Ebenso verlangt die Vielfalt der Bedingungen, der jeweils andere Reaktionen für die Fahrweise entspringen können, ein Ausmaß an theoretischer Durchdringung, das nur in der Wech- selwirkung mit praktischer Erfahrung entwickelt werden kann. Zu- dem wäre bei der Produktionsweise des Handfahrens die theoreti- sche Berechnung zu langsam, ihre unvermittelte Übersetzung in Be- wegungsabläufe ganz unmöglich. Wir kommen also zu dem Resultat, daß die Automatisierung des Pro- duktionsprozesses umfassendes theoretisches Begreifen ermöglicht durch die praktische Zusammenfassung der verschiedenen Bereiche. Zur theoretischen Beherrschung durch die Produzenten zwingt diese Weise zu produzieren gerade dann, wenn das üblicherweise automa- tisch geregelte von Hand gefahren werden muß. Dabei ist die theo- retische Durchdringung insbesondere deswegen notwendig, weil jeg- liche vorher meist praktizierte Form der routinisierenden Aneig- nung wegen der relativen Seltenheit des Vorkommnisses fehlt. Zugleich genügt die theorieförmige Aneignung nicht, da praktische Beherrschung ohne Übung nicht auskommen kann, eben weil in der praktischen Tat jedes einzelne Moment gar nicht theoretisch er- rechnet werden kann. An die Stelle der Berechnung tritt die Rou- tine. Die Perspektive für das Fahren von automatisierten Maschi- nen und Anlagen wäre in solchen Fällen also eine Ausbildung, die umfassende Theorieaneignung, das Studium der Gesetze der Natur- wissenschaften verbindet mit der Übung im praktischen Umgang mit den Dingen. Die Wirklichkeit gehorcht zweifellos einer solchen Perspektive nicht. Einmal ist die Notwendigkeit solcher Ausbildung nicht un- mittelbar bewußt; da jede Form von Arbeiterbildung einerseits die Lohnkosten (entweder direkt oder in der Form des wachsenden Bil- dungshaushaltes) erhöht und zum anderen das Vorenthalten von mög- lichst viel Kopfarbeit für die Unternehmer und ihre "Köpfe" eine Form der Aufrechterhaltung von Herrschaft ist, bedarf die Durch- setzung auch der für den Produktionsprozeß notwendigen Arbeiter- ausbildung klassenkämpferischer Auseinandersetzung und ist auch in diesem Fall in die notwendigen Forderungen der Gewerkschaften aufzunehmen. Bei unserer Untersuchung in den Betrieben haben wir zunächst auf- genommen, wo das Handfahren als Aufgabe des Produktionsarbeiters auftritt und sodann geprüft, wie er für diese Praxis ausgestattet wird. Dafür fragten wir einerseits nach dem Bereich, aus dem der Arbeiter kommt, und der Vorbildung, die er mitbringt, also nach seiner Bildungsbiographie, zum anderen nach der Art der automati- onsspezifischen Ausbildung wie auch nach der Weiterbildung, die vorgesehen und durchgeführt wird. Zum Stand der Ausbildung an 92 Meßwartenarbeitsplätzen ------------------------------------------------------ Als Problem und zugleich als "Spitzenanforderung" wurde die Tä- tigkeit des "Hand-Fahrens" an allen Meßwarten formuliert. Die Un- klarheit über die dafür notwendige Qualifikation äußert sich z. B. in der eigentümlichen Abbildung der Probleme als solche der Haltung: - Bei totalem black out des Rechners wird es sehr schwer, die Anlage weiterzufahren, da gibt es Schwierigkeiten mit der Motivation." Wie unsicher wirklich das Wissen über die not- wendigen Fähigkeiten ist, zeigt ein Blick auf die Art und Weise ihrer Herstellung . Für uns zeigte sich als chaotische Vielfalt, was eine absolute Willkür in der zugestandenen Lernart und -zeit dokumentiert. Aber ist nicht ein so willkürlicher Umgang mit Ausbildungsinhal- ten, -formen und -zeiten selber Beweis, daß die Arbeiter die Ma- schinen auch dann beherrschen können, wenn sie nicht eigens dafür ausgebildet werden? Ein solcher Einwand mutet uns zu, als exoti- sche Unternehmerlaune aus der Analyse herausfallen zu lassen, daß tatsächlich in einer Reihe von Fällen (etwa einem Drittel) zeit- lich umfangreiche und inhaltlich systematische Ausbildungen durchgeführt werden, wobei in diesen Fällen noch zusätzliche fortbildende Elemente in die Arbeitsabläufe eingebaut sind (z.B. Störungssimulationen, Rundgängerei, Wechsel zur Reparatur und vergleichende Verlaufsprotokolle zur Fehlerdiagnose und Prozeßop- timierung), sowie Fortbildungskurse angeboten werden. Da man wohl davon ausgehen kann, daß die Unternehmer kein Interesse daran ha- ben, freiwillig ein die Produktionsnotwendigkeiten überschießen- des Wissen zu vermitteln und zu zahlen, muß unsere Frage umge- kehrt gestellt werden: was passiert mit den Vielen, deren Ausbil- dung in unterschiedlichem Grade geringer ist? Selektion statt Ausbildung -------------------------- Zunächst können wir wohl davon ausgehen, daß die Hauptkämpfe von uns gar nicht aufgenommen werden konnten und sie sich vor unserem Untersuchungsfeld abspielen als Selektion all derer, die in die Reihe der Automationsarbeiter gar nicht erst aufgenommen wurden. Einhellig berichten die Systemanalytiker, die Personalleiter und die technischen Leiter, daß nur "die Besten" aus den alten Anla- gen und die mit großer Praxis überhaupt ausgewählt wurden. In der friedlichen Formulierung, die unser Zutrauen zu den Produkten dieser Werke erhöhen könnte, verbirgt sich die Katastrophe für all jene, die nicht genommen wurden - schließlich kann nicht je- der der Beste sein ", verbirgt sich auch der erbitterte Konkur- renzkampf, der unter den Arbeitern herrschen muß, und der ein so- lidarisches Vorgehen in den zu automatisierenden Betrieben fast verunmöglicht. Zudem bedeutet die ungesicherte Umstellung auf ein ganz neues Betätigungsfeld ein Verlassen der Produktionssphäre, in der man sicher war im Sinne von kompetent, in der man zu Hause war, ein unerhörtes Risiko für die einzelnen Arbeiter, welches nur wegen des höheren Risikos des Arbeitsplatzverlustes überhaupt eingegangen werden kann. Wo diese Drohung wegfällt, beispielsweise in einigen staatlichen Betrieben, hörten wir, daß die Arbeiter aus den alten Anlagen sich besonders wenig für die neue Produktionsweise eigneten, "weil sie Angst haben", "weil sie sich weigern, sich überhaupt auf die begriffliche Fassung einzulassen". Und von denen, die sich solche Weigerung nicht leisten konnten, heißt es: - Sie ste- hen wie gelähmt vor den Rechnern und haben Angst. Dann rennen sie immerzu in die Anlage, obwohl sie dort gar nichts sehen können, während der Rechner seine Befehle ins Leere spuckt." Erschwert so die innerbetriebliche Auswahl solidarische Aktionen - etwa für eine ausreichende Ausbildung und Information - bietet die außerbetriebliche Stellenausschreibung zusätzliche Möglich- keiten für die Unternehmer, an der notwendigen Ausbildung Einspa- rungen vorzunehmen. Am wenigsten Aufwand wird mit den Leuten "von außerhalb" gemacht. Während nun mit den immerhin "Besten" der vorherigen Produktionsstufe noch eine Reihe von Ausbildungsan- strengungen unternommen werden, schrumpft dieses Bemühen sicht- lich bei den Facharbeitern vom "freien" Arbeitsmarkt, von denen offenbar erwartet wird, daß sie die neuen Produktionsqualifika- tionen schon als Eigenschaften mitbringen oder, wo dies nicht der Fall ist, selber sehen, wie sie dazu kommen. Was an Leidensdruck dahinter steht, ahnt man noch aus den als bloße Beschreibung vor- gebrachten Worten eines Unternehmers: "Er hat 6 Monate für die Bedeutung der Lämpchen gebraucht und fast drei Jahre für die Überwindung der Anfangsschwierigkeiten - privat hat er die Pro- zeßanweisungen und Systembeschreibungen studiert... Daß ständig Neuerungen an der Anlage vorgenommen werden, sorgt doch automa- tisch dafür, daß er was dazulernt... Außerdem besucht er jetzt nach Feierabend Elektronikkurse." Gleich in mehreren Fällen fanden wir als Selbstverständlichkeit berichtet, daß sich die Produzenten das nötige Wissen für die aktuelle Produktion noch nach Feierabend in Kursen oder anhand von Lehrbüchern, die ihnen der Betrieb "großzügig" zur Verfügung stellt, oder gar "heimlich" durch Entwenden der Schaltpläne zu Hause aneignen. Lernen beim Aufbau der Anlage ----------------------------- Beliebte und immerhin die Produktion gewährleistende Lernmethode ist die Einbeziehung der späteren Meßwarte in den Aufbau der An- lage, die häufig mehr als ein Jahr beträgt. Dabei geht es kaum darum, daß man auf diese Weise die ohnehin vorhandenen Arbeiter weitere Kosten vermeidend einsetzt, sondern dieser Aufbau muß in erster Linie begriffen werden als Lernzeit. Die Berichte stimmen darin überein, daß die so "geschulten" Produzenten nicht nur den Unwillen und die Angst vor der neuen Anlage verlören, sondern so- gar, daß sie jetzt mit einer gewissen Begeisterung an den neuen Arbeitsplätzen sich einsetzen ließen. Die Erfolgsmeldungen bewe- gen sich auf dem Gebiet der Motivation. Dabei ist unmittelbar einleuchtend, daß eine andere Haltung ein- genommen wird, wenn die herkömmliche Produktionswelt wie mit Gei- sterhand weggenommen wird und bloße Symbole an ihre Stelle tre- ten, als wenn die neue Symbolproduktion von den Meßwarten selber hergestellt wurde, sie also die Veränderung bewirkten. Der so er- folgte Angstabbau ist sicherlich eine Vorbedingung für das Ler- nen, ebenso wie die Begeisterung, an der neuen Form mitgewirkt zu haben, die Aneignung des Geschaffenen vorantreibt. Was aber lernten die Produzenten der neuen Stufe durch diese Her- stellung inhaltlich? - Sie können sich jetzt was vorstellen", erfuhren wir, oder - sie haben Ortskenntnis", als ob der neue Um- gang mit der Materie wesentlich auf der Anschauung beruhe. Was weiß ich denn, wenn ich die nötigen Rohre mit verlegt habe, die mehreren hundert Ventile anbrachte und die Apparate verkettete? Ganz offensichtlich wird mir so der Sinn der Befehle des Öffnens und Schließens von Ventilen z.B. und ihres Zueinanders als gleichzeitig mögliche Handlung und als praktisches Produktionsmo- ment erschlossen. Zudem kann ich mir vorstellen, wo ein Ventil jetzt bei diesem Stadium des Prozesses geschlossen sein müßte und vor allem - im Falle einer Störung - wo es liegt. Was ich nicht weiß, ist, wie die Errechnung des Prozeßablaufs und seiner Über- setzung in Ablaufbefehle möglich war und daher nicht, warum und wie beeinflußbar beim wirklichen Prozeß Abweichungen, Störungen, Überschreitungen und Unterschreitungen als Fehler der Berechnung ausgelöst durch den Widerstand der Materie, die durch eine verge- genständlichte Strategie von Maschinerie beherrschbar gemacht, sich nun in der alltäglichen Produktionspraxis als unvollendet beherrscht erweist, ohne daß es in meiner Verfügung stände, diese vergegenständlichte Strategie verbessern zu können. Notwendige Folge ist, daß die Meßwarte, wiewohl sie an den Schaltstellen der Prävention und Therapie der Unfälle sitzen, da- von betroffen werden als ob es sich um ein katastrophenförmiges Schicksal handele. Die Angst vor dem erwarteten Unheil, die als Dauerspannung nicht ausgehalten werden kann, muß dabei verarbei- tet werden. Die Formen liegen uns als unzählige Berichte über Streß und Angst, Magengeschwüre, Ungeeignetheit für die Warte oder gar als Tugend des Phlegmas vor. Überraschenderweise wird den Meßwarten, die in ihrer Lernbiogra- phie keinen Anlagenaufbau vorweisen können, nun keineswegs ein langes praktisches Element als Äquivalent zugestanden (eine Aus- nahme ist die Methode des Stufenanlernens), sondern sie sind im Gegenteil diejenigen, in deren produktionsbegleitende Fortbildung - sei es aus Eigeninitiative, sei es ausdrücklich zugestanden, - theoretische Kurse Eingang finden. Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Ausbildung ------------------------------------------------------- Daß diese Mitarbeit beim Anlagenaufbau als Lernarrangement nicht ausreicht, zudem bei ständiger Innovation zumindest durch ebenso fortwährende Beteiligung am Umbau ergänzt werden müßte, zeigt im übrigen auch das praktische Verhalten der entsprechenden Be- triebsleitungen. In fast allen Fällen fand eine zusätzliche "Ausbildung" in fast systematischer Form statt, zudem erwuchs un- ter dem Eindruck der Bedeutung der Anlagenortskenntnis und ihrer gleichzeitigen Unzureichendheit oder auch der Tatsache, daß wich- tige Einzelheiten immer wieder vergessen werden, ebenfalls bei den Meßwarten, die beim Anlagenaufbau schon ausreichend Gelegen- heit zu Ortskunde hatten, ein Lernarrangement in der Arbeit, wel- ches eine systematische Begehung des Schauplatzes vorsieht. Nur in einem einzigen Werk, in dem die Meßwarte nicht am Anlagenauf- bau beteiligt waren, kommt ein solches Verfahren vor. Dieses stellte insgesamt eine bemerkenswerte Lösung für die anstehenden Aufgaben dar. Die Arbeiter wurden nicht nur vertraglich ver- pflichtet, ein hohes Ausmaß an Lerneinheiten zu absolvieren - je- der Meßwart durchlief eine theoretische Schulung von 100 Stunden in zwei Jahren und wurde gleichzeitig per Simulation an der nicht produzierenden Anlage geschult -, zugleich wurde versucht, durch Lohnanreize ein permanentes Weiterlernen herbeizuführen. Nach der Einsicht "wenn er weiß, wie die Maschine funktioniert, behandelt er sie besser", werden beständig Weiterbildungsveranstaltungen angeboten, die mit einer Leistungsprüfung abzuschließen sind; nach jeder Prüfung gibt es eine Lohnerhöhung. In diesem Werk hat- ten 70% der Arbeiter schon mehrere solcher Prüfungen hinter sich gebracht (zumeist 3-4). Zugleich ließen die Personalleiter keinen Zweifel daran, daß "sie sich auf Dauer trennen müßten von den Ar- beitern, die gar nicht weiter lernen wollten". An einer weiteren Meßwarte ist als Arbeitselement vorgesehen, was einen anderen theoretischen Zugriff auf den praktischen Produkti- onsablauf lernförmig enthält: Die Meßwarte zeichnen nach den Feh- lerprotokollen und Wertausdrucken Verlaufskurven von typischen Fehlerverläufen, um im Vergleich die Reaktionen der Materie auf die unterschiedlichen Eingriffe, die Änderungsprozesse, die Dauer bis der Prozeß wieder "normal" lief usw. studieren zu können, und - in Diskussion mit den Ingenieuren - Verallgemeinerungen vorzu- schlagen, die eine als vorläufige Regel auszusprechende neuartige und die Prozesse genauer durchschauende Fahrweise erlauben. Das Lernen beruht hier auf dem Moment, welches menschliches Lernen von bloßer Dressur unterscheidet, auf der Entwicklung des Anzu- eignenden. Die Tatsache, daß die Unternehmer für ihre automatischen Maschi- nen und Anlagen Facharbeiter der vorhergehenden Produktionsstufe auf dem Arbeitsmarkt und in ihrem eigenen Betrieb fix und fertig vorfinden, gibt ihnen die Möglichkeit, die Qualifikationen, die sie insbesondere für das Von-Hand-Fahren brauchen, voraussetzen zu können, bzw. für diese Qualifikation keine eigenen Ausbil- dungspläne zur Erarbeitung vorzuschlagen. Ihr einziges Problem ist, daß die einzelnen Facharbeiter bei dem Einsatz an automa- tischgesteuerten Maschinen und Anlagen die Fertigkeit des Von- Hand-Fahrens verlieren, also Maßnahmen der Auffrischung getroffen werden müßten. Auf der Seite der Arbeiter drückt sich dieses Ver- fahren als Beraubung aus. Was sie jahrelang gelernt haben und was sie für die gesamte Produktion kompetent macht, ist jetzt bloßes Einsprengsel geworden, wie als ob ein Klavierspieler im Konzert nur alle halbe Stunde eine Tonleiter spielen sollte. Der Blick auf den Verlust des Gewohnten verstellt die Aussicht auf den mög- lichen Gewinn des Ungewohnten. Die Hilflosigkeit beim Umgang mit den neuen Anforderungen läßt in diesem Arrangement als persönli- chen Mangel erscheinen, was als Recht auf angemessene Ausbildung allgemein gefordert werden müßte. Daß ein Teil ihrer Qualifikationen nur noch selten gebraucht wird und sie zudem die neuen Anforderungen nicht kennen, macht die Ar- beiter mißtrauisch; je anerkannter ihr bisheriger Beruf war, de- sto selbstbewußter treten sie gegen den Einsatz der neuen Anlagen auf (insbes. z.B. die Werkzeugmacher). Daß die Maschinen einen Teil der Arbeiter ersetzen, zwingt die Produzenten zusätzlich zum Widerstand. Dieser Widerstand, der unter den gegebenen Produkti- onsverhältnissen notwendig ist, wirkt dabei zugleich hemmend auf die Möglichkeiten, sich das neue umfangreichere Wissen für die Technologie anzueignen, ein Widerspruch, der nur über gewerk- schaftliche Kontrolle des Einsatzes von Technologie und die Ge- währung umfassender Information und Ausbildung gelöst werden kann, in der Vereinzelung unlösbar ist. _____ *) Anmerkung der Redaktion: Der vorliegende Aufsatz ist eine Re- plik von Frigga Haug auf einen Beitrag von Lothar Peter, der in 'Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/1979' veröffentlicht worden war (Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue Tech- nik und Arbeiterbewegung, ebenda, S. 279-299). Da sich der Bei- trag von Lothar Peter u.a. auch mit von Frigga Haug vertretenen Positionen kritisch auseinandersetzte, wurde ihr seitens der Re- daktion die Möglichkeit zur Erwiderung gegeben. Dabei wurde un- verbindlich der nun auch den vorliegenden Beitrag kennzeichnende Titelvorschlag gemacht. Es versteht sich von selbst, daß Frigga Haug hier ungekürzt ihrer Meinung Ausdruck verleiht. Um die unterschiedlichen Diskussionspositionen für den Leser noch deutlicher zu machen und ihm ausreichende Grundlagen einer Mei- nungsbildung zur Verfügung zu stellen, haben wir Lothar Peter ge- beten, in einer kurzen, auf die wesentlichen Gegensätze bezogenen Replik auf den Beitrag von Frigga Haug einzugehen. Dieser Beitrag ist im Anschluß an F. Haugs Aufsatz veröffentlicht. Die Redaktion 'Marxistische Studien' hofft, daß mit der Veröf- fentlichung der Kontroverse die Debatte um Qualifikation und wis- senschaftlich-technischen Fortschritt, einschließlich der darin eingeschlossenen Grundsatzfragen, neue Impulse erhält. 1) Das Projekt Automation und Qualifikation veröffentlichte bis- her: eine sekundärstatistische umfangreiche Arbeit zur Ausbrei- tung von Automation in der BRD mit einem historischen Teil (Das Argument, Berlin-West/Karlsruhe, Sonderband 7 - AS 7, Automation in der BRD); eine historische Arbeit zu "Entwicklung der Ar- beitstätigkeiten und die Methode ihrer Erfassung" (AS 19), die die Einsichten der Kritischen Psychologie so zu verarbeiten sucht, daß die bisher in der üblichen Technikgeschichte nur erahnbare Geschichte der Entwicklung der menschlichen Arbeitstä- tigkeiten schreibbar wird. Der Band endet mit der Vorstellung des empirischen Fragebogens, mit dem das Projekt in 68 Betrieben ge- arbeitet hat; ein dritter Band (AS 31) "Theorien über Automati- onsarbeit" setzt sich mit vorliegenden Studien über Automation auseinander, um tragfähige Kategorien für empirische Untersuchun- gen zu entwickeln. Der Band enthält eine Übersicht über alle bis- her veröffentlichten Studien zur Automationsarbeit mit Angaben über die Hauptfragestellungen, den Untersuchungsbereich, den zu- grunde liegenden technologischen Stand, Zeitpunkt der Untersu- chung und Geldgeber sowie eine Angabe über die behaupteten Folgen für die Qualifikation der Produzenten. - Einzelstudien befassen sich mit der Druckindustrie, der öffentlichen Verwaltung, der Forschungsförderung, Folgen für die Schulerziehung, der Computer- anwendung beim Konstruieren; in meinem, im Argument 111 (1978) veröffentlichten Habilitationsvortrag versuche ich Maßstäbe zu formulieren für eine marxistische empirische Sozialforschung. In verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken veröffentlichten wir mehr als 20 Aufsätze, die im einzelnen aufzuführen hier zu viel Umfang einnehmen würde. Vgl. dazu die Bibliographie in: Forum Kritische Psychologie 6, Berlin/West 1980. Zwei empirische Bände und ein Handbuch für Gewerkschaften sind in Vorbereitung. 2) J.D. Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin/DDR 1961, S. 883. 3) Ebenda. 4) So etwa in der berühmten Studie des Rationalisierungskuratori- ums der deutschen Wirtschaft, RKW: Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik, Frank- furt/Main 1972. 5) Lothar Peter, Wissenschaftlich-technischer Fortschritt..., a.a.O. 6) Ebenda, S. 281. 7) Ebenda, S. 282. 8) Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, MEW, Bd. 23, S. 510 ff. 9) Vgl. Darcy Ribeiro, Der zivilisatorische Prozeß, Frank- furt/Main 1971. 10) Vgl. Argument Sonderband 43, Teil II, viertes Kapitel. 11) Die nachfolgenden Ausführungen sind Auszüge aus dem Kapitel "Über das neuartige Verhältnis von Theorie und Praxis bei der Au- tomationsarbeit", aus: Projekt Automation und Qualifikation: Au- tomationsarbeit. Empirische Untersuchungen, Bd. I, Berlin-West 1980. 12) Zur Psychologie von Fehlverhalten vgl.: B. Nemitz in: F. Haug (Hrg.), Arbeit und Persönlichkeitsentwicklung, Köln 1980. 13) Inwieweit das Erfahrungswissen der Arbeiter aus langjähriger Produktionspraxis durch ihre Beteiligung am Anlagenaufbau in die "soft ware" eingebaut wird - sie so im Wortsinn ihres Könnens enteignet werden - behandeln wir an anderer Stelle. zurück