Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHER FORTSCHRITT
UND QUALIFIKATIONSENTWICKLUNG
Frigga Haug
I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide" - II. Wis-
senschaftlich-technische Revolution oder wissenschaftlich techni-
scher Fortschritt? - III. Was neu ist.
Der vorgegebene Titel *) meines Beitrags enthält mehrere Be-
griffe, die umstritten sind. Warum sollte man über Begriffe
streiten? Ist dies nicht eine akademische Spielerei, die ablenkt
von wirklich relevanten praktischen Fragen ? Die Frage muß
verneint werden: Begriffe sind selber ein Programm, sind Hand-
lungsanweisungen für die politische Praxis, von ihrer richtigen
Fassung hängt ab, welchen Weg man gehen wird, welcher Strategie
man folgt.
Nehmen wir den Begriff "Wissenschaftlich-technischer Fort-
schritt". Er stellt nicht nur offenbar den Sprachkonsens in den
verschiedenen in diesem Band versammelten Beiträgen dar, er ist
auch das Ergebnis eines Beitrages von Lothar Peter, der eine
scharfe Kritik an den Positionen des 'Projekts Automation und
Qualifikation' enthält und auf den meine Ausführungen eine
Entgegnung darstellen.
I. "Theoretisch scharfsinnig, aber empirisch unsolide"
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Der abfertigende Ton, in dem Peters Kritik gehalten ist, macht
mutlos, oder er verführt denjenigen, der dennoch das Voranschrei-
ten nicht aufgeben will, zur Polemik. Peter wirft dem Projekt
vor, Widersprüche zu mißachten, einen Kapitalstandpunkt einzuneh-
men, "projektiv" und "selektiv" vorzugehen - lauter Aburteilun-
gen, deren Widerlegung die Diskussion um die Folgen der Automa-
tion kaum voranbrächte. Sein Haupteinwand: "Die von der Projekt-
gruppe prononciert vorgetragene These (Automation führt zu Höher-
qualifikation, F. H.) stützt sich mehr auf Ergebnisse einer teil-
weise scharfsinnigen und zutreffenden theoretischen und methodi-
schen Kritik einschlägiger Studien zum Thema als auf solide empi-
rische Befunde, die allenfalls in der Form illustrativer Hinweise
auf Beispiele hochqualifizierter anspruchsvoller Automationsar-
beit verstreut über verschiedene Publikationen beigebracht wer-
den." Der Satz scheint gerecht, bescheinigt er doch Scharfsinnig-
keit, bevor er kritisiert. Dadurch übersieht man leicht, daß er
praktisch den sehr plumpen Versuch darstellt, durch reine Stim-
mungsmache die Arbeiten des 'Projekts' aus der Diskussion zu neh-
men. Da wir meinen, daß zur Wissenschaft und zu der durch sie ge-
stützten Politik bestimmte Formen der Auseinandersetzung gehören,
die niemals unterschritten werden sollten, seien einige Bemerkun-
gen zum oben zitierten Satz erlaubt. Der Leser gewinnt den Ein-
druck, als ob es sich bei den Arbeiten des Projekts um
"unseriöse" Dinge handle. Dieser Eindruck kommt zustande durch
mehrere Wendungen: die Befunde wurden "verstreut über verschie-
dene Publikationen beigebracht". Was ist eigentlich gegen die
Tatsache, daß mehr als nur ein Text veröffentlicht wurde, zu sa-
gen? Peter gibt zu verstehen, daß er mehrere gelesen hat, und es
gelingt ihm im gleichen Satz, den durch nichts abgestützten Ein-
druck zu vermitteln, daß die Publikationstätigkeit des Projekts
n i c h t s y s t e m a t i s c h sei - eben ziellos verstreut,
ohne daß er dies so genau aussprechen muß. Er verschweigt, daß
die einzelnen Arbeiten des Projekts überhaupt nicht das Ziel ver-
folgen, empirische Befunde zu verstreuen, sondern jeweils ver-
schiedene umstrittene Fragen im Gesamtfeld des mit den Begriffen
Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse umrissenen Komplexes
diskutieren.
Zuvor aber spricht er seine Vorbehalte scheinbar deutlicher aus:
Das 'Projekt' stütze seine These nicht "auf solide empirische Be-
funde". Der Bannstrahl, mit dem die bürgerlichen Wissenschaftler
lange schon die Marxisten aus der Wissenschaft exkommunizierten -
was bedeutet er, wenn Marxisten ihn gegen Marxisten schleudern?
Zweifellos soll auch hier eine Zensur erteilt, Untauglichkeit be-
scheinigt werden.
Aber was ist eigentlich "eine solide empirische Basis"? Leider
gibt Peter dafür keine Maßstäbe an, gibt nur zu verstehen, daß
Kern und Schumann oder auch das Göttinger SOFI trotz
"methodischer Vorbehalte" hier doch vertrauenswürdiger seien. Was
ist aber eine Empirie, gegen die man methodische Vorbehalte hat,
bzw. was für Vertrauen verdienen da die Ergebnisse? Aber die Sa-
che kommt noch schlimmer. Peter gibt in seinem Satz zu verstehen,
daß die These "Automation führt zu Höherqualifikation" solide em-
pirisch hätte untermauert werden müssen, als ob marxistische em-
pirische Forschung in der Verifikation von Thesen bestünde!
Tatsächlich werden unsere - empirischen" Bände, mit den Ergebnis-
sen aus der Untersuchung an vielen 100 Arbeitsplätzen keineswegs
den Beleg für soundso viele Höherqualifikationen bringen. Unsere
"These" ist vielmehr - wie das in marxistischer Forschung üblich
ist - h i s t o r i s c h abgeleitet, in empirischem Nachvoll-
zug der Geschichte der Arbeitstätigkeiten (hierzu liegt ein Buch
vor) und dient zur Bestimmung veränderter B e d i n g u n g e n,
in denen die wirklichen Kämpfe stattfinden. Die tatsächlichen Lö-
sungen, die Arbeiter und Unternehmer in der wirklichen Produktion
tagtäglich hervorbringen, haben wir untersucht. Hierzu haben wir
keine "These" vorweg formuliert, eben weil wir die veränderten
Praxen erst erforschen mußten, die lebendige Geschichte sind,
keine Verwirklichung von Gesetzen.
Unnötig fast, auf die dritte Unterstellung in einem einzigen Satz
einzugehen, wir hätten die oben angeführte ominöse These aus
"scharfsinniger Kritik einschlägiger Studien" gewonnen, statt em-
pirisch. Zwar erweckt diese Sequenz beim Leser den Eindruck, es
handle sich beim Projekt um lauter Intellektuelle des sattsam be-
kannten Typs von Kritikastern, die nichts Praktisches tun, wenn
sie es auch beim Kritisieren zu einiger Meisterschaft bringen;
übergangen wird dabei, daß wir die These eben nicht metatheore-
tisch entwickelten, sondern historisch und ferner, daß die Kritik
vorliegender empirischer Untersuchungen der Entwicklung von
K a t e g o r i e n für unsere eigene Untersuchung diente. 1)
Aber lassen wir die Auseinandersetzung mit den einzelnen Vorwür-
fen Peters an uns, die hier dazu dienen sollte, bestimmte Um-
gangsformen für wissenschaftliche Diskussionen zu fordern, und
wenden uns dem Grund zu, der das Unbehagen hervorrief, das Peter
zu solcher Abfertigung unserer Arbeit veranlaßte. Der Grunddis-
sens, um den es sich zu streiten lohnt, besteht m.E. in einer
Auffassung, die im Begriff des "wissenschaftlich-technischen
Fortschritts" bzw. dem, der dabei nicht gesagt wird,
"wissenschaftlich-technische Revolution", deutlich wird.
II. Wissenschaftlich-technische Revolution
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oder wissenschaftlich-technischer Fortschritt?
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In seinem 1954 erstmals veröffentlichten Werk "Science in hi-
story" schlägt J.D. Bernal für die Benennung der revolutionären
Umwälzungen in Industrie und Landwirtschaft im 20. Jahrhundert
den Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution" vor. 2)
"Bedenkt man noch die plötzliche Beschleunigung der gesamten wis-
senschaftlichen Arbeit und ihrer Anwendung von der Kernspaltung
und vom Fernsehen bis zur Herrschaft über Krankheiten, dann
sollte man meinen, es habe niemals eine wissenschaftliche Revolu-
tion gegeben, wenn das keine ist." 3) Der Begriff setzte sich in
der DDR relativ schnell durch, während insbesondere von konserva-
tiver, aber auch liberaler Seite in den kapitalistischen Ländern
hartnäckig vom "Wandel" die Rede war, von "Fortschritt" oder
"Veränderung" und Produktivkraftentwicklung in "Stufen" gedacht
werden sollte. 4)
Daß für konservative Kreise die Vorstellung einer Revolution in
den Produktivkräften, also einer Umwälzung der Stellung der Ar-
beiter im Produktionsprozeß auf keinen Fall begrüßenswert ist,
liegt auf der Hand. Warum aber wird von Lothar Peter vorgeschla-
gen, den Revolutionsbegriff in diesem Fall durch den unbestimmte-
ren des Fortschritts zu ersetzen? Er schreibt zunächst über die
Mikroprozessoren: "Diese Veränderungen, deren Anfang vor etwa
fünf bis zehn Jahren liegt, sind so enorm, daß sich der Vorsit-
zende der IG Metall, Eugen Loderer, veranlaßt sah, von einer
'dritten industriellen Revolution' zusprechen. Nach meiner Auf-
fassung handelt es sich jedoch nicht um eine 'dritte industrielle
Revolution', sondern um eine neue Stufe im Prozeß des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts, dessen ungehinderte Entfal-
tung innerhalb der Schranken des Privateigentums der kapitalisti-
schen Gesellschaft nicht möglich ist. Der Begriff der 'dritten
industriellen Revolution' unterstellt - ähnlich wie die schon
während der zwanziger Jahre von sozialdemokratischer Seite be-
nutzte Formel der 'zweiten industriellen Revolution' -, daß auf
der Basis der gegebenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse
beliebig viele Umwälzungen der Produktivkraftstruktur stattfinden
können, ohne daß es notwendigerweise zur antagonistischen Zuspit-
zung in der Beziehung der Produktivkräfte zu den Produktionsver-
hältnissen kommen müsse. Zumindest legt der Begriff der, dritten
industriellen Revolution', wie er von Eugen Loderer dargestellt
wird, nicht die Deutung nahe, daß zwischen Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen gesetzmäßige, systemhafte Zusammenhänge
bestehen und ein bestimmtes Niveau der Produktivkräfte und der
Vergesellschaftung der Arbeit bestimmter Eigentumsformen, also
bestimmter Produktionsverhältnisse bedarf, um sich weiterent-
wickein zu können." 5)
Beim Versuch, im Namen "gesetzmäßiger, systemhafter Zusammen-
hänge" die Möglichkeit einer 3. industriellen Revolution inner-
halb der gleichen Gesellschaftsformation zurückzuweisen, stößt
Peter zwangsläufig auf das Problem, überhaupt von technologischen
Revolutionen zu reden, nach der bei Marx beschriebenen sogenann-
ten Großen Industriellen Revolution, die an der Wiege des Kapita-
lismus stand. Auch der in der bisherigen marxistischen Diskussion
übliche Begriff der "wissenschaftlich-technischen Revolution"
also scheint ihm zu unscharf, da er nichts aussage über den
"zeitlichen Geltungsbereich", keine "präzise Periodisierung der
Produktivkraftentwicklung" zulasse, das Verhältnis zwischen
"revolutionären und nichtrevolutionären Phasen" der "kapitalisti-
schen Produktivkraftgeschichte" nicht zu bestimmen erlaube und
den "Revolutionsbegriff" verflache; ferner sei der Zusammenhang
zur "sozialökonomischen Struktur" bzw. ihrer Veränderung nicht
deutlich, Ungleichzeitigkeiten und Unabhängigkeiten von poli-
tischen Veränderungen würden unklar. Er problematisiert, ob man
überhaupt von revolutionären Prozessen reden könne, solange die
kapitalistische Gesellschaftsformation die bestimmenden Verhält-
nisse blieben, und schlägt vor, statt dessen die gegenwärtige
Produktivkraftbewegung als "kapitalistisch bestimmten wissen-
schaftlich-technischen Fortschritt" zu bezeichnen. 6)
Inhaltlich scheint ihm der Verzicht auf den Revolutionsbegriff im
genannten Zusammenhang auch deswegen berechtigt, weil die gemein-
ten wissenschaftlichen und technischen Erfindungen nicht
"plötzliche Umbrüche in der materiell-technischen Basis des Pro-
duktionsprozesses" hervorbrächten, sondern wirklich nur schon
länger vorhandene Technologien verallgemeinert würden 7) ("schon
länger" meint hier, seit - Anfang der fünfziger Jahre"). Das
tatsächliche Auseinanderklaffen zwischen Erfindung und Anwendung
gibt ihm die Möglichkeit, den Revolutionsbegriff in jener Kluft
verschwinden zu lassen, statt ihn - in seiner Logik konsequent -
dem Erfindungszeitraum zuzuordnen.
"Die technische Basis ist daher revolutionär"
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Was gewinnt Peter mit der Auswechslung des Revolutionsbegriffs
gegen den des Fortschritts? Wir erinnern uns, der Revolutionsbe-
griff im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte war
ihm zu unscharf, nicht präzise genug, nicht trennscharf. Wie
könnte da der weit schwammigere Begriff des Fortschritts ein hö-
heres Maß an Präzision bringen? Der Kontext macht deutlich, wo-
rauf es ihm ankommt. Schließlich will er ja nicht einfach den Re-
volutionsbegriff durch den des Fortschritts ersetzen, sondern nur
dann, wenn die Gesellschaftsformation, in der die Produktivkräfte
verändert werden, gleich bleibt. Die Dürftigkeit in der den Pro-
duktivkräften zugemessenen Bestimmung, sie müßten, um revolutio-
när zu sein, "plötzlich umbrechen", wird erweitert: sie können
überhaupt nur revolutionär sein, wenn ein Formationswechsel
stattfindet. Solange dies nicht geschieht, handelt es sich um
"kapitalistisch bestimmten wissenschaftlich-technischen Fort-
schritt".
Man sieht, die Produktionsverhältnisse, als eine Art Subjekt der
gegenwärtigen Geschichte, bestimmen, was technologisch verändert
wird. Sie haben die Bewegung im Griff. Wir wollen nicht darauf
bestehen, daß marxistische Wissenschaft wie in Beton gebettet
Marxsche Erkenntnisse ausschließlich wiederholen darf, gleichwohl
zitieren wir, was Marx zur technischen Basis der Produktion
sagte, um überprüfen zu können, was die Peter'sche Revision sei-
ner Aussagen bringt: "Die moderne Industrie betrachtet und behan-
delt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als defi-
nitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär, während die
aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ war.
Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andre Methoden wälzt
sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die
Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen
des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso bestän-
dig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleu-
dert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Pro-
duktionszweig in den ändern". Und Marx fährt fort, die Widersprü-
che durch die Entwicklung der Produktivkräfte mit der Produkti-
onsform, die sie selber vorantreibt, mit Worten wie Katastrophe,
Leben und Tod, Ungeheuerlichkeit usw. zu beschreiben. Für die
vorwärts treibenden Elemente führt er den Begriff des Umwälzungs-
ferments ein. 8)
Es liegt auf der Hand, daß unter dem begrifflichen Diktat
"kapitalistisch bestimmten Fortschritts" die bei Marx geschilder-
ten Katastrophen in gewisser Weise eine harmlose Einseitigkeit
erhalten. Ein Vorteil solcher Betrachtungsweise liegt in einer
geringer werdenden theoretischen Anstrengung. Man kann z.B. unge-
hemmt über die schrecklichen Folgen des Einsatzes neuer Technolo-
gie sprechen, ohne zugleich immer überprüfen zu müssen, ob die
Folgen unter sozialistischen Bedingungen notwendig anders sind,
das heißt ohne zugleich über die Perspektive der menschlichen Ar-
beit unter den Bedingungen automatisierter Tätigkeiten forschen
zu müssen. Man kann also sagen, durch Automation erfolgt Dequa-
lifizierung, Polarisierung, Taylorisierung, Intensivierung, kurz
eine vollständige Entmenschlichung der Arbeitsbedingungen, und
kann im gleichen Atemzug behaupten, daß die automatisierte Pro-
duktion die Arbeitsweise sozialistischer Gesellschaften auszeich-
net, kurzum die Entwicklung der Arbeitenden befördert.
Der Gegensatz liegt in der Bestimmtheit durch die Produktionsver-
hältnisse. Wenn aber die Qualität der Arbeit bis zum Gegensatz
ausschließliches Resultat der Verhältnisse ist, warum soll man
dann überhaupt von dem spezifischen Entwicklungsstand der Produk-
tivkräfte reden? Was hängt davon ab, ob wir es mit mechanisierter
Produktion oder mit automatisierter zu tun haben? Letzteres, so
erfahren wir bei Peter, ist gegenüber dem ersteren eine fort-
schrittlichere Stufe. Worin aber besteht ihre Fortschrittlich-
keit, wenn sie sich in den Händen der Kapitalisten ausschließlich
rückschrittlich auswirkt? Wäre es da nicht konsequent, ganz auf
einen Entwicklungsbegriff bei den Produktivkräften zu verzichten
und von kapitalistisch bestimmter Veränderung zu sprechen? Aber
da ist der "Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produkti-
onsverhältnissen", an dem Peter doch festhalten möchte; dieser
gibt ihm die Möglichkeit zu behaupten, daß bei kapitalistisch be-
stimmtem technischen Fortschritt sich die neuen Technologien
nicht wirklich "entfalten könnten".
Diese Feststellung ist sicher richtig, jedoch zu wenig, zu ver-
harmlosend. Denn sie lenkt ab von der Frage, welche Entfaltung
denn möglich ist und welche schon realisiert ist. Und da wir se-
hen, daß gegenwärtig der Kapitalismus zur Entfaltung dieser Pro-
duktivkräfte immer noch geeignet ist, bleibt uns die Aufgabe,
dieses zu begreifen, statt sich mit den Möglichkeiten des Sozia-
lismus zu beruhigen. Peter versteht offensichtlich unter dem Wi-
derspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß
der Kapitalismus die Produktivkräfte hemmt.
Das ist aber noch ein sehr vereinfachendes Widerspruchsdenken.
Denn in Wirklichkeit hemmt der Kapitalismus die Produktivkräfte
und entwickelt sie zugleich. Und dabei geschieht auch nicht nur
diese Hemmung, sondern zugleich eine Destabilisierung der Gesell-
schaftsformation durch die Entwicklung der Produktivkräfte, die
immer neue Bewegungsformen notwendig macht. Insofern wirken die
Produktivkräfte, ihrerseits durch Verwertung des Werts und Aufrü-
stung angetrieben, immer noch als eine Art blinder Geschichts-
kraft. Sie sind durch die Produktionsverhältnisse nicht eindämm-
bar. Ihre Folgen sind von uns genau zu studieren. Peter ersetzt
dieses Studium und darin insbesondere die Frage, ob Umbrüche,
eine technologische Revolution stattgefunden haben, deren unter-
drückte Widersprüche ans Licht zu holen wären, durch die Vorab-
Definition, daß gar keine stattfinden können. Er sucht begriffli-
che Garantien. Dabei führt die Unverträglichkeit einer bestimmten
Art und Weise zu produzieren mit den sozialen Verhältnissen, un-
ter denen dieses geschieht, hier im Falle von Automation und Ka-
pitalismus für ihn dazu, daß unter dem Diktat der Verhältnisse
alles Vorwärtsweisende und Widerstreitende aus den Produktivkräf-
ten ausgemerzt wird, ihre Folgen für die Arbeitenden mithin aus-
schließlich negativ sind. Fragen wir hier noch nicht, wie dies
technisch möglich sein kann, sondern sehen zunächst, daß auf
diese Weise jeder Widerspruch der Entwicklung und damit auch ein
Motor der Geschichte stillgestellt ist. Diese Konsequenz scheint
von Peter auch gewollt.
Gegen Klassenkampfismus, für Analyse von Kampfbedingungen
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Peter fragt nicht, wie sich die Entwicklung der Produktivkräfte,
die Produktionsverhältnisse und die Klassenkämpfe aufeinander be-
ziehen, sondern postuliert schlicht als einzige bewegende Kraft
den Klassenkampf. Dabei soll es mir keinesfalls darum gehen, dem-
gegenüber einen Fortschrittsautomatismus zu behaupten, der den
politischen Veränderungen die Arbeit abnimmt. Dennoch muß genau
studiert werden, welche Prozesse einem der blinde Mechanismus der
Produktivkraftentwicklung abnimmt und welche nicht. Gegen die
Verwendung des Revolutionsbegriffs für die Produktivkraftentwick-
lung hält Peter die Notwendigkeit einer "Systematisierung und Pe-
riodisierung", d.h. die Abfolge der Formationen, die durch die
Klassenkämpfe umgewälzt werden.
Im heute konkreten Fall des Einsatzes automatisierter Maschinen
und Anlagen in den Betrieben macht er auf der Grundlage arbeits-
orientierter Wissenschaft also Vorschläge für den Klassenkampf an
die Gewerkschaften. Er rät im einzelnen: "politischen Druck" aus-
zuüben, "Gegenmacht" herauszubilden, "Mitbestimmungsrechte" ex-
tensiv zu nutzen, - den Kampf um Einfluß auf die wesentlichen
Entscheidungen über Mittel, Ziele und Folgen der modernen Produk-
tivkraftentwicklung zu verknüpfen", mit dem "Kampf gegen die di-
rekten Folgen des technischen Fortschritts"; und er verrät, daß
es zum "ehernen Bestand kapitalistischer Unternehmenspolitik" ge-
höre, den "Herr-im-Hause-Standpunkt" aufrechtzuerhalten. - Aber
wußten denn die Gewerkschaften dies nicht alles schon vorher,
bzw. genügt für solche Ratschläge nicht schon das bloße Wissen um
die Tatsache, daß wir überhaupt im Kapitalismus leben, unabhängig
vom konkreten Stand der Produktivkräfte? Tatsächlich zitiert Pe-
ter zur Bestätigung der Richtigkeit seiner Worte einige führende
Gewerkschaftsvertreter und Programme bzw. bestätigt umgekehrt de-
ren Richtigkeit dadurch, daß sie in seinen Ableitungszusammenhang
passen.
Die Produktivkräfte können im Kapitalismus nicht stillgestellt
werden; hierfür kann das Kapital keine Befriedigungsstrategien
entwickeln. Daher wird das Feld, auf dem die Klassenkämpfe statt-
finden, ständig umstrukturiert durch Antriebskräfte, die außer-
halb der politischen Kämpfe liegen, durch fortwährende Vergesell-
schaftungsschübe. Indem Peter gegen diesen Zusammenhang einen
Primat der Produktionsverhältnisse setzt, ist für ihn die Vor-
stellung eines revolutionären Charakters der gegenwärtigen Pro-
duktivkraftveränderungen unmöglich geworden; als Triebkräfte der
Geschichte bleiben die Klassenkämpfe, die die Abfolge der Forma-
tionen ausfechten. Aber gerade dieser Versuch, die Wichtigkeit
der Klassenkämpfe durch Zuweisung an einen "systematischen" Ort
in der Geschichte herauszuarbeiten, läßt sie in der geballten
Kampfanstrengung erstarren, zeigt nicht die Verwicklungen in der
konkreten Geschichte; gibt etwa der Erforschung der Produktiv-
kraftentwicklung und ihrer Bedeutung für die Klassenkämpfe keinen
Raum für neue Erkenntnisse im veränderten Kraftfeld und liefert
so auch keine besseren Waffen.
Wenn man darunter das Richtige versteht, kann man sagen, daß wir
auf einem "Primat der Produktivkräfte" beharren. Die Formulierung
ist für die schlecht, die nach Theorien suchen, die das Eingrei-
fen für überflüssig erklären. Sie ist brauchbar, wenn man vom
Eingreifen ausgeht. Man müßte vollständiger von einem - Primat
der Produktivkraftentwicklung für das politische Eingreifen"
sprechen. Die Produktivkräfte sind, wie die Produktionsverhält-
nisse, die absolut unumgehbaren Bedingungen unserer Eingriffe in
gesellschaftliche Verhältnisse. Aber anders als die Produktions-
verhältnisse, die uns ständig zur Privatisierung drängen, üben
die Produktivkräfte einen permanenten Vergesellschaftungsdruck
aus. Will man nicht voluntaristisch eingreifen, muß man sich die-
ses Drucks vergewissern. Sonst predigt man einen abstrakten, be-
dingungslosen (d.h. seine Bedingungen ignorierenden) Klassen-
kampf: K l a s s e n k a m p f i s m u s.
Gegen Begriffsgarantien, für Widerspruchsdenken
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Beginnen wir von vorn: Die Produktivkräfte bezeichnen die Art und
Weise des menschlichen Handelns gegenüber Natur, die Vergesell-
schaftung der Arbeit. Sie bestimmen Kompetenzen, die akzeptiert
werden müssen. Ihnen entsprechen soziokulturelle Formationen,
d.h. auf einer neuen technologischen Basis werden neue Formatio-
nen möglich. Historisch gab es auf der Basis einer Produktions-
weise mehrere soziokulturelle Formationen. Heute finden wir die
gleiche technologische Basis für die kapitalistischen wie für die
sozialistischen Länder, bzw. wir finden die Technologie der 1.
industriellen Revolution mit den soziokulturellen Formationen Ka-
pitalismus und Sozialismus (hinzu kommen die unterschiedlichen
soziokulturellen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern der
Dritten Welt) und die gleiche Ungleichzeitigkeit für die Automa-
tion.
Die von Peter geforderte Periodisierung mit systemhaften gesetz-
mäßigen Zusammenhängen findet realhistorisch so nicht statt. Der
Sozialismus existiert schon mit den Produktivkräften, die dem Ka-
pitalismus gemäß waren. Dieser brachte die Produktivkräfte her-
vor, die den zukünftigen sozialistischen Gesellschaften angemes-
sen sind, und existiert noch. Die Geschichte der Revolutionen,
des absolut unregelmäßigen, sprunghaften "Gangs der Geschichte"
lehrt, daß die Fähigkeit, Widersprüche (aus denen Entwicklungen
ja resultieren) zu erfassen, hinter den wirklichen Widersprüchen
meist meilenweit zurückbleibt.
Wir haben sozialistische Gesellschaften auf technisch lächerli-
cher Basis. Die kapitalistischen Gesellschaften sind den soziali-
stischen in der technischen Entwicklung, Arbeitsproduktivität
usw. überlegen. Wir haben technische Revolutionen, und die so-
ziale bleibt aus. Wir haben soziale Revolutionen, und die techni-
sche Entwicklung bleibt Jahr für Jahr hinter den Plänen zurück.
Die Geschichte schreitet nicht ordentlich Stufe für Stufe voran.
Wir haben in der "Dritten Welt" durch die Überlagerung vorkapita-
listischer Gesellschaften durch einen kolonialen Kapitalismus und
durch die Überlagerung der daraus resultierenden Formationen
durch den Systemgegensatz gesellschaftliche Verhältnisse von ei-
ner Widersprüchlichkeit, hinter der unsere Vorstellungskraft und
unsere Denkfähigkeit weit zurückbleibt. Wir müssen alles tun, um
die krassen Gegensätze, die Ungleichzeitigkeiten und die Antago-
nismen so radikal zu erfassen wie sie sind. - Lothar Peters
Dogma, daß Revolutionen in den Produktivkräften unmöglich sind
ohne Revolutionen in den Produktionsverhältnissen, ist - selbst
wenn man das Problem, ob eine Produktivkraftrevolution im Kapita-
lismus f a k t i s c h stattgefunden hat, einmal ausklammert -
gemessen an diesen Anforderungen unsinnig, ein widerspruchselimi-
nierendes Denken, das Sprünge in der Realität verniedlicht und in
dieser widerspruchseliminierenden Funktion lähmend ist.
Die gegensätzlichen Gesellschaften haben, in der militärischen
Konkurrenz der Systeme, ein Vernichtungspotential angehäuft, das
den Globus per Knopfdruck atomisieren kann. Die Weltmacht USA er-
leidet Niederlage auf Niederlage durch Kolonialvölker. Das zu er-
fassen, braucht eine Denkweise, die mit Peters sicherem Stufen-
gang nichts zu tun hat. Wir müssen die Risse im Gebäude studie-
ren, nicht die Freitreppe. Dennoch gibt es Entsprechungen zwi-
schen dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte und den ihnen
möglichen Produktionsverhältnissen. Die Ungleichzeitigkeiten, das
Auseinandertreten von Produktivkräften und Produktionsverhältnis-
sen heißt dann doch aber, daß dies zum Basisproblem dieser Forma-
tion wird und um so dringlicher von uns studiert werden muß.
Sozialistische Gesellschaften mit zurückgebliebenen Produktiv-
kräften, kapitalistische Gesellschaften mit "überentwickelten"
Produktivkräften und das Aufeinandereinwirken dieser widersprüch-
lichen Strukturen: dies scheint uns das vorgegebene Kraftfeld zu
sein, in dem die Klassenkämpfe in der ersten und zweiten Welt
sich bewegen. Die so sich verschärfenden Widersprüche zu begrei-
fen und als Veränderung im Kampffeld aufzufassen, macht es not-
wendig, am revolutionären Charakter der technologischen Basis
festzuhalten und im hier diskutierten konkreten Fall die techno-
logischen Veränderungen und ihre Folgen als wissenschaftlich-
technische R e v o l u t i o n wahrzunehmen.
III. Was neu ist
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Was ist das Revolutionäre an den mit der Automatisierung gemein-
ten technologischen Veränderungen? An der Technologie ist das
Verhältnis der Menschen zur Natur ablesbar. Umwälzungen geschehen
hier - miteinander verknüpft - auf zweierlei Weise. Automatisie-
rung setzt voraus, daß in der Natur vorhandene Selbstregulierun-
gen von Größen erkannt sind, um sie maschinell regulieren zu kön-
nen, setzt also ein wissenschaftliches Verhältnis zur Natur vor-
aus. Automationstätigkeit besteht im Studium der Fehler vergegen-
ständlichter Regelungstheorie von Produktionsprozessen in der
Perspektive ihrer Weiterentwicklung. 10)
Die Anforderungen an die Produzenten verändern sich radikal. Sie
müssen anderes wissen und können; sie brauchen eine andere Aus-
bildung, andere Formen von Zusammenarbeit werden aktuell; vor al-
lem wird eine andere Haltung gegenüber dem Produktionsprozeß und
seinen Bestandteilen zwingend. Diese revolutionäre Umwälzung
trifft einerseits auf die alten Produzenten, ihre Erfahrungen,
Kenntnisse, Tugenden, andererseits wird sie vorangetrieben in den
alten Verhältnissen. Soll der Produktionsprozeß überhaupt funk-
tionieren (häufig tut er dies nicht), ist er eine Herausforderung
für beide Seiten. Dabei versuchen die Unternehmer natürlich, mög-
lichst billig davonzukommen: weniger Arbeiter einzustellen, die
wenigen intensiver auszulasten, wenig Ausbildung zu vermitteln,
wenig zu zahlen. Zugleich wissen sie selber nicht genau, was die
neuen Produktivkräfte verlangen. Sie befinden sich in einer Expe-
rimentalsituation, die sie für sich nutzen wollen . Jedes Mehr,
das sie den Arbeitern einräumen, verlangt für sie zugleich eine
psychologische Gegensteuerung, um weiter die Legitimation des Sy-
stems aufrechtzuerhalten. Aber auch die Produzenten und ihre Or-
ganisationen wissen nicht spontan, welche Folgen die neuen Pro-
duktivkräfte für sie haben. Welche Ausbildung ist angemessen?
Welche neuen Momente sollten Bestandteile der Tarifverhandlungen
werden? Welche Verantwortung ist unzumutbar? Welche Arbeitsbedin-
gungen sind in welcher Perspektive zu verändern? Welche Arbeits-
teilung soll aufgehoben werden?
Die Umwälzung der technologischen Produktivkräfte verändert das
Kampffeld für die Klassenkämpfe. Gerade weil die Anforderungen an
die Produzenten höher werden - hinsichtlich Qualifikation, Ent-
wicklung in der Arbeit, Lernen, Kooperation ", werden die Kon-
flikte schärfer, und es werden die Folgen für die einzelnen Ar-
beiter katastrophal, sofern die Arbeiterorganisationen die den
technologischen Umwälzungen angemessenen Bedingungen nicht durch-
setzen. Die Gewerkschaften haben für wirklich emanzipatorische
Forderungen die Produktivkräfte im Rücken. Eben deshalb sind die
Abwehrstrategien der Unternehmer heftiger, die, da sie auf die
entwickelten Produktivkräfte - die technologischen wie die men-
schlichen - nicht verzichten können, verstärkt die Wissenschaften
der Menschenverführung für sich in Anspruch nehmen. Zugleich ar-
beitet die neue Technologie doppelt für die Unternehmer. Die dro-
hende Arbeitslosigkeit nimmt ihnen ein Großteil an Integrations-
bemühungen ab, und in dieser Form haben die Gewerkschaften die
neuen Produktivkräfte auch gegen sich.
Arbeitsorientierte Wissenschaft und revolutionäre Produktivkräfte
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In diesem Zusammenhang ist eine intensive Erforschung der Anfor-
derungen, der Bedingungen und Veränderungen vom Standpunkt ar-
beitsorientierter Wissenschaft dringend geboten. Zustimmung zu
dem, was die Gewerkschaften auch ohne die Wissenschaft wissen,
und Ermunterung zu starkem Tun reichen keinesfalls. Aber die em-
pirische Forschung ist ungeheuer schwierig. Gerade weil es sich
um Neues handelt, taugen die alten Werkzeuge zum Begreifen nicht.
Im Umgang mit wirklichen Veränderungen müssen die Wissenschaftler
ihre Vorurteile abbauen, ihre alten Gedanken aufgeben. So werden
sie auf Umstrukturierungen der Kraftfelder stoßen und zugleich
mit der Entwicklung ihres Forschungsgegenstandes ihre eignen For-
schungsmethoden entwickeln und ihre Erkenntnisse über die Dinge,
die Menschen wie den Prozeß der Erkenntnis selber erweitern. Auch
hier ist eine Revolutionierung der Wissenschaft auf der Tagesord-
nung.
Es scheint mir wenig sinnvoll, weitere Erklärungen zu formulie-
ren, warum die Entwicklung der Produktivkräfte revolutionär ist
und warum die wissenschaftlich-technische Revolution eine höhere
Qualifikation von den Produzenten verlangt. Es ist dies auch eine
Frage der Empirie, allerdings nicht so, daß Hochschulabschlüsse
gezählt werden könnten und Facharbeiterlehren oder ähnliches und
damit Beweise erbracht wären. Die gestiegenen Anforderungen be-
zeichnen nur eine wesentliche Linie im Kraftfeld. Wie die Produ-
zenten sich wirklich verhalten, läßt sich nicht ableiten und muß
daher empirisch erforscht werden. Um die Auseinandersetzung
fruchtbarer fortzusetzen, plädiere ich dafür, die Ebene zu wech-
seln und die noch bleibenden Vorwürfe und Bemängelungen am kon-
kreten Material zu entfalten. Daher stelle ich im Fortgang einen
Ausschnitt aus unserer empirischen Arbeit vor. In dieser Konkre-
tion sind natürlich nicht umfassende Aussagen zur Qualifikation
zu erwarten; vielmehr ist es unsere Absicht, so genau wie möglich
Grundlagen für gewerkschaftliche Forderungen in einzelnen Berei-
chen zu entwickeln.
Der Text entstand auf der Basis von Untersuchungen an 92 Meßwar-
tenarbeitsplätzen und überprüft am Problem der Anforderung "Von-
Hand-Fahren" die notwendige Qualifikation sowie die Ausbildungs-
praxis in den Unternehmen. Der Text soll es möglich machen, nicht
länger ausschließlich um "richtigen" oder "falschen" Marxismus zu
streiten, sondern die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit unserer
Vorgehensweise exemplarisch zu überprüfen.
Von-Hand-Fahren 11)
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Bei der Untersuchung der einzelnen Arbeitstätigkeiten gingen wir
davon aus, daß es nicht genügt, den von uns beobachteten Aus-
schnitt der täglichen oder wöchentlichen Arbeit zur Grundlage un-
serer Analyse zu machen. Aber auch die Erfassung eines Tagesab-
laufs im ganzen, so minutiös sie erfolgt, muß in ihrer unbe-
grifflichen Vielfalt Entscheidendes verfehlen, so wie wenn ich
einen Professor beschreibe als jemanden, der am Tage soundso
viele Minuten mit Laufen verbringt, andere mit Sitzen und in die
Landschaft blicken, wieder andere mit dem Tragen von mehreren
Kilo Aktenordnern und Büchern; die Absurdität fällt uns in diesem
Beispiel sofort auf, weil wir die wesentlichen Merkmale geistiger
Arbeit etwa von Professoren kennen. Welches sind aber die wesent-
lichen Merkmale der Arbeiten an den neuen Maschinen und Anlagen,
und wie sind sie zu erfassen? Entscheidend für die Frage der Qua-
lifikation und also der notwendigen Kompetenz muß auf jeden Fall
sein, was der Arbeiter im Notfall, was er als Spitzentätigkeit
vollbringen muß. In dieser Weise ist es sogar überflüssig, den
gesamten Tagesablauf zu erheben, es sei denn, einzelne Momente
enthalten ein besonderes Lernarrangement und tragen zur Entwick-
lung des Arbeiters entscheidend bei, oder sie sind umgekehrt der-
maßen belastend, daß sie Entwicklungen weitgehend verhindern. Wir
fragen daher nach Spitzentätigkeiten ebenso wie nach dem Gewöhn-
lichen und dem Verhältnis beider im Tageslauf.
Die erstaunliche Antwort auf die Frage nach der Spitzentätigkeit:
Von-Hand-Fahren, schien zunächst Beweis dafür, daß nur noch als
Einsprengsel in den Tagesablauf existiert, was "früher" qualifi-
zierte allgemeine Beschäftigung war, so daß auf eine Reduzierung,
wenn nicht Dequalifizierung der Arbeiter geschlossen werden muß.
Aus praktischer Erfahrung im Umgang mit den Dingen stellt sich
hier allerdings eine Anschlußfrage. Wie kann es möglich sein,
eine qualifizierte Tätigkeit, wie das Fahren einer Anlage von
Hand, die nicht mehr zur alltäglichen Praxis gehört und daher
auch der dauernden Übung entbehrt, als "Einsprengsel", also nur
ab und an durchzuführen, ohne im Vollzug zu scheitern?
Die Faktoren, die alle gleichzeitig beherrscht werden müssen,
einschließlich der Genauigkeit der sensu-motorisch gesteuerten
Handbewegungen, scheinen zunächst zwei mögliche Weisen der Aneig-
nung nahezulegen:
1. M a n l e r n t e s d u r c h d e n t ä g l i c h e n
U m g a n g, d u r c h Ü b u n g. Wenn man eine Sache immer
wieder macht, können einzelne Elemente soweit routinisiert wer-
den, daß sie (in der Sprache der Handlungsstrukturtheorie)
"automatisch" ablaufen; das gibt die Möglichkeit, sich auf die
weniger gewordenen übrigen zu konzentrieren. Nach einem Ablauf-
plan - zunächst diesen Griff, dann jenen, den dritten nicht aus-
lassen, dazwischen auf dieses und jenes achten - geschieht die
weitere Aneignung, bis die Anlage "beherrscht" wird. Vorausset-
zung für eine solche Beherrschung ist eine durch Training zu er-
werbende Optimierung der Handlungsabfolge, nicht notwendigerweise
die genaue Kenntnis der Vorgänge, die "gefahren" werden. Daß da-
bei immer wieder Unfälle passieren, "menschliches Versagen" vor-
kommt, liegt auf der Hand und scheint lediglich eine Frage der
Konzentrationsfähigkeit zu sein und immer wieder der Praxis in
der Form des - Auswendiglernens". 12)
2. D i e a n d e r e m ö g l i c h e W e i s e d e r A n-
e i g n u n g w ä r e d i e t h e o r e t i s c h e
D u r c h d r i n g u n g. Man eignet sich gewissermaßen "von
oben" das Verfahren an und prüft dann, welche Regler welche theo-
retisch abgeleiteten Funktionen ausführen. Hier verschwindet die
unendliche chaotische Vielfalt der gleichzeitig zu verrichtenden
und zu bedenkenden Elemente auf dem Wege der Abstraktion, nicht
der "Routinisierung", nicht des "Auswendiglernens". Es leuchtet
ein, daß dieses theoretische Verfahren ungleich ökonomischer und
auch menschlicher ist, weil die wirkliche Relevanz der Dinge und
Vorgänge Voraussetzung ist, nicht das Funktionieren allein.
Zugleich erkennt man, daß es bei einem bestimmten Produktiv-
kraftstand - dem automatisierten - das einzig Mögliche ist, da
gerade die Nicht-Alltäglichkeit des Von-Hand-Fahrens das Kenn-
zeichnende des Prozesses ist, ohne dabei jedoch diese Weise der
Praxis ganz auszuschließen. - Die theoretische Aneignung hat al-
lerdings (wie weiter oben ausgeführt) das Manko, daß sie für sich
zwar bis zur praktischen Durchdringung vorstoßen können muß, dies
jedoch auch nur in der Theorie. Kann man z.B. Auto fahren, wenn
man es theoretisch ganz und gar begriffen hat? Keineswegs. Minde-
stens zur Beherrschung der eigenen Bewegungen und ihrer Abfolge
gehört Übung. Ebenso verlangt die Vielfalt der Bedingungen, der
jeweils andere Reaktionen für die Fahrweise entspringen können,
ein Ausmaß an theoretischer Durchdringung, das nur in der Wech-
selwirkung mit praktischer Erfahrung entwickelt werden kann. Zu-
dem wäre bei der Produktionsweise des Handfahrens die theoreti-
sche Berechnung zu langsam, ihre unvermittelte Übersetzung in Be-
wegungsabläufe ganz unmöglich.
Wir kommen also zu dem Resultat, daß die Automatisierung des Pro-
duktionsprozesses umfassendes theoretisches Begreifen ermöglicht
durch die praktische Zusammenfassung der verschiedenen Bereiche.
Zur theoretischen Beherrschung durch die Produzenten zwingt diese
Weise zu produzieren gerade dann, wenn das üblicherweise automa-
tisch geregelte von Hand gefahren werden muß. Dabei ist die theo-
retische Durchdringung insbesondere deswegen notwendig, weil jeg-
liche vorher meist praktizierte Form der routinisierenden Aneig-
nung wegen der relativen Seltenheit des Vorkommnisses fehlt.
Zugleich genügt die theorieförmige Aneignung nicht, da praktische
Beherrschung ohne Übung nicht auskommen kann, eben weil in der
praktischen Tat jedes einzelne Moment gar nicht theoretisch er-
rechnet werden kann. An die Stelle der Berechnung tritt die Rou-
tine. Die Perspektive für das Fahren von automatisierten Maschi-
nen und Anlagen wäre in solchen Fällen also eine Ausbildung, die
umfassende Theorieaneignung, das Studium der Gesetze der Natur-
wissenschaften verbindet mit der Übung im praktischen Umgang mit
den Dingen.
Die Wirklichkeit gehorcht zweifellos einer solchen Perspektive
nicht. Einmal ist die Notwendigkeit solcher Ausbildung nicht un-
mittelbar bewußt; da jede Form von Arbeiterbildung einerseits die
Lohnkosten (entweder direkt oder in der Form des wachsenden Bil-
dungshaushaltes) erhöht und zum anderen das Vorenthalten von mög-
lichst viel Kopfarbeit für die Unternehmer und ihre "Köpfe" eine
Form der Aufrechterhaltung von Herrschaft ist, bedarf die Durch-
setzung auch der für den Produktionsprozeß notwendigen Arbeiter-
ausbildung klassenkämpferischer Auseinandersetzung und ist auch
in diesem Fall in die notwendigen Forderungen der Gewerkschaften
aufzunehmen.
Bei unserer Untersuchung in den Betrieben haben wir zunächst auf-
genommen, wo das Handfahren als Aufgabe des Produktionsarbeiters
auftritt und sodann geprüft, wie er für diese Praxis ausgestattet
wird. Dafür fragten wir einerseits nach dem Bereich, aus dem der
Arbeiter kommt, und der Vorbildung, die er mitbringt, also nach
seiner Bildungsbiographie, zum anderen nach der Art der automati-
onsspezifischen Ausbildung wie auch nach der Weiterbildung, die
vorgesehen und durchgeführt wird.
Zum Stand der Ausbildung an 92 Meßwartenarbeitsplätzen
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Als Problem und zugleich als "Spitzenanforderung" wurde die Tä-
tigkeit des "Hand-Fahrens" an allen Meßwarten formuliert. Die Un-
klarheit über die dafür notwendige Qualifikation äußert sich z.
B. in der eigentümlichen Abbildung der Probleme als solche der
Haltung: - Bei totalem black out des Rechners wird es sehr
schwer, die Anlage weiterzufahren, da gibt es Schwierigkeiten mit
der Motivation." Wie unsicher wirklich das Wissen über die not-
wendigen Fähigkeiten ist, zeigt ein Blick auf die Art und Weise
ihrer Herstellung . Für uns zeigte sich als chaotische Vielfalt,
was eine absolute Willkür in der zugestandenen Lernart und -zeit
dokumentiert.
Aber ist nicht ein so willkürlicher Umgang mit Ausbildungsinhal-
ten, -formen und -zeiten selber Beweis, daß die Arbeiter die Ma-
schinen auch dann beherrschen können, wenn sie nicht eigens dafür
ausgebildet werden? Ein solcher Einwand mutet uns zu, als exoti-
sche Unternehmerlaune aus der Analyse herausfallen zu lassen, daß
tatsächlich in einer Reihe von Fällen (etwa einem Drittel) zeit-
lich umfangreiche und inhaltlich systematische Ausbildungen
durchgeführt werden, wobei in diesen Fällen noch zusätzliche
fortbildende Elemente in die Arbeitsabläufe eingebaut sind (z.B.
Störungssimulationen, Rundgängerei, Wechsel zur Reparatur und
vergleichende Verlaufsprotokolle zur Fehlerdiagnose und Prozeßop-
timierung), sowie Fortbildungskurse angeboten werden. Da man wohl
davon ausgehen kann, daß die Unternehmer kein Interesse daran ha-
ben, freiwillig ein die Produktionsnotwendigkeiten überschießen-
des Wissen zu vermitteln und zu zahlen, muß unsere Frage umge-
kehrt gestellt werden: was passiert mit den Vielen, deren Ausbil-
dung in unterschiedlichem Grade geringer ist?
Selektion statt Ausbildung
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Zunächst können wir wohl davon ausgehen, daß die Hauptkämpfe von
uns gar nicht aufgenommen werden konnten und sie sich vor unserem
Untersuchungsfeld abspielen als Selektion all derer, die in die
Reihe der Automationsarbeiter gar nicht erst aufgenommen wurden.
Einhellig berichten die Systemanalytiker, die Personalleiter und
die technischen Leiter, daß nur "die Besten" aus den alten Anla-
gen und die mit großer Praxis überhaupt ausgewählt wurden. In der
friedlichen Formulierung, die unser Zutrauen zu den Produkten
dieser Werke erhöhen könnte, verbirgt sich die Katastrophe für
all jene, die nicht genommen wurden - schließlich kann nicht je-
der der Beste sein ", verbirgt sich auch der erbitterte Konkur-
renzkampf, der unter den Arbeitern herrschen muß, und der ein so-
lidarisches Vorgehen in den zu automatisierenden Betrieben fast
verunmöglicht. Zudem bedeutet die ungesicherte Umstellung auf ein
ganz neues Betätigungsfeld ein Verlassen der Produktionssphäre,
in der man sicher war im Sinne von kompetent, in der man zu Hause
war, ein unerhörtes Risiko für die einzelnen Arbeiter, welches
nur wegen des höheren Risikos des Arbeitsplatzverlustes überhaupt
eingegangen werden kann.
Wo diese Drohung wegfällt, beispielsweise in einigen staatlichen
Betrieben, hörten wir, daß die Arbeiter aus den alten Anlagen
sich besonders wenig für die neue Produktionsweise eigneten,
"weil sie Angst haben", "weil sie sich weigern, sich überhaupt
auf die begriffliche Fassung einzulassen". Und von denen, die
sich solche Weigerung nicht leisten konnten, heißt es: - Sie ste-
hen wie gelähmt vor den Rechnern und haben Angst. Dann rennen sie
immerzu in die Anlage, obwohl sie dort gar nichts sehen können,
während der Rechner seine Befehle ins Leere spuckt."
Erschwert so die innerbetriebliche Auswahl solidarische Aktionen
- etwa für eine ausreichende Ausbildung und Information - bietet
die außerbetriebliche Stellenausschreibung zusätzliche Möglich-
keiten für die Unternehmer, an der notwendigen Ausbildung Einspa-
rungen vorzunehmen. Am wenigsten Aufwand wird mit den Leuten "von
außerhalb" gemacht. Während nun mit den immerhin "Besten" der
vorherigen Produktionsstufe noch eine Reihe von Ausbildungsan-
strengungen unternommen werden, schrumpft dieses Bemühen sicht-
lich bei den Facharbeitern vom "freien" Arbeitsmarkt, von denen
offenbar erwartet wird, daß sie die neuen Produktionsqualifika-
tionen schon als Eigenschaften mitbringen oder, wo dies nicht der
Fall ist, selber sehen, wie sie dazu kommen. Was an Leidensdruck
dahinter steht, ahnt man noch aus den als bloße Beschreibung vor-
gebrachten Worten eines Unternehmers: "Er hat 6 Monate für die
Bedeutung der Lämpchen gebraucht und fast drei Jahre für die
Überwindung der Anfangsschwierigkeiten - privat hat er die Pro-
zeßanweisungen und Systembeschreibungen studiert... Daß ständig
Neuerungen an der Anlage vorgenommen werden, sorgt doch automa-
tisch dafür, daß er was dazulernt... Außerdem besucht er jetzt
nach Feierabend Elektronikkurse." Gleich in mehreren Fällen
fanden wir als Selbstverständlichkeit berichtet, daß sich die
Produzenten das nötige Wissen für die aktuelle Produktion noch
nach Feierabend in Kursen oder anhand von Lehrbüchern, die ihnen
der Betrieb "großzügig" zur Verfügung stellt, oder gar "heimlich"
durch Entwenden der Schaltpläne zu Hause aneignen.
Lernen beim Aufbau der Anlage
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Beliebte und immerhin die Produktion gewährleistende Lernmethode
ist die Einbeziehung der späteren Meßwarte in den Aufbau der An-
lage, die häufig mehr als ein Jahr beträgt. Dabei geht es kaum
darum, daß man auf diese Weise die ohnehin vorhandenen Arbeiter
weitere Kosten vermeidend einsetzt, sondern dieser Aufbau muß in
erster Linie begriffen werden als Lernzeit. Die Berichte stimmen
darin überein, daß die so "geschulten" Produzenten nicht nur den
Unwillen und die Angst vor der neuen Anlage verlören, sondern so-
gar, daß sie jetzt mit einer gewissen Begeisterung an den neuen
Arbeitsplätzen sich einsetzen ließen. Die Erfolgsmeldungen bewe-
gen sich auf dem Gebiet der Motivation.
Dabei ist unmittelbar einleuchtend, daß eine andere Haltung ein-
genommen wird, wenn die herkömmliche Produktionswelt wie mit Gei-
sterhand weggenommen wird und bloße Symbole an ihre Stelle tre-
ten, als wenn die neue Symbolproduktion von den Meßwarten selber
hergestellt wurde, sie also die Veränderung bewirkten. Der so er-
folgte Angstabbau ist sicherlich eine Vorbedingung für das Ler-
nen, ebenso wie die Begeisterung, an der neuen Form mitgewirkt zu
haben, die Aneignung des Geschaffenen vorantreibt.
Was aber lernten die Produzenten der neuen Stufe durch diese Her-
stellung inhaltlich? - Sie können sich jetzt was vorstellen",
erfuhren wir, oder - sie haben Ortskenntnis", als ob der neue Um-
gang mit der Materie wesentlich auf der Anschauung beruhe. Was
weiß ich denn, wenn ich die nötigen Rohre mit verlegt habe, die
mehreren hundert Ventile anbrachte und die Apparate verkettete?
Ganz offensichtlich wird mir so der Sinn der Befehle des Öffnens
und Schließens von Ventilen z.B. und ihres Zueinanders als
gleichzeitig mögliche Handlung und als praktisches Produktionsmo-
ment erschlossen. Zudem kann ich mir vorstellen, wo ein Ventil
jetzt bei diesem Stadium des Prozesses geschlossen sein müßte und
vor allem - im Falle einer Störung - wo es liegt. Was ich nicht
weiß, ist, wie die Errechnung des Prozeßablaufs und seiner Über-
setzung in Ablaufbefehle möglich war und daher nicht, warum und
wie beeinflußbar beim wirklichen Prozeß Abweichungen, Störungen,
Überschreitungen und Unterschreitungen als Fehler der Berechnung
ausgelöst durch den Widerstand der Materie, die durch eine verge-
genständlichte Strategie von Maschinerie beherrschbar gemacht,
sich nun in der alltäglichen Produktionspraxis als unvollendet
beherrscht erweist, ohne daß es in meiner Verfügung stände, diese
vergegenständlichte Strategie verbessern zu können.
Notwendige Folge ist, daß die Meßwarte, wiewohl sie an den
Schaltstellen der Prävention und Therapie der Unfälle sitzen, da-
von betroffen werden als ob es sich um ein katastrophenförmiges
Schicksal handele. Die Angst vor dem erwarteten Unheil, die als
Dauerspannung nicht ausgehalten werden kann, muß dabei verarbei-
tet werden. Die Formen liegen uns als unzählige Berichte über
Streß und Angst, Magengeschwüre, Ungeeignetheit für die Warte
oder gar als Tugend des Phlegmas vor.
Überraschenderweise wird den Meßwarten, die in ihrer Lernbiogra-
phie keinen Anlagenaufbau vorweisen können, nun keineswegs ein
langes praktisches Element als Äquivalent zugestanden (eine Aus-
nahme ist die Methode des Stufenanlernens), sondern sie sind im
Gegenteil diejenigen, in deren produktionsbegleitende Fortbildung
- sei es aus Eigeninitiative, sei es ausdrücklich zugestanden, -
theoretische Kurse Eingang finden.
Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Ausbildung
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Daß diese Mitarbeit beim Anlagenaufbau als Lernarrangement nicht
ausreicht, zudem bei ständiger Innovation zumindest durch ebenso
fortwährende Beteiligung am Umbau ergänzt werden müßte, zeigt im
übrigen auch das praktische Verhalten der entsprechenden Be-
triebsleitungen. In fast allen Fällen fand eine zusätzliche
"Ausbildung" in fast systematischer Form statt, zudem erwuchs un-
ter dem Eindruck der Bedeutung der Anlagenortskenntnis und ihrer
gleichzeitigen Unzureichendheit oder auch der Tatsache, daß wich-
tige Einzelheiten immer wieder vergessen werden, ebenfalls bei
den Meßwarten, die beim Anlagenaufbau schon ausreichend Gelegen-
heit zu Ortskunde hatten, ein Lernarrangement in der Arbeit, wel-
ches eine systematische Begehung des Schauplatzes vorsieht. Nur
in einem einzigen Werk, in dem die Meßwarte nicht am Anlagenauf-
bau beteiligt waren, kommt ein solches Verfahren vor. Dieses
stellte insgesamt eine bemerkenswerte Lösung für die anstehenden
Aufgaben dar. Die Arbeiter wurden nicht nur vertraglich ver-
pflichtet, ein hohes Ausmaß an Lerneinheiten zu absolvieren - je-
der Meßwart durchlief eine theoretische Schulung von 100 Stunden
in zwei Jahren und wurde gleichzeitig per Simulation an der nicht
produzierenden Anlage geschult -, zugleich wurde versucht, durch
Lohnanreize ein permanentes Weiterlernen herbeizuführen. Nach der
Einsicht "wenn er weiß, wie die Maschine funktioniert, behandelt
er sie besser", werden beständig Weiterbildungsveranstaltungen
angeboten, die mit einer Leistungsprüfung abzuschließen sind;
nach jeder Prüfung gibt es eine Lohnerhöhung. In diesem Werk hat-
ten 70% der Arbeiter schon mehrere solcher Prüfungen hinter sich
gebracht (zumeist 3-4). Zugleich ließen die Personalleiter keinen
Zweifel daran, daß "sie sich auf Dauer trennen müßten von den Ar-
beitern, die gar nicht weiter lernen wollten".
An einer weiteren Meßwarte ist als Arbeitselement vorgesehen, was
einen anderen theoretischen Zugriff auf den praktischen Produkti-
onsablauf lernförmig enthält: Die Meßwarte zeichnen nach den Feh-
lerprotokollen und Wertausdrucken Verlaufskurven von typischen
Fehlerverläufen, um im Vergleich die Reaktionen der Materie auf
die unterschiedlichen Eingriffe, die Änderungsprozesse, die Dauer
bis der Prozeß wieder "normal" lief usw. studieren zu können, und
- in Diskussion mit den Ingenieuren - Verallgemeinerungen vorzu-
schlagen, die eine als vorläufige Regel auszusprechende neuartige
und die Prozesse genauer durchschauende Fahrweise erlauben. Das
Lernen beruht hier auf dem Moment, welches menschliches Lernen
von bloßer Dressur unterscheidet, auf der Entwicklung des Anzu-
eignenden.
Die Tatsache, daß die Unternehmer für ihre automatischen Maschi-
nen und Anlagen Facharbeiter der vorhergehenden Produktionsstufe
auf dem Arbeitsmarkt und in ihrem eigenen Betrieb fix und fertig
vorfinden, gibt ihnen die Möglichkeit, die Qualifikationen, die
sie insbesondere für das Von-Hand-Fahren brauchen, voraussetzen
zu können, bzw. für diese Qualifikation keine eigenen Ausbil-
dungspläne zur Erarbeitung vorzuschlagen. Ihr einziges Problem
ist, daß die einzelnen Facharbeiter bei dem Einsatz an automa-
tischgesteuerten Maschinen und Anlagen die Fertigkeit des Von-
Hand-Fahrens verlieren, also Maßnahmen der Auffrischung getroffen
werden müßten. Auf der Seite der Arbeiter drückt sich dieses Ver-
fahren als Beraubung aus. Was sie jahrelang gelernt haben und was
sie für die gesamte Produktion kompetent macht, ist jetzt bloßes
Einsprengsel geworden, wie als ob ein Klavierspieler im Konzert
nur alle halbe Stunde eine Tonleiter spielen sollte. Der Blick
auf den Verlust des Gewohnten verstellt die Aussicht auf den mög-
lichen Gewinn des Ungewohnten. Die Hilflosigkeit beim Umgang mit
den neuen Anforderungen läßt in diesem Arrangement als persönli-
chen Mangel erscheinen, was als Recht auf angemessene Ausbildung
allgemein gefordert werden müßte.
Daß ein Teil ihrer Qualifikationen nur noch selten gebraucht wird
und sie zudem die neuen Anforderungen nicht kennen, macht die Ar-
beiter mißtrauisch; je anerkannter ihr bisheriger Beruf war, de-
sto selbstbewußter treten sie gegen den Einsatz der neuen Anlagen
auf (insbes. z.B. die Werkzeugmacher). Daß die Maschinen einen
Teil der Arbeiter ersetzen, zwingt die Produzenten zusätzlich zum
Widerstand. Dieser Widerstand, der unter den gegebenen Produkti-
onsverhältnissen notwendig ist, wirkt dabei zugleich hemmend auf
die Möglichkeiten, sich das neue umfangreichere Wissen für die
Technologie anzueignen, ein Widerspruch, der nur über gewerk-
schaftliche Kontrolle des Einsatzes von Technologie und die Ge-
währung umfassender Information und Ausbildung gelöst werden
kann, in der Vereinzelung unlösbar ist.
_____
*) Anmerkung der Redaktion: Der vorliegende Aufsatz ist eine Re-
plik von Frigga Haug auf einen Beitrag von Lothar Peter, der in
'Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 2/1979' veröffentlicht
worden war (Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, neue Tech-
nik und Arbeiterbewegung, ebenda, S. 279-299). Da sich der Bei-
trag von Lothar Peter u.a. auch mit von Frigga Haug vertretenen
Positionen kritisch auseinandersetzte, wurde ihr seitens der Re-
daktion die Möglichkeit zur Erwiderung gegeben. Dabei wurde un-
verbindlich der nun auch den vorliegenden Beitrag kennzeichnende
Titelvorschlag gemacht. Es versteht sich von selbst, daß Frigga
Haug hier ungekürzt ihrer Meinung Ausdruck verleiht.
Um die unterschiedlichen Diskussionspositionen für den Leser noch
deutlicher zu machen und ihm ausreichende Grundlagen einer Mei-
nungsbildung zur Verfügung zu stellen, haben wir Lothar Peter ge-
beten, in einer kurzen, auf die wesentlichen Gegensätze bezogenen
Replik auf den Beitrag von Frigga Haug einzugehen. Dieser Beitrag
ist im Anschluß an F. Haugs Aufsatz veröffentlicht.
Die Redaktion 'Marxistische Studien' hofft, daß mit der Veröf-
fentlichung der Kontroverse die Debatte um Qualifikation und wis-
senschaftlich-technischen Fortschritt, einschließlich der darin
eingeschlossenen Grundsatzfragen, neue Impulse erhält.
1) Das Projekt Automation und Qualifikation veröffentlichte bis-
her: eine sekundärstatistische umfangreiche Arbeit zur Ausbrei-
tung von Automation in der BRD mit einem historischen Teil (Das
Argument, Berlin-West/Karlsruhe, Sonderband 7 - AS 7, Automation
in der BRD); eine historische Arbeit zu "Entwicklung der Ar-
beitstätigkeiten und die Methode ihrer Erfassung" (AS 19), die
die Einsichten der Kritischen Psychologie so zu verarbeiten
sucht, daß die bisher in der üblichen Technikgeschichte nur
erahnbare Geschichte der Entwicklung der menschlichen Arbeitstä-
tigkeiten schreibbar wird. Der Band endet mit der Vorstellung des
empirischen Fragebogens, mit dem das Projekt in 68 Betrieben ge-
arbeitet hat; ein dritter Band (AS 31) "Theorien über Automati-
onsarbeit" setzt sich mit vorliegenden Studien über Automation
auseinander, um tragfähige Kategorien für empirische Untersuchun-
gen zu entwickeln. Der Band enthält eine Übersicht über alle bis-
her veröffentlichten Studien zur Automationsarbeit mit Angaben
über die Hauptfragestellungen, den Untersuchungsbereich, den zu-
grunde liegenden technologischen Stand, Zeitpunkt der Untersu-
chung und Geldgeber sowie eine Angabe über die behaupteten Folgen
für die Qualifikation der Produzenten. - Einzelstudien befassen
sich mit der Druckindustrie, der öffentlichen Verwaltung, der
Forschungsförderung, Folgen für die Schulerziehung, der Computer-
anwendung beim Konstruieren; in meinem, im Argument 111 (1978)
veröffentlichten Habilitationsvortrag versuche ich Maßstäbe zu
formulieren für eine marxistische empirische Sozialforschung. In
verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken veröffentlichten wir
mehr als 20 Aufsätze, die im einzelnen aufzuführen hier zu viel
Umfang einnehmen würde. Vgl. dazu die Bibliographie in: Forum
Kritische Psychologie 6, Berlin/West 1980. Zwei empirische Bände
und ein Handbuch für Gewerkschaften sind in Vorbereitung.
2) J.D. Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin/DDR
1961, S. 883.
3) Ebenda.
4) So etwa in der berühmten Studie des Rationalisierungskuratori-
ums der deutschen Wirtschaft, RKW: Wirtschaftliche und soziale
Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik, Frank-
furt/Main 1972.
5) Lothar Peter, Wissenschaftlich-technischer Fortschritt...,
a.a.O.
6) Ebenda, S. 281.
7) Ebenda, S. 282.
8) Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, MEW, Bd. 23, S. 510 ff.
9) Vgl. Darcy Ribeiro, Der zivilisatorische Prozeß, Frank-
furt/Main 1971.
10) Vgl. Argument Sonderband 43, Teil II, viertes Kapitel.
11) Die nachfolgenden Ausführungen sind Auszüge aus dem Kapitel
"Über das neuartige Verhältnis von Theorie und Praxis bei der Au-
tomationsarbeit", aus: Projekt Automation und Qualifikation: Au-
tomationsarbeit. Empirische Untersuchungen, Bd. I, Berlin-West
1980.
12) Zur Psychologie von Fehlverhalten vgl.: B. Nemitz in: F. Haug
(Hrg.), Arbeit und Persönlichkeitsentwicklung, Köln 1980.
13) Inwieweit das Erfahrungswissen der Arbeiter aus langjähriger
Produktionspraxis durch ihre Beteiligung am Anlagenaufbau in die
"soft ware" eingebaut wird - sie so im Wortsinn ihres Könnens
enteignet werden - behandeln wir an anderer Stelle.
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