Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980


       zurück

       

WIDERSPRÜCHE UND KONFLIKTE IM KAPITALISMUS UND SOZIALISMUS

Bericht über ein Seminar des Instituts für Grundprobleme des ------------------------------------------------------------ Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der PVAP und des IMSF -------------------------------------------------------------- Johannes Henrich von Heiseler 1. Historischer Materialismus und bürgerliche Konflikttheorie - 2. Kulturentwicklung und institutionelles Wissenschaftssystem - 3. Interessen und politisches System - 4. Widerspruch und Inter- esse, Spontaneität und Planung im sozialökonomischen Prozeß - 5. Wirtschafts- und Sozialpolitik - Einheit oder Gegensatz - 6. Ar- beiterklasse und Partei im Sozialismus - 7. Bedürfnisse, Lebens- weise und Bewußtsein der Arbeiter. Am 23. und 24. Oktober 1979 fand ein zweites gemeinsames Seminar des Instituts für Grundprobleme des Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (IGML) in Warschau und des IMSF statt. Während bei der ersten Konferenz im Jahre 1978 1) das polnische Institut Gastgeber war, kamen diesmal die polnischen Kollegen als Gäste des IMSF nach Frankfurt am Main. Das Thema dieses Seminars lautete: - Widersprüche und Konflikte im Kapitalismus und Sozialismus - am Beispiel der Bun- desrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen." 2) Augustyn Wajda, stellvertretender Direktor des IGML, und Josef Schleif- stein, Leiter des IMSF, leiteten dieses Seminar gemeinsam. Die Referate waren schon vorher schriftlich ausgetauscht worden, um eine gründliche Diskussion in der kurzen Zeit zu ermöglichen. In der Anlage des Seminars war davon ausgegangen worden, daß die grundlegende sozialökonomische Gegensätzlichkeit und Unterschied- lichkeit von Sozialismus und Kapitalismus auch die verschiedenen Sektoren und Erscheinungsebenen der Gesellschaft prägen. Gleich- wohl trifft für beide Gesellschaftsformationen die universelle Gültigkeit des Widerspruchs als Triebkraft und Motor der Entwick- lung zu. Es machte den besonderen Reiz dieses Seminars aus, daß gewissermaßen parallele Themen gewählt wurden, die jeweils vom Standpunkt der sozialistischen Gesellschaft Polen und des staats- monopolistischen Kapitalismus der BRD abgehandelt wurden. Der Verfasser dieses Berichts gibt Kernaussagen der schriftlich vorgelegten Referate wieder. Er geht nicht auf die Diskussionen ein und verzichtet auch auf ein analytisches Ausloten und Ver- gleichen der vorgetragenen Standpunkte. Er hielt es vielmehr in der folgenden Darstellung vor allem für seine Pflicht, sich eng an die Aussagen der Referenten zu halten und sich eigener Kommen- tare zu enthalten. I. Historischer Materialismus und bürgerliche Konflikttheorie ------------------------------------------------------------- Mit der "Kritik der bürgerlichen Interpretationen der gesell- schaftlichen Gegensätze des realen Sozialismus" beschäftigte sich Mariusz Gulczynski. Zunächst unterschied er verschiedene Formen von Widersprüchen: Nichtidentität von Interessen, Interessendif- ferenziertheit und schließlich Gegensätzlichkeit von Interessen. Nur die letzte Widerspruchsform führt unvermeidlich zu gesell- schaftlichen Konflikten. Da diese letzte Widerspruchsform aber im Sozialismus nicht mehr vorhanden ist, sind gesellschaftliche Kon- flikte im Sozialismus nicht unvermeidlich. Die Übertragung aller Widerspruchsformen auf alle Gesellschaften ist deshalb denkbar unhistorisch. Allerdings bietet die Vermeidbarkeit gesellschaftlicher Konflikte im Sozialismus nicht schon die Garantie dafür, daß gesellschaft- liche Konflikte auch tatsächlich nicht auftreten. Da im Sozialis- mus der wichtigste Regulator bei der Distribution nicht der Markt, sondern der Staat ist, kann es sein, daß einzelne gesell- schaftliche Gruppen, die annehmen, daß ihren Bedürfnissen gerin- ger als denen anderer Rechnung getragen wird, ausgerechnet im so- zialistischen Staat ihren Antagonisten sehen. Hier liegt eine Ur- sache möglicher gesellschaftlicher Konflikte. Der Referent setzte sich mit den bürgerlichen Gesellschaftstheo- rien auseinander, die Leitung und Herrschaft miteinander identi- fizieren. Diese Theorien dienen dazu, im Kapitalismus aus der Ka- pitalherrschaft eine Herrschaft der Manager zu machen, und ande- rerseits soll mit ihnen, was den Sozialismus angeht, aus den öko- nomischen und politischen Leitern eine herrschende Klasse kon- struiert werden. Ein reales Problem für den Sozialismus ist dagegen, so meinte der Referent, die Tatsache , daß es keinen Automatismus gibt, durch den sich alle Leitenden mit der Arbeiterklasse identifizieren. Die Leitenden sind im Sozialismus der Sache nach Mandatare aller im Sozialismus vorhandenen Klassen und Schichten. Daher ergibt sich auch der mögliche Widerspruch, daß sich bei bestimmten Ge- sellschaftsklassen oder -schichten Unzufriedenheit über Be- schlüsse und Schritte der leitenden Zentrale ansammelt. Wichtig ist, ein System der Mechanismen zu schaffen, das in Richtung ei- ner Identifikation der wirtschaftlichen und politischen Leiter mit der Arbeiterklasse wirkt. Einer der wichtigsten dieser Mecha- nismen ist die Rekrutierung der Kader. "Historischer Materialismus und bürgerliche Konflikttheorie" hieß das Thema von Horst Holzer. Holzer setzte sich zunächst mit der bürgerlichen Demokratie-Soziologie auseinander, in welcher der antagonistische Charakter sozialer Konflikte nicht auftaucht. In dieser Form bürgerlicher Ideologie sieht es so aus, als ob die sozialen Konflikte für die herrschende Klasse derart leicht zu handhaben seien, wie sie das - ideologisch und praktisch - gern hätte. Das Referat beschäftigte sich dann mit den kybernetischen Inter- pretationen der Gesellschaft. Die modellartige Abbildung techni- scher Systeme wird mechanizistisch auf die Abbildung gesell- schaftlicher Verhältnisse übertragen. Die gesellschaftliche Qua- lität wird nirgends Gegenstand der kybernetischen Systemtheorie. Ein Maschinenmodell wird als Gesellschaftstheorie angepriesen. Die widersprüchlichen, nach wie vor bei hohem Organisierungsgrad anarchischen Verhältnisse des Imperialismus werden dargestellt als widerspruchsfreie, formallogisch einwandfrei funktionsfähige, von einem politischen Zentrum aus organisierte Regelkreise. Hol- zer wies nach, daß in allen wesentlichen Punkten Luhmann mit den kybernetischen Gesellschaftsinterpreten auf eine Stufe gestellt werden kann, daß also, sieht man von Differenzen in zweitrangigen Fragen ab, die Kritik an den kybernetischen Gesellschaftsmodellen auch auf die Luhmannschen Theorien anwendbar ist. 2. Kulturentwicklung und institutionelles Wissenschaftssystem ------------------------------------------------------------- Über die "Wege der Kulturentwicklung in der sozialistischen Ge- sellschaft" referierte Jerzy Ladyka. Er ging von der These aus, daß Kulturinhalte instrumental, als Mittel, und autonom, als Werte, betrachtet werden können. Instrumentaler und autonomer Charakter sind jedoch niemals absolut einem Kuturinhalt zuzuspre- chen, beide gehen ineinander über. Ladyka beschrieb deutlich, daß eine der ersten Aufgaben der Kul- turpolitik Volkspolens die Schaffung von solchen Bedingungen war, die es breiten Kreisen der Werktätigen ermöglichten, die humani- stischen Werte des nationalen und des allgemeinen Kulturguts zu rezipieren. Diese Aufgabe war untrennbar mit dem allgemeinen Fortschritt auf anderen Lebensgebieten verbunden. Die Fort- schritte im Bildungsbereich sind eine unbezweifelte allgemein- kulturelle Errungenschaft des sozialistischen Aufbaus in Polen. Der Referent legte dazu wichtige Informationen vor. Schließlich verwies Ladyka auf eindrucksvolles Material über die Entwicklung der gesellschaftlich-kulturellen Bewegung: Das Netz der Kultur- und Bildungsstellen, der Bibliotheken, Klubs und Kulturhäuser, die auch in kleinen Orten sowie besonders für Betriebe und Schu- len eingerichtet sind. Diese Einrichtungen werden, wie gezeigt werden konnte, von der Bevölkerung bereitwillig angenommen. "Gesellschaftssystem und Wissenschaftssystem: Zur Dialektik der Wissenschaftsentwicklung in der BRD" lautete der Titel des Bei- trags von Hans Jörg Sandkühler. Er zeigte, daß die sozialökono- misch produktive Funktion der Wissenschaft sowohl Ergebnis als auch Bedingung (was zu wenig beachtet wird) des Übergangs zum So- zialismus ist. Die Wissenschaft ist, so führte er aus, eine Funk- tion des Gesamtsystems der Antagonismen des Kapitalverhältnisses, des Klassenkampfes und der politisch-rechtlichen Strukturen der Gesellschaft. Wissenschaft im Kapitalismus ist daher Widerspiege- lung der Widersprüche des Kapitalismus in Form eines widersprüch- lichen Wissenschaftssystems. Sandkühler sprach in einer provozie- renden Formulierung von der "Entwicklung eins nicht-kapitalisti- schen Wissenschaftssektors im Kapitalismus". Der Referent ging auf die Formen ein, durch die die Wissenschaft dem Zugriff des Kapitals unterworfen wurde und wird. Die Entwick- lung zum Imperialismus und zum staatsmonopolistischen Kapitalis- mus hat auch hier einen Formwandel bedeutsamer Art zur Folge ge- habt. Dennoch bleibt auch dieser Bereich in seinen grundlegenden Zügen anarchisch. In entscheidenden Punkten herrscht Spon- taneität. Eine bewußte proportionale Entwicklung gibt es nicht. Disproportionalitäten lassen sich nachweisen im Verhältnis von Wirtschafts- und Wissenschaftsentwicklung, in der innerwissen- schaftlichen Forschungsplanung und im Bereich von Lehre und Aus- bildung. 3. Interessen und politisches System ------------------------------------ Das Thema von Jan Bluszkowski war - Die Verwirklichung der Inter- essen der Gesellschaft im System der sozialistischen Demokratie". Er betonte, daß nicht nur die jeweiligen Bedürfnisse und die Gü- ter, die ihrer Befriedigung dienen, objektiv gegeben sind. Ebenso ist der Mechanismus, durch den die Güter erzeugt und verteilt werden, vom Produktionspotential der Gesellschaft, den Eigentums- verhältnissen, der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, den Einkom- mensquellen und von der Stellung des jeweiligen Individuums oder der Gruppe in der gesellschaftlichen Struktur abhängig. Daher sind Interessen objektiv determiniert. Der Konflikt von Interessen kann als eine allgemeine Erscheinung angesehen werden, da jeweils nur eine beschränkte Gütermenge bis- her zur Verteilung zur Verfügung war. Der Konflikt von Klassenin- teressen stellt die grundlegende, geschichtlich bedeutsamste Art von Interessenkonflikten zwischen Gruppen dar. In jeder Klassen- gesellschaft können jedoch auch andere Ebenen des Interessenkon- flikts auftreten, so zum Beispiel Interessenkonflikte zwischen Schichten, Berufsgruppen, Nationalitäten und ethnischen Gruppen. Interessenkonflikte, die sich aus der lokalen Gliederung, der de- mographischen Gliederung, der Gliederung nach Generationen oder der Gliederung nach Geschlechtern ergeben. In den Klassengesell- schaften übt jedoch der Interessenkonflikt zwischen den Klassen die Dominanz über die anderen Interessenkonflikte aus. Auf Grund der Beseitigung der Ausbeuterklassen verschwinden im Sozialismus die antagonistischen Interessengegensätze. Die noch bestehenden Klasseninteressen erfahren Veränderungen , die auf eine allmähliche Vereinheitlichung der gesellschaftlichen Lage hinauslaufen. Das betrifft insbesondere das Verhältnis zu den Produktionsmitteln, den Charakter der Arbeit und die Einkom- mensquellen . Auf allen diesen Gebieten spielen sich langwierige, nicht durch einen einmaligen Akt gelöste Prozesse der Vereinheit- lichung ab . Auf der Grundlage der Analyse der Interessen in der sozialistischen Gesellschaft kann man dann auch die Funktions- weise von politischen und gesellschaftlichen Organisationen, die jeweils bestimmte Interessen vertreten, untersuchen. Bluszkowski führte das besonders an Hand der Gewerkschaften und der Selbst- verwaltungsorgane vor. Josef Schleifstein sprach "Zu den Widersprüchen des bürgerlich- parlamentarischen Staates". Er führte unter anderem dazu aus, daß der heutige Staat noch ideeller Gesamtkapitalist in dem Sinne ist, daß er die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse juristisch garantiert und durch staatliche Zwangsmittel sichert. Aber er ist wesentlich Staat des Monopolkapitals. Monopole und Staat vereini- gen sich zu einem widerspruchsvollen Gesamtsystem ökonomischer und politischer Herrschaft, in dem sie ihre relative Selbständig- keit in der wechselseitigen Durchdringung wahren. Die verschie- denen Monopole konkurrieren dabei um den Einfluß auf die staatli- che Politik, um die Richtung der wirtschafts- und finanzpoliti- schen Maßnahmen. Zugleich aber gibt es das einheitliche Interesse des Monopolkapitals an der Systemerhaltung, am Kampf gegen die Arbeiterbewegung im eigenen Lande und auf internationaler Ebene gegen die sozialistischen Staaten. Die hauptsächlichen Widersprüche des bürgerlich-parlamentarischen Staates sind im Antagonismus der Klassen der kapitalistischen Ge- sellschaft begründet. Er erscheint als Widerspruch zwischen Frei- heits-Proklamationen und Herrschafts-Realität, Schleifstein zeigte, in welcher Weise sich dieser Widerspruch heute in der Bundesrepublik entwickelt hat. Dabei wies er nach, daß der angeb- liche Pluralismus des Bonner Parteiensystems allein in der Kon- kurrenz auf dem Felde der effektiveren Verwaltung des "kapitalistischen Staates" besteht; ein Pluralismus allenfalls der Methoden, ein Singularismus im Prinzipiellen. 4. Widerspruch und Interesse, Spontaneität und Planung ------------------------------------------------------ im sozialökonomischen Prozeß ---------------------------- "Zur theoretischen Bedeutung der Kategorien Widerspruch und In- teresse beider Analyse der Entwicklungsprobleme der sozialisti- schen Gesellschaft" sprach Jerzy Drazkiewicz. Im Sozialismus wir- ken objektive Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung. Planmä- ßigkeit und bewußte Leitung der gesellschaftlichen Prozesse schließen die Objektivität der Entwicklungsgesetze nicht aus, sondern stützen sich auf ihre Kenntnis. Faßt man entsprechend der marxistischen Theorie die Entwicklungsgesetze als Dialektik der Widersprüche, dann folgt aus dem objektiven Charakter der Ent- wicklungsgesetze auch die Objektivität von Widersprüchen, die un- abhängig vom Bewußtsein der Menschen entstehen und sich entwic- keln. Die Grundlage der gesamten Gesellschaftsstruktur entsteht im öko- nomischen Prozeß. Die Grundgesetze der Entwicklung betreffen also die in den Produktionsverhältnissen entstehenden Widersprüche. Die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln sind das Grundelement der Produktionsverhältnisse. Die Widersprüche in den Eigentumsverhältnissen entscheiden also über die Entwicklung der ganzen Gesellschaftsstruktur. Die Spezifik der Eigentumsverhält- nisse im Sozialismus beruht auf dem Zusammenhang von Eigentum und Planung. Die grundsätzlichen Widersprüche, die die Entwicklung der ganzen Gesellschaft beeinflussen, realisieren sich im Sozialismus bei den Planungsprozessen, wenn die verschiedenen Gesellschaftsgrup- pen den Plan nach ihren Interessen zu formen suchen. Ungleicher Einfluß im Prozeß der Planformulierung und daraus resultierende ungleiche Möglichkeiten der Befriedigung der verschiedenartigen Bedürfnisse schaffen Interessenwidersprüche in der sozialisti- schen Gesellschaft. Daraus entsteht eine strukturelle Spannung, durch die sich die sozialistische Gesellschaftsstruktur wei- terentwickeln kann. Drazkiewicz ging auf die verschiedenen Lösungsmechanismen ein: Die Auflösung der strukturellen Widersprüche durch die planmäßige Tätigkeit des politischen Machtzentrums und ihre Lösung durch die spontane Tätigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die ihre Interessen verfolgen. "Gesellschaftliche Entwicklung im Sozialismus - Planung und Spon- taneität" hieß das Thema von Zbigniew Sufin. Ununterbrochene, in- tegrale und dynamische gesamtgesellschaftliche Planung ist ein Grundmerkmal des Sozialismus. Es gibt jedoch auch im Sozialismus eine ganze Reihe von Prozessen, die spontanen Charakter haben. Dazu gehören solche Prozesse wie das Verbraucherverhalten, die Migrationen, der Betriebswechsel u.a. Die regelmäßigen empirischen Untersuchungen über die Lebensbedin- gungen und die Bedürfnisse der verschiedenen Klassen und Schich- ten in Polen geben wichtige Grundlagen für den Planungsprozeß ab. Dabei zeigen sich Probleme. So sind in Polen in den letzten Jah- ren der Lebensstandard und die Kaufkraft bei breiten Massen der Bevölkerung sehr rasch und stark angewachsen, aber die Konsumbe- dürfnisse sind im gleichen Zeitraum noch rascher gestiegen. Das eigentliche Problem liegt nun nicht im allgemeinen Produktionszu- wachs, sondern in der Entscheidung über die Struktur der erzeug- ten Güter. Diese Entscheidung kann nicht allein von Technikern und Ökonomen getroffen werden, hier sind Spezialisten der gesell- schaftlichen Planung vonnöten. Schließlich wies Sufin daraufhin, daß gegenwärtig die Analyse der Verwirklichung früherer Pläne das schwächste Glied im Planungs- prozeß ist. Dieses schwächste Glied ist aber auch eines der wich- tigsten. Denn erst die Analyse der Verwirklichung vergangener Pläne erlaubt die Einbeziehung der bisherigen Erfahrungen in die weitere Planung. Erst dadurch wird eine Rückkopplung im Planungs- prozeß möglich. Insgesamt geht es jetzt um die Systemmodellierung von Entwicklungsprozessen, die in ihren Wechselbeziehungen theo- retisch erfaßt werden müssen, um sie in der gesellschaftlichen Planung prognostizieren zu können. Heinz Jung und Klaus Pickshaus behandelten "Spontaneität und Planmäßigkeit als Widerspruch der ökonomischen Entwicklung und des Klassenkampfes". Für Gesellschaften des Privateigentums und des Klassenantagonismus gilt, daß die durch die Menschen geschaf- fenen Dinge und Verhältnisse nicht ihrer bewußten Kontrolle un- terliegen, daß die diese Verhältnisse regulierenden Gesetze hin- ter dem Rücken der Akteure wirksam sind: Die Gesellschaft als Ganzes entwickelt sich in einem naturwüchsigen und spontanen Pro- zeß. Ist so die Spontaneität der eine Pol, in dem die Bewegungsbedin- gungen und Interessen des kapitalistischen Eigentums zum Ausdruck kommen, so besteht der andere darin, daß die Vergesellschaftung der Produktion die Bourgeoisie in immer stärkerem Maße zu Formen der Organisiertheit und Planmäßigkeit zwingt. Diese Organisiert- heit und Planmäßigkeit strebt über das Einzelkapital hinaus. Das bedeutet aber nicht, wie der Reformismus meint, die Aufhebung der Konkurrenz, sondern ihren Formwandel. Monopolistische Konkurrenz, die sich der Mittel höherer Organisiertheit und Planmäßigkeit be- dient, verstärkt am Ende die gesamtgesellschaftlichen Auswirkun- gen der kapitalistischen Anarchie. Es gibt daher keinen stetigen Aufstieg zu immer größerer Organisiertheit und Planmäßigkeit. Von Bedeutung ist allerdings, daß auch für die Bewegung des Klas- senantagonismus neue Bedingungen und Bewegungsformen entstehen. Mit dem Monopolisierungsprozeß wurde der spontane Markt-Preis-Me- chanismus auch für die Ware Arbeitskraft untergraben. Die Mono- pole suchen auch die Bedingungen des Verkaufs und Kaufs der Ar- beitskraft zu monopolisieren. Damit soll die freie Entfaltung des Lohnkonflikts verhindert werden. Der kapitalistische Vergesellschaftungsprozeß hat inzwischen ein Niveau erreicht, das auch zur Sicherung der kapitalistischen Ei- gentumsverhältnisse allgemeine Lösungen, das heißt: staatliche Lösungen erfordert. Auf der anderen Seite wirkt auch die organi- sierte Macht der Gewerkschaften in Richtung auf die Zunahme der staatlichen Regulierung sozialer Konflikte. Die Erfahrungen der letzten Jahre weisen daraufhin, daß sich aus dem neuen Niveau staatsmonopolistischer Regulierung eine Erweiterung der gewerk- schaftlichen Aufgaben ergibt. 5. Wirtschafts-und Sozialpolitik - Einheit oder Gegensatz? ---------------------------------------------------------- Jósef Soldaczuk sprach zum Thema "Gesellschafts- und Wirtschafts- politik - Einheit und Widersprüche". Er zeigte, daß die ökonomi- sche und die gesellschaftspolitische Entwicklung zwei Seiten ei- ner Entwicklung sind, die eng miteinander zusammenhängen, zugleich aber in ihren unterschiedlichen Wirkungsweisen gesondert betrachtet werden müssen. Im Sozialismus stellt sich das so dar: Die wirtschaftliche Entwicklung ist die Voraussetzung für die Entstehung und Erweiterung entsprechender Bedürfnisse. Zugleich schaffen jedoch die gesellschaftspolitische Entwicklung und die tatsächliche Entfaltung der Bedürfnisse bei den Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft die Motivation für die wirtschaftli- che Entwicklung. Die Koppelung wirtschaftspolitischer und gesellschaftspolitischer Entwicklung kann unter bestimmten Voraussetzungen auch Hemmnisse schaffen. So kann sowohl die ungerechtfertigte einseitige Beto- nung nur technischer und wirtschaftlicher Zielsetzungen als auch die ungerechtfertigte Vernachlässigung dieser Zielstellungen zu- gunsten anderer erstrebenswerter gesellschaftlicher Ziele zu ei- nem anderen als dem angestrebten Resultat führen, nämlich in je- dem Falle solcher Einseitigkeit letzten Endes zu einer Einschrän- kung der Möglichkeiten des Wirtschaftswachstums und damit zu ei- ner Einschränkung der Befriedigung der gesellschaftlich schon möglichen und erwachten Bedürfnisse. In der frühen Entwicklungsstufe der sozialistischen Gesellschaft stehen, so referierte Soldaczuk, die Aufgaben der strukturellen Umgestaltung und des Aufbaus der materiellen Basis im Vorder- grund. Wenn diese Grundlagen geschaffen sind, wenn die sogenann- ten extensiven Wachstumsreserven versiegen, beginnt eine neue Entwicklungsphase. Es geht nun stärker um solche Ziele wie die Erhöhung der Produktqualität, um die Entwicklung einer abwechs- lungsreichen Produktionsstruktur, um die Anpassung an höhere, rasch wachsende und differenzierte, raffiniertere Bedürfnisse. Trotz der theoretischen Erkenntnis der Bedeutung der Konsumtion kann sich eine Tendenz zur verhältnismäßigen Überbetonung der In- vestitionen erhalten. Dies ist auf eine ganze Reihe von Faktoren zurückzuführen. Dazu gehören die Sensibilität der zentralen Be- hörden für die strategische Bedeutung zukünftiger Bedürfnisse; dazu gehört die Tatsache, daß Investitionsentscheidungen hohes sachliches und persönliches Prestige vermitteln; dazu gehört auch der Mechanismus, daß die Industrieeinheiten für weitreichende In- vestitionen vornehmlich Mittel aus zentralen Sonderfonds benüt- zen, so daß jede industrielle Einheit ein Interesse an der mög- lichst großen Nutzung von Mitteln aus diesen Sonderfonds für ihre Zielstellungen hat; dazu gehört die Tatsache, daß die lokalen Be- hörden verständlicherweise dazu neigen, die Investitionsansprüche der bei ihnen beheimateten Industrie zu unterstützen. Gesellschaftliche Gerechtigkeit beruht auf der heutigen Entwick- lungsstufe der sozialistischen Gesellschaft auf dem Neben- und Ineinander von vier Prinzipien: Dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel, dem Prinzip der Chancengleichheit, dem Leistungsprinzip und dem Prinzip aktiver, ausgleichender Einkom- menspolitik. Vorwärtstreibend wirkt der teilweise Widerspruch zwischen den beiden letztgenannten Prinzipien. Die jeweilige Lö- sung dieses Widerspruchs ermöglicht erst sowohl die Steigerung der Produktivität der Arbeit als auch die allgemeine Befriedigung gesellschaftlich erwachsener Bedürfnisse. Jörg Goldberg und Klaus Priester hatten einen Beitrag zum Thema "Wirtschafts- und Sozialpolitik als Momente des Klassenkampfes und der staatsmonopolistischen Regulierung" ausgearbeitet. Von einer staatlichen Programmierung der Wirtschaftsentwicklung kann, so zeigten sie, auch im staatsmonopolistischen Kapitalismus keine Rede sein. Die Wirtschaftspolitik reagiert jeweils auf ökonomi- sche Grunddaten und deren Veränderung. Dabei zeigt sich in der letzten Zeit eine Verlagerung von direkten Steuerungsformen mit Hilfe der Staatsausgaben zu Formen der indirekten Ankurbelung der Wirtschaft auf dem Wege der Profitstimulierung. Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik sind eng miteinander verflochten; dieses Wech- selverhältnis und die einzelnen Schnittflächen wurden im einzel- nen untersucht, besonders hinsichtlich der Verteilungsverhält- nisse, der Finanzierung und der ideologischen Legitimation. Zu aktuellen Tendenzen wurde im Referat erklärt: Die Tendenz zur Vergesellschaftung unter kapitalistischen Bedingungen erfordert unter anderem den Ausbau des Systems der sozialen Sicherung. Dem widerspricht das Ziel der Wirtschaftspolitik, die Verteilungsver- hältnisse unangetastet zu lassen. Die Lösung dieses Widerspruchs im Sinne der herrschenden Klasse ist die Umstrukturierung der öf- fentlichen Ausgaben zuungunsten der Sozialpolitik. Diese Politik setzt sich der Gefahr einer Verschlechterung des sozialökonomi- schen Klimas aus, muß jedoch nicht notwendig zu aktuellen Kon- flikten, zu einem Aufschwung der Klassenkämpfe führen. Dabei wird die Einschränkung sozialer Leistungen durch die staatliche Sozi- alpolitik als Haupttendenz gekoppelt mit teilweisen Zugeständnis- sen, mit der Entwicklung von Konkurrenz in der Arbeiterklasse und mit sozialer Demagogie. 6. Arbeiterklasse und Partei im Sozialismus ------------------------------------------- Über "Die Arbeiterklasse und ihre Partei als Grundfaktoren der Integration der sozialistischen Gesellschaft und der Überwindung von Konflikten und Widersprüchen" sprach Augustyn Wajda. Die so- zialistische Gesellschaftsordnung, betonte Wajda, ist ihrem Wesen nach sowohl Voraussetzung wie Ergebnis der Integration der Grund- klassen und Schichten der Nation. Der Prozeß der Herausbildung der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Integration ist jedoch nicht die Folge der automatischen Wirkung objektiver Gesetze des Sozialismus. Ein entscheidender Faktor in diesem Prozeß ist viel- mehr gerade die marxistisch-leninistische Partei. Das Programm der PVAP stützt sich dabei einerseits auf die Errun- genschaften der Vergangenheit, vor allem den tiefgreifenden Umbau der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Re- konstruktion und Modernisierung der Wirtschaft und die Verände- rung des Bewußtseins der Nation. Andererseits stützt sich das Programm auf eine komplexe Vorstellung der künftigen Gestalt Po- lens. Wajda beschäftigte sich mit der theoretischen Analyse der Kon- flikte, die in der sozialistischen Gesellschaft Polens ausgetra- gen worden sind. Die Hauptursache solcher Konflikte liegt in man- gelnder Synchronisierung der laufenden Ziele mit den perspektivi- schen Zielen des Sozialismus. In der Empfindung der Massen werden die perspektivischen Ziele daran gemessen, wie die aktuellen Be- dürfnisse befriedigt werden. Geschieht dies ungenügend, so werden die perspektivischen Ziele für die Werktätigen abstrakt und folg- lich unverständlich. Das hat sich historisch mehrfach bestätigt. Daraus geht jedoch keineswegs hervor, daß sich im Programm und der gesellschaftlichen Praxis der Partei lediglich die laufenden Erwartungen und die aktuellen Bedürfnisse der Werktätigen wider- spiegeln sollen. Im Gegenteil, Ausgangspunkt und wesentliches Kriterium für Programmatik und gesellschaftliche Praxis der Par- tei muß stets das historische Interesse der Arbeiterklasse sein. Die Partei muß sich daher manchmal durchaus momentanen und parti- kulären Interessen von Gruppen der Werktätigen widersetzen. Das Problem besteht in der Vermittlung der aktuellen Bedürfnislage zu den historischen Interessen der Klasse. 7. Bedürfnisse, Lebensweise und Bewußtsein der Arbeiter ------------------------------------------------------- André Leisewitz sprach über "Widersprüche und Differenzierungen in der Existenzweise der Arbeiterklasse als Grundlage von Wider- sprüchen in ihrem Bewußtsein". Die Einheitlichkeit in den grund- legenden Interessen der Klasse wird gerade von Marxisten immer wieder betont; sie bildet sich aber erst in der Auseinanderset- zung mit dem Kapital heraus. Als Produkt und Bestandteil des Ka- pitalverhältnisses bleibt die Arbeiterklasse aber den Widersprü- chen unterworfen, die der Kapitalbewegung entspringen. Ihre in- nere Struktur und ihre Gliederung nach einzelnen Abteilungen wer- den vom konkreten Gang der kapitalistischen Akkumulation be- stimmt. Die innere Gliederung ist Moment der widersprüchlichen Kapitalbewegung selbst. Das läßt sich zeigen an der Verteilung der Arbeiterklasse auf die verschiedenen Sektoren und Wirtschaftsabteilungen sowie auf die unterschiedlichen Betriebsgrößen, an ihrer Gliederung nach ar- beitsrechtlichen Gruppen, nach Qualifikation und Arbeitstätig- keit, nach Hierarchie- und Funktionsbeziehungen, an ihrer Struk- tur unter regionalen Gesichtspunkten und solchen der Rekrutie- rungsform sowie an ihrer Gliederung in Erwerbstätige und ver- schiedene Gruppen von Erwerbs- und Arbeitslosen. Man kann zeigen, daß sich aus diesen vielfältigen Differenzierungen in der Arbei- terklasse Widersprüche und Gegensätze auch im Bewußtsein heraus- bilden. Genauer müssen wir noch untersuchen, w i e dies ge- schieht, um so auch an die Triebkräfte heranzukommen, die zur Herausarbeitung der gemeinsamen Interessen der Klasse führen. Eberhard Dähne und Johannes Henrich von Heiseler beschäftigten sich mit dem Thema "Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigung. Pro- bleme der Reproduktion der Arbeitskraft". Die rasche Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus schafft fortschreitend objek- tive Grundlagen und Elemente für das Entstehen neuer, höherer Be- dürfnisse als Massenbedürfnisse. Was früher Luxus war, wird ob- jektiv zum notwendigen Bedürfnis. Zugleich wird die alte Teilung zwischen dem Luxus eines Teils der Gesellschaft und der Reduktion auf das bloß Notwendige für die ungeheure Mehrzahl auf neuem Ni- veau reproduziert. Der widersprüchliche Prozeß der Bedürfnisent- wicklung in der kapitalistischen Klassengesellschaft bildet ei- nerseits die "materiellen Elemente für die Entwicklung der rei- chen Individualität" (Marx) heraus, andererseits werden gerade heute die Massenbedürfnisse auf den gegenwärtigen gesellschaftli- chen Maßstab "notwendiger" Bedürfnisse beschränkt. Bei steigendem Niveau wird der Abstand der gesellschaftlichen Pole größer. Zahlen aus verschiedenen Bereichen sowohl der individuellen wie der kollektiven Konsumtion unterstreichen die Widersprüchlichkeit dieser Entwicklung. Sie verläuft in einzelnen Gruppen der Arbei- terklasse sehr unterschiedlich. Am schwersten wiegt, daß bei ei- nigen Gruppen von einer Auszehrung des Arbeitsvermögens gespro- chen werden muß. Über "Die Gestaltung der sozialistischen Lebensweise und die Ent- wicklung der Persönlichkeit" sprach Tadeusz Jaroszewski. Der So- zialismus, so führte er aus, schafft neue Möglichkeiten für die Selbstverwirklichung des Menschen in allen Bereichen seines per- sönlichen Lebens. Grundlage dafür ist die Entwicklung der sozia- listischen Wirtschaft, auf die der Referent zunächst unter diesem besonderen Aspekt einging. Sie stellt jedoch nicht das Ziel für sich dar, sondern ist dem Hauptziel untergeordnet, der allseiti- gen Befriedigung der jeweils entwickelten materiellen und geisti- gen Bedürfnisse des Menschen, der Schaffung der Voraussetzungen für die allseitige und harmonische Entfaltung der Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft. Jaroszewski wies auf eine Reihe bedeutsamer Aspekte bei der Ver- änderung der Lebensweise hin. Die Entwicklung der sozialistischen Produktionsweise führt zusammen mit der Entwicklung von Wissen- schaft und Technik und den damit verbundenen Veränderungen der Arbeitsorganisation und der zwischenmenschlichen Beziehungen im Unternehmen zu einer Veränderung des Charakters der Arbeit. Empi- rische Studien erweisen, daß die Beteiligung an der Produktions- leitung und an verschiedenen gesellschaftlichen Initiativen zu- nimmt. Darin äußert sich ein Wandel des Verhältnisses zur Arbeit. Die gesellschaftliche und politische Tätigkeit der Werktätigen nimmt überhaupt in vielfachen Formen zu. Auch die Tendenz, Wissen zu erlangen und zu vertiefen, verstärkt sich. Schließlich wachsen auch die kulturellen Bedürfnisse, wie sich etwa an ihrem Anteil am Familienbudget zeigen läßt. Entsprechend der dritten Feuer- bach-These löst sich die Frage nach der Abhängigkeit zwischen der Entwicklung der objektiven Bedingungen und der Entwicklung des Menschen auf in die Dialektik der zwei Seiten der revolutionären Praxis. Harald Werner untersuchte "Widersprüche im Arbeiterbewußtsein - zwischen Integration und Klassenkampf". Widersprüche des Arbei- terbewußtseins sind in den vergangenen Jahren oft empirisch be- schrieben worden. In der wissenschaftlichen Diskussion wurde aber oft übersehen, daß die Ursache dieser Widersprüchlichkeit in der Natur der kapitalistischen Gesellschaft selbst begründet ist. In der konkreten Erfahrung erleben die Arbeiter immer wieder den Wi- derspruch von individuellem Ziel und gesellschaftlichem Resultat. Dieser Gegensatz gewinnt den Schein des Natürlichen. Hier setzt dann die bürgerliche Ideologie an und pfropft dem alltäglich er- fahrbaren Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft ihre ideologische Rechtfertigung auf. Werner untersuchte dann die Widersprüche zwischen verschiedenen Bewußtseinsarten, die besonders deutlich im Widerspruch zwischen ökonomischem und politischem Bewußtsein hervortreten, aber auch die Widersprüche innerhalb einer Bewußtseinsart, wie etwa die gleichzeitige Zustimmung zu Forderungen nach Investitionskon- trolle und zu sozialpartnerschaftlichen Aussagen. Erst in der Tätigkeit der Individuen, in der zielgerichteten Handlung erweisen die alten Bewußtseinsstrukturen ihre Untaug- lichkeit. Entwicklung des Bewußtseins ist daher auch begründet auf der Entwicklung der Bedürfnisse. Hieraus ergibt sich einer- seits, was oft genug hervorgehoben wird, die Bedeutung des wis- senschaftlichen Sozialismus, der das dumpfe Empfinden in ge- dankliche Klarheit zu verwandeln vermag und Handlungsperspektiven liefern kann. Es darf aber nicht übersehen werden, daß der kon- krete Prozeß kompliziert und dramatisch verläuft: Vom Erkennen der Widersprüche über die Aneignung neuer Bedeutungen bis zur Entwicklung neuer Motive. Die konkrete Situation in der Bundesre- publik ist durch Faktoren gekennzeichnet, die den Prozeß zwar ei- nerseits in der geschilderten Form vorantreiben, andererseits aber das Verharren auf einer Stufe latenter Unzufriedenheit be- günstigen. *** Ein den Inhalt betreffendes Resümee der Tagung kann kaum gezogen werden. Für die Teilnehmer selbst ergab sich eine Fülle konkreter Informationen. In vielen Fragen deuteten sich theoretische Berüh- rungspunkte an. Dies betraf auch methodologische Ansätze zur Ana- lyse einzelner Prozesse. Für Teilnehmer aus der BRD - die 'andere' Seite müßte für sich sprechen - war an den polnischen Beiträgen vor allem die nüchtern-realistische Sichtweise der Ent- wicklungsprobleme der eigenen Gesellschaft überzeugend - spricht dies doch vor allem davon, in welchem Grad die Prozesse der so- zialistischen Gesellschaft tatsächlich der wissenschaftlichen Einsicht und Planbarkeit unterliegen. Es ist dies aber auch eine Sichtweise des realen Sozialismus, die sich Marxisten in der BRD anzueignen bemühen sollten, ist dies doch eine wichtige Voraus- setzung, um auch dem Normalbürger der BRD den Sozialismus als ein Gesellschaftssystem nahebringen zu können, das den historischen Fortschritt der Epoche verkörpert. Wichtig war aber auch, daß die Ungleichzeitigkeit der auf der Welt gegenwärtig neben- und gegeneinander existierenden Gesell- schaftssysteme deutlich wurde, gerade wenn man in allen Bereichen der Funktion der für die marxistische Analyse zentralen Katego- rien "Konflikt" und "Widerspruch" nachging. Dies macht die Zusam- menarbeit und Diskussion marxistischer Gesellschaftswissenschaft- ler aus sozialistischen und kapitalistischen Ländern interessant und anregend. _____ 1) Dieses Seminar hatte - Die Arbeiterklasse in der BRD und in der VR Polen "zum Gegenstand. Vgl. Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 1/1978, S. 373; sowie den Bericht in: Marxistische Blät- ter, Nr. 6/1978, S. 91 ff. 2) Festzuhalten für diese Tagung ist auch das interessierte Echo in der fortschrittlichen Presse der BRD (vgl. u.a. 'Ein Dialog zwischen marxistischen Wissenschaftlern aus zwei Ländern', in UZ vom 31.10.1979). Man hat dort zutreffend den Modellcharakter die- ser Veranstaltung hervorgehoben, der - abgesehen von der Thematik - darin zum Ausdruck kommt, daß es sich um eine zweiseitig ge- plante, vorbereitete und durchgeführte Tagung auf dem Boden der BRD handelte. Das IMSF sieht sich ermutigt, in Zukunft ähnliche Diskussions- und Arbeitszusammenhänge zu organisieren. (Vgl. auch den Bericht in: Marxistische Blätter, Nr. 1/1980, S. 85 ff.) Die Referate dieser Tagung sind inzwischen als IMSF-Publikation, und zwar unter dem Tagungstitel als Nr. 10 der Reihe "Arbeitsmaterialien des IMSF", erschienen. zurück