Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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DIE BRÜDER ERMEN IN MANCHESTER
Biographische Anmerkungen zu Friedrich Engels' Geschäftspartnern
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Michael Knieriem
Anläßlich des 150. Geburtstages von Friedrich Engels fand vom
25.-29. Mai 1970 eine Internationale wissenschaftliche Konferenz
in Wuppertal statt. 1)
Zu Beginn der zweiten Session dieser Konferenz, deren Thema
"Engels als Geschäftsmann und Wirtschaftswissenschaftler"
lautete, beschäftigte sich W.O. Henderson in seinem Vortrag mit
Engels' Aufenthalt in Manchester. 2) Während der sich
anschließenden Diskussion sprach Heinrich Gemkow, Berlin (DDR),
die Hoffnung aus, daß die vielen Geschäftsbriefe, die Engels als
Angestellter oder Associé geschrieben hatte, in Europa und
Übersee noch aufzufinden wären, und rief daher zu verstärkten
Nachforschungen auf. Gemkow richtete dann seine Aufmerksamkeit
auf die Persönlichkeit Gottfried Ermens und stellte fest, daß
Ermen kein angenehmer Geschäftspartner gewesen sein müsse. 3)
Tatsächlich ist bisher nur eine gründliche Arbeit veröffentlicht
worden, die sich speziell mit der Firma "Ermen & Engels" beschäf-
tigt hat. 4) Dem Verfasser ist bisher weder eine Untersuchung be-
kannt geworden, in der Geschäftsbriefe von Engels' Hand publi-
ziert worden wären, geschweige denn eine biographische Untersu-
chung über den Personenkreis der Gebrüder Ermen. In seiner Studie
blieb Henderson bezüglich der biographischen Daten zu den Gebrü-
dern Ermen auf eine Arbeit des Kapitäns der britischen Kriegsma-
rine Antony C.G. Ermen, einem direkten Nachkommen eines der Teil-
haber der Firma "Ermen & Engels", angewiesen. 5)
Die Tatsache, daß Friedrich Engels mehr als zwanzig Jahre mit den
Gebrüdern Ermen nolens volens auf das engste verbunden war, mag
es gerechtfertigt erscheinen lassen, sich mit dieser Familie et-
was näher auseinanderzusetzen, obwohl das hier vorgelegte Mate-
rial keineswegs ausreicht, biographische Angaben im Hinblick auf
die Herausgabe der MEGA ² so vollständig wie möglich bereitstel-
len zu können. Wenn hier einige Mosaiksteine geboten werden und
diese Anlaß für weiterführende Forschungen geben könnten, so wäre
der Zweck dieser Miszellen erfüllt.
Friedrich Engels hielt sich insgesamt viermal für einen mehr oder
weniger lang dauernden Zeitraum in Manchester auf: das erste Mal
im Juli des Jahres 1838 - also noch vor Beginn seiner Bremer
Lehrzeit - in Begleitung seines Vaters. Hier wurde er vermutlich
Zeuge der vertraglich geregelten Umbenennung der Firma - Peter
Ermen & Co." in - Ermen & Engels". 6)
Das zweite Mal reiste Engels zusammen mit seinem ehemaligen
Schulkameraden Karl August Erbslöh 7) über Köln, Ostende und Lon-
don nach Manchester, um dort seine kaufmännische Ausbildung in
der Baumwollspinnerei "Ermen & Engels" abzuschließen. Gleichzei-
tig hatte er die Interessen seines Vaters dort zu vertreten so,
wie umgekehrt Anton Ermen die Belange seines älteren Bruders Pe-
ter in der Spinnerei - Ermen & Engels" in Engelskirchen wahrzu-
nehmen hatte. 8) Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Kauf-
manns und Journalisten war das erste Zusammentreffen mit Karl
Marx am 16. November 1842 in Köln. 9)
Am 19. November wurden Engels und Erbslöh von den Londoner Hafen-
behörden registriert. 10) Es kann als ziemlich sicher gelten, daß
Engels sich noch einige Tage in London aufhielt, bevor er Anfang
Dezember seine Tätigkeit auf dem Kontor der väterlichen Firma in
Manchester aufnahm. 11)
Es ist erstaunlich zu sehen, wie rasch es Friedrich Engels ge-
lang, sich mit den englischen Verhältnissen vertraut zu machen,
und wie schnell er in der Lage war, sich in die zeitgemäßen Fra-
gestellungen einzudenken. Seine dritte "englische" Korrespondenz
für die "Rheinische Zeitung" bezieht sich teilweise schon sehr
konkret auf die Vorgänge in Manchester. 12) Vermutlich durch sei-
nen Vater, oder aber durch dessen Partner Peter Ermen, war Engels
über den Versuch der englischen Arbeiter, im August 1842 in Lan-
cashire und Yorkshire einen Generalstreik durchzuführen, beson-
ders gut unterrichtet. Hatte doch die Firma "Ermen & Engels" sich
im "Manchester Guardian" vom 27. August 1842 sogar für die Hilfe
der Polizei zum Schutz ihres Eigentums während der Unruhen durch
eine Anzeige öffentlich bedankt. 13)
In der zweiten Hälfte des Monats August verläßt Engels Manchester
und reist über Paris und Aachen nach Barmen zurück. 14) Etwa vom
23. August bis zum 2. September besucht er Karl Marx für die
Dauer von zehn Tagen in Paris. Während dieser Zeit stellt sich
ihre "Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten" heraus.
15)
Nach einem höchst unerquicklichen und spannungsgeladenen Inter-
mezzo in Barmen und Engelskirchen übersiedelt Engels Mitte April
1845 endgültig nach Brüssel. 16) Die häusliche Atmosphäre war zum
Zerreißen gespannt gewesen. Möglicherweise hatte der Vater auch
die erste gemeinsame Arbeit von Marx und Engels in einer der
Buchhandlungen des Wuppertals entdeckt. 17) Immerhin gelingt es
Engels hier in Barmen, sein bedeutendstes Jugendwerk "Die Lage
der arbeitenden Klasse in England" abzuschließen. 18) Gleich-
zeitig organisiert er zusammen mit Moses Hess und Gustav Adolph
Köttgen in Elberfeld Versammlungen, auf denen zum ersten Mal in
Deutschland kommunistisches Gedankengut - wenn auch noch weit-
gehend an frühsozialistischen Utopien jener Zeit orientiert -
einem größeren Publikum propagiert wird. 19) Darüber hinaus mag
die Tatsache, daß Engels nun doch nicht an der Bonner Universität
wegen des Zerwürfnisses mit dem Vater studieren konnte, seinen
Beschluß zur Übersiedlung nach Brüssel bestärkt haben. 20)
In Brüssel begannen Marx und Engels gemeinsam mit der Erarbeitung
des historischen und dialektischen Materialismus. Hier stellte
sich ein unüberwindbarer Gegensatz zu ihren bisherigen philoso-
phischen Weggefährten heraus, der sich in der "Deutschen Ideolo-
gie" niederschlug. 21)
Die dritte - nur kurze - Reise nach Manchester im Sommer 1845
traten Marx und Engels gemeinsam an, um in der Chetham-Bibliothek
dieser Stadt zu arbeiten und neue Kontakte zu knüpfen. 22) Dieser
Aufenthalt in Manchester bedeutet für Engels insofern eine Aus-
nahme, als er keinen geschäftlichen Zielen dient. Auf der Rück-
fahrt nach Brüssel wird Engels von seiner Lebensgefährtin Mary
Burns begleitet. 23)
Nach dem Scheitern der Revolution 1849 gelingt es dem steckbrief-
lich gesuchten Engels, von der Schweiz über Genua mit dem engli-
schen Segler "Cornish Diamond" nach England zu entkommen. Seine
Ankunft in London ist unter dem 12. November 1849 registriert.
24) Warum Engels nicht in London und damit nicht in der Nähe von
Karl Marx blieb, erscheint zunächst schwer verständlich. Aber
London war gerade in dieser Zeit mit deutschsprachigen Flüchtlin-
gen überfüllt, so daß seine Hoffnungen, einen einigermaßen gut
dotierten Posten zu erhalten, sich zerschlagen mußten. So war er
gezwungen, in den sauren Apfel zu beißen und eine zunächst
schlecht bezahlte Stellung bei "Ermen & Engels " anzunehmen. Die-
ser vierte und bei weitem längste Aufenthalt in Manchester sollte
ihn hier für die Dauer von fast zwanzig Jahren festhalten, bis er
dem - doux commerce" im Jahre 1869 für immer "Lebewohl" sagen
konnte. 25)
Weiter oben habe ich die Arbeit des Kapitäns Antony C.G. Ermen
bereits erwähnt, aus der W.O. Henderson zitiert. 26) Es kann je-
doch kein Zweifel daran bestehen, daß Antony Ermen noch über Ori-
ginalbriefe aus der Frühzeit der Firma "Ermen & Engels" verfügte,
aus denen er Material hatte schöpfen können. Es zeigt sich
jedoch, daß Ermen mit der Herausgabe seines Maschinenskriptes ei-
nige Verwirrung durch Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten stif-
tete, die Henderson dann mangels geeigneter Quellen bzw. Litera-
tur übernahm. Hinzu kam, daß Ermen - wie er übrigens selbst ein-
räumt - sich außerstande sah, die in deutscher Sprache abgefaßten
Briefe korrekt zu lesen und zu übersetzen. Nicht uninteressant
ist der krampfhafte Versuch Ermens, die Familie selbst wie auch
die Herkunft der Frauen allein auf die Niederlande bzw. auf Eng-
land beschränkt zu sehen. So sollen hier zunächst einmal die ge-
sicherten Namen und Daten derjenigen Familienmitglieder der Fami-
lie Ermen folgen, die einen unmittelbaren Bezug entweder zur
Firma "Ermen & Co.", - Ermen & Engels" oder "Ernten & Roby" hat-
ten. 27)
Ich lasse hier ein genealogisches Schema folgen, das durch zu-
sätzliche Angaben von Antony Ermen bzw. von Friedrich Engels an-
gereichert wurde: 28)
(1) Gottfried Ermen
* Bergeyk 13. November 1765
+ Hachenburg 24. Juli 1814
erwirbt am 6. Oktober 1803 das
Bürgerrecht in's-Hertogenbosch.
Seit 1810 Bürger und Gastwirt in
Hachenburg. 29
oo Hachenburg 13. April 1796
Johannetta Philippine Bertram
* Hachenburg 1. Mai 1773
+ Hachenburg 28. April 1842
(4 Kinder - 2.1. - 2.4. - von insgesamt 8)
2.1. Francis Bernhard Ermen
* Bergeyk 20. Juli 1798
+ Wiesbaden 1865 [?]
Schenkwirt zu Hachenburg, später
angeblich Hotelbesitzer zu Wiesbaden.
oo Hachenburg 20. Oktober 1825
Auguste Elisabeth Bohle
* Hachenburg 14. Dezember 1806
+ [?] (2 Kinder - 3.1.1. - 3.1.2. - von insgesamt 7)
3.1.1. Heinrich Eduard Ermen
* Hachenburg 26. Juni 1833
+ 1913
oo [?] Friederika Schwabe
Im Jahre 1850 überträgt ihm dessen
Onkel Gottfried (2.4.) eine Unter-
nehmensbeteiligung an der Firma
"Ermen & Engels"; seit 1875 Partner.
(mehrere Kinder)
3.1.2. Franz Julius Ermen
* Hachenburg 1. November 1840
+ [?]
oo [?] Johanna Ermen
* Alsbach/Bz. Köln 31. Dezember 1848
Kam nach Manchester, im Jahre 1859
überträgt ihm sein Onkel Gottfried (2.4.)
eine Beteiligung an der Firma "Ermen &
Engels"; seit 1875 Partner. Er scheidet
1896 aus der Firma aus. Verkauft zusammen
mit seinem Vetter Francis J. Gottfried
Ermen (3.2.2.) das Unternehmen 1899
an die "English Sewing Cotton & Co."
2.2. Peter Albertus Ermen
* Bergeyk 29. Juni 1800
+ Dawlish, Devonshire 1889
Kam zusammen mit seinem Vater etwa 1810
nach Hachenburg, ging 1820 nach Manchester;
gründete 1826 eine Baumwollspinnerei in
Blackfriars, eine solche 1837 zusammen mit
Friedrich Engels sen. in Manchester,
zog sich Anfang 1852 vom Geschäft zurück,
(mehrere Kinder, darunter 3.2.1. u. 3.2.2.)
3.2.1. Mary Ann Mathilde Ermen
* [?] + [?]
oo John Henry Roby B. A.
* 1830 + 1915
Lektor für klassische Philologie.
Seit 1869 Tätigkeit in der Firma
"Ermen & Engels", seit 1874 in der
Firma "Ermen & Roby".
3.2.2. Francis J. Gottfried Ermen
* 1849 + Bath, Somerset 1925
Dessen Onkel Gottfried (2.4.) überträgt
ihm 1867 eine Unternehmensbeteiligung an
der Firma "Ermen & Engels"; seit 1875
Partner. Verkauft zusammen mit seinem Vetter
Franz Julius Ermen (3.1.2.) das Unternehmen
1899 an die "English Sewing Cotton & Co.",
seit 1898 Friedensrichter in Eccles.
2.3. Gottfried Anton Ermen
* 's-Hertogenbosch 12. Februar 1807
+ Barton upon Irwell, Eccles 1886
Kam 1830 nach Manchester, lebte seit
1841 in Braunswerth [Engelskirchen],
trat 1874 aus dem Unternehmen aus.
oo [?] ca. 1836
Johanna Emilie Julie Sartorius
* Köln [?]
2.4. Peter Jakob Gottfried Ermen
* Hachenburg 6. Oktober 1811
+ Dawlish/Devonshire 20.9.1899
ledig
Kam 1830 durch Vermittlung seines älteren
Bruders Peter Albert Ermen (2.2.) nach
Manchester, übernahm 1851 von diesem die
Leitung der Firma Ermen & Engels in Manchester,
trat 1877 aus dem Unternehmen aus. Er vermachte
dem Armenhaus seiner Vaterstadt Hachenburg eine
beträchtliche Summe.
Ein Brief von Peter Albert Ermen (2.2.), wenige Tage nach seiner
Ankunft in Manchester geschrieben, soll hier im Anhang abgedruckt
werden. 30) Peter Albert war also nicht, wie später behauptet
wurde, erst im Jahre 1825 nach England gekommen, sondern bereits
1820. Der Brief an seine Mutter wirft ein deutliches Licht auf
die Verhältnisse in jener Zeit in England, andererseits aber auch
auf den Briefschreiber selbst. Bemerkenswert erscheint Ermen of-
fensichtlich ein gut organisiertes Verkehrswesen, das er auf dem
Kontinent gewiß nicht vorfinden konnte. Es scheint Stolz mitzu-
schwingen, wenn er schreibt: "... während welcher Zeit ich nur
ein einziges Mal eine kleine halbe Stunde Zeit, etwas zu genie-
ßen, hatte", Stolz über die eigene physische Leistung und nicht
etwa Bedauern über die verlorene Beschaulichkeit. Obwohl er schon
drei Tage in der Stadt weilt, kennt er eigentlich nur seine Wohn-
und Arbeitsstätte. Das Innere der Stadt mit seinen Prachtbauten
als auch den großartigen technischen Neuerungen finden nicht sein
unmittelbares Interesse. Als "schön" empfindet er an Manchester
all diejenigen Einrichtungen, die mit denen der Niederlande iden-
tisch sind: die Architektur und Möblierung der Häuser, aber auch
die Heidelandschaft.
Ermen war mit dem festen Vorsatz nach England gekommen, hier
"Geld zu machen".
Sein pragmatisches Denken läßt nur eine blutleere Beschreibung
der dortigen Verhältnisse zu. Wie anders hatte sich der junge En-
gels nach seinem ersten Englandbesuch achtzehn Jahre später geäu-
ßert! Selbst Peters eigener Bruder Gottfried Anton beklagt sich
in einem Brief über dessen - Sklavenhaltermethoden" 31), die ihm
keine Zeit ließen, neben seiner Arbeit die "angenehmen Seiten des
Lebens" wahrzunehmen.
Anhang:
-------
Manchester 28. April 1820
Vielgeliebte Mutterl!
Meinen Brief aus London vom 23. oder 24. dieses schätze ich in
Deinem Besitz und komme daher auf darin behandelte Gegenstände
nicht ferner zurück, doch will ich zum Überfluß meine Adresse am
Fuße dieses noch einmal bemerken.
Seit Donnerstagabend bin ich nun hieran Ort und Stelle, recht
müde zwar, denn ich fuhr mit der Mail oder Briefkutsche in 22
Stunden 184 englische Meilen, während welcher Zeit ich nur ein
einziges Mal eine kleine halbe Stunde Zeit, etwas zu genießen,
hatte, kam ich an und habe mich bei meinem Prinzipal Herrn Shen-
ton 32) eingemietet, bei dem ich auch esse und trinke. Soviel ich
diesen Mann nach unserem dreitägigen Bekanntsein zu beurteilen
imstande bin, scheint er mir äußerst brav und gut, er ist dabei
ganz anspruchslos, und er geht mit mir nicht wie mit einem Unter-
gebenen, sondern wie mit einem Kollegen um. Dieses tut einem in
einem so ganz fremden Lande sehr gut, und ich glaube, wenig Zeit
nötig zu haben, um mich ganz heimisch zu fühlen, Herr Troost 33)
ist ebenfalls sehr freundschaftlich, und ich komme erst eben mit
ihm und Shenton von einer Spaziertour zurück, nachdem ich diesen
Mittag bei ihm speiste. - Weil ich nicht in Manchester selbst,
sondern der gesünderen und angenehmeren Lage wegen eine halbe
Stunde davon auf dem Lande wohne, so kenne ich das Innere der
Stadt noch nicht ganz, doch glaube ich, gleicht dasselbe ganz dem
schon gesehenen Teil und alsdann kann ich es weder sehr schön
noch häßlich nennen. Die Häuser sind wie in Holland von roten
Backsteinen erbaut, und ist die Form verschieden, auch fehlt
ihnen das freundliche Rot jener, weil der durch die vielen
Spinnereien, Fabriken und Färbereien erzeugte Kohlenstoff die
Häuser schwärzt und keinen Anstrich zuläßt. Die Straßen sind
übrigens meistens ziemlich breit und licht. Die Lage von
Manchester gefällt mir gut, die Gegend umher ist eine nur von
Heide unterbrochene Ebene von dem Fluß Irwell durchschnitten,
Einwohner zählt man hier 156 000. Die Mobiliare der Häuser finde
ich mit denen in Holland übereinstimmend; in den Gängen sowohl
als auf den Treppen und in allen Stuben Teppiche, alle Möbel, als
Stühle, Tische, Betten, Kommoden sind von Mahagoniholz und schön
gearbeitet. So schön ich dies alles finde, so sehr mißfällt mir
fürs erste die englische Kost, die meinem Urteile nach der
deutschen bei weitem weichen muß; dies gestehen die Engländer,
welche gereist sind, selbst. Die Gemüse sind schlecht und in
geringer Anzahl vorhanden, Suppen kennt man nicht, und nur von
fleisch allein muß und kann man sich erholen, denn das Brot,
obgleich es hier recht gut schmeckt, wird verhältnismäßig nur
wenig gegessen. Ich sehe die Engländer während einer ganzen
Mahlzeit zu ihren kräftigen und fetten Fleischspeisen oft nicht
einen Bissen Brot nehmen. Die Kartoffeln spielen in England eine
ebenso wichtige Rolle als in der ganzen Welt. - Das Klima scheint
mir hier etwas kälter als auf dem festen Lande zu sein, unsere
Obstbäume blühen jetzt erst, und in den Kaminen ist noch überall
Feuer, doch sollen die Winter nicht so streng sein und die Schafe
meistens während desselben im freien bleiben können. -
In drei Wochen werde ich hier einem mir noch ganz fremden Schau-
spiel beiwohnen, nämlich dem in England so beliebten Pferderennen
und Hahnengefechten; es ist dazu hier in der Nähe auf einem Hügel
ein besonderer mit einem Amphitheater umgebener Platz. Es wird
bei dergleichen Gelegenheiten von den Zuschauern immer und oft um
große Summen gewettet.
Da Du wahrscheinlich bald an Marianne 34) schreibst, so bitte
ich, ihr zu sagen, daß ich das für Dick 35) bestellte Tuch noch
nicht bestellt, weil ich noch nicht an meinen freund geschrieben
hätte, daß solches aber nun in den nächsten Tagen geschehe und
er, wenn auch nicht gleich, doch auf den Empfang desselben
rechnen könne. Beide bitte ich übrigens aufs beste zu grüßen. -
An Bertram 36) schreibe ich baldmöglichst, sage ihm dies gfl.,
wenn er dorthin kommen sollte.
Genehmige, liebe Mutter, meine herzlichen Wünsche für Dein fer-
neres Wohlergehen, und sei versichert, daß ich auch in der fremde
nicht aufhöre zu sein
Dein Dich liebender Sohn P.
An alle meine herzlichen Grüße, Meine Adresse ist:
Mr Pet Ermen, care of Messrs Wrm Shenton & Co.
franco Küste Manchester
Nur ja immer auf ganze Bögen geschrieben und nicht beigeschlagen
oder halbe Blätter genommen.
[Umschlag]
Poststempel Via Ostend
Manchester Herrn
Gottfr. Ermen seel. Wb
Hachenburg
Duché de Nassau
p. Cöln & Siegburg
_____
1) Die Ergebnisse der Wuppertaler Konferenz sind in einem von
Hans Feiger sorgfältig betreuten Band veröffentlicht: Friedrich
Engels 1820-1970, Referate, Diskussionen, Dokumente. Redaktion
Hans Feiger, Schriftenreihe des Forschungsinstitus der Friedrich-
Ebert-Stiftung, Bd. 85, Hannover 1971.
2) W.[illiam] O.[tto] Henderson, Friedrich Engels in Manchester,
in: Friedrich Engels 1820-1970, a.a.O., S. 27-38.
3) Vgl. ebd., S. 59.
4) W.[illiam] O.[tto] Henderson, The Firm of Ermen & Engels in
Manchester, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz
zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, hrsg. v.d. Histo-
rischen Kommission zu Berlin v. Henryk Skrzypczak, H. 11/12,
1971, S. 1-10.
5) A.[ntony] C.G. Ermen, The Three Red Towers, Maschinenskript,
o.O. 1965. Diese Arbeit legt den Schwerpunkt auf genealogische
Untersuchungen, die aber kaum durch Quellen belegt werden, son-
dern wohl mehr auf mündlicher Überlieferung beruhen. Der Titel
"The Three Red Towers" - "Die drei roten Türme" - ist eine An-
spielung auf das angebliche (?) Familienwappen dieser Familie Er-
men. Ohne dies kenntlich zu machen, zitiert der Verfasser aus
wohl noch vorhandenen Familienbriefen, räumt aber ein, daß er we-
der der niederländischen noch der deutschen Sprache mächtig sei
bzw. die Briefe nicht richtig entziffern könne. Ein Versuch, mit
A.C.G. Ermen brieflich in Kontakt zu kommen, blieb ohne jede Re-
sonanz.
6) Vgl. Michael Knieriem, Über Friedrich Engels, Privates, Öf-
fentliches und Amtliches. Aussagen und Zeugnisse von Zeitgenos-
sen. Nachrichten aus dem Engels-Haus, H. 2, Wuppertal 1979, S.
29. Die Beschreibung der Reise mit dem Schiff und mit dem neuen
Verkehrsmittel Eisenbahn, findet sich in dem von Engels verfaßten
Artikel "Landschaften", in: Telegraph für Deutschland, Nr.
122"123, Juli/August 1840, wiederabgedruckt in: MEW, EB II, Ber-
lin (DDR) 1973, S. 68"74, hier: S. 72 f.
Die Firma wurde mit Wirkung vom 1. August 1838 umbenannt; seit
dem 20. Februar 1837 datiert die Partnerschaft zwischen Friedrich
Engels sen. und Peter Ermen. Vgl. hierzu auch Hans Feiger/Michael
Knieriem, Friedrich Engels als Bremer Korrespondent des Stuttgar-
ter "Morgenblattes für gebildete Leser" und der Augsburger
"Allgemeinen Zeitung", Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, hrsg. v.
Karl-Marx-Haus, Trier, und dem Friedrich Engels-Haus, Wuppertal,
H. 15, Trier 1976 ², S. 65.
7) Karl August Erbslöh (1819-1894) besuchte von Ostern 1831 bis
Herbst 1833 die Barmer Stadtschule, wurde später Fabrikant in
Barmen. Sein Sohn heiratete eine Nichte Engels'.
8) Gottfried Anton Ermen lebte seit mindestens 1841 in Brauns-
werth/Engelskirchen, wo auch die meisten seiner Kinder geboren
waren. Laut einer freundlichen Mitteilung des Nordrhein-Westfäli-
schen Hauptstaatsarchivs Düsseldorf vom 30.4.1980 ließ sich eine
Einbürgerung von G.A. Ermen in den Einwanderungsakten des
Landratsamtes Wipperfürth nicht nachweisen.
9) Vgl. den Brief Friedrich Engels' an Franz Mehring in Berlin,
London, Ende April 1895: "Als ich gegen Ende Nov. [1842] auf der
Durchreise nach England wieder vorsprach, traf ich Marx dort [in
der Redaktion der "Rheinischen Zeitung"], und hatten wir bei der
Gelegenheit unser erstes sehr kühles Zusammentreffen...", vgl.
MEW, Bd. 39, S. 473 f. hier: S. 473. Engels' Aufenthalt in Köln
läßt sich für den 16. November 1842 nachweisen: vgl. "Kölnischer
Anzeiger mit dem Kölner Fremdenblatt verbunden", Nr. 272 vom 17.
November 1842, "Verzeichnis der gestern angekommenen Fremden:
[Hotel] Wiener Hof [...] Engels, dito [Kaufmann] a.[us] Barmen",
vgl. auch: Michael Knieriem, Über Friedrich Engels..., a.a.O. S.
81.
10) Vgl. das Ankunfts-Zertifikat für den Londoner Hafen vom 19.
November 1842, in: Public Record Office London, HO 2/108 18424,
abgedruckt in: Michael Knieriem, Über Friedrich Engels...,
a.a.O., S. 82.
11) Vgl. Friedrich Engels' Korrespondenz in der "Rheinischen Zei-
tung", Nr. 358 vom 24. Dezember 1842: "Stellung der politischen
Partei. *+* Aus Lancashire. 15. Dezember." Wiederabgedruckt in:
MEW, Bd. 1, S. 461-463.
12) Vgl. Friedrich Engels' Korrespondenz in der "Rheinischen Zei-
tung" Nr. 343 und 344 vom 9. und 10. Dezember 1842: "Die innern
Krisen. *** London, den 30. November." Wiederabgedruckt in: MEW,
Bd. 1, S. 456-460, hier bes. S. 459 f.
13) Vgl. W.[illiam] O.[tto] Henderson, The Firm of Ermen & Engels
in Manchester, a.a.O., S. 3.
14) Das "Aachener Fremdenblatt. Auch Unrerhaltungs- und Anzeigen-
blatt" vom 3. September 1844 weist den Aufenthalt von Engels im
Hotel "Mainzer Hof" aus. Vgl. auch: Michael Knieriem, Über Fried-
rich Engels..., a. a. O., S. 98.
15) Vgl. Karl Marx. Chronik seines Lebens in Einzeldaten, Moskau
1934, S. 24 f.
16) Vgl. hierzu das Auswanderungsgesuch Friedrich Engels' nach
England vom 14. April 1845, erstmals veröffentlicht in: Michael
Knieriem, Ein unbekanntes Auswanderungsgesuch Friedrich Engels'
nach England, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins,
Bd. 87, Jg. 1974/76, Neustadt/Aisch 1977, S. 105-109, hier: S.
106 f. Vgl. auch die Anmeldung Friedrich Engels' in Brüssel, rue
de l'Alliance 7, vom 26. August 1845; ein Aufsatz über Engels'
Anmeldung in Brüssel v. Verf. ist in Vorbereitung.
17) Es handelt sich hierbei um die Arbeit von Friedrich Engels
und Karl Marx: Die heilige Familie oder Kritik der kritischen
Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Frankfurt/M. 1845, wie-
derabgedruckt in: MEW, Bd. 2, S. 3-223.
18) Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in
England. Nach eigener Anschauung und authentischen Quellen, Leip-
zig 1845, wiederabgedruckt in: MEW, Bd. 2, S. 225-506.
19) Vgl. hierzu: Helmut Hirsch, Carnaps Bericht über die Elber-
felder Versammlungen. Ein Dokument zur Geschichte des rheinischen
Frühsozialismus, in: Bulletin of USG, Bd. 8, Amsterdam 1953, S.
104"114, sowie: Michael Knieriem, Zwei unbekannte Aktenstücke
über die Elberfelder Versammlungen im Jahre 1845. Ein Beitrag zur
Geschichte des rheinischen Frühsozialismus, in: Mitteilungen des
Stadtarchivs, der Abteilung für Stadtgeschichte und Frühindu-
strialisierung des Fuhlrott-Museums und des Bergischen Ge-
schichtsvereins, Abt. Wuppertal, H. l, 1976, S. 12"21. Vgl. be-
sonders auch die diesbezüglichen Berichte des Wuppertaler Dich-
ters Adolph Schults im Rahmen seiner Korrespondenzen für das
Stuttgarter "Morgenblatt für gebildete Leser", Nr. 78 und 79 vom
1. und 2. April 1845, auszugsweise wiederabgedruckt in: Michael
Knieriem, Über Friedrich Engels..., a.a.O., S. 112 f.
20) In der Bescheinigung des Barmer Bürgermeisters Wilkhaus, die
Engels am 17. April 1845 dem Bürgermeister von Brüssel präsen-
tierte, wurde ausdrücklich bestätigt, daß Engels mit Zustimmung
seines Vaters die Bonner Universität beziehen könnte. Das Doku-
ment ist erstmals abgedruckt in: Michael Knieriem, Über Friedrich
Engels..., a.a.O., S. 118.
21) Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. Kri-
tik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten
Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in
seinen verschiedenen Propheten, in: MEW, Bd. 3, S. 5-530.
22) Vgl. hierzu die Notiz in der "Trier'schen Zeitung" vom 16.
Juli 1845. "Belgien. Brüssel. 12. Juli: Die Herren Carl Marx und
Friedrich Engels haben in diesen Tagen eine Reise nach England
angetreten, um die für ihre Arbeiten nöthigen Untersuchungen an
Ort und Stelle zu vervollständigen. Wie es heißt, werden sie bin-
nen Kurzem ein Werk über Nationalökonomie dem Publikum überge-
ben." Vgl. hierzu auch: Michael Knieriem, Über Friedrich En-
gels..., a.a.O., S. 128. Von Marx' und Engels' Aufenthalt in Man-
chester zeugt auch der Brief Georg Ludwig Weerths an seine Mutter
Wilhelmine Weerth, geb. Burgmann in Detmold, Brüssel, 23. August
1845, vgl. Marx-Engels-Jahrbuch 1, S. 410.
23) Dies ist zumindest einer brieflichen Bemerkung Jenny Marx' zu
entnehmen, vgl. ihren Brief an Karl Marx in Brüssel, Trier, nach
dem 24. August 1845: "[...] Ist Engels solo mit heimgekehrt oder
à deux?" Vgl. MEGA ² III, I, S. 479 ff., hier: S. 480.
24) Vgl. Public Record Office, London, Home Office, Alien Lists,
H.O. 3, Bd. 54, erstmals zitiert in: Hans Pelger/Michael Knie-
riem, Friedrich Engels als Bremer Korrespondent..., a.a.O., S.
77.
25) Vgl. den Brief Friedrich Engels' an Marx in London, Manche-
ster, 1. Juli 1869, wiederabgedruckt in: MEW, Bd. 32, S. 329 f.
26) Vgl. Anm. Nr. 5.
27) Am 20. Februar 1837 wurden Friedrich Engels sen. und Peter
Ermen Partner. Am 1. August 1838 wurde die Firma "Ermen & Co." in
"Ermen & Engels" umbenannt. Seit 1874 lautete der Firmenname
"Ermen & Roby". Vgl. W.[illiam] O.[tto] Henderson, The Firm of
Ermen & Engels in Manchester, a.a.O., S. 2 u. S. 10. Es soll hier
nicht unerwähnt bleiben, daß dies nicht die erste Geschäftsbetei-
ligung der Firma Engels an einer englischen Firma war. Es bestand
bereits eine Konto-a-metà-Verbindung der Firma "Caspar Engels
Söhne" mit der Goldlitzenfabrik "Thomas Wilson & Co." in London
im Jahre 1836. Vgl. Michael Knieriem, Die Entwicklung der Firma
Caspar Engels Söhne. Zugleich ein Beitrag zum sozialen Umfeld des
jungen Engels, Nachrichten aus dem Engels-Haus, H. 1, Wuppertal
1978, S. 15 f.
28) Die biographischen bzw. genealogischen Daten und Zusammen-
hänge wurden aufgrund der Original-Kirchenbücher bzw. der Bürger-
bücher von 's-Hertogenbosch durch Einsichtnahme beifolgenden In-
stituten ermittelt: Bischöfliches Ordinariat Limburg/Lahn, Evan-
gelisches Pfarramt Hachenburg, Rijksarchief 's-Hertogenbosch, Ge-
meentearchief 's-Hertogenbosch, Rijksarchief 's-Gravenhage, Per-
sonenstandsarchiv Brühl. Das dort erhaltene Material, das über
den Rahmen der hier publizierten Angaben weit hinausgeht, soll in
einer der nächsten Ausgaben der "Mitteilungen der Westdeutschen
Gesellschaft für Familienkunde" durch den Verfasser veröffent-
licht werden.
29) Die Behauptung Antony C.G. Ermens, Gottfried Ermen sei Offi-
zier der niederländischen Armee gewesen, ließ sich bisher nicht
bestätigen. Vgl. Mitteilung des Rijksarchiefs 's-Gravenhage an d.
Verf. vom 31. März 1980.
30) Eine Kopie dieses Briefes wurde d. Verf. freundlicherweise
von Hans Feiger, Leiter des Karl-Marx-Hauses in Trier, zur Verfü-
gung gestellt. Das Original befindet sich im Besitz des Karl-
Marx-Hauses, Trier.
31) Vgl. A[ntony] C.G. Ermen, The Three Red Towers, a.a.O., S.
18.
32) Inhaber der Firma "William Shenton & Co.". Diese Garnhandels-
firma wird in den Adreßbüchern von Manchester von 1817 bis 1830
erwähnt. Für diesen Hinweis habe ich Herrn Allan D. Barlow von
der Zentralbibliothek in Manchester zu danken.
33) Hier handelt es sich ganz offensichtlich um Johann Abraham
Troost (* Elberfeld 10. Dez. 1762 + Godesberg 21. Okt. 1840). Er
gründete das Handelshaus "Abraham Troost & Söhne" zu Elberfeld
und im Jahre 1829 auch zu Manchester. Er spielte im wirtschaftli-
chen Leben seiner Vaterstadt eine bedeutende Rolle, besonders im
Deutsch-amerikanischen Bergwerksverein sowie bei der Rheinisch-
westindischen Kompanie. Die Firma in Manchester wurde später
durch den Enkel des Begründers Abraham Eberhard Robert Troost
(1816-1874) in "Robert Troost & Co." umbenannt und bestand wohl
bis zu dessen Tode im Jahre 1874.
34) Vermutlich Peter Albert Ermens Schwester Anna Maria Dick (*
Hachenburg 5. Okt. 1796 + ebd. 13. Okt. 1822). Sie war seit dem
30.6.1818 verheiratet mit Johann Anton Dick. Vgl. zu diesem wei-
ter unten, Anm. 35.
35) Johann Anton Dick (* Wischau/Mähren 9. Mai 1786 + Niederlahn-
stein 30. Aug. 1822) hzgl. nassauischer Accessist zu Hachenburg,
später zu Niederlahnstein.
36) Peter Ermens Mutter Johannetta Philippine (1773-1842) war
eine geborene Bertram; wahrscheinlich handelt es sich um einen
Verwandten müttetlicherseits.
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