Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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VEREINE IN DER LEBENSWEISE DER ARBEITERKLASSE
Ein Literaturbericht zur Vereinsforschung in der Bundesrepublik
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Friedhelm Kröll
1. Das wiedererwachte Interesse am Vereinswesen - 2. Vereinsun-
tersuchungen im Lichte der Erforschung der Lebensweise der Arbei-
terklasse - 3- Materialien und Ergebnisse der bundesdeutschen
Vereinsforschung - 3.1. Vereinsthematische Forschungszusammen-
hänge - 3.2. Zu einigen soziologischen Ausprägungen der Ver-
einskultur - 4. Literatur.
1. Das wiedererwachte Interesse am Vereinswesen
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Bibliographische Recherchen zum Thema "Verein" erhärten die Ein-
schätzung des Vereinsforschers H.J. Siewert vom Forschungsinsti-
tut für Soziologie der Universität Köln, daß die Erforschung der
Vereine und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu den erheblich
vernachlässigten sozialwissenschaftlichen Bereichen in der Bun-
desrepublik gehört (vgl. Siewert 1978a). 1) Die Vereinsforschung
steckt "im Alter von 70 Jahren nach wie vor in den Kinderschuhen"
(Kuh 1980). 2) Denn schon 1910 hatte Max Weber auf dem Ersten
Deutschen Soziologentag die Untersuchung des Vereinswesens zu ei-
ner der zentralen Aufgaben der deutschen Soziologie erklärt
(Weber 1911). Webers Forderung hat kaum Resonanz gefunden. Dies
überrascht nicht allein deshalb, weil ansonsten Webersche For-
schungsoptionen in der bundesdeutschen Sozialforschung durchaus
aufgegriffen worden sind; verwunderlich erscheint dieses auffäl-
lige Forschungsdefizit besonders deshalb, weil allein schon die
ausgeprägte quantitative Seite des Vereinswesens in der Bundesre-
publik - so wird etwa die Mitgliedschaft in Sportvereinen auf 13
Millionen beziffert - eine größere Aufmerksamkeit hätte erwarten
lassen müssen.
In den letzten Jahren ist allerdings wieder ein wachsendes Inter-
esse der Sozialforschung an der Vereinsthematik zu verzeichnen.
Wenn auch von einer systematischen Vereinsforschung noch nicht
gesprochen werden kann, so signalisiert doch die Veröffentlichung
zumal einiger größerer sportsoziologischer empirischer Studien,
daß dem Vereinswesen wieder mehr gesellschaftspolitische Bedeu-
tung zugemessen wird. Die Studien sind zwar von unterschiedlichen
gesellschaftspolitischen Impulsen und ideologischen Motiven ge-
leitet, gehen aber in einem wichtigen Punkt konform. Dem Vereins-
wesen wird keineswegs nur eine eingeengte lokalkulturelle und
-politische Bedeutung zuerkannt; vielmehr wird es im Lichte der
Stiftung und Stabilisierung gesamtgesellschaftlicher, vorpoliti-
scher Integrationsfähigkeit im Zeichen wachsender Vertrauenskri-
sen der abhängigen Bevölkerung in die zukünftige Leistungsfähig-
keit des gesellschaftlichen und politischen Systems analysiert.
Die integrationistische Sichtweise reicht im übrigen bis in die
50er Jahre zurück.
Was die 70er Jahre angeht, so standen zunächst vor allem die öf-
fentlichkeitswirksamen Formen der "Neuvereine", wie inzwischen
die Bürgerinitiativen von der Vereinsforschung klassifiziert wer-
den, im Mittelpunkt des Interesses. In den letzten Jahren hat
sich die Aufmerksamkeit auf den Bereich der "Altvereine", d.h.
des traditionellen Vereinswesens, ausgedehnt. Einmal, weil Bürge-
rinitiativen mit der Zeit nicht selten in die "klassische" Ver-
einsform sich verwandeln; zum anderen, weil den traditionellen
Vereinsformen Eigenschaften zukommen, so z.B. ihre traditions-
freudige Stabilität, die sie nach Ansicht einiger Vereinsforscher
besonders geeignet erscheinen lassen, sie zum Ansatzpunkt von ge-
zielten Förderungsmaßnahmen zu wählen, welche auf Instrumentie-
rung der traditionellen Vereine zu Organen des gesellschaftspsy-
chologischen Status quo abzielen. Vereinsforschung flicht sich
auf diese Weise in die Politik der sog. Krisenbewältigung ein.
Von den neueren empirischen Vereinsstudien im Zeichen der Krisen-
und Integrationsproblematik ist die Arbeit von H. Dunckelmann
über die "Lokale Öffentlichkeit" ( 1975) zu nennen, die der Frage
nach der Herstellung einer lokalen "bürgerschaftlichen Identität"
gewidmet ist . Es wird u.a. untersucht, inwieweit das Vereinswe-
sen in der Lage ist , einen Beitrag zu einer krisenfesten Identi-
tät der abhängigen Bevölkerung mit ihren vorgefundenen Arbeits-
und Lebensbedingungen zu leisten. Dunckelmann bezweifelt, daß in
Zukunft die privatistische Kleinfamilie "außerfamilial verursach-
ten Ärger" (1975, 21), d.h. Unmut, welcher seine primäre Quelle
in der Lage der Menschen im "Produktionsbereich" (23) hat und
durch zunehmende Verschlechterung der kommunalen Lebenssituation
im Zeichen von "Planungsbetroffenheit" noch verstärkt wird, hin-
reichend genug auszugleichen imstande ist. Weil die Familie
selbst eine notorische Quelle "emotionaler Spannungen und Störun-
gen" (21) sei, sei es an der Zeit, nach funktionalen Alternativen
der Eindämmung und Kanalisierung flottierenden sozialen Unmuts zu
suchen. Dunckelmann kommt zu dem Schluß, daß im Rahmen einer kri-
senvorbeugenden "Sozialplanung" dem traditionellen Vereinswesen
ebenso wie den neuen Vereinsformen der Bürgerinitiativen durchaus
entsprechende Funktionen zuwachsen könnten.
Das gewachsene Interesse am Vereinswesen im Zeichen seiner mögli-
chen Neufunktionalisierung spiegelt sich auch in einer umfassen-
den sekundäranalytischen Studie des Instituts für Kommunalwissen-
chaften der Konrad-Adenauer-Stiftung. 3) Zwei Motive bestimmen
die Forschungen im Umkreis der Adenauer-Stiftung. Zum einen wird
geprüft, "welche Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation zur
Wahrnehmung vordringlicher gesellschaftlicher Aufgaben geeignet
und in der Lage sind, der Tendenz wachsender Staatsaufgaben und
-ausgaben entgegenzuwirken" (Bühler u.a., 1978, I); die Er-
forschung des lokalen Vereinswesens steht somit im Zeichen des
Abbaus von Sozialstaatlichkeit. Zum anderen wird das Vereinswesen
im Rahmen der "Wiederentdeckung lokaler Politik durch die Par-
teien" (Siewert 1978 a) neu thematisiert ; d.h., Vereinsforschung
wird , ähnlich wie bei Dunckelmann, im Lichte der Instrumentie-
rung der Vereine zum Zwecke der Versäulung politischer Macht der
herrschenden Klasse nach unten betrieben (vgl. Siewert 1977). 4)
Ebenfalls unter den Vorzeichen einer integrationistischen Neu-
funktionalisierung des Vereinswesens steht die 1978 in der von
Th. Ellwein und R. Zoll herausgegebenen, zwölfbändigen Publikati-
onsreihe - Politisches Verhalten" erschienene empirische Studie
von P. Raschke über "Vereine und Verbände". Es geht darin unter
dem euphorischen Etikett "Partizipationsforschung" letztlich um
systemstabilisierende Vorsorgeuntersuchungen zur Frage der Lei-
stungsfähigkeit des Vereinswesens unter den Bedingungen eines
wachsenden Problemzusammenhangs von "Verteilungskrisen" und
"Legitimationskrisen" (1978, 221).
Die hervorstechende Bedeutung der Sportvereine innerhalb des ge-
samten Vereinswesens , nicht nur in quantitativer Hinsicht, spie-
gelt sich in neueren Publikationen zur Soziologie des Sportver-
eins. Das Gebiet der Sportvereine zählt inzwischen zu den vor-
zugsweise untersuchten Bereichen des Vereinswesens. Die groß an-
gelegte, zweiteilige empirische Studie "Sportvereine in der Bun-
desrepublik Deutschland" (Schlagenhauf 1977, Timm 1979) liefert
nicht nur eine Fülle einschlägiger Materialien über die Rolle der
Sportvereine innerhalb der sozialen Sphäre der Reproduktion der
Arbeitskraft, sondern reflektiert anschaulich spezifische Funk-
tionen des Vereinswesens im Gesamtzusammenhang von Sozialisati-
ons- bzw. Persönlichkeitsprozessen. Während die Arbeiten von
Dunckelmann (1975), Bühler u.a. (1978) und Raschke (1978) primär
von politisch-soziologischen Aspekten ausgehen, rücken die ge-
nannten Sportverein-Studien unmittelbar kultursoziologische
Aspekte ins Licht und gewinnen auf diese Weise besondere Relevanz
für eine zu entwickelnde Forschungsperspektive "Vereine in der
Lebensweise der Arbeiterklasse".
Kultursoziologische Gesichtspunkte werden insbesondere in neueren
kulturhistorisch und volkskundlich orientierten Arbeiten zur Gel-
tung gebracht. Derartige Studien bilden gleichsam einen eigen-
ständigen Einstieg in die Vereinsforschung; hierzu gehört z.B.
die Untersuchung von R. Lindner und H. Th. Breuer zur
"Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet" (1978). Was immer
auch an Kritik gegenüber derartigen Studien im einzelnen anzumel-
den ist, es bleibt als grundlegender positiver Aspekt hervorzuhe-
ben, daß sie das Vereinswesen gleichsam "von unten", d.h. von Be-
dürfnisgesichtspunkten der lohnabhängigen Bevölkerung her thema-
tisieren. Diese volkskundlich-kulturhistorische Forschungsrich-
tung verdient von Seiten der materialistischen Kultursoziologie
besondere Aufmerksamkeit, ist man doch dort bestrebt, verschüt-
tete kulturelle Potentiale und neu sich bildende Keime im Bereich
der Volkskultur aufzuspüren und in den Rahmen der Diskussion um
eine demokratische Kulturpolitik einzubringen. 5)
Ausgehend von einer Kritik der integrationistisch-herrschafts-
funktionalen Vereinsforschung, anknüpfend an Motive der volks-
kundlichen Kulturforschung und basierend auf neueren Ansätzen zur
Erforschung der Lebensweise der Arbeiterklasse (hierzu Maase
1977, 1978, 1980) ist begonnen worden, eine materialistische kul-
tursoziologische Vereinsforschung zu entwickeln. Sie ist vorläu-
fig an zwei miteinander verknüpften Bezugspunkten orientiert: zum
einen an Entwicklungstendenzen der Lebensweise der Arbeiter-
klasse, zum anderen an Entwicklungsperspektiven der politischen
Kultur der Arbeiterbewegung (Kröll 1980).
Es sind an dieser Stelle zwei Einschränkungen vorzubemerken. Er-
stens, der vorgelegte Literaturbericht beschränkt sich auf die
Forschungsentwicklung seit den 50er Jahren in der BRD; der gegen-
wärtige Forschungsstand erlaubt noch keine international verglei-
chenden Betrachtungen zur gesamtgesellschaftlichen und insbeson-
dere zur Bedeutung des Vereinswesens für die Lebensweise der Ar-
beiterklasse in entwickelten kapitalistischen Ländern. Zweitens
ist zugleich mit jener zeitlichen Beschränkung sowohl die
"Blüteperiode" des Vereinswesens in Deutschland, die Entwicklung
während der Weimarer Republik, als auch die Geschichte des Ver-
einswesens während des Hitlerfaschismus ausgespart. Sozialhisto-
rische Studien insbesondere zum zweiten Aspekt wären nicht nur
unter Gesichtspunkten der Aufarbeitung des antifaschistischen Wi-
derstandes wünschenswert. Vielmehr steht zu erwarten, daß solche
Forschungsarbeiten wichtige Kenntnisse über die sozialen, ideolo-
gischen und politischen Vorbedingungen der Rekonstruktion des
Vereinswesens in den Westzonen bzw. der BRD ans Tageslicht för-
dern würden.
2. Vereinsuntersuchungen im Lichte der Erforschung
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der Lebensweise der Arbeiterklasse
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Untersuchungen zur Bedeutung des Vereinswesens innerhalb der Le-
bensweise der Arbeiterklasse setzen in forschungspraktisch hand-
habbaren Umrissen eine theoretische Konzeption von Lebensweise
voraus. Würde auf eine solche historisch konkrete Konzeption ver-
zichtet werden, geriete m. E. die Vereinsforschung vorab in die
Sackgasse. Denn die Gefahr liegt nahe, das gegenwärtige Profil
des Vereinswesens rückprojektiv und restriktiv am Maßstab der
Vereinskultur der Arbeiterbewegung beispielsweise während der
Weimarer Republik zu bewerten. Mit wehmütigen Rückblicken ist je-
doch nicht nur wissenschaftlich wenig gewonnen, Folge wären vor
allem fatale kultur- und mithin auch bündnispolitische Fehl-
schlüsse. Wer etwa - in völlig unhistorischer Weise - das prole-
tarische Vereinswesen des "Kohlenpotts" oder des "roten Wedding"
der zwanziger Jahre zum überzeitlichen "attischen Ideal" materia-
listischer Kultursoziologie stilisiert, dem entgehen nicht nur
die inneren Strukturentwicklungen der Arbeiterklasse mit ihren
bedeutsamen Auswirkungen für den in sich komplexen Charakter der
Lebensweise. Vielmehr erscheinen dann zwangsläufig die gegenwär-
tigen Entwicklungstendenzen im Vereinswesen einzig im Licht der
auf diese Weise noch einmal inflationierten These von der
"Verkleinbürgerlichung". Demgegenüber ist gerade auch mit Blick
auf die Erforschung des konkreten Vereinslebens die grundlegende,
politisch folgenreiche Einsicht ins Licht zu rücken, daß "in dem
Maße, in dem der erfolgreiche Kampf der Arbeiterbewegung - den
Anforderungen der Produktivkraftentwicklung entsprechend - die
gesellschaftliche Schaffung von Reproduktionsbedingungen durchge-
setzt hat, diese also nicht mehr von der Arbeiterbewegung in ei-
genen Massenorganisationen aufgebaut werden müssen, eine wesent-
liche Grundlage der historischen Arbeiterkulturbewegung (ent-
fällt), sich der Kampf vielmehr auf die Gestaltung der ge-
sellschaftlichen Infrastruktur und Kultur richten (muß). Entspre-
chende Formen der Dialektik von autonomer Organisierung und Kampf
um progressive und produktive Lebensbedingungen für "die Massen
bilden sich mit der praktischen Reaktion auf neue Bedingungen der
Arbeiterbewegung erst ansatzweise heraus" (Maase 1980 a). Just im
Lichte dieser theoretischen Bestimmung ist eine angemessene ana-
lytische Bewertung der Entwicklung des Vereinswesens in zukünfti-
gen aktual-empirischen und sekundär-analytischen Forschungen, zu
denen der vorliegende Literaturbericht eine Vorstufe bilden
möchte, zu leisten. 6) Vor diesem Horizont ist denn auch das Pro-
blem des Verhältnisses von vorpolitischer Vereinskultur und Orga-
nisations- und Kampfkultur der Arbeiterklasse auf seine kulturpo-
litischen Implikationen hin neu zu durchdenken.
In diesem Literaturbericht bleibt der letztgenannte Aspekt weit-
gehend unberücksichtigt. Nicht nur, weil das vorliegende Untersu-
chungsmaterial in dieser Hinsicht wenig ergiebig ist, sondern
auch weil es bisher an einer genügend durchgearbeiteten theoreti-
schen Konzeption dessen, was mit "Politische Kultur der Arbeiter-
klasse" begrifflich präzis umfaßt werden soll, m.E. noch mangelt.
Sinnvoll erscheint es deshalb, die Literaturrezeption auf Ge-
sichtspunkte zu beschränken, wovon "die Herausbildung der politi-
schen Kultur ... praktisch nicht zu isolieren (ist)": die
"alltägliche Lebensweise der arbeitenden Menschen, mit der die
Bedingungen für Persönlichkeitsentfaltung gesetzt sind" (Maase
1977, 73). Die analytische Betrachtung des Vereinswesens und sei-
ner Wandlungen ist in Zukunft in gleichsam zweifacher Alltagsper-
spektive zu betreiben: einmal unter dem Aspekt der Lebensweise
als einem widersprüchlichen, überindividuellen Ensemble erprob-
ter, "im dialektichen Verständnis notwendiger und schöpferischer
Typen aktiver Bewältigung sozial spezifischer Lebensbedingungen";
zum anderen unter dem Aspekt der einzelnen Subjekte als
"besondere Persönlichkeit(en) wie als historische Träger der
gruppenspezifischen Lebensweise" (Maase 1980a).
3. Materialien und Ergebnisse der
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bundesdeutschen Vereinsforschung
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Vorab kann festgestellt werden, daß die bisher von der Vereins-
forschung vorgelegten Befunde die Annahme erhärten, daß das Ver-
einswesen 1. einen die Lebensweise der Arbeiterklasse in der BRD
mit prägenden Faktor bildet, und 2. dem Vereinsleben eine Bedeu-
tung für die Persönlichkeitsentwicklung der Individuen zuzumessen
ist.
Ein Literaturbericht zur Vereinsforschung sieht sich einer Reihe
von Schwierigkeiten gegenüber, die nicht so ohne weiteres zu be-
heben sind. Erstens sind eine Fülle von Untersuchungsergebnissen
in Forschungszusammenhänge eingebettet, die keineswegs primär an
der Erforschung des Vereinswesens orientiert sind. Dies hat nicht
nur dazu geführt, daß Materialien zur Vereinsthematik in recht
verstreuter Form vorliegen. Eine kritische Reinterpretation der
Ergebnisse ist zusätzlich erschwert, weil die Befunde nicht sel-
ten heterogenen Forschungsmotiven und Interpretationsmustern sub-
sumiert sind. Diese Vielgestaltigkeit erscheint auch in der Viel-
falt der Forschungsdesigns und -methoden; das unverbundene Ne-
beneinander von z.B. Gemeinde-Monographien, volkskundlichen Ar-
beiten und repräsentativen Studien, die der üblichen Techniken
der Meinungsumfragen sich bedienen, erschwert nicht nur die ana-
lytischen Vergleichsmöglichkeiten, sondern hat zu einem nicht ge-
ringen Teil auch zu dem in sich höchst widersprüchlichen Ergeb-
nisbild beigetragen. Uneinheitlichkeit in den Erhebungsweisen und
das Elend der Schichtungstheorien haben hierbei forschungshemmend
zusammengewirkt.
Zweitens sieht sich ein Literaturbericht wie generell systemati-
sche Vereinsforschung vor die Schwierigkeit gestellt, daß es bis-
her an einer gegenstandsangemessenen, forschungsoperativen Ver-
einstypologie mangelt. 7) Es gibt zwar einige fruchtbar erschei-
nende Ansätze, so etwa bei E. Bardey (1956), B. Luckmann (1970)
und jüngst bei Raschke (1978); von einem durchgearbeiteten Krite-
riengerüst kann aber nicht die Rede sein. 8) Schließlich stellt
sich drittens das Problem der "Übersetzung" von Untersuchungser-
gebnissen zur Vereinsthematik, denen fast ausschließlich mehr
oder weniger willkürliche und mithin diffuse Modelle sozialer
Schichtung zugrunde liegen, in sozialstrukturtheoretisch und
klassenanalytisch fruchtbare Bestimmungen zur Rolle der Ver-
einskultur innerhalb der einzelnen sozialen Kategorien der in
sich besonders bezüglich der kulturellen Lebensformen recht dif-
ferenzierten Arbeiterklasse. Die geradezu wilde Vielfalt der ver-
wendeten Schichtindices erzwingt bei zukünftigen Reinterpretatio-
nen des vorliegenden Ergebnismaterials äußerste Behutsamkeit.
3.1. Vereinsthematische Forschungszusammenhänge
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Der Komplex der Bürgerinitiativen, der im Rahmen der sog. Parti-
zipationsforschung erheblich intensiver wissenschaftlich beleuch-
tet worden ist als das traditionelle Vereinswesen, bleibt im fol-
genden ausgespart. 9) Anzumerken ist weiter, daß die nach Sach-
komplexen angeführten Studien durchweg Informationen und Materia-
lien über den engeren Bereich des Vereinsthemas hinaus zum Ge-
samtkomplex der Lebensweisen in der Bundesrepublik enthalten, die
aber hier unberücksichtigt bleiben. Es ist weiter daraufhinzuwei-
sen , daß die Isolierung von Sachkomplexen notwendigerweise den
darunter subsumierten einzelnen Studien "Gewalt antut", insofern
sie nur den jeweils dominanten Aspekt berücksichtigt. Endlich, es
ist keine Vollständigkeit in Sachen Vereinsforschungsliteratur
beansprucht, wohl aber wird davon ausgegangen, daß wesentliche
forschungsbestimmende Studien angesprochen sind. 10)
3.1.1. "Gemeindeforschung", "Untersuchungen zum industriell-
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sozialen Wandel", "Stadt- und Regionalsoziologie"
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Forschungskontexte, worin Vereinsforschung eingewoben ist, stel-
len insbesondere (a) die in der zweiten Hälfte der 5Oer Jahre er-
schienenen Gemeindestudien dar, in denen sich spezifische soziale
Problemlagen der bundesdeutschen Nachkriegsentwicklung spiegeln
(z.B. soziale Eingliederung der Zuwanderungsströme), (b) die Un-
tersuchungen zum "industriell-sozialen Wandel" im Zeichen der
forcierten industriellen Entwicklung, die immer größere Bevölke-
rungsteile (und Regionen) direkt in den kapitalistischen Produk-
tionsprozeß eingliedert, und (c) groß angelegte empirische Stu-
dien, die sich mit den spezifischen Problemen großstädtischer Ag-
glomeration befassen (vgl. hierzu König 1958, Oswald 1966, bes.
Abschnitt III).
Die in diesen Zusammenhängen betriebenen Untersuchungen erfassen
die Rolle der Vereine im Rahmen der empirischen Erforschung
"spezifisch gemeindlicher Determinationssysteme" (Oswald 1966,
93), d.h. der Analyse lokal-regionaler sozialer Lebenseinheiten
und -formen. Dies entspricht dem eigentümlichen Charakter der
Vereinskultur, gleichsam "vor Ort" Wirksamkeit zu entfalten. Aus
den genannten Forschungsbereichen seien einige relevante Studien,
die ergiebiges, verwertbares Material zum Vereinswesen liefern,
angeführt.
- R. Mayntz, Soziale Schichtung und sozialer Wandel in einer In-
dustriegemeinde. Eine soziologische Untersuchung der Stadt Eus-
kirchen (1958). In dieser Studie wird die Vereinsproblematik be-
handelt in den Kapiteln über - Soziale Beziehungen zwischen den
Berufsgruppen", "Soziale Distanz und Verflochtenheit der Berufs-
gruppen" und "Teilnahme und Einfluß im Sozialleben Euskirchens".
R. Mayntz (R. Pflaum), "Die Vereine als Produkt und Gegengewicht
sozialer Differenzierung" . Diese Arbeit bildet einen Teil der
vielzitierten, von G. Wurzbacher geleiteten Untersuchung über
"Das Dorf im Spannungsfeld industrieller Entwicklung. Untersu-
chung an den 45 Dörfern und Weilern einer westdeutschen ländli-
chen Gemeinde" (1961). Der Beitrag von R. Mayntz umfaßt sozial-
theoretische und aktual-empirisch orientierte Aspekte und Ergeb-
nisse, die sich komplementär zur "Euskirchen-Studie" verhalten
und ebenfalls die These über die soziale Integrationsfunktion der
Vereine zu erhärten suchen. Die dort entwickelten Kategorien und
Problemaspekte gehören bis heute zum Standardrepertoire der Ver-
einsforschung.
- H. Croon / K. Utermann, Zeche und Gemeinde. Untersuchungen über
den Strukturwandel einer Zechengemeinde im nördlichen Ruhrgebiet
(1958). In dieser Untersuchung über den sozialen Strukturwandel
einer ländlichen Gemeinde in "Folge des Vorwärtsdringens der in-
dustriellen Gesellschaft" werden die Vereine als ein Element im
Ensemble der sich wandelnden Lebensformen der werktätigen Bevöl-
kerung untersucht.
- Die Untersuchungen von H. Bausinger, M. Braun und H. Sckwedt
über "Neue Siedlungen" (1959), M. Irle, Gemeindesoziologische Un-
tersuchungen zur Ballung Stuttgart (1960), A. Hahn, "Vereine",
in: Soziale Verflechtung und Gliederung im Raum Karlsruhe. Grund-
lagen zur Neuordnung eines Großstadtbereichs (1965) und von W.G.
Wehling und A. Werner, Kleine Gemeinden im Ballungsraum (1975)
behandeln das Vereinsthema im Zusammenhang mit der Frage nach dem
Funktions- und Bedeutungswandel bzw. Funktionsverlust traditio-
neller sozialer Lebensformen im Zuge umwälzender großstädtischer
Agglomerierungsprozesse. Von besonderem analytischen Wert sind
die Diagnosen von Hahn, da sie um theoretische Systematik des
Vereinswesens bemüht sind.
- W. Roth, Das Dorf im Wandel. Struktur und Funktionssysteme ei-
ner hessischen Zonenrandgemeinde im sozialkulturellen Wandel
(1968). Diese monographische Arbeit zeichnet sich dadurch aus,
daß sie durchweg vernachlässigte Aspekte, nämlich z.B. Vereine
als Organe des antifaschistischen Widerstandes und die Folgen der
Zerstörung ihres demokratischen Kulturpotentials durch den Fa-
schismus für den Prozeß der Wiederherstellung des lokalen Ver-
einswesens nach 1945, ins Licht rückt.
- B. Luckmann, "Politik in einer deutschen Kleinstadt" (1975).
Diese Gemeindestudie erforscht die Leistungen und Veränderungen
einer lokalen Vereinskultur unter dem Aspekt der Bedeutung
"kleiner Welten" für die alltäglichen Lebensformen.
3.1.2. "Freizeitstudien"
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Die nachfolgend angeführte Literatur behandelt die Rolle der Ver-
eine im Kontext der in den 60er Jahren verstärkt einsetzenden
"Freizeit-Diskussion". Es geht um Probleme des Bedeutungsverlu-
stes bzw. -zuwachses der Vereine insbesondere vor dem Hintergrund
konkurrierender Angebote seitens der kommerziellen Kultur- und
Freizeitgroßindustrie. (Solche Aspekte sind auch in der schon zi-
tierten Studie von Hahn (1965) angesprochen.)
- 1966 erscheint im Zuge des sich andeutenden Sportbetätigungs-
"booms" der bemerkenswerte Sammelband "Der Verein. Standort, Auf-
gabe, Funktion in Sport und Gesellschaft ", der zwar primär den
Sportvereinen gewidmet ist, aber durchaus instruktive Ergebnisse
zur gesamten Vereinsproblematik enthält. Besondere Aufmerksamkeit
verdienen in dieser Hinsicht die Beiträge von K. Bellmer
"Zwischen heute und morgen. Die Chance der Vereine", und J. Palm,
"Vom Feierabend zur Fünftagewoche. Der Verein und die Freizeit".
- Die empirische Studie von R. Wald, Industriearbeiter privat.
Eine Studie über private Lebensformen und persönliche Interessen
(1966) rückt zwar das Vereinswesen in einen fruchtbaren For-
schungskontext, räumt ihm aber im Forschungsdesign nur einen äu-
ßerst dürftigen Platz ein.
- Die 1969 als Dissertation fertiggestellte, aber erst 1977 pu-
blizierte Arbeit von S. Reck, Arbeiter nach der Arbeit. Sozialhi-
storische Studie zu den Wandlungen des Arbeiteralltags, gewinnt
ihren vereinstheoretischen Wert nicht nur dadurch, daß sie das
Vereinsleben im Zusammenhang der Alltagskultur der Arbeiter un-
tersucht, sondern auch weil sie um Ansätze theoretisch-sozialhi-
storischer Betrachtung des Bedeutungswandels der Vereinsaktivitä-
ten innerhalb der Lebensweise sich bemüht. Allerdings erscheint
die empirische Basis der Diagnosen als recht ungenügend.
- In den Arbeiten von M. Osterland u.a., Materialien zur Lebens-
und Arbeitssituation der Industriearbeiter in der BRD (1973), und
D. Kramer, Freizeit und Reproduktion der Arbeitskraft (1975)
kommt der Aspekt der Vereinskultur nicht über den Status einer
Marginalie hinaus, wenngleich auch hier der alltagskulturelle,
reproduktionsbezogene Kontext der Vereinsthematik den angemesse-
nen Bezugsrahmen bildet.
- Die schon zitierte Studie von W. Bühler u.a. über "Lokale Frei-
zeitvereine" (1978) enthält, weil sie vereinsspezifisch angelegt
ist, das wohl reichhaltigste und brauchbarste Material. Zukünf-
tige Vereinsuntersuchungen werden sich in kritischer Reinterpre-
tation auf diese Studie beziehen müssen.
3.1.3. "Sportsoziologie"
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Dieser thematische Komplex überschneidet sich vielfältig mit dem
zuvor skizzierten. Er verdient aber Besonderung, weil zum einen
die Vereinsforschung auf dem Gebiet der Sportvereine am weitesten
gediehen ist, und zum anderen weil die Sportvereine gerade im
Blick auf die Lebensweise der Arbeiterklasse zum eindeutig wich-
tigsten Vereinstyp angewachsen sind.
- Aus dem schon zitierten Sammelband "Der Verein" (1966) sind be-
sonders zwei Beiträge hervorzuheben: O. Grupe "Der moderne Turn-
verein. Versuch einer Standortbestimmung " und H. Lenk, "Zur So-
ziologie des Sportvereins". Die Studie von Lenk stellt eine um-
fassende systematische Darstellung empirischer Ergebnisse und den
Versuch der theoretischen Durchdringung der Erscheinungsform der
Sportvereine im Sozialleben dar. Eine überarbeitete Fassung des
genannten Beitrags hat H. Lenk 1972 als "Materialien zur Soziolo-
gie des Sportvereins" vorgelegt.
- Die bisher umfassendste empirische Untersuchung bildet die
schon zitierte Studie über "Sportvereine in der Bundesrepublik
Deutschland" - Teil I: Strukturelemente und Verhaltensdeterminan-
ten im organisierten Freizeitbereich (Schlagenhauf 1977), Teil
II: W. Timm, Organisations-, Angebots- und Finanzstruktur (1979).
Diese repräsentative Studie, im Rahmen der Schriftenreihe des
Bundesinstituts für Sportwissenschaft erschienen, reflektiert
eindruckvoll die stetig gewachsene quantitative und qualitative
Bedeutung des Sportvereinswesens für die Lebensweise der ver-
schiedenen Kategorien der Arbeiterklasse ebenso wie für die ver-
schiedenen Kategorien der Zwischenschichten.
3-1.4. "Partizipationsforschung"
Die Frage nach der Rolle des Vereinswesens im Rahmen der Teilhabe
am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Prozeß bildet
gleichsam eines der Grundmotive vieler Vereinsuntersuchungen. In
den 70er Jahren ist dieser Aspekt unter dem Stichwort "Politische
und kulturelle Partizipation" im Zuge der sog. Reform-Diskussion
wieder besonders in den Mittelpunkt der Vereinsforschung gerückt
worden.
- Eine auch im Kontext der Vereinsforschung häufig angeführte so-
ziologische Studie ist die von E. Reigrotzki über "Soziale Ver-
flechtungen in der Bundesrepublik. Elemente der sozialen Teil-
nahme in Kirche, Organisationen und Freizeit" (1956). Sie enthält
zwar instruktive Datensegmente zum Vereinswesen, darf aber als
Schulfall einer schichten-, Staats- und organisationstheoretisch
mißratenen Studie in der Umsphäre des Geredes über die
"nivellierte Mittelstandgesellschaft" gelten.
- Empirische Daten zur Bedeutung der Vereine im Rahmen (kommunal-
politischer Partizipation liefert die ortsmonographisch angelegte
Dissertation von G.A.M. Lenzer, Staatsbürgerliches Verhalten im
kommunalen Bereich (1962).
- Anregungen zur theoretischen Analyse der politischen und kul-
turellen Dimensionen des Vereinswesens enthält der Beitrag von
H.J. Benedict über - Kleinbürgerliche Politisierung. Zur Partizi-
pationsform des Vereinslebens und der Verbandstätigkeit" (1972),
der in dem von E. Bahr herausgegebenen Sammelband "Politisierung
des Alltags" erschienen ist. Allerdings verstellt sich der Autor
manche Tore zur Einsicht durch die allzu flott vertretene, tra-
dierte These von der "Verkleinbürgerlichung der Arbeiterklasse".
- Reichhaltiges empirisches Material (und einige partizipations-
theoretische Interpretationsversuche) zum Vereinswesen breitet
die im Rahmen der Schriften der "Kommission für wirtschaftlichen
und sozialen Wandel" erschienene Studie von B. Armbruster und R.
Leisner, Bürgerbeteiligung in der Bundesrepublik (1975), aus.
- Die schon eingangs zitierten Untersuchungen von H. Dunckelmann,
Lokale Öffentlichkeit (1975) und P. Raschke, Vereine und Verbände
(1978), bilden beim derzeitigen Entwicklungsstand der Vereinsfor-
schung eine unentbehrliche Grundlage, da sie nicht nur in syste-
matisch-typologischer Hinsicht die Forschungsentwicklung voran-
bringen, sondern auch solide aufgearbeitetes aktual-empirisches
Material zu einer Fülle von soziologischen Dimensionen des Ver-
einswesens vorweisen.
- Schließlich sind die literaturkritischen Aufsätze von H.J. Sie-
wert "Verein und Kommunalpolitik" (1977) und "Der Verein" (1978)
zu erwähnen, die einen problemhistorischen Einstieg in die Er-
forschung des Vereinswesens versuchen.
3.1.5. "Gastarbeiter-Forschung"
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Neuere Forschungsansätze zur Lebensweise der Gastarbeiter bzw.
Arbeitsimmigranten weisen eine bisher wohl völlig unterschätzte
Bedeutung der Vereinskultur aus. Hierzu seien als Literaturhin-
weise angeführt: K.D. Schaefer, Die Assimilierung der polnischen
Arbeiter im Ruhrgebiet (1974) und F. Heckmann, Ethnischer Plura-
lismus und 'Integration' der Gastarbeiterbevölkerung (1980).
3.1.6. "Kultursoziologisch-volkskundliche Studien"
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Das Interesse an der Vereinskultur gehört zum traditionellen Be-
stand der empirischen Volkskunde in der BRD. Es scheint derzeit,
als ob hier gleichsam eine Forschungs-"Renaissance" sich andeu-
tet. 11)
- Wenngleich auch die Studie von H. Schmitt, Das Vereinsleben der
Stadt Weinheim an der Bergstraße. Volkskundliche Untersuchung zum
kulturellen Leben einer Mittelstadt (1963), erhebliche methodi-
sche Schwächen aufweist, so verdient sie doch Aufmerksamkeit,
weil in ihr eine spezifisch kultursoziologische Problemsensibili-
tät spürbar ist, die anregend wirkt auf zukünftige kulturwissen-
schaftliche monographische Studien über regional- und lokalspezi-
fische Vereinskulturen.
- Unter dem Aspekt der Erforschung der Geselligkeit als Moment
alltäglicher Lebensformen hat H. Freudenthal eine sozialhistori-
sche Untersuchung über "Vereine in Hamburg" (1968) vorgelegt, die
gleichfalls unter spezifisch kultursoziologischen Gesichtspunkten
von Interesse ist.
- Die schon zitierte Monographie von R. Lindner und H. Th. Breuer
- Sind doch nicht alles Beckenbauers" (1978) repräsentiert einen
Typus von Studien über (Sport-)vereinsleben und -geschichte, der
in Zukunft mit dazu beitragen könnte, "weiße Flecken auf der
Landkarte" der Lebensweise der Arbeiterklasse in der BRD zu ver-
kleinern.
- In die Reihe neuerer volkskundlicher Studien, die sich um eine
Orts- und Funktionsbestimmung lokaler Vereine im Rahmen der Wie-
derentdeckung städtischer Alltagskultur bemühen, gehört die in
mancher Hinsicht pionierartige Veröffentlichung "Frankfurter Fe-
ste, von wem? für wen?" (1979). Über die verwendete Methodik,
worin sich bestimmte gegenwartstypische spontaneistische Kultur-
konzeptionen niederschlagen, ist in Zukunft im Rahmen der Be-
mühungen um eine materialistische Vereinsforschung intensiver zu
diskutieren.
3.2. Zu einigen soziologischen Ausprägungen der Vereinskultur
-------------------------------------------------------------
Im folgenden sollen skizzenförmig einige Ergebnisaspekte empiri-
scher Untersuchungen über das vielgestaltige Vereinswesen darge-
stellt werden, die in Umrissen ein Bild der sozialen und kul-
turellen Relevanz des Vereinswesens vermitteln sowie persönlich-
keitsprägende Dimensionen andeuten.
3.2.1. Sozialstrukturell-demographische Ausprägungen
----------------------------------------------------
des Vereinswesens
-----------------
Was die Ermittlung quantitativer Entwicklungen des Vereinswesens
in der Bundesrepublik insgesamt angeht, so klagt die Forschung
übereinstimmend über die Schwierigkeiten , eine solide Daten-
grundlage zu sichern. Zum einen fehlt es an einer hinreichend
vollständigen amtlichen Statistik über die Mitgliederbewegung, so
daß die Forschung "meist auf die Angaben der verschiedenen Orga-
nisationen selbst angewiesen ist" (Schlagenhauf 1977, 40). Das
wirft eine Reihe von Problemen erhebungsmethodischer Art auf. Zum
anderen sind vorliegende empirische Untersuchungen zumeist derart
sparten-, vereinstyp- und funktionsspezifisch, daß die "gewon-
nenen Materialien ebenfalls nur begrenzt aussagefähig sind" (ebd.
40). Forschungsunternehmungen wie die über die "Sportvereine in
der Bundesrepublik" kombinieren daher verschiedene Erhebungs- und
Ermittlungstechniken. Repräsentative Umfragen bilden zumeist den
Kern der Datenbeschaffung.
Was an Ergebnissen zur quantitativen Ausprägung des Vereinswesens
greifbar ist, ist denn auch im Lichte der genannten Schwierigkei-
ten und Unzulänglichkeiten zu interpretieren; sie gründen in der
Grundproblematik von Meinungsumfragen, in der schwierig zu hand-
habenden Problematik der Erscheinungsform der Mehrfachmit-
gliedschaften, schließlich in der zum Teil recht unterschiedli-
chen Auswahl der Altersklassen, deren Vereinsmitgliedschaft abge-
fragt wird. Auf die völlig unzulässigen Zurechnunsweisen von Mit-
gliedschaftstypen ist oben schon hingewiesen worden.
Trotz der angerissenen Probleme, die sich einer qualitativen In-
terpretation der quantitativen Entwicklungen stellen, lassen sich
einige grobe Ausprägungen innerhalb des Vereinswesens herausfil-
tern. Die vorliegenden Materialien weisen aus, daß ungefähr 30%
der bundesdeutschen Bevölkerung in Vereinen organisiert sind. 12)
Darunter fallen freilich in ihren sozial-kulturellen Wirkungen so
unterschiedliche Vereinsformen wie der ADAC oder der Bienenzüch-
terverein. Für den Zeitraum zwischen 1964 und 1973 kann eine re-
lative Konstanz jenes Prozentsatzes ausgemacht werden.
Was die Gruppe der Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren angeht,
so stieg deren vereinsförmiger Organisationsgrad zwischen 1964
und 1975 von 40% auf fast 60%, gemessen an der Gesamtheit der Ju-
gendlichen dieser Altersgruppe. Diese Zahlen deuten allemal für
die Zukunft auf eine wachsende Bedeutung des Vereinswesens hin.
Jedoch ist davon auszugehen, daß diese Entwicklung vor allem auf
die Mitgliederzuwächse der Sportvereine zurückzuführen ist, deren
Gesamtvolumen derzeit ca. 13 Millionen Mitglieder ausmacht. Nach
der Erhebung von Schlagenhauf (1977, 44) umfassen die
"Sportvereine ... alleine schon einen größeren Personenkreis als
alle anderen Freizeitorganisationen zusammen". Demgegenüber ist
zum Beispiel ein "starkes Zurückgehen der Mitgliedschaften in Mu-
sik- und Gesangvereinen" zu verzeichnen. Differenziertere Angaben
über die quantitative Verteilung der Mitgliedschaften auf ein-
zelne Vereinsarten finden sich in Bühler u.a. (1978, 91 ff.).
Vereinsuntersuchungen im Zeichen der Erforschung der Lebensweise
der Arbeiterklasse werden genauer die Tendenzen der Verschiebun-
gen innerhalb des Vereinswesens zu prüfen haben, spiegeln sich
doch darin Veränderungen in den sozialkulturellen Bedürfnissen
und den "Lebensstilen". In diesem Zusammenhang ist daraufhinzu-
weisen, daß die Bestandsaufnahme der vereinsförmigen Mit-
gliedschaften für sich noch keine Rückschlüsse auf die sozial-
kulturellen Funktionen der Vereine insgesamt erlaubt. Vielmehr
ist geboten, jeweils das Verhältnis von Mitgliederbewegung und
Aktivitätspotential, d.h. die "aktiv-passiv"-Dimension genauer zu
erforschen, wie dies in der zitierten Sportvereinsstudie gelei-
stet worden ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Sportver-
eine, was den Anteil der aktiven Vereinsmitglieder betrifft, am
günstigsten abschneiden.
Was jedenfalls die Mitgliederbewegung insgesamt angeht, so hat
sich, allen feuilletonistischen Unkenrufen zum Trotz, die Ein-
sicht bestätigt, daß der Verein mehr und anders ist als nur ein
"guter deutscher Rest aus der guten alten Zeit" (Palm 1966, 119).
"Eher können Arbeiter schon dem Vereinsleben etwas abgewinnen"
(Osterland u.a. 1973, 261). Die Feststellung, daß die Industrie-
arbeiterschaft dem traditionellen Vereinswesen eher zugeneigt ist
als anderen Formen kultureller Teilhabe am (lokalen) Sozialleben,
wird durchgängig in den einschlägigen Untersuchungen bestätigt:
"Der relativ hohe Anteil von Arbeitern (insbesondere von Fachar-
beitern) in den Vereinen fällt besonders ins Auge." (Bühler u.a.
1978, 142). Allerdings gilt es hier, auf eine wichtige Differen-
zierung hinzuweisen. Während Facharbeiter einen besonders hohen
Grad an vereinsförmiger Organisiertheit aufweisen, sind unge-
lernte und angelernte Arbeitergruppen stark unterrepräsentiert,
ein Sachverhalt, der schon in der frühen Untersuchung von Rei-
grotzki (1956) beobachtet und auch in den neueren Studien von
Dunckelmann (1975), Armbruster/Leisner (1975) und Bühler u.a.
(1978) wieder hervorgehoben worden ist. Insgesamt weisen die Ma-
terialien aus, daß die Gruppen der kleinen und mittleren
"Selbständigen", der lohnabhängigen Zwischenschichten, der mitt-
leren und unteren Angestelltengruppen und die Facharbeiter das
Hauptreservoir der Vereine darstellen.
An dieser Stelle sei kurz auf den Aspekt der Vereine als Instru-
mente bürgerlicher Herrschaftssicherung eingegangen. In seiner
gegenwärtigen organisationspolitischen Gestalt, zumal was den so-
zialen und politischen Charakter der Vereinsführungen auf der
Ebene der "Großvereine" angeht 13), funktioniert das Vereinswesen
gleichsam als ein vorpolitischer Arm der herrschenden Klasse zur
Festigung von Massenloyalität. Dieser ausgeprägte Zug des Ver-
einswesens macht den zwieschlächtigen, innerlich widersprüchli-
chen Charakter der Vereine aus: zwar als Stätte sozialkultureller
Tätigkeit der abhängigen Bevölkerung zu wirken, zugleich aber als
Organ der ideologisch-politischen Hegemonie der herrschenden
Klasse zu fungieren, Momente der kulturellen Selbstbestimmtheit
ebenso zu besitzen wie Momente der politischen Fremdbestimmtheit
(vgl. Kroll 1980).
Betrachtet man die soziale Zusammensetzung des Vereinswesens ins-
gesamt, so scheint jedenfalls ein deutlicher Zusammenhang zwi-
schen dem beruflichen Qualifikationsniveau, dem allgemeinen Bil-
dungsniveau, den Lebensstil-Traditionen und der Vereinsfreudig-
keit zu bestehen. 14) D.h., es verbieten sich simple Kurzschlüsse
zwischen der ökonomischen Bestimmung der Klassenlage und dem Pro-
fil des Vereinswesens als Element der Lebensweise. Vielmehr
scheint das Vereinswesen sozial-kulturelle Feindifferenzierungen
innerhalb der Arbeiterklasse zu spiegeln. Diese Differenzierungen
drücken sich offensichtlich in den unterschiedlichen Präferenzen
der verschiedenen Kategorien der Arbeiterklasse für bestimmte
Vereinsarten aus.
So rangieren innerhalb der Industriearbeiterschaft (insbesondere
Facharbeitergruppen) die Sportvereine und die sog. Hobbyvereine,
d.h. Vereine, die an bestimmte Seiten der Arbeitstätigkeit auf
eine wohl eher eigeninitiative Weise anknüpfen, an der Spitze. Zu
berücksichtigen ist des weiteren, daß es darüber hinaus z.B. in-
nerhalb des Bereichs der Sportvereine wiederum sozial-kategorial
ausgeprägte Präferenzen für bestimmte Sportarten gibt. So hat
Schlagenhauf folgende "schichtenspezifische" Rangskala ermittelt:
1. Tennis, 2. Segeln, 3. Volleyball,4. Pferdesport, 5. Skifahren,
6. Wandern, 7. Gymnastik, 8. Schwimmen, 9. Eislaufen, 10. Tisch-
tennis, 11.Turnen, 12. Leichtathletik, 13. Radfahren, 14. Fuß-
ball, 15. Handball, 16. Kegeln, 17. Kampfsportarten, 18.
Schießsport und sonstige Sportarten (1977, 150 ff.). Schließlich
machen sich sogar erhebliche regionalkulturelle Unterschiede be-
merkbar (vgl. Bühler u.a. 1978, 100).
Die angedeuteten Feindifferenzierungen widerlegen das durchweg
von den Vereinsführungen veröffentlichte egalitäre Selbstbild
(vgl. Mayntz 1961, Luckmann 1970, Wehling/Werner 1975, Raschke
1978); das Vereinswesen reflektiert sinnfällig die innere Diffe-
renziertheit der Arbeiterklasse. 15)
Es darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, worauf
schon R. Mayntz in ihrer "Euskirchen-Studie" (1958) hingewiesen
hat, daß nämlich die unteren Qualifikationsgruppen der Industrie-
arbeiterschaft nicht prinzipiell der Mitgliedschaft in Vereinen
ablehnend gegenüberstehen. Es besteht durchaus der Wunsch nach
vermehrter vereinsförmiger sozial-kultureller Teilhabe. Die Be-
fragten der un- und angelernten Arbeitergruppen geben nämlich
durchweg an, daß es finanzielle Gründe, Zeitmangel und andere so-
ziale Hindernisse sind, welche sie von einer Teilnahme an den
Vereinen abhalten. Es zeigt sich auch hier sinnfällig, daß das
kulturkritische Gerede über "zuviel Freizeit", mit der die arbei-
tenden Menschen nichts anzufangen wüßten, der Realitätsprüfung
nicht standhält.
Abschließend seien noch einige Bemerkungen zur "demographischen"
Differenzierung des Vereinswesens notiert. Alle Untersuchungen
kommen einhellig zu dem Ergebnis, daß - mit Ausnahme der oberen
Zwischenschichten - die Frauen aller sozialen Kategorien der
werktätigen Bevölkerung überaus stark unterrepräsentiert sind in
den Vereinen. 16) Keime eines Abbaus dieser Benachteiligung deu-
ten sich besonders im Sportvereinswesen an.
Einen zentralen Faktor der Bestimmung des Vereinswesens bildet
das "Stadt-Land-Gefälle"; d.h., das Mitgliedervolumen ebenso wie
der Aktivitätsgrad des Vereinslebens variieren deutlich nach den
Ortsgrößen-Klassen. Es ist zwar keineswegs so, daß die Vereine
inzwischen eine ausschließliche Domäne der ländlich-kleinstäd-
tisch-mittelstädtischen. Regionen sind (vgl. Siewert 1978, 70
ff.); aber alle vorliegenden Studien weisen aus, daß die Vereine
mit wachsender Ortsgröße an Bedeutung verlieren. Allerdings fehlt
es an eingehenderen Analysen zur Aufgliederung ihrer sozial-kul-
turellen Bedeutung im Blick auf die einzelnen sozialen Kategorien
der in den großstädtischen und Ballungszentren lebenden werktäti-
gen Bevölkerung. Jedenfalls weisen die Untersuchungen für die
Sportvereine aus, daß sie inzwischen im großstädtischen Bereich
den Mitgliederschwund einiger anderer Vereinstypen auszugleichen
scheinen (vgl. Dunckelmann 1975, 107 ff.). Die sich andeutenden
Wandlungen in der Bedeutung der einzelnen Vereinsarten für die
verschiedenen sozialen Kategorien der werktätigen Bevölkerung le-
gen jedenfalls nahe, in diesem Bereich vermehrte intensive For-
schungen zur Rolle des Vereinswesens für die Lebensweise der Ar-
beiterklasse zu unternehmen.
3.2.2. Zu einigen sozial-kulturellen und persönlichkeitswirksamen
-----------------------------------------------------------------
Aspekten des Vereinswesens
--------------------------
Der gegenwärtige sozial-kulturelle Charakter des Vereinswesens
scheint durch zwei grundlegende Tendenzen gekennzeichnet. Auf der
einen Seite ist bis heute die für das Vereinsleben traditionell
typische Freiwilligkeit des Vereinsengagements mitsamt seinen
nicht- bzw. gegenprivatistischen, sozial-moralischen Komponenten
verbreitet. Diese Seite ist oft unter dem Stichwort der
"Ehrenamtlichkeit" von Funktionsausübungen vermerkt worden, worin
zum Vorschein kommt, daß Menschen einen Teil ihrer Nichtarbeits-
zeit freiwillig Tätigkeiten spezifisch sozial-kultureller Natur
"unentgeltlich opfern" (vgl. Bellmer 1966, 201). Solche Menschen
erscheinen dem gewöhnlichen privatistischen Bewußtsein als
"Idealisten", die man anerkennend belächelt. Daß die genannte
Seite des Vereinswesens immer noch von tragender Bedeutung ist,
kann füglich darin abgelesen werden, daß die schon zitierte Stu-
die der Adenauer-Stiftung (1978) just diese spezifisch sozial-
kulturelle Qualität des Vereinswesens zum Ausgangspunkt ihrer
Überlegungen nimmt, staatliche Funktionen auf freiwillige Verein-
stätigkeit zu überwälzen.
Der sozial-kulturellen Leistungskapazität des freiwilligen Ver-
einsengagements steht eine von vielen Vereinsforschern regi-
strierte Zunahme einer eingeschränkt "instrumentalistischen" Be-
ziehung von Teilen der Mitgliedschaft zu ihren Vereinen gegen-
über; d.h., die Vereine werden auf bestimmte "Dienstleistungs-
funktionen" reduziert (vgl. Raschke 1978, 157 ff.). Dies führt zu
einer Form von "Benutzerhaltung" (Schlagenhauf 1977, 104) und
impliziert einerseits einen Schwund an bestimmten sozial-
moralischen Qualitäten des Vereinslebens, andererseits einen
Verlust an spezifisch sozialen persönlichkeitsprägenden Wirkungen
der Vereinszugehörigkeit. Diese zweite Seite des gegenwärtigen
Vereinswesens scheint wiederum erheblich entsprechend dem Stadt-
Land-Kontinuum und nach Vereinsarten zu differieren. Aber selbst
dort, wo der "instrumentalistische" Bezug vorherrscht ("Vereins-
beitrag gegen Vereinsanlagenbenutzung") wie in manchen neueren
Sportvereinsarten, sind sozial-kulturelle Momente keineswegs
gänzlich ausgelöscht; "das Mithelfen und konkrete Mitanpacken"
(Schlagenhauf 1977, 108) scheint sich auch in solchen
Vereinsarten im Laufe der Zeit einzubürgern. Gleichwohl hat die
"instrumentalistische" Tendenz auch positive Wirkungen, insofern
sie zu einer gewissen "Entkrampfung" in der Vereinswelt
beigetragen hat. Hierzu gehört die Lockerung bestimmter Formen
vereinsspezifischer Borniertheit, die gepaart sind mit überzo-
genem Traditionalismus, Separatismus und spezifischen Arten von
Exklusivität (vgl. Bühler u.a. 1978, 140 ff.). Jedenfalls scheint
das "vereinsmeierische totale Engagement" partikuläreren Bezie-
hungsformen zu weichen.
Allerdings wäre es unangemessen, aktives Vereinsengagement pau-
schal mit "Vereinsmeierei" abzutun. Denn in der sog. Vereins-
meierei stecken auch entschieden sozialqualitative Momente, die
Licht auf sozial-kulturelle und persönlichkeitswirksame Aspekte
des Vereinslebens werfen (zur inneren Widersprüchlichkeit der
"Vereinsmeierei" Kroll 1980). Bühler u.a. (1978, 117) haben diese
Aspekte unter die brauchbare Kategorie der "Sozialmoral" gefaßt.
Die Menschen üben nämlich in den Vereinen nicht nur einsinnig
zweckbestimmte Tätigkeiten aus, z.B. Sportbetätigung oder Brief
markensammeln, worin bereits spezifische sozial-kulturelle Mo-
mente sich manifestieren; sie entwickeln auch, indem sie am Ver-
einsleben aktiv teilnehmen, einige ihnen eigene persönlichkeits-
spezifische soziale Qualitäten fort. Fast alle Vereinsstudien
stimmen darin überein, daß Vereinszugehörigkeit und zumal
-engagement auf vielfältige Weise die allgemeine "Soziabilität"
und Triebkräfte zur Selbsttätigkeit fördern. Die Besonderheit
liegt darin, daß eine hohe Korrelation zwischen Vereinsengagement
und einem gesamten "hohen außerhäuslichen Aktivitätsniveau"
(Schlagenhauf 1977, 136 ff.) festgestellt werden kann, worin sich
eine Überwindung familialen Privatismus auszudrücken scheint;
denn hohe außerhäusliche Aktivitätspotentiale korrelieren zudem
eigentümlicherweise positiv mit entwickelten Aktivitätspoten-
tialen innerhalb des Familienlebens selbst.
Familienleben und entwickeltes Vereinsengagement erscheinen nur
dann in konfliktärem Licht, wenn die sozial reduzierte privati-
stische Form des Familienlebens als Bewertungsmuster stilisiert
wird. Kurz, Vereinstätigkeit ordnet sich ein in ein Gesamtensem-
ble gegen-privatistischer, sozial engagierter Motivationen und
Aktivitäten, was wiederum durch den von allen Vereinsforschern
belegten Zusammenhang von Soziabilität, Aktivitätsgrad und Mehr-
fachmitgliedschaft erhärtet wird. Alle Ergebnisse deuten darauf-
hin, daß Personen, die engagiert am gesamten Spektrum des Ver-
einslebens teilnehmen, in überdurchschnittlicher Weise bereit
sind, freiwillig soziale Aufgaben zu übernehmen, daß sie ein ho-
hes Maß an sozialen Kompetenzen aufweisen, in ausgeprägter Weise
"soziale Tugenden" an den Tag legen (wie Hilfsbereitschaft, Be-
reitschaft zur sozialen Selbsthilfe, Kameradschaft, kooperations-
spezifische Disziplin), ein überdurchschnittliches Maß an Fähig-
keiten zur selbsttätigen Initiative besitzen und schließlich über
spezifische Fähigkeiten zur intensiven Nutzung des ihnen. wie an-
deren auch, nur begrenzt zur Verfügung stehenden Zeitbudgets ver-
fügen (vgl. die von Sève (1973) herausgearbeitete Differenz zwi-
schen Zeitbudget und subjektiver Zeitplanung). Diese Züge haben
früh schon die Vereinsforschung zur These angeregt, daß die Ver-
eine ein vorzügliches "Übungsfeld für sozialaktive Persönlichkei-
ten" seien (Mayntz 1958, 1961; Benedict 1972).
Die These von der Soziabilität besitzt noch einen weiteren wich-
tigen Aspekt. Die Untersuchungen kommen durchweg zu dem Schluß,
daß es einen signifikanten Wirkungszusammenhang zwischen dem all-
gemeinen, nicht vereinsspezifischen beruflich-sozialen Fähig-
keits- und Bedürfnisniveau einerseits und der Neigung zu aktiver
Vereinstätigkeit andererseits gibt (so Bühler u.a. 1978, 87 f.,
111). Es besteht eine gleichsam spiralförmige Wechselwirkung zwi-
schen der Entwicklung beruflich-sozialer Qualifikationen und dem
vereinsförmigen Aktivitätsniveau. D.h., je nach Vereinsart unter-
schiedlich ausgeprägt trägt die Vereinstätigkeit über "bloße" Be-
friedigung von Reproduktionsbedürfnissen hinaus zur Erhöhung des
sozialen Fähigkeitsniveaus und zur Differenzierung und Ausweitung
sozial-kultureller Bedürfnisse bei. Dieser Sachverhalt wirft
Licht auf den im einzelnen noch genauer zu untersuchenden Tatbe-
stand des relativ hohen Anteils gerade der Gruppe der Facharbei-
ter am aktiven Vereinsleben.
Die anskizzierte Soziabilitätsthese relativiert bzw. modifiziert
jedenfalls die seit Plessner (1952) und Habermas (1958) viel zi-
tierte, kulturkritisch eingefärbte These über die bloß eindimen-
sional-kompensatorische Funktion "außerbetrieblicher" Betätigung.
Nach der Kompensationsthese, z.T. erweitert durch eine Suspensi-
onsthese, erscheinen die sog. Freizeittätigkeiten, zu denen eben
die Vereinsbetätigung zu zählen ist, als nicht anderes denn ein
kompensatorischer Reflex auf die Belastungen der industriellen
Arbeitswelt. Übersehen wird dabei, was empirische Vereinsstudien
eindrucksvoll belegen, daß die Arbeits- und Vereinswelt keine
konträren Gegenwelten bilden, sondern in der Persönlichkeitsent-
wicklung und in der Entwicklung der Lebensweise in vielfältiger
Weise in einem auch durchaus positiven Wirkungszusammenhang zu-
einander stehen. Die Vereine etwa erweisen sich mitnichten nur
als einfache Ersatz weiten zur "öden Verdrängung des Arbeitsle-
bens", sondern in ihnen manifestieren sich Formen der Entwicklung
sozialkultureller Qualifikationen, die zunächst der Arbeitswelt
entstammen (Kameradschaft, Disziplin, Kooperation, gegenständli-
che Fähigkeiten), in den Vereinstätigkeiten aber in einer eher
kulturellen, selbstbestimmteren Weise ausgeübt und fortentwickelt
werden. Eine der Pointen liegt darin, daß eben nicht, wie eine
bestimmte "linke Kulturkritik" der "Leistungsgesellschaft" glau-
ben machen möchte, das spezifisch Kulturelle etwa der Sportver-
eine darin besteht, daß in ihnen "statt Leistung Spaß" vor-
herrscht (Benedict 1972, 82). Vielmehr zeigt die Studie von
Schlagenhauf (1977, 93), daß leistungsförmige Wettkampfkomponen-
ten, entwickeltes Sozialleben in den Vereinen und durchaus als
genußvoll empfundene selbsttätige Anstrengung höchst positiv mit-
einander korrelieren - "Leistung u n d Spaß".
Die komplizierten Beziehungen zwischen den sozialen Strukturen
der Arbeitswelt und denen der Vereinskultur bedürfen jedenfalls,
was die Probleme der analytischen Bewertung der Befriedigungswei-
sen von Reproduktionsbedürfnissen und der Kompensationsformen von
arbeitstypischen Deformationen angeht, eingehenderer Analysen als
sie bisher vorliegen. Es reicht jedenfalls weder hin, die Ver-
einskultur als recht eigentlich in ihren sozialen Strukturen bloß
"zwanghafte" Verlängerung fremdbestimmter Arbeitsformen aus der
Produktionssphäre abzutun, noch sie einfach als Ersatz- bzw.
Fluchtwelt, die gegen bzw. beziehungslos zur Arbeitswelt aufge-
baut wird, zu mißdeuten.
Die Verhältnisse liegen verwickelter, insofern in der Vereinskul-
tur durchaus Züge von Fremdbestimmtheit und von Fähigkeits- sowie
Bedürfnishemmung zu beobachten sind; zugleich ihr aber Potenzen
und Entwicklungskeime innewohnen, die beitragen, in genußvoller
Weise das sozial-kulturelle Fähigkeits- und Bedürfnisniveau über
die bloße "entwicklungslose" Kompensation von Versagungen hinaus
- in Anknüpfung an berufs- und arbeitsspezifische Qualifikationen
- zu erhöhen. Die widersprüchlichen Beziehungen zwischen Arbeits-
welt und Vereinskultur verlangen im Lichte der Entwicklung der
Produktivität (Fähigkeiten und Bedürfnisse) der Individuen ge-
nauere empirische Studien über den wahrscheinlich diesbezüglich
am bivalenten Charakter des Vereinswesens. Erst eine gezielte Er-
forschung der Probleme der schöpferischen Selbsttätigkeit, der
sozialkulturellen Erfahrungs-, Fähigkeits- und Bedürfnisentwick-
lung in diesen kollektiven Lebensformen liefert die Grundlage für
eine angemessene analytische Bewertung, die weder in Vereinseu-
phorie verfällt noch vorweg Verdikte verhängt.
Insgesamt kann mit Blick auf die bisher vorliegenden Ergebnisse
der Erforschung des in sich hochdifferenzierten Vereinswesens
resümiert werden, daß die Vereine mehr als nur kompensatorisch
Reproduktionsbedürfnisse erfüllen; sie haben vielmehr teil an ei-
ner allgemeinen sozial-kulturellen Qualifikationsentwicklung und
bilden ein Element der Lebenskultur der Arbeiterklasse, was nicht
zuletzt an der inneren Differenziertheit des Vereinswesens insge-
samt wie auch an den sozial-kulturell vielfältig differenzierten
Funktionen der einzelnen Vereine ablesbar ist. Das Vereinswesen
verdient m. E. im Rahmen kulturpolitischer Überlegungen und For-
derungen allemal stärkere Aufmerksamkeit.
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_____
1) Die Schwierigkeit, eine forschungsfruchtbare Vereinsdefinition
zu geben, zeugt vom unterentwickelten Forschungsstand. Als ver-
ständigende Hilfsdefinition sei hier angeführt, daß unter die Ka-
tegorie "Verein" solche Assoziationen gefaßt werden, die auf
freiwilliger Basis beruhen, nicht primär ökonomischer Interessen-
wahrnehmung dienen und im weitesten Sinne historisch bestimmten,
kulturell-sozialen Bedürfnissen entspringen. Im Unterschied zur
gängigen Vereinsforschung werden unter diese Kategorie "Verein"
Parteien, Gewerkschaften und ökonomisch-sozial bestimmte Verbände
nicht subsumiert.
2) "Das Schlagwortregister einer der größten soziologischen Bi-
bliotheken enthält das Wort 'Verein' nicht - geschweige denn den
Ausdruck 'Sportverein'. Viele soziologische Handbücher erwähnen
diese Begriffe nur beiläufig." (Lenk 1972, 15). An diesem Zustand
hat sich bis heute wenig geändert.
3) Diese von W. Bühler, H. Kanitz und H.J. Siewert bearbeitete
Studie über - Lokale Freizeitvereine "(1978) präsentiert durchweg
solide Befunde, reflektiert insgesamt den derzeitigen Entwick-
lungsstand der theoretischen und empirischen Vereinsforschung.
4) Zu einigen Aspekten des wachsenden politischen Interesses an
der Vereinsforschung vgl. F. Kroll (1980, 1980 a).
5) In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß die Hessische
Vereinigung für Volkskunde im Frühjahr 1980 eine Tagung zum Thema
"Vereine in Kulturforschung und Kulturpolitik" veranstaltet hat,
auf der von Positionen einer demokratischen Kulturpolitik her
endlich das Vereinsthema angegangen worden ist.
6) Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang an einen bemerkenswerten
forschungsleitenden Entwurf von A. Sternheim "Zum Problem der
Freizeitgestaltung", erschienen in der Zeitschrift für Sozialfor-
schung (1932), zu erinnern. Dort werden einige Forschungsaspekte
der Massenkultur vom Standpunkt der Reproduktionsbedürfnisse der
Arbeiterklasse formuliert; unter anderem auch explizit das Ver-
einsleben.
7) Besonders deutlich kommen solche Schwächen an den Zurechnungs-
weisen von Vereinsmitgliedschaft zum Vorschein. So subsumieren
die meisten einschlägigen Untersuchungen in einer von der Sache
her unzulässigen Weise Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeit un-
ter die allgemeine Kategorie Vereinszugehörigkeit. Dies erschwert
besonders sozial differenzierte quantitative Bestimmungen der
Entwicklung des Mitgliedervolumens.
8) Denkbar wären etwa kultursoziologisch orientierte Typologien
nach Maßgabe des Charakters der in den jeweiligen Vereinsarten
vorherrschenden Ziele und Aktivitäten, oder politisch-soziolo-
gisch orientierte Typologien, welche sich primär am gesell-
schaftspolitischen Funktionscharakter der Vereinsarten orientie-
ren.
9) Vgl. hierzu aus der Sicht der sog. Partizipationsforschung die
Studie von Th. Ellwein, E. Lippert und R. Zoll über "Politische
Beteiligung in der Bundesrepublik Deutschland". (1975)
10) Eine wissenschaftshistorisch-ideologiekritische Studie würde
m.E. erbringen, daß es, nach gesellschaftlichen Problemlagen und
Forschungsmotiven aufgeschlüsselt, bestimmte Entwicklungsetappen
in der Vereinsforschung gibt. So steht für die 50er Jahre die
Frage nach der Rolle der Vereine bei der "schichtübergreifenden"
sozialen Integration und der von "Einheimischen" und
"Zugewanderten" im Vordergrund. In den 60er Jahren liegt der Ak-
zent auf der Frage nach dem Beitrag der Vereine zur sog. Frei-
zeitkultur, ein Aspekt der jüngst wieder aufgegriffen worden ist.
In den 70er Jahren scheint die Vereinsforschung im Zeichen aus-
einanderstrebender, gegensätzlicher Motive zu stehen: auf der
einen Seite sozial-liberale, reformatorische "Partizipations-
forschung" und konservative "Entstaatlichungs"-Absichten, auf der
anderen Seite die Erforschung des Vereinswesens vom Standpunkt
der Entwicklung einer demokratischen Gegen- und sozialistischen
Perspektivkultur.
11) Der Tübinger Volkskundler H. Bausinger hat 1959 in seinem
Aufsatz über "Vereine als Gegenstand volkskundlicher Forschung"
ein durchaus richtungsweisendes Untersuchungsprogramm skizziert,
das aber bis heute nur unzureichend aufgegriffen worden ist.
12) Die Angaben sind im wesentlichen den Studien von Arm-
bruster/Leisner (1975), Bühler u.a. (1978) und Schlagenhauf
(1977) entnommen. Es gibt allerdings Studien, die einen höheren
Prozentwert des vereinsförmigen Organisationsgrades der bundes-
deutschen Bevölkerung angeben (hierzu Schlagenhauf 1977, 44 f.)
13) Zur Problematik der "Vereinsführung", die unter Gesichtspunk-
ten der politischen Soziologie der sozialen Versäulung der poli-
tischen Macht der herrschenden Klasse nach unten besonders Auf-
merksamkeit verdient, die einschlägigen Ergebnisse bei Grosskopf
(1966), Lenk (1966, 1972), Benedict (1972), Dunckelmann (1975),
Raschke (1978).
14) Vgl. hierzu die instruktiven Hinweise bei Hahn (1975) und
Bühler u.a. (1977, 111), daß z.B., selbst was die Sportvereine
angeht, Vereinsmitgliedschaft und Vereinstätigkeit durchaus noch
als ein "bildungsabhängiges Privileg" erscheinen.
15) Zu den kultursoziologischen und -politischen Konsequenzen
dieses Grundsachverhalts Moose (1977, 67).
16) Eine Besonderheit stellen die kirchlichen Vereine dar, in
denen regional, konfessionell und nach Ortsgröße ausdifferen-
ziert, ein hoher Frauenanteil gerade auch aus den Arbeitergruppen
festgestellt worden ist (vgl. Hahn 1965).
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