Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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WISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHER FORTSCHRITT
UND GESELLSCHAFTLICHE ALTERNATIVEN
Ergebnisse und Probleme einer Tagung des IMSF
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André Leisewitz
1. Entwicklungsrichtungen des wissenschaftlich-technischen Fort-
schritts und seiner gesellschaftlichen Anwendung - 2. Marxisti-
sche Grundpositionen zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik
im Kapitalismus - 3. Kritik bürgerlicher Wissenschafts- und Tech-
nikideologie - 4. Ressourcenverknappung, ökonomisches Wachstum
und technischer Wandel - 5. Ökologie und Umweltkrise in der Bun-
desrepublik - 6. Schlußfolgerungen, Probleme.
Das IMSF führte am 29./30. März 1980 in Frankfurt/M. eine Tagung
"Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und gesellschaftliche
Alternativen" durch. Ziel war eine erste Bestandsaufnahme der
Diskussion unter marxistischen Wissenschaftlern der Bundesrepu-
blik über
- Grundprozesse der gegenwärtigen und zukünftigen Wissenschafts-
und Technikentwicklung,
- marxistische Grundpositionen zur Entwicklung von Wissenschaft
und Technik im Kapitalismus,
- bürgerliche Auffassungen zum Verhältnis von Wissenschaft, Tech-
nik und Gesellschaft,
- Ressourcenverknappung und Wachstumsproblematik sowie
- Ökologie und Umweltkrise in der Bundesrepublik.
Beabsichtigt waren sowohl Selbstverständigung wie Problemschau,
Diskussion theoretischer Ansätze wie Verallgemeinerung des gegen-
wärtigen Informationsstandes. Es wurden Vorträge und Korreferate
gehalten, an die sich eine allgemeine Diskussion anschloß. An der
Tagung nahmen 250 Wissenschaftler unterschiedlicher gesell-
schafts-, natur- und technikwissenschaftlicher Richtungen sowie
Vertreter der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung
teil. Sie konnten an die Konferenz "Rationalisierung - Ar-
beitsplätze - Tarifkämpfe" (März 1979) anknüpfen, die Problemen
der neuen Technik auf der betrieblichen Ebene und den Möglichkei-
ten der gewerkschaftlichen Gegenwehr gewidmet war.
Vorträge, Korreferate und die Materialien der Tagung sowie Be-
richte über die Diskussionen erscheinen als gesonderte Publika-
tion. 1) Daher werden hier nur die wichtigsten Ergebnisse refe-
riert sowie einige Probleme benannt, die sich aus der Diskussion
ergeben haben.
1. Entwicklungsrichtungen des wissenschaftlich-technischen
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Fortschritts und seiner gesellschaftlichen Anwendung
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Vortrag von A. Leisewitz (IMSF), Korreferat von Bernhelm Booß
(Bielefeld, z. Zt. Universität Roskilde).
Der e i n l e i t e n d e V o r t r a g ging von drei Frage-
stellungen aus. Erstens: Welche Hauptentwicklungsrichtungen in
Wissenschaft und Technik sind gegenwärtig unter dem Gesichtspunkt
ihrer zukünftigen praktischen Nutzung zu konstatieren? Zweitens:
Worin bestehen die zentralen Entwicklungstendenzen des gesell-
schaftlichen Produktivkraftsystems? Drittens: Welchen wissen-
schaftlich-technischen Entwicklungen kommt für die Umgestaltung
des Produktivkraftsystems eine Schlüsselfunktion zu?
Als Hauptrichtungen der modernen Wissenschafts- und Technikent-
wicklung wurden angesehen: Energieforschung, insbesondere Plasma-
und Fusionsforschung; Elektronik (Halbleitertechnologie und Quan-
tenelektronik); Biotechnologie. Die Gemeinsamkeit der genannten
Richtungen besteht in der Erforschung von Prozessen und Gesetzmä-
ßigkeiten auf der molekularen und atomaren Strukturebene, für die
die Entwicklung der Quantenmechanik die theoretischen Vorausset-
zungen geschaffen hat. Eingehender dargestellt wurden Fusionsfor-
schung, Lasertechnologie, Elektronik und Halbleitertechnologie
sowie biotechnologische Verfahren und Gen-Technik.
Hinsichtlich der Entwicklung des modernen Produktivkraftsystems
wurde als "eigentlicher Kern der wissenschaftlich-technischen Re-
volution" die breite Einführung "logischer Maschinen" bezeichnet,
die logische Steuerungsfunktionen des Maschinen- und Anlagensy-
stems übernehmen. Die Einführung solcher maschineller Einrichtun-
gen zur Aufnahme, programmierten Verarbeitung und Umsetzung von
Informationen in Steuerungsbefehle sei Voraussetzung für die
Überwindung der Schranke der Produktivkraftentwicklung, die sich
aus der Begrenztheit der Fähigkeiten des Menschen zur sinnlichen
Aufnahme, Verarbeitung und beliebig schnellen Umsetzung von Daten
ergibt. Sieht man hierin die zukünftige Entwicklungsrichtung des
Produktivkraftsystems, so kommt der Elektronik eine Schlüssel-
funktion zu, da sie die Voraussetzungen für die Konstruktion der
"logischen Maschinen" liefert.
Abschließend wurden neuere Automationskonzeptionen zur Prozeß-
steuerung diskutiert, die auf der Anwendung dezentraler, minia-
turisierter Prozeßrechner im Rahmen hierarchischer Steuerungssy-
steme beruhen. Wenn auch gegenwärtig die Mikroprozessor-Technik
zur Informationsverarbeitung in erster Linie außerhalb der mate-
riellen Produktion angewendet werde, so sei doch in Zukunft mit
ihrer Anwendung in Verbindung mit neuen Verfahren der Materialbe-
arbeitung in weiten Bereichen der materiellen Produktion zu rech-
nen. Hier sei - wie auch aus allen neueren Prognose-Studien ent-
nommen werden könne - mit gewaltigen Arbeitsplatz- und Qualifika-
tionsproblemen zu rechnen, die zu den zentralen sozialen Kampf-
feldern der nächsten Jahrzehnte gehören werden.
Booß ergänzte bei Einverständnis mit den Grundaussagen des Ver-
trages: Man dürfe bei aller Dominanz der genannten Hauptrichtun-
gen nicht übersehen, daß sich gegenwärtig in faktisch allen wis-
senschaftlich-technischen Bereichen Veränderungen mit beachtli-
chen praktischen Auswirkungen vollzögen. Für die Gesamtentwick-
lung in Wissenschaft und Technik seien charakteristisch: die zu-
nehmende Bedeutung gesellschaftswissenschaftlicher Überlegungen
in den Naturwissenschaften und im Ingenieurwesen; eine allgemeine
Tendenz zur Mathematisierung und Schaffung künstlicher Erfahrung
mit Hilfe mathematischer Modelle; eine zunehmende "Diversifika-
tion" in Forschung und Produktion im Sinne zunehmender Vielfalt
von Nutzungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Ergebnisse; die
weitgehende Unterordnung von Forschung, Technologie und
Entwicklung unter militärische Bedürfnisse; die Internationa-
lisierung von Wissenschaft und Forschung; die Verwissenschaftli-
chung der Allgemeinbildung und das Eindringen von Wissenschaft in
das Alltagsleben; schließlich die engere Verbindung von Wissen-
schaft und Arbeiterklasse nicht nur unter dem Gesichtspunkt der
Abwehr sozialer Belastungen, die sich aus der kapitalistischen
Anwendung von Wissenschaft und Technik ergeben, sondern auch im
Sinne der Freisetzung der Potenzen des wissenschaftlich-techni-
schen Fortschritts und seiner Nutzung im Interesse der arbeiten-
den Bevölkerung.
In der D i s k u s s i o n - es beteiligten sich 13 Tagungs-
teilnehmer - standen vier Problembereiche im Mittelpunkt.
E r s t e n s: Bedeutsame wissenschaftlich-technische Entwick-
lungen ergeben sich nicht nur aus der Erforschung der
"Mikroebene" molekularer, atomarer und subatomarer Prozesse und
Strukturen, sondern auch aus der Erforschung globaler Beziehun-
gen, wie sie z. B. Gegenstand der Ökologie, Klimatologie u.a.
Richtungen sind (Bohle, Adamczak).
Z w e i t e n s: Bei der Beurteilung der Energieforschung müssen
stärker Möglichkeiten der Energieeinsparung, Verfahren zur Opti-
mierung der Energieausnutzung und Produktionsverfahren mit gerin-
gem Energieverbrauch berücksichtigt werden. Adamczak und Gärtner
verwiesen auf biotechnologische Verfahren. Es wurde jedoch darauf
hingewiesen, daß nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand für die
Produktionstechnologien der Zukunft die Erzeugung von Energie mit
hoher Energieflußdichte erforderlich sei, für die alle diskutier-
ten biologischen oder anderen "alternativen" Energiequellen nicht
ausreichten. Daher seien solche Verfahren wie die Energiegewin-
nung aus Kernfusion sinnvoll und notwendig (Leisewitz).
D r i t t e n s: Stand und Perspektiven der Automation. Die An-
wendung "logischer Maschinen" und die Ersetzung einfacher logi-
scher Funktionen des Menschen bei der Prozeß-Steuerung eröffnet
zugleich die Perspektive der Formalisierung schöpferischen Den-
kens. Es stellte sich die Frage, inwieweit auch schöpferisches
Denken automatisierbar sei (Krämer-Friedrich, Mathis), Einen
Überblick über Automationsschritte im Bereich der materiellen
Produktion gab Birkwald.
V i e r t e n s: Werner stellte die Frage, ob die wissenschaft-
lich-technische Revolution sich überhaupt im Kapitalismus entfal-
ten könne oder ob ihr nicht systembedingte Grenzen entgegenstün-
den, z.B. bei der Vermittlung der notwendigen Qualifikationen und
der Verwissenschaftlichung der Allgemeinbildung. Er verwies dabei
auf die sehr widersprüchliche, zögernde Entwicklung von Automati-
onsverfahren in der Vergangenheit. Leisewitz vertrat die Ansicht,
letztlich entscheidend für die breite Einführung des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts und die Anwendung der
"logischen Maschinen" sei das Interesse des Kapitals an profi-
tabler Ersetzung lebendiger durch tote Arbeit. Würden die ökono-
mischen Grenzen überwunden, die in der Vergangenheit der breiten
Anwendung automatischer Prozeßsteuerungseinrichtungen entgegen-
standen, so würden sich auch die als Kernprozesse der wissen-
schaftlich-technischen Revolution zu bezeichnenden Umwälzungen im
Produktivkraftsystem durchsetzen. Das sage jedoch noch nichts
über systembedingte Unterschiede der wissenschaftlich-technischen
Revolution im Kapitalismus und Sozialismus.
2. Marxistische Grundpositionen zur Entwicklung
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von Wissenschaft und Technik im Kapitalismus
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Vortrag von Josef Schleifstein (IMSF), Korreferat von Hellmuth
Lange / Bernd Molden-Schleifstein gab eine konzentrierte Darstel-
lung der Marxschen Auffassung der Entwicklung von Wissenschaft
und Technik im Kapitalismus und setzte sich mit dem Marxismus
kritisch gegenüberstehenden Positionen in der "grünen" und Alter-
nativbewegung auseinander, wie sie von Robert Jungk? Klaus
Traube, Freimut Duve u.a. vertreten werden.
Ausgehend von der Dialektik des Zusammenhangs von Produktivkräf-
ten und Produktionsverhältnissen zeigte Schleifstein, daß die
Entwicklung von Wissenschaft und Technik formationsbestimmt ist,
daß sie in der bürgerlichen Gesellschaft also kapitalistische
Entwicklung und damit "auf die eine oder andere Weise von den
Antagonismen der Gesellschaft geprägt" ist. Mit der von Marx her-
vorgehobenen Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise zu
universeller Entwicklung der Produktivkräfte sei unlösbar auch
deren Deformation verknüpft: "Der technische und wissenschaftli-
che Fortschritt im Kapitalismus trägt unvermeidlich ein Janusge-
sicht, er entwickelt sich, indem das Kapital zugleich die Spring-
quellen allen Reichtums, 'die Erde und den Arbeiter' untergräbt."
Dieser widerspruchsvolle Charakter kapitalistischer Produktiv-
kraftentwicklung treffe zuerst die wichtigste Produktivkraft, den
arbeitenden Menschen; er drücke aber auch den anderen Elementen
des Produktivkraftsystems seinen Stempel auf: "Es war unvermeid-
lich, daß die ausbeuterischen, inhumanen Eigenschaften der kapi-
talistischen Gesellschaft auch in einem bestimmten 'technolo-
gischen Regime', in einer bestimmten Organisation des Zusammen-
wirkens von Mensch und Technik, im Verhältnis zu den natürlichen
Ressourcen ihren Ausdruck finden." Einerseits formationsbestimmt,
besäßen Wissenschaft und Technik andererseits eine relative
Selbständigkeit, seien sie - soweit sie objektive Naturgesetze
erkennen und technologisch anwenden - "ein allgemeiner
menschlicher Wissensschatz " und damit auch Basis für die Ent-
wicklung und Umgestaltung der Produktivkräfte in der sozialisti-
schen Gesellschaft.
Sicher könne man manche Vorschläge der alternativen Technikkriti-
ker akzeptieren ; abzulehnen sei jedoch ihr weithin charakteri-
stisches Ausweichen vor der offenen Gegnerschaft zum Kapitalis-
mus, indem der "Industrialismus", die "Großtechnik", die
"Verherrlichung" des Wachstums und der Produktivität zur Wurzel
des Übels erklärt würden. Es gebe keinen plausiblen Grund dafür,
Großtechnik prinzipiell als undurchschaubar und unkontrollierbar
anzusehen. Für die Befriedigung zahlreicher Bedürfnisse auf dem
einmal erreichten zivilisatorischen Niveau unersetzlich geworden,
biete sie oft eher als kleine oder mittlere Technologie die Vor-
aussetzung für umweltfreundliche Produktion und günstigere Ar-
beitsbedingungen. Unhaltbar sei auch der an den Marxismus gerich-
tete Vorwurf der "blinden Anbetung der Produktivität". Hier werde
Produktivität schon im Begriff auf kapitalistische Effektivität
und Rentabilität reduziert. Der Marxismus verstehe unter Entfal-
tung der Produktivität im geschichtlichen Maßstab nicht nur Stei-
gerung der Wirksamkeit der technischen Mittel, sondern viel um-
fassender die Entwicklung aller schöpferischen Potenzen des Men-
schen, mit Marx "Entwicklung des Reichtums der menschlichen Natur
als Selbstzweck."
Lange und Moldenhauer trugen drei Überlegungen vor:
E r s t e n s: Alle bisher entwickelten Techniken zeichneten
sich durch eine gewisse Variationsbreite in der für sie konstitu-
tiven Kombination von lebendiger Arbeit und gegenständlichen Mo-
menten des Arbeitsprozesses aus; es gäbe eine Variationsbreite
möglicher Anwendungsweisen der Technik, die ausschließlich ge-
sellschaftlicher Zwecksetzung unterworfen sei. Insofern seien
Auffassungen von a n s i c h ökologisch schädlicher oder
menschlich verkrüppelnder Technik unhaltbar.
Z w e i t e n s: Bei allen Techniken gäbe es jedoch "Grenzen ih-
rer Anwendbarkeit im Sinne universeller Entwicklung der Menschen
und nicht-ausbeuterischer Aneignung der Natur", die sich aus dem
naturgesetzlichen Moment der Funktionsprinzipien jeglichen tech-
nischen Systems ergäben. Diese Grenzen betreffen insbesondere den
Charakter der lebendigen Arbeit, die der Betrieb eines maschinel-
len Systems erfordert, also mehr oder weniger schwere körperliche
Arbeit, bestimmte Proportionen von Hand- und Kopfarbeit usf.
D r i t t e n s: Diese Grenzen können nur durch Weiterentwick-
lung der Technik, durch weitere Abgabe körperlich oder geistig
vereinseitigender Funktionen an maschinelle Aggregate überwunden
werden. Eine solche Weiterentwicklung der Technik schließt stei-
gende Anforderungen an die Kontrollfähigkeit der lebendigen Ar-
beit ein. Hier liegt, so Lange/Moldenhauer, der entscheidende
Dissens mit den Vertretern der Ökologiebewegung und ihrer Auffas-
sung, daß sich komplexe "großtechnische" Systeme prinzipiell ge-
sellschaftlicher Kontrolle entzögen. Die Technikentwicklung könne
demokratischer Zwecksetzung untergeordnet werden - eine notwen-
dige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung zur Verhinderung
ökologisch schädlicher und menschlich verkrüppelnder Auswirkun-
gen. Die demokratische Kontrolle müsse Ergänzung finden in einer
breiten Ausweitung wissenschaftlich-technischer wie gesell-
schaftswissenschaftlicher Kenntnisse über Technikentwicklung und
Folgen-Abschätzung.
Die D i s k u s s i o n, an der sich zwölf Teilnehmer der Ta-
gung beteiligten, konzentrierte sich auf drei Fragen:
E r s t e n s: Quellen der Ideologie der Alternativbewegung. R.
Schweicher und Th. Neumann vertraten gleichermaßen die Auffas-
sung, daß man der Alternativbewegung nicht unterstellen könne,
ihr Ausgangspunkt sei die Kritik an Wissenschaft und Technik.
Diese Bewegung sei vielmehr die sehr heterogene Reaktion auf die
Erfahrung, daß die technische, die Produktivkraftentwicklung in
der kapitalistischen Gesellschaft statt zu einer Erweiterung und
Entfaltung der lebendigen Arbeit gerade zu deren Einschränkung
führe. Ein progressives Moment dieser Bewegung sei die Forderung
nach demokratischer Kontrolle; ihre soziale Distanz zur produkti-
ven Nutzung und Beherrschung von Technik mache sie jedoch anfäl-
lig für bürgerliche Technik-Dämonisierung.
Z w e i t e n s: In mehreren Diskussionsbeiträgen wurde ein ge-
wisses Dilemma der marxistischen Arbeiterbewegung konstatiert:
Obwohl sie über relativ weit entwickelte Kenntnisse und theoreti-
sche Einsichten in den Zusammenhang von Technik- und Gesell-
schaftsentwicklung oder die Ursachen der Umweltzerstörung verfüge
und auf dieser Grundlage Alternativkonzeptionen entwickelt habe,
würden diese Positionen in der Alternativ-Bewegung doch höchstens
am Rande aufgenommen. Man müsse also mehr über Ansatzpunkte der
Auseinandersetzung nachdenken.
D r i t t e n s: Man dürfe gegenüber dem - technologischen De-
terminismus" der Alternativ-Bewegung nicht in den umgekehrten
Fehler verfallen, die - Unschuld der Technik" zu retten. S. Krä-
mer-Friedrich verwies darauf, daß mit der wachsenden Dimension
der Technikentwicklung auch die Möglichkeit des Auseinanderfal-
lens von bezweckten und unbeabsichtigten Folgen der Technikanwen-
dung wachse. Da die Produktivkraftentwicklung sich immer nur in
und vermittelst bestimmter gesellschaftlicher Produktionsverhält-
nisse vollziehe, betonte Schleifstein, könne es in der Klassenge-
sellschaft keinen Lebensbereich geben, der sich "unschuldig", nur
aus seiner Eigengesetzlichkeit heraus habe entwickeln können.
Eine der Ursachen für die wachsende Möglichkeit des Auseinander-
fallens von bezweckten und unbeabsichtigten Folgen der Technikan-
wendung sah Moldenhauer darin, daß einerseits mit der Wissen-
schafts- und Technikentwicklung die Handlungsmöglichkeiten der
Menschen enorm zunähmen, während die wissenschaftlichen Kennt-
nisse über potentielle Folgen als Grundlage kritischer Abschät-
zung nicht in gleichem Maße anwüchsen.
3. Kritik bürgerlicher Wissenschafts- und Technikideologie
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Vortrag von Hans Heinz Holz (Groningen), Korreferat von Thomas
Neumann (Düsseldorf).
H.H. Holz gab in seinem Vortrag einen gerafften Überblick zur
Entwicklung bürgerlicher Technikauffassungen im imperialistischen
Deutschland. Zwei Richtungen seien hier, trotz wechselnder Form
und wechselnden Vokabulars, durchgängig zu beobachten: einerseits
eine dämonisierende Richtung, die Technik als "Zerstörungsmacht"
begreife (nach dem 1. Weltkrieg repräsentiert durch Spengler, Or-
tega u.a.) und zur Verlagerung der Gesellschafts- in die Technik-
kritik beigetragen habe. Die andere Richtung werde gespeist vom
bürgerlichen Interesse an Technikentwicklung als Grundlage des
Akkumulationsprozesses: die idealistisch-apologetische Strömung
(Dessauer u.a.). Bei ihr trete der Ingenieur als "Erfinder" in
den Vordergrund, der bereits prä-existierende Ideen "findet".
Auch diese Richtung trägt den Keim des Technik-Pessimismus in
sich: Der einzelne ist der prä-existierenden Welt technischer
Ideen unterworfen, Technik wird verstanden als sich selbst ent-
faltendes Gebilde - so die idealistische Kritik an Dessauer.
Nach dem zweiten Weltkrieg reproduziert sich der ideologische Wi-
derspruch von Technik-Apologie und -Dämonisierung erneut, nun
nicht mehr im irrationalistischen Vokabular der 20er Jahre, son-
dern in der Sprache des Neopositivismus, der analytischen Wissen-
schaftstheorie usf. Die eine Richtung geht aus vom herrschenden
Interesse an gesellschaftlicher Bedürfnissteuerung: Technikent-
wicklung erscheint als Bedrohung von Lebensqualität, nicht als
Instrument der Bedürfnisentfaltung und -befriedigung. Die Ideolo-
gie des Club of Rome, die Propagierung des Null-Wachstums und die
Theorie vom Wertmanagement verbinden sich hier.
Demgegenüber reproduziert die andere Richtung bürgerlicher Tech-
nikauffassung sich in der Vorstellung "autonomer" Technikentwick-
lung und durch sie gesetzter Sachzwänge, denen gesellschaftliche
Bedürfnisse untergeordnet werden müßten und die allein von Exper-
ten beurteil- und beherrschbar seien. Beide Richtungen fließen in
der Forderung nach Eliten- oder Expertenherrschaft im staatsmono-
polistischen Kapitalismus zusammen, ihre Legitimation ist die
Ideologie der Technik-Bewertung, der profit-kalkulierenden Ko-
sten-Nutzen-Abschätzung, des "technology assessment".
Die Verbindung von Technik-Entwicklung und Technik-Bewertung er-
öffnet nun ein Feld des ideologischen Klassenkampfes um das Den-
ken der technischen Intelligenz. Es ergibt sich die Möglichkeit
der Erarbeitung alternativer, humanen Wertpräferenzen verpflich-
teter Werte-Kataloge, die mit profitorientierten Wertsetzungen
konfrontiert werden können. Anhand solcher, einen Wertzusammen-
hang konstruierenden Modelle (die von Werten wie Haltbarkeit, Si-
cherheit u. a. ausgehen), lassen sich dem Kapitalismus immanente
Widersprüche aufzeigen und damit Ansatzpunkte für gesellschafts-
kritisches Bewußtsein in der technischen Intelligenz gewinnen.
Holz entwickelte diesen Gedanken am Beispiel der Auseinanderset-
zungen im VDI bei der Diskussion um entsprechende Richtlinien und
Wertpräferenzen.
Th. Neumann sprach von einer "teilweise offenen ideologischen Si-
tuation", in der es besonders auf die Formulierung von Problemen
ankomme. Er nannte vier Bereiche. 1. Das neue Niveau des Systems
Wissenschaft - Technik - Produktion erfordere heute erneutes
Nachdenken über das Verhältnis von Eigengesetzlichkeit und
-dynamik dieses Systems und Gesellschaftsentwicklung. 2. Wenn der
wissenschaftlich-technische Fortschritt heute ein Feld des Klas-
senkampfes sei, so müßten die einzelnen Bereiche dieses Feldes
genauer umrissen werden, um beurteilen zu können, mit welcher
Akzentsetzung und welcher Absicht die bürgerliche Ideologie den
einen oder anderen Gegenstand ergreift. Neumann demonstrierte
dies an der unterschiedlichen Institutionalisierung von Technik
(primär im industriellen Bereich) und Wissenschaft (primär im
Hochschulbereich und bei Forschungsinstitutionen). 3. Der wissen-
schaftlich-technische Fortschritt wirft eine Reihe neuer Fragen
auf, auf die es gegenwärtig keine definitive Antwort gibt: die
Abschätzung der Perspektiven der neuen Technologien; das Problem
der Qualifikationsentwicklung; das Verhältnis von Natur- und Ge-
sellschaftswissenschaften; Rückwirkungen der weltweiten Indu-
strialisierung auf die Wissenschafts- und Technikentwicklung der
industrialisierten Länder. 4. müsse in Rechnung gestellt werden,
daß in den zurückliegenden zehn Jahren neue soziale Kräfte sich
in die Auseinandersetzung um Wissenschafts- und Technikentwick-
lung eingeschaltet hätten: die Studentenbewegung; eine Bewegung
progressiver Wissenschaftler; die gewerkschaftliche Diskussion um
eine eigenständige Position zu Wissenschaft und Forschung;
schließlich die Alternativbewegung.
In der D i s k u s s i o n (15 Wortmeldungen) wurden zunächst
die Anregungen von Holz aufgenommen, Zugänge zur Entwicklung ge-
sellschaftskritischen Denkens in der technischen Intelligenz of-
fenzulegen. Hier wurden drei Positionen vorgetragen: l. Möglich
sei die Entstehung spontan-materialistischen (Bohle), ja sogar
spontanen dialektisch-materialistischen Denkens (Adamczak) bei
Naturwissenschaftlern im wissenschaftlichen Arbeits- und Aneig-
nungsprozeß. 2. Das Bewußtsein des Widerspruchs von gesellschaft-
licher Realität und akzeptierten Normen der Technikentwicklung
(Goergens, Holz) könne zu Ausgangspunkten ideologischer Arbeit
und politischer Praxis werden. 3. fragte Jung, ob nicht die For-
derung nach Entwicklung alternativer Techniken bei der Intelli-
genz Bewußtseinsprozesse auslösen und sie zum Verbündeten der Ar-
beiterbewegung machen könne. Hier stelle sich die Grundfrage, ob
die Technologien selbst, die Elemente des Produktivkraftsystems
und die Form der Naturaneignung zum Gegenstand des Klassenkampfes
werden könne oder ob der Versuch der Einflußnahme auf die Technik
selbst und damit auch die Forderung nach Entwicklung alternativer
Technik im Kapitalismus illusionär sein müsse.
Zu dieser Frage wurden verschiedene Standpunkte formuliert: Pae-
tau verwies (wie Lange / Moldenhauer) auf "Variationsmöglich-
keiten" der Technikentwicklung im Kapitalismus auf der Basis der
jeweils entwickelten Produktivkräfte; Neumann hob den
Zusammenhang zwischen objektiven Bedürfnissen und alternativer
Technik hervor. Der Umweltschutz sei Beispiel für die Möglichkeit
"alternativer Technik", denn es gebe reale Alternativen zur
profitorientierten Nutzung der Umwelt im Produktivkraftsystem.
Bömer verwies auf alternative Verkehrstechnologien. Skeptischer
äußerte sich Gärtner. Die Aufnahme technologischer Alternativen
aus der Ökologiebewegung durch das Kapital (wie zunehmende
Nutzung von Biomasse, Nutzung von Abwärme usf.) zeige gerade, daß
es illusionär sei, durch technologische Alternativen soziale und
Umweltprobleme lösen zu wollen. Holz argumentierte: Technik
stelle als Ganzes ein System dar, innerhalb dessen es
selbstverständlich Alternativen der Weiterentwicklung gäbe. Die
Entwicklung eines Technik-Systems ohne Großtechnik sei dagegen
illusionär, eine solche Forderung reaktionär. Alternativen im
Rahmen des gegebenen Technik-Systems könnten aber nicht getrennt
werden von gesellschaftspolitischen Alternativen: letztere seien
konstitutiv für die Nutzung alternativer Technologien. Notwendig
sei also immer die Entwicklung gesellschaftlicher Alternativkon-
zeptionen - innerhalb des bestehenden Gesellschaftssystems wie
über dieses hinausgedacht.
Die sozialen Folgen kapitalistischer Nutzung der neuen Technik
sind unmittelbar spürbar im Betrieb selbst. Mehrere Diskussions-
beiträge gingen auf Arbeitsbedingungen und technische Alternati-
ven auf der betrieblichen Ebene ein. Dabei wurden drei Probleme
der gewerkschaftlichen Arbeit benannt: 1. Es mangele an Konzep-
tionen für eine "alternative Einsatzmöglichkeit" der neuen Tech-
nik. Hier sei die Ausarbeitung konkret faßbarer, umsetzbarer Al-
ternativen für die Anwendung der neuen Technik im Betrieb eine
eminent wichtige Aufgabe, die die Gewerkschaften nur in Koopera-
tion mit Spezialisten leisten könnten. 2. Das Kapital reagiere
auf die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit der Intensivie-
rung der Arbeit durch technischen Fortschritt. 3. Die Anwendung
von Elektronik drohe die Belegschaften totaler Kontrolle zu un-
terwerfen - gleichermaßen ein Hebel zur Arbeitsintensivierung.
Bei allen drei Problembereichen könne die gewerkschaftliche Ge-
genwehr nicht nur in Betriebsvereinbarungen und vergleichbaren
Absicherungen bestehen , sondern erfordere auch wirkungsvolle
technische Lösungen zur Einschränkung der Belastungen der Beleg-
schaften.
4. Ressourcenverknappung, ökonomisches Wachstum
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und technischer Wandel
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Vortrag von Jan Priewe (Bielefeld), Korreferat von Hermann Bömer
(Dortmund).
Priewe behandelte vier Fragen: 1. Gibt es angesichts endlicher
Ressourcen auf der Erde physische Wachstumsgrenzen? 2. Wie ist
die ökologische Technikkritik zu beurteilen? 3. Was sind die Ur-
sachen der gegenwärtigen Wachstumskrise? 4. Wie läßt sich ein al-
ternativer Wachstumstyp charakterisieren?
Zur ersten Frage vertrat Priewe prononciert folgenden Standpunkt:
Gegenwärtig können aus der perspektivischen Entwicklung weder des
Bevölkerungswachstums noch der Nahrungsmittelproduktion noch der
nicht-regenerierbaren natürlichen Ressourcen noch der Umweltbela-
stungen Wachstumsgrenzen abgeleitet werden. "Zwar stellen sich
enorme Umstellungsprobleme während der kommenden 50 Jahre, Pro-
bleme extrem langfristiger Planung, die unter kapitalistischen
Bedingungen kaum lösbar sind; jedoch kann von physischen Wachs-
tumsgrenzen nicht die Rede sein." Vielmehr müsse konstatiert wer-
den, daß die Energie-, Rohstoff- und ökologische Krise nicht Er-
gebnis akuter oder latenter Wachstumsgrenzen sind, sondern daß
sie die kapitalistische Form der Produktivkraftentwicklung dar-
stellen. Priewe verdeutlichte diese Auffassung anhand der Auswir-
kungen des Profitmotivs auf Entwicklung und Nutzung der Energie-
ressourcen.
Der ökologischen Technikkritik und dem von der OECD propagierten
"japanischen" Wachstumsmodell (schneller technischer Wandel, ag-
gressive Weltmarktkonkurrenz bei Massenarbeitslosigkeit, extremer
Leistungsselektion, starker Einkommensungleichheit und hoher Um-
weltbelastung) stellte Priewe das Konzept eines alternativen
Wachstumstyps entgegen, der ein hohes Maß an gesellschaftlicher
Bedürfnisbefriedigung mit hohem technischen Standard und Umwelt-
verträglichkeit verbinden solle. Ein solcher Wachstumstyp erfor-
dere einen deutlichen Wandel der volkswirtschaftlichen Produkti-
onsstruktur zugunsten des Dienstleistungssektors mit stärker bin-
nenwirtschaftlich orientierter Wachstumsstrategie. Zweiter we-
sentlicher Gesichtspunkt sei die Änderung des gesamten Produktiv-
kraftsystems zugunsten der intensiv erweiterten Reproduktion der
Natur und der natürlichen Ressourcen. Das erfordere die Änderung
vieler Produktionsverfahren und Produkte, Energieeinsparung usf.
Gesellschaftliche Gebrauchswertplanung werde damit in großem Um-
fang notwendig. Ein solcher Wachstumstyp müsse als Ziele vereini-
gen die volle Nutzung der Produktivkräfte, insbesondere Vollbe-
schäftigung, Entfaltung des technischen Fortschritts, Herstellung
ökologischer Gleichgewichte sowie verbesserte Bedürfnisbefriedi-
gung vor allem in der gesellschaftlichen Konsumtion.
Bömer konzentrierte sich auf das Energieproblem. Er hielt Priewe
entgegen, die Feststellung, daß in den nächsten Jahrzehnten nicht
von physischen Wachstumsgrenzen gesprochen werden könne, lenke
von der Notwendigkeit ab, bereits heute das Energieproblem
u m f a s s e n d anzugehen und alle möglichen Energieressourcen
der Zukunft zu erschließen. Die Konzentration auf einzelne Ener-
gieträger bzw. -quellen (Öl, Kohle) werde schwerwiegende ökologi-
sche und ökonomische Probleme nach sich ziehen. Einer von diesem
Gesichtspunkt ausgehenden alternativen Energiepolitik stünden ge-
wichtige politische und soziale Hindernisse im Weg, insbesondere
das imperialistische Interesse an Ausbeutung der ölexportierenden
Länder.
Eine alternative Energiepolitik in der BRD müsse sich an folgen-
den Punkten orientieren: 1. Energieeinsparung und Optimierung der
Energieausnutzung; 2. drastische Senkung des Anteils von Erdöl
und Erdgas bei den Primärenergieträgern; 3. Erhöhung des Stein-
kohle-Anteils; 4. Entwicklung und Einsatz regenerierbarer Ener-
giequellen (Sonne, Wind, Wasser, Biogas); 5. Erzeugung eines be-
deutenden Teils der Elektrizität mit Kernkraftwerken ; 6. Ent-
wicklung umweltschonender Verfahren der Energieerzeugung bei ver-
stärktem Kohleeinsatz und Durchsetzung schärfster Umwelt- und Si-
cherheitsauflagen, wobei der Verstaatlichung und demokratischen
Kontrolle der Energiewirtschaft und Kraftwerksindustrie eine be-
sondere Rolle zukomme; 7. Verhinderung der Herstellung des ge-
schlossenen atomaren Brennstoffkreislaufs in der BRD und interna-
tionale Lösung der Wiederaufbereitungs- und Endlagerungsprobleme.
In der D i s k u s s i o n sprachen neun Tagungsteilnehmer zu
folgenden Fragen: Physische Grenzen und Verfügbarkeit natürlicher
Ressourcen; Charakter und Durchsetzungsmöglichkeit von Wachs-
tumsalternativen; Probleme der Technikbeherrschung unter den qua-
litativ anderen Gesellschaftsbedingungen des Sozialismus.
Rechtziegler (IPW, Berlin/DDR) betonte, daß sich schon gegenwär-
tig Probleme aus der physischen Begrenztheit aller nichtregene-
rierbaren Rohstoffe und Energieressourcen ergäben. Erverwies hier
auf die Politik der OPEC-Länder, die begonnen hätten, die Erdöl-
förderung ihren eigenen politischen und ökonomischen Interessen
unterzuordnen und die Förderung derzeit nicht ausdehnten, da in
den letzten fünf Jahren trotz umfangreicher Prospektierungsmaß-
nahmen keine neuen Vorräte entdeckt worden seien. Zugleich müßten
die Ressourcen immer unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, zu
welchen ökonomischen Bedingungen sie erschließbar seien. Gegen-
wärtig ließen sich weltweit zwei Tendenzen beobachten: einerseits
die Tendenz eines weiter ansteigenden Energieverbrauchs; anderer-
seits der Versuch zur Umstrukturierung der Energiebilanzen, der
in den imperialistischen Ländern bisher jedoch gescheitert sei,
da weder geplante Einsparungsmaßnahmen noch die Senkung des
Erdöl-Anteils an den Primärenergieträgern hätten durchgesetzt
werden können. Diese verfehlte Energiepolitik sei die eigentliche
Ursache der Labilität der kapitalistischen Energiemärkte im Über-
gang zu den 80er Jahren.
Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage, wo Ansatzpunkte für
die Durchsetzung eines alternativen Wachstumstyps zu sehen seien.
Goldberg schlug vor: Man müsse zuerst einmal unterscheiden zwi-
schen der stofflichen Seite eines solchen alternativen Wachstums-
typs (der Seite der Gebrauchswertplanung) und der Frage nach der
Durchsetzungsmöglichkeit. Hier könne unterschieden werden zwi-
schen Innovationen a) auf der Produktebene und b) auf der Produk-
tions- oder Prozeß-Ebene. Während auf der Produktebene Alternati-
ven leichter zu formulieren und durchzusetzen seien (da damit
noch nicht unmittelbar in die Profitsphäre eingegriffen werde),
stehe dem auf der Prozeß-Ebene das Interesse des Kapitals an den
jeweils billigsten und profitabelsten Produktionsverfahren gegen-
über. Einflußnahme auf Arbeitsbedingungen und Produktionstechno-
logien würden daher auf starken Widerstand des Kapitals stoßen.
Priewe äußerte sich skeptisch gegenüber einer solchen Unterschei-
dung von stofflicher und wertmäßiger Planung. Zwischen dem Ver-
wertungsinteresse des Kapitals und den unter seiner Regie produ-
zierten Gebrauchswerten bestünde ein enger Zusammenhang. Es sei
sicher auch falsch, die Gewerkschaftsbewegung ausschließlich auf
die "defensive" Aufgabe des Schutzes der Arbeitskraft vor extre-
mer Ausbeutung durch vertragliche Rahmenbedingungen für die An-
wendung neuer Technik festzulegen. Statt dessen müsse die Arbei-
terbewegung Normen für die Technikentwicklung selbst formulieren
und auf diese Einfluß zu nehmen versuchen.
5. Ökologie und Umweltkrise in der Bundesrepublik
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Vortrag von Edgar Gärtner (Luxeuil les Bains), Korreferat von
Wolfgang Adamczak (Marburg).
Gärtner gab in seinem Vortrag zuerst einen Überblick über Heraus-
bildung und Grundbegriffe der Ökologie, um dann Kriterien für die
Einschätzung der Entwicklung natürlicher und anthropogener Ökosy-
steme abzuleiten. Als allgemeine Grundlage für die Ableitung von
Gütekriterien sei die Theorie der Evolution zu betrachten. Ent-
scheidende Bedeutung für die Stabilität naturnaher Ökosysteme
komme der Aufrechterhaltung der genetischen, energetischen und
räumlichen Diversität von Ökosystemen zu. Grobe menschliche Ein-
griffe führten zu Regressionsprozessen von Ökosystemen mit dra-
stischem Rückgang der Diversität und Organisiertheit, wobei der
Rückfall entwickelter Ökosysteme auf weniger differenzierte, pri-
mitivere Stufen die Befriedigung physischer und kultureller Be-
dürfnisse der Menschen erschwere. "Die z.B. in Mesopotamien oder
im Mittelmeergebiet abgelaufenen Regressionsprozesse zeigen, daß
menschliche Einwirkungen industrieller oder vorindustrieller Na-
tur in der Lage sind, hochentwickelte Ökosysteme innerhalb von
nur wenigen Jahrzehnten auf Entwicklungsstufen zurückzuwerfen,
von denen aus eine Regeneration bis zu Entwicklungsstufen ver-
gleichbarer Komplexität auf einem natürlichen Entwicklungsweg et-
liche Jahrtausende benötigen würde."
Bei der Beurteilung der gegenwärtigen Umweltbelastungen in der
Bundesrepublik vertrat Gärtner folgende Auffassung: Indiz dafür,
daß die quantitative wie qualitative Ausdehnung anthropogener
Veränderung von Ökosystemen in den letzten Jahrzehnten bereits an
die Grenze der Belastbarkeit des Naturhaushalts in der BRD stoße,
sei das beschleunigte Aussterben von Pflanzen- und Tierarten. Bei
a q u a t i s c h e n Ö k o s y s t e m e n (Beispiele Boden-
see, Rhein; Oberflächengewässer) sei in den letzten Jahren nur
eine begrenzte Verbesserung der Wasserqualität zu konstatieren,
die auf massive staatliche Eingriffe zurückzuführen sei, nicht
auf "marktwirtschaftliche" Mechanismen. Die Trends für die
B e l a s t u n g s f a k t o r e n d e r L u f t seien unter-
schiedlich, z.T. sogar gegenläufig. Bei Rückgang der Grob- und
Feinstaubbelastung sei seit den 60er Jahren die Schwefeldioxyd-
Gesamtbelastung der Luft trotz Produktionsausweitung konstant
geblieben (bei regionalen Verbesserungen), die Stickoxyd- und
Kohlenwasserstoff-Emissionen seien dagegen gewachsen. Generell
habe die Bedeutung der schwieriger kontrollierbaren Mikroverun-
reinigungen zugenommen. Die einzige nachhaltige Verbesserung der
Luftqualität betreffe den Rückgang der Blei-Immissionen. Als Ge-
samtbilanz müsse festgehalten werden, daß die Umweltprobleme
nicht gelöst, sondern lediglich verschoben worden seien.
Adamczak sah die politische Bedeutung der Ökologie in folgenden
Punkten: 1. Sie liefert wissenschaftliche Grundlagen für die Not-
wendigkeit und Berechtigung solcher Forderungen wie Erhalt von
Artenvielfalt oder von Naturschutzgebieten, die zur Stabilität
der Ökosysteme beitragen und dem Erhalt eines evtl. zukünftig
nutzbaren Genpools dienen. 2. Sie verdeutlicht die Notwendigkeit
umfassender, langfristiger Planung gesellschaftlicher Prozesse.
Die Auseinandersetzung um das Bundesimmissionsschutz-Gesetz, um
das Abwasserabgabengesetz und das Umwelt-Chemikaliengesetz zeige,
daß gegenwärtig mit dem Argument der Wirtschaftskrise und der
wirtschaftlichen Belastung der Unternehmen massiv versucht werde,
auf der Ebene der Gesetzgebung die Spielräume für Umweltbelastung
und -zerstörung wieder auszuweiten.
In der kürzeren D i s k u s s i o n - sechs Beiträge - wurden
eine Reihe konkreter Probleme des Umweltschutzes angeschnitten.
So verwies I. Zeller darauf, daß in der Ökologiebewegung der Zu-
sammenhang von außerbetrieblicher und Arbeitsumwelt unberücksich-
tigt bleibe. Hier müßten die Arbeitsbedingungen der Belegschaften
solcher Konzernbetriebe untersucht werden, die durch Umweltskan-
dale bekannt geworden seien. Über ökonomische und ökologische
Aspekte der Chemisierung der Landwirtschaft und der Anwendung
chemischer Pflanzenschutzmittel sprachen Mahro und Plumhoff. Bö-
mer betonte, daß die Tatsache relativer Erfolge bei der Bekämp-
fung von Umweltbelastungen auf verschiedenen Gebieten auch deswe-
gen für die Umweltschutzbewegung von großer Bedeutung sei, weil
sie zeige, daß unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen
reale Verbesserungen möglich seien und sich der Kampf um entspre-
chende Ziele also lohne.
6. Schlußfolgerungen, Probleme
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Überblickt man Verlauf und Ergebnisse der Tagung, so verdienen
folgende Gesichtspunkte besondere Hervorhebung, l. Es ist in ei-
ner für beide Teile produktiven Weise gelungen, das Thema von ge-
sellschafts- und naturwissenschaftlicher Seite anzugehen. Dabei
hat sich gezeigt, daß es in der Bundesrepublik eine größere Zahl
von Naturwissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen gibt, die
Probleme der Wissenschafts- und Technikentwicklung von marxisti-
schen und fachwissenschaftlichen Positionen aus bearbeiten kön-
nen. Bemerkenswert ist auch, daß die Kommunikation zwischen Na-
tur- und Gesellschaftswissenschaftlern auf der Tagung relativ
problemlos war.
2. Eine ganze Reihe von Fragen wurde kontrovers diskutiert und es
wurden neue, offene Probleme aufgeworfen. Das betrifft sowohl
wissenschaftlich-technische Fragen der Produktivkraftentwicklung
(z. B. die Beurteilung zukünftigen Energiebedarfs, die nicht
trennbar ist von der Einschätzung des Energieverbrauchs zukünfti-
ger Produktionstechnologien) wie ökonomische und politische Fra-
gen (so die nach den Durchsetzungsmöglichkeiten technologischer
Alternativkonzeptionen oder nach Ansatzpunkten gewerkschaftlicher
Technologiepolitik auf der betrieblichen Ebene). Unterschiedliche
Auffassungen gab es auch bei der Bewertung einzelner an sich un-
umstrittener Fakten und Entwicklungstrends - so bei der Frage
nach den Auswirkungen der Ressourcenverknappung im Energie- und
Rohstoffbereich.
Zumindest einige Probleme sollen benannt werden, die weiterer Un-
tersuchung bedürfen.
a) S t a n d u n d P e r s p e k t i v e n d e r w i s-
s e n s c h a f t l i c h - t e c h n i s c h e n R e v o l u-
t i o n i n d e r B R D. Die meisten marxistischen Arbeiten
zu dieser Frage geben bisher nur einen - zudem an Einzelbei-
spielen orientierten - beschreibenden Überblick. Für eine abge-
sicherte Beurteilung zukünftiger Trends wären quantifizierende
Untersuchungen des gegenwärtigen Standes von Automation und
Anwendung neuer Technik in den verschiedenen Wirtschaftsab-
teilungen notwendig. Dabei kommt besondere Bedeutung der Entwick-
lung der Fertigungstechnik zu, von der das technologische Niveau
und die Konkurrenzfähigkeit der verarbeitenden Industrie abhän-
gen. Interessant wäre eine Untersuchung der staatlichen Technolo-
gieförderung auf diesem sowie dem Elektronik-Sektor als Indikator
zu erwartender Trends. Dabei müßte auch den sozialstrukturellen
Folgen nachgegangen werden: Das betrifft nicht nur Qualifikati-
ons- und Beschäftigungsprobleme der Arbeiter im gesamten produ-
zierenden Gewerbe sowie der Angestellten in Handel, Verwaltung
und Dienstleistung, sondern auch Gruppen der Intelligenz, deren
Spezialistentätigkeit der Arbeitszerlegung und teilweisen Entwer-
tung unterworfen wird.
b) E n e r g i e b e d a r f u n d P r o d u k t i v-
k r a f t e n t w i c k l u n g. Der zukünftige Energiebedarf
ist sicher in erster Linie abhängig von den ökonomischen
Wachstumsraten. Von Bedeutung - und hier gab es unterschiedliche
Auffassungen - ist aber auch der Energiebedarf der zukünftigen
Produktionstechnologien. Hier wäre eine Abschätzung der realen
Perspektive von Technologien mit geringem Energiebedarf (genannt
wurden Biotechnologien) sowie der Möglichkeiten der Energieein-
sparung bzw. der Optimierung der Energieausnutzung zu unter-
suchen. Das schließt die Untersuchung des Potentials alter-
nativer, regenerierbarer Energiequellen ein.
c) A n s a t z p u n k t e u n d D u r c h s e t z u n g s-
m ö g l i c h k e i t e n t e c h n o l o g i s c h e r A l-
t e r n a t i v e n. Diese Fragen, die u.a. von Jung und Gold-
berg eingebracht wurden, sind Ausgangspunkt für die Entwicklung
gewerkschaftlicher Strategien gegen die Nutzung des wissenschaft-
lich-technischen Fortschritts im Interesse des Kapitals, die sich
nicht auf reine Schutz-Abkommen zur Abmilderung sozialer Folgen
beschränken, sondern auf die Technologieentwicklung selbst Ein-
fluß nehmen wollen.
d) T h e o r e t i s c h e P r o b l e m e d e r E r f a s-
s u n g d e r w i s s e n s c h a f t l i c h - t e c h n i-
s c h e n R e v o l u t i o n. Auf Unklarheiten der begriffli-
chen Abgrenzung von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und
wissenschaftlich-technischer Revolution hat Lothar Peter bereits
im letzten Band der "Marxistischen Studien" hingewiesen. Geht man
von einer begrifflichen Fassung aus, wie sie im einleitenden Re-
ferat der Tagung gebraucht wurde, so stellen sich folgende Fra-
gen: worin besteht die sozialökonomische Spezifik der wissen-
schaftlich-technischen Revolution im Kapitalismus? Wo liegen Sy-
stemgrenzen ihrer Entfaltung? Inwieweit müssen in ihre begriffli-
che Fassung solche Gesichtspunkte eingehen wie die aus den Verge-
sellschaftungsprozessen resultierende Notwendigkeit extrem lang-
fristiger Planungen (im ökologischen Bereich, bei der Erschlie-
ßung von Energie- und Rohstoffressourcen usf.)?
3. Das Aufgreifen solcher Fragen könnte einen Beitrag liefern zur
weiteren Ausarbeitung des theoretischen Standpunktes der marxi-
stischen Arbeiterbewegung der Bundesrepublik zu den Problemen des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Dies ist, wie/.
Schleifstein in seinem Schlußwort betonte, eine wesentliche Vor-
aussetzung für Kooperation und theoretisch-ideologische Auseinan-
dersetzung mit der ökologischen Bewegung und für die Entwicklung
von Alternativprogrammen, in denen Lösungen für konkrete Fragen
der Arbeitsbedingungen, der technologischen Veränderungen, des
Arbeits- und Umweltschutzes im Interesse der arbeitenden Menschen
entwickelt werden.
_____
1) Technik - Umwelt - Zukunft. Eine marxistische Diskussion über
Technologieentwicklung, Ökologie, Wachstumsgrenzen und die
"Grünen". Materialien der Tagung "Wissenschaftlich-technischer
Fortschritt und gesellschaftliche Alternativen", veranstaltet vom
Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) am
29./30. März 1980 in Frankfurt am Main, Frankfurt/M., Verlag Mar-
xistische Blätter, 1980.
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