Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 03/1980
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ZWISCHEN "VERBÜRGERLICHUNG" UND "KLASSE FÜR SICH"
Ansätze zur Untersuchung von Lebensweise und Kultur
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der Lohnarbeiter in der Bundesrepublik
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Kaspar Maase
I. Zur Problemstellung - II. Verbürgerlichung durch Individuali-
sierung? - III. Verbürgerlichung durch Privatismus? - IV. Lebens-
weise und Aktivierung für eigene Interessen - V. Probleme der
Kritik gegenwärtiger Lebensweise - VI. Eine Schlüsselfrage: Neue
Vermittlungsformen von Privatheit und Öffentlichkeit - VII. Lite-
ratur.
I. Zur Problemstellung
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Konjunktur, Schattengefecht oder...?
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Von der "Konjunktur eines Begriffs" spricht der Wissenschaftsso-
ziologe Lepenies (1979) *) angesichts der in der Bundesrepublik
deutlich zunehmenden Beschäftigung mit Fragen der Arbeiterkultur.
Er geht auf die Züge des Modisch-Spekulativen ein, die der Wis-
senschaftsbetrieb im Konkurrenzkampf um Forschungsgelder, Ar-
beitsmöglichkeiten und Publikationschancen auch dieser theoreti-
schen Entwicklung notwendig aufprägt (S. 132, 135 f.). Zu Recht
steht dies jedoch nicht im Vordergrund; neben verschiedenen
"theorieimmanenten" Tendenzen - die allerdings noch als besondere
Antwort auf wirkliche gesellschaftlich-politische Probleme zu
analysieren wären! - nennt Lepenies unter den Bedingungen, die
die Aufnahme von entsprechenden Ansätzen vor allem aus England
und Frankreich förderten, auch das Anliegen der Forscher, "bisher
vernachlässigte und unterdrückte Akteure des historischen Gesche-
hens ins Blickfeld" zu rücken (S. 132).
Ritter, der als Herausgeber eines Sammelbands zur Arbeiterkultur
über weite Strecken die gleichen Bezüge herstellt, verweist ein
wenig ausführlicher auf Forschungslinien und Impulse, die am Mar-
xismus orientierte Wissenschaftler seit einigen Jahren zur Be-
schäftigung mit dem Gegenstand beigetragen haben (1979a, S. 3,6
f.; 1979b, S. 15) - nicht ohne am Beispiel der DDR-Volkskunde die
- bedauerliche Einengung auf die mit dem proletarischen Klassen-
kampf in Verbindung stehenden Bereiche" (1979a, S. 6 f.) zu rü-
gen. Nimmt man zur Korrektur dieser auf der linken Seite recht
lückenhaften und unscharfen Überblicke noch die Forschungsbe-
richte von Kramer (1978a) und Rotermund (1980) hinzu, so erhält
man ein erstes, zu weiterer Beschäftigung reizendes Bild von
Vielfalt und Fruchtbarkeit der Fragestellungen - nicht zuletzt
unter dem Gesichtspunkt aktueller Entwicklungsprobleme der Arbei-
terbewegung in der Bundesrepublik (dazu Maase 1979).
Muß man überhaupt etwas so unmittelbar einsichtig Scheinendes wie
die Bedeutung des Themas "Arbeiterkultur" für Marxisten derart
betonen? Offenbar schon. Soeben hat Friedrich die Vermutung geäu-
ßert, die in diesem Zusammenhang geführte Diskussion sei ein
"erschreckendes Symptom vorangeschrittenen Identitäts- und Reali-
tätsverlustes der bundesdeutschen Linken" (1980). Der verfochtene
und bestrittene Bezugspunkt dieser Debatten, die "Position poten-
tieller Kongruenz von Politik und Leben, Partei und Klasse, poli-
tischem Bewußtsein und individuellem Bedürfnis" sei längst
"historisch gescheitert". Aus der Wiederaufnahme der Diskussion
schließt Friedrich, es handle sich dabei "möglicherweise" um eine
"verschlüsselte Auseinandersetzung um das tragende Prinzip der
Staatsräson des 'realen Sozialismus'" - gesprochen wird über Ar-
beiterkultur in der Bundesrepublik, gemeint sind die Probleme der
DDR! Die folgenden Überlegungen verstehen sich auch als
(wissenschaftlich-praktischer Versuch, die Perspektiven begonne-
ner Debatten und Forschungen zu entwickeln, statt - wie Friedrich
- ihre Beendigung als unergiebig ins Auge zu fassen.
Allerdings sind die zur Kultur und Lebensweise der Arbeiterklasse
vorgebrachten wissenschaftlichen Positionen selbst auf der Ebene
scheinbar abstraktester Begriffsbestimmungen stets auch Ausdruck
gesellschaftstheoretischer und politischer Ansätze und Überzeu-
gungen. Es wäre dumm, sie darauf reduzieren zu wollen - aber ge-
rade die folgende Betrachtung wichtiger Konzepte zur kulturwis-
senschaftlichen Erfassung der gegenwärtigen Lebensweise der Lohn-
arbeiter in der Bundesrepublik wird uns immer wieder auf den Zu-
sammenhang von Sachgerechtigkeit und Gesellschaftskonzeption ver-
weisen.
Lebensweise: Ein Definitionsversuch
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Ich will eine Arbeitsdefinition von Lebensweise voranstellen; sie
soll in der Diskussion verschiedener Thesen über
"Verbürgerlichung der Arbeiterklasse" korrigiert und bereichert
werden (dabei wird manches noch widersprüchlich und offen stehen-
bleiben). Unter der Lebensweise einer sozialen Gruppe verstehe
ich die widersprüchliche, kennzeichnende Struktur stabiler, sich
wiederholender, sozial bedeutsamer materieller und geistiger Le-
benstätigkeiten; mittels dieser Praxis eignen Individuen und Kol-
lektive sich ihre materiellen und geistigen Lebensbedingungen an,
wobei sie sowohl die Lebensbedingungen als auch sich selber ver-
ändern. Lebensweise erfaßt also überindividuelle, erprobte, im
dialektischen Verständnis notwendige und schöpferische Typen ak-
tiver Bewältigung sozial spezifischer Lebensbedingungen.
Vom einzelnen Subjekt her gesehen, existiert die Lebensweise sei-
ner Bezugsgruppe (sie muß nicht übereinstimmen mit der Gruppe, zu
der es nach den Maßstäben ökonomischer Klassenanalyse gehört) als
überindividueller Komplex von Tätigkeitsmustern, Normen und Wer-
ten; Übereinstimmung oder Abweichung ziehen Belohnung oder Be-
strafung nach sich. Durch die auswählende, verändernde, teilweise
negierende Aneignung von Tätigkeitsformen, Wertorientierungen und
Bedeutungssystemen, Motiven, Fähigkeiten, Bedürfnissen und Genuß-
möglichkeiten entwickelt sich der einzelne als besondere Persön-
lichkeit wie als historischer Träger der gruppenspezifischen Le-
bensweise.
Prämisse jeder materialistischen Analyse von Lebensweise ist die
Determiniertheit individueller Lebenstätigkeiten durch die objek-
tiv vorgegebenen materiellen und geistigen Lebensbedingungen und
die darin inbegriffenen Verhaltensanforderungen; diese sind wie-
derum notwendig bestimmt durch die Weise der gesellschaftlichen
Produktion des materiellen Lebens. Es ist meines Erachtens nicht
sinnvoll, die Lebensbedingungen als Teil der Lebensweise zu fas-
sen - sie sind ihre objektive Voraussetzung (vgl. dazu die aus-
führliche Argumentation bei Kühne 1978, S. 35-39). Es wider-
spricht nicht dem materialistischen Herangehen, der Betrachtung
der geistigen Determinanten der Lebensweise und den subjektiv
handlungsorientierenden Werten, Normen und Lebensplänen beson-
deres Augenmerk zu widmen: unser wissenschaftliches Interesse
sollte gerade auf den bewußt zu nutzenden Handlungsspielraum in-
nerhalb der materiell gesetzten Grenzen zielen.
Lebensweise ist stets von der vorhergehenden Generation geerbt;
zugleich wird sie weiterentwickelt mit der Absicht, die nächste
Generation in gewünschter, Reproduktion (der Gesellschaft, der
Klasse, der Gruppe und ihrer Orientierungen) sichernder Weise zu
vergesellschaften. Jede Gruppe schafft zu diesem Zweck Medien der
Vermittlung und Festigung ihrer Lebensweise: Ideologien, Institu-
tionen, Organisationen.
Lebensweise in diesem Sinne umfaßt die kennzeichnenden Strukturen
und Orientierungen des gesamten Lebensprozesses. Zu prüfen ist
eine praktikable Ausgrenzung ihrer spezifisch kulturellen
Aspekte. Vorläufig könnte man sie sehen in der Fragestellung, wie
bestimmte Elemente, Formen und Funktionen der Lebensweise sich
auf Fähigkeiten und Kenntnisse, Werte und Lebensziele, Genußfä-
higkeit und Umweltbeziehungen der Individuen auswirken: Wie weit
und in welchen Formen werden in den praktischen (materiellen,
geistigen, sinnlichen, emotionalen) Lebenstätigkeiten Reichtum
und Produktivität der Persönlichkeit - Bewußtheit, Vielfalt, Ge-
nußintensität, individuelle und kollektive Selbstbestimmung -
verwirklicht? Der Orientierung vorliegender Studien entsprechend,
wird der Gesichtspunkt persönlicher Bewußtheit und Selbstbestim-
mung im folgenden vor allem am Verhältnis zur aktiven Interessen-
vertretung behandelt werden.
II. Verbürgerlichung durch Individualisierung?
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"Industriebürger" statt Proletarier?
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Überwiegend wird heute die Meinung vertreten, es sei wissen-
schaftlich nicht haltbar, von einer besonderen Lebensweise der
Lohnarbeiter in der Bundesrepublik (oder, wie es vielen Autoren
näher läge, deren Kulturbegriff weitgehend mit Lebensweise iden-
tisch ist, von einer spezifischen Kultur der Arbeiterklasse) zu
sprechen. 1) Die Grundargumentation, die sich bis heute durch-
zieht, ist geradezu klassisch formuliert schon bei Lohmar (1955):
"Eine 'Arbeiterkultur' zu entwickeln, setzt u. a. einen Begriff
und eine Wirklichkeit des 'Arbeiters' voraus, die gegenüber ande-
ren Schichten klar abgrenzbar und in sich festgefügt und schlüs-
sig sind . Eben weil der Arbeiter als einzelner und als Angehöri-
ger einer sozialen Gruppe sich gewandelt hat, läßt sich heute
nicht mehr von einer 'Arbeiterkultur' sprechen" (S. 222).
Voraussetzung dieser These ist ein Konzept des "Proletarischen",
das vor allem am Selbstverständnis der Individuen festgemacht
wird. Man hebt das Heutige als völlig neu ab von einem - aus dem
Lebensstandard von Arbeitern der Weimarer Zeit entwickelten -
recht willkürlichen Konstrukt: dem "proletarischen Lebensgefühl
des an das physische Existenzminimum Gefesselten" (Kluth 1955, S.
123). Das gleiche Argumentationsmuster liegt noch der 1976 er-
schienenen Untersuchung von Scharmann/Roth u.a. zugrunde. Auch
sie gehen aus von der Definition des Proletariats als
"minderprivilegierte, chancen- und hoffnungslose , weil nur um
die physische Reproduktion ihrer Arbeitskraft kämpfende Klasse"
(S. 185). Für heute werden objektive Bestimmungsfaktoren wie die
Stellung zu den Produktionsmitteln und in der gesellschaftlichen
Organisation der Arbeit, der entwickelte Warencharakter der Ar-
beitskraft und damit die Determination des Verhaltens in der
Freizeit durch Reproduktionsanforderungen und Lohnhöhe 2) über-
haupt nicht konkret diskutiert, sondern durch Hinweise darauf ab-
getan, daß die Befragten Ausbeutung, Fremdbestimmung, Fehlen von
Entfaltungsmöglichkeiten nicht zum Ausdruck brachten.
Aus den Antworten von 630 nordbayerischen Metallarbeitern
1962/63, die nach Meinung der Autoren selber zur "Elite der Ar-
beiterschaft" (S. 102) gehören (80% Facharbeiter, 20% Angelernte,
Alter bis 22 Jahre), wird die These hergeleitet und 1976 noch pu-
bliziert, hier zeichne sich die Auflösung des ehemaligen Proleta-
riats und auch aller Vorstellungen von einem einheitlichen Typ
des Industriearbeiters im neuen Typus des "Industriebürgers" ab.
Auf ihn entwickle sich die überwiegende Mehrzahl der abhängig Be-
schäftigten hin - und damit auf die unwiderrufliche Integration
in die bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. So wird
als "wichtigster Fund" eine angebliche neue Qualität der Lebens-
weise der qualifizierten Arbeiter präsentiert: Sie könnten "sich
den 'Luxus' leisten ..., individuelle Einstellungstendenzen und
Wertpräferenzen, d.h. 'Lebensformen' ... zu entwickeln, die bis-
her ein Privileg des Bürgertums gewesen sind" (S. 185).
So etwas kann nur schreiben, wer vom Leben der qualifizierten Ar-
beiter vor 1933 überhaupt keine Ahnung und zudem noch einen bor-
nierten - auch nicht weiter begründeten - Begriff von Individua-
lität 3) hat. Richtig ist sicher, daß die Arbeiter heute im
Schnitt mehr Freizeit und mehr Möglichkeiten zu vielseitigem Ge-
nuß gesellschaftlichen Reichtums haben und auch nutzen als in der
Weimarer Republik oder im Kaiserreich. Wenn man nun schon wie
Scharmann/Roth zur Erklärung solcher Entwicklungen auf veränderte
Arbeitsbedingungen und -anforderungen, erweiterte Konsummöglich-
keiten etc. verweist, müßte man allerdings wohl zumindest erör-
tern, ob sich hier nicht die Lebensweise der Arbeiterklasse
e n t w i c k e l t - statt von ihrer Auflösung durch Annäherung
an bürgerliche Lebensform zu reden.
Neben diesem methodischen Einwand (auf den ich weiter unten noch
zurückkomme) ist die These von der individualisierten Lebensform
auch empirisch anzuzweifeln - gerade in dem Sinn, den Schar-
mann/Roth ihr geben. Individualität als einmalige, unverwechsel-
bare und profilierte Ausprägung von Persönlichkeitseigenschaften
ist keine neue Errungenschaft des "Industriebürgers" - die Arbei-
ter der Zwischenkriegszeit bildeten ebensowenig wie die heutigen
eine uniforme graue "Masse Mensch". Die individuelle kritische
Aneignung und Anwendung der mit dem traditionellen Kulturver-
ständnis erfaßten geistigen und ästhetischen Bildungselemente und
Wertmaßstäbe (von der Scharmann/Roth u.a. ausgehen) ist aller-
dings auch heute kein Merkmal der Lebensweise der Lohnarbeiter.
Bei der Untersuchung des Freizeitverhaltens stoßen selbst Schar-
mann/Roth u.a. auf diese Tatsache; sie verweigern jedoch ihre
theoretische Anerkennung, schulmeistern vielmehr die angeblich
noch im Zustand proletarischer Unterentwicklung Verbliebenen. Für
"reine Genußzwecke wie z.B. Zigaretten, Alkoholika und Coca-Cola"
(S. 102) und "oberflächliche Abwechslungen wie Ausgehen, Wirts-
hausbesuche, Tanzereien und Kinobesuche" werden "erhebliche Sum-
men" "leicht und unbedacht ausgegeben". Bedauerlicherweise
"wächst der junge Facharbeiter als Konsument auch nicht über das
Anspruchsniveau seiner Klasse ( ! K. M. ) hinaus " . Er ist -
auch in seinen Wohnungswünschen und seinem Einrichtungsstil her-
kunftsbestimmt, d.h. unsicher in seiner Geschmacksbildung und
über kommerzielle Werbung manipulierbar. So will es nicht verwun-
dern, daß seine Ausgaben, im Sinne gehobener kultureller Ansprü-
che, für Bücher, Theaterkarten, Ausstellungen, Vorträge oder Be-
sichtigungen, im Vergleich zu oberflächlichen, rasch vergängli-
chen und konfektionierten Vergnügungen, sehr gering sind" (S.
105). Die Benachteiligungen gegenüber Angehörigen anderer Schich-
ten mit besseren Bildungschancen würden allerdings wahrgenommen
und als Beeinträchtigung erlebt - jedoch nur von wenigen durch
Bildungsanstrengungen aufgehoben.
An diese Einblicke in die Wirklichkeit kultureller Unterdrückung
als wesentliches Moment der Lebensweise der Arbeiterklasse
schließt folgendes überraschende Resümee an: "Das Konsum- und
Freizeitverhalten des jungen, aufgeschlossenen, emanzipierten und
qualifizierten Arbeiters . . . gleicht in den meisten Bereichen
den emanzipatorischen Verhaltensweisen anderer aus höheren
Schichten stammenden, gleich intelligenter junger Menschen. Er
sucht dort, wo ein Nachholbedarf besteht, wie auf kulturellem Ge-
biet, diesen aufzuholen" (S. 106).
Jede Längsschnittuntersuchung zum Kultur- und Freizeitverhalten
weist nach, daß dieses "Aufholen" im Bereich traditioneller kul-
tureller Einrichtungen, Werte und Tätigkeitsformen Fiktion ist.
In einem anderen Sinn - und mit gänzlich anderen Folgerungen -
scheint jedoch die These von der neuen Bedeutung von Individuali-
tät in der Lebensweise der Lohnarbeiter weiteren Nachdenkens
wert.
"Mittelschichtspezifische neue Subjektivität"?
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Der sowjetische Forscher Diligenski stellt in seinen Untersuchun-
gen zur Sozialpsychologie der Arbeiterklasse im hochentwickelten
Kapitalismus (1978) immer wieder heraus, daß in vielen Bereichen
der Lebensweise ein starker "innerer Widerstand gegen die Entper-
sönlichung" (S. 151) wirkt; er sieht ein Wachstum von Bedürfnis-
sen nach "intellektuell inhaltsreichem, interessantem' Leben" (S.
173) als Ausdruck eines tiefen Strebens nach freier persönlicher
Entfaltung. Demgegenüber kennzeichnet Hoffmann-Axthelm diesen zu-
nehmend deutlicher werdenden Motivationsstrang als Verwirklichung
einer "mittelschichtspezifischen neuen Subjektivität" (1979, S.
100). Entsprechende Anspruchs- und Verhaltensformen - "Insistie-
ren auf Gebrauchswert und auf persönliche Verwirklichung" (S.
99); Streben, "sich selber ... als eigene Praxis darzustellen"
(S. 103) - seien vor allem in der Mittelschicht bei der Suche
nach Identität entwickelt worden . Da sich jedoch auf Seiten der
Arbeiter eine Tendenz zur - Angleichung der Lebensbedingungen"
(S. 100) durchsetze , würden diese Reaktionsweisen auch für sie
zunehmend bedeutsam.
Als Begründung führt Hoffmann-Axthelm an, "daß Subjektivität im
Arbeitsprozeß n i c h t m e h r voll eingebunden werden kann"
(S. 101 ; Hervorhebung K.M. ) oder völlig aus dem Verwertungspro-
zeß ausgeschlossen sei (S. 100). Das mag für aktuelle Entwicklun-
gen der Unterordnung der Intelligenz unter das Kapital zutreffen
- für die Lohnarbeiter scheint mir seit der Durchsetzung des Fa-
brikregimes eher die zunehmende Produktion von Subjektivität
durch die Entwicklung kapitalistischer Konsumtion und Reproduk-
tion der Arbeitskraft (Qualifikation, Allgemeinbildung, Bedürf-
nis- und Konsumausweitung, Urbanisierung und Massenkommunikation)
wahrscheinlich (vgl. Karolewski 1977).
Zweifellos gibt es Einflüsse von Lebensstilen und Wertorientie-
rungen aus den Mittelschichten auf Teile der Arbeiterklasse. Wir
brauchen empirische Untersuchungen der spezifischen Momente der
Lebensweise in unterschiedlichen Gruppen der Arbeiterklasse, ih-
rer Beziehung und Beeinflussung untereinander sowie des Verhält-
nisses zu Wertsystemen und Freizeitstilen vor allem der lohnab-
hängigen Mittelschichten und der Intelligenz. Engere Kontakte in
der Berufsarbeit und im Wohngebiet, im Vereinsleben und im Ur-
laub, eine Ausweitung realer Wahlmöglichkeiten für das Freizeit-
verhalten der Arbeiter und Angestellten sowie eine gewisse an-
gleichende Wirkung von Lebensstilen, die die Massenmedien über
Mode und Werbung, dokumentarisch und fiktional allen Mitgliedern
der Gesellschaft anziehend darstellen - diese und weitere Tenden-
zen können Hoffmann-Axtheims Fragestellung Substanz geben.
Während jedoch Diligenski (1978, S. 165 ff.) und Verret (1977, S.
87 f.) solche Entwicklungen und Probleme als Erweiterung und Um-
gestaltung von Lebensweise und Kultur der Arbeiterklasse behan-
deln und fragen, wie traditionelle Grundmuster diese neuen Bedin-
gungen und Herausforderungen verarbeiten, spricht Hoffmann-
Axthelm vom "Untergang dieser Klassensubjekte" infolge des
"Untergangs der Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse" (1979, S.
100). Sicher ist heute bei Ernährung, Kleidung, Wohnbedingungen,
Besitz langlebiger Konsumgüter oder Wahrnehmung von Freizeitver-
gnügungen der größte Teil der Arbeiterklasse nicht derart kraß
von der übrigen Gesellschaft abgegrenzt wie vor 1933. Es ist je-
doch methodisch nicht legitim, aus solchen Tatsachen, die noch
nicht einmal auf ihr spezifisches Funktionieren im System der Tä-
tigkeiten der Lohnarbeiter hin befragt und differenziert werden,
nun den Untergang einer eigenen Lebensweise der Arbeiterklasse zu
schließen - wenn Lebensweise nicht einfach als Summe solcher Er-
scheinungsformen bestimmt wird.
Brauchen wir aber nicht ein theoretisches Konzept, das wesentli-
che Zusammenhänge zwischen einem historisch entstandenen System
von Lebensbedingungen und den Strukturen praktischer Aneignung
und Veränderung dieser Lebensbedingungen im Handeln einer gerade
durch die Spezifik ihrer objektiven sozialen Verhältnisse be-
stimmten Gruppe von Menschen aufdeckt? Entweder hat die Rede von
der Arbeiterklasse keinen Sinn mehr, weil das Verhältnis der
Lohnarbeit nicht mehr besteht - oder ich kann und muß Struktur
und Gesetzmäßigkeit der Lebensweise der Lohnarbeiter derart er-
fassen, daß ich von diesem theoretischen Ansatz her zu den Er-
scheinungsformen aufsteige und die heutige Lebensweise als Aus-
druck der Bewegung des Lohnarbeitsverhältnisses in einer reichen
Vielfalt konkreter Bestimmungen geistig reproduziere (vgl. Hahn
1968, S. 86 ff.).
Ausgangspunkt für eine derartige Untersuchung der Lebensweise ist
der Bereich sozialer Praxis, in dem das Lohnarbeitsverhältnis am
direktesten in Erscheinung tritt, "wo man wirklich mit den zen-
tralen Punkten des Gesellschaftsprozesses verbunden ist"
(Hoffmann-Axthelm 1979, S. 103) - das Feld der Tätigkeiten in Be-
ruf und Betrieb. Gegen die Vernachlässigung der hier inbegriffe-
nen Erfahrungen, Traditionen und Lernprozesse hat Verret (1977,
S. 81 ff.) in der Auseinandersetzung mit Hoggarts Pionierarbeit
über die Lebensweise englischer Arbeiter (1957) wesentliche Kri-
tikpunkte vorgebracht. Nur durch "Betrachtung der Kultur, die in
der proletarischen Produktionspraxis impliziert ist" (S. 82),
sind Besonderheit, Selbständigkeit und revolutionärer Charakter
von Lebensweise und Kultur der Arbeiterklasse zu erfassen. Sie
beruhen unter anderem auf den Arbeitsqualifikationen und Erfah-
rungen, dem Produktionsdenken und den praktischen Geschicklich-
keiten (Verret: "technologische Kultur"); sie beruhen auf der Er-
fahrung des Klassengegensatzes im Betrieb und der kollektiven
Entwicklung von schöpferischen Antworten darauf. Verret nennt als
"die wesentliche Erfindung der Arbeiterklasse in diesem Kampf:
die Umkehrung des Prinzips der Kooperation als Bestandteil des
Prozesses der Produktion von Mehrwert in ein Prinzip der Koopera-
tion gegen die Schaffung dieses Mehrwerts" (S. 84). Hieraus lei-
ten sich die grundlegenden Werte und Wege kollektiver Praxis her,
die die Klasse zur Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhält-
nisse befähigen: "Das Prinzip der Assoziation, das Prinzip der
Organisation, das Prinzip der geplanten Aktion, das Prinzip der
bewußten Disziplin, das Prinzip der gesellschaftlich kontrollier-
ten Macht" (S. 84).
Nur die Kenntnis der Einstellungen und Verhaltensdispositionen,
die in Arbeit und Betrieb notwendig erworben werden, erlaubt eine
angemessene Interpretation von Verhaltensweisen außerhalb der Ar-
beit, die isoliert nicht in ihrer realen Widersprüchlichkeit zu
fassen sind. "Sobald der organisierte Klassenkampf in der
'Produktions-Kultur' der Arbeiterklasse einen bestimmten Grad er-
reicht, ändert sich auch die 'Konsum-Kultur' der Arbeiterklasse.
Mit der Fabrik verbindet der Arbeiter nicht nur seinen Lohn, son-
dern auch Neuigkeiten, Gewohnheiten, Erfahrungen, Denkkategorien.
Die veränderte Fabrik verändert das Haus, so wie der Streik das
Leben von Gorkis 'Mutter' verändert, so wie das im Wohnblock
herrschende Zusammengehörigkeitsgefühl durch eine kommunistische
Zelle in militante Solidarität verändert werden kann. Auch die
konservativen Elemente ändern ihre Bedeutung...: Die in der Fami-
liensolidarität enthaltenen konservativen Stereotypen... werden,
auf die Gewohnheiten des gewerkschaftlichen oder politischen
Kampfes übertragen, zu Stereotypen des Kampfes, d.h. der Verände-
rung. Umgekehrt kann sich die spontane Distanzierung von der
herrschenden Politik, die der spontane Apolitismus des Arbeiter-
haushalts beinhalten kann, in ihr Gegenteil verkehren, wenn die
apolitische Distanzierung sich auf die Arbeiterpolitik bezieht:
Die Ablehnung der Klassenherrschaft wird hier zur Ablehnung der
Klassenzugehörigkeit..." (S. 84).
Kampf um Hegemonie in der Lebensweise
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Lebensweise ist als ständiger Prozeß der Neu-Verarbeitung und Um-
gestaltung vorgefundener Bedingungen aufzufassen, der in sich wi-
dersprüchlich verläuft und dessen sozialer Charakter nicht aus
einzelnen augenfälligen Zügen zu bestimmen ist. In diese Richtung
scheinen mir die Überlegungen von Williams zum Problem der
"Verbürgerlichung" zu weisen. Er versteht "Kultur der Arbeiter-
klasse" (im Sinne von Lebensweise) als historisch offenes, inte-
grationsfähiges Muster, nämlich als "die fundamentale, kollektive
Idee zusammen mit den von ihr ausgehenden Einrichtungen, Gewohn-
heiten der Gedanken und Intentionen" (1972, S. 392).
Das ist zu interpretieren aus dem Zusammenhang seiner Polemik ge-
gen die Verbürgerlichungsthese . Es werde - argumentiert, daß die
Arbeiterklasse verbürgerlicht, weil sie sich wie die Mittelklasse
kleidet, in Zweifamilien-Häusern lebt und sich Autos, Waschma-
schinen sowie Fernsehgeräte anschafft. Aber es ist keineswegs
'bürgerlich', Nützliches zu besitzen oder sich an einem hohen ma-
teriellen Lebensstandard zu erfreuen. Die Arbeiterklasse verbür-
gerlicht ebensowenig, wenn sie neue Produkte besitzt, wie der
Bourgeois nicht deswegen aufhört, ein Bourgeois zu sein, weil
seine Besitztümer anders werden. Jene , die eine solche Entwick-
lung innerhalb der Arbeiterklasse bedauern, sind die Opfer eines
Vorurteils". "... es ist wirklich schwer für die englische Mit-
telklasse anzunehmen, daß die Arbeiterschicht nicht unbedingt
darauf erpicht ist, so wie sie zu werden. Ich glaube, von dieser
Vorstellung muß man sich freimachen. Die große Mehrheit der eng-
lischen Arbeiterklasse wünscht sich lediglich den materiellen
Standard der Mittelklasse, ansonsten möchten sie sie selbst blei-
ben" (S. 388).
Da die industrielle Produktion zunehmend Uniformität in Kleidung,
Konsum, Freizeit bewirke, hält die Verortung des Gegensatzes "in
den alternativen Ideen über die Natur der gesellschaftlichen Be-
ziehungen" (S. 390) den Blick für das Klassenmäßige der Lebens-
weisen offen.
Williams geht von der englischen Wirklichkeit der fünfziger Jahre
aus. Wenn man in der Bundesrepublik auch sicher die Wirkung der
Wohlstands i d e o l o g i e n sehr viel problematischer sehen
muß (vgl. dazu differenzierter Clarke/Hall/Jefferson/Roberts
1979, S. 80 f.) - ich lese Williams' Gedanken als Aufforderung,
Lebensweise als ein System zu verstehen, dessen einzelne Elemente
nur in Verbindung mit den Grundorientierungen und Wirklich-
keitsauffassungen der Klassenindividuen angemessen zu interpre-
tieren sind. 4)
Daraus folgt meines Erachtens, daß die Kategorie der Verbürgerli-
chung sinnvoll nur in den Dimensionen ist, die mit dem Begriff
des Klassenbewußtseins angezielt sind - nicht für einzelne gegen-
ständliche Elemente der Lebensweise, auch nicht für Entwicklungen
individueller Subjektivität mit ihren Ansprüchen und Einstellun-
gen. Solche Faktoren wirken auf die soziale Selbsteinordnung und
das Gesellschaftsbild - aber sie sind nicht damit identisch.
Die Lebensweise der Lohnarbeiter entwickelt sich allerdings in
einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und ist
notwendiger Teil von deren Kultur; dazu gehört auch der Zwang,
die eigene Reproduktion in der und mit der bürgerlichen
Gesellschaft zu sichern. Nehmen wir den zugespitzten Fall: der
Arbeiter als Aktionär (vgl. Dähne/Dieckhoff 1979, S. 200 f.).
Haben wir hier a priori ein Element bürgerlicher Lebensweise?
Belegschaftsaktien können eine Rücklage sein, um die unaufhebbare
Unsicherheit der Arbeiterexistenz zu dämpfen; angesichts der
Erfahrungen mit Inflation und Währungsreform sind Aktien
vielleicht eine sinnvollere Anlage als Sparschweine. Der
entscheidende Punkt ist, wie dieser Besitz auf Bewußtsein und
Verhalten wirkt. Sicher ist die Verführung stark, zumindest das
"eigene Unternehmen" zu verteidigen - aber kann die
Arbeiterbewegung solchen Widersprüchen, die aus der Entwicklung
des Kapitals entspringen, entgehen? Eine automatische
Verhinderung klassenbewußten Handelns ist nicht notwendig gegeben
- im Januar 1918 streikten in Berlin die Arbeiterinnen und
Arbeiter der Rüstungsindustrie , obwohl man sie für das Leben
ihrer Verwandten an der Front verantwortlich machte und
vielleicht nicht wenige Kriegsanleihen gezeichnet hatten, die sie
ökonomisch an die imperialistische Politik binden sollten.
Vielleicht hilft die Anwendung des von Gramsci skizzierten Kon-
zepts der Hegemonie, den Aspekt des "Klassenkampfs in der Lebens-
weise" angemessen zu erfassen. Einen wichtigen Schritt dazu
stellt der Aufsatz von Clarke/Hall/Jefferson/Roberts über
"Subkulturen, Kulturen und Klasse" (1979) dar. Die Autoren gehen
davon aus, daß das Kapitalverhältnis den Antagonismus von Arbeit
und Kapital ständig produziert. "Die Aufgabe der (bürgerlichen -
K.M.) Hegemonie ist es, zu gewährleisten, daß in den sozialen Be-
ziehungen zwischen den Klassen jede Klasse andauernd in ihrer
existierenden dominanten oder untergeordneten Form r e p r o-
d u z i e r t wird. Die Hegemonie kann die Arbeiterklasse nie-
mals ganz und absolut in die herrschende Ordnung absorbieren" (S.
85).
Ein wichtiges Feld des Kampfes um die Hegemonie sind die soge-
nannten "institutionellen Lösungen..., welche die Art und Weise
strukturieren, in der herrschende und untergeordnete Kultur in
der gleichen sozialen Formation koexistieren, miteinander überle-
ben, aber auch gegeneinander kämpfen" (S. 86). Ein Beispiel ist
die antagonistische Kooperation im Betrieb, doch ist der Ge-
sichtspunkt umfassend auf die Regelungen des Alltags und der
Selbstbehauptung der Lohnarbeiter anzuwenden (auch auf die von
Scharmann/Roth u.a. herausgestellten Aufstiegsorientierungen jun-
ger qualifizierter Arbeiter).
Die Auffassung vom eigenen Anspruch auf Subjektivität und Selbst-
verwirklichung steht notwendig im Spannungsfeld des Klassengegen-
satzes; es ist aber keine zwingende Alternative, daß bei Arbei-
tern Subjektivität entweder erstickt oder außerhalb eines Klas-
senkonsenses orientiert wird (Hoffmann-Axthelm 1979, S. 103) -
die Kulturarbeit von Arbeiterorganisationen beispielsweise ermög-
licht gerade eine neue Verbindung von Drang nach Selbstausdruck
und Klassenorientierung (vgl. Maertin 1978, 1980).
III. Verbürgerlichung durch Privatismus?
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Hoffmann-Axthelm verwendet die Kategorie der Subjektivität an-
scheinend unterschiedslos unter Hinzufügung oder Auslassung des
Beiworts "privat". Hier steckt aber offensichtlich eine entschei-
dende Differenz: Die von vielen Forschern festgestellte - Grund-
befindlichkeit der Orientierung aufs Private" (Haug 1978, S. 97)
ist eine zentrale Weise der Realisierung bürgerlicher Hegemonie
in der Lebensweise der Lohnarbeiter (sie wird im folgenden als
Privatismus bezeichnet); Subjektivität muß aber nicht notwendig
derart eingeengt sein.
Typen des Privatlebens
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Der reale Prozeß einer Beschränkung von Interessen auf "Privates"
widerspiegelt sich in verschiedenen Ansätzen einer Kategorisie-
rung außerbetrieblicher Lebensweise der Lohnarbeiter. Osterland
(1975) unterscheidet bei Industriearbeitern drei Typen. Jene, die
sich "in äußerst restriktiven Arbeitssituationen befinden", seien
gekennzeichnet durch "Rückzug in die häusliche Privatheit der Fa-
milie" (S. 182), verbunden mit "einer allgemeinen Reduktion der
Vielfalt von Verhaltensweisen, subjektiven Interessen- und Iden-
tifikationsbereichen" (S. 180). Ansprüche auf Beseitigung sozi-
aler Ungleichheit und Benachteiligung seien zwar keineswegs auf-
gegeben, doch seien diese Arbeiter "kaum noch in der Lage, diese
in ihrer alltäglichen Lebensweise zu artikulieren, zumal außer-
halb des Arbeitsplatzes eine kollektive Diskussionsbasis nicht
mehr vorhanden zu sein scheint" (S. 182).
Für eine weitere Gruppe, die vor allem durch qualifiziertere Ar-
beitsinhalte bessergestellt ist (S. 181), wird konstatiert, daß
die im gewerkschaftlichen Kampf erreichten besseren Reprodukti-
onsbedingungen das Anspruchsniveau fördern; dies führe allerdings
dazu, "eher bürgerliche Verhaltensweisen zu übernehmen. Sie sind
sowohl im Besitz und Konsum von Prestigeobjekten wie in formali-
sierten Geselligkeitsformen und 'gehobenen' Freizeitaktivitäten
zu erkennen, die freilich nicht in erster Linie angestrebt wer-
den, weil sie spezifische Bedürfnisse befriedigen, sondern weil
sie versprechen, außerhalb der Arbeit die sozialen Unterschiede
unkenntlich zu machen. Die Erfahrung der gesellschaftlichen Un-
gleichheit wird hier offenbar anders verarbeitet: Sie findet in
eben dieser Adaption bürgerlicher Lebensweise ihren Ausdruck" (S.
182).
Schließlich gebe es noch eine dritte, relativ kleine Gruppe, die
von den beiden anderen durch das Merkmal interessenvertretender
Aktivität unterschieden und folgendermaßen gekennzeichnet wird:
"Nur dort, wo die Arbeitssituation noch nicht zu einem dauerhaf-
ten Verlust der Vitalität geführt hat - besonders also bei quali-
fizierten Arbeitern und jüngeren ", man aber dennoch nicht in
seiner alltäglichen Lebensweise unsicher hinsichtlich seiner
Identität geworden ist und nicht nachzuahmen trachtet, was für
die Verhaltensformen des Bürgertums gehalten wird, setzen sich
Erfahrungen gesellschaftlicher Benachteiligung in eine politische
Praxis... um, die auf die Veränderung jener Verhältnisse ausge-
richtet ist, welchen sie zugrunde liegt" (S. 183).
Als besonderes Merkmal bürgerlicher Lebensweise führt Osterland
ein Freizeitverhalten an, das vorrangig auf die Demonstration ei-
nes angestrebten Status zielt. Dabei isoliert er nicht nur solche
Elemente der Konsumstile und Freizeitaktivitäten, die stark der
Selbstdarstellung sozialer Gruppen und Subjekte gegenüber anderen
dienen und daher deutlich demonstrativen Charakter tragen, aus
der Gesamtheit der Lebensweise (das kann ohne Zweifel ein legiti-
mes Verfahren sein) - er verkürzt Lebensweise auf Konsumweise.
Eine nähere Einschätzung privater Orientierungen erfordert, die
empirischen Belege zu prüfen (werden wirklich keine besonderen
Bedürfnisse befriedigt?) und die subjektive Bedeutung des von
Qsterland kritisierten Lebensstils für die Arbeiter zu untersu-
chen (dazu weiter unten).
Fragen der Lebensweise der Arbeiter hat Reck unmittelbar unter
der Kategorie des - Privatlebens" untersucht (1977). Die Konzen-
tration auf die Lebensbereiche Zuhause/Familie, Öffentlich-
keit/Wirtshaus und Geselligkeit/Vereine erbringt im historischen
Teil eine Vielzahl von Ergebnissen, die zugleich Anregungen und
Fragen für heutige Untersuchungen und Begriffsbildungen liefern
können; vor allem die Darstellung des "politisierten familialen
und außerfamilialen Privatlebens" in der Weimarer Republik (S.
166 ff.) arbeitet eine gelungene Form nicht privatistischer Le-
bensweise heraus. Als Hypothesen für aktuelle empirische Untersu-
chungen schlägt Reck drei Typen des Privatlebens vor.
Der erste ist gekennzeichnet durch "konsequente Familienorientie-
rung: Interaktionen mit den Familienangehörigen dominieren im
Privatleben" (S. 195). Reck vermutet solche Verhaltensmuster vor
allem dort, wo die Arbeit als verantwortungsvoll und befriedigend
erfahren wird - das hier gewonnene Selbstvertrauen mache auch -
befriedigende persönliche Beziehungen im Familienleben" möglich
und lasse das hohe materielle Lebensniveau für ein
"abwechslungsreiches Leben in und mit der Familie nützen" (S.
196).
Für Arbeiter, bei denen starke nervliche Arbeitsbelastungen und
aus verschiedenen Bereichen sozialer Erfahrung gespeiste Minder-
wertigkeitsgefühle dominieren, vermutet Reck einen anderen Typ
von Privatleben, "Häuslichkeit ohne Familienorientierung: Der Ar-
beiter verbringt zwar seine arbeitsfreie Zeit in der Regel zu
Haus, die Kontakte zu den Familienangehörigen beschränken sich
aber auf das Notwendigste. Das Hauptinteresse gilt Tätigkeiten,
mit denen man sich von den Familienangehörigen isoliert: Hobbys,
Arbeiten im Haus und im Garten, Reparaturen am Auto... und wahr-
scheinlich am bedeutungsvollsten: das Fernsehen. Es gestattet
räumliches Beisammensein mit den Familienangehörigen und Isola-
tion zugleich" (S. 196 f.).
Als dritten Typ nimmt Reck "Familienorientierung als eine Verhal-
tenstendenz neben anderen" an: "Hier wäre an Arbeiter zu denken,
die durchaus mit ihren Familienangehörigen in engem intensivem
Kontakt leben, jedoch zugleich anderen Interessen folgen, die sie
in ihrem Privatleben auch außerhalb der Familie binden: in Verei-
nen, beim Sport, im Wirtshaus u.a. "(S. 197).
Im Vergleich mit Osterlands Thesen etwa fällt auf, daß Reck alle
inhaltlichen Bezüge sozialer Widerspruchserfahrung und ihre Be-
handlung in familiären Gesprächen sowie die Wirkung unterschied-
licher Typen des Privatlebens auf Selbstverständnis und Disposi-
tion zur Interessenvertretung ausklammert. Dies folgt zum Teil
aus seinem Ansatz, der bewußt Fragen der Bildungsaktivität, vor
allem jedoch sämtliche "Tätigkeiten in der Öffentlichkeit und in
Organisationen" ausschließt, "die quasi-beruflichen (Zwangs-)
Charakter (z.B. die Tätigkeit eines Funktionärs in einer Partei
oder Gewerkschaft nach Feierabend) besitzen" (S. 21). Praktisch
zählen auch alle Formen interessenvertretender Selbstorganisation
zum "Nicht-Privaten" - und damit für die Lebensweise und ihre
Entwicklung nicht Berücksichtigten; die Lebensweise der
Lohnarbeiter ist so nicht in der Dynamik ihrer Erfahrungen, Wi-
dersprüche und Entwicklungsmöglichkeiten zu fassen.
Wenn es Reck nicht gelingt, das Zuhause auf reale und mögliche
Strukturen heute vorhandener und entwickelbarer Arbeiteröffent-
lichkeit zu beziehen, in denen auch die objektive Herausforderung
zum Thematisieren von Klassenwirklichkeit präsent ist, dann liegt
dies m.E. an einer theoretischen Grundentscheidung: Die sozial
geformte Arbeitstätigkeit erscheint nur als bedingender Faktor
der als Privatleben gefaßten Lebensweise, nicht als wesentlicher
Teil der Lebensweise und Kultur der Klasse selber, über den ge-
rade entscheidende Gegenwirkungen gegen die Tendenz zum Privatis-
mus in die Lebensweise auch der heutigen Arbeiterklasse eingehen.
Dialektik privater Orientierungen
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Diese Einengung vermeidet Diligenski (1978) - und erschließt von
daher die Dialektik "privater" Orientierungen. Er liefert eine
Fülle von Beobachtungen und Interpretationen zu Verhaltensweisen,
die - wie Familien- und Konsumorientierung - oft als Indikatoren
von Verbürgerlichung durch die Setzung privater Lebensziele ange-
führt werden. Er gelangt zu seiner - meines Erachtens für kultur-
wissenschaftliche Analyse der Lebensweise unverzichtbaren - dia-
lektischen Lesart solcher Züge, indem er ihre Bedeutung, ihren
subjektiven Sinn für die Arbeiter stets mit erschließt und in den
so ermittelten Bedürfnissen und Zielen der individuellen Le-
benspläne neue Zugänge zu Klassenerfahrung und aktiver Interes-
senvertretung erkennt. 5)
Eine Herausforderung zu weiteren Untersuchungen, vor allem zu
praktischer Differenzierung vorhandener Orientierungen, steckt in
seiner Interpretation von Konsumbestrebungen, die nicht unkri-
tisch, aber für Entwicklungen offen ist. Diligenskis These lau-
tet, "daß die Konsumorientierung der Pläne in beträchtlichem Maße
einen spezifischen, durch die soziale Situation der Arbeiter be-
dingten Ausdruck ihrer tieferen moralischen Ansprüche darstellt.
Rein materielle und ihrer Form nach ziemlich primitive Bedürf-
nisse besitzen bei näherem Hinsehen einen weitaus komplizierteren
geistigen Inhalt. Daraus folgt jedoch keineswegs, daß die unmit-
telbaren materiellen Formen des Ausdrucks solcher Bedürfnisse
überhaupt keine selbständige Bedeutung haben und einfach als mehr
oder weniger zufällige 'Kompensation' nichtrealisierbarer Bestre-
bungen der Persönlichkeit auftreten. Mit anderen Worten, wenn
beispielsweise ein Konsumprojekt für zahlreiche Arbeiter über-
haupt das einzig mögliche persönliche positive Vorhaben ist, so
bedeutet das noch nicht, daß es ihnen gleichgültig wäre, welche
materiellen Güter diese Pläne einschließen" (S. 134).
"Was jedoch an den modernen Standards des Massenkonsums gestattet
es, nicht nur rein materielle, sondern auch geistige Bedürfnisse
der Persönlichkeit zu verkörpern? Die Antwort besteht offensicht-
lich darin, daß häuslicher Komfort, Auto und die übrigen Elemente
dieses Standards nicht nur das Alltagsleben erleichtern und ver-
einfachen und die Beförderung beschleunigen, sondern auch neue
Möglichkeiten für eine vielfältige und inhaltsreiche Freizeitge-
staltung eröffnen. Und gerade die Freizeit wird unter den heuti-
gen Bedingungen für immer breitere Bevölkerungsschichten zur
Hauptquelle... der Befriedigung geistiger Bedürfnisse" (S. 135).
Die Dialektik der Privatheit wäre unter mindestens drei Gesichts-
punkten konkreter zu entwickeln. A) Wie sind die in ihr stecken-
den Formen von und Bedürfnisse nach Entfaltung der Persönlichkeit
durch Kulturarbeit und Kulturpolitik zu stärken und zu berei-
chern? B) Wo stoßen private Orientierungen auf Tendenzen ver-
schlechterter Lebenschancen und werden gegen staatsmonopolisti-
sche Bildungs-, Infrastruktur-, Umwelt- und Stadtentwicklungspo-
litik aktivierbar (hier ist an Erfahrungen von Bürgerinitiativen
zu denken)? C) Wie wirken die Erfahrungen und Konsequenzen inter-
essenvertretenden Handelns etwa in gewerkschaftlich entwickelten
sozialen Auseinandersetzungen auf die Orientierungen des
"Privatlebens"; wie setzen sich Tendenzen einer "Politisierung"
durch?
Problematisch im Sinn einer Auswirkung gegen solidarisches Ver-
halten und Bewußtsein der Arbeiter scheint weniger die intensive
Verfolgung von Zielen im Bereich individueller und familiärer Le-
bensführung; hemmend wirkt vor allem eine privatistische, indivi-
dualistische Auffassung dieser Lebensbereiche, ihrer Konflikte
und Probleme als "etwas, mit dem jeder für sich fertig werden
muß". Negt/Kluge (1972) haben gezeigt, daß auf Grundlage solcher
Einstellungen der kapitalistische Medienverbund "individuali-
sierte Bedürfnisse, Bedürfnisse von Zielgruppen und damit ganze
Lebenszusammenhänge zum Gegenstand einer gebündelten Auswer-
tungschance" macht (S. 240); er bietet einen scheinbaren
"Sinnzusammenhang" (S. 244) - organisiert im Kapitalinteresse und
gerichtet gegen jede eigenständige, tendenziell bewußte Verarbei-
tung ihrer eigenen Erfahrungen durch die Menschen. Privatismus in
diesem Sinn ist ein wesentlicher Funktionsmechanismus bürgerli-
cher Hegemonie in der Lebensweise der Lohnarbeiter.
Negt/Kluge setzen dagegen die Aufgabe, eine "proletarische Öf-
fentlichkeit" aufzubauen. Ungeachtet unterschiedlicher Auffassun-
gen im einzelnen liegt hier sicher ein zentrales Mittel der Ar-
beiterbewegung, um bewußtere und solidarische Tendenzen in der
Lebensweise zu stärken. Themen dieser Öffentlichkeit können nicht
nur die unmittelbar gesellschaftlichen Probleme der Lohnarbeiter
sein, sondern auch alle Erfahrungen und Konflikte des
"Privatlebens" - um ihrer vereinzelnden Bewältigung entgegenzu-
wirken.
Auf mögliche Formen dieser Öffentlichkeit wird später noch einge-
gangen. Im folgenden sollen einige Überlegungen diskutiert werden
zur Frage, wie außerbetriebliche Lebensweise und Aktivierung für
interessenvertretendes Handeln zusammenhängen - nicht zuletzt,
weil in solchen Mobilisierungsprozessen sich auch immer spezifi-
sche Formen selbstorganisierter Öffentlichkeit bilden.
IV. Lebensweise und Aktivierung für eigene Interessen
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Was fördert stabiles Engagement?
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Osterland befragt Lebensweise, wie in ihr objektive und auch sub-
jektiv erfahrene soziale Ungleichheit und Benachteiligung geistig
verarbeitet und praktisch beantwortet werden; er unterscheidet
aus diesem Erkenntnisinteresse heraus nicht nur gegenwärtige Ty-
pen, sondern schätzt auch Potenzen zukünftigen Handelns für die
eigenen Interessen ein. Erstaunlicherweise sieht er größere Chan-
cen bei jenen, bei denen "das erfahrene Arbeitsleid zu einem all-
gemeinen Verlust an sozialer Aktivität geführt hat" . Nach Oster-
land sind sie in gewerkschaftlich geführte Kämpfe einbeziehbar,
zugleich hält er es für "durchaus denkbar, daß... politische Re-
signation spontan umschlägt, wenn die aus der restringierten Ar-
beits- und Lebenssituation resultierende Verkümmerung der Bedürf-
nisse und Ansprüche als unerträglich empfunden wird" (S. 183).
Dies erstaunt, weil nicht klar ist , wie nach der Verkümmerung
von Ansprüchen noch etwas als unerträglich empfunden werden soll;
Osterland berücksichtigt nicht die in der Geschichte der Arbei-
terbewegung bis heute durchgängige Erfahrung, daß aus der Gruppe
der qualifizierten, sich unter besseren Lebensbedingungen repro-
duzierenden Facharbeiter ein großer Teil der stabilen, stärker
langfristig und weiter politisch denkenden Träger der Gewerk-
schafts- und Arbeiterbewegung stammt. Historisch hat das Ehmer
(1979) jüngst am Beispiel der Rolle der Metallarbeiter in der
frühen Wiener Arbeiterbewegung herausgestellt: "Höhere Stabilität
der Lebens Verhältnisse, ein Ausdauer, Können und Intelligenz er-
fordernder Arbeitsprozeß - all das scheint gerade bei diesen Ar-
beitern den Kopf frei gemacht zu haben für Gedanken über die ei-
gene Lage ; ihr Lebensweg mußte ihnen einigermaßen gradlinig er-
scheinen, so daß es sinnvoll scheinen mochte, längerfristige
Strategien ins Auge zu fassen." (S. 164)
In diesem Zusammenhang ist auch auf die Untersuchung von Lucas
über - zwei Formen von Radikalismus in der deutschen Arbeiterbe-
wegung" (1976) zu verweisen. Er nennt ebenfalls als eine Voraus-
setzung dafür, daß die qualifizierten Remscheider Metallarbeiter
langfristige politisch-organisatorische Perspektiven entwickelten
und in Praxis umzusetzen versuchten , - ein gewisses Maß von Si-
cherheit Kontinuität Spielraum " in der Lebensweise ; er führt
außerdem an den - engen Kontakt der Remscheider Arbeiter mit ei-
ner welterfahrenen Bourgeoisie, ihr Leseverhalten, das Interesse
am Kunst- und Welttheater" (S. 254) - insgesamt eine Reihe von
Zügen der außerbetrieblichen Lebensweise, die dem Bürgertum näher
standen als den unteren Schichten des Proletariats.
Gerade Lucas' Arbeit, die nachvollzieht, wie unterschiedliche Be-
dingungen und Formen der Lebensweise (in Betrieb und Privatleben,
in Kommunikation und Organisation) zu unterschiedlichen Formen
der Beteiligung an Klassenkämpfen führen 6), verweist auf die
Notwendigkeit, heute konkret die Lebensweise aller bedeutsamen
Fraktionen der Arbeiterklasse auch auf die in ihr enthaltenen Zu-
gänge zu aktiver Interessenvertretung zu untersuchen. 7)
Da Osterland wichtige Teile der Klasse schon aus der Fragestel-
lung ausklammert, ist es doppelt bedauerlich, daß er auf die
L e b e n s w e i s e der schon gewerkschaftlich und politisch
Aktiven überhaupt nicht substanziell eingeht: Welchen Charakter
hat die Lebensweise, mit der sie sich identifizieren, und was
wird von ihnen als bürgerlich erachtet und daher nicht im Verhal-
ten angestrebt? Gerade die Lebensweise dieser Gruppe sollte doch
von Osterlands Erkenntnisinteresse aus - das mir die zentrale
Fragestellung mit der Arbeiterbewegung verbundener Kulturwissen-
schaft zu treffen scheint - besonders wichtig, da empirisch wie
theoretisch für entwickelbare Perspektiven aufschlußreich sein!
Der Zusammenhang von Lebensweise und objektiven Klasseninteressen
darf nicht mechanisch-äußerlich verstanden werden. In welchen Er-
fahrungen der Klassengegensatz wahrgenommen wird, wie er empfun-
den und beantwortet wird, wie man die objektiven Interessen auf-
faßt und ausdrückt - all diese Prozesse der Aktivierung sind kon-
kret geprägt durch die Lebensweise und ihre entsprechenden Tradi-
tionen. Auf diese Problematik hat Lüdtke (1978) hingewiesen - da-
bei aber eine wenig fruchtbare Entgegensetzung vollzogen zwischen
den wissenschaftlichen Ansätzen, die von Interessen, und jenen,
die von Bedürfnissen ausgehen.
Er entwickelt die Kategorie - Lebensweise" ausdrücklich zur Kor-
rektur von seines Erachtens simplifizierenden Modellen der Ver-
mittlung von Klassenlage und Klassenbewußtsein - die er etwa bei
Deppe (1971) sieht (Lüdtke 1978, S. 322 f.). Dem kritisierten An-
satz zufolge resultiere "aus der grundsätzlich identischen
'objektiven' Lage nicht allein eine (statistische) Gleichförmig-
keit der individuellen Biographie, sondern eine materiale Aus-
tauschbarkeit der tatsächlichen Alltagswirklichkeit und Lebens-
weise" (Lüdtke 1978, S. 324). Diese Lesart der Texte ist sicher
nicht zu halten.
Lüdtke erhebt den Anspruch auf einen "gleichsam 'breiteren' und
sensibleren Zugriff für die Vielfalt und den Zusammenhang der
Wünsche, Strebungen, Erfahrungen, Expressionen und Aktionen der
Menschen" (1978, S. 314) - sein Konzept richtet sich (die subjek-
tive Seite betonend) auf "die gesamte Alltagswirklichkeit mit ih-
ren Leiden und Genüssen, Erinnerungen und Hoffnungen". Er unter-
streicht mehrfach die Bedeutung solcher Erfahrungen, die sich
"gegen eine Zusammenfassung im Rahmen von Klassenorganisationen"
sperren (S. 315). In unserem Zusammenhang interessiert vor allem
die Frage nach den Motivationen, die alltäglichem Handeln die fe-
stere Struktur einer Lebensweise verleihen, und nach ihrem Bezug
zu interessenvertretender Praxis.
"Soziale Reproduktion" und "Verausgabung"
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statt Interessenvertretung?
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Ein wichtiger Ansatz zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Le-
bensweise der Lohnarbeiter im Zusammenhang mit der gesamten ge-
sellschaftlichen Bewegung ist die Bestimmung grundlegender Züge
der Lebensweise aus den Anforderungen und Bedingungen zur Repro-
duktion der Arbeitskraft; er wird von vielen marxistisch orien-
tierten Forschern benutzt (ausführlich bei Maase 1978, S. 13-19,
35-40). Lüdtke entwickelt nun ein höchst interessantes Konzept
zur Differenzierung der Verhaltensmotive im reproduktiven Be-
reich; er unterscheidet zwischen "'notwendigen' Leistungen für
die physische Reproduktion und denen, die Status und 'self-
respect' sichern sollten...: die soziale Reproduktion (Beispiele:
Einsatz der knappen Mittel für Sonntagskleidung oder Bilder an
den Wänden statt für Alltagskleidung oder eine tägliche warme
Mahlzeit...). Zugleich öffnet sich mit den 'Geselligkeiten' ein
Feld von Aktionen und Expressionen, auf dem Nicht-Arbeit, wenn
nicht sogar Verausgabung' nicht mehr nur als gelegentliche oder
beiläufige Momente gelten können. Fortwährend wirksam bleiben of-
fenbar jedoch Reproduktionszwänge, vor allem solche der sozialen
Reproduktion" (1978, S. 336 f.).
Aus dieser Interpretation heraus widerspricht Lüdtke der verbrei-
teten Qualifizierung des proletarischen Alltags als
"kleinbürgerlich". "Die Bedürfnisse der Arbeiter erschöpften sich
eben nicht in 'elementaren' Wünschen nach Nahrung, Kleidung und
Behausung. Bemerkenswert ist demgegenüber die G l e i c h z e i-
t i g k e i t - offenbar auch bei einzelnen - von 'Elementarem'
(keine Margarine mehr) und Utopischem (Sturz der .heutigen
Gesellschaftsordnung') mit Wünschen nach privatem 'kleinen'
Glück, die sich in eher traditionellen und kulturell zugelassenen
Symbolen ausdrückten: Blumen pflegen, Globus studieren, Zeichnen,
Basteln, Tanzen bis hin zum Kirchgang. In dieser Artikulations-
weise manifestiert sich nicht so sehr die Isolierung und
Orientierungslosigkeit von 'Kleinbürgern' oder kleinen Waren-
produzenten, so deutlich die Ähnlichkeiten oder direkten Anleihen
sein mögen; sie zeigt vielmehr etwas von der Vielzahl
p u n k t u e l l e r, nicht-organisierter und nicht stets
'bewußter' Strebungen, die 'Lebensweise' und damit die Beziehun-
gen der Menschen untereinander im Alltagsleben zu verändern." (S.
337 f.).
Mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von Selbstachtung und Ge-
achtet-Werden sowie von Selbstausdruck als Handlungsmotiven für
Lohnarbeiter trifft Lüdtke die Mängel einer nur ökonomischen Auf-
fassung von Reproduktion der Arbeitskraft für die Erklärung der
Lebensweise. Seine Ablehnung von Konzepten, die die Lebensweise
unter dem Gesichtspunkt ihrer Beziehung zu den Interessen der
Lohnarbeiter untersuchen (S. 311 f.), nimmt ihm jedoch die Mög-
lichkeit zur kritischen Betrachtung und Bewertung vorfindlicher
Lebensweise. So sinnvoll es ist, auch in den Auffassungen und Ak-
tivitäten, die auf das "kleine Glück" im Alltag gerichtet sind,
Potential für ein Streben nach "Autonomie der Subjekte" (S. 324),
"politisierbare Bedürfnisse nach 'gutem Leben' und 'Veraus-
gabung'" (S. 340) zu suchen - so problematisch wird dieser Ansatz
in dem Moment, wo er nicht mit grundlegenden Erfahrungen der
Klassenlage und historischen Erkenntnissen über die Anforderungen
an eine handlungsfähige und erfolgreiche Arbeiterbewegung sowie
die dafür nützlichen Qualitäten der Individuen vermittelt wird.
Lüdtke erkennt derart abgeleitete Maßstäbe für praktische Kritik
der Lebensweise durch die bewußtseinsbildende und ganze
Lebensbereiche organisierende Tätigkeit der Arbeiterbewegung
nicht an - er neigt eher dazu, das Konzept der Politisierung von
Strebungen nach alternativem Leben der leninistischen, aber auch
schon einer gewerkschaftlichen Auffassung von Interessenvertre-
tung, Klassenkampf und organisiertem Ringen um die politische
Macht entgegenzustellen.
Aus der Wendung gegen einen bornierten Vorwurf der Kleinbürger-
lichkeit folgt so die Gefahr unkritischer Apologie dessen, was
Negt/Kluge mit merkwürdiger Emphase den "Block wirklichen Lebens"
nennen, "der gegen das Verwertungsinteresse steht" (1972, S.
107). Grundlegend ist einzuwenden, daß Lüdtke die kapitalistische
Formbestimmtheit z.B. von Bedürfnissen nach Glück und Selbstach-
tung nicht durchdenkt, ihre Widersprüchlichkeit nicht entfaltet.
Hier scheint mir jedoch das zentrale Interesse marxistischer For-
schungen zur Lebensweise ansetzen zu müssen: Wo in ihrem Lebens-
prozeß, wie und in welchen konkreten Formen erwerben und entwic-
keln Lohnarbeiter jene Bedürfnisse und Motive, Werte und Verhal-
tensdispositionen, Qualifikationen und Fertigkeiten, die nütz-
lich sein können für die Bildung zur "Klasse für sich"?
Als für die eigenen Interessen handlungsfähiges und handelndes
Subjekt ist die Arbeiterklasse nicht ausreichend bestimmt durch
sozialstatistische Daten ihrer Klassenlage und daraus ableitbare
objektive Interessen; erst deren Vermittlung zur Gesamtheit ihrer
historisch entwickelten typischen Lebensauffassungen und Verhal-
tensweisen führt zur Wirklichkeit der Klasse. Sicherlich sind -
aus der geschichtlichen Erfahrung wie aus gegenwärtiger Gesell-
schaftsanalyse - Kenntnisse, Fähigkeiten, Organisationsformen,
Aktionsprinzipien in etwa zu bestimmen, die in einer konkreten
Situation zur Erringung der gesellschaftlichen Hegemonie ge-
braucht werden; ihre konkrete Ausbildung hat jedoch die alltägli-
che Lebensweise zur Voraussetzung - in ihr gilt es die Ansatz-
punkte für Klassenbewußtsein und Klassenaktivität zu bestimmen.
Nimmt man das von Lüdtke angeführte Beispiel des Strebens nach
Selbstachtung, so ist sein Ausdruck in "respektabler Kleidung"
sicher auch ein Moment der psychischen Festigung der Lohnarbei-
terindividuen in einer sie niederdrückenden sozialen Umwelt. Es
bildet keineswegs einen Gegensatz hierzu, auf Formen zu verwei-
sen, die bewußt von den Klasseninteressen her bestimmte Normen
zur Grundlage der sozialen Achtung wie der Selbstachtung machen:
Wertauffassungen und praktisches Sozialverhalten in der Arbeiter-
bewegung dienten immer auch dem Ziel, das bewußte Arbeiter-Sein
als Kern von Selbstbewußtsein und Selbstachtung zu normieren; aus
dem Ansehen eines Vertrauensmannes oder Streikführers ist recht
substanzreiches Selbstbewußtsein zu ziehen. Der wichtige Verweis
auf die Notwendigkeiten "sozialer Reproduktion" führt also zur
Frage, wie Lohnarbeiter und Arbeiterbewegung versucht haben, da-
für eigenständige Formen zu entwickeln - er sollte nicht redu-
ziert werden auf "Verständnis" für spontane individuelle Lösungs-
versuche.
Unter dem Gesichtspunkt hier und heute praktisch eingreifender
Kritik bürgerlicher Hegemonie in der Lebensweise muß man auch
Einwände vorbringen gegen den Versuch von Negt und Kluge (1972),
mit den Konzepten des "proletarischen Lebenszusammenhangs" und
der "proletarischen Öffentlichkeit" die Vermittlung von alltägli-
chem Lebensprozeß und Klassenbewußtsein theoretisch zu fassen.
Ihr Interesse richtet sich vornehmlich auf die Bedingungen des
Erfahrungsprozesses der Lohnarbeiter, auf die sozial geformten
Möglichkeiten der Wahrnehmung und geistig-psychischen Verarbei-
tung der Wirklichkeit. Lebensweise als Praxis hat demgegenüber
nur abgeleitete Funktion. "Ein einzelner Arbeiter... macht 'seine
Erfahrungen'. Horizont dieser Erfahrungen ist die Einheit des
proletarischen Lebenszusammenhangs. Dieser Zusammenhang umfaßt
die Stufenleiter der Produktion der Waren- und Gebrauchswertei-
genschaften dieser Arbeitskraft (Sozialisation, psychischer Auf-
bau der Person, Schule, Aneignung von Arbeitswissen, Freizeit,
Massenmedien) und den davon nicht trennbaren Einsatz dieser Ar-
beitskraft im Produktionsprozeß; über diesen einheitlichen Zusam-
menhang, den er öffentlich und privat 'erlebt', nimmt er das ge-
sellschaftliche Ganze', die Ganzheit des Verblendungszusammen-
hangs auf" (S. 24).
Entfremdete Arbeit, regressive Sozialisation und bürgerliche Öf-
fentlichkeit werden als Hauptdeterminanten des proletarischen Le-
benszusammenhangs gesehen - Beobachtungen und Interpretationen
zielen jedoch nicht auf die Klärung, wie Lebensweise als System
praktischen Handelns sich bildet, woraus sie ihre Anstöße ent-
hält; Handeln erscheint primär als Ausfluß von (falschem) Bewußt-
sein. Empirische Argumentation soll vor allem belegen, inwiefern
im proletarischen Lebenszusammenhang für den Arbeiter stets
"zugleich mit seinen Erfahrungen die Blockierung dieser Erfahrun-
gen festgebunden ist" (S. 26).
Es wird also nur eine Seite der widersprüchlichen Determination
proletarischen Lebens entfaltet - die Schaffung eigener Lebensbe-
dingungen und die aus den Lebensanforderungen notwendig angesto-
ßene Praxis, die Blockierungen durchbrechen kann, haben im Kon-
zept keinen Platz. Dies hängt sicher zusammen mit der undialekti-
schen These, daß die - Blockierungen der Erfahrung im proletari-
schen Lebenszusammenhang... nur alle gemeinsam als ganzes System
aufzulösen sind "(S. 65). Die von der Arbeiterbewegung ange-
strebte Strategie, durch Kampf um stärkere Einflußnahme (etwa im
Bildungswesen) mehr Lebensbedingungen zu schaffen, die die
Einsicht in die Notwendigkeit tiefgreifender Umwälzungen und eine
entsprechende Praxis fördern, die Dialektik von kapitalistischer
Fremdbestimmung der Lebensbedingungen und aus dem notwendigen
Widerstand dagegen gespeister interessenbewußter "Produktion von
Lebenszusammenhängen" (S. 28) durch die Proletarier selbst wird
nicht verfolgt.
Das Konzept des "proletarischen Lebenszusammenhangs" vermittelt
auf relativ hohem Abstraktionsniveau Einsichten vor allem in jene
Tendenzen im Arbeiterdasein, die den "Verblendungszusammenhang
des Warenfetischs" (S. 25) reproduzieren; wo man Probleme der
Enteignung von Bedürfnissen der Lohnarbeiter durch kapitalisti-
sche Institutionen untersucht, wird man auf Negt/Kluge mit Gewinn
eingehen.
V. Probleme der Kritik gegenwärtiger Lebensweise
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Bei der Diskussion der Thesen von Lüdtke und Negt l Kluge sind
wir mehrfach auf die Notwendigkeit gestoßen, vorfindliche Lebens-
weise oder Züge von ihr kritisch, jedoch nicht abstrakt normativ
zu bewerten. Das Problem soll jetzt in der Auseinandersetzung mit
positivistischen Auffassungen weiter entwickelt werden, um dann
eigene methodische Überlegungen anzuschließen.
Kulturrelativismus
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Fragen einer grundsätzlichen Auffassung der Lebensweise der Lohn-
arbeiter werden auch dort behandelt, wo Sozialhistoriker und Kul-
turpolitiker sich heute mit "Arbeiterkultur" beschäftigen. Der
hier verwendete Kulturbegriff nimmt die theoretischen Konzepte
der funktionalistischen Kultursoziologie auf, indem Arbeiterkul-
tur als ein Teilelement der gesellschaftlichen Gesamtkultur neben
anderen Gruppenkulturen verstanden wird, die alle durch einen ge-
meinsamen Fundus an Werten, Normen und Symbolsystemen zusammenge-
halten sind (zur Auseinandersetzung mit den hieraus gefolgerten
Thesen der Arbeiterkultur als Subkultur vgl. Groschopp 1977). Ich
will nur auf das damit verbundene Bewertungsproblem eingehen.
Häufig findet sich die These: "Unterschiedliche Kulturen in einer
Gesellschaft entziehen sich ebenso wie die kulturellen Unter-
schiede zwischen Gesellschaften der Einstufung auf einer kul-
turellen Rangskala, da diese Unterschiede nicht übereinander ge-
lagerte 'Kulturstufen' markieren, sondern die verschiedenartigen
Lebensformen von Gruppen bzw. Gesellschaften widerspiegeln"
(Langewiesche 1979, S. 40). Die Forderung nach kulturellem Rela-
tivismus dient oft der Absicht, aufzuräumen mit der elitären
Ideologie, Kultur habe nur, wer an den Werten und Ritualen der
bürgerlichen Hochkultur teilhabe - das Volk hat keine, allenfalls
abgesunkene Kultur. Gruppenübergreifende Wertmaßstäbe werden ge-
leugnet: "Alle Kulturen dürfen... nur aus dem sozialen Umfeld
heraus, in dem sie entstanden und nur aus der Sicht derer, für
deren Unterhaltung, Erholung, Kommunikation und Bildung sie wich-
tig sind, gesellschaftlich bewertet werden" (Hummel 1979, S. 3).
Wo daraus die Forderung erwächst, in der Kulturpolitik alle For-
men der Selbsttätigkeit und des Selbstausdrucks der arbeitenden
Menschen viel stärker als bisher zu fördern, wirkt sicher ein de-
mokratischer Impuls. Er hat seine Grenzen jedoch dort, wo die ob-
jektiven Lebens- und Entwicklungsbedingungen die Grenzen für die
Aneignung vorhandenen gesellschaftlichen Reichtums setzen: Bil-
dungsprivileg und verschleißende Arbeitsbedingungen sind nur ei-
nige herausragende Faktoren, die der Lebensweise der Lohnarbeiter
den Charakter kultureller Unterdrückung geben (ausführlicher bei
Maase 1978, S. 20ff.). In einer Gesellschaft kultureller Klassen-
kämpfe und sozialer Herrschaft führt es keineswegs zu wirklich
gleichen Entwicklungschancen für die Lebensweise der Arbeiter-
klasse, wenn ich sie als gleichwertig, nur von ihren eigenen Vor-
aussetzungen her bewertbar etikettiere - da eben diese Vorausset-
zungen solche der Beherrschung und des Ausschlusses von Entwick-
lung sind.
Eine Aufwertung historischer und aktueller Arbeiterkultur wird
sich in der Bundesrepublik positiv auswirken auf das Selbstbe-
wußtsein mancher Arbeiter; es besteht jedoch in erster Linie die
Gefahr, unter der Losung eines kulturellen Pluralismus das gege-
bene Unterdrückungsverhältnis und die Dominanz der Kapitalinter-
essen in der gesellschaftlichen Kultur festzuschreiben, den An-
spruch der Arbeiterklasse auf den gesamten Reichtum und auf die
Führungsrolle auch in der kulturellen Entwicklung zugunsten einer
Selbstbeschränkung auf eher exotische Atikulation - speziell pro-
letarischer Lebensweise" aufzugeben. Der realen Entwicklung, den
Widersprüchen, Triebkräften und Potenzen der Lebensweise der
Lohnarbeiter als der mit den modernsten Produktivkräften und den
fortgeschrittensten Formen gesellschaftlicher Produktion verbun-
denen Klasse wird man durch Verweise auf Mundart, Festtraditionen
oder die Pflege eigenen Liedgutes nicht gerecht. Begründet stellt
Kramer fest, daß solche Thesen dort zynisch werden, "wo in der
Art des Kulturrelativismus diesen Kulturen Gleichwertigkeit be-
scheinigt wird ohne zu berücksichtigen, daß ihre Unterschiede auf
so offensichtlichen Unterschieden in der Verfügung über den ge-
sellschaftlichen Reichtum basieren" (1978 b, S. 32).
Lebensweise der Lohnarbeiter als Produkt der Kapitalbewegung
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Zur Beantwortung der Frage nach Maßstäben einer Kritik vorfindli-
cher Lebensweise scheint mir die These fruchtbar, daß die Arbei-
terklasse der BRD und ihre Lebensweise Produkte der kapitalisti-
schen Vergesellschaftung, präziser: der Entwicklung der Kapital-
akkumulation sind. Was bedeutet diese zunächst ungeheuer ab-
strakte These konkreter? Sie verpflichtet, Lebensweise als System
zu verstehen, dessen einzelne Züge konsequent historisch aus den
konkreten, vom Kapitalverhältnis gesetzten Bedingungen des Arbei-
terlebens zu entwickeln sind. Das verlangt die Entfaltung der wi-
dersprüchlichen Grundbestimmung doppelt freier Lohnarbeit über
Vermittlungsebenen wie die damit jeweils historisch gegebenen
Zeitbudgetstrukturen, Bildungs- und Qualifikationsniveaus, Ar-
beitstätigkeiten und ihre Auswirkungen, Erfahrungen des Klassen-
gegensatzes im Betrieb, das Verhältnis von Bedürfnissen und Löh-
nen mit den daraus folgenden widersprüchlichen Verhaltensauffor-
derungen, soziale Beziehungen im Widerspruch der Tendenzen zu So-
lidarität und Konkurrenz verhalten, Tendenz zur Organisierung, um
Reproduktion und soziale Sicherheit zu verbessern usw.
Die konkreten Voraussetzungen der Tätigkeit in Arbeit wie Frei-
zeit sind auch nur zu verstehen aus der Kapitalbewegung heraus.
Sie bestimmt die betriebliche, soziale und räumliche Verteilung
der Arbeiterklasse, reguliert Wohnungs- und Städtebau, Freizeit-
und Medienangebote, Konsumgüterproduktion und Infrastruktur und
setzt damit die Lebensbedingungen, auf die die Lohnarbeiter als
einzelne wie kollektiv durch Modifizierung ihrer historisch er-
worbenen Lebensweise antworten. Für die Betrachtung dieser Pro-
zesse ist entscheidend, daß es sich nicht um mechanische Determi-
nation handelt, sondern daß das Kapitalverhältnis notwendig die
Aktivität der Lohnarbeiter selbst produziert, die Reproduktion
und Verkauf ihrer Arbeitskraft sichern wollen; die Tendenz zur
Veränderung vom Kapital gesetzter Lebensbedingungen durch die Ar-
beiterbewegung wird also wiederum vom Kapital selber hervorgeru-
fen - und ihre konkreten Formen sind durch die gesamten kapitali-
stischen Lebensbedingungen bestimmt.
Es kommt also darauf an, in den je konkreten Lebenstätigkeiten
den Widerspruch aufzuspüren zwischen Erfüllung von Lebensfunktio-
nen für das Kapital, unter dem Zwang, sich den von ihm gesetzten
Verhaltensanforderungen zu beugen, und der Tendenz zu individuel-
ler und kollektiver Behauptung von Lebensansprüchen gegen die ka-
pitalistischen Verhaltenszumutungen. Das Maß an Bewußtheit und
sozialistischer Orientierung in der Lebensweise verändert sich
mit der Entwicklung der Klassenkämpfe (die wiederum nicht zuletzt
bestimmt wird durch die Fähigkeit der fortgeschrittensten Lohnar-
beiter, Perspektiven klassenbewußten Handelns zu entwickeln, die
sich in die gegebene Lebensweise von ihresgleichen einfügen, an
in der Lebensweise enthaltenen Ansprüchen, Werten, Tätigkeits-
strukturen anknüpfen).
So dürfte kein Gegensatz zwischen Erklären und Bewerten aufkom-
men: Die Tendenz zu Bewußtheit und organisiertem Handeln gegen
das Kapital mit der Perspektive seiner Überwindung, die Tendenz
zur Bildung als Klasse für sich, ist vom logischen Ausgangspunkt
des marxistischen Begriffs "Lebensweise der Lohnarbeiter" her
mitgedacht. Sie wird jedoch nicht abstrakt von außen als Maßstab
zur Bewertung vorfindlicher Lebensweise angelegt; ihre Realisie-
rung oder Nichtrealisierung in der gesamten, empirisch vorfind-
lichen Lebensweise wird analysiert, und aus dem Vergleich unter-
schiedlicher Verwirklichung von Bewußtheit und sozialistischer
Orientierung durch verschiedene Gruppen der Lohnarbeiter kann man
reale Verhaltensalternativen als Bewertungsgrundlage erschließen.
So wird sich ein historisch angemessenes Bild ergeben, was unter
konkreten Bedingungen kapitalistischer Lohnarbeit als bewußt
klassenorientierte Lebensweise möglich ist.
Marxistische Kulturwissenschaft verfolgt in der Entwicklung der
Lebensweise die Entfaltung des Widerspruchs: Um sich für die Kon-
sumtion ihrer Arbeitskraft durch das Kapital reproduzieren zu
können, müssen die Lohnarbeiter sich gegen die kapitalistische
Tendenz zur Zerstörung ihrer Arbeitskraft zur Wehr setzen. Sie
verfolgt die gesetzmäßige (heißt nicht: automatische, unzerstör-
bare) Entwicklung des Widerstands zu Organisierung und Bewußt-
heit, zum Kampf um die Umgestaltung der Produktions- und Lebens-
verhältnisse, und die Folgen, die dies für Haltungen und Praxis
im Alltag der ja nicht nur Kämpfenden hat.
Sie geht somit nicht willkürlich vor, wenn sie als zukunftswei-
send und verallgemeinerbar all jene Tendenzen herausstellt, die
produktiv auf Entwicklung und Praktizierung von Solidarität, Be-
wußtheit und Organisierung wirken - und sie ist nicht spontanei-
stisch, wo sie in der Antwort der Arbeitermassen auf die Anforde-
rungen und Bedingungen der modernen kapitalistischen Produktion
Elemente des Schöpferischen, historisch-sozial Notwendigen und
von den Subjekten zu Recht als befriedigend Erfahrenen, Bewerte-
ten aufsucht . So leistet sie auch einen Beitrag dazu, daß der
bewußteste Teil der Klasse auf immer neuer Stufe den Widersprü-
chen in der Lebensweise der Lohnarbeiter vorwärtsweisende Bewe-
gungsformen schaffen kann.
VI. Eine Schlüsselfrage: Neue Vermittlungsformen
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von Privatheit und Öffentlichkeit
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Marx hat in "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte" auf die Rolle
von Kommunikation, Öffentlichkeit und Austausch hingewiesen, ohne
die aus einer Gruppe von Menschen in gleicher objektiver Lage
keine für sich selbst handlungsfähige Klasse wird. Er schreibt
über die französischen Parzellenbauern: "So wird die große Masse
der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleich-
namiger Größen, wie ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack
bildet. Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Exi-
stenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und
ihre Bildung von denen der ändern Klassen trennen und ihnen
feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein
nur lokaler Zusammenhang unter den Parzellenbauern besteht, die
Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine natio-
nale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen er-
zeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klas-
seninteresse im eigenen Namen... geltend zu machen. Sie können
sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden." (1960, S.
198)
Angesichts der allgemein festgestellten Tendenz zur Isolierung
der Angehörigen der Arbeiterklasse voneinander in der außerbe-
trieblichen Lebensweise scheint die Entwicklung von Arbeiteröf-
fentlichkeit(en) heute eine Schlüsselstellung im Prozeß der Bil-
dung zur Klasse für sich einzunehmen. Dabei verbietet die wissen-
schaftliche Entwicklung der Lebensweise aus der Kapitalbewegung
die Fixierung auf vergangene Muster bewußter Arbeiterkultur. Dies
gilt gerade für das Verhältnis zwischen Tendenzen gegenseitiger
Abkapselung, des Privatismus also, und Tendenzen zur Kommunika-
tion mit der Perspektive einer Arbeiteröffentlichkeit. Was viel-
fach an Formen dominierender Privatheit konstatiert wird, ist
nicht einfach mit dem Fehlen einer kämpferischen Arbeiterbewegung
zu erklären. Auch eine klassenbewußte und hochorganisierte Arbei-
terbewegung wird in der Bundesrepublik schöpferisch neue Antwor-
ten auf veränderte Lebensbedingungen entwickeln müssen, die tra-
ditionellen Formen der Arbeiteröffentlichkeit die materielle
Grundlage und Notwendigkeit entzogen haben: Auflösung gewachsener
Arbeiterviertel zugunsten von durchmischten Wohngebieten fern vom
Arbeitsplatz; Trend aus den großen Städten in Stadtrandviertel
und Pendlergemeinden; größere Mobilität der Familien, Fluktuation
in Betrieben und Wohngebieten; Mietwohnung nicht als einziger Re-
gelfall, reale Möglichkeit des Eigenheims; Möglichkeit und Not-
wendigkeit, das gemütliche Heim als Zentrum der Reproduktion der
Arbeitskraft zu gestalten, einschließlich des Anschlusses an
weltweite Kommunikationssysteme; Aufhebung vieler äußerer Diffe-
renzierungen und Trennungen der Arbeiterschaft von ihren
"sozialen Nachbarn" (unter den zur Arbeiterklasse gehörenden An-
gestellten- und Beamtengruppen wie unter den lohnabhängigen Mit-
telschichten) - damit entfällt weitgehend die Tendenz zur selbst-
verständlichen Ausgrenzung aus den Verkehrskreisen dieser Schich-
ten, und es kam zu einer weitgehenden Einebnung selbstbewußter
Arbeitervereinskultur nach 1945.
Kneipe, Volkshaus, Stempelstelle, Arbeiterverein, kommunikative
Plätze in der Arbeitersiedlung, die bis 1933 je spezifisch zwi-
schen Privatleben und Arbeiterbewegung vermittelten, fallen als
Orte für Öffentlichkeit weitgehend aus - es werden sich neue For-
men herausbilden. Aber selbst wenn man Recks These zustimmt, daß
- Häuslichkeit zu einer allgemeinverbindlichen Verhaltensnorm ge-
worden ist" (1977, S. 195), folgt daraus nicht notwendig ein
"Schwund politischen Bewußtseins" (S. 197 f.) in der außerbe-
trieblichen Lebensweise. Denn, mit Verret zu sprechen, die verän-
derte Fabrik verändert das Haus. Konflikt- und Kampferfahrung
etwa aus dem Betrieb bringen neue Themen und Maßstäbe in die fa-
miliären Gespräche, können kritischere Auseinandersetzung mit den
Massenmedien fördern, den Bekanntenkreis verändern usw. In der
Tendenz wird damit auch der Verabsolutierung von "Häuslichkeit"
entgegengewirkt.
Ich möchte vermuten, daß neben dem Ausbau betriebsbezogener Komu-
nikation der Arbeiter kommunale Angebote und Betätigungsmöglich-
keiten, organisiert unter starkem Einfluß der Arbeiterbewegung,
eine wachsende Rolle spielen werden (Jugendzentren. Volkshoch-
schulveranstaltungen, Stadtteil- und Straßenfeste, dezentrale So-
zial- und Kulturarbeit in den Wohngebieten als Kristallisations-
kerne). Denn in dem Maß, in dem der erfolgreiche Kampf der Arbei-
terbewegung die g e s e l l s c h a f t l i c h e Schaffung von
Reproduktionsbedingungen durchsetzt, diese also nicht mehr von
der Arbeiterbewegung in eigenen Massenorganisationen aufgebaut
werden müssen, entfällt eine weitere wesentliche Grundlage der
historischen Arbeiterkulturbewegung, muß sich der Kampf vielmehr
auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Infrastruktur und Kul-
tur richten. Entsprechende Formen der Dialektik von autonomer Or-
ganisierung und Kampf um progressive und produktive Lebensbedin-
gungen für die Massen bilden sich mit der praktischen Reaktion
auf neue Bedingungen der Arbeiterbewegung heute allerdings erst
ansatzweise heraus.
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--------------
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_____
*) Die behandelten und zitierten Titel werden im Text des Beitra-
ges nur in Kurzform nachgewiesen. Es wird nur der Name des ent-
sprechenden Autors, das Erscheinungsjahr des Titels und ggfls.
die Seitenzahl angegeben. Die ausführliche Titelangabe erfolgt
(alphabetisch) am Ende des Beitrags in Abschnitt VII. Literatur.
1) Eine Ausnahme bilden allenfalls kritische Positionen der So-
zialisationsforschung, auf die hier nicht eingegangen werden
kann.
2) Eine wissenschaftliche Auffassung der heutigen Arbeiterklasse
ist entwickelt und angewandt in der Studie "Klassen- und Sozial-
struktur der BRD 1950-1970" (IMSF 1972, 1973).
3) Man lese nur etwa die vielen heute zugänglichen autobiographi-
schen Dokumente von Arbeitern oder die Äußerungen bei Levenstein
(1912).
4) Allerdings zeigt sich auch eine problematische Seite in
Williams Auffassungen von Lebensweise: Die Arbeiterorganisationen
erscheinen eher als Verkörperung kollektivistischer Weltauffas-
sung denn als Zusammenschlüsse , die von den Bedingungen der
Lohnarbeit selbst erzwungen werden, um die gleichfalls in die Le-
bensweise hineinwirkende Tendenz zur Konkurrenz zurückzudrängen.
5) Ein derartiges Vorgehen ist vor Fehleinschätzungen nicht ge-
feit; so etwa, wenn Diligenski unter Verweis auf die konkret-ge-
genständliche Denk- und Erkenntnisweise der Arbeiter annimmt:
"Die Natur des Fernsehens selbst enthält Erkenntniselemente, die
nicht einmal durch die tendenziöseste Orientierung der Programme
völlig aufgehoben werden können" (S. 173).
6) Der Bruch zwischen aufschlußreicher Analyse und willkürlicher
Verkündung einer spontaneistischen Perspektive für die heutige
Arbeiterbewegung der Bundesrepublik beeinträchtigt zum Glück den
Gebrauchswert für den eigenständigen Leser kaum.
7) Die schlechter qualifizierten Gruppen der Arbeiterklasse mit
geringer Kampf- und Organisationserfahrung bilden auch unter den
Bedingungen der Bundesrepublik ein äußerst wichtiges Potential
der Arbeiterbewegung.
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